Ärztliche Homöopathie und Patientensicherheit – Prüfstein Homöopathiekongress

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) stellt seine Mitglieder in der Öffentlichkeit als Garanten einer guten medizinischen Versorgung dar. Das ist unter anderem notwendig, um der Kritik zu begegnen, der Einsatz von Homöopathie verzögere unter Umständen eine zeitgerechte medizinische Behandlung schwerer Erkrankungen. Auch von der Politik wird die Stellung des DZVhÄ für die Patientensicherheit im Rahmen homöopathischer Behandlungen betont. So beispielsweise durch die damalige Staatssekretärin im Gesundheitsminsterium Annette Widmann-Mauz  im Rahmen des Internationalen Homöopathiekongresses 2017 in Leipzig (LMHI), der vom DZVhÄ ausgerichtet wurde.

Bereits die Vorträge auf dem LMHI waren Beleg dafür, dass der DZVhÄ seiner Rolle nicht nur nicht gerecht wird, sondern eine Gefahr für Patienten sein kann. So wurden neben homöopathischen Behandlungsoptionen bei Krebs, HIV und akutem Abdomen dort auch die homöopathische Behandlung von Autismus vorgestellt.

Auf dem diesjährigen nationalen Kongress des DZVhÄ in Stralsund wurde erneut deutlich, dass PatientInnen von Mitgliedern dieses Vereins die Einlösung des Anspruchs auf Patientensicherheit nicht erwarten können.  Ein Kinder- und Jugendpsychiater hielt dort einen Vortrag und ein Seminar, deren Ankündigung bereits deutlich machten, dass der Vortragende sich um wissenschaftliche Belege nicht kümmert oder nicht um sie weiß.

In der Ankündigung des Vortrages „ADHS, Autismus und Co. – Was ist was? – Diagnosen aus Sicht der Kinderpsychiatrie und der Homöopathie“ war unter anderem zu lesen:

„Was der Kinderpsychiater Autismus nennt, mag vom homöopathischen Arzt als Impfschadensyndrom (…) bezeichnet werden.“

Im Seminar „Aus der Praxis des Kinderpsychiaters“ soll es um verschiedene homöopathische Therapieansätze gehen. Unter anderem wird hier die „CEASE Therapie und Inspiring Homeopathy (T. Smits)“ genannt.

Eine kausale Verbindung von Autismus und Impfungen wurde zwar bereits in den 1980er Jahren vermutet, spätestens zu Beginn der 2000er Jahre war jedoch klar, dass dieser kausale Zusammenhang nicht besteht. Seitdem ist weitere Evidenz hinzugekommen, die wieder und wieder belegt, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt.

Ungeachtet dessen wird auf dem Kongress der Ärzteorganisation, die sich der Homöopathie verschrieben hat, im Jahr 2019 weiterhin ein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus behauptet. Die WHO hat Impfmüdigkeit zu einer der 10 größten Gesundheitsgefahren festgemacht. Wie passen längst widerlegte Aussagen, die ohnehin schon einen großen Teil dieses Problems in der Vergangenheit verursacht haben und geeignet sind, dieses weiter verschärfen, zu einer Organisation, die sich nach eigenem wiederholten Bekunden Patientensicherheit und Evidenzbasierte Medizin auf die Fahnen geschrieben hat und damit die Führerschaft der ärztlichen Homöopathie begründet?

Dieser Vortrag sowie das Seminarkonzept müssen durch viele Hände gewandert sein, bis sie im offiziellen Programm gelandet sind. Offenbar ist keiner der Personen, die an dem Programm beteiligt waren, aufgefallen, dass es sich bei diesen Aussagen um Unsinn handelt. Wie steht es um die wissenschaftliche Ausbildung der Mitglieder eines Vereins, der so etwas verantwortet?

Nicht anders als mit der Autismus-Legende verhält es sich mit der sogenannten CEASE-Therapie. Dahinter verbirgt sich noch viel mehr als eine wirkungslose homöopathische Behandlung von Menschen mit Autismusspektrumsstörung (ASS).

Der niederländische Arzt Tinus Smits hatte, neben der Nutzung von Nasenspray in der Schwangerschaft, dem Aufwärmen von Milch in der Mikrowelle, Narkose unter der Geburt und anderem, auch Impfungen als angebliche Ursache von Autismus ausgemacht. Auch hier wird der widerlegte Zusammenhang von Impfungen und Autismus wiederholt.

Smits behauptete auch, mit seiner Methode den konkreten individuellen Auslöser von ASS diagnostizieren zu können und dann eine homöopathische „Entgiftung“ vorzunehmen. Darüber hinaus gibt er vor, mit seiner Methode ASS vollständig „heilen“ zu können. Abgesehen vom Wecken unrealistischer Erwartungen bei den Betroffenen sind auch die Schuldzuweisungen an die Mütter nicht zu vernachlässigen, denen suggeriert wird, durch ein „Fehlverhalten“ ((z. B. Nasentropfen in der Schwangerschaft) für die Erkrankung ihres Kindes (mit-)verantwortlich zu sein. So stellt sich die CEASE-Therapie als ein weiteres beklagenswertes Beispiel dafür dar, wie mit nicht evidenzbasierten, jeglicher Plausibilität entbehrenden Methoden Grundsätze der medizinischen Ethik verletzt werden.

Auch hier scheint sich von den Kongressverantwortlichen des DZVhÄ niemand die zentralen Behauptungen Smits angeschaut zu haben. Dabei dürften einige davon selbst von klassischen HomöopathInnen kritisch gesehen werden, da sie stark von Hahnemanns Lehre abweichen. Ein weiteres Mal bestätigt sich, dass eine Qualitätskontrolle durch den DZVhÄ nicht stattfindet und intern weder homöopathische noch evidenzbasierte Kriterien überprüft werden.

Der DZVhÄ war bisher nicht in der Lage, auf die Frage nach spezifischer Wirksamkeit der Homöopathie eine angemessene und intersubjektiv überprüfbare Antwort zu geben. Aus Sicht der Politik sowie der Öffentlichkeit würde es sich also im schlechtesten Fall um eine gut bezahlte Behandlung mit Placebos handeln. Leider zeigt sich wieder und wieder, dass sich im DZVhÄ neben den Ansichten zur Homöopathie weitere wissenschaftlich widerlegte Ansichten halten, die zur Gefahr für PatientInnen werden.

Auch die Krankenkassen, die mit dem DZVhÄ direkte Verträge abschließen, sind hier in der Verantwortung. Sie setzen ihre Patienten der Gefahr aus, eine Behandlung zu erhalten, die nicht nur dem aktuellen medizinischen Erkenntnisstand widerspricht, sondern Schaden anrichten kann. Der DZVhÄ ist aus unserer Sicht kein Partner für einen verantwortungsvollen Umgang mit Patienten. Nach dem LMHI 2017 war der diesjährige Kongress ein weiterer Beleg dafür.


Zum Weiterlesen:

Autismus- Lüge:

New Meta-analysis Confirms: No Association between Vaccines and Autism – bei Autism Speaks

Lügengeschichten – widerlegt! – bei Susannchen braucht keine Globuli

CEASE-Therapie:

Artikel über Titus Smits und CEASE bei den niederländischen Skeptikern „Verenigung tegen de kwakzalverij“ (in niederländischer Sprache)

Seven things you might want to know about ‘CEASE’ therapy (as practised by homeopaths and naturopaths) – Artikel von Prof. Edzard Ernst (in englischer Sprache)


Bildnachweis: Webseite Deutscher Ärztekongress für Homöopathie 2019 (Screenshot)


Autor: Dr. med. Jan Oude-Aost

… und sie wissen, was sie tun (und tun es trotzdem) –

Pseudowissenschaft bei Akademikern

Ein Gastbeitrag von Dr. phil. Susanne Dietz

Es gibt sie leider, die Jakeszs, Hubers, Broers, Burkarts, Dahlkes, u.a. dieser Welt, die (neben gelegentlich vorhandener Fachkompetenz in ihrem Gebiet) esoterisch-spirituell verbrämte Glaubenssätze verbreiten und damit Geld verdienen.

Das Bild zeigt den Eingang zu einem UniversitätsgebäudeDa ich selbst im akademischen Sektor tätig war und weiß, dass man dort auf besondere Weise dem Wissen verpflichtet ist, ist es mir seit Langem persönlich ein Unding, vereinzelt zu erleben, wie einige m. E. intellektuell verunglückte „Wissenschaftler“ oder Mediziner ihrem Sektor bewusst – weil mit besserem Wissen und ergo anzunehmender Gewissenlosigkeit – Schaden zufügen und andere Menschen in die Irre führen.

Die Einstellung integrer Wissenschaftler zu solchen Offenbarungseiden wissenschaftlichen Ethos´ besteht gelegentlich noch im Abwinken und der Äußerung: „Ich habe Besseres zu tun, als mich mit sowas zu befassen. Ist doch klar erkennbar, dass xy neben der Spur läuft.“

Bedaure, aber nein, es ist eben für Viele nicht klar erkennbar. Der Durchschnittsbürger erkennt nur, dass hier jemand „vom Fach“ seine Glaubenswelt bestätigt und führt diesen immer wieder als Begründung für die Erhaltung seiner Sicht von der „spirituell/esoterischen Welt“ an. Aber er erkennt nicht (oder will nicht erkennen), dass dies nur eine faktennegierende Interpretation der Realität ist. Einer Realität, die – im 21. Jh. ist die Forschung weit gediehen – kaum bis nichts mit Esoterik zu tun hat, sondern mit Regeln und Gesetzen, die uns oftmals nicht gefallen und darüber hinaus z.T. schwer verständlich sind, weil sie unseren alltäglichen Denkstrukturen und -prozessen zuwiderlaufen.

Sie ermöglichen so Laien, aus mal mehr und mal weniger niedrigen Beweggründen, pseudowissenschaftliches Cherrypicking zu betreiben und so sich selbst einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, der de facto keiner ist. Und … sich damit nicht gerade selten pekuniär zu verbessern. 

Unsere Welt, unsere Existenz, unsere Endlichkeit ist nicht einfach zu verstehen und auch nicht einfach zu akzeptieren. Dass Viele sich daher ein Weltbild zusammenklauben, dass ihnen Pseudosicherheit und Wohlgefühl bereitet, ist mir verständlich. Aber einverstanden sein kann ich damit nicht.
Denn es ändert nichts daran, dass Glaube und Wissen zwei paar Stiefel sind und am Ende des Tages das, was wir wissen, dem, was wir glauben, vorzuziehen ist – ganz einfach weil es WISSEN ist. Und die Natur von gesichertem Wissen – wie z.B. die Unwirksamkeit von Homöopathie jenseits des Placebo – ist seine Unverhandelbarkeit.

Wenn also die wissenschaftliche Gemeinde z.B. Mediziner wie R. Jakesz, oder J. Huber (anbei: das sind Ärzte und noch lange keine Wissenschaftler – immerhin: Dahlke wurde mit dem goldenen Brett vorm Kopf ausgezeichnet. Das tröstet ein wenig) – oder D. Broers, dessen phantasievoller akademischer Werdegang mehr als fragwürdig ist, oder S. Hahnemann aus vorwissenschaftlichen Zeiten u. a. esoterisch angehauchte „Kollegen“ und deren Postulate nicht in aller Öffentlichkeit in ihre Schranken verweisen, begehen sie in meinen Augen eine Unterlassungssünde, die Status und Ruf der Wissenschaft schädigt.

Ich würde mir wünschen, dass mehr und mehr Personen und Gremien aus dem wissenschaftlichen / akademischen Bereich klarer gegen solche Strömungen Stellung bezögen, ebenso, wie es der Münsteraner Kreis gegenüber der Homöopathie tut.

Wir haben die Möglichkeit, uns gezielt zu informieren: Es gibt Cochrane, Higgs, INH, gwup, mailab, medwatch, und Blogger wie Dr. Natalie Grams, Dr. Florian Aigner, Dr. Norbert Aust und und viele, viele mehr. Es wäre also für jede intellektuelle Gruppierung etwas dabei, um sich gegen Esoterik und Pseudomedizin, deren falsche Behauptungen und Manipulationen zu schützen und somit auch in Folge den eigenen Geldbeutel und die eigene Gesundheit zu schonen.
Diese Holschuld wird aber nicht immer gelebt – selbst von Akademikern nicht. Was sagt uns das? Dass das persönliche Wohlgefühl bei manchen mehr zählt, als die mit Wissen einhergehenden Grenzen des Machbaren und damit implizit einige Unbequemlichkeiten und Unwägbarkeiten, die es halt mal auszuhalten gilt in der realen Welt. Selbst einige Studierte wollen lieber glauben und verdrängen, obwohl sie es besser wissen. Und genau da hört der Spass auf.

Denn eines wissen Akademiker:

Verschwörungstheorien aller Art sind gelebte Denkfehler, die als solche klar erkennbar sind und benannt werden können … und auch müssen, damit die vielfältigen Schädigungen, die von esoterischen Interventionen aller Art ausgehen können, eingedämmt werden. Die Verantwortung trägt die wissenschaftliche Gemeinde des 21. Jahrhunderts, ganz einfach deshalb, weil sie es kann und es besser weiß.Ergo: Wenn Akademiker resp. einige Mediziner und einige Wissenschaftler sich der Esoterik bedienen, hat das eine deutliche Nähe zu Vorsatz und hat mit Eigeninteressen und Manipulation anderer zu tun. Folglich kann ich mich nicht erwehren, anzunehmen, dass es sich um Betrug handelt. Der Satz: „Sie wissen nicht, was sie tun.“ zieht jedenfalls nicht.An dieser Stelle geht es nicht mehr ums Wünschen – ich ERWARTE von Akademikern, dass sie differenzieren, sauber schlussfolgern (d.h. kein vereinfachendes Ursache-Wirkungsdenken zugrunde legen) und sich gegenüber Esoterik klar positionieren. Mir kann kein Akademiker erzählen, dass er es nicht besser weiß – oder wenigstens besser wissen könnte, wenn er das täte, was er gelernt hat: sauber Recherchieren.

Und warum habe ich das geschrieben?Ich habe promoviert und verbinde mit dem Titel nicht nur eine akademische Leistung. Vor allem verbinde ich damit ein klares akademisches Ethos: ich fühle mich fachübergreifend sauberem, entwicklungsorientiertem Wissenserwerb, realitätskonformem Wissenserhalt und integrer Wissensvergabe verpflichtet.

Dr. phil. Susanne Dietz


Der vorstehende Beitrag erschien zuerst im Blog „Draufgeschaut“ von Dr. Susanne Dietz und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlicht. Originalbeitrag unter http://dietz-trainings.com/#4#blog#3


Bildnachweis: Pixabay CC0

Homöopathische Präparate wirken auch nicht durch Nanopartikel

Vertreter der Homöopathie behaupten öfters, Nanopartikel der Urtinktur seien die Träger der Wirksamkeit homöopathischer Präparate. Dass das überhaupt nicht sein kann, erkennt man schon nach recht einfachen Überlegungen:

Das Bild zeigt Nanopartikel in einer Elektronenmikroskopaufnahme mit einer Größenskala in Nanometern.
Nanopartikel unter dem Elektronenmikroskop

Nanopartikel sind Teilchen, die aus vergleichsweise wenigen Atomen oder Molekülen bestehen und daher sehr klein sind. Die Größe bemisst sich nach „Nanometern“, das ist der millionste Teil eines Millimeters. Wegen ihrer Kleinheit haben Nanopartikel ganz erstaunliche Eigenschaften, sie können beispielsweise Zellmembrane durchdringen, sind sehr reaktionsfreudig und vieles mehr.

Wenn Homöopathie mit Nanopartikeln funktionieren soll, dann müssten solche Teilchen sicher im fertigen Präparat, das der Patient einnimmt, auch vorhanden sein. Und zwar Partikel aus der Urtinktur, dem Urstoff, mit dem die Herstellung des Homöopathikums begonnen hat. Und da liegt der Schlüssel, mit dem man diese Behauptung ganz einfach ad absurdum führen kann.

Potenzieren ist auch ein Verdünnen. Das bedeutet, vom Ausgangsstoff ist immer weniger in der Lösung vorhanden, je öfter man potenziert. Und schon ab sehr frühen Potenzen reicht die Menge dieser Atome oder Moleküle nicht mehr, um Nanopartikel in nennenswerter Anzahl zu bilden.

Kein Problem, sagen die Homöopathen, diese Nanopartikel werden doch bestimmt irgendwie von einer Potenz zur nächsten ziemlich komplett weitergereicht. Nur wie das geschehen soll, wie man sicherstellt, dass man die Partikel auch mitbekommt, wenn man nur ein Zehntel oder gar ein Hundertstel der Lösung entnimmt, um sie dann weiter zu potenzieren, kann niemand erklären. Auch nicht, was der Sinn von diesem Unterfangen wäre, wenn es denn gelingen würde. Wenn die Nanopartikel die gleichen bleiben wie zuvor, was ändert sich dann an der Wirksamkeit, die durch das Potenzieren doch gesteigert werden soll?

Ja, sagen wiederum Homöopathen, vielleicht werden die Partikel durch das anschließende Schütteln ja kleiner und damit reaktionsfreudiger und damit wirksamer? Gute Antwort, aber: warum muss man dann immer weiter verdünnen? Warum kann man nicht einfach die Lösung einmal ansetzen, sagen wir ein Gramm Urstoff auf einen Liter Wasser bzw. Gemisch aus Wasser und Alkohol, und dann einfach so lange schütteln, bis die gewünschte Stärke erreicht ist? Keine Antwort mehr.

Auch keine Antwort erhält man auf den Einwand, dass zur Wirkung über Nanopartikel der Urstoff selbst in der Lösung erst einmal Nanopartikel bilden müsste. Und genau das tun nämlich Stoffe, die im Lösungsmittel löslich sind, nicht. Gerade einige der am universellsten einsetzbaren Mittel der Homöopathie, Natrium chloratum, Kalium carbonicum und Arsenicum album, sind Salze, die in der Lösung unterschiedlich elektrisch geladene Teilchen bilden („Ionen“), aber eben keine Nanopartikel.

Nun hat man doch aber gerade bei Natrium chloratum Nanopartikel gefunden, auch bei höchsten Potenzen, es gibt sogar Forschungsarbeiten darüber? Ja, hat man – aber wie? Man hat hoch potenzierte Lösung von Natrium chloratum mit einem Elektronenmikroskop auf Nanopartikel untersucht. Das Problem ist dabei nur, dass man die Probe, also den Tropfen, den man untersucht, trocknen lassen muss. Dabei bleiben die im Lösungsmittel enthaltenen Verunreinigungen – immerhin 10 Milligramm pro Kubikzentimeter – zurück und bilden dabei Kristalle. Und das ist das, was man dann unter dem Mikroskop findet: Kristalle der Verunreinigungen, deren häufigste das allgegenwärtige Speisesalz ist, eben Natrium chloratum. Auf den Globuli findet man diese Kristalle natürlich auch, theoretisch zumindest, aber wenn der Patient die einnimmt, löst sich das Salz wieder im Speichel – und weg sind die beobachteten Nanopartikel.

Das dürfte genügen. Ersparen wir uns die Überlegung, wie man sich Nanopartikel eigentlich vorstellen müsste, wenn Urstoffe aus dem Tier- und Pflanzenreich eingesetzt werden. Was enthalten die Nanopartikel in diesen Fällen? Welche der vielen Tausend verschiedenen Stoffe, aus denen ein Tier oder eine Pflanze besteht, finden sich denn zu Nanopartikeln zusammen? Oder ist der Nanopartikel dann ein extrem stark miniaturisiertes Abbild des ursprünglichen Organismus, der alles enthält? Wenn nein, wie wird der richtige Bestandteil ausgesucht? Und wie sehen die Nanopartikel aus, wenn man nicht-materielle Urstoffe verwendet? Licht, Elektrizität oder Vakuum?

Wie man sieht: Das Konzept der Nanopartikel als Träger der Wirksamkeit von Homöopathika erzeugt mehr Fragen als Antworten und ist absolut nicht geeignet, die Wirksamkeit homöopathischer Präparate zu erklären.


Autor: Dr. Norbert Aust

Weitere Informationen:

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=3693


Bildnachweis: Wikimedia Commons; Lmackenzie89 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, 
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56937308

Ist Homöopathie deshalb „kein Placebo“, weil oft nicht das erste gegebene Mittel wirkt?

Was passiert eigentlich nach der homöopathischen Lehre bei der Einnahme eines Mittels?

Gelegentlich wird man mit dem Argument konfrontiert, die Wirkung der Homöopathika könne deshalb nicht auf einem Placeboeffekt beruhen, weil oftmals gar nicht das erste Homöopathikum „geheilt“ habe, sondern erst das zweite, dritte, vierte oder fünfte …

Tatsächlich scheint dieses Argument auf den ersten Blick etwas für sich zu haben. Bei genauer Betrachtung zeigt sich aber, dass es nicht etwa für, sondern gegen die Homöopathie spricht.

Hinter diesem Argument verbirgt sich zunächst allerdings eine Begriffsverwirrung.

Es geht nicht nur um „Placebo“

Einerseits gibt es den etablierten Begriff der „Placebowirkung“, womit die Reaktionen gemeint sind, die auch inhaltsleere Medikamentenformen im Körper auslösen können. Diese eigentliche Placebowirkung ist keine konstante Größe. Sie ist krankheitsabhängig sowie in Eintrittszeitpunkt, Stärke und Dauer höchst individuell und nicht vorhersagbar. Sie ist aber auch abhängig von Eigenschaften des Placebos: Es ist bekannt, dass teurere Placebos eine stärkere Wirkung haben als billige und rote Placebos eine stärkere Wirkung haben als grüne. Der Placeboeffekt lässt sich nicht kalkulieren oder gar beherrschen. Er kann nicht von der Natur so eingefordert werden, dass er seinem Klischee entspricht.

Dieser Placeboeffekt (im engeren Sinne) ist aber andererseits nicht der einzige Grund, weshalb es nach der Gabe von Homöopathika zu einer Empfindung von Besserung oder Heilung kommen kann. Weitere wesentliche Gründe sind:

  1. Spontaner Krankheitsverlauf. Viele (die meisten) Krankheiten heilen spontan aus. Viele andere, vor allem chronische, Krankheiten haben einen wellenförmigen Verlauf, so dass auf „schlechte Zeiten“ spontan wieder „gute Zeiten“ folgen („Regression zur Mitte“)
  2. „Bestätigungsfehler“ und „selektive Wahrnehmung“. Kleine positive Erlebnisse werden als Therapieerfolg gewertet, negative Entwicklungen jedoch nicht der Therapie angelastet.
  3. „Post-hoc-ergo-propter-hoc“-Irrtum. Alle Veränderungen nach der Einnahme werden kausal auf die Einnahme zurückgeführt, obwohl  Kausalität nicht gegeben ist, sondern nur ein einfacher zeitlicher Zusammenhang.
  4. Erwartungsdruck und Erwartungshaltung.
  5. Kann fortgesetzt werden …

Wenn nicht das erste Homöopathikum als wirksam angesehen wird, sondern erst ein zweites, drittes, weiteres, dann kommen mehrere Punkte zusammen. Einerseits sieht man in diesen Verläufen auch nichts anderes als den spontanen Krankheitsverlauf. Die Homöopathika haben überhaupt nichts mit der „Heilung“ zu tun. Die Besserung wird einfach dem zuletzt verwendeten Homöopathikum zugeschrieben. Auch wird mit jeder weiteren Gabe von Homöopathika der Erwartungsdruck des Therapeuten sowie die Erwartungshaltung des Patienten größer, was Scheinerfolge vortäuschen kann. Auch wird der Begriff „Erfolg“ oder „Heilung“ nicht im objektiv-medizinischen Sinne definiert; üblicherweise berichten die Patienten nur von ihren subjektiven Empfindungen. Aber auch Verschlechterungen werden häufig als „Erfolg“ bezeichnet: Der Begriff „Erstverschlimmerung“ zeigt an, dass Verschlechterungen als beweisend für die richtige Mittelwahl angesehen werden.

Kann eine homöopathische Mittelgabe „unwirksam“ sein?

Die Vorgehensweise der Homöopathen, solange andere Mittel zu geben, bis schließlich irgendwann etwas Erwünschtes passiert, zeigt nicht nur die therapeutische Hilflosigkeit der Homöopathie und die Fehlbewertung des Zufalls bzw. völlig natürlicher Verläufe als „Erfolg“ – sie steht auch in krassem Widerspruch zu Hahnemanns Lehre.

Hahnemann begründet sein Ähnlichkeitsprinzip durch das Postulat, ein Körper könne nicht gleichzeitig zwei ähnliche Krankheiten haben – er müsse sich dann von einer, namentlich der schwächeren, trennen. In „Arzneimittelprüfungen“ – an Gesunden! – werden Homöopathika auf von ihnen vorgeblich erzeugte „Arzneimittelbilder“ hin untersucht. Zeigt ein Patient Symptome, die denen eines Arzneimittelbildes ähnlich sind, dann ist das richtige Mittel gefunden. Die richtige Auswahl der „Potenz“ soll dann sicherstellen, dass das Homöopathikum vom Wesen her stärker, aber von den Symptomen her schwächer als die Erkrankung sein soll (was man sich auch immer darunter vorstellen mag). Aufgrund dessen soll sich der Körper von der „richtigen“ der beiden Krankheiten trennen (der vergleichsweise schwächeren Originalkrankheit), aber dabei nicht leiden (wegen der vergleichsweise schwächeren Symptome der Kunstkrankheit).

Zeigt sich eine nicht vollständige Genesung, so ergeben sich aus der Logik der Homöopathie daraus bestimmte Schlussfolgerungen, vor allem die, dass das bisherige Mittel nicht „unwirksam“ gewesen ist. Was bedeutet das?

Nach der homöopathischen Lehre müsste bei der Wahl des „richtigen“ Mittels der „Heilerfolg“ schnell und vollständig eintreten:

„… schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege …“ (§ 2 Organon)

Kommt es zu einer Veränderung anstelle einer vollständigen Genesung, hat die homöopathische Arznei – wohlgemerkt: in der Vorstellungswelt der Homöopathie – einen Teil der Symptome verändert und damit das Symptomenbild. Selbst wenn das Homöopathikum bezüglich der Krankheit völlig unwirksam war, so hat dennoch zumindest eine „Arzneimittelprüfung am Gesunden“ stattgefunden:

Ein homöopathisches Mittel kann nach den Regeln der Homöopathie keine „Nichtwirkung“ haben – auch ein „falsches“ Mittel nicht. Homöopathische Mittel wirken (aus homöopathischer Sicht) auf Symptome ein: Sind Symptome im Krankheitsbild vorhanden, die auch im Arzneimittelbild des Homöopathikums enthalten sind, dann werden sie „ausgelöscht“. Sind im Krankheitsbild Symptome vorhanden, die nicht im Arzneimittelbild des Homöopathikums enthalten sind, bleiben sie unverändert erhalten. Sind aber umgekehrt Symptome im Arzneimittelbild vorhanden, nicht jedoch im Krankheitsbild, dann werden sie beim Patienten – der ja hinsichtlich der nicht vorhandenen Symptome als „teilweise gesund“ gilt -, erzeugt, wie bei einer normalen Arzneimittelprüfung an einem vollständig Gesunden auch.

In jedem Fall werden also – nach der homöopathischen Lehre – durch die Gabe eines Homöopathikums Veränderungen hervorgerufen, die zu einer Änderung des Symptomenbildes führen. Entweder wirkt es auf die „Krankheit“ oder aber im Sinne „homöopathischer Arzneimittelprüfung“ durch die Verursachung von Symptomen. Damit ist die wiederholte Gabe der gleichen Arznei (also mit unverändertem Arzneimittelbild) in jedem Fall ein „Fehlgriff“, gegen den Hahnemann schon zu seiner Zeit scharf vorgegangen ist:

Wenn man bei jedem neuen Therapieversuch ein anderes Mittel „ausprobiert“, hat das zur Folge, dass eine korrekte Auswahl („Repertorisierung“) bei keinem weiteren Homöopathikum mehr möglich ist: Die Überlagerung der kompletten oder teilweisen Symptombilder aus allen früheren Mittelgaben machen eine – nach homöopathischen Kriterien – korrekte Mittelwahl unmöglich.

Die Unart, Patienten nach „Versuch und Irrtum“ zu behandeln, spricht deshalb keineswegs für die Wirksamkeit der Homöopathika. Im Gegenteil entzieht diese Praxis dem homöopathischen Gedankengebäude Hahnemanns einmal mehr entscheidenden Boden. Es handelt sich um den verzweifelten Versuch der Homöopathen „irgendwann“ und „irgendwie“ doch noch als „erfolgreich“ wahrgenommen zu werden. Ein solches Vorgehen provoziert geradezu eine erhebliche Verzögerung wichtiger Behandlungsmaßnahmen und nimmt sie billigend in Kauf, was zu schweren Schäden führen kann. Von einem „Beweis für die Wirkungsweise der Homöopathie“ kann nicht die Rede sein, wenn man solange Zufallsereignisse produziert, bis ein – nicht kausales – gewünschtes Ereignis eintritt.


Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle


Bildnachweis: Pixabay, Lizenz CC0

Ist Homöopathie eine „Reiz-Regulationstherapie“?

Die Homöopathie wird gelegentlich als „Reiz-Regulationstherapie“ bezeichnet, wodurch die Existenz eines entsprechenden Erklärungsmodells unterstellt wird. Der Leser (oder Zuhörer) wird mit diesem Begriff allein gelassen – eine genaue Erklärung, wie die Homöopathie als Reiz-Regulationstherapie wirken könnte, wird nicht gegeben.

Was ist überhaupt „Regulation“?

In dem Begriff „Reiz-Regulationstherapie“ ist das Wort „Regulation“ enthalten. In der Technik und in der Natur werden viele Größen (Eigenschaften, Parameter) „geregelt“, das heißt sie werden von einem „Regelkreis“ konstant gehalten.

Das Bild zeigt als symbolische Illustration des Artikelthemas einen Teil einer technischen Regelkreisanlage.
Teil eines technischen Regelkreises

Ein bekanntes Beispiel aus der Technik ist die Regelung der Zimmertemperatur. Im Zimmer gibt es einen Messfühler für die Temperatur („Thermometer“), es gibt ein Gerät („Aktor“), das die Zimmertemperatur verändern kann („Heizung“ oder „Kühlaggregat“) und es gibt eine Schaltung, die anhand des Messwerte aus dem Thermometer den Aktor so beeinflusst, dass die Temperatur konstant bleibt. Das Thermometer mit eingebauter Schaltung hält also die Temperatur durch Aktivierung der Aktoren konstant (statisch), deswegen heißt es auch „Thermostat“. Wenn die Zimmertemperatur sinkt, dann wird aus der Heizung mehr Wärme abgegeben. Wenn die Zimmertemperatur steigt, dann wird über das Kühlaggregat ein Wärmeüberschuss abgeführt.

Auch in unserem Körper gibt es viele Parameter, die konstant gehalten werden müssen. Der Bereich erlaubter Schwankungen ist üblicherweise sehr klein; zu große Abweichungen sind mit dem Leben nicht vereinbar. Das Prinzip heißt „Homöostase“. Dieses Wort hat zwar Ähnlichkeit mit dem Wort „Homöopathie“, bedeutet aber etwas ganz anderes. Die Vorsilbe „homöo-“ bedeutet – in beiden Fällen – „gleich“ und „-stase“ beschreibt, dass ein Zustand „stehend“, „statisch“ bzw. konstant ist. (Das Wort „Homöopathie“ heißt eigentlich, dass eine Krankheit mit einer „gleichen“ Krankheit geheilt werden soll – und ist damit falsch gewählt, denn in der Homöopathie gilt nicht das „Gleichheitsprinzip“, sondern das „Ähnlichkeitsprinzip“ – „Simileprinzip“ – auf diese Unterscheidung legte Hahnemann großen Wert).

Einige Beispiele für Homöostase im Körper seien nachfolgend genannt:

  • Die Sauerstoffsättigung im Blut. Sinkt der Messwert, wird die Atmung forciert.
  • Damit verbunden, der Kohlendioxidgehalt im Blut. Steigt der Messwert, wird die Atmung forciert.
  • Der Salzgehalt im Blut. Steigt er, bekommt man Durst und trinkt Wasser zur Verdünnung und die Niere scheidet mehr Salz aus. Sinkt er, bekommt man Appetit auf Salziges und die Niere scheidet mehr Wasser aus.
  • Der Blutzuckerspiegel. Steigt er, wird mehr Insulin ausgeschüttet. Sinkt er, bekommt man Heißhunger auf Süßes.
  • Die Körpertemperatur. Sinkt sie, beginnen die Muskeln zu zittern („Frieren“) und versuchen damit, Bewegungswärme zu erzeugen, steigt sie, wird Schweiß ausgeschieden, um durch Verdunstungskälte den Körper zu kühlen.

Die Liste ist natürlich längst nicht vollständig, aber für das Verständnis sollen diese Beispiele genügen.

Regelkreise folgen dem allopathischen, nicht dem homöopathischen Prinzip

Was man bei allen diesen Beispielen erkennen kann: Die Regelung wirkt gegenteilig auf die störende Veränderung, um sie auf diese Weise aufzuheben. Steigt der Blutdruck, wird er gesenkt. Steigt der Blutzucker, wird er gesenkt. Steigt die Körpertemperatur, wird sie gesenkt. Steigt der Säuregehalt im Blut, wird er gesenkt. Dieses Prinzip entspricht dem, was Hahnemann verächtlich als „Allopathie“ bezeichnet hat. Auch heute noch wird es von Homöopathen abwertend als „Symptomunterdrückung“ bezeichnet.

Das Prinzip der Homöopathie ist aber – in Missachtung des falsch gewählten Begriffs „Homöo“-Pathie – eine Störung durch eine ähnliche Störung zu beseitigen. Was soll man sich – in Bezug auf den Begriff „Reiz-Regulationstherapie“ darunter vorstellen? Soll beispielhaft ein erhöhter Salzgehalt im Blut durch „noch mehr Salz“ (ggf. einer anderen Sorte) korrigiert werden? Das würde die Homöostase zusätzlich belasten, selbst, wenn die zugeführte Salzmenge klein ist. Zudem ist das „Anstubsen“ des Regelkreises nicht erforderlich, die Regelkreise sind grundlegende Lebensfunktionen. Bei einem Nierenschaden zum Beispiel misst der Regelfühler durchaus korrekt den hohen Salzgehalt – es ist die kranke Niere, die den Salzüberschuss nicht ausscheiden kann. Eine Reiz-Regulation unter der Prämisse des Ähnlichkeitsprinzips kann es nicht geben.

Hahnemann erklärt die Homöopathie jedoch keineswegs über eine „Reiz-Regulation“. Hahnemann unterstellt, dass ein Körper niemals zwei ähnliche Krankheiten gleichzeitig haben könne. Er müsse sich in so einem Fall von einer der beiden Krankheiten trennen: von der schwächeren. Das Ziel der Homöopathie ist also, einem erkrankten Körper eine zweite Krankheit zuzuführen („Kunstkrankheit“, ausgelöst durch das Homöopathikum, das ein ähnliches „Arzneimittelbild“ hat wie das „Symptomenbild“ der Krankheit). Dabei muss diese zweite Krankheit vom Wesen her stärker sein (sie soll ja die Originalkrankheit vertreiben, welche dazu schwächer sein muss), aber von den Symptomen her schwächer (sonst würde sich niemand behandeln lassen wollen, wenn die Behandlung mehr Beschwerden produziert als die Krankheit). In dieses Erklärungsmodell von Hahnemann passt der Begriff „Reiz-Regulation“ nicht hinein.

Falsche Etiketten

Wir beobachten in der Homöopathie, dass die vorwissenschaftlichen Erklärungen Hahnemanns mit modernen Begriffen aus der Wissenschaft erklärt, „nachträglich gedeutet“ werden sollen, was aber nicht möglich ist. Hahnemanns Krankheitslehre aus der vorwissenschaftlichen Zeit kennt unsere heutigen Begriffe wie „Zellularpathologie“, „Physiologie“, „Biochemie“, „Biomechanik“, „Mikrobiologie“ nicht. Das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie und die Homöostase von Körpergrößen schließen sich gegenseitig aus. Will man Reize regulieren, benötigt man das „Allopathie-Prinzip“. Will man am „Homöopathie-Prinzip“ festhalten, bleibt der Begriff „Reiz-Regulation“ inhaltsleer.


Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle

Ein Dialog und sein Ende – (k)eine Diskussion über Homöopathie…

In diesem Beitrag veröffentlichen wir eine kleine Diskussion von Dr. Norbert Aust (A) für das INH mit einem sich selbst als Naturwissenschaftler bezeichnenden Professor für ein ingenieurwissenschaftliches Fachgebiet an einer deutschen „university of applied sciences“, zu deutsch Fachhochschule.

Wir veröffentlichen diesen Text nicht aus Besserwisserei oder billigem Überlegenheitsgefühl. Vielmehr möchten wir -zu unserem Bedauern- aufzeigen, wie Menschen, denen kritisches Urteilsvermögen schließlich nicht per se abgesprochen werden kann, sich von einem Bündel der trivialsten Scheinargumente pro Homöopathie beeindrucken lassen. Wenn es beim Beeindrucken bliebe – aber leider wird unsere ehrliche Bereitschaft, einen wirklichen sachlichen Diskurs zu führen, immer wieder von einer früher oder später aufscheinenden dogmatischen Abwehrhaltung konterkariert, was unseren Ansatz, Aufklärung durch sachliche Information und konstruktiven Dialog zu betreiben, scheitern lässt.

Unser Appell:

Bitte, liebe Homöopathen und homöopathie-affinen Leser, bringt doch einmal neue Einwände oder beantwortet wenigstens die gestellten Fragen. Wärmt nicht immer die gleiche Suppe auf – auch wenn es für Euch neu ist und aufregend klingt, wir haben das schon viele dutzend Male erhalten und beantwortet. Immer war die vollmundig begonnene Diskussion zu Ende, wenn wir die Worthülsen, die als Argumente vorgebracht werden, hinterfragt haben und darum gebeten haben, einen Bezug zur Realität herzustellen. So wie hier (auf den Vorbehalt einer Blogveröffentlichung haben wir gleich zu Anfang des Austausches ausdrücklich hingewiesen, allerdings in der Erwartung eines fruchtbareren Ergebnisses):


Sehr geehrter Herr Professor …,

Frau Grams hat mir Ihre Mail zur Beantwortung weitergereicht, da mir das Thema Physik als Ingenieur etwas näher liegt und ich mich seit Jahren mit der Evidenz zur Homöopathie beschäftige. Wenn Sie möchten, können wir gerne eine Diskussion führen, allerdings würde ich diese gerne auf meinem Blog veröffentlichen, sofern gewünscht auch ohne Ihren Namen zu nennen. Hierfür möchte ich Sie um Ihr Einverständnis bitten.

Der Einfachheit halber habe ich meine Kommentare in Ihren Text eingetragen.

Prof. …
Von: …

Betreff: Schmäh der Homöopathe nicht berechtigt
Datum: … Februar 2018
An: Dr. Natalie Grams

Sehr geehrte Frau Dr. Grams.

Soeben habe ich auf Arte einen Kurzbericht zu Ihrer Abkehr von der Homöopathe gesehen und den dazugehörigen „Zeit“-Artikel im Netz gelesen.

Zu Ihrer Abkehr und Verdammung dieser Heilmethode möchte ich als Chemiker und physikalisch vorgebildeter Naturwissenschaftler kurz meine 10 Feststellungen als Entgegnung gegenüber stellen und über persönliche Heilerfolge in meiner Familie durch eine klassische Homöopatin berichten.

Die klassische Homöopathie hat mitnichten etwas mit Glauben zu tun.

Wer das meint, hat den Wirkmechanismus schlichtweg nicht verstanden.

A: Wir werden sehen, wer was nicht verstanden hat – oder nicht zu Ende gedacht.

1. Das Wassermolekül ist ein physikalischer Dipol, welcher in der Flüssigphase ein regelrechtes Netzwerk seiner Moleküle bildet. Hinzu vermag dieser polare Stoff als universelles Solvens die größte Anzahl von Stoffen in sich aufzulösen. Keine andere Flüssigkeit ist physikalisch dazu in der Lage.

A: Das wissen Sie als Chemiker besser als ich. Ich hätte Alkohol und anderen organischen Lösungsmitteln ähnliche Eigenschaften zugebilligt.

2. Wie Ihnen bekannt ist, können Dipol-Substanzen als Speichermedien für Informationen dienen – Beispielsweise Ferrite, die als Magnetspeicher als erste in der Computertechnik eingesetzt wurden.

A: Bei Ferriten kann man zwei Zustände deutlich voneinander unterscheiden, die man als „0“ oder „1“ interpretieren kann. Mit einer geeigneten Zahl an Ferriten kann man folglich beliebige Zahlen darstellen. Welche zwei detektierbaren Zustände kann ein Wassermolekül einnehmen?

3. Seit Heisenberg und der von ihm mit begründeten Quantenphysik wissen wir, dass alle Stoffe nicht nur als Materie, sondern auch als Welle / Information zu betrachten sind. Dies ist der sog. „Teilchen / Welle-Dualismus der Materie“.

A: Nach meinem Kenntnisstand – ich bin da allerdings kein Experte – ist das eine starke Fehlinterpretation der Quantenphysik. Auf einer subatomaren Ebene ist das sicher der Fall, aber meines Wissens taugen die Modelle der Quantenphysik nicht dazu, Effekte in unserer realen Welt zu beschreiben. Aus profunderer Quelle als von mir können Sie das hier nachlesen: http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Quantenphysik

… 3. Richtig ist auch, dass bei der Homöopathie durch das „hohe Potenzieren“ der chemische Stoff komplett von der „Information, die dieser Stoff enthält“, getrennt wird. Somit sind bei der homöopatischen Behandlung kaum Nebenwirkungen durch die verwendeten Mittel zu erwarten.

A: Als ausgewiesener Wissenschaftler sollten Sie klar definierte Begriffe verwenden oder selbst klare Definitionen liefern. Da „Information“ in der Umgangssprache ein sehr diffuser Begriff ist, möchte ich Sie hier um letzteres bitten. Ich bitte Sie auch, dabei zu umreißen, wie diese Information auf welchem Informationsträger codiert ist. Dabei ist dem Umfang Rechnung zu tragen, in dem verschiedene Informationen gespeichert werden müssen: Es gibt 5000 verschiedene Mittel, die zu Homöopathika verarbeitet werden, hierfür gibt es mindestens drei Potenzierungsmethoden und den gesamten Raum der natürlichen Zahlen als mögliche Potenzierungsstufen. Da alles dies nach homöopathischer Lehre zu unterschiedlichen Effekten führt, müsste die Information hierüber beim Patienten ankommen. Allerdings dürfte das ja sicher nicht nur im Sinne einer Identnummer eine Kennzahl für jede der denkbaren Kombinationen darstellen, sondern es muss sicher eine sprechende Codierung sein, das heißt, es muss sich um etwas handeln, was dem Körper des Patienten eine Bedeutung vermittelt. Bitte geben Sie dabei auch an, wie diese Information auf dem Zucker codiert wird, nachdem das Lösungsmittel bei der Herstellung der Globuli verdunstet ist.

4. Bei Einnahme homöopatischer Mittel wird somit die „Information des Stoffes“ in den Organismus aufgenommen und regt so die entsprechenden Drüsen / Organe an, um die Selbstheilung des Körpers zu starten.

A: Mit welchen Rezeptoren wird die im Zucker codierte Information ausgelesen und in für den Körper verwertbare Signale umgesetzt, die dann wieder auf die Organe einwirken?

5. Die homöopatische Behandlung funktioniert also diametral komplett anders als die allopatische. Der allopatische Patient erwartet eine sofortige Wirkung des Pharmazeutikums und nimmt aber in Kauf, dass das Pharmazeutikum wiederholt eingenommen werden muss, damit die Heilwirkung länger andauert, weil der Körper diese Substanz auch physiologisch abbaut und die Wirkung nicht nachhaltig ist.

A: Dass die homöopathische Behandlung überhaupt funktioniert – also über eine Wirksamkeit der eingesetzten Mittel und nicht nur über Kontexteffekte – könnte ich nachvollziehen, wenn Sie meine obigen Fragen beantworten könnten. So ist das nichts weiter als ein bisher unbelegtes Postulat Ihrerseits.

6. Alle Einwände der Allopathen basieren darauf, dass die Wirkung von Homöopatika in großen Feldstudien bislang nicht bewiesen werden konnte.

A: Ich sehe das eher anders herum: Sämtliche Aussagen der Homöopathen beruhen auf völlig unplausiblen Gedankenkonstrukten, die in einer auch nur mäßig gründlichen Überprüfung keinen Bestand haben können. Schon mit ein wenig logischem Nachdenken kann man genügend Widersprüche und Ungereimtheiten finden, die zeigen, dass die von den Homöopathen postulierten Gedankenmodelle nicht tragfähig sind. Es sei denn natürlich, sie könnten obige Fragen beantworten. Aber bitte nicht, dass die Wissenschaft „noch nicht“ in der Lage sei, das zu erklären.

7. Das ist absolut richtig, und es kann auch keine derartigen umfangreichen Feldstudien geben. Wie Sie wissen, wird ein klassisches homöopatisches Mittel für die Heilung einer bestimmten Erkrankung sorgfältig unter der Berücksichtigung der drei wichtigen Aspekte ausgewählt:

– Erbliche Vorbelastung,

– Geist und Gemüt (Habitus) und

– Soziales Umfeld des Patienten.

A: Anhand welcher Kriterien kann ich unterscheiden, ob dies nur die Ausreden sind, um eine fehlende spezifische Wirksamkeit zu kaschieren, oder um echte belastbare Erkenntnisse? Wie unterscheiden Sie, ob die Therapie unwirksam ist oder ob „nur“ derartig viele Randbedingungen existieren, dass es unmöglich wird, eine spezifische Wirksamkeit zu detektieren? Übrigens liegt auch hier ein eklatanter innerer Widerspruch der Homöopathie vor: Beim Patienten sei die Wirkung von den obigen Aspekten abhängig. Warum ist sie das bei der homöopathischen Arzneimittelprüfung, immerhin dem Verfahren, die Arbeitsgrundlagen bereitzustellen, offensichtlich nicht? Warum ist es gleichgültig, ob die Prüfsymptome bei einer lebenslustigen, schlanken, jungen Frau aufgetreten sind, (jedenfalls sind diese Modalitäten in den Materia Medica nicht verzeichnet) aber wenn ein alter, übergewichtiger, griesgrämiger Mann die gleichen Symptome hat, dann ist das Mittel das Richtige für ihn?

9. Damit ist es mehr als einleuchtend, das es unmöglich ist, unter diesen Vorbedingungen eine repräsentative große Probandengruppe von mindestens 1000 Individuen für eine homöopatische Feldstudie zusammen zu bekommen.

A: Nein, es ist überhaupt nicht unmöglich. In vielen Studien erfolgt eine homöopathische Erstanamnese und Repertorisierung, in der Apotheke wird jedoch nach einer Randomisierungsliste entweder das Placebo oder das verordnete Mittel an den Patienten geliefert. Solche Studien wurden durchgeführt, es gibt sogar ein systematisches Review hierüber – das zu ziemlich niederschmetternden Ergebnissen kam. Lesen Sie hier: http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Systematische_Reviews_zur_Homöopathie_-_Mathie_(2014)

… 9. Somit triumphieren natürlich alle Allopathen über die Homöopathen, weil unser Gesundheitssystem, welches auf der gängigen Schulmedizin und Arzneimittellehre basiert, nur die Feldstudien zum Nachweis der Wirkung eines Mittels zulässt. Den Nachweis der Wirksamkeit von Homöopatika kann also mit den „Werkzeugen“ der gängigen Schulmedizin und Arzneimittellehre nicht erbracht werden.

A: Finden Sie es nicht merkwürdig, dass die Homöopathie kein Werkzeug ersonnen hat, wie die Wirksamkeit stattdessen nachgewiesen werden könnte? Welche Verfahren existieren in der Homöopathie, um „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden? Warum gibt es so viele Spielarten der Homöopathie, die sich widersprechen, ohne dass beleuchtet wird, was nun „besser“ oder „schlechter“ ist? Wie können Sie feststellen, ob „Mondlicht C30“ ein wirksames Mittel ist?

10. Die Pharma- und Ärzte-Lobby verdient an den Allopatika erheblich mehr und kann in fünf bis zehn-minutigen Behandlungsprozedere deutlich mehr „Standardpatienten“ versorgen…

A: Allerdings sind homöopathische Präparate ohne jeglichen Forschungsaufwand und ohne großen Formalismus als Arzneimittel zu registrieren, was sehr viel Geld spart. Die Rohstoffe sind billig Zucker, Fläschchen, Verpackung dürften bei unter € 0,30 pro Packung liegen. Das Investitionsvolumen in die Produktionsanlagen ist auch recht überschaubar. Aus einem Gramm Urtinktur kann man 100 Tonnen Globuli D6 herstellen. Das sind 10.000.000 Packungen im Marktwert von etwa € 80.000.000,-. Ziehen Sie die drei Millionen für Verpackung und Zucker ab, ein paar Tausender Personalkosten, dann bleiben ein Ertrag vor Steuern über alle Vertriebsstufen von mehr als € 76.000.000,- übrig. Nur eine Lizenz zum Gelddrucken könnte profitabler sein. Daher unterhält auch der BAH (Bundesverband der Arzneimittelhersteller – ja, einer der drei Verbände der Pharmalobby) eine Webseite zur Homöopathie. Übrigens können Sie sich die Mitgliederliste von BAH und BPI ansehen (der Pharmalobby). Sie werden da einige Ihnen als Homöopathiefreund sicher geläufige Namen finden. Genau genommen alle.

Aus meinem familiärem Umfend kann ich Ihnen mehrere Erfolge der Homöopathie berichten. (Ich selbst als Naturwissenschaftler habe vormals an die Heilwirkung der Homöopathie mit nichten geglaubt! Musste aber nach der erfolgreichen Heilung meiner todkranken Tochter dieses Urteil revidieren.)

A: Wissen Sie, was ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss ist? Ich erspare es mir daher, die sicherlich sehr erfreulich verlaufenen Krankengeschichten Ihrer Tochter und auch von Ihnen im Einzelnen zu kommentieren.

… (Krankengeschichten des Absenders und seiner Tochter entfernt)…

Dies wurde mir durch die zweimalige Einnahme der von Ihnen so geschmähten Globuli erspart…

Ich könnte noch viele weitere Beispiele erfolgreicher Anwendung der klassischen Homöopathie anführen, dies würde aber den Rahmen sprengen. Das Wissen der klassischen Homöopathie kann nicht in Schnellkursen erworben werden, es bedarf einer permanenten Weiter- und Fortbildung. Mit Scharlatanerie und Geistheilen hat das nichts zu tun.

A: Ich möchte nur allgemein auf einen Umstand hinweisen: Es gibt bei jeder Krankheit einen mehr oder weniger großen Anteil von Patienten, die diese überstehen, selbst wenn sie nicht behandelt werden. Cholera verläuft unbehandelt in 80 % der Fälle tödlich. Das heißt aber auch, 20 % der Patienten überleben aufgrund irgendwelcher zufälligen Gegebenheiten. Diese Patienten werden absolut davon überzeugt sein, dass das, was sie getan haben, ihnen geholfen hat. Sei es, dass sie gebetet hatten, einen Schamanen besucht, gelobt haben, ein besserer Mensch zu werden, nach Lourdes gepilgert sind, Globuli eingenommen haben oder was auch immer. Und werden diesen Standpunkt fürderhin mehr oder weniger vehement vertreten. Diejenigen, die die gleichen Methoden angewendet haben, dabei aber nicht so erfolgreich waren, sagen allerdings nichts mehr, denn sie liegen auf den Friedhöfen. Das entstehende Bild ist also einseitig zu den Erfolgsgeschichten hin verzerrt, denn ganz wesentliche Informationen zur Beurteilung der Erfolgsaussichten – der Wirksamkeit – fehlen.

Soll sagen: persönliche Erfahrungen sind völlig ungeeignet, die Wirksamkeit einer Heilmethode zu beurteilen, da zum vollständigen Bild auch gehört, wie viele Fälle es gibt, in denen die Therapie nicht erfolgreich war. Vielleicht war das ja sogar die Überzahl – nur treten diese Patienten weniger offensiv auf, die Therapeuten veröffentlichen keine Fallstudien darüber etc. Oder können Sie mir eine Handvoll Einzelfallbeschreibungen liefern in denen steht „… und damit habe ich den Patienten vor die Wand gefahren?“ Drastisch: Der zweite Weltkrieg kann ja gar nicht so schlimm gewesen sein. Alle Älteren, mit denen ich (geboren 1952) gesprochen habe, haben schließlich überlebt.

Gerne würde ich auch in einen Dialog mit Ihnen treten, sofern Sie dieses wünschen.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. …

A: Wer hat was nicht verstanden?

Viele Grüße
Dr.-Ing Norbert Aust


Am nächsten Tag kam schon die Antwort:

Sehr geehrte Frau Dr. Grams, sehr geehrter Herr Dr. Aust,

Vielen Dank für Ihren raschen Kommentar meiner Anmerkungen zu Ihrer Kritik der Homöopathie.

Wie ich sehe, vertreten Sie die übliche deterministische Weise aller Allopathen, die alles in ihren randomisierten und von der Pharma- und Ärzte-Lobby bezahlten Fallstudien ausschließlich erfassen und bewerten wollen. Das ist auch Ihr „legitimes Recht“, und Sie haben auch genügend Follower, die Ihnen brav zugestimmt haben und weiterhin zustimmen werden. Schon seit den Zeiten von Hippokrates wissen wir, dass:  “ Wer heilt, hat recht. “ Und natürlich sehe auch ich die Erfolge der klassischen modernen Wirkstoffmedizin, denen sich dass Gross der Parienten zuwendet und die oft eine Linderung ihrer Leiden erfahren. Kann aber Ihre Zunft, Frau Dr. Grams, nicht ertragen, dass es auch andere Wege der Genesung als der breite Trampelpfad der „Chemikalienmedizin“ gibt? Was mich also nicht mehr wundert ist, dass die vereinigte Allopathenfront immer wieder Iher „Keule der randomisierten Fallstudien“ unbarmherzig schwingt und als Totschlagargument für die Homöopathie gebetsmühlenartig verwendet.

Ich habe schon seit längerer Zeit als interessierter medizinischer Laie, der viele homöopathische Heilerfolge in meiner Familie und meinem persönlichen Umfeld beständig erlebt hat, mir Gedanken gemacht, um mich der Art der Wirkungsweise dieses komplementären Heilverfahrens aus naturwissenschaftlicher Sicht zu nähern.

Die uns umgebende multispektrale Welt können wir Menschen mit unseren beschränkten Sinnen und Messwerkzeugen nach wie vor nicht in Ihrer großen Gänze und Vielfalt erfassen und begreifen. Dazu gehört auch das Mysterium des Wassers, welches wir bislang nur mit klassischen chemischen und physikalischen Denkmodellen unzulänglich zu erklären im Stande sind.

Ihre ganze Kritik erinnert mich an die Anfänge der medizinischen Forschung im 15. Jahrhundert. Eine Unzahl von menschlichen Leibern ist seit dem minutiös seziert worden, um den Sitz des Geistes und womöglich auch der Seele zu finden. Der bisherige status quo ist aber, das auch im 21. Jahrhundert die modernen Neurowissenschaften dazu nicht in der Lage sind und bis auf weiteres nicht sein werden.

Da mein Semester an der Fachhochschule bereits begonnen hat, kann ich leider bis auf weiteres meine dialektische Klinge mit Ihnen nicht kreuzen. Auch Sie sollten es nach Einstein zulassen, dass:

„Mann muss die Welt nicht verstehen, sondern sich in Ihr zurecht finden:“

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. …


Die Antwort:

Sehr geehrter Herr Professor …,

wo würden wir denn Ihre „dialektische Klinge“ finden? Soll das eine Probe davon sein?

Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin etwas enttäuscht davon.

 – Sie ziehen es vor, auf keine meiner vielen Fragen zu antworten, Sie wollen noch nicht einmal Ihre Begrifflichkeiten definieren, mit denen Sie so um sich werfen.

 – Sie äußern sich hier in Phrasen – keiner kennt sie, jeder hört sie immer wieder gerne. Die böse Pharmalobby (deren Mitgliederlisten Sie sich beim BAH und beim BPI ansehen sollten),  „Wer heilt hat Recht“, praktisch unvermeidlich (Woher wissen Sie, dass geheilt wurde? Und wer geheilt hat?), „nicht in der Lage zu begreifen“. Hinweis: Sie haben noch ein paar „Argumente“ ausgelassen – finden Sie selbst heraus, welche im Standardkatalog noch fehlen. Außer dass es vielleicht schön wäre, wenn es so wäre, wie Sie sagen, haben Sie bislang nichts vorzuweisen, was Ihre Äußerungen als reale Ansätze für weitere Überlegungen erscheinen lassen könnte.

 – Für keine Ihre Äußerungen zeigen Sie auf, welche Relevanz sie für die von Ihnen behauptete Wirksamkeit der Homöopathie hätte. Wenn es „andere Wege der Genesung“ geben mag, dann heißt das noch lange nicht, dass diese die Homöopathie zu erklären in der Lage wären. Daher erlaube ich mir, diese Äußerungen als Worthülsen zu sehen, die bislang ohne Relevanz für die von Ihnen angeregte Diskussion geblieben sind.

Das ist keine „dialektische Klinge“, Herr Professor …, das ist Geschwurbel.

Etwas merkwürdig finde ich übrigens auch, dass Sie erst Frau Grams zu einem Dialog auffordern – und jetzt, wo Ihnen Fragen gestellt wurden, die darauf abzielen, dass Sie Ihren Standpunkt präzisieren, Ihre bislang eher substanzlosen Phrasen überprüfen und mit Fakten untermauern, haben Sie keine Zeit mehr. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 

Viele Grüße
Norbert Aust

P.S. Was würden Sie einem Studenten antworten, der in der Prüfung Ihren Schlusssatz anbringt?


Auch dies blieb nicht unerwidert:

Geehrter Herr Aust.

Gut gebrüll, Sie beahlter Funktionslöwe. Als hätte Sie nur darauf gewartet…

Diese Art der Grabenkämpfe mache ich wahrlich nicht mit.

Vielen Dank

Prof. Dr. …


Darauf blieb nur noch ein

QED

während Dr. Natalie Grams schrieb:

Sehr geehrter Herr Prof. …

Ich will mich an der Stelle nur ganz kurz einklinken, da auf Reisen: 

Genau auf die Art habe ich ein Dazulernen früher auch vermieden und damit die kognitive Dissonanz – durch Beleidigen und Herabwürdigen der kritischen Position und ohne mir auch nur einmal die Mühe gemacht zu haben, die gegnerischen Argumente wirklich anzusehen. 

Wir können es gerne hierbei bewenden lassen, aber sicherlich nicht deshalb, weil wir uns einem konstruktiven Dialog verweigert haben. 

Beste Grüße, 

Natalie Grams 


Eine Schlussbemerkung:

„Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden.“ – Das „Schlussargument“ unseres Diskutanten.

Der arme Einstein. Immer so eine Sache mit seinen Zitaten. Für dieses hier gibt es – trotz intensiver Recherche – leider keinerlei Quellenangabe, deshalb gilt es auch allenfalls als „zugeschrieben“. Und dementsprechend weckt es auch Zweifel – was sollte es denn wohl besagen oder bedeuten, aus Einsteins Feder, ausgerechnet? Das, wofür Einstand stand, bringt dieses Zitat gewiss nicht zum Ausdruck, das sollte jemand, der ein solches „Zitat“ wagt, eigentlich bemerken. Und sonst?  Einen Trost für Menschen, die nicht die Fähigkeit oder die Bereitschaft mitbringen, sich mit tieferen Ursachen und Zusammenhängen auseinanderzusetzen? So etwas ist uns von Einstein nicht bekannt und wir können uns auch nicht vorstellen, dass er ihn gesagt hat. Eins allerdings dürfte sicher sein: Als Leitsatz für Naturwissenschaftler taugt so ein Satz ganz sicher nicht.


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Heilpraktiker zu Apothekenpflicht und Kennzeichnung von Homöopathika – eine Stellungnahme des INH

In der Rubrik „Forum Gesundheitspolitik“ der Zeitschrift „Der Heilpraktiker“ (Ausgabe 9/2017) ist eine Stellungnahme zu der Forderung aus der Politik erschienen, die Apothekenpflicht der Homöopathika aufzuheben und eine Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe in deutscher Sprache einzuführen (hier die Pressemitteilung der CDU-Fraktion).

Die Stellungnahme erschien namens der „Arzneimittelkommission der deutschen Heilpraktiker“ (AMK) und ist gezeichnet von Arne Krüger als stellvertretendem Sprecher der AMK [1]. Herr Krüger ist zudem -als einer von zwei Heilpraktikervertretern- in der Kommission D beim BfArM tätig, die im Rahmen des „Binnenkonsens“ über die Zulassung homöopathischer Mittel nach Maßgabe „homöopathischen Erkenntnismaterials“ entscheidet. Zudem ist Herr Krüger stellvertretender Vorstand des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e.V. (FDH).

Das Thema des INH ist im Kern nicht die Heilpraktikerproblematik, sondern die Pseudomethode Homöopathie. Jedoch ist hier die Verschränkung dieser beiden Sphären so deutlich sichtbar, dass wir hierzu Position beziehen.

Was meint nun Herr Krüger zu dem Vorstoß aus der Politik zur Aufhebung der Apothekenpflicht und einer erweiterten Kennzeichnung von Homöopathika?

Gleich zu Anfang unterliegt er einer gravierenden Fehleinschätzung, wenn er postuliert, die Homöopathika seien vorrangig gar nicht zur Selbstmedikation bestimmt, sondern für die Verwendung und Verschreibung durch homöopathische Behandler. Das ist nach der Hahnemannschen Lehre zweifellos richtig, jedoch widerspricht dem die Realität gravierend. Von rund 622 Mio € Apothekenumsatz an Homöopathika (2016, Quelle: Bundesverband der Arzneimittelhersteller) wurden etwa 500 Mio €, also der ganz überwiegende Anteil, als Direktverkäufe (OTC, „Over the Counter“) umgesetzt. Dies allein mag vielleicht nicht die wirkliche Relation der von Behandlern verordneten oder auch empfohlenen Mittel im Verhältnis zu denen einer reinen Selbstmedikation widerspiegeln. Die Grundaussage, nämlich das Überwiegen der Selbstmedikation, wird aber durch die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2014 klar bestätigt. Nach den dortigen Angaben benennen 67 Prozent der Befragten als „Weg zu homöopathischen Arzneimitteln“ den „Rat von Freunden, Familie und Bekannten“. [2]

Den Thesen, die Herr Krüger aus dem von ihm postulierten Vorrang fachlicher Verordnung von Homöopathika ableitet, vermögen wir nicht zu folgen. Interessanterweise will er die Apothekenpflicht der Homöopathika gerade mit der fehlenden Indikation der registrierten Mittel begründen. Dies sei der Grund für die Kennzeichnung der Mittel mit den „fachlich korrekten Namen aus dem Homöopathischen Arzneibuch“. Also wird die eine Irreführung des Verbrauchers mit der nächsten begründet? Eine Indikationsangabe wird dem Verbraucher nicht geliefert, weil es keine Wirkungsnachweise für das Mittel gibt, und das führt dann wiederum dazu, dass man ihn im Unklaren darüber lässt, was man da überhaupt einnimmt? Und das soll dann die unumgängliche Beratung durch Apotheken erfordern? Ob Herrn Krüger bewusst ist, dass im Jahre 2017 rund 53 Mio € des OTC-Umsatzes (also mehr als 10 Prozent, steigende Tendenz) an Homöopathika über den Versandhandel erzielt wurden, was sich nun überhaupt nicht mehr mit dem von ihm gezeichneten Bild vereinbaren lässt? [3]

Wobei wir damit die grundlegende Irreführung, nämlich die, dass es sich um spezifisch unwirksame Mittel handelt, noch gar nicht  thematisiert haben.

Nein, die Kennzeichnungspflicht muss – im Sinne der amerikanischen Verbraucherschutzbehörde FTC – nach unserer Ansicht noch deutlich über die umgangssprachliche Bezeichnung der Inhaltsstoffe hinausgehen – dazu hat das INH bereits hier Stellung genommen.

Müsste die von ihm so aufgebaute Argumentation Herrn Krüger in Anbetracht der tatsächlichen Umsatzzahlen nicht konsequenterweise zu der Forderung führen, der Freiverkauf von Homöopathika sei völlig zu untersagen? Es wäre sicher interessant, wie er dies den einschlägigen Herstellerfirmen vermitteln würde.

In der Folge gefällt es Herrn Krüger, sich selbst in den Rücken zu fallen. Er meint nun – in spürbarem Gegensatz zu seiner These des Anfangs – allen Ernstes, gerade Mittel ohne „beantragte Wirksamkeit“ und „ohne Benennung eines Anwendungsgebietes“ würden „wohl kaum (beim Verbraucher) den Eindruck einer wissenschaftlich anerkannten Alternative machen“ (was eine der Argumentationslinien des auf Verbraucherschutz gerichteten Vorstoßes der CDU-Fraktion war). Er zieht sich darauf zurück, dass die Apothekenpflicht sich bei allen Arzneimitteln lediglich aus dem Risikopotenzial des jeweiligen Mittels ergebe, und das sei bei den Homöopathika gleich Null. Und genau das, so Krüger, sei dem Konsumenten doch völlig klar!

Was das rein toxische Nebenwirkungsrisiko betrifft, pflichten wir ihm gern bei. Aber wir sind keineswegs überzeugt, dass diese Sichtweise zu Sinn und Zweck der Apothekenpflicht derjenigen der Mehrzahl der Verbraucher entspricht. Die Assoziation „Apotheke – muss doch in Ordnung sein“, flankiert davon, dass Krankenkassen Homöopathika erstatten und der Gesetzgeber ihnen einen Schutzraum zubilligt, ist massiv prägend für die Verbraucherentscheidung, die davon ausgeht, ein spezifisch wirksames Arzneimittel zu erwerben.. Die Aufforderung zur Selbstmedikation mit Homöopathika ist allgegenwärtig, womit das Indikationsverbot geradezu überkompensiert wird. Wenn Herr Krüger all das wegreden will, ist er mit der Praxis schlicht nicht vertraut.

Und es macht einen Unterschied, ob auf Wirksamkeit geprüfte und zugelassene Pharmazeutika in der Apotheke wegen ihres geringen Nebenwirkungsrisikos frei abgegeben werden oder ob die Verbraucher durch die „Adelung“ per Apothekenpflicht darüber getäuscht werden, dass sie spezifisch unwirksame Mittel einkaufen.

Es ist uns auch durchaus klar, dass die Inhalte der Beipackzettel registrierter Homöopathika den „rechtlichen Vorgaben“ entsprechen und dies bezweifeln wir ebenso wenig wie den Umstand, dass sie „in deutscher Sprache verfasst sind“. Beides sagt aber überhaupt nichts über den für den Verbraucher wichtigen Informationsgehalt aus. Vor allem auch nicht darüber, ob die geltenden rechtlichen Vorgaben richtig oder auch nur sinnhaft sind, um darüber zu informieren, dass die Indikation deshalb fehlt, weil für die Mittel keinerlei Wirkungsnachweis erbracht wurde.

Zu allem Überfluss bemüht Herr Krüger nun noch das „Traditionsargument“ für die Homöopathie. Aber was bedeutet denn das Traditionsargument in der Wissenschaft, speziell in der Medizin?

Der Traditionsbegriff hat im Zusammenhang mit Erkenntnisgewinnung nichts verloren. Er ist ein soziologischer, kulturbildender und -tradierender Begriff, der mit Erkenntnis, Rationalität und Wissenschaftlichkeit keine Schnittmengen hat. Tradition ist auch überall etwas anderes, von Ort, Bevölkerung und Vergangenheit abhängig. Wer zum Traditionsargument greift, versucht einen Appell an das Publikum mit dem Bild des „Schönen, Guten, Wahren“, will für sein Anliegen sozusagen als „Kulturgut“ Schutz einfordern. Was das mit einer Argumentation über Falsch und Richtig, Gut und Schlecht, Sinnlos und Sinnhaft zu tun hat – das kann man sich leicht selbst beantworten: Wenig bis nichts.

Und nein, es gelingt uns nicht, den interessanten Beispielen von Herrn Krüger zu umgangssprachlichen Bezeichnungen von Inhaltsstoffen die von ihm intendierte Bedeutung beizumessen. Er möchte über diese Beispiele belegen, dass die umgangssprachlichen Bezeichnungen der Inhaltsstoffe nur zur Verunsicherung der Verbraucher beitragen würden. Wenn er den „Frauenmantel“ anführt, um zu verdeutlichen, daraus werde der Verbraucher möglicherweise entnehmen, einer der Inhaltsstoffe sei ein Kleidungsstück oder gar das „Wanzenkraut“ als Beispiel dafür zitiert, dass der Verbraucher durch die Annahme unappetitlicher Bestandteile verunsichert und gar (per Nocebo-Effekt) eine homöopathische Therapie negativ beeinflusst werde, so begibt er sich doch auf eine einigermaßen groteske Ebene. Und das, nachdem er gerade erst den mündigen und informierten Verbraucher beschworen hat, der sich völlig klar über die arzneimittelrechtliche Einordnung der homöopathischen Mittel und der Gründe für die Apothekenpflicht sei? Ein weiterer Selbstwiderspruch.

Zu absurd, als dass wir  hier unsererseits mit Wortspielen wie dem berühmten Zitronenfalter kommen wollen. Erst recht nicht mit dem des Begriffs des Heilpraktikers, der ja nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben weder heilen können noch Praxis haben muss, um seine Zulassung zu erlangen.

Lieber ziehen wir hier das Fazit: Keines der „Argumente“ von Herrn Krüger kann etwas daran ändern, dass es an einem belastbaren Nachweis spezifischer Wirksamkeit für die Homöopathie nach inzwischen fast 220 Jahren ihrer Existenz nach wie vor fehlt, was in einem erheblichen Widerspruch zur angeblichen umfassenden Wirksamkeit dieser Therapie steht. Wenn die Homöopathie so umfassend und tiefgreifend wirkt, wie von ihren Anhängern vertreten wird, warum hat man dann trotz intensiver Bemühungen bislang noch nicht eine einzige Indikation gefunden, bei der das auch belastbar nachgewiesen werden kann?

Ein Fallen der Apothekenbindung und eine erweiterte Kennzeichnungspflicht der Homöopathika (duchaus im Sinne der amerikanischen FTC) wären deshalb auch gar nicht mehr als ein Schritt in die richtige Richtung: Nämlich dahin, Homöopathika aus der gesetzlichen Anerkennung als Arzneimittel zu entlassen und der Homöopathie generell keinen Platz mehr im öffentlichen Gesundheitswesen einzuräumen.


[1] Die AMK ist sogenannte „Stufenplanbeteiligte“ im Sinne der „Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Beobachtung, Sammlung und Auswertung von Arzneimittelrisiken (Stufenplan) nach § 63 des Arzneimittelgesetzes (AMG)“ http://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/bsvwvbund_09022005_111436241.htm

[2] https://www.bah-bonn.de/bah/?type=565&file=redakteur_filesystem%2Fpublic%2FErgebnisse_Allensbach_deSombre.pdf

[3] Quelle: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2018/az-5-2018/versand-boomt-im-otc-markt / Teaser unter https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/suche?search=Homöopathie+Umsatz


Bildnachweis: Fotolia_90994398_XS

Homöopathika – materiell oder immateriell?

Die Homöopathie erhebt den Anspruch, eine „Arzneitherapie“ zu sein, deren Arzneien spezifische Wirkungen haben. Ihre Vertreter beharren auf dieser spezifischen Wirkung – und stehen damit in der Beweispflicht. Wie sieht es nun damit aus?

Das Problem der als solche verstandenen homöopathischen „Arzneien“ liegt im Herstellungsprozess begründet. Homöopathische Arzneien werden durch „Potenzieren“ hergestellt.
Eine Wortwahl, die im Zusammenhang mit einem Verdünnungsvorgang seltsam anmutet – aber gemeint ist die Annahme, bei diesem Vorgang würde die immer geringere Konzentration des Urstoffes eine immer stärkere Wirkung hervorbringen.

Der Vorgang des Potenzierens im homöopathischen Sinne umfasst zwei Teilschritte:

  • Die Verdünnung, einen wohlbekannten, alltäglichen Vorgang und
  • die „Dynamisierung“ durch Schütteln nach einem bestimmten Ritual.

Die Verdünnung wirkt sich auf den materiellen Anteil der homöopathischen Arznei aus. Bereits bei tiefen Potenzgraden, die noch geringe Mengen der „Ursubstanz“ (Ausgangsstoff für die Potenzierung) enthalten, sind aber arzneiliche Wirkungen nicht mehr möglich. Und bei den Hochpotenzen sind überhaupt keine Reste der Ursubstanz mehr vorhanden – es sei denn, sie sind als Verunreinigungen mit der Verdünnungslösung zurückgekommen.

Zumindest bei den Hochpotenzen – darüber hinaus bei einem großen Teil der Tiefpotenzen – kann von einer materiellen Wirkung nicht mehr ausgegangen werden.

Wie erklärt sich die Wirkung der homöopathischen Arzneimittel denn dann? Wir Kritiker haben unsere Erkenntnisse dazu, die bereits an vielen Stellen, hier in den Rubriken unserer Netzwerkseite und in der „Homöopedia“ (www.homöopedia.eu), veröffentlicht wurden. An dieser Stelle soll uns aber interessieren, wie die Homöopathen selbst die Wirksamkeit erklären.

Zunächst muss man feststellen, dass es keine „offizielle“ und vor allem auch keine einheitliche Erklärung von Seiten der Homöopathen gibt. Manchmal wird die Wirkung über „die Energie“ erklärt, die den Arzneien (Globuli, Tropfen, Salben, Injektionen) innewohne, manchmal über „die Information“, die in den Arzneien noch vorhanden sei. Die Erklärung von Hahnemann selbst lautet „geistartige Arzneikraft“:

„… Durch diese mechanische Bearbeitung, wenn sie nach obiger Lehre gehörig vollführt worden ist, wird bewirkt, daß die, im rohen Zustande sich uns nur als Materie, zuweilen selbst als unarzneiliche Materie darstellende Arznei-Substanz, mittels solcher höhern und höhern Dynamisationen, sich endlich ganz [1] zu geistartiger Arznei-Kraft subtilisirt und umwandelt, welche an sich zwar nun nicht mehr in unsere Sinne fällt, für welche aber das arzneilich gewordene Streukügelchen, schon trocken, weit mehr jedoch in Wasser aufgelöst, der Träger wird und in dieser Verfassung die Heilsamkeit jener unsichtbaren Kraft im kranken Körper bekundet.“

Hahnemann hat hinter dem Wort „ganz“ eine Anmerkung eingefügt:

[1] „Man wird diese Behauptung nicht unwahrscheinlich finden, wenn man erwägt, daß bei dieser Dynamisations-Weise (deren Präparate ich nach vielen mühsamen Versuchen und Gegen-Versuchen als die kräftigsten und zugleich mildest wirkenden, d. i. als die vollkommensten befunden habe) das Materielle der Arznei sich bei jedem Dynamisations-Grade um 50.000 mal verringert und dennoch unglaublich an Kräftigkeit zunimmt, so daß die fernere Dynamisation der in 125.000.000.000.000.000.000 erst zur dritten Potenz, zum Kubik-Inhalt erhobnen Cardinale, (50.000), wenn man letztere mit sich selbst multiplicirt und so in stetiger Progression bis zum dreißigsten Grade der Dynamisation fortschreitet, einen Bruchtheil giebt, der sich kaum mehr in Zahlen aussprechen lassen würde. Ungemein wahrscheinlich wird es hiedurch, daß die Materie mittels solcher Dynamisationen (Entwicklungen ihres wahren, innern, arzneilichen Wesens) sich gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen auflöse und daher in ihrem rohen Zustande, eigentlich nur als aus diesem unentwickelten geistarigen Wesen bestehend betrachtet werden könnte.“

 [Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, 6. Auflage, §270, Seiten 249 bis 250]

Wie man sieht, war Hahnemann selbst Chemiker genug, um den Haken bei der Sache zu erkennen. Er war aber zugleich auch genug Kind seiner Zeit, um für die weitere Deutung einigermaßen unbekümmert auf die zu seiner Zeit noch völlig gängige These einer „Allbeseeltheit“ aller Materie, den „Vitalismus“, zurückzugreifen. Damit machte er den Schritt von der Materie zur „Nicht-Materie“. Und genau da liegt das eigentliche Problem: Bei der „Schnittstelle“ zwischen Materie und Nicht-Materie.

Die häufig zu hörende Erklärung, den homöopathischen Globuli (pars pro toto; gleiches gilt auch für Tropfen, Salben oder Injektionen) liege eine Energiekomponente bei, ist aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig. Energie gehört zur Materie im weitesten Sinne und ist nicht immateriell. „Energie“ im physikalischen Sinne ist exakt definiert, man kann Energie nachweisen und messen. In Globuli ist eine Energie, die eine spezifische Wirkung erklären würde, nicht nachzuweisen (natürlich sind Globuli zimmerwarm und enthalten bereits aus diesem Grunde Energie; es ist aber eine unspezifische Energie, die keine spezifischen arzneilichen Wirkungen haben kann). Jedwede physikalische Energie, die eine spezifische Arzneiwirkung erklären würde, wäre physikalisch nachweisbar. Weil sie nicht nachzuweisen ist, bedeutet das, es ist keine spezifische Energie vorhanden.

Homöopathen benutzen das Wort „Energie“ offenbar ganz anders als Physiker. Sie schreiben ihrer Form von Energie Eigenschaften zu, die physikalische Energieformen nicht haben. Insofern ist das Wort „Energie“ von den Homöopathen falsch, aber nicht ungeschickt gewählt; es löst nämlich Assoziationen zum echten physikalischen Begriff der „Energie“ aus, die man sich instinktiv als etwas Wirkmächtiges vorstellt. Diese Assoziationen sind gewollt. Sie verwirren und desinformieren. Die Eigenschaften der „homöopathischen Energie“ sind übrigens von den Homöopathen nicht einheitlich definiert. Und es müssen ja Eigenschaften sein, die in der Lage sind, den Physikern zu entgehen. Da stellt sich die Frage, woher Homöopathen diese Eigenschaften kennen, wenn sie physikalisch nicht nachweisbar sind. Und dazu gehört schon etwas, wenn die Physik heute in der Lage ist, Masse und Ladung eines einzelnen Elektrons zu berechnen und durch Messung zu bestätigen.

Nicht umsonst schreibt Prof. Edzard Ernst in seinem Blog, dass das Wort „Energie“ bei Homöopathen sehr viel öfter gebraucht werde als bei einer Vorstandssitzung eines großen Energieunternehmens.

Eine vergleichbare Diskrepanz tritt mit dem Begriff der „Information“ auf. Auch der Begriff „Information“ ist fest definiert. „Information“ ist das Objekt der Informatiker. „Information“ ist ein Maß für die Ordnung bzw. Unordnung eines Systems. „Information“ selbst ist zwar nicht materiell, aber sie ist an Materie gebunden. Das ist übrigens auch eine klare Erkenntnis der Quantenphysik: Information braucht einen Träger!

Erst recht braucht es einen Träger, um Informationen zu speichern. Dafür braucht man auch noch Speichermedien mit „festen Adressen“, an denen man die Informationen ablegen und später wieder auslesen kann. Wasser ist als Informationsspeicher nicht geeignet, da es keine „festen Adressen“ gibt. Informationen, die in Wasser geschrieben werden, werden etwa eine Billion mal pro Sekunde gelöscht und mit Zufallswerten neu überschrieben, die dann wieder gelöscht und wieder überschrieben werden. Eine Nutzung von Wasser als Informationsspeichermedium ist unmöglich. [http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Wasserged%C3%A4chtnis]

Letzten Endes bedeutet die Verwendung des Energie- wie auch des Informationsbegriffes durch die Homöopathen nichts anderes als die Wiedereinführung des Vitalismus „durch die Hintertür“.

Das eben besprochene eigentliche Problem, die Schnittstelle zwischen Materie und Nicht-Materie, war wohl schon Hahnemann bewusst. Er schreibt ja in der oben zitierten Anmerkung, dass sich die Materie gänzlich in ihr „individuelles geistartiges Wesen auflöse“. Er postuliert damit einen Vorgang, für dessen Existenz es keinerlei Hinweise gibt. In dieser Formulierung findet sich implizit auch die Annahme wieder, dass die Materie beim Verdünnungsvorgang verschwinde. Das ist aber keineswegs der Fall! Die Materie der Ursubstanz ist nach den Verdünnungsschritten nicht „aus der Welt“, sondern nur aus dem Fläschchen verschwunden. Sie verteilt sich nur neu – auf die Lösungen der vielen Zwischenschritte der Potenzierung, die in der Regel weggeschüttet werden. Da die Materie der Ursubstanz auch bei den Verdünnungsschritten vollständig erhalten bleibt, ist schon deshalb eine rückstandslose Umwandlung der Materie in ein „individuelles geistartige Wesen“ unmöglich.

Wenn aber andererseits ein „individuelles geistartiges Wesen“ für seine Entstehung nichts benötigt, was zuvor einmal materiell war, dann erhebt sich die Frage, warum dennoch eine materielle Ursubstanz anwesend sein und mit hohem Aufwand „verarbeitet“ werden muss, damit ein „individuelles geistartiges Wesen“ entstehen kann. Und wie soll denn der Prozess des Verschüttelns in diesen Entstehungsprozess eingreifen? Schütteln ist etwas Handfestes und zweifelsfrei Materielles!

Materie und Nicht-Materie haben keine Möglichkeit, miteinander Wechselwirkungen auszutauschen. Aus physikalischer Sicht lässt sich die Frage, ob es „Geist“ im Sinne von „immateriellen Wesenheiten“ gibt, nicht beantworten. Geist lässt sich physikalisch nicht messen und ist deshalb weder nachzuweisen noch auszuschließen. Wobei auch dieser „Geist“ wieder eine nicht zu fassende Begrifflichkeit ist, zu dem sich zweifellos auch die Homöopathen viele unterschiedliche Vorstellungen machen.

Angenommen, es gäbe diese geistartigen Arzneiwirkungen, dann stellen sich viele Fragen:

  1. Kann die immaterielle geistartige Arzneikraft in den materiellen Molekülen der Ursubstanz vorhanden, also „gespeichert“ sein?
  2. Benötigt die immaterielle geistartige Arzneikraft einen materiellen Träger?
  3. Kann man sie von diesem Träger, der Ursubstanz, lösen?
  4. Ist dazu ein einfaches Schütteln geeignet?
  5. Wie kam Hahnemann auf die Idee, gleich beim ersten Versuch die „richtige“ Methode der Trennung von Materie und Geist zu finden?
  6. Kann die immaterielle geistartige Arzneikraft ohne materiellen Träger existieren?
  7. Kann umgekehrt der materielle Träger ohne die immaterielle geistartige Arzneikraft existieren?
  8. Kann man immaterielle geistartige Arzneikraft von einer Ursubstanz auf eine „Gastgebersubstanz“ (Globuli) übertragen?
  9. Woher wissen die Homöopathen das? Wie stellen sie fest, dass das gelungen ist?
  10. Kann eine immaterielle geistartige Arzneikraft einen kranken Körper, der ja materiell ist, zur Gesundung bringen?
  11. Wie soll das gehen, wenn „Geist“ und „Materie“ nicht miteinander kommunizieren, miteinander wechselwirken, können?
  12. Und wenn die immaterielle geistartige Arzneikraft nicht auf den materiellen Körper selbst, sondern auf seine ebenfalls immaterielle und geistartige Lebenskraft einwirkt: Wie kann dann die immaterielle und geistartige Lebenskraft ihrerseits auf den materiellen Körper einwirken?

Der Erklärungswert des diesen Vorstellungen zugrunde liegenden „Vitalismus“ ist  gleich Null. Der Vitalismus, die Vorstellung einer allumfassenden „Beseeltheit“, gilt als eine längst überholte Theorie der vorwissenschaftlichen Zeit. Es gibt heute bessere (richtigere) Möglichkeiten, den Unterschied zwischen „lebendig“ und „tot“ zu erklären.
[Gebhardt, Karl-Heinz. „Die philosophischen Hintergründe der Homöopathie.“ Allgemeine Homöopathische Zeitung 250.03 (2005): 66-70.]
[Wuchterl, Kust. Lehrbuch der Philosophie. Utb, 1998.]
[Imhof, Beat W. „Bewusstsein und Psychisches.“ Edith Steins philosophische Entwicklung. Birkhäuser Basel, 1987. 173-181.]

Das Beharren der Homöopathen auf einer spezifischen Arzneiwirkung, die durch den physikalischen Verdünnungsvorgang nicht zerstört, aber durch simples Schütteln verstärkt werden kann, führt zu inneren Widersprüchen, die unauflösbar sind. Die oben genannten Fragen können nicht beantwortet werden – auch von Homöopathen nicht. Homöopathen können die Wirksamkeit der Arzneimittel nur erklären, wenn sie geistartige Kräfte annehmen, die

  1. nicht mit Materie reagieren dürfen (weil sie sonst nachweisbar oder widerlegbar wären und weil sie sonst beim Verdünnungsschritt verloren gehen würden)
  2. dennoch mit Materie reagieren müssen (weil sie sich sonst vom Schüttelprozess nicht beeinflussen lassen würden, weil sie nicht von den Globuli aufgenommen werden und den materiellen Patientenkörper nicht heilen könnten).

Dieser Widerspruch ist unauflösbar und wird es auch zukünftig bleiben. Bei aller Offenheit Fortschritten gegenüber, die in der Wissenschaft zukünftig noch zu erwarten sind, ist bereits heute klar, dass keine noch so geniale zukünftige Entdeckung in der Lage sein wird, einen derartigen Widerspruch aufzulösen.

„Homöopathische Arzneimittel“ sind keine Arzneimittel. Jedwede Wirkung einer homöopathischen Behandlung muss auf anderen Prinzipien beruhen, aber sie kann nicht Folge einer irgendwie gearteten Arzneiwirkung sein.


Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle

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Arnika für Bagatellverletzungen

Ein populäres „Mittel“ – näher betrachtet

Das Bild zeigt ein Mädchen mit ihrer besorgten Mutter nach einem Sturz auf einem Spielplatz

Bagatellverletzungen mit Schwellungen („Beulen“) werden häufig mit Arnika behandelt (z. B. bei kleinen Kindern, nachdem sie gestürzt sind und sich ein „blauer Fleck“ bildet, manchmal auch schon prophylaktisch bei Sportlern). Der schnelle Rückgang der Schwellung wird für einen Beleg der arzneilichen Wirkung von Homöopathika gehalten.

Es sind zwei verschiedene Anwendungsarten zu unterscheiden:

1. Arnika als pflanzliches Arzneimittel, zumeist in Salbenform verabreicht. Die Menge der arzneilich wirkenden Stoffe ist ausreichend hoch bemessen, sodass eine Wirksamkeit der Pflanzeninhaltsstoffe durchaus nicht auszuschließen ist.

2. Arnika als Homöopathikum, zumeist in Form von Kügelchen („Globuli“) verabreicht. Die Menge der arzneilich wirkenden Stoffe ist durch den Verdünnungsvorgang bei der Potenzierung so weit reduziert, dass eine Wirksamkeit der pflanzlichen Inhaltsstoffe ausgeschlossen ist.

Aus Sicht der Homöopathie widersprechen sich beide Anwendungsarten. Das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie besagt, dass bei Kranken Arzneien angewendet werden, die bei Gesunden die Symptome der Krankheit hervorbringen. Wenn Homöopathen Arnika als Homöopathikum bei Schwellungen anwenden, dann gehen sie davon aus, dass Arnika in höherer Dosierung Schwellungen verursacht.

Das kann aber nicht sein, denn Arnika in höherer Dosierung wird ja nicht zur Verursachung, sondern zur Behandlung von Schwellungen eingesetzt. Wenn Arnika in höherer Dosierung Schwellungen reduziert, dann kann es bei dieser Indikation nicht als Homöopathikum eingesetzt werden. Sollte Arnika als Homöopathikum gegen Schwellungen wirksam sein, so dürfte es nicht in höherer Dosierung gegen Schwellungen eingesetzt werden, denn Arnika würde in diesem Fall ja zu einer Zunahme der Schwellung führen.

Beide Anwendungsarten schließen sich gegenseitig aus. Arnika kann kein Homöopathikum sein, wenn es als „Allopathikum“ (ein Begriff, der von Samuel Hahnemann zur Herabwürdigung der Medizin benutzt wurde) eingesetzt wird.

In Fallberichten wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sich Schwellungen unter einer Therapie mit Arnikakügelchen schneller zurückbilden als ohne die Behandlung mit Arnikakügelchen.

Zu diesem Argument ist zu sagen, dass ein Vergleich zwischen beiden Versionen – Schwellung mit Arnikakügelchen im Vergleich zu Schwellung ohne Arnikakügelchen – ohne große Fallzahlen (Studien) nicht möglich ist: Ein Patient kann nicht bei ein und derselben Schwellung mit und zugleich ohne Arnika behandelt werden. Die Rückbildungszeit ist normalerweise auch nur eine geschätzte Größe: Üblicherweise wird die Zeit nicht mit einer Stoppuhr bestimmt. Die Behauptung, Schwellungen würden sich langsamer zurückbilden, wenn man kein Arnika nimmt, ist nicht mehr als eine Vermutung. In chirurgischen Ambulanzen beobachtet man regelmäßig, dass Schwellungen überhaupt schnell zurückgehen und dass es keine Unterschiede gibt zwischen den Patienten gibt – unabhängig davon, ob Arnikakügelchen verabreicht wurden oder nicht.

Was passiert medizinisch bei einer Bagatellverletzung? In der ersten Phase werden im Gewebe Substanzen freigesetzt, die zu einer Schwellung führen. Auch Blutgefäße können verletzt sein, sodass Blut austritt („Bluterguss“, „Hämatom“). Aber bereits nach kurzer Zeit werden andere Substanzen (z. B. „Histamin“) freigesetzt, die zu einer Gefäßerweiterung führen. Über die weiter gestellten Gefäße wird dann mehr Flüssigkeit in kürzerer Zeit abtransportiert und die Schwellung nimmt wieder ab.

Fazit: Arnika als Homöopathikum bei Bagatellverletzungen ist unwirksam.

1. Das Ähnlichkeitsprinzip – eine der wesentlichen Fundamente der Homöopathie – kann nicht wirksam sein, da Arnika in höherer Dosierung nicht zum Erzeugen von Schwellungen verwendet wird, sondern zur Behandlung.

2. Die exorbitante Verdünnung beim Potenzieren bringt alle zur Behandlung notwendigen Inhaltsstoffe zum Verschwinden: In den Globuli sind keine wirksamen Substanzen vorhanden.

3. Vergleiche zwischen Behandlungen „mit“ und „ohne“ Arnikakügelchen können am gleichen Patienten nicht durchgeführt werden. Man kann also nicht feststellen, ob die Schwellung mit Arnikakügelchen im Vergleich zur Schwellung ohne Arnikakügelchen weniger wurde: Ein Patient kann nicht bei ein und derselben Schwellung mit und zugleich ohne Arnika behandelt werden. Hierbei ist wichtig, dass es ein und dieselbe Schwellung ist – sonst kann kein Vergleich gezogen werden.

4. Die hohe Rückbildungsgeschwindigkeit von Schwellungen unter der Behandlung mit Arnikakügelchen ist nur eine geschätzte Größe, die zudem sehr stark abhängig ist von Wunschvorstellungen und selektiver Wahrnehmung.

Dass sich Schwellungen auch ohne eine Behandlung mit Arnikakügelchen schnell zurückbilden, ist oftmals nicht bekannt, aber medizinisch sehr gut erklärbar. Vertrauen Sie darauf.

Stellungnahme des Informationsnetzwerks Homöopathie zur Beschwerde des HRI über das Review des australischen Gesundheitsministeriums (NHMRC)

„Täuschung der Öffentlichkeit“?

Verschiedene Homöopathie-Verbände und -Vereine üben Kritik an der 2015 erschienenen umfangreichen Übersichtsarbeit des medizinischen Forschungsbeirats des australischen Gesundheitsministeriums zur Wirksamkeit der Homöopathie. Man spricht gar von einer „Täuschung der Öffentlichkeit„. Diese Arbeit kam zu einem für die Homöopathie unvorteilhaften Ergebnis: Man fand kein einziges Krankheitsbild, für das die Wirksamkeit einer homöopathischen Therapie zweifelsfrei erwiesen ist.

Angesichts der Ungenauigkeiten („inaccuracies“) sehe man sich genötigt, beim Ombudsmann der australischen Regierung Beschwerde einzulegen, stellt das Homeopathy Research Institute fest. Bemerkenswert ist, dass die vorgebrachte Kritik sehr an der Oberfläche bleibt und nicht aufgezeigt wird, wie sich die Kritikpunkte auf das Ergebnis des Reviews ausgewirkt haben sollen.

Auf den Punkt gebracht

Die vom HRI vorgebrachten Kritikpunkte sind auf einfache Weise zu widerlegen, indem man die Berichte zum Review liest. Daraus ergibt sich zweifelsfrei:

  • Die Untersuchung fußt in Summe auf der Analyse von 225 Einzelstudien, die nicht nur in Englisch, sondern auch in vielen anderen Sprachen veröffentlicht wurden. Die kleinste Teilnehmerzahl einer Studie betrug vier Probanden.
  • Die Bewertung der Studie erfolgte nach einem Verfahren, das auch von der Welt-Gesundheitsorganisation empfohlen wird.
  • Beim Vorsitzenden der Arbeitsgruppe lag kein Interessenkonflikt vor. Die Person, die einen Interessenkonflikt erklärte, war eins von sieben Mitgliedern der Arbeitsgruppe. An der Arbeitsgruppe war auch eine Apothekerin beteiligt, die einen universitären Forschungsbereich zur Komplementärmedizin leitet, also eine gewisse Affinität zur Alternativmedizin aufweist.
  • Die Beteiligung eines Homöopathen war nach den Regeln des Beirats nicht erforderlich.
  • Selbst wenn es Vorversionen zu diesem Review gab, ist dies für die Methodik und das Ergebnis des vorliegenden Reviews belanglos.
  • In diesem Review wurden die gleichen Ergebnisse erzielt wie in vielen anderen zuvor, darunter auch den beiden Arbeiten von R. T. Mathie von 2014 und 2017, der als persönlichen Hintergrund eine Zugehörigkeit zum HRI angibt. Damit ist auch nicht erkennbar, wo in der Veröffentlichung ein Skandal liegen sollte, wie ihn Frau Bajic, Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, ausgemacht haben will.

Die Kritik der Homöopathen ist anscheinend weniger auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gerichtet, sondern zielt wohl eher darauf ab, dass dem in diesen Dingen unkundigen potenziellen Patienten vorgegaukelt wird, das Ergebnis des Reviews sei durch fragwürdige Einflussnahme dunkler Mächte zustande gekommen. Man nennt dies üblicherweise eine „Skandalisierung“.

Einzelheiten

Da die Diskussion um das Review wahrscheinlich noch einige Zeit andauern wird, sollen hier in einer größeren Zusammenstellung die Grundlagen aufgeführt werden, auf denen die obige Stellungnahme beruht.

Hintergrund

Im Jahr 2015 hat der für die medizinische Forschung zuständige Beirat NHMRC („National Health and Medical Research Council)“ des australischen Gesundheitsministeriums eine umfassende Übersichtsarbeit („Review“) zur Wirksamkeit der Homöopathie veröffentlicht [1]. Darin kommt man zu dem Endergebnis, dass es kein Krankheitsbild gäbe, für das zuverlässige Nachweise vorlägen, dass die Homöopathie eine über Placebo, also über ein Präparat ohne jeden Wirkstoff, hinausgehende Wirkung entfalte. Man hat sich darum bemüht, die gesamte vorliegende Evidenz klinischer Studien zu sichten, entsprechend umfangreich ist der Bericht ausgefallen: Auf knapp 1000 Seiten ist bis ins Detail dokumentiert, wie man zu der Schlussfolgerung kam.

Das Homeopathy Research Institute, England, (HRI) hat offenbar nunmehr eine förmliche Beschwerde beim Ombudsmann der Regierung Australiens eingereicht [2], worüber der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) auf seinen Seiten und in einer Pressemitteilung gleichen Inhalts berichtet [3], die von vielen Internetseiten aufgenommen wurde. Die Österreichische Gesellschaft für homöopathische Medizin (ÖGHM) hatte schon im Juni 2015 eine Kritik an dieser Studie veröffentlicht, in der diese Punkte ebenfalls aufgegriffen werden [4].

Stellungnahme des INH

Eine kritische Auseinandersetzung mit Forschungsarbeiten und deren Ergebnissen ist ein wesentlicher Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens und als solches prinzipiell zu begrüßen. Die Kritik des HRI und die darüber noch hinausgehenden Äußerungen des DZVhÄ und der ÖGHM sind jedoch kein Bestandteil einer akademischen Auseinandersetzung. Die Kritikpunkte sind entweder belanglos, indem sie unbedeutende Details hervorheben, oder grundlegend falsch, wie bereits ein einfaches Nachlesen in der Studie erkennen lässt.

Es spricht eher für als gegen die Studie des NHMRC, dass man seitens der Verfechter der Homöopathie zu solchen zweifelhaften Mitteln greifen muss, um zumindest bei den unkundigen Patienten den Schein zu wahren, es gäbe tatsächlich ernsthafte Gegenargumente. Solche werden üblicherweise in einer wissenschaftlichen Regeln entsprechenden Art und Weise in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht und damit ihrerseits zur Kritik der Wissenschaftsgemeinde gestellt.

Frühere Versionen des veröffentlichten Reviews

Der in 2015 veröffentlichte Bericht ist möglicherweise erst im zweiten Anlauf zustande gekommen. Selbst wenn es vorher eine andere Version gab, wie das HRI – allerdings ohne Belege oder nähere Angaben – behauptet: So what? Was ist an dem vorliegenden Review auszusetzen? Was an dem Review ist alleine dadurch falsch, dass es eine oder mehrere oder eine beliebige Zahl vorheriger Versionen gegeben hat, wenn es sich dabei nicht ohnehin nur um verschiedene Entwürfe gehandelt hat? Eine sachorientierte Kritik würde herausstellen, wo die Unzulänglichkeiten der vorliegenden Studie liegen, welche Schwächen sie enthält. Aber davon ist hier keine Rede.

Dieser Vorwurf stellt alleine einen Appell an den Leser dar, irgendwelche dunkle Machenschaften, vielleicht sogar eine Verschwörung zu unterstellen, insbesondere, wenn man dann – ebenfalls ohne Beleg – in den Raum stellt, die erste Version sei ohne Zweifel wegen eines für die Homöopathie positiven Ergebnisses zurückgewiesen worden. Was angesichts der klar gegen die Homöopathie sprechenden Evidenzlage aus Reviews und Metaanalysen kaum glaubhaft erscheint.

Datenbasis

Das Review beruht auf 176 Studien, die im ersten Durchgang detailliert begutachtet und für das Review ausgewertet wurden [5, S. 5]. Diese Datenbasis wurde ergänzt, indem die australischen Homöopathieverbände und die interessierte Öffentlichkeit weitere Arbeiten vorlegen konnten, die ebenfalls berücksichtigt wurden [5, S. 6]. Dies erweiterte die Datenbasis um weitere 49 Studien [6: S. 10; 7: S. 11 und 12 ], so dass in Summe 225 Einzelstudien im Review ausgewertet wurden.

Nirgends wird in dem Report eine Zahl von 1.800 Studien genannt, auf denen das Review basiere. Dennoch kritisiert das HRI, dass das NHMRC behauptet hätte, es wären 1.800 Studien ausgewertet worden, was in der Tat nicht korrekt wäre. Man muss schon ziemlich lange suchen, bis man diese ominöse Zahl 1.800 findet: Alleine in der Pressemitteilung vom 11. März 2015 [8] wird mitgeteilt, man habe über 1.800 Arbeiten gesichtet, wovon 225 die Einschlusskriterien erfüllt hätten. Was vollkommen zutreffend ist: Die gesamte initiale Literaturrecherche sowie die Einreichungen im Rahmen der öffentlichen Anhörung umfassten tatsächlich insgesamt 1.863 Artikel, Aufsätze, Fallberichte und Studien (einschließlich Mehrfachnennungen), wie sich aus den Angaben in den entsprechenden Teilberichten errechnen lässt [9: S. 22; 6: S. 10; 7: S. 11]. Dass auf diese „Rohmasse“ Auswahlkritieren angewandt werden müssen (wofür es internationale Standards gibt, die hier beachtet wurden) liegt auf der Hand.

Einschlusskriterien für Einzelstudien und Bewertung

Alle Einzelstudien wurden einer detaillierten Betrachtung unterzogen, entweder anhand der Angaben in systematischen Übersichtsarbeiten, in denen sie bereits untersucht worden waren, oder im Falle der eingereichten Studien auch in Einzelbewertung [5: S. 14f].

Die Aussagekraft der Einzelstudien wurde im GRADE-Verfahren bewertet, bei dem mindere Qualität und zu kleine Teilnehmerzahl zu einem Urteil ’nicht belastbar‘ führten [5: S. 36]. Als Mindestwert für die Einstufung einer Studie als zuverlässig wurde beim Kriterium der Teilnehmerzahl ein Wert von 150 festgelegt. In der Tat wird dieser Zahlenwert nicht begründet – allerdings ist er wesentlich kleiner als üblich, also den üblicherweise kleinen Studien in der Homöopathie stark entgegenkommend und keineswegs nachteilig. Im GRADE-Handbuch sind 400 Teilnehmer als Richtwert angegeben, ab dem wegen der Teilnehmerzahl eine Studie einen Bewertungsmalus bekommt [10, Kap. 5.2.4.2]. Dass nur wenige Homöopathie-Studien die Qualitäts- und Größenkriterien erfüllten, ist ein generelles Problem, das auch schon in anderen Reviews bemängelt wurde.

Es sei angemerkt, dass das GRADE-Verfahren zur Bewertung der vorliegenden Evidenz von vielen Organisationen angewandt und empfohlen wird, darunter die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) [11].

Die Kritik des HRI, des DZVhÄ und auch anderer Organisationen wie der ÖGHM, Studien unter 150 Teilnehmern wären von der Betrachtung ausgeschlossen gewesen, ist damit völlig haltlos.

Ebenso unsinnig ist die Behauptung, die Studien, die nicht auf Englisch publiziert wurden, seien generell ausgeschlossen worden. In der Aufstellung der eingeflossenen Studien [12] findet man Arbeiten, die auf Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Norwegisch veröffentlicht wurden. Lediglich bei den im Zuge der Anhörung eingereichten Arbeiten wurden in Summe 10 Studien wegen der Sprache ausgeschlossen [6: S. 10; 7: S. 11 und 12 ]. Angesichts der insgesamt 225 im Review betrachteten Studien fällt dies wohl eher nicht ins Gewicht.

Die Aussage von DZVhÄ und ÖGHM suggeriert dem Leser mithin etwas völlig Falsches, nämlich dass eine große Anzahl von Studien ausgeschlossen worden wäre, letztendlich nur 5 (!?) Studien in die Betrachtung eingeflossen seien.

Man könnte seitens der Homöopathen durchaus diskutieren, ob das angewandte Verfahren angemessen war oder das Ergebnis dadurch verfälscht wurde, alleine, das passiert nicht. Dass eine große Anzahl von Studien wegen zu kleiner Teilnehmerzahl oder Veröffentlichung in einer nicht-englischen Sprache vollkommen unberücksichtigt blieb, ist falsch, wie man sich mit einfachen Mitteln, nämlich durch Lesen des Reviews, vergewissern kann. Man fragt sich, für wie einfältig die Homöopathen ihre Kunden und besonders ihre Kritiker halten, ein solches derartig einfach zu entkräftendes Argument einzuführen.

Interessenkonflikt

Der Vorsitzende des Ausschusses, der die Arbeit begleitet hat (HWC – Homeopathy Working Committee), war Prof. Glasziou von der Bond-Universität in Queensland [5, S. 31]. Ursprünglich sollte Prof. Brooks von der Universität Melbourne die Leitung übernehmen, aber aufgrund eines Interessenkonflikts erfolgte eine Umbesetzung und Brooks arbeitete als einfaches Mitglied im HWC mit. Der Interessenkonflikt bestand darin, dass er Mitglied in einer Vereinigung „Friends of Science in Medicine“ war, einer Vereinigung, die die wissenschaftliche Ausrichtung der Medizin fördern will und daher Positionen gegen die Alternativmedizin vertritt [13].

Und jetzt muss man sich einmal vergegenwärtigen: Eine Vereinigung wie das HRI wird praktisch ausschließlich von Therapeuten und Einrichtungen finanziert [14], die mit der Homöopathie ihr Geld verdienen. Man fördert Forschungsvorhaben und Studien zur Homöopathie, veröffentlicht selbst entsprechende Arbeiten, beispielsweise die letzten Reviews zur Homöopathie von Mathie et al. 2014 und 2017. Ausgerechnet dieses HRI kritisiert an einem 1.000-Seiten-Review, zu dem sicher mehrere Dutzend Menschen beigetragen haben, dass ein einziger Mitarbeiter des das Projekt steuernden Ausschusses einen möglichen Interessenkonflikt offengelegt hat – der darin bestehen soll, dass er einer Vereinigung für Wissenschaftlichkeit in der Medizin angehört? Wie lächerlich ist das denn?

Substanzielle Kritik hingegen würde aufzeigen, wie eine solche Voreingenommenheit, die hier übrigens noch nicht einmal auf wirtschaftlichen Interessen beruht, das Ergebnis hätte beeinflussen können. Beispielsweise wo das Design anfällig dafür war, etwa indem Entscheidungsspielräume gegeben wären, die zu einer Verfälschung in Richtung auf negative Ergebnisse hätten ausgenutzt werden können. Aber nichts dergleichen wird genannt. Auch hier zielt das Argument wohl auf den Leser, der wieder dunkle Machenschaften vermuten kann. Stichwort Skandalisierung.

Zusammensetzung der Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgruppe zur Leitung der Untersuchung, das HWC, umfasste sieben Personen einschließlich des Vorsitzenden [5 S. 31 f]. Neben ausgewiesenen Wissenschaftlern der konventionellen evidenzbasierten Medizin (Allgemeinmedizin, Rheumatologie, Neurologie) fanden sich darin ein Vertreter der australischen Vereinigung der Krebskranken, eine Apothekerin, ein weiterer Forscher und ein Regierungsvertreter. Die Apothekerin ist Leiterin für Lehre und Forschung zur Komplementärmedizin an der Griffith University in Gold Coast, Queensland, und ist Mitglied der Gesellschaft für Forschung zu medizinischen Pflanzen und Naturprodukten.

Die Untersuchungen bestanden in einer Suche nach einschlägigen Literaturstellen zur Wirksamkeit der Homöopathie sowie in der Auswertung der gefundenen Daten zur Qualität der Studien, der Teilnehmerzahl sowie Krankheitsbild und Ergebnis. Letzteres wurde durch externe Dienstleister, die Firmen OPTUM und ARCH, vorgenommen.

Da es sich bei diesem Review also nicht um eine Leitlinie oder Therapieempfehlung handelt, ist ein Spezialist für Homöopathie entbehrlich [18, S. 4]. Die niedergelegten Daten zutreffend zu extrahieren erfordert kein spezielles Fachwissen, über das nur Homöopathen verfügen.

Die Regeln des NHMRC sehen natürlich vor, dass bei der Erstellung von Behandlungsleitlinien Vertreter der anzuwendenden Therapieform in der Arbeitsgruppe vertreten sein müssen, was sich ohne weiteres von selbst versteht. Aber beim bloßen Datensammeln und Auswerten ist dies nicht erforderlich.

Die entsprechende Kritik des HRI ist also nicht gerechtfertigt, zumal auch hier nicht dargelegt wird, wie denn jemand mit homöopathischen Fachkenntnissen zu anderen Ergebnissen hätte kommen können.

Schlussfolgerung

Die Kritik des HRI am Review der australischen Gesundheitsbehörde ist recht oberflächlich und berührt den Inhalt der Studie nur am Rande. Beim Leser soll ganz offensichtlich der Eindruck hervorgerufen werden, diese Arbeit sei aufgrund dunkler, gegen die Homöopathie gerichteter Machenschaften zustande gekommen. Eine substantielle Kritik unterbleibt vollkommen, es wird kein einziger sachlicher Aspekt der Studie diskutiert, der einen Einfluss auf das Ergebnis hätte haben können. Das HRI übt zwar Kritik an der Mindestanzahl von 150 Teilnehmern für eine belastbare Studie – was vom DZVhÄ auch noch falsch zitiert wird – bleibt aber ein Argument schuldig, warum diese im Vergleich zum originären GRADE-Verfahren recht entgegenkommende Festlegung ungerechtfertigt sein soll.

Es bleibt abzuwarten, wie die Entscheidung des angerufenen Ombudsmannes der australischen Regierung ausfallen wird. Seine Aufgabe ist aber weniger die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern der Schutz australischer Bürger und Vereinigungen vor ungerechtfertigter Benachteiligung durch Regierungsbehörden. Wenn man dort die wissenschaftlichen Grundlagen betrachtet, dann dürfte das HRI wenig Aussicht haben, mit seiner Beschwerde etwas zu erreichen.

Randbemerkung

Das Review des australischen Gesundheitsministeriums kommt mit anderer Methodik und größerer Datenbasis praktisch zum gleichen Ergebnis wie die beiden Reviews, die Mathie in den Jahren 2014 und 2017 veröffentlicht hat [15, 16]. Auch dort fand man keine zuverlässigen Studien, die den Qualitätsanforderungen für einen „low risk of bias“ vollumfänglich entsprochen hätten und gleichzeitig eine Wirksamkeit des Homöopathikums über Placebo hinaus zeigten. Dabei hatte man noch nicht einmal die Anzahl der Teilnehmer als ein Bewertungskriterium herangezogen:

„Individuell verschriebene Homöopathika zeigen möglicherweise einen kleinen spezifischen Behandlungseffekt.[…] Die generell geringe und unklare Qualität der Nachweise verlangt es aber, diese Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren.“ [15]

„Die Qualität der vorliegenden Nachweise ist gering. […] Zuverlässige Nachweise aus krankheitsspezifischen Meta-Analysen liegen nicht vor, weshalb diesbezügliche Schlussfolgerungen nicht möglich sind.“ [16]

Schon Linde kommt in seinem Review von 1998 zu dem Schluss [17]:

„Wir fanden [in den betrachteten] Studien jedoch nur unzureichende Nachweise, dass Homöopathie für irgendein Krankheitsbild eine klare Wirksamkeit aufweist.“

Liebe Frau Bajic, lieber DZVhÄ: Worin liegt jetzt der Skandal, den Sie darin sehen, dass die Australier diese sicher nicht auf Voreingenommenheit gegen die Homöopathie beruhenden Ergebnisse vollumfänglich bestätigen und ihren Bericht veröffentlichen? Und was ist die korrekte Studienlage, auf die Sie hinweisen? Entschuldigen Sie, Ihr Forschungsreader zur Homöopathie, den Sie zitieren, hält einer eingehenderen Betrachtung ebenso wenig stand wie die vorgebrachte Kritik an der NHMRC-Studie, aber das ist hier nicht das Thema.

Für das INH: Dr. Norbert Aust


Quellen und Literatur

Bild: Fotolia_129323079_XS

Alle Links und Webseiten abgerufen am 12. Mai 2017

[1] NHMRC Statement on Homeopathy and NHMRC Information Paper – Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating conditions, Webseite mit Download aller Teile des Berichts, Link: https://www.nhmrc.gov.au/guidelines-publications/cam02

[2] NN: The Australian Report, Webseite des Homeopathy Research Institute, Link: https://www.hri-research.org/resources/homeopathy-the-debate/the-australian-report-on-homeopathy/

[3] NN: Australische Homöopathie-Studie: „Eine Täuschung der Öffentlichkeit“, Webseite des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, Link: http://www.homoeopathie-online.info/australische-homoeopathie-studie-eine-taeuschung-der-oeffentlichkeit/

[4] Dellmour F: Australische „Studie“: Falsches Spiel mit dem Evidenzbegriff, Webseite der Österreichischen Gesellschaft für homöopathische Medizin, http://www.homoeopathie.at/wp-content/uploads/2015/06/Dellmour_Australische_Studie_2015_Vollversion.pdf

[5] NN: NHMRC Information Paper – Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions, March 2015, Link: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02a_information_paper.pdf

[6] NN: Effectiveness of Homeopathy for Clinical Conditions: Evaluation of the Evidence, Review of Submitted Lietrature, Link: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02g_reviewofsubmittedliterature140408.pdf

[7] NN: Effectiveness of Homeopathy for Clinical Conditions: Evaluation of the Evidence – Review of Literature from Public Submissions, Link: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02j_review_literature_public_submissions.pdf

[8] NN: NHMRC releases statement and advice on homeopathy, Pressemeldung vom 11. März 2015, Link: https://www.nhmrc.gov.au/media/releases/2015/nhmrc-releases-statement-and-advice-homeopathy

[9] NN: Effectiveness of Homeopathy for Clinical Conditions: Evaluation of the Evidence, Overview Report, Link: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02i_homeopathyoverviewreport140408.pdf

[10] Schünemann H, Brozek J, Guyatt G, Oxman A: GRADE Handbook, Handbook for grading the quality of evidence and the strength of recommendations using the GRADE approach, Updated October 2013, Link: http://gdt.guidelinedevelopment.org/app/handbook/handbook.html#h.qoxhi6qajv5t

[11] NN: The Grading of recommendations Assessment, Development and Evaluation (GRADE) Approach, Eintrag in der englischen Wikipedia, Link: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Grading_of_Recommendations_Assessment,_Development_and_Evaluation_(GRADE)_approach

[12] NN: List of systematic reviews and primary studies already considered by NHMRC, Link: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02f_listofconsideredevidence140407.pdf

[13] NN: History, Webseite der Vereinigung „Freinds of Science in Medicine“, Link: http://www.scienceinmedicine.org.au/index.php?option=com_content&view=article&id=114&Itemid=158

[14] NN: Our Supporters, Webseite des Homeopathy Research Institute, Link: https://www.hri-research.org/support-hri/collaborations/

[15] Mathie RT, Lloyd SM. Legg LA, Clausen J et al.: Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis, Systematic Reviews (2014) 3:142, DOI 10.1186/2046-4053-3-142

[16] Mathie RT, Ramparsad N, Legg LA, Clausen J et al: Randomised, double blind, placebo controlled trials of non- individualised homeopathic treatment: systematic Review and meta-analysis, Systematic Reviews (2007) 6:63, DOI 10.1186/s13643-017-0445-3

[17] Linde K, Clausius N, Ranirez G, Melchart D et al.: Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo controlled trials, The Lancet (1997); 350: 834-843

[18] NN: Summary of key issues: Draft information paper on homeopathy – expert review comments, Link: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02e_expert_review_comments.pdf


Zum Weiterlesen:

http://edzardernst.com/2017/04/ombudsman-investigates-flawed-homeopathic-study/

https://keineahnungvongarnix.com/2017/04/20/skandal-verschwoerung-gegen-homoeopathie-oder-doch-nicht/

http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2017/04/17/auferstehung-von-den-toten-auch-homoeopathen-feiern-ostern/

Was bedeutet schon „bewiesen“?

Eine Ansammlung von Fragezeichen, die die im Beitrag beschriebene Erkenntnisproblematik symbolisiert

„Naturwissenschaftlich bewiesen“ oder „naturwissenschaftlich widerlegt“, sind zwar Aussagen, die man häufig hört, sie sind jedoch nicht präzise. Richtiger wäre die Formulierung „nach bisherigen Erkenntnissen“ – oder ausführlicher „nach bisherigen, mit naturwissenschaftlichen Methoden gewonnenen Erkenntnissen belegt, die sich wegen ihres außerordentlich hohen Erklärungspotenzials bewährt haben“. (1).

Aussagen wie „Homöopathiewirkungen sind beweisbar“ oder „Homöopathiewirkungen sind widerlegbar“ kann man nicht rein formallogisch (wie eine mathematische Aufgabenstellung) entscheiden, also nicht unter Missachtung aller Beobachtungen. Ebenso wenig kann man rein formallogisch entscheiden, ob unsere Beobachtungen richtig sind. Aussagen über Richtigkeiten sind immer mit dem Makel behaftet, dass wir keine hundertprozentige Sicherheit bekommen können. Irrtümer sind niemals auszuschließen. Auch eine innere Widerspruchsfreiheit ist keine Garantie für Richtigkeit („Wahrheit“). Das ist die Theorie, die auf der allgemein heute anerkannten und praktizierten Wissenschaftstheorie Karl Poppers beruht, die sich der Methode der Falsifikation bedient, des „Falschbeweises“.

Die Praxis ist jedoch, dass wir außer dem widerspruchsfreien System der – bisher (streng genommen also „vorläufig“) als gültig erachteten – Naturgesetze kein zweites in sich widerspruchsfreies System von Naturgesetzen kennen – und es uns noch nicht mal vorstellen können! Und dass die bisher als gültig erachteten Naturgesetze das höchste Erklärungspotenzial haben, das wir kennen. Die Physiker haben zwar noch jede Menge unerklärter Phänomene auf ihrer „To-Do-List“, aber sie haben (wiederum: bis jetzt) offenbar keinen Bedarf an weiteren „Werkzeugen“ (kein Physiker scheint eine fünfte Grundkraft zu vermissen). Auch wenn noch nicht alles erklärt ist: Das Erklärungspotenzial der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse (wichtig: es sind unsere „Erkenntnisse“) ist außerordentlich hoch. Es gab bis heute keinen einzigen Grund, Natürliches mit Übernatürlichem zu erklären. Auch wenn man das für die Zukunft nicht „sicher“ ausschließen kann: Wenn man es „erfahrungsgemäß“ ausschließt, dann reicht das völlig. Mit dem Restfehler kann man gut leben: Er ist extrem klein.

Mehr als unsere sorgfältig gewonnene Erfahrung brauchen wir auch nicht (damit ist jedoch nicht persönliche Einzelerfahrung gemeint, sondern das Portfolio sämtlicher wissenschaftlich gewonnener Beobachtungsdaten). Wir müssen uns in unserem Kosmos zurechtfinden. Und diese Aufgabe erledigen wir mit unserem „Satz an Erkenntnissen“ bravourös. In diesem Kosmos benötigt kein Lebewesen ein „Gefühl“ (Erkennungsmöglichkeit) für eine 4. oder 5. Dimension. Mit unserer Erkenntnisfähigkeit für maximal 3 Dimensionen können wir überleben. An diesem Ziel gemessen, darf man behaupten: Die Evolution, die uns „nur“ drei Dimensionen erkennen lässt, hat offenbar nicht viel falsch gemacht.

Die Homöopathie und das „Beweisen“

Homöopathie ist kein Glasperlenspiel. Es geht nicht darum, die Homöopathie oder andere Therapien mit formallogischen und „haarspalterischen“ Methoden eine theoretisch mögliche Gültigkeit zu bescheinigen oder abzusprechen, sie in eine formal vorhandere „Erkenntnislücke“ hineinzuargumentieren. Homöopathie kann rein formal nicht „a priori“ für ungültig erklärt werden (wiewohl die Aussage legitim ist, dass wegen der Unvereinbarkeit ihrer Prämissen mit gesichertem Wissen die Wahrscheinlichkeit für ihre Gültigkeit geringstmöglich ist)  – Genauigkeitsfreaks mögen sich daran erfreuen und sich damit zufriedengeben. Für die wichtigen Fragen der praktischen Anwendung in der täglichen Praxis reicht es, wenn die Homöopathie „a posteriori“, also „im Nachheinein“, gemessen an ihren tatsächlichen Effekten, für ungültig erklärt wird: Es gibt keine nachweisbaren Phänomene einer Wirksamkeit über den Placeboeeffekt hinaus (Scheitern an der Empirie). Und Homöopathie verstößt gegen unsere bisher als gültig angesehenen und bewährten Erkenntnisse (fehlende äußere Konsistenz / Widerspruchsfreiheit).

Wer sich darauf verlassen möchte, dass für die Homöopathie in Zukunft ein neues, in sich widerspruchsfreies System von Erkenntnissen dafür sorgen wird, dass die Homöopathie doch noch möglich ist – weil sie in das neue System hineinpassen wird -, der darf auch mit gleicher Berechtigung darauf vertrauen, dass dann auch für die Gravitation ein neues System gefunden wird. Er kann dann ja schon mal im Vertrauen auf diese Zukunftserkenntnisse vom Empire-State-Building springen (ach was, ein 10-m-Turm reicht völlig aus). Wir beteiligen uns nicht an diesen Spekulationen und bleiben lieber solange am Boden, bis dass die Gravitation tatsächlich abstoßende und nicht anziehende Kräfte hat …

Wir halten es da mit Prof. Otto Prokop, einem entschiedenen und überzeugend argumentierenden Homöopathiekritiker, der schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts treffend schrieb:

„Als wahr gilt in der Naturwissenschaft das, was sich in das Gesamtsystem der Erkenntnisse harmonisch einfügt. (…) Eine Hypothese muss, wenn sie befriedigen soll, mit allen zugehörigen Tatsachen in sinnvollen Zusammenhang gebracht werden können. (…) Die Grenzen, innerhalb derer es eine Objektivierung gibt, sind die Grenzen der realen Welt.“ (2)

Und was sagt die Philosophie dazu?

Wir können den Philosophen (Wissenschafts-, Erkenntnistheoretikern) gern zugestehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen „Sicherheit – in philosophischer und formallogischer Strenge“ und „Sicherheit – im alltäglichen Sprachgebrauch“. Aber: „Sicherheit – in philosophischer und formallogischer Strenge“ ist ein unerreichbares Ziel für alles. Den Begriff kann man außerhalb der Formallogik nicht gebrauchen: Es gibt nichts, das diesen Anspruch erfüllen könnte. Mit philosophisch und formallogisch strenger Sicherheit kann man auch den Yeti nicht ausschließen oder Feen, Elfen, Heinzelmännchen … oder Sir Bertrand Russells um den Jupiter kreisende Teekanne, die er genau zur Illustration dieser Aussage benutzte.

Interessant ist aber, dass genau diejenigen, die beim „Nicht-Ausschließen-Können“ philosophisch streng genau sind und diese Strenge auch einfordern, in der daraus abgeleiteten beliebten Schlussfolgerung „Alles, dessen Existenz nicht auszuschließen ist, ist existent“ absolut nachlässig sind. Diese Schlussfolgerung ist philosophisch unhaltbar und schlicht falsch – es ist der bereits erwähnte Versuch, eine scheinbare „Lücke“ im Erkenntnissystem zu besetzen.

Wäre eine solche Schlussfolgerung korrekt, dann wäre Denken ein „Schöpfungsakt“: Ich denke mir etwas aus. Niemand kann die Nicht-Existenz des Ausgedachten beweisen. Also ist das Ausgedachte existent und real. Falsch. Für den Begriff „Sicherheit – in philosophischer Strenge“ kann man sich „nichts kaufen“. Der Begriff schwebt lediglich als solcher, als bloße Idee in den geistigen Höhen – außerhalb der „Grenzen der realen Welt“. Er ist für die Entscheidungsfindung im Alltagsleben so wertvoll wie Vermögenswerte, die auf einem Planeten im Andromedanebel deponiert sind.

Wenn wir sagen, dass die Homöopathie widerlegt ist, dann meinen wir die „schwache“ Widerlegung im alltäglichen Sprachgebrauch – und sind uns mit mehr als extremer Wahrscheinlichkeit sicher, dass wir keinen relevanten Fehler machen. Sich auf die „Genauigkeit des alltäglichen Sprachgebrauchs“ zu beschränken, wenn die höherwertige „philosophisch strenge Genauigkeit“ prinzipiell – ausnahmslos – unerreichbar ist: Das ist nicht tadelnswert. Es ist im Gegenteil eine notwendige Bedingung dafür, dass wir uns überhaupt über irgendetwas verständigen können. Wollten wir auf hundertprozentige Sicherheit warten, dann müssten wir in ewiger Tatenlosigkeit verharren.


(1) Anmerkung: Beweise in der Mathematik werden nach strengen logischen Regeln erstellt, Regeln, die man auf die „reale Welt“ nicht automatisch übertragen darf. Der mathematische Beweis z. B., dass es unendlich viele Primzahlen gibt, ist von einem ganz anderen Kaliber als „Beweise“ in den Naturwissenschaften. Die Ansprüche, die die Mathematik an Beweise stellt, können von den Naturwissenschaften nicht erfüllt werden.

Mathematiker sind sich noch nicht mal einig, ob die Mathematik in der Natur immanent verankert ist oder ob es sich um eine menschliche Erfindung handelt, die lediglich – völlig unerklärlich – geeignet ist, Naturphänomene präzise zu beschreiben. Mathematik selbst gehört zwar zu den MINT-Fächern, aber eine Naturwissenschaft im eigentlichen Sinne ist sie wohl nicht.

Und obwohl die Mathematik durch rein logische Schlussfolgerungen viel mehr beweisen kann als die Naturwissenschaften durch Beobachtung mit theoretischer Aufbereitung, ist es auch der Mathematik nicht möglich, innerhalb eines Axiomensystems gleichzeitig „Wahrheit“ (= „Richtigkeit der Annahmen“) und „logische Konsistenz“ zu erzielen. Das ist vom Logiker Kurt Gödel in seinen „Unvollständigkeitssätzen“ gezeigt worden. Streng formallogisch wahre Aussagen gibt es nicht innerhalb eines Systems, sondern nur von außen, gewissermaßen von „höheren Standpunkten“ aus.

Und wenn man sich bereits auf einem „höchsten Beobachterstand“ befindet? Dann muss man sich leider damit zufriedengeben, dass streng formallogisch die Wahrheit einer Aussage nicht bewiesen werden kann. Das gilt letztendlich auch für die Aussagen „Homöopathiewirkungen sind beweisbar“ oder „Homöopathiewirkungen sind widerlegbar“: streng formallogisch ist das nicht möglich.

(2) O.u.L. Prokop, Homöopathie und Wissenschaft, Stuttgart 1957 (S. 2, 31)


Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle

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Homöopathieverträgliche Zahnpasta – warum das?

Auf mancher Zahnpastatube ist der Hinweis zu finden, dass das Produkt besonders homöopathieverträglich sei. Gelegentlich ist ein solcher Hinweis auch auf anderen Pflege- und Kosmetikartikeln platziert. Was soll das bedeuten?

Der Unterschied von einer homöopathiefreundlichen Zahnpasta zu einer normalen ist das Weglassen ätherischer Öle, vor allem Menthol. Und meist ein etwas höherer Preis.

Der Grund für dieses Weglassen liegt nach der Denkart von Homöopathen darin, dass Homöopathika durch manche Stoffe und weitere schädliche Einflüsse „antidotiert“ (also in ihrer Wirkung abgeschwächt oder gar aufgehoben) werden können. Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, war darauf bedacht, Wechselwirkungen bestimmter Dinge und Umstände mit seinen homöopathischen Mitteln peinlichst zu vermeiden.
Die „Lebenskraft„, auf die Hahnemann sich beruft, sei sehr störanfällig. Im Orginaltext von Hahnemann finden wir sehr viele Hinweise auf solche störenden Wechselwirkungen:

„Bei der so nöthigen als zweckmäßigen Kleinheit der Gaben, im homöopathischen Verfahren, ist es leichtbegreiflich, daß in der Cur alles Uebrige aus der Diät und Lebensordnung entfernt werden müsse, was nur irgend arzneilich wirken könnte, damit die feine Gabe nicht durch fremdartig arzneilichen Reiz überstimmt und verlöscht, oder auch nur gestört werde.“ (§ 259 Organon)

Darüber hinaus zählt er eine schier endlose Reihe an Störfaktoren auf, die die „Lebenskraft“ und die Wirkung von Homöopathika darauf beeinflussen sollen:

„Für chronisch Kranke ist daher die sorgfältige Aufsuchung solcher Hindernisse der Heilung um so nöthiger, da ihre Krankheit durch dergleichen Schädlichkeiten und andere krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung gewöhnlich verschlimmert worden war:
Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll. Einige meiner Nachahmer scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnöthig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.“ (§ 260 Organon)

Betrachtet man diese Liste, so fällt einem auf, dass man so unmöglich leben kann (und auch damals nicht konnte) und dass von Homöopathen heute im Konsens eigentlich nur Menthol (und andere starke Duftstoffe), so wie Kaffee als „Antidote“ übrig geblieben sind. Das liegt daran, dass beide als homöopathische „Arzneien“ dafür bekannt sind, viele andere Homöopathika in ihrer Wirkung abzuschwächen – zumindest in der Vorstellung von vielen (klassischen) Homöopathen. Aber es liegt auch die Vermutung nahe, dass es seit jeher den Homöopathen willkommen war, so viele „Ausreden“ für ein Scheitern ihrer Methode parat zu haben: Im Zweifel kann immer ein Fehlverhalten des Patienten, womöglich unbewusst, gefunden werden.

Nach der inneren Logik der Homöopathie (und nur nach dieser!) ist die Sache mit der homöopathiefreundlichen (ohne ätherische Öle hergestellten) Zahnpasta zwar irgendwie konsequent, aber letztlich ohne Sinngehalt. Ein kleiner Unsinn im großen. Immerhin scheint das Ganze interessant genug zu sein, neue Produkte auf den Markt zu werfen – und manche Firmen scheinen darin eine kleine Marktlücke gefunden zu haben.

Unser Tipp: Sparen Sie das (kleine) Geld, kaufen Sie sich und Ihren Kindern normale Zahnpasta und vertrauen Sie nicht auf die Homöopathie. Sie wirkt wenn nur als Placebo – und diese „Wirkung“ lässt sich nicht durch Duftstoffe beeinflussen.


BIldnachweis: Fotolia_108772925_XS

Was sind eigentlich Schüßler-Salze?

Sind Schüßler-Salze Homöopathie?

Das Bild zeigt die Packungen der Schüßler-Salze 4 (Kalium chloratum), 3 (Ferrum phosphoricum) und 17 (Manganicum sulfuricum)

Die sogenannten „Schüßler-Salze“ werden oft mit Homöopathie gleichgesetzt oder verwechselt. Sie gehen jedoch nicht auf Hahnemann, sondern auf den Oldenburger Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler (1821 bis 1898) zurück.

Biografisches

Schüßler kann gut und gerne als „schillernde Figur“ der damaligen Zeit bezeichnet werden. Eigentlich von Beruf Sekretär, erteilte er ab 1849 Fremdsprachenunterricht. Obschon er keine Abiturprüfung abgelegt hatte, verschaffte er sich die Möglichkeit, in Paris ein Medizinstudium zu beginnen, welches er in Berlin und Gießen fortsetzte. Auch seine Promotion verlief etwas ungewöhnlich. Da er vorgab, in Kürze als Militärarzt einberufen zu werden, wurde von Seiten der Universität auf eine Dissertation verzichtet und nur ein Prüfungsgespräch durchgeführt (und – man war schließlich in Preußen – die Prüfungsgebühren erhoben).

Erst als Schüßler das medizinische Staatsexamen, das Voraussetzung zur Erteilung der regulären Approbation war, ablegen wollte, wurde das fehlende Abitur zum Problem. Die Verwaltungsbehörde wollte sich doch nicht darauf einlassen und verlangte, dass die Prüfung nachgeholt werden musste. So konnte er erst 1857 die Prüfung zum medizinischen Staatsexamen ablegen. Diese Prüfung verlief für ihn mit durchwachsenem Erfolg, doch er bestand und konnte sich im Januar 1858 in seiner Heimatstadt Oldenburg als Arzt niederlassen. Hierfür benötigte er allerdings eine städtische Konzession, die er nur deshalb erhielt, weil er sich verpflichtete, nur als homöopathischer Arzt tätig zu sein.

Mit der Praxis hatte er einigen Erfolg, der wahrscheinlich auf den Umstand zurückgeht, dass er sehr niedrige Honorare verlangte. In anderen Quellen heißt es, er hätte die benötigten Homöopathika kostenlos abgegeben. Drei Jahre nach seiner Niederlassung trat er (1861) dem „Centralverein homöopathischer Ärzte“ bei.

Schüßlers „Biochemische Heilweise“

In den ersten 15 Jahren seiner Praxistätigkeit entwickelte er eine verkürzte Form der Homöopathie, die er 1873 in der Denkschrift „Eine abgekürzte Therapie gegründet auf Histologie und Cellularpathologie“ vorstellte. Seine Therapieform nannte er die „Biochemische Heilweise“. Grundannahme dieser Therapie ist, dass Krankheiten alleine durch Störungen des Mineralhaushalts in den Körperzellen entstünden und so den gesamten Stoffwechsel stören sollten. Dabei wurden die Salze wie in der Homöopathie potenziert, denn nur so könnten die „Ionen“ direkt in das Innere der Zelle eindringen. Ergänzt werden sollte dies durch eine spezielle Diät, welche die Mineralstoffmängel außerhalb der Zelle beseitigen sollte, um so das Gleichgewicht zwischen Zellinnerem und Zelläußerem herzustellen. Schüßler glaubte, dass ein pathogener (krankheitsbedingter) Reiz die einzelnen Zellen so stark stimulieren würde, dass die Abwehrreaktion so energieintensiv ausfiele, dass die Zelle ihre Mineralstoffreserven aufbrauchen würde.

Schüßler kürzte die über tausend damals bekannten homöopathischen Mittel auf 12 Funktionsmittel ein. Hierbei sollte es sich (nach Schüßlers Vorstellung) um die Mineralsalze handeln, die übrig bleiben würden, wenn man einen menschlichen Körper verbrennt.

Diese Mittel waren:

  • Calcium fluoratum D12 (Calciumfluorid)
  • Calcium phosphoricum D6 (Calciumphosphat)
  • Ferrum phosphoricum D12 (Eisenphosphat)
  • Kalium chloratum D6 (Kaliumchlorit)
  • Kalium phosphoricum D6 (Kaliumphoshat)
  • Kalium sulfuricum D6 (Kaliumsulfat)
  • Magnesium phosphoricum D6 (Magnesiumhydrogenphosphat)
  • Natrium chloratum D6 (Natriumchlorid)
  • Natrium phosphoricum D6 (Natriumphosphat)
  • Natrium sulfuricum D6 (Natriumsulfat)
  • Silicea D12 (Kieselsäure)
  • Calcium sulfuricum D6 (Calciumsulfat)

Wobei Schüßler selbst 1895 das Calciumsulfat wieder aus der Liste strich. An dessen Stelle sollten Natriumphosphat und Silicea verwendet werden.
Zu diesen ursprünglichen, von Schüßler festgelegten 11 bzw. 12 Salzen, kamen Anfang des 20. Jahrhunderts durch Schüßlers Exegeten noch 15 Ergänzungsmittel hinzu und später dann noch sieben „biochemische Mittel“.

Obschon Schüßler seine Salze durch Potenzierung herstellte, grenzte er sich stark von der Homöopathie ab, da er Samuel Hahnemanns Simile-Prinzip für seine „Biochemische Heilweise“ zugunsten von physiologisch-chemischen Vorgängen im Körper ablehnte. Auch verneinte er die von Hahnemann propagierte Wirkungsweise potenzierter Mittel. Diese Aussagen waren die Grundlage für einen langen Streit mit anderen Homöopathen, der 1876 den Austritt Schüßlers aus dem „Centralverein homöopathischer Ärzte“ mit sich brachte.

Wilhelm Schüßler gründete seine Diagnosen auf die sogenannte  „Antlitzanalyse“. Er behauptete also, dass man an verschiedenen Zeichen im Gesicht eines Menschen den jeweiligen Mineralstoffmangel erkennen könnte. (Ein Verfahren, das selbstverständlich und bis heute jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.)

Diese Antlitzanalyse wurde von Kurt Hickethier, einem alternativmedizinisch interessierten Laien, unter dem Namen „Sonnerschau“ weiterentwickelt und wird durch Heilpraktiker heute noch angewandt.

Die Wirksamkeit der Schüßler-Salze wurde mehrfach untersucht, allerdings konnte keinerlei pharmakologische Wirkung festgestellt werden. Was zu erwarten war. Die Stiftung Warentest kommt in ihrer Publikation „Die andere Medizin“ zu folgendem Ergebnis: Die Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.


Mehr zu Schüßler auch auf unserer Homöopedia: www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Wilhelm_Schüßler

Autoren: Dr. Natalie Grams und Michael Scholz

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Einwand: Homöopathie ist doch besonders zur Selbstbehandlung geeignet!

Wirklich?

Das Bild zeigt eine handelsübliche homöopathische Taschenapotheke mit 30 verschiedenen Globuli-Röhrchen
Hier fehlt was: Ein Würfel für die Mittelauswahl…

In der Apotheke werden allerlei Globuli frei verkäuflich angeboten. Sie werden von den Herstellern auch kräftig mit den Attributen „sanft und natürlich“ beworben. Vor allem zur „einfachen und nebenwirkungsfreien“ Selbstbehandlung wird immer wieder geraten. Es gibt viele Bücher zum Thema (Ratgeber, „Quickfinder“) und ein Großteil der homöopathischen Mittel wird aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda empfohlen („Bei meiner Erkältung hat mir letztens super Mittel XY geholfen, probiere das doch auch mal“). Dies haben die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2014 klar bestätigt. Nach den dortigen Angaben benennen 67 Prozent der Befragten als „Weg zu homöopathischen Arzneimitteln“ den „Rat von Freunden, Familie und Bekannten“.

Bei alledem wissen die Konsumenten nicht (und Hersteller, Verkäufer und selbst die Homöopathen sagen es ihnen nicht): Es gibt wenig, das Hahnemanns Methode mehr widerspricht als die Selbstbehandlung mit Globuli.

Was sagt die homöopathische Lehre?

Wie auch schon in anderem Zusammenhang ausgeführt, befasst sich die Methode Hahnemanns nicht mit Krankheiten, sondern mit Symptomen. Die Methode beruht darauf, dass für ein mit großer Sorgfalt erstelltes Symptombild des Patienten aus den Repertorien, also den Verzeichnissen, in denen die Symptombilder den homöopathischen Mitteln zugeordnet werden, das richtige Mittel herausgesucht wird – all dies ist die Aufgabe des Arztes, des erfahrenen Heilkünstlers. Nebenbei gesagt, festzulegen ist ein Mittel mit einem einzigen Urstoff. Mittel, die mit mehreren Urstoffen hergestellt wurden, sogenannte Komplexmittel, lehnte Hahnemann ohne Wenn und Aber ab und die meisten klassischen Homöopathen tun das auch heute noch.

Der Weg zum Symptombild führt dabei über die homöopathische Anamnese, das bekannte therapeutische Gespräch, bei dem in möglichst hoher Differenzierung alle, auch noch die allergeringsten Befindlichkeiten vom Therapeuten aufgezeichnet und zu einem geschlossenen Symptombild verdichtet werden sollen. Was aus Sicht der Homöopathie schlicht der Feststellung des „Symptomenbündels“ des Patienten dient, das dann maßgeblich für die Auswahl des individuellen Mittels ist. Es ist einsichtig, dass es hierzu des „erfahrenen Therapeuten“ bedarf, jedenfalls jemand, der eingehend mit Hahnemanns Methode auch in der Praxis vertraut ist. Das Organon, die Bibel der Homöopathen, sagt beispielsweise dazu:

„Der vorurtheillose Beobachter […] nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit.“ (§ 6 Organon, nur Symptome sind wahrnehmbar, nicht Krankheiten).

„Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen […] es auch einzig die Symptome sein, durch welche die Krankheit die, zu ihrer Hülfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann…so muß, mit einem Worte, die Gesammtheit der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige sein, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.“ (§ 7 Organon, das Symptombild ist die Hauptaufgabe für den Heilkünstler).

Selbstmedikation? Diagnosen Schnupfen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein? All das ist nach Hahnemanns System undenkbar. Heilkünstler an den Start!

Ein wenig Historie

Homöopathie ist einerseits strengster Dogmatismus, im Sinne von Hahnemanns „Machts nach, aber machts genau nach!“. Andererseits sind Homöopathen größtmögliche Pragmatiker, q.e.d.  Das war aber schon lange so – und schon lange Gegenstand der Kritik. Schon zu Hahnemanns Lebzeiten gab es Selbstmedikation und Empfehlungen dazu, hauptsächlich deshalb, weil homöopathische Ärzte dünn gesät waren und die Reisemöglichkeiten doch sehr beschränkt. Ende des 19. Jahrhunderts war Homöopathie als „Laienmedizin“ fest etabliert. Ratgeber und homöopathische Hausapotheken gab es zuhauf. Um 1890 konnte man lesen, „die Laienthätigkeit in Sachen der Homöopathie (werde) für geschichtlich gegeben, untrennbar mit letzterer verwachsen“ betrachtet. Bedeutende Homöopathen wie Hering („Heringsche Regel„) verfassten Ratgeberliteratur, Arthur Lutze unterhielt einen internationalen Vertrieb von homöopathischen Hausapotheken in beträchtlichem Umfang (Baschin, Die Geschichte der Selbstmedikation in der Homöopathie, Quellen und Studien zur Homöopathiegeschichte, Band 17, Essen 2012).

Diese historischen Reminiszenzen bewirken aber natürlich keine Legitimation der Selbstbehandlung: Kein Wort hat Hahnemann selbst an seinem Lehrgebäude geändert, niemand anders hat je Hand daran gelegt, nach wie vor gelten Hahnemanns Schriften als unantastbar bis zum letzten Buchstaben. Wie man diese kognitive Dissonanz aushält (die ja eigentlich die klassischen Homöopathen mit der Forderung auf den Plan rufen müsste, den Freiverkauf von Homöopathika zu untersagen), ist eine schon fast bewundernswerte Leistung… oder vielleicht doch unhinterfragte „Gewohnheit“?

Vier Fünftel der verkauften Homöopathika werden“Over the counter“ verkauft

Wie kann das sein? Ohne Rücksicht auf Hahnemann, dessen Lehre erklärtermaßen gleichwohl sakrosankt ist, werden heute Globuli ohne homöopathische Anamnese käuflich erworben wie Bonbons (guter Vergleich eigentlich …), Krankheitsbezeichnungen statt Symptombilder als Indikationen für die Gabe von Globuli verwendet, werden Komplexmittel nach Herstellerempfehlung (besser: Herstellerwerbung), nach Rat des Nachbarn oder eigenem Gusto eingenommen – und das wird dann hier und da auch noch als Fortschritt der Methode verkauft. Das ist es keineswegs! Deshalb nicht, weil dieser „Fortschritt“ nicht mit systematischer Kritik, mit einer Erweiterung des Erkenntnishorizontes, mit einem logischen Weiterbau unter Verwerfung als alter, als unrichtig erkannter und unter Hinzunahme als neuer, als richtig erkannter Erkenntnisse verbunden ist. Selbst“medikation“, Behandlung auf Krankheits- statt auf Symptombilder und Komplexmittel sind – neben anderen Dingen – nur Verwässerungen von Hahnemanns Methode, die zudem auch noch mehr Ungereimtheiten erzeugen, als dieser ohnehin schon innewohnen. Und all das, ohne dass an Hahnemanns „heiligen Schriften“ irgendjemand jemals auch nur einen Buchstaben geändert hätte…

Wo bleibt die „individuelle Methode“, wenn Frau Müller für ihre Magenbeschwerden einfach Globuli in der Apotheke kaufen kann? Vielleicht würde Frau Müller einmal ein Blick in eines der großen Repertorien helfen, mit dem Versuch, unter „Magenbeschwerden“ das richtige Globuli herauszufinden? Nun – vielleicht auch nicht. Die Einträge mit Magenbeschwerden sind Legion – kombiniert jedoch mit einer Unzahl irgendwann einmal bei einer Arzneimittelprüfung „gleichzeitig“ aufgetretener Symptome. Natürlich würde dann Verwirrung bis Ratlosigkeit herrschen, weil so viele Mittel passen könnten, oder gar keines. Und so wird Frau Müller es wohl aufgeben … Doch dann wird es noch schwieriger, als es eh schon ist. Denn dann beginnt eigentlich das Raten, das jedoch nachträglich rationalisiert wird („Letztes Mal haben ja auch die Chamomilla so toll geholfen, also probiere ich es noch mal mit denen“, „Bei Frau Maier hat Mittel XYZ geholfen, dann nehme ich mal das“, „Ich kenne keines der angegeben Mittel, ich entscheide mich nach meinem Gefühl“, „ich wähle intuitiv“). Den „Fehler“, dass selbst „ächte Heilkünstler“ offenbar aus Gewohnheit und Instinkt häufig auf „bewährte Mittel“ statt genauer Repertorisierung zurückgreifen, geißelte Hahnemann übrigens auch selbst mit starken Worten. Wann immer nun anschließend eine Verbesserung auftritt, unterliegt Frau Müller dem post-hoc-ergo-procter-hoc-Fehlschluss– und nicht den Wirkungen der gewählten homöopathischen Arznei. Und sie unterliegt damit einer ganz natürlichen menschlichen Wahrnehmungsstörung, die sehr schwer erkennbar ist – und noch viel schwerer zu akzeptieren, weil wir evolutionär auf „schnelles Denken“ auf der Grundlage von Augenscheinlichkeiten programmiert sind. Nur eines hat Frau Müller nicht bekommen: eine wirksame medizinische Behandlung.


Autoren: Udo Endruscheit und Dr. med. Natalie Grams

Bild von Jasmin777 auf Pixabay

Homöopathie ist aber eine ganzheitliche Methode, im Unterschied zur „Schulmedizin“! – Oder?

Um es gleich vorwegzunehmen: Im Grunde ist das Gegenteil von „Ganzheitlichkeit“ der Fall. Warum?

Die Homöopathie hat durchaus keinen  „ganzheitlichen“ Ansatz. Bei akuten Erkrankungen glaubt sie, diesen Anspruch durch die Aufnahme einer Gesamtsymptomatik, des „Symptombildes“ des Patienten zu leisten. Schon dies hat mit einer sinnvollen Diagnostik im Krankheitsfalle nichts zu tun – ist aber innerhalb der Homöopathie konsequent, wenn man bedenkt, dass Hahnemann selbst niemals „Krankheiten“ benannte, sondern nur auf Symptome abhob. Mehr könne man, so schreibt er in seinem „Organon“, von einer Krankheit nicht wissen. Bei den chronischen Erkrankungen entwickelte er zwar so etwas wie eine Ätiologie, eine Krankheitsentstehungslehre. Hahnemann glaubte daran, dass die sogenannten „Miasmen„, Grundkrankheiten, die immer wirksam bleiben, die Ursache für jede Art von chronischer Krankheit seien. Er postulierte also schlicht einige – in diesem Falle drei – Grundursachen für alles, was ihm erklärungsnotwendig erschien. Ganz in der vorwissenschaftlichen Tradition, Dingen, die noch nicht verstanden und erklärt waren, eine „Systematik“ zu unterlegen. Auch das Simileprinzip („Ähnliches heilt Ähnliches“) ist im Grunde ein solcher Versuch, ein nicht beweisbares Gedankengebäude in eine scheinbare Logik zu zwingen – zu „systematisieren“ und es damit „glaubhaft“ zu machen – auch und vielleicht sogar besonders vor sich selbst.

Auch außerhalb der Homöopathie hat man sich in der vorwissenschaftlichen Zeit häufig dieser Krücke bedient. Ein Beispiel für eine unhaltbare Beweisführung mit dem Ansatz der Systematisierung ist z. B. die Lehre vom „geborenen Verbrecher“ des italienischen Mediziners und Kriminalanthropologen Cesare Lombroso, der typische Verbrechermerkmale anhand spezifischer Schädelformen systematisch erfassen zu können glaubte. Lombrosos Typisierung von Verbrechern anhand äußerer Körpermerkmale zog weite Kreise und hatte viele Anhänger, gilt heute aber als vollständig widerlegt.

Die homöopathische Methode ist auf der Erfassung einer möglichst weitgehenden Symptombeschreibung aufgebaut, nicht auf der Diagnostik von Erkrankungen. Die Erkrankung an sich ist – nur – die Störung der „Lebenskraft“, die sich in Symptomen äußert und – das ist wichtig – im Hinblick auf ihre Entstehungsgründe, ihre tieferen Ursachen, überhaupt nicht hinterfragt wird. Von „Ganzheitlichkeit“ in dem Sinne, wie sie heute als Schlagwort gehandelt wird, kann dabei keine Rede sein.

Aber wie kommt nun die Homöopathie in den Ruf der „ganzheitlichen Methode“? Das hat wiederum mit dem wahrnehmungspsychologischen Aspekt der Behandlung zu tun. Die meisten Freunde der Methode schwärmen gerade von dem ausführlichen Anamnesegespräch, von der Zeit, die der Therapeut oder die Therapeutin sich nimmt. Dazu gehören neben Fragen zu körperlichen Symptomen und zur allgemeinen Befindlichkeit auch Fragen zur persönlichen und sozialen Situation. Aber es bleibt dabei – es geht dabei nicht um die Diagnostik von Krankheiten, sondern um die Erfassung eines „Symptombildes“, das dann dazu dient, anhand der Repertorien, der Verzeichnisse zur Zuordnung aller möglichen Symptombilder zum passenden homöopathischen Mittel, die Verordnung abzuleiten.

All dies bringt die Homöopathie nun in den Ruf einer ebenso ganzheitlichen wie individuellen Methode, was vielfach gegen die sogenannte „Schulmedizin“ in Stellung gebracht wird. Das ist aber durchaus nicht zutreffend. Die Homöopathie verfügt nicht – wie sollte sie, nach 200 Jahren Erkenntnisstillstand – über eine Ätiologie, eine Lehre von Krankheitsentstehung und -erklärung, die eine „ganzheitliche“ Therapie überhaupt erst möglich macht.

Die Hahnemannsche Methode klassifiziert Symptome, nicht Erkrankungen!

Und die Berufung auf die individuelle Behandlung? Sie ist kein Vorteil, denn die fehlende Ätiologie verhindert gerade, dass klar definierte Krankheitsbilder nach bewährten Standards erkannt und behandelt werden können. Stattdessen entsteht ein unüberschaubarer Wust von Symptombeschreibungen und Mittelzuordnungen, die eigentlich kein einzelner Homöopath mehr überblicken kann. So verflüchtigt sich auch die „Individualität“ in einem uneinheitlichen, von keinem Therapeuten mehr zu überblickenden Datenberg.

Ganzheitlichkeit in der Medizin ist viel eher bei der ständig in ihren Erkenntnissen fortschreitenden evidenzbasierten Medizin, von Homöopathen auch „Schulmedizin“ genannt, zu finden. Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr von einer stark biomedizinisch orientierten Methodik wegentwickelt. Sie kennt aufgrund neuerer Studienlagen den Stellenwert psychosozialer Verfahren in der Medizin und die Bedeutung komplexer therapeutischer Ansätze recht gut und – wie es ihre Aufgabe ist – erforscht diese Aspekte weiter. Woran es noch mangelt, ist eine Struktur des Gesundheitswesens, die diesen Ansätzen zu einem echten Durchbruch in der medizinischen Praxis verhilft.

Darum geht es. Und um die Klarstellung, dass sich die Homöopathie mit Federn schmückt, die ihr nicht zustehen. Homöopathie ist nach der Lehre ihres Begründers reine Symptombehandlung – also das, was Homöopathen den „Schulmedizinern“ immer so vorwurfsvoll entgegenhalten. Und die „Schulmedizin“ ist es, die für immer mehr Erkrankungen echte ursächliche Therapien entwickelt und sie heilen kann – nicht die Homöopathie.


Einwand: Globuli sind eh viel besser als Antibiotika!

Antibiotika versus Globuli – wirklich?

„Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika.“

„Ärzte setzen viel zu viel ungezielt Antibiotika ein.“

„Wenn ich zu viel davon einnehme, dann werde ich für spätere Erkrankungen resistent sein.“

Diese Sätze hört man in dieser oder ähnlicher Form sehr häufig. Alle drei Sätze sind jedoch falsch. Schauen wir sie einzeln an:

1. Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika.

Lieber Globuli einzunehmen als Antibiotika ist ein verständlicher Wunsch. Es ist aber ein falscher Vergleich. Wenn es nach mir ginge: Ich zum Beispiel würde lieber im Lotto gewinnen als Antibiotika einzunehmen.

Antibiotika sind hochwirksame Medikamente, die in der Lage sind, bestimmte Krankheitserreger (Bakterien) abzutöten oder deren Vermehrung zu verhindern. Obwohl „anti bios“ die Bedeutung hat „gegen das Leben gerichtet“, sind Antibiotika nicht gegen alles Leben wirksam: Parasiten und Viren können nicht antibiotisch behandelt werden. Auch bei Mensch und Tier müssen wir nicht befürchten, dass sie von Antibiotika getötet werden. Auch sind nicht alle Antibiotika gegen alle Bakterien wirksam. Bakterien können „sensibel“ (empfindlich) oder „resistent“ (unempfindlich) gegen Antibiotika sein.

Es gibt viele Antibiotikagruppen, deren Vertreter untereinander chemisch nicht verwandt sind. Sie haben keine gemeinsamen „Wurzeln“, sondern ein gemeinsames Ziel: Die Reduzierung der Anzahl krankmachender Keime im Wirtsorganismus; die „Senkung der Keimlast“. Zu jedem Antibiotikum kann man angeben, welche Bakterien bezüglich dieses Antibiotikums sensibel oder resistent sind. Und zu jedem Bakterium kann man angeben, gegen welche Antibiotika es sensibel oder resistent ist. Bezogen auf krankmachende („pathogene“) Keime hat jedes Antibiotikum ein „Wirkungsspektrum“.

Der Einsatz von Antibiotika ist also prinzipiell nur sinnvoll, wenn es sich um eine Erkrankung handelt, die von Krankheitskeimen verursacht wird, welche auch im Wirkungsspektrum eines Antibiotikums liegen. Wenn man ein – bezogen auf die pathogenen Keime – wirksames Antibiotikum einsetzt, dann senkt man die Keimlast im Wirtsorganismus. Das Immunsystem des Wirtsorganismus kann unter diesen verbesserten Bedingungen die Heilung herbeiführen. Die Stärkung des Immunsystems wird nur durch die Verringerung der Keimlast selbst induziert. Eine unspezifische Stärkung des Immunsystems durch Fremdsubstanzen ist nicht nachgewiesen – weder für Präparate wie „Echinacin“ noch für Globuli. Ein ungezielter Einsatz von Antibiotika – gar von unwirksamen bei resistenten Keimen oder bei Viren – kann nicht zur Senkung der Keimlast führen und deshalb das Immunsystem auch nicht unterstützen.

Gelegentlich gibt es Studien, die zeigen (sollen), dass Antibiotika nicht besser wirken als homöopathische Arzneien. Zum Beweis dieser falschen Behauptung werden dann in der Vergleichsgruppe Antibiotika eingesetzt bei Krankheiten, die gerade nicht auf Antibiotika ansprechen. Es ist also nicht verwunderlich, dass Antibiotika in diesen Studien schlecht abschneiden. Das bedeutet aber nicht, dass Globuli Antibiotika vorzuziehen seien, sondern nur, dass das Studiendesign schlecht war.

Jeder Einsatz von Antibiotika hat aber noch eine zweite Komponente: Unter dem Einfluss von Antibiotika und dem dadurch erhöhten „Selektionsdruck“ können empfindliche Bakterien resistent oder schneller resistent werden. Diese beschleunigte Resistenzentwicklung betrifft auch Keime, die nicht – noch nicht! – krankmachend sind und erst durch ihre antibiotikuminduzierte Resistenz gefährlich werden können. Der Einsatz von Antibiotika bei Viruserkrankungen ist also nicht nur unsinnig, weil unwirksam, sondern sogar schädlich, weil resistenzfördernd. Die Medizin als Wissenschaft weiß das und lehrt das. Aus diesem Grund sind Antibiotika bei uns verschreibungspflichtig. Wenn es im Einzelfall Ärzte gibt, die sich an die Vorgaben der Medizin nicht halten, dann ist das ein Versäumnis des Arztes und nicht ein Versäumnis der Medizin. Im Falle eines diesbezüglichen Gerichtsverfahrens würde die Medizin als Zeugin gegen den Arzt auftreten.

2. Ärzte setzen viel zu viel ungezielt Antibiotika ein? Warum glaubt man das?

Weil Ärzte über die Vor- und Nachteile von Antibiotika informiert sind, setzen sie diese Medikamente nur – nach ihrem Wissen und Gewissen – gezielt ein.

Bei manchen Infektionskrankheiten ist die bakterielle Ursache ohne großen Aufwand schnell zu erkennen. Andere Infektionskrankheiten erfordern eine aufwändige Diagnostik. Liegt eine bakterielle Infektion vor, dann sind entsprechende Antibiotika gerechtfertigt – auch, wenn der Weg zur Diagnose nur kurz war: auch kurze Wege können zielgerecht sein. Bei fehlerhaft ungezieltem Einsatz erhöht sich das Risiko einer Resistenzentwicklung von bis dahin empfindlichen Keimen. Je mehr resistente Keime es gibt, desto größer wird die allgemeine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung. Deshalb müssen Keime, die gegen ein Antibiotikum resistent sind, möglichst bald von einem anderen Antibiotikum abgetötet werden: Abgestorbene Bakterien können ihre Resistenzen nicht an die nachkommende Bakteriengeneration weitervererben.

Insbesondere bei Mischinfektionen mit einer Gruppe unterschiedlicher pathogener Keime kann es sein, dass selbst ein „Breitspektrum-Antibiotikum“ nicht für alle Keime wirksam ist. In diesem Fall müssen dann mehrere verschiedene Antibiotika nacheinander eingenommen werden (die gleichzeitige Einnahme ist meistens problematisch, weil sich die verschiedenen chemischen Wirkmechanismen der Antibiotika eher gegenseitig behindern als fördern). Auch ein Antibiotikumwechsel zur Vermeidung von Resistenzbildungen ist keineswegs ungezielt, auch wenn sich die Notwendigkeit nicht allen Patienten erschließt. Und im Zweifelsfall bestimmt man Erreger und deren Resistenz im Labor.

Neueste Entwicklungen lassen allerdings hoffen, dass eine Keimbestimmung in der Arztpraxis künftig schnell und unkompliziert möglich sein wird und damit „Fehlverschreibungen“ von Antibiotika drastisch reduziert werden können.

3. Wenn ich zu viel davon einnehme, dann werde ich für spätere Erkrankungen resistent sein.

Der Begriff der Resistenz bezieht sich nur auf die pathogenen Keime, nicht auf den Wirtsorganismus (den menschlichen Körper), aus dem diese Keime eliminiert werden sollen. Die Wirtsorganismen sind „von Natur aus“ resistent gegen Antibiotika. Das heißt: Nur eine chemische Substanz, gegen die Wirtsorganismen resistent sind, kann überhaupt erst auf eine eventuelle antibiotische Wirksamkeit untersucht werden. Substanzen wie „Zyankali“ oder „Quecksilber“ mögen gute Fähigkeiten haben, pathogene Keime abzutöten. Ein Einsatz dieser Substanzen als „Antibiotika“ kommt nicht infrage: Menschen und Tiere sind nicht resistent gegen Zyankali oder Quecksilber. Für Menschen und Tiere sind Zyankali oder Quecksilber Gifte. Die von der Medizin eingesetzten Antibiotika dürfen für Mensch und Tier selbstverständlich nicht giftig sein.

Dass Mensch und Tier resistent sind gegen die verwendeten Antibiotika ist also kein Nachteil, sondern im Gegenteil Grundvoraussetzung für den Einsatz von Antibiotika. Nehmen wir – in einem Gedankenspiel – an, Menschen würden resistent werden können gegen z. B. Quecksilber: Dann hätten wir keinen Nachteil dadurch, sondern lediglich eine weitere Therapieoption bei Infektionskrankheiten durch quecksilbersensible Keime.

Fazit:  Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika?

Globuli sind „homöopathische Arzneien“. Die Lehre der Homöopathie kennt keine Krankheitskeime, also ist für die Homöopathie ein Einsatz von Antibiotika schlichtweg unsinnig. Und deshalb ist umgekehrt die Gabe von Globuli bei Infektionskrankheiten aus Sicht der wissenschaftlichen Medizin nicht weniger unsinnig, weil genau die eigentlichen Ursachen der Infektionskrankheiten und die einzigen wirksamen Mittel dagegen von der Homöopathie kategorisch ignoriert werden.

Eine antibiotische Behandlung bei Infektionskrankheiten – insbesondere bei schweren Infektionskrankheiten – ist keineswegs eine rein symptomatische Therapie, sondern eine Kausaltherapie („Ursachenbehandlung“), die Leben retten kann. Ein Verzicht auf eine notwendige antibiotische Therapie kann schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen – durch Unterlassung.

Harmlose Erkrankungen hingegen erfordern weder Antibiotika noch Globuli. Homöopathische Arzneien sind bei allen Erkrankungen unwirksam und überflüssig.


Weiterführende Informationen finden Sie im Artikel Antibiotika auf Homöopedia

Informationen über das Immunsystem bei „Susannchen braucht keine Globuli“


Bildnachweis: INH

Globuli sind doch natürlich und pflanzlich! – Oder?

Viele Menschen nehmen an, dass homöopathische Mittel aus pflanzlichen Stoffen hergestellt werden.
Sieht man sich jedoch die langen „Arzneimittellisten“ der Hersteller von Homöopathika an, wird schnell klar, dass Homöopathie und Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) zwei völlig verschiedene Dinge sind.

In pflanzlichen (phytotherapeutischen) Arzneimitteln sind die Inhaltsstoffe in medizinisch wirksamen Konzentrationen vorhanden, in der modernen Pflanzenheilkunde wird die Ursache-Wirkungs-Beziehung mit wissenschaftlichen Methoden untersucht, und nicht zuletzt unterliegen sie im Gegensatz zu homöopathischen Mitteln dem Arzneimittelrecht und müssen ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachweisen.

Anders in der Homöopathie: Nur ein Teil der verwendeten Grundsubstanzen sind pflanzlicher Natur und selbst unter diesen finden sich einige, die schon in geringer Dosierung gesundheitsgefährdend sein können, etwa das Pfeilgift Curare, der Fliegenpilz oder Schierling.

Man kann froh sein, dass durch die hochgradige Verdünnung in den verwendeten Mitteln nichts oder zumindest keine wirksame Konzentration der Ausgangsstoffe mehr vorhanden ist.

Dies wird selbst von den Autoren von Arzneimittellisten betont (1).

In den Zutatenlisten finden sich aber auch gänzlich unpflanzliche Dinge wie Polio-Viren („sterilisiert“), „Brummen von Kornkreisen“, Aluminium, Quecksilber und alle anderen Metalle, Chlor, der magnetische Nordpol, Meteorstaub aus Arizona, Mikrowellen, Plutonium, Erreger von Tripper und Syphilis, sogar Pocken- und Pesterreger (Yersinia pestis), wahlweise die Berliner oder die Chinesische Mauer – und last but not least auch Zucker, der millionen- oder milliardenfach verdünnt auf Globuli (die selbst nur aus Zucker bestehen) aufgesprüht wird. Da aber homöopathische Mittel mit ihrer lateinischen oder vereinzelt zumindest englischen Bezeichnung im Handel sind, wissen die wenigsten, was sich hinter den wissenschaftlich klingenden Namen verbirgt. Wer erkennt schon, dass Cimex lectularius die gemeine Bettwanze ist, Porcellanum misniense Meißner Porzellan, Gunpowder comp. reines Schießpulver oder Excrementum caninum nichts anderes als Hundekot?

Viele der Ursprungsmaterialien waren zu Hahnemanns Zeiten unbekannt. Er selbst beschreibt in der letzten Auflage der ‚Reinen Arzneimittellehre‘ 1833 ganze 70 Substanzen, die er für seine Zubereitungen verwendete. Schon damals waren dies aber nicht nur pflanzliche Grundstoffe, sondern auch Quecksilber, Gold, Silber, Zinn und Wismut, Schwefel, Phosphorsäure oder Kohle.

Die Systematik der Zutaten orientiert sich zumindest in Teilen noch an den Ansichten über die Natur, wie sie zu Hahnemanns Zeiten geläufig waren, nimmt aber auch moderne Taxonomien auf.

Unterschieden werden von den Autoren der Arzneimittellisten:

Belebte Naturreiche:
  • Tiere
  • Pflanzen
  • Pilze
  • Protisten (alle Einzeller, die keinem anderen Reich zugehören)
  • Bakterien
Unbelebte Naturreiche:
  • Viren
  • Mineralien (alle chemischen Elemente, die aber mit Homöopathie-spezifischen Abkürzungen versehen werden)
  • Energiefelder (physikalische Strahlungen wie das Licht des Polarsterns, Energiefelder von Orten)

Wie kommen nun die Hersteller der Globuli und die „Erfinder“ neuer Rezepturen auf die möglichen Substanzen, wenn sie neue Mittel auf den Markt bringen? Immerhin gibt es inzwischen über 7.000 Zutaten, die für homöopathische Zubereitungen verwendet werden.

Die Auswahl, welche Dinge zur Herstellung von neuen Homöopathika verwendet werden, geschieht völlig willkürlich durch Intuition der Entwickler. Grundlage ist die Signaturenlehre, die ihren Ursprung im Altertum hatte und im späten Mittelalter weite Verbreitung in Europa fand. Sie nimmt an, dass Ähnlichkeiten von Merkmalen natürlicher Objekte auf innere Zusammenhänge zwischen ihnen hinweisen. Diese Merkmale können jede denkbare Eigenschaft sein: Form, Farbe, Verhalten, Charakter, Geruch, Geschmack, Standort, Entstehungszeit, Farben, astrologische Zuordnungen – jegliche Aspekte, die man in die Dinge hineinlesen will.

Ein beliebtes Beispiel ist die Walnuss, deren Form an das menschliche Gehirn erinnert und die deshalb bei Erkrankungen des Gehirns eingesetzt wird, oder die Bohne, die aufgrund ihrer nierenähnlichen Form bei Nierenerkrankungen helfen soll. Es gibt aber auch homöopathische Mittel wie „Terra“ (normale Erde, eins zu 10 hoch 30 verdünnt), die bei Heimatvertriebenen, aber auch anderen „Entwurzelten“ wie Geschiedenen verwendet wird.

Dass diese phänomenologischen Ähnlichkeiten nichts mit strukturellen, funktionalen oder physikalischen Zusammenhängen zu tun haben und einem vorwissenschaftlichen Weltmodell entsprechen, dürfte schon Grundschülern klar sein.

Auch völlig individuell-subjektive Beobachtungen aus dem Alltag können für die Auswahl der Grundsubstanz herangezogen werden, wenn etwa vom vermeintlich erhöhten Bedürfnis nach Schokolade während der Menstruation auf einen Zusammenhang mit Kreislauf und Hormonsystem geschlossen wird (natürlich ohne irgendwelche empirischen Belege dafür zu haben).

Fazit: Die Auswahl homöopathischer Grundsubstanzen ist zufällig, subjektiv, rein intuitiv und durch keinerlei Logik, Forschung oder wissenschaftliche Herleitung belegt. Das Verständnis von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen ist im besten Fall unwissenschaftlich und entspricht oft magischem Denken.

Die Schlussfolgerungen folgen einer induktiven Logik, in der von Gefühlen, Einzelbeobachtungen oder esoterischen Hypothesen auf Gesetzmäßigkeiten geschlossen wird, ohne dass diese irgendwie empirisch belegt werden können.

Nein, Globuli sind nicht „natürlich und pflanzlich“ in dem Sinne, wie der Verbraucher es sich wohl stets vorstellt, wenn er eine solche Aussage trifft oder eine entsprechende Frage stellt.


(1) „In der Liste der homöopathischen Mittel genannte Gifte, Medikamente oder Krankheitserreger sind nur im Sinne eines nach homöopathischen Regeln potenzierten Mittels zu verstehen, d.h. die von den genannten Herstellern angebotenen und in Arzneimittelprüfungen oder Artikeln besprochenen homöopathischen Arzneimittel enthalten die genannten Stoffe (Gifte, Medikamente, Krankheitserreger) nicht im chemischen oder biologischen Sinne, sofern die Potenzstufe C12, D24 oder höher ist.“ (Quelle)


Autorin: Dr. Susanne Kretschmann (Dipl.-Psych.)

Bildnachweis: Fotolia 47049734 Auremar

Einwand: Theoretisch können Hummeln auch nicht fliegen!

„Nach den bekannten Gesetzen der Aerodynamik kann eine Hummel nicht fliegen. Die Hummel versteht nichts von Aerodynamik – und fliegt trotzdem“…

…und deshalb, das soll das Argument wohl ausdrücken, ist die Wissenschaft auch nicht geeignet zu beurteilen, ob Homöopathika wirken können. Schließlich weigert sie sich, wie dieses Beispiel klar zeigt, das Offensichtliche zur Kenntnis zu nehmen und beharrt dogmatisch auf ihren augenscheinlich falschen Naturgesetzen. Wirklich?

Das Bild zeigt eine Hummel auf einer Distelblüte. Mit Blick auf den Titel des Artikels fragt die Bildunterschrift ironisch, wie sie dort wohl hingekommen sei.
Hummel auf einer Blüte – wie ist sie wohl dorthin gekommen?!?

Die Hummel kann selbstverständlich fliegen und hat (vermutlich) keine Ahnung von Aerodynamik, soweit ist das richtig, aber die Behauptung ist falsch, dass ersteres den Gesetzen der Aerodynamik widerspräche.

Was würde passieren, wenn die Aussage stimmen würde? Wenn die Erkenntnisse der Physik in diesem Punkt falsch oder grob unvollständig wären? Wenn sich ein so offensichtliches Phänomen nicht erklären ließe?

Ganz einfach: Es würde ein riesiger Wettlauf darum entstehen, welcher Physiker als Erster die Geheimnisse des Hummelflugs lüftet, wer als Erster die Ursachen des Phänomens richtig beschreiben kann. Das ist es nämlich, wonach jeder Wissenschaftler strebt: Als Erster Neuland betreten, seinen Namen auf ewig mit einer neuen Erkenntnis verbinden. Das ist es, wofür Nobelpreise verliehen werden. Damit erreicht man Reputation, was den Marktwert des Forschers darstellt.

Dass dieser Wettlauf derzeit nicht stattfindet, liegt daran, dass es einfach nicht stimmt, dass die „Gesetze der Aerodynamik“ dem Hummelflug widersprächen. Es führt hier zu weit, die Grundsätze der Tragflügeltheorie bei vergleichsweise niedrigen Reynoldzahlen (das heißt, bei kleinen Abmessungen und niedrigen Geschwindigkeiten) zu erläutern, aber da ist nichts Geheimnisvolles. Die Hummel schlägt mit den Flügeln und kann die Flügelform dabei laufend so verändern, dass sie Luft in eine bestimmte Richtung in Bewegung setzt, was auf die Hummel eine Kraft in die entgegengesetzte Richtung erzeugt. Man kann sich das in Hochgeschwindigkeits-Zeitlupen ansehen (Video Youtube ab Min 1:30). (Das sind zwar Bienen, aber Flügel von Hummeln und Bienen sind nicht sehr unterschiedlich).

Grundlage für die auch gerne von Motivationstrainern genutzte Sentenz ist offensichtlich eine kleine, an sich unbedeutende Begebenheit, die vergessen wäre, hätte sich daraus nicht in den 1930er Jahren in Göttingen ein Studentenulk entwickelt. Die Aerodynamische Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen war zu dieser Zeit eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen, was der Sache durchaus eine gewisse Bedeutung gegeben hat.

Ausgangspunkt soll eine Begegnung eines Biologen und eines Aerodynamikers in einer Gaststätte gewesen sein. Der Biologe habe beim Essen am Beispiel der Hummel wissen wollen, wie das Fliegen funktioniert. Der Aerodynamiker machte eine kurze Überschlagsrechnung auf einer Serviette oder einem Bierdeckel. Er berechnete (offensichtlich), dass die Flügel (Fläche 0,7 cm²) bei der Fluggeschwindigkeit (10 km/h) nicht genügend Auftrieb entwickeln würden, um das Gewicht der Hummel zu tragen (1,2 g). Dem Aerodynamiker ist dabei der Fehler unterlaufen, dass er Gleichungen benutzt hat, die für den Fall gelten, dass die Flügel wie starre Tragflächen wirken, die vom Fahrtwind angeströmt werden. Es ist gut vorstellbar, dass der Biologe dies zum Anlass nahm, sich zur Überlegenheit der Natur über die menschliche Technik auszulassen. Als der Aerodynamiker seinen Fehler bemerkte und korrigierte, war das natürlich weniger spektakulär und hat wesentlich weniger Aufsehen erregt. (Quelle)

Das ist der Hintergrund für dieses Scheinargument: Ein Irrtum eines einzelnen Menschen beim Essen in einer Kneipe. Es ist nicht überliefert, welche Rolle Wein und Bier dabei gespielt haben. Da ist mitnichten eine ganze Wissenschaftsdisziplin involviert, kein Physiker hat je behauptet, dass der Flug einer Hummel unmöglich sei.

Das Argument, der Hummelflug widerspreche physikalischen Gesetzen, zeugt eher vom mangelnden Sachverstand desjenigen, der dieses Argument benutzt und zwar sowohl hinsichtlich Physik und Aerodynamik, als auch wie Wissenschaft überhaupt funktioniert. Eine Wahrscheinlichkeit für das „Funktionieren“ von Homöopathie wohnt diesem „Argument“ nicht im Mindesten inne.



Bildnachweis: Bild von Rudy and Peter Skitterians auf Pixabay

Einwand: Handys funktionieren doch auch immateriell bei der Datenübertragung!

Homöopathika in mittleren und hohen Potenzen enthalten keine oder keine nennenswerten Mengen des Mittels, das auf der Verpackung angegeben ist. Braucht es auch nicht, sagen manche Befürworter der Homöopathie, schließlich sei es ein antiquiertes Weltbild, dass eine spezifische Wirkung an die Existenz von Materie gebunden sei. Siehe das Handy, das doch ganz offensichtlich ohne die Wirkung von Materie die Worte des Gesprächspartners wiedergibt.

Zweifelsohne findet keine unmittelbare Einwirkung anderer Teile auf das Handy statt, also etwa über eine Drahtverbindung. Aber die hier zugrundeliegende Vorstellung, Materie könne nur im direkten Kontakt mit anderer Materie zur Wirkung kommen, ist irrig. Tatsächlich kann Materie auch über große Entfernungen wirken, man denke nur an die Schwerkraft, die über riesige Entfernungen nicht nur unser Sonnensystem, sondern ganze Galaxien zusammenhält.

Ähnliches gilt auch für elektromagnetische Fernwirkungen, wenn ein Sender elektromagnetische Wellen aussendet, die von einem Empfänger empfangen werden können. Auch das ist eine auf Materie beruhende Wirkung, wovon man sich in einem kleinen Versuch mit einem älteren funktionstüchtigen Handy leicht selbst überzeugen kann:

Man nehme das Handy auseinander, entferne die Antenne und baue das Handy wieder zusammen. Wenn die Wirkung tatsächlich nicht an Materie gebunden wäre, müsste das Handy auch ohne die Antenne immer noch funktionieren, das heißt, man müsste damit ein Gespräch führen können.

Man wird feststellen, wie sehr die Funktion des Handys an das Vorhandensein von Materie in Form der benötigten Bauteile gebunden ist und dass es daher irrig ist, darin eine immaterielle Wirkung zu sehen. Man wird übrigens vergeblich nach einem Beispiel für eine immaterielle Wirkung suchen – solche Phänomene sind in der Naturwissenschaft unbekannt. Und auch für die Homöopathie ist die Behauptung einer immateriellen Wirkung falsch. Das „Argument“ ist also keines.


Bild: Wikimedia, Autor: Martingrina

Einwand: CDs speichern Information doch auch!

CD

Von Befürwortern der Homöopathie wird häufig darauf hingewiesen, dass man durch eine chemische Analyse nicht herausfinden könne, ob eine CD bespielt sei oder nicht, beziehungsweise nicht ermitteln könne, was darauf gespeichert ist.

Mit diesem Vergleich soll ein wesentlicher Vorbehalt der Kritiker der Homöopathie entkräftet werden. Man bestreitet auf Seiten der Homöopathen zwar nicht, dass schon ab einer vergleichsweise niedrigen Potenz beim Verdünnen und Verschütteln in der Lösung kein Wirkstoff mehr enthalten ist, aber der Vergleich mit der CD zeige angeblich, dass diese chemische Betrachtung ganz offensichtlich nicht ausreichend ist, das ganze Geschehen zu verstehen.

Zweifellos trifft es zu, dass man durch eine chemische Analyse eine bespielte nicht von einer unbespielten CD unterscheiden kann. Denn in der Betrachtung fehlt ein wesentlicher Teil, nämlich die Struktur der Oberfläche, die beim Brennen der CD aufgebracht wird und in der die enthaltene Information gespeichert ist. So wie das Brennen der Information auf die CD ganz augenscheinlich unabhängig von deren chemischer Zusammensetzung ist, so soll dies auch im Lösungsmittel möglich sein, wenn der Wirkstoff durch die Verdünnung daraus verschwunden ist.

Mit dieser Analogie wird unterstellt, das Wasser habe ähnliche Eigenschaften wie die CD und könne in seiner Struktur auf irgendeine Art und Weise ebenfalls Informationen speichern. Die Analogie ist aber kein Nachweis dafür, dass dies wirklich so ist. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall:

Während eine CD als Festkörper ohne weiteres eine aufgeprägte Struktur über sehr lange Zeit sogar mit einer gewissen Widerstandsfähigkeit gegen Zerstörung speichern kann, fehlt diese Eigenschaft einer Flüssigkeit völlig. Man versuche, mit einem beliebigen Stift auf der Oberfläche von flüssigem Wasser etwas zu schreiben. Was bei einer CD mit einem geeigneten Stift ohne weiteres gelingt, erweist sich bei einer Flüssigkeit als unmöglich. Die Strukturen (Wassercluster), die Wasser tatsächlich ausbildet, sind von derartig extrem kurzer Lebensdauer, dass eine Speicherung von Information auch nur über winzigste Bruchteile von Sekunden unmöglich ist.

Quintessenz: Die Aussage, man könne durch eine chemische Analyse nicht unterscheiden, ob auf einer CD Daten gespeichert sind, ist zwar zutreffend, aber die damit implizierte Behauptung, im Wasser seien die Verhältnisse ähnlich, ist falsch. Die CD ist ein völlig ungeeignetes Modell, die Vorgänge beim Potenzieren zu veranschaulichen und funktioniert somit nicht als „Beweis“ für die Homöopathie.

-> Mehr dazu auch auf unserer Homöopedia Seite.


Bild: Andreas Weimann

Erklärung des INH zur Veröffentlichung der WissHom: „Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie“

Ein 60 Seiten fassender Reader zur Homöopathie ist erschienen, herausgegeben von der WissHom, der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie e.V., der angeblich die Wirksamkeit der Hahnemannschen Methode belegt. 60 Seiten, das klingt zunächst mal toll. Das klingt – auch wenn man darin liest und die vielen wissenschaftlichen Fachbegriffe und Anmutungen zur Kenntnis nimmt – überzeugend!

Warum haben wir Kritiker der Homöopathie also schon wieder etwas daran auszusetzen?

Es gibt zunächst einmal etwas ganz Grundsätzliches zu kritisieren: Der Reader enthält prinzipiell überhaupt keine neuen Informationen. Es handelt sich um teils seit Jahren bekannte und diskutierte Studien, Erhebungen und Gedanken. Wir fragen uns, warum also eine neue und so groß beworbene Veröffentlichung nötig ist.

Weiterhin fragen wir uns, ob Homöopathen (allen voran der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) und die WissHom selbst eigentlich den Unterschied zwischen Werbung und Wissenschaft kennen oder ob sie hier mit Absicht undurchschaubar für Laien (Patienten!) vorgehen. Mit der Sprache der Wissenschaft ist es ähnlich wie mit der Zeugnissprache – beherrscht man sie nicht, so liest sich ein Text immer positiv.

Aus kritischer und wissenschaftlicher Sicht ist die Begeisterung der Homöopathen für diese Veröffentlichung jedoch nicht recht verständlich. Der Forschungsstand wird für homöopathische Verhältnisse zwar recht treffend beschrieben, aber wieso dieser nun plötzlich ausreichend Beleg sein sollte für eine spezifische Wirkung der homöopathischen Arzneimittel, ist nicht nachvollziehbar.

Drei Artikel befassen sich mit den angeblichen Belegen für eine Wirksamkeit:

  1. Teut schreibt über die Ergebnisse der Versorgungsforschung und stellt deutlich dar, dass aus den positiven Ergebnissen keine kausalen Schlüsse auf die Wirksamkeit der Therapie möglich sind.
  2. Von Ammon et al. versuchen sich an einem systematischen Review zur Wirksamkeit von Hochpotenzen in individueller Verordnung. Aus den Angaben in der Diskussion folgt, dass sie nicht eine wirklich hochwertige Arbeit gefunden haben, die signifikante Vorteile der Homöopathika gegenüber Placebo belegen könnte. Insofern ein Punkt für die Skeptiker, nicht für die Homöopathen.
  3. Behnke gibt eine Übersicht über die angeblich durchwegs positiven vorliegenden Ergebnisse von Meta-Analysen – er meint wohl systematische Reviews – lässt dabei aber wesentliche Arbeiten weg, nämlich die Reanalyse von Linde aus dem Jahr 1999 und die Analyse der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC aus dem letzten Jahr, die seinem positiven Fazit zuwiderlaufen.

Die WissHom behauptet zwar den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit von Homöopathie, diese Aussage findet sich aber in der Zusammenfassung ihres Papiers überhaupt nicht wieder.

Fazit 1:

Das Papier der WissHom ist ein für Wissenschaftler leicht durchschaubarer Versuch, die Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie mit einer Art „Großangriff“ zu verschleiern.
Das zeigt sich auch daran, dass die Homöopathie als Methode, also die Frage, ob das Ähnlichkeitsprinzip (Similieprinzip), das homöopathische Krankheitsbild (homöopathische „ganzheitliche“ Anamnese) und die Arzneimittelfindung per Katalog (Repetorium) überhaupt ein schlüssiges Gebilde darstellen, völlig ausgeklammert bleibt. Es geht ausschließlich um die angebliche Wirksamkeit „potenzierter Arzneien“. (Das in etwa vergleichbar, als ginge es beim Auto nicht um die Frage, ob Motor, Getriebe, Lenkung und Fahrwerk richtig konstruiert sind, sondern lediglich darum, ob das Benzin zum Betrieb des Wagens geeignet ist.)

Die WissHom räumt zu den angeführten klinischen randomisierten Studien von vornherein deren Relativierbarkeit selbst ein. Zu den angeblich so bedeutenden Metaanalysen wird eingeräumt, dass deren Signifikanz stark von der Auswahl der Selektionskriterien für die Einzelstudien abhängig ist. Dies geht einher mit einer Diskreditierung missliebiger Autoren, deren Arbeit „nicht immer wissenschaftlichen Standards“ entspräche oder sogar die Unverschämtheit haben, „sich ausdrücklich auf eine postulierte Implausibilität der Wirksamkeit hochpotenzierter Arzneimittel“ zu berufen. So betreibt man Bestätigungsforschung…

Zudem: Es gibt keine Grundlagenforschung zur Wirkung homöopathischer Arzneimittel, die nachvollziehbar wissenschaftliche Evidenz aufweist. Es bleibt hier bei den bekannten Ergebnissen, die entweder als wissenschaftliche Unredlichkeit oder als nicht reproduzierbare Pseudoergebnisse erwiesen sind bzw. als Inanspruchnahmen nicht- oder halbverstandener Forschungsergebnisse aus fachfremden Forschungsbereichen.

Fazit 2:

Versorgungsforschung ist prinzipiell nicht geeignet, Wirksamkeitsnachweise zu erbringen. In ökonomischen Analysen kann die Homöopathie zwar unter Umständen gut abschneiden. Das bedeutet aber wenig: Nichtstun ist stets noch billiger – und: without effectiveness, there can be no cost-effectiveness.

Fazit 3:

Wenn die Homöopathen jedoch tatsächlich meinen, mit ihren Studien den Nutzen belegt zu haben, dann braucht es auch keine Schutzzäune mehr, wie die „besondere Therapierichtung“, die bislang keinen Wirksamkeitsnachweis nach den üblichen Kriterien erfordert. Dazu zitieren wir Frau Bajic, die 1. Vorsitzende des DZVhÄ:

„Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u. v. a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.“

Wenn dies für Homöopathen also so eindeutig ist, dann können die zuständigen Institutionen in den Arzneimittel-Gesellschaften (BfArM, AMG) Homöopathika genau so bewerten wie normale Medikamente. Wir sind als Kritiker zwar weiterhin davon überzeugt, dass solche Nutzenbelege fehlen, finden aber, die Politik sollte die Homöopathen bei ihrem eigenen Wort nehmen und sie denselben Prüfverfahren unterwerfen wie alle anderen Behandlungsverfahren auch.

Unsere kritischen Forderungen an Homöopathie, Gesellschaft und Politik finden sich auch in der Freiburger Erklärung zur Homöopathie wieder.


Für das INH nahmen Stellung am 28.05.2016:

Dr.-Ing. Norbert Aust (Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)
Prof. em. Edzard Ernst (Emeritus Prof. Universität Exeter)
Dr. med. Natalie Grams (Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)
Amardeo Sarma (Vorsitzender der Gesellschaft zur wissen. Untersuchung von Parawissenschaften, GWUP)
Prof. Dr. Norbert Schmacke (Universität Bremen)


Ergänzung / Nachtrag, nachdem der DZVhÄ sich zu einer Replik auf die obige Stellungnahme des INH veranlasst sah:

Ausgehend von unserer Kritik am „neuen“ WissHom Reader zur Lage der Studien zur Homöopathie (vorstehend), hatte der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) uns geantwortet (hier).

Wir freuen uns über das Interesse des DZVhÄ an unserer Arbeit und möchten auf diesem Wege Folgendes klarstellen:

Wissenschaftliche Unredlichkeit hat viele Erscheinungsformen. Man darf dem Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) durchaus zutrauen, dass es diese Formulierung mit Bedacht gewählt hat. Denn im Falle der Homöopathie ist entscheidend, dass der Öffentlichkeit immer wieder suggeriert wird, es gäbe jetzt endlich handfeste Belege für eine gezielte Wirksamkeit der homöopathischen Arzneien. So geschehen während des letzten Homöopathiekongresses in Bremen, bei dem die WissHom einen sogenannten „Forschungsbericht“ vorgestellt hat. Es handelt sich um das aus dem Zylinder gezauberte Kaninchen: Nichts Neues unter der Sonne! Dem nicht informierten Publikum aber wird – so auf der für Patienten geöffneten Seite des Zentralvereins – folgendes erzählt:

„Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebo-kontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung potenzierter Arzneimittel.“ (Quelle).

Daran kann nur glauben, wer sich nicht mit den Grundfragen wissenschaftlicher Methodik beschäftigt hat. „Experimente aus Grundlagenforschung“ klingt toll, es geht dabei aber im Falle der Homöopathie um die von Beginn an sinnlosen Versuche, das Nichts (ultraverdünnte Urtinkturen) als das Revolutionäre, die Naturwissenschaften sprengende Heilsubstanz zu verkünden. Und es schert den Zentralverein nicht, dass in Australien, England, der Schweiz und den USA unabhängig voneinander hochkarätige wissenschaftliche Gremien bezüglich der Behandlungsstudien immer wieder zu demselben Ergebnis gekommen sind: Homöopathika kommen nicht über Placeboeffekte hinaus. Wie ist es zu bewerten, dass diese für das Gesamtbild wichtigen Informationen den Patientinnen und Patienten vorenthalten werden?

Umso unglaublicher sind die Versprechungen auf den Homepages führender Homöopathinnen und Homöopathen. Wir zitieren die Vorsitzende des Zentralvereins, Frau Bajic: „Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.“ (Quelle, Stand der Veröffentlichung am 06. Juli 2016).

Das ist so irreführend und unethisch gegenüber Patientinnen und Patienten mit den genannten Erkrankungen, dass einem die Worte fehlen, denn genau das ist nirgends jemals belegt worden. Ist diese Aussage also redlich?

Und noch einmal zur WissHom. Man beruft sich auf Meta-Analysen wie die von Linde u. a. aus dem Jahr 1997 und „vergisst“ zu erwähnen, dass Linde 2005 im Lancet geschrieben hat: „Unsere Metaanalyse von 1997 wurde unglücklicherweise von Homöopathen als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie missbraucht. Wir stimmen zu, dass die Homöopathie höchst unplausibel ist und dass die Belege aus placebokontrollierten Studien nicht überzeugend sind.“ (Linde, Klaus et al.: Lancet 2005; 366, 2081-2).

Oder man bemüht die Meta-Analyse von Mathie von 2014 – „vergisst“ jedoch wieder zu zitieren, was die der Homöopathie alles andere als negativ gegenüberstehenden Autoren letztlich schreiben: „Die niedrige oder unklare Qualität der vorliegenden Evidenz erfordert Vorsicht bei der Interpretation der Befunde. Neue methodisch hochwertige randomisierte kontrollierte Studien sind erforderlich, um eindeutigere Interpretationen zu ermöglichen.“ (Mathie, R.T. et al.: Systematic Reviews 2014, 3:142, 1-16).

Nun sind wir vom Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) zwar nicht der Meinung, dass man neue Studien (RCTs) benötigt, um den Glaubenskrieg um die Homöopathie endlos weiterzuführen. Die Schlacht ist geschlagen, seit 200 Jahren, zuletzt noch einmal umfassend im Jahr 2015, als die australische Gesundheitsbehörde ihre mehrere hundert Seiten starke, aber von der WissHom ignorierte Analyse der Nachweislage vorgelegt hat. Dort sind, ebenso wenig wie in irgendeiner anderen der von der WissHom angeführten Übersichtsarbeiten, keinerlei hinreichende Belege gefunden worden, die eine Anwendung der Homöopathie für irgendeine Indikation rechtfertigen würden. Gut gemachte RCTs mit positivem Ergebnis in Sachen Homöopathie sind Fehlanzeige.

Und die Forderung nach „Grundlagenforschung“ ist nichts anderes als ein kläglicher Versuch, das Akzeptieren dieser Tatsache zu vermeiden. Wenn etwas nachweislich keine Wirkung über Placeboeffekte hinaus zeigt, warum sollte es dann sinnstiftend sein, zu untersuchen, wie es wirkt? Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass der Text der Stellungnahme des INH im Übrigen an keiner Stelle etwa dem DZVhÄ „wissenschaftliche Unredlichkeit“ vorgehalten hat, dies war allein eine Fehlinterpretation von dessen Seite. Es erschließt sich nämlich beim Lesen leicht, dass die  „wissenschaftliche Unredlichkeit“ ein Punkt unter mehreren zur Qualifizierung der „wissenschaftlichen Grundlagenforschung“ war – und sonst nichts. Wer die Materie kennt – und davon gehen wir beim DZVhÄ aus – der weiß oder sollte wissen, wer und was hiermit gemeint ist.

Wir überlassen es den Leserinnen und Lesern dieser Erwiderung und der vielen Einzelnachweise auf unseren Webseiten, sich ein Bild davon zu machen, wer hier unredlich argumentiert – fortlaufend, unbelehrbar und aus nur allzu transparenten Gründen.

Weiterführende Links:
http://www.netzwerk-homoeopathie.eu
http://www.homöopedia.eu
http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de

Verfasst und gezeichnet im Namen des INH:

Dr.-Ing. Norbert Aust, Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie
Prof. Dr. Edzard Ernst, Emeritus, Universität Exeter, UK
Dr. med. Natalie Grams, Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie
Amardeo Sarma, Vorsitzender GWUP
Prof. Dr. Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen


Bildnachweise: Yvonne Scherrer (#1) Udo Endruscheit (#2)


Der „Mir-hat-die Homöopathie-aber-geholfen“-Fehlschluss

Der Schluss von einer Wirkung auf die Ursache ist in der Medizin besonders heikel

Eine Balkengrafik zu Versuchsauswertung einer verblindeten Studie zur Asthmabehandlung. Die Gruppe mit der Standardbehandlung (Albuterol) zeigt deutliche Überlegenheit gegenüber den anderen Versuchsgruppen: medikamentöses Placebo (Nichtbehandlung), Scheinakupunktur und Nichtbehandlung.
Die relativen Verbesserungen in den Gruppen einer doppeltverblindeten Akupunktur-Studie zur Indikation Asthma. Die Gruppe mit der Standardbehandlung (Albuterol) zeigt deutliche Überlegenheit gegenüber den anderen Versuchsgruppen: medikamentöses Placebo, Scheinakupunktur und Nichtbehandlung.

Wenn wir einen Artikel posten, der sich kritisch mit den Behauptungen einer bestimmten Therapierichtung wie der Homöopathie, einer alternativen Philosophie oder einem alternativen Beruf auseinandersetzt, ist es fast unvermeidlich, dass jemand in den Kommentaren auf die sorgfältige Betrachtung veröffentlichter wissenschaftlicher Belege mit einer Anekdote („kleine persönliche Geschichte“, „Einzelfallerfahrung“) kontert. Die Argumente laufen dabei im Allgemeinen auf ein „Bei mir hat es funktioniert, deshalb sind all eure wissenschaftlichen Nachweise und Plausibilitäten irrelevant“ hinaus.

Beide Bestandteile dieses Arguments sind falsch. Selbst wenn wir zugestehen, dass eine Behandlung bei einem Individuum gewirkt hat, wiegt das nicht die (sorgfältig beobachtete) Erfahrung aller Testpersonen in einer klinischen Untersuchung auf. Die zählen auch – die zählen sogar mehr, weil wir alle wichtigen Aspekte ihrer Geschichte überprüfen können.

Ich möchte mich aber auf den ersten Teil der Behauptung konzentrieren – den Anspruch, dass eine Behandlung für ein bestimmtes Individuum „gewirkt“ habe. Die meisten Leute definieren „gewirkt“ in etwa so: Sie begannen eine Behandlung, und danach ging es ihnen in irgendeiner Weise besser. Diese Definition ist aber in vielerlei Hinsicht problematisch.

Placeboeffekte sind keine Therapie

Vieles bezüglich der unterschiedlichen Auffassung darüber, wie man „Wirkung“ definiert, führt zum Placeboeffekt. Die allgemein wissenschaftlich akzeptierte Vorgehensweise ist es, daraus zu schließen, dass ein Eingriff funktioniert hat, wenn der gewünschte Effekt größer ist als bei Placebo. Wenn alle anderen Einflussgrößen kontrolliert wurden, dann ist der Eingriff die einzige Variable, auf die das verbesserte Ergebnis zurückgeführt werden kann. Das ist die grundlegende Logik einer doppelverblindeten, placebokontrollierten Studie (RCT).

Vertreter von „alternativen“ Therapien, die dazu neigen, in solchen Versuchen zu versagen, verwenden gerne das Argument, dass Placeboeffekte ebenfalls in Betracht gezogen werden sollten, nicht nur solche Effekte, die den Placeboeffekt übertreffen. Im Wesentlichen argumentiert man, dass es gleichgültig sei, wenn etwas als Placebo funktioniert, solange es nur wirkt.

Ein Problem liegt in der Annahme, dass eine Behandlung gewirkt hätte, nur weil man sich besser fühlt. Das ist der post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss. Wir wissen nicht, was das Ergebnis bei den Betreffenden gewesen wäre, wenn sie die Therapie nicht gemacht hätten oder eine andere Therapie durchgeführt worden wäre. Auf diese Art und Weise sind viele Placeboeffekte einfach eine Illusion,  aber kein realer Nutzen.

Regression zur Mitte – ein natürliches Phänomen

Auch die Regression zur Mitte erklärt bereits viel bezüglich der wahrgenommenen Verbesserungen. Menschen neigen dazu, sich dann behandeln zu lassen, wenn ihre Symptome am schlimmsten sind. Das bedeutet, dass sie sich wahrscheinlich allein durch Zufall wieder der mittleren Verteilung der Symptome annähern – oder die Beschwerden sich auf natürliche Weise verringern, was als Verbesserung interpretiert wird.

Das wird weiter unterstützt durch den Confirmation Bias. Symptome sind oft sehr komplex, variabel und subjektiv. Was als „besser“ gilt, kann im Nachhinein mit allem Möglichen erklärt werden. Bei Kopfschmerzen zum Beispiel gibt es mehrere Variablen, die man betrachten kann – Häufigkeit, Zeitdauer, Stärke, Reaktion auf Schmerzmittel, der Bedarf an Schmerzmitteln, der Grad der Beeinträchtigung und eine ganze Menge von damit verbundenen Symptomen, wie z. B. Übelkeit, verschwommenes Sehen usw.

Alle diese Eigenschaften des Kopfschmerzes können sich verändern und bieten damit die Möglichkeit, Rosinenpicken („cherry-picking“) zu betreiben und daraufhin dann eine „Wirkung“ zu beurteilen. Das ist genau der Grund, warum in einer klinischen Studie das Hauptergebnis festgelegt werden muss, bevor man die Daten erfasst. Ebenfalls aus diesem Grund misstrauen wir klinischen Studien, die eine Menge sekundärer Ergebnisse benutzen und behaupten, eine erfolgreiche Studie zu sein, wenn eines dieser sekundären Messkriterien sich gebessert hat.

Mit anderen Worten, der natürliche Verlauf einer Krankheit ergibt sehr wechselhafte Daten. Es macht wissenschaftlich keinen Sinn, nur die positiven Effekte aus dieser Datenmenge herauszupicken und dann zu erklären, dass die Behandlung in diesen Fällen gewirkt hätte. Das ist genauso, als würde ein Hellseher Karten zu Rate ziehen und dabei natürlich nichts besseres als Zufall erzielen, danach aber zu behaupten, dass die gelandeten Treffer nur seinen psychischen Fähigkeiten zuzuschreiben wären. Man muss die gesamte Datenmenge betrachten, um herauszufinden, ob es einen Effekt gab.

Viele Einzelerfahrungen zusammen ergeben Studien 

Dieses Prinzip gilt auch für medizinische Eingriffe – man muss systematisch alle Daten betrachten, um herauszufinden, ob es einen Effekt gab. Zu sagen „Bei mir hat es funktioniert“ ist genauso wie zu behaupten, dass die psychischen Kräfte funktioniert haben, wann immer wir einen Zufallstreffer landen. Sogar dann noch, wenn das Gesamtergebnis negativ war (also einfach mit dem Zufall übereinstimmte).

Eine andere Art der Zufälligkeit der Daten, die sich dann für das „cherry-picking“ und den Confirmation Bias anbietet, ist es, mehrere Therapien für dasselbe Problem anzuwenden (wie auch eine Therapie auf mehrere Probleme). Z. B. jemand nimmt Medikamente und wendet gleichzeitig Akupunktur, Chiropraktik und Homöopathie an, um seine Kopfschmerzen zu behandeln – wenn diese besser werden, wird das nach „Gefühl“ auf eine oder mehrere dieser Behandlungsalternativen zurückgeführt. Oder man versucht vielleicht diese Behandlungsformen nacheinander und was auch immer gerade in dem Moment angewandt wurde, als die Symptome sich von alleine verbessert haben: dieser Methode wird dann der Erfolg zugeschrieben als post-hoc-Fehlschluss.

Intuitiv ignoriert man die Behandlungen, die nicht funktioniert haben und begeht den Lotterie-Fehlschluss, indem man die falsche Frage stellt: Wie stehen die Chancen, dass mein Kopfschmerz kurz nach der Behandlung X besser wird? Aber die richtige Frage ist: Wie stehen die Chancen, dass mein Kopfschmerz zu irgendeiner Zeit besser wird und ich kurz davor zufällig irgendeine Behandlung ausprobiert habe?

Die Psyche entscheidet mit

Es spielen auch psychologische Faktoren eine Rolle. Wenn Menschen eine unkonventionelle Behandlung ausprobieren, möglicherweise aus Verzweiflung oder einfach aus der Hoffnung auf Verbesserung heraus, fürchten sie Kritik oder glauben, sich verteidigen zu müssen. Gerade auch dann, wenn sie irgendetwas Ungewöhnliches ausprobiert haben, vielleicht sogar etwas Bizarres. Daher scheint es lohnenswerter, die Entscheidung zu verteidigen, indem man schlussfolgert, dass die Behandlung funktioniert hat – um allen Skeptikern zu zeigen, dass man doch recht hatte.

Vermischt mit all diesem erzielt man dann tatsächlich eine Verbesserung der Stimmung und damit der Symptome aus der positiven Zuwendung durch den Therapeuten (wenn es einen gibt, d. h. wenn man keine Selbstmedikation betreibt). Oder einfach aus der Hoffnung, dass die Erleichterung bald eintreten wird und dem guten Gefühl, dass man etwas für seine Gesundung und seine Symptome tut. Das ist ein tatsächlicher, aber kein spezifischer psychologischer Effekt davon, sich einer Behandlung zu unterziehen und Schritten in die Richtung, die Situation kontrollieren zu können.

Ärgerlich für alle, die wir wissenschaftsbasierte Medizin verbreiten, ist, dass letzterer Faktor so behandelt wird, als sei dies der gesamte Placeboeffekt oder zumindest dessen größter Anteil. Die Nachweislage jedoch legt nahe, dass das ein sehr kleiner Anteil des Effektes ist.

Eine neue Studie über Asthma zum Beispiel zeigt (siehe Grafik oben links), dass der Placeboeffekt im Hinblick auf die Schwere des Asthmas bei objektiven Messungen im Wesentlichen gleich null ist. Es gab einen deutlichen Effekt bei den subjektiven Bewertungen. Testpersonen berichteten, dass sie sich besser fühlten, sogar wenn die objektiven Messwerte zeigten, dass es ihnen nicht besser ging. Das klingt sehr nach Bestätigungsfehlschluss und anderen psychologischen Faktoren wie Rechtfertigung von Aufwand und Risiko (expense/risk justification) und Täuschung durch Optimismus.

Schlussfolgerung: Geschichten triumphieren oft über Statistiken

Placeboeffekte speisen sich weitestgehend aus Illusionen verschiedener gut bekannter psychologischer Faktoren und Irrtümer in Wahrnehmung, Erinnerung und Bewusstsein – Bestätigungsfehlschluss, Regression zur Mitte, post-hoc-Fehlschluss, Täuschung aus Zuversicht, Risikorechtfertigung, Beeinflussbarkeit, Erwartungsfehlschluss und dem Unvermögen, viele Variablen zu betrachten. Es gibt auch unterschiedliche und subjektive Effekte (abhängig von den Symptomen, die behandelt werden), die aus einer verbesserten Stimmung und Zukunftsaussicht resultieren.

Aus all diesem zu schließen, dass die Behandlung „gewirkt“ habe, wenn auf eine Behandlung anscheinend eine Besserung von Symptomen folgen, ist so, wie zu folgern, dass die psychischen Kräfte eines Hellsehers „gewirkt“ haben, wann immer seine zufällige Auswahl zutrifft. Deshalb sind anekdotische Erfahrungen so wertlos, um zu beurteilen, ob eine Behandlung gewirkt hat. Genauso wertlos wie die subjektive Erfahrung eines Opfers von Cold Reading dafür, herauszufinden, ob die Kräfte eines Hellsehers echt sind.

Jedoch ist sogar für viele Skeptiker Letzteres nachvollziehbarer als das Erstere. Es ist schwierig, das Gefühl zu erschüttern, dass die Behandlung irgendwie gewirkt haben müsse, wenn sich jemand besser fühlt.

Dieser „Bei mir hat es gewirkt-Fehlschluss“ wird uns wahrscheinlich immer erhalten bleiben. Geschichten sind überzeugend und unsere eigenen ganz besonders. Das ist einfach so, unser Gehirn arbeitet so. Wenn wir etwas essen und uns wird danach schlecht, werden wir diese Speise in Zukunft vermeiden. Wenn wir uns einer Behandlung unterziehen und uns hinterher besser fühlen, dann wird das Gefühl, dass die Behandlung dafür die Ursache war, verstärkt und schwerlich mit trockenen Daten zu entkräften sein.

Das trifft sogar auf Behandlungen zu, deren Wirksamkeit erwiesen sind. Wir können einfach in keinem Einzelfall wissen, ob eine Behandlung wirksam war oder nicht, weil wir nicht wissen können, was ohne diese Behandlung geschehen wäre. Wir können nur statische Aussagen machen die auf klinischen Daten beruhen.

Rational in Statistiken zu denken anstelle von Anekdoten-Schildern, ist nicht Teil der menschlichen Komfortzone! ->hier mehr darüber lesen

Der Autor Dr. Steven Novella ist Arzt und Skeptiker in den USA und schreibt für den weltweit renommierten Medizinblog Science-Based Medicine als dessen Gründer.

Übersetzt aus dem Englischen vom INH. Der Originaltext findet sich unter: The „It worked for me“ Gambit.

(Grafik: Dr. Steven Novella)

Homöopathie – das Geschäft mit dem Placebo

Links im Bild zwei Globuli mit der Unterschrift

Placebo- bzw. Nocebowirkungen gibt es nicht nur in der Medizin. Diese Wirkungen begleiten uns im täglichen Leben immer und überall und sind an sich nichts Schlechtes. Das Ambiente eines Lokals lässt das Schnitzel besser schmecken und wenn „Kaffee“ und nicht „Café au lait“ in der Getränkekarte steht, wird man den Geschmack kritischer beurteilen. Die Tücke der Placebo-/Noceboeffekte ist, dass es sich nicht um subjektive „Einbildungen“, oder um scheinbare Effekte handelt, sondern es handelt sich um objektiv messbare bzw. beobachtbare Veränderungen. Die Wirkung ist real. Die besondere Tücke dieser Wirkungen in der Medizin liegt darin, dass sie in Medizin und Pseudomedizin gleichermaßen wirkungsvoll positiv wie negativ auftreten.

Nun liegen aber den Placebo- und Nocebowirkungen keine bestimmten Einzelursachen zugrunde. Es besteht kein kausaler „physikalisch-chemischer“ Zusammenhang. Es ist egal, mit welchem Schauspiel oder Mittel gearbeitet wird. Die Placebo- und Noceboeffekte sind weder spezifisch stofflich kausal bedingt, noch können sie durch bestimmte Ereignisse oder Handlungen einfach nach Belieben realisiert werden. Die positiven Placebo- und „vice versa“ negativen Nocebowirkungen resultieren aus dem gesamten Spektrum der Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen jedes Einzelnen vor dem Hintergrund seiner religiösen und weltanschaulichen Ansichten, seiner Bildung inklusive seiner ganz subjektiven Lebens- und Krankheitserfahrungen. All das konditioniert. Placebo- und Nocebowirkungen können buchstäblich mit allem hervorgerufen werden, sofern es „psychologisch“ für den Einzelnen bedeutsam ist, oder – salopp formuliert – dem Bauchgefühl entspricht.

Wir messen, ob wir wollen oder nicht, bewusst und unbewusst dem gesamten Geschehen, den diversen Arzneimitteln, dem therapeutischen Schauspiel, den beteiligten Menschen, der Umgebung, kurzum allen Dingen und Ereignissen, höchst persönliche „Bedeutungen“ bei, die eben zu Placebo- bzw. Noceboeffekten beitragen. Diese beigemessenen Bedeutungen sind subjektiv und Vorurteile. Man orientiert sich daran und selbstverständlich können diese dann auch im Sinne von Placebo und Nocebo wirksam werden und das passiert auch mitunter sehr spektakulär. Und genau hier setzt die „Werbung“ an. Professionelle Werbepsychologen wissen genau, wie und mit welchen Bildern sie ihr Zielpublikum erreichen und in ihrem Sinne beeinflussen können. Und das passiert auch täglich medienweit.

Der Placeboeffekt ist einer der Hauptdreh- und Angelpunkte in Diskussionen um Pseudomedizin. Auch der Homöopathie als bekannteste Pseudomedizin macht der Placeboeffekt die Wirkung streitig. Die fehlende naturwissenschaftlich begründete Kausalität wird durch modisches pseudowissenschaftliches Geschwurbel ersetzt und je nach Kundschaft auch durch Engel und dergleichen mehr, wenn man den Wohlfühl- und Lebenshilfebereich als Randgebiet der Medizin mit einbezieht.

Nun wird der Placeboeffekt als Hoffnungsträger für Pseudomedizin entdeckt und erhält eine völlig irrige Bedeutung. Man schwindelt sich nicht mehr über diesen Effekt hinweg, sondern vermarktet damit gezielt Pseudomedizin und auch Homöopathie. Placebo sei gleich einem Arzneimittel, aber eben sanft und nebenwirkungsfrei. Man muss, vereinfacht gesprochen, nur eine Placebotablette schlucken oder Homöopathie anwenden. Eine naive und unerfüllbare Wunschvorstellung. Wenn eine Anwendung sehr verbreitet ist, oft angewendet wird und das Anwendungsgebiet vornehmlich harmlose, vorübergehende und selbstheilende Beschwerden betrifft, dann wird es auch entsprechend viele und auch sensationelle „Erfolge“ geben. Aber wie beeindruckend auch immer, es sind Placebowirkungen und die Wirkungen sind dementsprechend begrenzt.

Die Entdeckung der Placebowirkung

Franz Anton Mesmer propagierte gegen Ende des 18. Jahrhunderts den „animalischen Magnetismus“. Seine Behandlungen waren spektakulär, der „Mesmerismus“ boomte. Benjamin Franklin konnte jedoch im Jahre 1784 als Mitglied der königlichen Untersuchungskommission in Paris demonstrieren, dass diese „Behandlungserfolge“ dann und nur dann auftraten, wenn die Versuchspersonen auch wussten, dass tatsächlich „mesmerisiert“ wurde. Wurde das „heilende“ Schauspiel mit den Magneten versteckt, also verblindet durchgeführt bzw. unterlassen, war es mit den sensationellen Wirkungen vorbei. Benjamin Franklin gelang sozusagen der erste dokumentierte Nachweis der Placebowirkung. Damals nannte man „Imagination“ als Ursache.

Benjamin Franklin zeigte, dass der Erfolg ärztlicher Handlungen auf zwei Ursachenketten beruhte. Die Wirkung kann im Glauben an den Therapeuten bzw. sein therapeutisches Schauspiel, seine Methode und sein Mittel liegen sowie in der Methode und im Mittel selbst, falls eine stofflich kausal bedingte Wirkung überhaupt existiert.

Evidenz kontra Eminenz und Pseudomedizin

Seit damals wurde zwischen „physischen“ und „psychischen“ Wirkursachen getrennt. Bis dahin stellte sich die Frage nach einer kausalen Wirkung nicht. Man sah nur, dass es wirkte und das genügte. Von nun an entwickelte sich die wissenschaftliche Medizin. Mittel oder Therapien wurden erst dann als „richtig“ wirksam angesehen, wenn nachgewiesen werden konnte, dass ihre Wirkung unabhängig von Erwartungen und Glauben Erkrankter und Ärzte eintrat. Durch bloße „Imagination“ zu wirken bzw. zu heilen, war damals schon suspekt.

Diese Enttarnung des therapeutischen Schauspiels bzw. des Schauspielers Arzt als wirksame Komponente der damals als Hysterie bezeichneten Erscheinung, war aber auch eine Bestätigung für Wirkungslosigkeit bzw. Wirkung „jenseitiger“ Heilkräfte in der Medizin.

Man muss sich vor Augen halten, dass Jahrtausende hindurch beim Heilen das Erflehen himmlischen Wohlwollens unerlässlicher Bestandteil der Medizin war. Ein Heilmittel allein konnte gar nicht richtig wirken, wenn es nicht mit entsprechenden Heilsprüchen angewendet wurde. Heilen war immer ein umfangreiches Ritual, das bis ins Jenseits reichte. Der Arzt bzw. seine Heilkunst konnten nicht allein heilen, sie konnten immer nur einen Teil zur Heilung beitragen. Franz Anton Mesmer behauptete nicht, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen, aber sein therapeutisches Schauspiel war gleich wirksam bzw. unwirksam wie ein himmlisches Schauspiel. Das Charisma des Heilers musste nur gleich beeindruckend sein wie die wunderkräftige Reliquie in einer Wallfahrtskathedrale.

Diese Erkenntnis veränderte die Entwicklung der Medizin nachhaltig. Seit dieser Zeit wird in der Medizin zwischen einer Begründung auf Evidenz und Eminenz unterschieden. Lange galt, was Eminenzen für richtig hielten. Heute ist die auf Evidenz basierte Medizin Standard. Sie beruht auf naturwissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine persönliche Beobachtung einfach nicht als Beweis genügt, um eine ursächliche Wirkung bzw. einen ursächlichen Zusammenhang behaupten zu können.

Heute ist es nicht mehr Teil der Medizin bzw. der ärztlichen Heilkunst, überirdische himmlische Mächte anzurufen. Kein Arzt wird seinen Patienten verbieten zu beten, aber er wird ganz sicher nicht das Beten von drei „Vater unser“ verordnen oder gar einen Exorzismus vorschlagen, der ja nach wie vor von der katholischen Kirche praktiziert wird. Und genauso wenig, wie ein himmlisches Schauspiel eine spezifisch wirksame Medizin ersetzen kann, kann es auch ein therapeutisches Schauspiel nicht. Und geistartige Kräfte in Arzneimitteln, wie Hahnemann noch dachte, gibt es nicht.

Aber die nur auf „Eminenz“ basierte Medizin, deren Wirksamkeit auf dem guten Ruf beruht, verschwand nicht. Im Gegenteil, sie lebt bis heute in der alternativen, komplementären und so genannten ganzheitlichen Medizin fort. Hier rechtfertigt man sich nach wie vor ausschließlich mit den subjektiven Beobachtungen und Aussagen von Eminenzen, den behandelnden Ärzten und Geheilten. Die Anekdoten werden mit dem Hinweis, dass die Wirksamkeit wissenschaftlich nicht erwiesen ist, juristisch abgesichert. Die Heil-Anekdoten entsprechen den Votivtafeln in Wallfahrtskirchen. Und eine evidente Wirkung ist aber nach wie vor nicht Voraussetzung für eine gesetzliche Zulässigkeit.

Für die auf Heilung hoffenden Erkrankten ist das ohne Bedeutung. Sie vertrauen auf Eminenz, sie erliegen dem Ruf. Für sie sind einzeln berichtete Heilungen bzw. das Ansehen der Beteiligten beweisend. Die Bedeutung, die Ärzten, medial präsenten Persönlichkeiten und Erzählungen spektakulärer Heilungen beigemessen wird, wiegt schwerer als naturwissenschaftlich begründete Beurteilungen. Das therapeutische Schauspiel, die besondere Fürsorge, die Empfehlung und nicht zuletzt der Ruf ohne Technik, ohne Chemie, biologisch, natürlich etc. zu sein, zählen mehr und wirken als Placebo.

Der von seiner Methode überzeugte Arzt oder Guru sieht die Erfolge bei seinen Patienten und Klienten. Diese bestärken ihre Behandler wiederum in ihrem Glauben, kausal wirksam zu behandeln. Man spricht hier im Fachjargon von einer performativen Täuschung. Die Selbsttäuschung von Patienten und Ärzten verstärkt sich gegenseitig. Und ein guter Arzt wird seinen Patienten Hoffnung machen. Er kann und muss vor den Patienten nur wirksam therapieren. Vom Hoffnung machen für den Patienten ist es aber nur ein kleiner Schritt zum Glauben an eine tatsächliche Wirkung seiner Behandlung auch bei lebensbedrohenden Erkrankungen.

Bekanntestes Beispiel für eine solche „Medizin“ ist die Homöopathie. Die performative Täuschung ist Grundlage und Kennzeichen der Homöopathie. Die homöopathische Art zu arbeiten, ihre Performance begünstigt Selbsttäuschung. Das wirksame therapeutische Schauspiel beginnt mit der Anamnese. Behandelt wird jedes kleine Wehwehchen und entgegen aller Beteuerungen wird die Homöopathie auch bei lebensbedrohenden Erkrankungen anstelle erwiesenermaßen wirksamer medizinischer Behandlung empfohlen. Am Ende „heilen“ Homöopathen ohne Grenzen Ebola mit Zuckerkügelchen in Afrika.

Bis heute fehlt ein valider Wirkungsnachweis. Ja, und es gibt keine Beweise für das Phänomen Homöopathie an sich. Der legendäre Nürnberger Kochsalzversuch anno 1835 und die zahlreichen Metastudien bis heute sind klar negativ. Die Qualität positiver Studien ist meist zweifelhaft und negative Studienergebnisse werden von Homöopathen negiert oder mit eigenwilliger Statistik höchst professionell uminterpretiert. Abgerundet wird mit vorgeblich „wissenschaftlichen“ Erklärungen zur Wirkungsweise der Homöopathie. Diese sind naturwissenschaftlich betrachtet Nonsens. Es wird Science-Fiction-Wirkung erklärt. Derartige Mittel und Methoden lassen sich nicht objektivieren. Die Placebowirkung fußt auch und gerade in der auf Eminenz basierten Medizin und ist damit Bindeglied zwischen Medizin und Pseudomedizin. In der Medizin werden Erfolge und Misserfolge untersucht und aufgeklärt. Das führt zu neuen Erkenntnissen. In der stets dogmatischen Pseudomedizin gibt es nichts aufzuklären. Sie hat daher auch nichts zu unserem heutigen erprobten und bewährten Wissensstand beigetragen. Der alternative Wissensfortschritt ist Null.

Der Zauberstab „Eminenz“ von einst wirkt immer noch

Franz Anton Mesmer machte seinerzeit weiterhin gute Geschäfte. Seine Patientinnen blieben ihm treu. An diesem Szenario hat sich bis heute nichts geändert. Die Therapien und Mittel haben im Laufe der Zeit alle möglichen und unmöglichen Formen angenommen. Magnete und Hochspannungsfunken wurden von Informationen, Bioresonanzen, Quanten und dergleichen Missbrauch von physikalischen Begriffen abgelöst. Die Evidenz für die Wirkung fehlt. Die postulierten Wirkmechanismen stehen im Widerspruch zu allen gesicherten und erprobten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und viele dieser Universalmittel sind darüber hinaus auch gelegentlich schädlich bis akut lebensgefährlich. Der Bogen reicht von unwirksamen energetischen Kuren bis z.B. zur „Germanischen Neuen Medizin“. Die letzten Seiten von Gratiszeitungen und Bezirksblättern sind voll mit Reklame dafür. Einstein ist für eine Gravitationswellentherapie gerade gut genug.

Für eine Unzahl neuerer Mittel und Methoden wird Wirkung mit illustren Persönlichkeiten und eindrucksvoller Reklame erzeugt, ohne irgendwelche validen Beweise für eine Wirksamkeit jenseits Placebo vorlegen zu können. Nahezu die gesamte alternative, komplementäre und ganzheitliche Medizin beruft sich bis heute ausschließlich auf die einmalige Eingebung von Gründern und die positiven Berichte der Behandler und der Behandelten. In entsprechenden Sendeformaten wie Dokumentationen, Gesundheitsbeiträgen usw. erscheinen regelmäßig charismatische Persönlichkeiten und verheißen mit stets verblüffend einfachen Therapien oder Mitteln alles heilen zu können bzw. auch geheilt worden zu sein. Kritik ist dabei wenig gefragt. Sie dient meist nur als Feigenblatt für den Anstrich, kritisch und objektiv zu berichten.

Die Homöopathie des Zeitgenossen Hahnemann überlebte bis heute. Und jeder der will, darf seinem pseudomedizinischen Treiben das Etikett „Homöopathie“ verpassen. Mittlerweile werden auch Tiere, Pflanzen und Weltmeere homöopathisch behandelt. Und auch dagegen haben namhafte Homöopathen nichts einzuwenden. Man heilt und sonst nichts.

Realismus als Chance?

Die Zeichen stehen schlecht. Alles, und sei es auch noch so unsinnig, kann und wird etwa als Medizinprodukt zertifiziert. Das heißt, dass Regeln verbindlich festgelegt werden, nach denen produziert und gearbeitet wird. Die Juristen stört es nicht, ob medizinische Produkte oder Methoden, die auf den Markt kommen, unserem bewährten und erprobten naturwissenschaftlichem Kenntnisstand entsprechen sowie auch nachweislich wirksam und sinnvoll sind. Sie dürfen halt nicht „schädlich“ sein und nur von behördlich befugten Personen verkauft oder angewendet werden. Eine Heilpraktikerin unterscheidet sich von einem afrikanischen Schamanen vor allem durch den Besitz einer Registrierkasse und ihrer Mitgliedschaft in der Wirtschaftskammer. Viele approbierte Ärzte sind diplomierte Homöopathen. Die Grundlagen der Pseudomedizin Homöopathie jedoch sind gleich unsinnig wie die Grundlagen der Energetik. Aber die Ärzte sind Mitglieder der Ärztekammer und Energetiker der Wirtschaftskammer. Dieser Unterschied ist gravierender.

Alle Fakten sprechen gegen die Homöopathie. Sie ist Pseudomedizin, Aberglauben und Big Business im Gesundheitssektor. Homöopathie ist eine lukrative Gesundheitslotterie. Zu gewinnen gibt es nur kleine Placebos. Viele Menschen und besonders junge Mütter und Hebammen verbinden Homöopathie mit biologisch, sanft, natürlich und sehen in ihr eine Ergänzung und auch eine Alternative zur Medizin. Dieses Phänomen können Psychologen erklären und Werbefachleute lassen sich dafür bezahlen. Das lukrative Bauchgefühl fällt nicht vom Himmel.

Die aufgeklärte Gesellschaft muss sich einmal mehr entscheiden, welche Art von Heilung erlaubt ist und dem Patientenschutz in einer zivilisierten Gesellschaft entspricht. Evidenz, Eminenz und auch Pseudo sind für Laien nicht klar erkenntlich getrennt. Will man wirksame Arzneimittel oder Therapien mit nachprüfbarer Wirkung oder ist es auch rechtens, Heilrequisiten für einen volksmedizinischen Aberglauben und Pseudomedizin in Ordinationen und Apotheken anzubieten?

Hahnemann starb am 2. Juli 1843 in Paris.

 


(Der Autor Dr. Edmund Berndt ist Apotheker im Ruhestand und Autor des Buchs „Der Pillendreh. Ein Apotheker packt aus“, Edition Vabene, 2009)

Foto: Susanne Aust für das INH

Medizin und Homöopathie – warum nicht beides geht

 „Für mich besteht die Medizin nicht nur aus Wissenschaft, sondern auch aus Heilkunst. Erst beides zusammen ist gute Medizin. Leider fehlt bei konventionellen Ärzten oft die Kunst.  Und bei der Alternativmedizin fehlt oft die Wissenschaft. Beides ist schlecht, weil es für den Patienten nicht optimal ist.“ (Edzard Ernst)

Viele Homöopathen machen sich dafür stark, dass Homöopathie und Medizin sinnvoll miteinander kombiniert werden müssten, dass sie Hand in Hand zusammenarbeiten sollten und sich gut ergänzen würden. Auch viele Patienten wünschen sich, dass Homöopathie und „Schulmedizin“ doch endlich das Kriegsbeil begraben und sich beide gemeinsam um sie kümmern mögen.

Sogar der ehemalige Ärztepräsident Hoppe meinte, es müsse eben das Beste aus „zwei Welten“ kombiniert werden, wir bräuchten einen „Pluralismus in der Medizin“ und gerade zur Beurteilung der Homöopathie sei die Wissenschaft eben „noch nicht weit genug“ – bis das der Fall sei, müsse man Toleranz walten lassen. Oft klingt es auch von anderer Stelle so, als gäbe es eben zwei Meinungen: Die einen hätten die Wunder der Homöopathie am eigenen Leib erlebt und zweifelten deshalb nicht an ihrem Erfolg und ihrer Wirksamkeit, die anderen hätten diese Erfahrung „noch“ nicht gemacht und wären deshalb dagegen. Vor diesem Hintergrund zu begreifen, dass die Frage „Wirkt die Homöopathie oder wirkt sie nicht?“ längst beantwortet ist und dass es heute wirklich nicht mehr um eine Kombination von Homöopathie und Medizin gehen kann, ist nicht leicht.

Natürlich hat die Homöopathie eine Wirkung, nicht einmal Kritiker bezweifeln dies. Jedoch, und das ist ganz entscheidend, es gibt keine Wirkung, die spezifisch und kausal durch die Inhalte der Globuli, durch Medikamentenbild und Lebenskraft bestimmt wäre. Es wirken psychologische Momente, es wirkt die Zeit, die bekanntlich vieles heilt, es gibt glückliche Zufälle und es gibt Effekte, die durch den Glauben und die Hoffnung an eine Wirksamkeit zu einer Heilung beitragen können (Placebo- und Kontexteffekte). Es treten Suggestionen und Autosuggestionen beim Therapeuten und beim Patienten auf. Manchmal sogar beides in Personalunion vereint, wenn man sich selbst homöopathisch behandelt. Das alles aufzudröseln ist viel komplexer als zu sagen: „Ich hab halt die Erfahrung gemacht, dass es nach den Globuli besser war. Also muss die Homöopathie ja wirken. Punkt!“.

Und während die Homöopathen Kritikern und Wissenschaftlern gerne vorwerfen, sie wollten sich nicht weiter mit dem Warum beschäftigen, so müssten sie sich hier mal an die eigene Nase fassen. Kritiker gestehen der Homöopathie durchaus eine Wirkung zu und können diese auch mit dem heutigen Wissen schlüssig und ausreichend erklären. Das haben Homöopathen in 200 Jahren Homöopathie-Geschichte nicht geschafft. Homöopathen behaupten einfach, dass es an etwas anderem liegen müsse, das noch nicht gefunden sei („Energie“, „Information“, „Wassergedächtnis“). Dabei übersehen sie, dass so etwas nicht gefunden werden kann. Auch in Zukunft nicht. Warum? Siehe z.B. hier und hier.

Bekanntermaßen ist die Homöopathie beliebt als „Alternative“ zum zeitknappen medizinischen Alltag. Homöopathen fragen Dinge, die Patienten noch nie gefragt worden sind und geben ihnen damit das Gefühl, verstanden zu werden, als Menschen, als „Ganzes“. Das Anamnesegespräch ist eine Art Psychotherapie-light (jedoch ohne die Professionalität eines ausgebildeten Psychotherapeuten). Patienten fühlen sich meist warm verstanden und schon dadurch geht es ihnen besser. Heute besteht jedoch kein Zweifel: Neben den Suggestionen aus dem intensiven Kontakt mit dem empathischen Homöopathen und den Globuli als eine Art „Träger“, einem  „Botschafter“ dieser (Auto-)Suggestionen, bietet die Homöopathie nichts, das wir als Medizin bezeichnen könnten. Schon gar nicht ist sie eine Arzneitherapie, als die sie von den homöopathischen Verbänden propagiert wird. Es gibt inzwischen etwa 300 klinische Studien zur Homöopathie, die den Standards der evidenzbasierten Medizin einigermaßen entsprechen und die besten dieser Studien zeigen: Homöopathie wirkt nicht besser als Placebo. Es gibt jedoch auch eine gute Studie, die untersucht hat, ob dabei wirklich die Globuli „wirken“ oder ob es nicht vielmehr das therapeutische Setting der Homöopathie ist. Was, glauben Sie, kam heraus?

Die Medizin könnte von der Homöopathie viel lernen – und zwar in der Art, wie sie mit Patienten umgeht. Medizin ist nicht nur Wissenschaft, sie ist auch Heilkunst. Erst beides zusammen ergibt gute Medizin. Gute Medizin besteht nicht mehr aus Humbug und unhaltbaren Heilsversprechen, sondern gründet sich auf aktuelles Wissen und einen guten Umgang mit Patienten. Patienten haben Anspruch auf beides und nicht auf ein Entweder-Oder. Wirkt etwas nachweislich, so wird es in die normale Medizin aufgenommen. Wirkt es nicht, so hilft es Patienten auch nicht wirklich weiter. Tut Patienten etwas gut, das nichts mit einer  pharmakologischen Wirksamkeit (Medizin) zu tun hat, so sollte uns das interessieren. Und das tut es ja auch. Viele psychologische Zusammenhänge erklären heute gut, warum sich Patienten bei der Homöopathie gut aufgehoben fühlen, warum sie Erfolge wahrzunehmen meinen und warum dies der Sehnsucht entspricht, die Menschen in Notsituationen und bei Krankheiten noch mehr haben als sonst: der Sehnsucht, es möge sich jemand gut um sie kümmern.

Homöopathie ist eine Methode, die ausschließlich auf Placebo- und anderen Kontext-Effekten beruht. Homöopathen sind oft sehr gut im Maximieren dessen, was als die Kunst in der Medizin bezeichnet wird. Die Homöopathie kann jedoch niemals eine optimale Behandlungsform sein, die doch stets aus Kunst und Wissenschaft bestehen muss. Um es krass auszudrücken und auf den Punkt zu bringen: Wer ausschließlich auf Kunst zurückgreift, bringt seine Patienten um einen wesentlichen Bestandteil des ihm zustehenden therapeutischen Effekts. Letztlich verstößt ein solches Verhalten gegen die medizinische Ethik.


(Die Autoren Prof. em. Edzard Ernst und Dr. med. Natalie Grams sind beides Ärzte. Dr. Grams ist voll ausgebildete Homöopathin, Prof. Ernst hat als Homöopath praktiziert und danach viele Jahre die Homöopathie beforscht. Sie kennen „beide Welten“ und wundern sich häufig, warum Homöopathen nicht bereit sind, sich dem Wissen der heutigen Zeit anzuschließen und damit wirklich gut für ihre Patienten zu sorgen.)


Foto: Pixelio 718103 Tim Reckmann und Wikipedia Commons Daderot

Über Apothekenpflicht und lateinische Bezeichnungen der Homöopathika

Irreführende lateinische Bezeichnungen für Homöopathika helfen Patienten nicht weiter

Die Kennzeichnung der Ausgangs- bzw. Inhaltsstoffe homöopathischer Zubereitungen ist derzeit unzureichend und irreführend. Nur Fachleute können mit den üblichen lateinischen Bezeichnungen und Kürzeln zurechtkommen. Wenn nur die lateinische Fachbezeichnung angeführt ist, können Patienten sich nur unzureichend selbst informieren, auch, weil sie durch Eingabe der Fachbezeichnung fast ausschließlich zu Informationen gelangen, die von interessierter Seite bereitgestellt und dementsprechend einseitig sind.

Eine möglichst allgemeinverständliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe ist mit der derzeitigen Nomenklatur nicht gegeben. Wie soll die mündige Bürgerin, bzw. der mündige Bürger sich ein Urteil bilden können, wenn von vornherein nicht in Deutsch (der hier vorherrschenden gebräuchlichen Muttersprache) angeführt ist, woraus die Homöopathika hergestellt sind? Eine zusätzliche englische Bezeichnung wäre durchaus auch anzudenken. Grundsätzlich sollte eine deutsche oder englische Bezeichnung selbsterklärend sein.

Die fachlateinische Bezeichnung „Excrementum canis“ ist nicht jedem verständlich. Es sollte „Hundekot“ und am besten auch die Gewinnung, bzw. Herkunft desselben zusätzlich in Deutsch als Erläuterung dabei stehen. Dann wäre dieses Mittel für jeden charakterisiert.

Hier einige weitere Beispiele zur Erläuterung:

  • Asa foetida: Hier sollte erläuternd angeführt sein „Gummiharz des Stinkasant (Teufelsdreck)“. Auch die verwendete Pflanze und der Pflanzenteil sollten charakterisiert werden. Also Baum, Strauch, Kraut, Gras und weiters Rinde, Zweige, Blätter, Wurzeln usw., natürliches Vorkommen und allfällige besondere Merkmale wie z.B. Giftpflanze, falls erforderlich.
  • Radium bromatum (Radiumbromid): Hier ist die Bezeichnung eindeutig nicht ausreichend. Es fehlt der Hinweis auf die Radioaktivität. Es sollte dann in etwa heißen: Salz des radioaktiven Erdalkali-Elements Radium mit Bromsäure. Außerdem entspricht die lateinische Nomenklatur chemischer Verbindungen nicht der üblichen Chemienomenklatur. Wie beispielsweise auch in diesem Falle hier: es gibt es auch ein Radiumbromat nach der üblichen Chemienomenklatur, welches mit dem Radium bromatum nicht identisch ist. Dies sorgt – gerade beim Interessierten, der versucht, sich zu informieren – für zusätzliche Verwirrung.
  • Malandrinum: Hier ist die deutsche Angabe „Nosode der Pferdemauke“ nicht ausreichend. Es sollte erstens der Begriff Nosode („krankmachender Erreger“) erläutert werden und zweitens die Pferdemauke (Dermatitis erythematosaDermatitis madidans). Also: eine bakteriell bedingte Hautentzündung in den Fesselbeugen des Pferdes.

Auch die Potenzangaben bedürfen einer Erläuterung. Es sollte zumindest dabeistehen, dass z.B. D23 einer chemischen Verdünnung von 1 zu 10²³ (einer 1 mit 23 Nullen) entspricht.

Bislang steht nur der Erzeuger und eine Chargen-Nr. auf den Gebinden. Es finden sich überhaupt keine Angaben über die Herkunft, Gewinnung usw.

Heute hat der Konsument das Recht, zu wissen, woher sein Frühstücksei kommt und Erzeuger und Händler müssen dies deklarieren. Es ist daher nicht einzusehen, dass im Falle homöopathischer Zubereitungen im Vergleich dazu gar nichts angeführt ist.

Hier merken Homöopathen jedoch meist an: In homöopathischen Mitteln sei ja gar nichts mehr von der Ursprungssubstanz enthalten, also sei die Kennzeichnung nicht so nötig. Sie würde Patienten vielmehr unnötig verwirren oder gar ängstigen oder zu negativen Wirkungen führen.

Das wundert uns, denn es bedeutet im Klartext, dass Homöopathen sagen: In homöopathischen Mitteln wirkt also nicht das, was tatsächlich drin ist, sondern das, was irgendwann mal drin war. Weil das aber schon längst nicht mehr drin ist, bedarf es auch keiner eindeutigen Information über das, was mal drin war, eben weil es nicht mehr drin ist. Wäre es aber noch drin, würde sich der Patient wohl berechtigterweise davor fürchten. Und damit der Patient sich nicht fürchtet, verwenden die Homöopathen eine tote Sprache (meist auch noch in Abkürzungen) zur obligatorischen Patienten-Information. Wobei diese aber überhaupt nicht dazu dient, zu informieren, weil der Patient besser nicht erfährt, was er verordnet bekommt (zumal ja davon ohnehin nichts mehr vorhanden ist), denn vor dem, was er da verordnet bekommt, würde der Patient sich fürchten. Oder ekeln. Und das soll er nicht, weil dadurch der Nocebo-Effekt hervorgerufen werden könnte. Wir finden: Wenigstens hier sollte die Homöopathie ehrlich bleiben und sich von ihrem Blümchen-Credo lösen!

Lateinische Kürzel adeln Placebo-Zuckerkugeln zu Medikamenten

Das Bestehen auf der lateinischen Verklausulierung hat jedoch auch einen weiteren, für Homöopathen äußerst bedeutsamen Hintergrund: Die für den Patienten nicht oder nur beschränkt nachvollziehbaren Benennungen homöopathischer Arzneien sind ein wesentlicher Aspekt der Apothekenpflicht homöopathischer Mittel, weil sich daran eine Informationspflicht und -möglichkeit durch den Apotheker knüpft. Die Information für den Patienten, das wissen wir mittlerweile, interessiert aber Homöopathen offenbar leider weitaus weniger, als die Tatsache, dass die Zuckerkügelchen durch den ausschließlichen Verkauf in der Apotheke nicht nur eine Aufwertung als Produkt erhalten, sondern dies auch eine der Rechtfertigungen für ihre Erstattungsfähigkeit durch die Kassen ist.

Im Grunde ist es ja ein enormer Widerspruch, einerseits die wissenschaftliche Medizin mit ihren Institutionen grundsätzlich abzulehnen, andererseits trotzdem darauf zu bestehen, als Pharmakotherapie wahrgenommen zu werden. (Auch die Strategie, die Homöopathen veranlasst, sich trotz ihrer ständigen Kritik an wissenschaftlicher Methodik im universitären Milieu etablieren zu wollen, fällt in das gleiche Kapitel – aber das nur am Rande).

Wie wichtig im Übrigen den Homöopathen die Apothekenpflicht ihrer Arzneien ist, zeigt ein Antrag des Homöopathie-Produzenten Pflüger aus 2009 beim Sachverständigen-Ausschuss für Apothekenpflicht, bei dem es darum ging, alle homöopathischen Traditionsmittel, die sich nach § 109a AMG im Status „freiverkäuflich“ befinden, in den Status „apothekenpflichtig“ zu überführen. Der Antrag wurde allerdings abgelehnt.

Insgesamt kann man davon ausgehen, dass ein möglicher Wegfall der Apothekenpflicht durch allgemeinverständliche Bezeichnungen den Homöopathen ein Graus wäre:

Hatte man doch bei der Arzneimittel-Sicherheit dienenden Novellierung des Arzneimittelgesetzes 1978  das unvergleichliche Kunststück geschafft, einen Parallel-Standard zu etablieren, bei dem Wirksamkeitsnachweise durch Wirksamkeitsvermutung und systematisierte Kontrollen durch den Binnenkonsens der jeweiligen Therapierichtung ersetzt wurden. Und alles nur, um einerseits Arznei zu bleiben, aber andererseits so gut wie keine der damit verbundenen Verpflichtungen erfüllen zu müssen!

Für ein Ende dieses Missstandes setzen wir uns ein. 
Homöopathika sollten keine lateinischen Bezeichnungen mehr tragen und von der Apothekenpflicht ausgenommen werden. Gegen einen Verkauf in der Süßwarenabteilung im Supermarkt haben wir nichts einzuwenden.


(Autoren: „excanwahn“ , Dr. med. Natalie Grams, Mag. pharm. Dr. phil. Edmund Berndt, Apotheker im Ruhestand und Autor des Buchs „Der Pillendreh“, Edition Va bene, 2009)


Foto: Steffen Rach

Was sagt die Physik zur Homöopathie? (Und warum hat sie etwas dazu zu sagen?)

Partikel

Einer der prominentesten Befürworter der Homöopathie, Prof. Dr. Dr. Harald Walach, ehemaliger Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) an der Universität Frankfurt/Oder erklärt: „Homöopathie ist meiner Meinung nach einfach sehr systematisierte Magie“ und „Homöopathie ist zunächst einmal Nichtstun mit Wohlwollen“.

Dieser Erklärung kann ich als Physiker voll zustimmen. Demnach wird bei der Behandlung die Suggestivwirkung des Arztes durch den Glauben an das Medikament unterstützt. Darüber hinaus betrachtet Walach die Homöopathie jedoch keineswegs nur als Placebo, sondern nimmt ihre spezifische Wirksamkeit an, die auf einer „Anomalie“ gegenüber der bisherigen Wissenschaft beruhen soll.

Ich sage als Wissenschaftler grundsätzlich nicht: Das geht nicht, oder das gibt es nicht, sondern ich nehme an, die Gegenseite habe recht. Ich zähle dann, wie viele Nobelpreise im Falle der Richtigkeit fällig wären. Ein Nobelpreis ist fällig, wenn der Entdecker etwas herstellt, das es nach der bisherigen Lehrmeinung gar nicht geben sollte. Beispiel: Es war allgemein akzeptierte Lehrbuchaussage, dass es keine Kristalle mit fünfzähliger Symmetrie gibt. Dann zeigte Dan Shechtman, dass bestimmte Stoffe bei bestimmten Temperaturen doch fünfzählig sind und erhielt den Nobelpreis.

Worin besteht die Spannung zwischen Physik und Homöopathie?

Viele von der Homöopathie bemühte Phänomene fallen in den Bereich der Physik.

  • Succussionsphänomen

Hahnemann nimmt an, dass durch die „Potenzierung“, d.h. stufenweises Verdünnen mit dazwischen geschaltetem Schütteln (lat. succussio) etwas qualitativ anderes entsteht als durch einfaches Verdünnen in einem Zug. Er nennt dies „geistartige Kraft“. Ein derartiges Phänomen ist der heutigen Physik und Chemie unbekannt.

  • Abwesenheitsphänomen

Betrachten wir das häufig verwendete Homöopathikum Belladonna D30. D30 heißt, dass 30 mal 1:10 verdünnt wurde.

Diese Verdünnung entspricht dem Auflösen eines Zuckerstückchens in einer Wassermenge, die in tausend Erdkugeln Platz hat. Vergleichen Sie das Becken, in dem Gläser gespült werden, mit dem Volumen von tausend Erdkugeln, dann verstehen Sie meinen Satz: In keinem Restaurant wird Ihr Glas von den Spuren des vorigen Getränks und des vorigen Trinkers so perfekt befreit, wie ein Fläschchen Belladonna D30 von Belladonna. Wo Belladonna D30 draufsteht, ist kein Belladonna drin. Wichtig für die Homöopathie sind die Präparate in der Potenz C30, weil nach Hahnemann (§ 128 Organon) damit meist die Arzneimittelbilder festgestellt werden. Diese Arzneimittelbilder sind die Grundlage der homöopathischen Therapie. Die Homöopathie steht und fällt also mit der Herstellbarkeit und Wirksamkeit der C30-Präparate. C30 heißt, dass 30 mal 1:100 verdünnt wurde. Hier reicht nicht mehr das Wasser in Erdkugeln, hier kann man nur noch mit Milliarden von Galaxien rechnen.

  • Reinheitsphänomen

Nachdem wir wissen, dass in einem Hochpotenz-Homöopathikum „nichts drin“ ist, stelle ich die umgekehrte Frage: „Was ist drin?“ Was drin ist, sagt das Homöopathische Arzneibuch. Es schreibt vor, dass „gereinigtes Wasser“ und „Alkohol“ zu verwenden sind.

Wasser und Alkohol sind aber keineswegs völlig reine Substanzen. In manchen Gebieten enthält Wasser Kalk, in anderen Eisen. Der Alkohol enthält unterschiedliche Nebenbestandteile, je nachdem, ob er aus Weintrauben, Roggen, Kartoffeln, Reis, Mais, Zuckerrohr usw. hergestellt wurde. Auch die Art der Hefe hat einen Einfluss. Diese Nebenbestandteile werden mitpotenziert. Nach dem Europäischen Arzneibuch darf beim „gereinigten Wasser“ der Verdampfungsrückstand je 100 ml 1 mg betragen. Das entspricht D5. Außerdem darf gereinigtes Wasser je ml 100 Mikroorganismen enthalten.

Beim Alkohol beträgt der erlaubte Verdampfungsrückstand 2,5 mg je 100 ml. Dazu kommen die flüchtigen Bestandteile. Insgesamt darf die Summe der flüchtigen Bestandteile 300 ppm betragen. Das ist mehr als D4. Dies ist kein billiger Schnaps, sondern der Apotheker-Alkohol, mit dem die Homöopathika hergestellt werden.

Der Hersteller wird als Wasser bzw. Alkohol immer die Produkte verwenden, die am billigsten verfügbar sind. Je nach Marktlage ergeben sich so z.B. „Eisen in Kartoffel mit Mikroorganismen aus der Spree“ oder „Kalk in Zuckerrohr mit Mikroorganismen aus der Donau“.

Werden Streukügelchen korrekt nach § 270 Organon hergestellt, sind auch noch die Nebenbestandteile des Milchzuckers und des Fließpapiers enthalten.

Es entstehen somit völlig unterschiedliche Präparate, die nur zwei Dinge gemeinsam haben: Es steht Belladonna drauf. Es ist kein Belladonna drin. Also sind die auf diese Weise ermittelten Arzneibilder und die darauf beruhenden Bücher (materia medica und Repertorienbücher) falsch. Daher formuliere ich meine falsifizierbare These:

Im Hochpotenzbereich arbeiten die Homöopathen nicht nur mit falschen Medikamenten, sondern auch mit falschen Büchern

  • Medizin-Rezeptorenphänomen

Die heutige Medizin geht davon aus, dass die Medikamente als Materie im Körper an bestimmte Rezeptoren andocken. Da C30-Präparate keine Materie der Ausgangssubstanz enthalten, müsste der Körper über irgendwelche Sensoren für die „geistartige Kraft“ verfügen. Diese sind der heutigen Medizin unbekannt.

Dr. Ulrike Keim, Dozentin für Homöopathie im IntraG, hat das Arzneimittelbild von Marmor ermittelt, und zwar korrekt nach Hahnemann in der Potenz C30. Sie hat festgestellt, dass Marmor C30 Träume von Feen hervorruft.

Hierdurch ist der Weg zu einer Revolution von Physik, Chemie und Medizin frei. Ich habe mehrfach zu einer Reproduktion des Ergebnisses aufgerufen. Bei Erfolg sind die zugehörigen Nobelpreise fällig und Frankfurt (Oder) geht in die Geschichte der Wissenschaft ein wie Berlin-Dahlem durch die Entdeckung der Kernspaltung.

Zur Verdeutlichung: Wenn die Hochpotenzen keine für die Ausgangssubstanz spezifische Wirkung haben, können die Homöopathie-Pharmafirmen ihre Fabriken zuschließen. Man braucht nur noch ein großes Fass mit Lösungsmittel, aus dem man die Fläschchen ohne Etikett abfüllt. Je nach Verordnung des Arztes druckt dann der Apotheker das Etikett mit Natrium muriaticum D60 oder Luesinum C200. Das wirkt durch „Nichtstun mit Wohlwollen“.

Das Argument der falschen Bücher ist unabhängig vom Placebo-Effekt und trifft die Homöopathie ins Mark. Wenn meine These falsch ist, dann muss die Physik stärker geändert werden als durch Planck und Einstein, die Medizin stärker als durch Semmelweis und Koch – und zahlreiche Nobelpreise sind fällig.

Ich schreibe bewusst: „stärker geändert werden als durch …“. Planck und Einstein haben die Physik der Phänomene, die sie vorgefunden haben, nicht verändert; Dampfmaschine und Elektromotor funktionieren noch genauso wie vorher. Sie haben das Anwendungsgebiet der Physik erweitert auf Phänomene, die man vorher gar nicht herstellen konnte, weil man nicht die Geräte dafür hatte. Planck erweiterte die Physik auf die ganz kleinen Phänomene, Einstein auf die ganz großen.

Im Falle der Homöopathie sollen Phänomene auftreten, die seit 200 Jahren durch einfaches Verdünnen und Schütteln in jeder Apotheke hergestellt werden können. Wenn diese erklärt werden sollten, müsste die Physik stärker geändert werden als durch Planck und Einstein. Semmelweis hat gelehrt, dass an Leichen gebildete Stoffe Kindbettfieber verursachen; Koch hat gelehrt, dass einige Bakterien Krankheiten hervorrufen. In jedem Fall handelt es sich um die Wirkung von Materie. Bei der Homöopathie handelt es sich jedoch nicht um Materie, sondern nach § 128 Organon um „schlafend gelegne Kräfte“ oder in heutiger Ausdrucksweise um „Information“ oder „Schwingung“. Sollten diese auf den Menschen wirken können, müsste die Medizin stärker geändert werden als durch Semmelweis und Koch.

Die obigen Ausführungen bezogen sich auf den Mechanismus der Homöopathie. Wie steht es mit ihrem Wirkungsnachweis?

Hier argumentieren Befürworter und Kritiker der Homöopathie mit aufwändigen Studien und Metastudien, die sie mit großem Aufwand an Wissenschaftslogik und Statistik unterschiedlich interpretieren. Ich sehe die Sache einfacher:

Gibt es Beweise für die Wirksamkeit der Homöopathie? Das frage ich nicht die Skeptiker, sondern drei Wissenschaftler, die sich in einer sehr homöopathiefreundlichen Umgebung befinden:

  1. Die Carstens-Stiftung hat an der Charité in Berlin einen Stiftungslehrstuhl eingerichtet. Sie finanzierte für fünf Jahre eine Professur. Diese Professur hatte Claudia Witt, die in ihrer Habilitationsschrift feststellt: „Ein eindeutiger Wirknachweis homöopathischer Arzneimittel und die Formulierung eines Wirkmechanismus der homöopathischen Potenzen liegen bis heute nicht vor.“. Das ist ein Satz wie ein Hammerschlag. Offenbar haben weder die beiden Berichtenden, noch der Institutsdirektor Prof. Willich diesen Satz beanstandet.
  2. Vier Jahre später schreiben Witt und Willich in einer gemeinsamen Erklärung: „Bisher ist nicht eindeutig belegt, dass sich homöopathische Arzneimittel von Placebo unterscheiden.“. Ich gehe davon aus, dass Witt und Willich kompetente Wissenschaftler sind. Sie wissen, dass ein Wirkungsnachweis der Homöopathie die heutige Wissenschaft radikal umwerfen würde. Sie behaupten nichts dergleichen.
  3. Witt bedankt sich beim Dipl.-Statistiker Rainer Lüdtke, der jetzt beim Stifterverband für die deutsche Wissenschaft tätig ist. Bis 2011 hat er 18 Jahre lang für die Carstens-Stiftung gearbeitet. Er hat zahlreiche Studien über die Homöopathie, auch Dissertationen, wissenschaftlich begleitet. Vermutlich ist er derjenige mit dem größten Überblick über die Studienlage. Man könnte also erwarten, dass er sagt: „In der Studie X haben wir die Wirksamkeit der Homöopathie zweifelsfrei festgestellt und warten jetzt auf die Nobelpreise.“. Weit gefehlt! Was tut Lüdtke nach 18 Jahren bei der Carstens-Stiftung? Er schreibt in der von ihm mit herausgegebenen Zeitschrift „Forschende Komplementärmedizin“ ein Editorial, in dem er darüber nachdenkt, auf welche Weise Placebo-Effekte entstehen. Nach 18 Jahren Nachdenkens über Placebo – das ist wohl das Schlimmste, was man über Homöopathie sagen kann. Kurz: Wenn selbst Witt, Willich und Lüdtke keinen Wirkungsnachweis der Homöopathie gefunden haben, dann gibt es (bisher) keinen!

(Autor: Prof. Dr.-Ing. Martin Lambeck ist Physiker und Autor des Buches „Irrt die Physik“, C. H. Beck-Verlag, 2015)

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Foto: Wikipedia Commons Lucas Taylor/CERN

Wie die Homöopathie den gesunden Menschenverstand außer Kraft setzt

Als Hochschullehrer versuche ich meinen Studierenden vor allem eines zu vermitteln: gesunden Menschenverstand. Damit meine ich die Bereitschaft und die Fähigkeit, beim Denken einfache Vernunftgrundsätze einzuhalten, z.B. den Grundsatz, nicht nur die Pro-Argumente für eine Position zu beachten, sondern auch die Contra-Argumente. Jeder meiner Studierenden akzeptiert diese Vernunftgrundsätze – meist sofort und ohne Widerrede. Jeder! Denn sie sind so einleuchtend, dass unsere eigene Vernunft uns dazu zwingt, sie zu akzeptieren.

Nicht selten fragen mich Studierende, warum ich so viel Zeit aufwende, um Dinge zu erklären, die eigentlich jedes Kind verstehen sollte. Der Grund dafür ist einfach: Der gesunde Menschenverstand ist solange ein Kinderspiel, bis er es nicht mehr ist. Wenn wir über Fragen nachdenken, zu denen wir keinen emotionalen Bezug haben, sind wir nüchtern, abgeklärt, vernünftig. Unser gesunder Menschenverstand funktioniert. Das hat allerdings ein Ende, sobald es um Dinge geht, die uns am Herzen liegen. Hier ist uns jedes Mittel recht, um diejenige Position zu stützen, die uns am sympathischsten ist. Wir suchen dann händeringend nach Belegen für unseren Standpunkt und ignorieren alles, was dagegen spricht. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom „confirmation bias“ bzw. „disconfirmation bias“. Ein Forscherteam um den amerikanischen Psychologen Dan Kahan hat sogar herausgefunden, dass Versuchsteilnehmer buchstäblich fünfe grade sein lassen, wenn es um die eigenen politischen Ansichten geht. Sie akzeptierten Argumente für ihren Standpunkt auch dann, wenn sie offenkundig grundlegende Rechenregeln verletzten (Kahan et al. 2013).

Die Homöopathie ist ein gutes Beispiel für ein schlechtes Beispiel

Der gesunde Menschenverstand lässt sich nicht etwa nur durch unsere politischen Orientierungen außer Kraft setzen. In meinen Lehrveranstaltungen verwende ich oft das Thema „Homöopathie“, um zu demonstrieren, wie leicht sich intelligente Menschen auf hanebüchene Thesen versteifen. Ich wähle dieses Thema aus zwei Gründen:

  1. Alles deutet darauf hin, dass an der Homöopathie „nix dran“ ist. Ihre naturwissenschaftliche Anfangsplausibilität geht gegen 0. Und methodisch einwandfreie, empirische Studien generieren in etwa die Daten, die man erwarten würde, wenn man ein Placebo mit einem anderen vergleicht. Der gesunde Menschenverstand gebietet also, die Homöopathie abzulehnen.
  2. Viele, teilweise ziemlich intelligente Menschen glauben dennoch an die Homöopathie.

Die Konstellation aus 1. und 2. sorgt dafür, dass sich Diskussionen über das Für und Wider der Homöopathie regelmäßig in ein logisches Gruselkabinett verwandeln. Intelligente Homöopathie-Befürworter bringen Argumente vor, die offenkundig an den Haaren herbeigezogen sind. Sie schlussfolgern auf eine Art und Weise, die sie in anderen Kontexten selbst ablehnen würden, weil sie dem gesunden Menschenverstand so eklatant zuwiderlaufen. Ich möchte zur Illustration nur ein Beispiel anfügen, das vom Journalisten Jens Jessen stammt – immerhin Feuilleton-Chef emeritus der renommierten Wochenzeit DIE ZEIT. Er schreibt:

„Aus dem Umstand, dass sich etwas nicht erklären oder mit gegenwärtigen Methoden nicht nachweisen lässt, folgt keineswegs, dass es nicht existiert. Gell, meine Herren Schulmediziner? Einen solchen Schluss lässt auch die strenge Erkenntnistheorie nicht zu. Die gleiche Skepsis, die gegen die Homöopathie spricht, lässt sich auch zu ihren Gunsten bemühen.“

Dieses Argument ist eine Sünde gegen den gesunden Menschenverstand – und zwar keine geringe. Um das zu sehen, muss man das Wort „Homöopathie“ nur durch das Wort „Yeti“ ersetzen, wie es der Philosoph Norbert Hörster einmal in einem anderen Zusammenhang vorgeschlagen hat. Heraus kommt:

„Die gleiche Skepsis, die gegen den Yeti spricht, lässt sich auch zu seinen Gunsten bemühen.“

Wer ein solches Argument für die Homöopathie durchgehen lässt, sollte also auch an alle anderen Dinge glauben, für die wir keine Belege haben, z.B. an den Yeti. Ich vermute allerdings, dass Jens Jessen nicht an den Yeti glaubt. Denn bei diesem Thema würde sich sein gesunder Menschenverstand sicherlich wieder einschalten.

Emotion versus Verstand

Genau das ist der Punkt: Die Homöopathie hat es geschafft, viele intelligente Menschen emotional an sich zu binden. Und die sind bisweilen bereit, ziemlich verrückte Sachen zu sagen, um sie zu verteidigen. Da soll nochmal einer sagen, die Homöopathie sei zu nichts in der Lage. Auch wenn ihre Arzneimittel keinerlei pharmakologische Effekte haben, ist die Homöopathie auf eine andere Weise extrem wirksam: Sie schafft es, den gesunden Menschenverstand außer Kraft zu setzen. Auch bei Ihnen?

Autor: Nikil Mukerji hat Philosophie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Heute ist er Geschäftsführer des Executive-Studiengangs Philosophie Politik Wirtschaft (PPW) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zudem arbeitet er als freiberuflicher Unternehmens- und Politikberater für das Institut für Argumentation in München. In seinem neuen Buch erklärt er – anschaulich und lebensnah – die zentralen Regeln vernünftigen Denkens: Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands (Springer, 2016).


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Foto: Shutterstock 81762259 Anna Omelchenko

Miasmen in der Homöopathie – damals und heute

Psora + Sykose + ererbte Sykose + Tuberkulinie + Lepröses Miasma+Syphilis + Akutes Miasma + Typhus + Ringwurm + Spiegelmiasma + Skrophulose + Egolyse + Miasmensplitting + Egotropie + primäre Psora + Überfunktion+Pseudopsora+Haltepunkt + Krätze + Carcinogenie  –
Miasmatische Begrifflichkeiten von damals bis heute

Der Begriff Miasma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Befleckung“ (oder „Verunreinigung“)

In der klassischen Medizin, lange bevor man über Viren und andere Mikrooganismen als Krankheitserreger Bescheid wusste, verstand man darunter Ausdünstungen und üble Gerüche, die als Ursache für Krankheiten angesehen wurden. Diese Lehre gilt heute als überholt, sie hat aber durchaus zu richtigen Schlussfolgerungen geführt. Das Trockenlegen von Sümpfen, um den Gestank der Faulgase zu unterbinden, hat auch den Mücken als Krankheitserreger die Brutgebiete entzogen. Das Absondern der übel riechenden Pestkranken hat auch das Risiko der weiteren Ausbreitung gemindert.

Bei Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, hatte jedoch der Begriff des Miasmas eine ganz andere Bedeutung. Er verstand hierunter die tieferen Ursachen für chronische Krankheiten, die er mit seinem normalen Verfahren der Homöopathie nicht heilen konnte. Als Ursache für das Versagen nahm Hahnemann an, dass es tiefer sitzende Überbleibsel älterer nicht ausgeheilter ‚Urübel‘ gab, eben die Miasmen, die sich nicht durch die äußere Symptomatik erkennen ließen. Diese hielt er sogar für vererbbar.

„Obwohl (…) heutigen Homöopathen der derzeitige wissenschaftliche Stand der Medizin bekannt ist, sprechen (sie) heute noch von „Miasmen“, wenn (sie) bestimmte Phänomene meinen, die in der homöopathischen Praxis beobachtet werden. Homöopathen, die das Werkzeug „Miasmatik“ in ihrem Werkzeugkasten haben, sehen, dass viele Beschwerden auf eine oder mehrere andere verborgene Ursachen zurückgeführt werden müssen.“ (Quelle)

Was stimmt an dieser Aussage der Homöopathie?

Der Fehler begann als gute Idee bei Hahnemann

Beginnen wir bei Hahnemann. Seine letzte wichtige Veröffentlichung, „Die chronischen Krankheiten“, wirkt auf den ersten Blick wie das Spätwerk eines mittlerweile verbitterten Greises. Dieses Bild verflüchtigt sich aber, wenn man sich näher mit dem Text beschäftigt. Man kann darin ein Paradebeispiel dafür sehen, dass man trotz einigermaßen folgerichtiger Ideen und Überlegungen zu falschen Schlussfolgerungen gelangen kann. Für seine Zeit waren die Erkenntnisse Hahnemanns beachtlich und innovativ! Auch stand er mit seiner Sichtweise der chronischen Krankheiten der modernen Medizin und Naturwissenschaft wesentlich näher, als seine heutigen Nachfolger, welche die Lehre von den chronischen Krankheiten „weiterentwickelt“ haben und immer noch nutzen (trotz besseren Wissens).
Hahnemann war bekannt, dass viele Krankheiten „durch etwas“ übertragen werden, also z.B. durch den Kontakt oder die Nähe zu einem Erkrankten oder einer anderen Infektionsquelle, einem tollwütigen Hund zum Beispiel. Er konnte also durchaus feststellen, dass eine – mit seinen Mitteln – nicht mehr feststellbare winzige Menge eines unbekannten Giftes zu erheblichen Beeinträchtigungen und Krankheitserscheinungen führen kann. Warum sollen dann nicht winzigste Mengen eines Heilmittels ebenfalls umfassende Wirkung zeigen können? Die Genese einer Infektionskrankheit, die Vermehrung der Erreger im Körper des Betroffenen, blieben ihm ja mangels Mikroskop verborgen. Hahnemanns Forderung, seine Medikamente in möglichst kleinen Gaben zu verabreichen, ist daher nicht so abstrus, wie es uns heute zunächst erscheint.
Hahnemann hatte durchaus richtig beobachtet, dass es Beschwerden gab, die sich oberflächlich durch Symptome auf der Hautoberfläche äußerten, aber nicht durch ein Behandeln dieser Symptome heilbar waren. Das ist das Bild, das wir auch heute von einigen Infektionskrankheiten haben, wie z. B. Masern, Windpocken etc.
Hahnemann tat das, was ein Wissenschaftler zu seiner Zeit machen musste: Er beobachtete „die Natur“ und leitete daraus seine Erkenntnisse ab. Er beobachtete also tatsächlich Phänomene – und erklärte sie im Rahmen seiner Möglichkeiten. So weit, so gut. Doch er machte einen Fehler.

Ende der Homöopathie bei chronischen Krankheiten fehlgedeutet

Zunächst ist zu bedenken, dass Hahnemann unter einer „chronischen Krankheit“ sicher nicht das Gleiche verstand wie wir heute, sondern es sich einfach um Symptome handelte, die er mit seiner normalen Vorgehensweise nicht erfolgreich behandeln konnte. Chronische Krankheiten waren also alle diejenigen, die sich der Homöopathie widersetzten.
Er sah an diesem Punkt aber nicht etwa, dass seine Homöopathie wohl nicht wirklich heilen konnte, sondern entspann eine Theorie: wonach etwas die Wirkung verhindern würde!
Im Kernpunkt führt er die chronischen Erkrankungen des Menschen, und zwar alle, ohne Ausnahme, auf drei Urübel zurück: Die Syphilis (Geschlechtskrankheit), die Sykosis („Feigwarze“, ebenfalls sexuell übertragbare Krankheit) und die Psora („Krätze“).
Aus seinen Beobachtungen leitete Hahnemann das Vorgehen bei der Behandlung dahingehend ab, dass bei der „miasmatischen Behandlung“ zunächst die Natur der inneren verborgenen Krankheit in Erfahrung gebracht werden müsse, also im Anamnesegespräch frühere Infektionen herausgearbeitet werden müssen. Die homöopathische Behandlung muss sich zunächst auf diese innere Krankheit beschränken. Das vorzeitige Beseitigen der äußeren Hautbeschwerden nähme der inneren Krankheit nur das Ventil, woraufhin sich diese noch viel grässlicherer Ausdrucksmittel bedienen würde. Wenn man unter Hahnemanns Miasma eine unbehandelte Infektionskrankheit versteht, dann klingt die obige Behandlungsvorschrift auch aus heutiger Sicht gar nicht so unsinnig. Hätte er anstelle seiner Kügelchen Antibiotika verwendet – die gab es aber erst ein paar Dutzend Jahre später – wäre die Vorgehensweise durchaus erfolgsversprechend.
Hahnemann hatte aber nun mal nur seine Homöopathie eingesetzt. Unwahrscheinlich, dass er damit tatsächlich eine Syphilis-Infektion erfolgreich behandelt haben könnte. Das hatte ihn aber nicht von seinen Vorstellungen abgebracht, denn er nahm gleichzeitig an, dass eine Krankheit um so schwieriger zu behandeln sei, je länger sie bereits andauerte. Und eine zwanzig oder dreißig Jahre alte Infektion zu beseitigen, muss daher fast unmöglich gewesen sein, insbesondere, wenn der Patient durch Fehlbehandlungen seitens der Allopathen „verpfuscht“ worden war. Wenn also eine Heilung einer miasmatischen Erkrankung nicht gelang, dann lag das an der Hartnäckigkeit der Krankheit, nicht an den Mängeln der Therapie. So weit verfügte Hahnemann aus seiner Sicht über ein durchaus stimmiges Weltbild, das in manchen Aspekten erstaunlich gut mit dem heutigen Kenntnisstand über Infektionen übereinstimmt.
Hahnemann hatte also aus seinen Beobachtungen durchaus eine folgerichtige Induktion aufgebaut – und sich dennoch geirrt. Es ist einfach nicht zutreffend, dass alle Beschwerden, die sich nicht auf Anhieb mit der Homöopathie behandeln lassen, auf drei Haut- und Geschlechtskrankheiten zurückzuführen sind. Auch wenn man unterstellt, dass die Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern mit ähnlicher Symptomatik nicht unbedingt klar und deutlich war.

Wie hätte man diesen Irrtum feststellen können?

In der Wissenschaft ist die Induktion, also die Schlussfolgerung von Beobachtungen auf vermutete Gesetzmäßigkeiten, ein wichtiger Schritt. Aber wie man sieht, man kann da auch in die Irre gehen, wenn man die Zusammenhänge falsch einschätzt. Daher ist es wichtig – und heute üblich -, die abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten in einem zweiten Schritt zu überprüfen und das Ergebnis später zu veröffentlichen und so der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Diskussion zu stellen.
Die Aussage, dass die chronischen Beschwerden von den drei betrachteten Krankheiten verursacht werden, kann auf zwei Weisen falsifiziert werden:

  • Treten chronische Beschwerden auch bei Menschen auf, die keine entsprechende Krankengeschichte aufweisen?
    Damit hätte man herausfinden können, dass es auch chronische Krankheiten gibt, die eine andere Ursache haben und hätte daraufhin die Ursachenforschung erweitern können.
  • Treten in allen Fällen, in denen eine der als Ursache angenommenen Infektionen nur äußerlich behandelt wurde, die chronischen Beschwerden auf?
    Dies hätte die Behandlungsstrategie verbessern können. Beispielsweise hätte sich gezeigt, dass die Krätze tatsächlich nur eine durch Milben verursachte, auf die Haut beschränkte, Erscheinung ist.

Lassen wir dabei einmal außer Acht, dass ein Studiendesign, das dieses untersuchen könnte und dabei gleichzeitig mit ethischen Gesichtspunkten vereinbar wäre, nur schwierig zu realisieren sein dürfte. Hier geht es lediglich darum, aufzuzeigen, wie die Wissenschaft sicherstellt, dass Fehlschlüsse, wie sie hier Hahnemann unterlaufen sind, ausgeschlossen werden. Wie man sieht, versucht man die gefundene Regel zu widerlegen, indem man untersucht, ob das Gegenteil zutreffend sein könnte. Widersprüche führen zu einer Überprüfung der Regel. Hier hätte sich ein weites Feld aufgetan, aber dieses Vorgehen war nicht üblich.

Die miasmatische Behandlung heute

Es scheint gerechtfertigt, die Miasmen Hahnemanns als eine Bezeichnung für das im Inneren des Körpers ablaufende Geschehen bei einer unbehandelten und fortbestehenden Infektion zu verstehen. Dann wäre diese Vokabel mit den zunehmenden Kenntnissen über virale und bakterielle Infektionskrankheiten in der Vergangenheit überflüssig geworden. Auch sind heute viele chronische Krankheiten zumindest so weit bekannt, dass sie ihre Ursache nicht in früheren Infektionen haben (Rheuma, Diabetes, COPD etc.). Dennoch lebt das Miasma und seine Behandlung in der homöopathischen Literatur fort und wird quasi, wie im Eingangszitat erwähnt, als Parallelwissen zum heutigen Kenntnisstand gehandelt.

Es gibt jedoch bis heute keine einheitliche Definition von Miasmen oder eine allgemein gültige/akzeptierte Einteilung. Miasmen gibt es nach Hahnemann, Gienow, Sankaran, Scholten, Masi-Elizalde, Sanchez-Ortega, Burnett, Allen, Sonnenschmidt, Laborde, Vijayakar, Banergea, Banerjee und vielen anderen mehr. Dabei werden zwischen 3 und 12 Miasmen unterschieden. Gewisse Miasmen selbst scheinen vollständig in das Reich der Esoterik abgedriftet zu sein. Bei den Homöopathen sind also vielerlei unterschiedliche Verfahren als „miasmatische Behandlung“ bekannt. Zu stören scheint das nicht. Alle beobachten natürlich „Phänomene“ und alle berichten von Heilerfolgen – aber nicht von eklatanten Widersprüchen.

Damals interessant – heute falsch und dogmatisch

Man kann Hahnemann zugestehen, in der Natur zumindest einiger chronischer Beschwerden gar nicht so falsch gelegen zu haben und nur durch die beschränkten Möglichkeiten seiner Zeit zwangsläufig in seinen Irrtümern gefangen geblieben zu sein. Also in seinem Erkenntnisprozess durchaus einen richtigen Weg eingeschlagen zu haben, dabei allerdings in einem frühen Stadium verblieben zu sein.
Für seine Nachfolger, insbesondere die modernen, die Miasmentheorie bearbeitenden Homöopathen wie Masi-Elizalde (1933-2003), Sankaran (* 1960) oder Gienow (*1960), gilt diese wohlwollende Betrachtung ausdrücklich nicht. Sie könnten besser wissen, dass 1. die Miasmentheorie widerlegt und durch besseres Wissen ersetzt ist und dass wir 2. alle möglichen Phänomene nach Art einer self-fulfilling-prophecy irgendwie erklärbar machen können. Nur, im Gegensatz zu Hahnemann, haben wir heute Möglichkeiten mit Hilfe der Wissenschaft, dabei Fehler und Fehlwahrnehmungen aufzuspüren und zu korrigieren. Diesem Vorgehen verweigern sich Homöopathen jedoch konsequent und bleiben lieber in ihrer Luftblase aus Ideen von vor 200 Jahren gefangen. Der Wissenschaft allerdings werfen sie vor, sie möge doch auch „endlich mal über ihren Tellerrand hinaus schauen“.


(Autoren: Dr. Norbert Aust, Dr. med. Natalie Grams)

Mehr zum Thema Miasmen und zur Sicht der homöopathischen Szene auf die Miasmenlehre auch hier.

Foto: Wikipedia Commons The Yorck Project/Directmedia Publishing GmbH (Gemälde: Pietro Longhi)

Wissenschaft und Studien in Medizin und Pseudomedizin

„Wer heilt, hat recht.“ Dieser schlichte und weithin als richtig akzeptierte Satz steckt, wenn man ihn genauer betrachtet, voller Fallstricke.

Tatsächlich glauben Arzt und Patient nur, eine „Heilung“ oder zumindest eine „Besserung“ zu sehen. Das kann stimmen, aber auch ebenso falsch sein. Gerade chronische Krankheiten mit ihrem Auf und Ab gaukeln unter Umständen nur eine Verbesserung vor. Auch können sich Arzt und Patient täuschen. Schließlich stehen beide unter einem gewissen Erfolgsdruck und sehen vielleicht Verbesserungen, wo gar keine sind. Vielleicht traut sich der Patient auch nicht, sich und dem Arzt einzugestehen, dass es ihm gar nicht besser geht.

Wenn tatsächlich eine Verbesserung eingetreten ist, kann es auch dafür prinzipiell zwei Gründe geben: Die Verbesserung geht ursächlich auf die Behandlung zurück, oder sie erfolgte bloß zeitnah, aber unabhängig vom Tun des Arztes, weil der Patient auch ganz von alleine wieder gesund geworden ist. Man sollte meinen, das zu unterscheiden, könne nicht so schwer sein. Dass dies jedoch eine der größten Herausforderungen der Medizin ist, lehrt allein schon ein Blick in die Geschichte, die reich ist an Torturen, die irrtümlich für Kuren gehalten wurden.

Im besten Glauben

Warum es uns so schwerfällt, ursächlich zusammenhängende von zeitnahen Ereignissen zu unterscheiden, lässt sich leicht beantworten: weil der menschliche Geist darauf getrimmt ist, Ursachen zu erkennen. Er ist wie versessen darauf, „eins und eins zusammenzuzählen“, „den gesunden Menschenverstand einzuschalten“ und so weiter. Der Kombinationsakrobat Mensch ist, wie manche sagen, „credoman“. Er sucht für alles eine Erklärung und je einfacher sie ist, desto besser. Diese Eigenschaft war ganz sicher einer seiner Trümpfe im Spiel der Evolution. Durch sie konnte er das Feuer zähmen, Tiere fangen und Werkzeuge erfinden und sie hilft ihm auch dabei, seinen Alltag im 21. Jahrhundert zu meistern. Doch die Credomanie hat auch ihre Schattenseiten: Sie steht dem Menschen immer dann im Weg, wenn die Dinge nicht so offensichtlich sind, oder – noch schlimmer – wenn sie nur offensichtlich zu sein scheinen. Sehr oft, wenn zwei Ereignisse gleichzeitig oder kurz nacheinander auftreten, tappt er blindlings in die Erklärungsfalle. Wie aus einem inneren Zwang heraus glaubt der Mensch, dass zeitlich nahe Ereignisse auch ursächlich zusammenhängen. Er setzt, wie es mit Fachtermini heißt, Koinzidenz mit Kausalität gleich.

Inzwischen weiß man, dass auf die persönliche Erfahrung, den Augenschein und die Plausibilität kein Verlass ist. In seiner Credomanie biegt sich der Mensch die Wirklichkeit zurecht, man könnte sagen, er macht sie zu seiner Wirklichkeit.

Die Regeln der evidenzbasierten Medizin

Solche Selbsttäuschungen ausschließen können nur wissenschaftliche Studien. Nur sie können klären, ob zwei Ereignisse – etwa das Schlucken einer Pille und die Heilung – wirklich kausal zusammenhängen. Dass also das erste Ereignis, das Pillenschlucken, die Ursache für das zweite Ereignis, die Heilung, ist. Doch Vorsicht: Studie ist nicht gleich Studie. Damit eine Untersuchung wirklich aussagekräftig ist, muss sie bestimmten Regeln folgen. Diese Regeln sind so etwas wie Präzisionswerkzeuge, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten unter dem Namen „Evidenzbasierte Medizin“ (EbM) die Heilkunst revolutioniert haben:

  • Ein Verfahren, gemeint ist hier eine Methode oder ein Medikament, muss in Studien mit ausreichend vielen Patienten untersucht werden.
  • In diesen Studien muss das Verfahren mit etwas anderem verglichen werden, im Idealfall mit einem wirkungslosen Kontrollverfahren.
  • Probanden dürfen dabei nicht selbst entscheiden, ob sie der Behandlungs- oder der Kontrollgruppe angehören wollen, sondern sie müssen per Zufall zugeteilt werden, damit die Gruppen wirklich gleich sind.
  • Weder Ärzte noch Patienten dürfen erkennen können, wer das eigentliche Verfahren und wer das Kontrollverfahren bekommt.
  • Nach einem angemessenen Zeitraum sollen vorher festgelegte Parameter ermittelt werden, die auf eine Wirkung der Behandlung schließen lassen.

Diese Regeln sind heute von allen medizinischen Fachgesellschaften als der sogenannte Goldstandard akzeptiert. Die Studien heißen RCTs, nach „randomized controlled trial“, oder auf Deutsch „kontrollierte Studien mit zufällig zugewiesenen Probanden“.

Über die Grenzen klinischer Studien

Soweit die Theorie. In der Praxis treten vielfache Schwierigkeiten auf: Nicht immer sind RCTs möglich und bei weitem nicht alle RCTs sind wirklich zuverlässig, obwohl sie formal den Kriterien genügen. Auch wenn der Begriff „Studie“, gerade in der Öffentlichkeit, häufig mit „Beweis“ gleichgesetzt wird, muss man zwei Aspekte genauer betrachten, um beurteilen zu können, wie aussagekräftig eine Studie wirklich ist: Zum einen, welche formalen Kriterien die Studie erfüllt und zum anderen, wie gut die Studie dann ausgeführt ist. Zum Vergleich: Nicht jedes Hotel ist eine Luxusherberge. Es muss dafür zum einen die formalen Kriterien erfüllen, um sich die nötigen Sterne zu verdienen und es muss zum anderen so gut geführt sein, wie man es von einem Luxushotel erwarten darf. Die Verfechter der EbM wissen um diese Schwierigkeiten und so erheben sie nicht den Anspruch, die Wahrheit zu verkünden, jedoch das beste Werkzeug zu besitzen, um der Wahrheit möglichst nahezukommen.

Es gibt noch eine weitere Schwierigkeit: Nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin ist es wesentlich schwieriger und aufwändiger, manche sagen auch unmöglich, in einer Studie die Unwirksamkeit eines Verfahrens oder einer Arznei zu belegen, als deren Wirksamkeit nicht zu belegen. So, wie es schwierig ist, zu zeigen, dass eine bestimmte Schmetterlingsart ausgestorben ist, aber einfach zu beweisen, dass sie nicht ausgestorben ist, weil man dafür nur ein einziges Exemplar finden muss.

Was heißt denn schon bewiesen?

Für die Medizin ist der Unterschied gewaltig: Wenn die „Unwirksamkeit überzeugend belegt“ ist, darf man sagen: Es ist bewiesen, dass das Verfahren nicht wirkt. Es erübrigen sich alle weiteren Versuche und der Fall ist abgeschlossen. Wenn jedoch die „Wirksamkeit nicht belegt“ ist, darf man nur sagen: Es ist nicht bewiesen, dass das Verfahren wirkt. Weitere Versuche sind notwendig und der Fall ist nach wie vor offen. Aus einem „Wirksamkeit nicht belegt“ wird dann in weiteren Publikationen leicht ein „Wirksamkeit noch nicht eindeutig belegt“, sodass am Ende beim Laien – trotz negativer Studienergebnisse – die Botschaft ankommt: Der endgültige Beweis für die Wirksamkeit ist eigentlich nur noch Formsache – so läuft es derzeit bei der Homöopathie.

Tücken der Statistik

Es gibt noch ein Problem: Rein statistisch ist irgendwann ein positives Ergebnis zu erwarten. Unterschiede im Ergebnis zwischen der Behandlungs- und der Kontrollgruppe werden als „statistisch signifikant“ definiert, wenn die statistische Auswertung eine mehr als 95%ige Wahrscheinlichkeit ergibt, dass der Unterschied nicht zufällig, sondern eine Folge der Behandlung ist. So werden 5 von 100 Studien „statistisch signifikant positive“ Ergebnisse bringen, obwohl diese doch zufällig sind.

Diese Probleme zeigen, dass auch die besten medizinischen Studien eine gewisse Fehleranfälligkeit besitzen. Dennoch lässt die EbM keine anderen Erkenntnismöglichkeiten gelten. Selbst Naturgesetze und andere sichere Erkenntnisse werden ausgeblendet. Es gehört zu den ehernen Prinzipien der EbM, nicht danach zu fragen, wie etwas wirkt, sondern nur, ob es wirkt. Die Folge: Es werden selbst Verfahren wie das Verabreichen homöopathischer Arzneimittel, die aufgrund sicherer physikalischer, chemischer, pharmakologischer und physiologischer Erkenntnisse nicht spezifisch wirken können, in klinischen Studien untersucht. Die oben erläuterte Fehleranfälligkeit klinischer Studien macht deutlich, warum es dabei zu scheinbar positiven Ergebnissen kommt, ja sogar kommen muss. Was zu großer Verwirrung führt – aber nicht zu einem Ende der Diskussion. Denn eines konnte die Homöopathie bisher nicht sauber belegen – dass sie eine Placebo-Überlegenheit hat.

(Autor: Dr. Christian Weymayr)

Größtenteils übernommen aus dem Kapitel „Wissenschaft“ in „Die Homöopathie-Lüge“ (Weymayr, Heißmann; Piper, 2012).


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