Homöopathie ist aber eine ganzheitliche Methode, im Unterschied zur „Schulmedizin“! – Oder?

Zuletzt aktualisiert / Last modified:

Um es gleich vorwegzunehmen: Im Grunde ist das Gegenteil von „Ganzheitlichkeit“ der Fall. Warum?

Die Homöopathie hat durchaus keinen  „ganzheitlichen“ Ansatz. Bei akuten Erkrankungen glaubt sie, diesen Anspruch durch die Aufnahme einer Gesamtsymptomatik, des „Symptombildes“ des Patienten zu leisten. Schon dies hat mit einer sinnvollen Diagnostik im Krankheitsfalle nichts zu tun – ist aber innerhalb der Homöopathie konsequent, wenn man bedenkt, dass Hahnemann selbst niemals „Krankheiten“ benannte, sondern nur auf Symptome abhob. Mehr könne man, so schreibt er in seinem „Organon“, von einer Krankheit nicht wissen. Bei den chronischen Erkrankungen entwickelte er zwar so etwas wie eine Ätiologie, eine Krankheitsentstehungslehre. Hahnemann glaubte daran, dass die sogenannten „Miasmen„, Grundkrankheiten, die immer wirksam bleiben, die Ursache für jede Art von chronischer Krankheit seien. Er postulierte also schlicht einige – in diesem Falle drei – Grundursachen für alles, was ihm erklärungsnotwendig erschien. Ganz in der vorwissenschaftlichen Tradition, Dingen, die noch nicht verstanden und erklärt waren, eine „Systematik“ zu unterlegen. Auch das Simileprinzip („Ähnliches heilt Ähnliches“) ist im Grunde ein solcher Versuch, ein nicht beweisbares Gedankengebäude in eine scheinbare Logik zu zwingen – zu „systematisieren“ und es damit „glaubhaft“ zu machen – auch und vielleicht sogar besonders vor sich selbst.

Auch außerhalb der Homöopathie hat man sich in der vorwissenschaftlichen Zeit häufig dieser Krücke bedient. Ein Beispiel für eine unhaltbare Beweisführung mit dem Ansatz der Systematisierung ist z. B. die Lehre vom „geborenen Verbrecher“ des italienischen Mediziners und Kriminalanthropologen Cesare Lombroso, der typische Verbrechermerkmale anhand spezifischer Schädelformen systematisch erfassen zu können glaubte. Lombrosos Typisierung von Verbrechern anhand äußerer Körpermerkmale zog weite Kreise und hatte viele Anhänger, gilt heute aber als vollständig widerlegt.

Die homöopathische Methode ist auf der Erfassung einer möglichst weitgehenden Symptombeschreibung aufgebaut, nicht auf der Diagnostik von Erkrankungen. Die Erkrankung an sich ist – nur – die Störung der „Lebenskraft“, die sich in Symptomen äußert und – das ist wichtig – im Hinblick auf ihre Entstehungsgründe, ihre tieferen Ursachen, überhaupt nicht hinterfragt wird. Von „Ganzheitlichkeit“ in dem Sinne, wie sie heute als Schlagwort gehandelt wird, kann dabei keine Rede sein.

Aber wie kommt nun die Homöopathie in den Ruf der „ganzheitlichen Methode“? Das hat wiederum mit dem wahrnehmungspsychologischen Aspekt der Behandlung zu tun. Die meisten Freunde der Methode schwärmen gerade von dem ausführlichen Anamnesegespräch, von der Zeit, die der Therapeut oder die Therapeutin sich nimmt. Dazu gehören neben Fragen zu körperlichen Symptomen und zur allgemeinen Befindlichkeit auch Fragen zur persönlichen und sozialen Situation. Aber es bleibt dabei – es geht dabei nicht um die Diagnostik von Krankheiten, sondern um die Erfassung eines „Symptombildes“, das dann dazu dient, anhand der Repertorien, der Verzeichnisse zur Zuordnung aller möglichen Symptombilder zum passenden homöopathischen Mittel, die Verordnung abzuleiten.

All dies bringt die Homöopathie nun in den Ruf einer ebenso ganzheitlichen wie individuellen Methode, was vielfach gegen die sogenannte „Schulmedizin“ in Stellung gebracht wird. Das ist aber durchaus nicht zutreffend. Die Homöopathie verfügt nicht – wie sollte sie, nach 200 Jahren Erkenntnisstillstand – über eine Ätiologie, eine Lehre von Krankheitsentstehung und -erklärung, die eine „ganzheitliche“ Therapie überhaupt erst möglich macht.

Die Hahnemannsche Methode klassifiziert Symptome, nicht Erkrankungen!

Und die Berufung auf die individuelle Behandlung? Sie ist kein Vorteil, denn die fehlende Ätiologie verhindert gerade, dass klar definierte Krankheitsbilder nach bewährten Standards erkannt und behandelt werden können. Stattdessen entsteht ein unüberschaubarer Wust von Symptombeschreibungen und Mittelzuordnungen, die eigentlich kein einzelner Homöopath mehr überblicken kann. So verflüchtigt sich auch die „Individualität“ in einem uneinheitlichen, von keinem Therapeuten mehr zu überblickenden Datenberg.

Ganzheitlichkeit in der Medizin ist viel eher bei der ständig in ihren Erkenntnissen fortschreitenden evidenzbasierten Medizin, von Homöopathen auch „Schulmedizin“ genannt, zu finden. Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr von einer stark biomedizinisch orientierten Methodik wegentwickelt. Sie kennt aufgrund neuerer Studienlagen den Stellenwert psychosozialer Verfahren in der Medizin und die Bedeutung komplexer therapeutischer Ansätze recht gut und – wie es ihre Aufgabe ist – erforscht diese Aspekte weiter. Woran es noch mangelt, ist eine Struktur des Gesundheitswesens, die diesen Ansätzen zu einem echten Durchbruch in der medizinischen Praxis verhilft.

Darum geht es. Und um die Klarstellung, dass sich die Homöopathie mit Federn schmückt, die ihr nicht zustehen. Homöopathie ist nach der Lehre ihres Begründers reine Symptombehandlung – also das, was Homöopathen den „Schulmedizinern“ immer so vorwurfsvoll entgegenhalten. Und die „Schulmedizin“ ist es, die für immer mehr Erkrankungen echte ursächliche Therapien entwickelt und sie heilen kann – nicht die Homöopathie.


Top