Beliebtheit von Homöopathie und Freibier – finde den Unterschied!

Vier volle Biergläser ohne Unterschied als Sinnbild des Freibier-Verglaichs
Ununterscheidbar…

Ein wesentlicher „Link“ zwischen den Vertretern der Homöopathie und der Politik ist das Beschwören einer vorgeblichen „Beliebtheit“ der Zuckerkugeltherapie. Oft genug hat das INH vorgebracht, dass dies ja schließlich kein Argument in einem medizinisch-wissenschaftlichen Diskurs sei. Dafür braucht man gar nicht das im Titel angezogene „Freibier“-Beispiel zu nehmen – bei dem liegt die Beliebtheit auf der Hand. Bei Homöopathie keineswegs.

Es ist doch klar, dass sanfte, nebenwirkungsfreie, sichere und dazu auch noch wirksame Therapien von jedermann gewünscht werden. Es leuchtet aber ebenso ein, dass all diese Attribute dann völlig nutzlos sind, wenn die dahinterliegende Therapie schlicht und einfach unwirksam ist. Das „Beliebtheitsargument“ rückt allein die erste Aussage in den Vordergrund und unterschlägt die zweite.  Eine „Argumentation“, die geschickt auf die „Zielgruppe Politik“ ausgerichtet wurde.  In aktuellen Debatten und politischen Statements zur Homöopathie ist „Beliebtheit“ eine stets mehr oder weiniger deutlich zu vernehmende Grundmelodie.

So weit, so sinnbefreit. Aber nehmen wir doch die „Beliebtheit“ mal beim Wort. Ist sie wirklich so groß, wie es die VertreterInnen der Homöopathie glauben machen wollen? Aus unserer mehrjährigen Aufklärungsarbeit heraus haben wir inzwischen nicht unbedingt den Eindruck, dass das so ist. Die Reaktionen auf öffentliche Vorkommnisse in diesem Jahr (gewisse Abmahnungsdesaster und gewisse satirische TV-Beiträge) lassen die Zweifel am reinen Tatsachengehalt des Beliebtheitsarguments weiter wachsen.

Nicht nur einmal haben wir darauf hingewiesen, dass die Umfrageergebnisse, die die Homöopathiefraktion seit langem ins Feld führt, eine Ableitung von „Beliebtheit“ nicht zulassen. So, wie sie dastehen, können sie allenfalls große Unwissenheit bei der Bevölkerung und korrespondierend dazu große Erfolge bei der Vermarktung und Bewerbung der Homöopathie belegen. Unbestritten haben schon viele Menschen von Homöopathie gehört (Allensbach 2014:  94 %). Wenig verwundert auch, dass etliche davon Homöopathika bereits verwendet (60 % der Gesamtbefragten) und beinahe 9 von 10 Anwendern „gute Erfahrungen“ mit Homöopathie gemacht haben (46 % „hat geholfen“, 39 % „hat nicht immer geholfen“). Wir haben schon oft erklärt, was es damit auf sich hat.

Weniger bekannt ist, dass es von Allensbach auch eine Befragung dazu gab, ob diejenigen, denen die Homöopathie bekannt war, mindestens ein Wirkprinzip benennen könnten. Was eigentlich die Kernfrage ist, denn wie kann etwas als „beliebt“ attributiert werden, über das man gar nichts weiß, zudem auch noch im Kontext von Gesundheit? Und da sah es dann so aus:

Balkengrafik; dargetellt wird das Umfrageergebnis, dass nur 17 Prozent derer, die von Homöopathie gehört haben, eines der Grundprinzipien der Methode benennen können.

Siebzehn Prozent – von 94 Prozent. Angesichts dessen die „Beliebtheit“ der Homöopathie zum entscheidungsrelevanten Faktor für die Politik hochzujazzen, ist schon – na, sagen wir mal, sehr gewagt.


Interessanter noch wäre eine Befragung, die Aufschluss darüber gäbe, ob die Leute nach einer Aufklärung über die wirklichen Grundprinzipien der Homöopathie immer noch an ihren Ansichten festhalten würden. Und genau das haben die amerikanischen Skeptiker vom Center for Inquiry (CFI) im September 2019 getan.

Das CFI führt bekanntlich Rechtsstreite wegen Betruges gegen die größte amerikanische Apothekenkette CVS und die Kaufhauskette Walmart. Dabei geht es – um genau zu sein – um die Tatsache, dass CVS und Walmart in ihren großen Selbstbedienungs-Drugstores die homöopathischen Mittel ohne besondere Hinweise mitten zwischen den regulären Pharmazeutika platzieren. Das CFI hat sowohl CVS wie auch Walmart mehrere Male aufgefordert, dies zu ändern, ohne dass hierauf jemand reagiert hat. Und nun stützen sich die Betrugsklagen gegen beide auf diesen Umstand.

War da nicht was mit Kennzeichnung, 2017 von der Verbraucherschutzbehörde FTC (Federal Trade Commission) gefordert? Ja, in der Tat, aber nicht alle Hersteller halten sich daran (anders als Anordnungen der Food and Drug Administration -FDA- haben die Regeln der FTC keine Gesetzeskraft) und ohne Zweifel sieht man die Kennzeichnung auch nicht unbedingt, wenn die Packung da so friedlich im Regal herumsteht. Wie dem auch sei – die Prozesse bewegen sich derzeit im nach amerikanischen Recht üblichen Vorfeld von Anträgen, Gegenanträgen, auch von Feststellungen des rechtlichen Schutzinteresses. Und um den letzteren Punkt, das Verbraucherschutzinteresse und damit das Klagerecht, zu belegen, hat das CFI eine Befragung von Käufern homöopathischer Husten-, Erkältungs- und Grippemittel („cough, cold and flu“) bei CSV und Walmart „vor Ort“ in Auftrag gegeben. Mit mehr als interessanten, wenn auch nicht unerwarteten Ergebnissen.

Das CFI konstatiert insgesamt, dass sich ein großer Prozentsatz der Befragten nach der Aufklärung über Homöopathie von CVS und Walmart „getäuscht und hintergangen“ fühlt und ihr Vertrauen in diese Händler  „missbraucht“ sehen. Dieses Gesamtfazit ist natürlich der Prozesstaktik geschuldet. Wie aber sieht es konkret aus?

Infografik aus dem Origianlbeitrag des Center for Inquiry zur Umfrage bei CSV und Walmart Klick für größere Darstellung

Fast die Hälfte (46 %) der Befragten gab an, dass sie sich nach der Indikations-Kennzeichnung der Gänge und Regale richten, sich also darauf verlassen, was ihnen die Händler vorgeben. 3 Prozent fragen einen Angestellten (der dort allerdings kein Apotheker ist).

Nachdem den Befragten die wesentlichen Fakten über die pseudowissenschaftlichen Grundlagen der Homöopathie mitgeteilt wurden,

  • zeigten 41 Prozent der Befragten erhebliche Betroffenheit („described their feelings in deeply negative terms“),
  • fast ein Viertel der Befragten (23 Prozent) benutzten Wörter wie „schlecht“, „schrecklich“, „entsetzt“ und „verärgert“,
  • 15 Prozent äußerten, sie sich würden sich „abgezockt“, „betrogen“ oder „getäuscht“ fühlen, seien „aufgebracht“ oder würden eine Rückerstattung verlangen,
  • drei Prozent kamen dahin, sich selbst als „dumm“ oder „töricht“ wahrzunehmen.

Die Information über den realen Hintergrund der Homöopathie ließ den Vertrauensfaktor gegenüber CSV / Walmart um 17 Prozentpunkte zurückgehen. (79 auf 62 %). Bei 13 Prozent verkehrte sich die Wahrnehmung dahin, dass sie den Handelsketten nur noch „ein wenig“ oder „gar nicht mehr“ vertrauen (29 auf 16 %).

63 Prozent der Befragten sprachen sich für die Kennzeichnung von homöopathischen Arzneimitteln aus, wie von der FTC empfohlen. 78 Prozent der Befragten gaben nach der Information zu Protokoll, dass sie jetzt eine eher negative Meinung zu homöopathischen Produkten hätten. Immerhin 10 Prozent gaben an, schon einmal unbewusst ein homöopathisches Produkt erworben zu haben, obwohl ein pharmazeutisches gewollt war.

Ein kleiner Schlussgag:

Vor der näheren Information wusste nur ein Prozent aller Befragten, dass es sich bei „Anas barbariae“ , dem „Wirkstoff“ der Boiron-Cashcow Oscillococcinum (meistverkauftes Homöopathikum in den USA), um den alkoholischen Auszug aus Herz und Leber einer Ente handelt (Moskauer Ente, Moschusente, Cairina moschata). 22 Prozent dachten, dass Anas barbariae die Bezeichnung für einen pharmazeutischen Stoff sei, 13 Prozent hielten es für ein Vitamin. Nachdem die wahre Natur des Inhaltsstoffs erklärt wurde, sahen fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) das Produkt „weniger positiv“.

Fazit:

Wir zweifeln nicht an ähnlichen Ergebnissen bei einer solchen Befragung in Deutschland – vielleicht nicht mit identischen Werten, denn in Deutschland ist die Homöopathie nun mal mit „sozialer Reputation“ stark verankert. Aber die Tendenz wird unbezweifelbar genauso sein, wie es auch unsere tägliche Aufklärungsarbeit immer wieder zeigt: Wer bislang un- oder desinformiert war und gegenüber sachlicher Information über die Grundannahmen der Homöopathie unvoreingenommen ist, wird seine Schlussfolgerungen ziehen.

Und eigentlich – ja, eigentlich müssten hier bei uns die Apotheken die Aufgabe übernehmen, die in den USA die Befrager übernommen haben (immerhin gibt es hier die Apotheken statt Selbstbedienung): Konsequente faktengerechte Aufklärung über Homöopathie, sofern sie über die Theke der Offizin gehen soll. So manche tut es – sehr viele aber wohl eher nicht.

Jedenfalls ist eines klar. Die Politik sollte endlich realisieren, dass eine  vermeintliche „Beliebtheit“ der Homöopathie nicht einmal in die Nähe dessen kommt, was man gemeinhin ein Sachargument nennt. Und dass man auch in der Politik, wenn man dem Raum gibt, Verantwortung trägt: Nämlich dafür, dass unhaltbare bis potenziell gefährliche Fehlannahmen breiter Kreise über eine spezifisch unwirksame Methode fortbestehen, die ungerechtfertigterweise als Teil von Medizin angesehen wird.


Bericht des CFI über die Befragung mit Link zur Originalstudie

Allensbach-Studie 2014

Anmerkungen zur Allensbach-Studie und anderen Erhebungen bei fowid


Bildnachweise: Bild von tookapic auf Pixabay / Allensbach – Dr. C. Lübbers / Center for Inquiry

Homöopathische „Impfungen“ und „Nosoden“

Das Bild zeigt die mikroskopische Darstellung eines Virus.
Nosoden? Interessieren uns nicht.

 

Der Suchbegriff „homöopathische Impfung“ erbringt bei Google mehr als 150.000 Treffer. Bei „Nosoden“ kommt man auf mehr als 100.000 (abgerufen am 5.11.2019). Bemerkenswert, bedenkt man, dass homöopathisches Impfen ein nutzloses bis gefährliches Unterfangen und „Nosode“ ein Kunstwort aus vorwissenschaftlicher Zeit ist.

TL:DR (Too long – didn’t read)

Homöopathische Impfungen sind wirkungslos und stellen, wenn man fälschlich auf einen Immunschutz vertraut, ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Das Prinzip und die Nosodenlehre stammen nicht von Hahnemann selbst. Sie widersprechen Grundannahmen der homöopathischen Lehre. Sie folgen dem isopathischen, nicht dem homöopathischen Prinzip (Heilung mit Gleichheit, nicht mit Ähnlichkeit). Hahnemann verwarf das isopathische Prinzip in der Auflage des Organon letzter Hand. Beide Prinzipien sind vorwissenschaftliche Spekulationen und spielen keine Rolle in der heutigen medizinischen Erkenntnislage.

Die Studienlage zeigt, dass methodisch korrekt durchgeführte Arbeiten keinerlei immunschützende Wirkung einer homöopathischen „Impfung“ mit Nosoden nachweisen konnten. Vielfach steht das Anbieten homöopathischer Impfungen und deren Nebenerscheinungen – wie z.B. homöopathische „Ausleitungen“ von Impfungen – impfskeptischem Gedankengut nahe.


Worum geht es?

Aus der Homöopathieszene wird gelegentlich ins Feld geführt, Hahnemann und die Homöopathen hätten das Impfen nahezu „erfunden“, Hahnemann hätte Jenners Kuhpockenimpfung positiv und aufgeschlossen gegenübergestanden und es werde ja auch homöopathisch „geimpft“. Zur Begründung berufen sie sich auf das hahnemannsche Grundprinzip des Similia similibus curentur, Ähnliches möge Ähnliches heilen. Genau das geschehe doch bei der Impfung. Die „homöopathische Impfung“ verwendet dabei Mittel, die als „Nosoden“ bezeichnet werden, homöopathisch zubereitete Bestandteile von Krankheitsprodukten des Körpers.

Was ist dran?

Es gibt keine homöopathische Prophylaxe und es kann keine geben

Der Impfende „heilt“ nicht. Er betreibt medizinische Prophylaxe, Krankheitsvorbeugung. Das ist Hahnemanns Modell der Homöopathie völlig fremd.

Hahnemanns Homöopathie ist eine Arzneimittellehre, die nach Hahnemanns eigenen Worten „die Gesamtheit der Symptome hinwegnehmen“ soll. Einen darüber hinausgehenden Krankheitsbegriff, geschweige denn Vorstellungen von Krankheitsentstehung und -verlauf (Ätiologie), hatte Hahnemann nicht. Es kann nicht oft genug betont werden: die Homöopathie ist eine Symptomentherapie, ihre Erfassung einer „Ganzheitlichkeit“ des Patienten mittels der ausführlichen homöopathischen Anamnese (Symptombild) dient ausschließlich der Auswahl des „geeigneten“ Mittels aus den Repertorien (§ 17 und 18 des Organon).

Wo könnte in diesem Modell, das die akute Erkrankung voraussetzt, Platz für eine Prophylaxe, eine medizinische Vorbeugung von Erkrankungen sein? Es gibt ihn nicht. Homöopathie ist immer „Heilkunst“ am schon Erkrankten – per definitionem.

Zudem bleibt bei der Annahme, die Impfung sei der Homöopathie ähnlich und auch die Homöopathie könne impfen, das hahnemannsche Prinzip der individualisierten Therapie auf der Strecke. Grundlage des homöopathischen Ansatzes ist ja die individuelle „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“ im einzelnen Patienten, gegen die es nur das eine, einzige Mittel gibt, das der „ächte Heilkünstler“ herauszufinden hat.

Wie sollte bei Krankheiten, die bei jedem Patienten in diesem Sinne individuell auftreten, geimpft oder vorgebeugt werden? Aus dem Gedanken der Individualität einer jeden Krankheitserscheinung (besser: der Gesamtheit der Symptome) heraus kritisiert Hahnemann in § 54 des Organon ja ausdrücklich die Allopathen scharf dafür, dass „man die Krankheiten für Zustände ausgab, die immer auf ziemlich gleiche Art wieder erschienen.“ Es ist einsichtig: Wenn es keine „auf ziemlich gleiche Art“ wiederkehrenden Krankheiten gibt, dann kann man ohnehin nicht vorbeugen, schon gar nicht vorbeugend impfen.

Die Unvereinbarkeit von Prophylaxe mit grundlegenden Prinzipien von Hahnemanns Lehre ist offenkundig.

Moderne Impfung  – missverstanden

Wer unter Bezug auf die Ähnlichkeitsregel eine Verbindung zur Impfung herstellt, hat den Impfmechanismus nicht oder falsch verstanden.

Das Vakzin, der Impfstoff, der verabreicht wird, wirkt selbst nicht schützend. Es löst vielmehr eine Immunreaktion im Körper aus, es veranlasst diesen, Antikörper gegen die potenzielle Erkrankung zu bilden. Wohlgemerkt: Antikörper. Nicht das „Simile“, die Impfdosis selbst, ist der „Wirkstoff“, sondern es sind die in einem zweiten Schritt, der Immunreaktion, gebildeten Antikörper, die im wahrsten Sinne des Wortes „Gegenmittel“ sind, keine „Simili“. Denen Hahnemann in § 23 des Organon eine klare Absage erteilte, was ihre Fähigkeit angeht, „anhaltende Krankheitssymptome aufzuheben und zu vernichten“. Und wie sollte ein „Impfsimilium“ wohl wirken – ist doch der Sinn der Mittelgabe in der Homöopathie, eine der bestehenden ähnliche „Kunstkrankheit“ auszulösen?

Und noch ein wichtiger Punkt: Die notwendige Impfdosis einer Schutzimpfung wird unter Berücksichtigung der Dosis-Wirkungs-Beziehung genau bestimmt. Eine „Dosierung“ gibt es bei Nosoden nicht. Sie werden üblicherweise als Potenzen D6 oder D8 verabreicht – also in Potenzstufen, bei denen die Verunreinigungen des Lösungsmittels bereits gegenüber den Resten der Ursubstanz überwiegen.

Der richtig betrachtete Impfmechanismus ist deshalb kein Zeuge und auch kein Bundesgenosse der Homöopathie, sondern einer der zahlreichen Kronzeugen gegen sie.

Hahnemann und Jenner

Gelegentlich weisen die Hahnemann-Jünger auch auf die Erwähnung der Jennerschen Pockenimpfung im Organon hin. Dies lässt jedoch keine weiteren Schlüsse zu.

Hahnemann waren die frühen Versuche, mit Kuhpockensekret zu impfen, durchaus bekannt. Er erwähnt Jenner und seine Erfolge in der Tat, erkennt aber nicht den darin steckenden Ansatz einer sinnvollen Ätiologie und verfolgt Jenners Gedanken nicht weiter, greift sie vielmehr zugunsten eines ganz anderen Themas auf, einer fragwürdigen Begründung seiner Ähnlichkeitsregel mit „Heilung durch Krankheit“. Hahnemann führt in § 46 des Organon Jenners Impfung als ein Beispiel (unter mehreren) für seine These an, dass durch eine „neue Krankheit“ Heilung oder Linderung von Symptomen geschehe, die der ausgebrochenen Krankheit ähnlich sind, aber schon vorher da waren. (Er versteht also Jenners Vaccination als Auslösung einer Krankheit – bleibt damit exakt in seinem homöopathischen Denkmuster.)

Nein, Hahnemann kann bei alledem ganz sicher nicht als einer der Väter der modernen Schutzimpfungen gesehen werden. Im Gegenteil – er hat Jenners Erfolge durchaus nicht richtig aufgenommen und auch nicht weitergedacht. Möglicherweise, weil das mit seinem Grundgedanken, es gebe keine typisierbaren „Krankheiten“, sondern nur individuelle „Symptomenbündel“, nicht zusammenging.

Der Gedanke einer Vorbeugung durch Homöopathie stammt deshalb auch nicht von Hahnemann selbst, sondern von frühen Exegeten.

Ist nicht das Immunsystem mit Hahnemanns „geistartiger Lebenskraft“ gleichzusetzen?

Ein klares Nein. Zunächst einmal ist das Immunsystem nichts „Geistartiges“, sondern ganz handfest materiell, und interagiert – auch bei der Impfung – auf materieller Basis. Es ist eine sehr komplexe Teilfunktion des physischen Körpers, die keineswegs die Eigenschaften hat, die Hahnemann in seiner Vorstellung dem „Princip der geistigen Lebenskraft“ zuschrieb, in vitalistischer Tradition:

Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.“ (§ 10 Organon)

Die Nosodenlehre und die Isopathie

Der Begriff „Nosode“ stammt von dem Homöopathen Constantin Hering (1800 –1880), bekannt auch durch seine „Hering’sche Regel“. Sein Grundgedanke war, Körperstoffe, die durch die Krankheit hervorgebracht wurden, (griech. nosos = Krankheit) im homöopathischen Sinne zu verwenden, also potenziert. Als erste potenzierte Nosode stellte er 1830 aus Krätzeeiter das Psorinum her, das sich heute noch in den homöopathischen Repertorien findet. Die von Hering dokumentierten Behandlungen von Krätzepatienten damit waren allerdings wenig erfolgreich. Bemerkenswert ist, dass diese Gedanken Herings letztlich doch auf so etwas wie „typisierende Krankheiten“ hinauslaufen – einer der vielen kleinen Brüche in Theorie wie in Praxis der Homöopathie.

Der nächste, der die Idee aufnahm, war Johann Joseph Wilhelm Lux (1773–1849), als Tierarzt tätig in Leipzig und dort in Berührung mit der hahnemannschen Homöopathie gekommen. Seine 1833 veröffentlichte Hauptschrift trug den selbsterklärenden Titel „Isopathik der Contagionen, oder: Alle ansteckenden Krankheiten tragen in ihrem eigenen Ansteckungsstoff das Mittel zu ihrer Heilung„. Nun ist aber Isopathie nicht Homöopathie, nicht das Simile-, sondern das Gleichheitsprinzip war Lux‘ Grundidee: „Aequalia aequalibus curentur – Gleiches möge durch Gleiches geheilt werden.“ Was Lux nicht hinderte, sich homöopathischer Prinzipien, nämlich der Potenzierung, praktisch zu bedienen (wie dies heute die Anthroposophen auch für ihre ansonsten von der Homöopathie konzeptionell verschiedenen Mittel tun); er verwendete seine Mittel in der Hochpotenz C30.

Entscheidend ist, dass auch Lux überhaupt nicht die Idee einer Vorbeugung ins Spiel brachte, sondern seine isopathischen Nosoden kurativ, also bei akut Kranken, einzusetzen gedachte.

Unter den Bedingungen seiner Zeit wurde Lux‘ Idee teils lebhaft aufgenommen, man kannte ja Jenners Erfolge mit der Pocken-Vakzine und stellte die gedankliche Verbindung durchaus her – allerdings ohne den entscheidenden Unterschied zwischen kurativ und prophylaktisch ausreichend in Rechnung zu stellen. Anderenteils wurden die Thesen von Lux von homöopathischer Seite vielfach vehement zurückgewiesen. In der „Allgemeinen Homöopathischen Zeitung“ konnte man 1833 lesen: „Somit sind denn zugleich auch die von dem Herrn Thierarzt Lux für seine Isopathik sprechensollenden Beweise widerlegt. Denn Wer wird z. B. Schnee und eiskaltes Wasser mit kalter Luft für aequal, für absolut identisch halten …“. Und in einem Rückblick des Jahres 1849 wird ein Dr. Thorer aus Görlitz damit zitiert, dass Lux‘ Isopathielehre eine „vorübergehende Verwirrung, ein Zweifeln an der Richtigkeit des homöopathischen Lehrsatzes“ hervorgerufen habe, aber widerlegt sei, weil sie der Homöopathie „den Rang nicht streitig“ habe machen können (Hygea, Zeitschrift für Heilkunst, Band 3). Man war sich nicht einig – nun, was Wunder, keine Seite hatte Recht.

Ein interessantes Detail ist, dass Lux‘ berichtete Behandlungserfolge die Tierarzneischule in Berlin veranlassten, Versuche zur Reproduktion (Wiederholung) anzustellen: Die allererste Prüfung von potenzierten Mitteln an einer Hochschule. Leider zeigte sich kein positives Ergebnis, die Reproduktionsversuche von Lux‘ Behandlungen schlugen fehl.


Lux‘ Bemühungen stand Hahnemann selbst – sagen wir einmal – recht distanziert gegenüber. Er sah Isopathie als Irrweg an, zunächst vor allem deshalb, weil die Prüfung des Arzneimittels am Gesunden in Lux‘ System keine Rolle spielte. Im Organon äußerte er sich entsprechend:

„Dies Heilen-Wollen durch eine ganz gleiche Krankheits-Potenz (per idem) widerspricht allem gesunden Menschenverstande und daher auch aller Erfahrung.“ (§ 56 Organon, 6. Auflage).

Der Text an dieser Stelle lautet in der 5. Auflage des Organon, weit früher also,  allerdings anders:

Man möchte gern eine vierte Anwendungsart der Arzneien gegen Krankheiten erschaffen, durch Isopathie, wie man’s nennt, nämlich mit gleichem Miasm eine gleiche vorhandne Krankheit heilen. Aber, gesetzt auch, man vermöchte diess, was dann allerdings eine schätzbare Erfindung zu nennen wäre, so würde sie die Heilung, da sie das Miasm nur hoch potenzirt, und so, folglich, gewisser Massen verändert dem Kranken reicht, dennoch nur durch ein Simillimum dem Simillimo entgegen gesetzt, bewirken (§ 56 Organon, Anmerkung, 5. Auflage).

Hier, in der 5. Auflage, macht Hahnemann ein entscheidendes Zugeständnis: Er postuliert, dass die Potenzierung des „Miasms“, also des Krankheitsauslösers, das Miasm selbst „verändert“, ein „neues“ Miasm erzeugt, dass dann wiederum als Similium, als Ähnliches und nicht „mehr“ als Gleiches „wirken“ könne. Eine kühne Konstruktion, die eine Reihe von Fragen mit Blick auf das Ähnlichkeitsprinzip und die Arzneimittelprüfung am Gesunden aufwirft und das Gebäude der Homöopathie noch inkonsistenter erscheinen lässt als dies ohnehin schon der Fall ist. Was Hahnemann in diesem Fall möglicherweise erkannt haben dürfte und den Gedanken in der 6. Auflage des Organon an gleicher Stelle mit der oben schon zitierten Formulierung verwarf.

Diese klare Absage an die Isopathie wurde allerdings, da erst in der 6. Auflage des Organon enthalten, erst mit der Veröffentlichung dieser Fassung durch Richard Haehl im Jahre 1921 bekannt, vorher war das Manuskript unter Verschluss. Nichts hinderte bis dahin (auch danach nicht) einen Teil von Hahnemanns Exegeten daran, die Nosodenlehre unter Berufung auf den § 56 der 5. Auflage weiter zu etablieren. Und auf noch etwas glaubten die Nosoden-Exegeten sich berufen zu können: Zwar redete Hahnemann nirgends einer Prophylaxe ausdrücklich das Wort, im Zusammenhang mit Jenners Kuhpockenimpfung sprach er aber von einer „vorweggenommenen Heilung“. Damit war im Gebäude der Homöopathie genug an Bruchsteinmaterial vorhanden, um mit der Prophylaxe per homöopathischer Nosode eine weitere innere Widersprüchlichkeit der homöopathischen Lehre nach und nach zu etablieren.

Hahnemann hatte schon recht mit seiner Ablehnung wegen der fehlenden Arzneimittelprüfung. Denn was müsste eine Gabe eines „wirksamen“ homöopathischen „Mittels“ beim Gesunden – wie es ja bei einer „Impfung“ geschieht, auslösen? Richtig – die Symptome, die beim Kranken bekämpft werden sollen… Damit entgleitet das homöopathisch-isopathische Nosoden-Konzept vollends jeder Logik und verschwindet in den Selbstwidersprüchen dieser vorwissenschaftlichen Lehren.


Die homöopathische Nomenklatur unterscheidet heute

    • Nosoden nach der ursprünglichen Idee von Constantin Hering, hergestellt aus den Erregern oder Ausscheidungen infektiöser Krankheiten, als klassische homöopathische Präparate; diese werden für das sogenannte „homöopathische Impfen“ verwendet.
    • Autonosoden, die aus Körperstoffen des individuellen Patienten zubereitet werden, vielleicht am bekanntesten sind die Plazentanosoden. Krankhaft veränderte Körperstoffe wie bei den Hering’schen Nosoden spielen dabei bis auf wenige Ausnahmen keine Rolle. Hier sehen wir eigentlich isopathische Mittel in Reinform. Ihre Anwendung zeigt eine große Bandbreite, die sich nicht auf Pathologien beschränkt.
    • Impfnosoden, hergestellt aus Impfstoffen (nicht Krankheitserregern), als klassisch-homöopathische Mittel, die gegen Beschwerden eingesetzt werden, die nach Impfungen auftreten („Ausleitung“), was sich am ehesten mit der klassischen Homöopathie vereinbaren lässt und auch nichts mit Prophylaxe zu tun hat. Es sei nur die Frage aufgeworfen, woher die Impfnosode weiß, was „Beschwerden“ und was die erwünschten Reaktionen des Immunsystems im Patienten sind.

Was sagt die wissenschaftsbasierte Forschung?

Ist es überhaupt zu rechtfertigen, für so abstruse Thesen wie eine Immunisierung durch Nosoden klinische Studien durchzuführen? Nach heutigen Maßstäben  wäre dies ethisch nicht vertretbar, da nach den Maßstäben bekannten Wissens nicht mit einem Nutzen, einem Erkenntnisgewinn zu rechnen wäre, der die immanenten Risiken rechtfertigen würde. Natürlich ist es unter keinen Umständen denkbar, Studien mit Vergleichsgruppen durchzuführen, von denen eine geimpft und die andere ungeimpft ist, und dann im Zeitverlauf oder gar nach einer gezielten Infektion die auftretenden Krankheitsfälle zu registrieren.


Als experimentelle Tierversuche im Labor gibt es so etwas aber durchaus. Jonas SB: Do homeopathic nosodes protect against infection? An experimental test (Altern Ther Health Med. 1999 Sep;5(5):36-40) ist ein solcher Versuch. Die Applikation von sechs verschiedenen Nosoden-Dilutionen (Potenzierungen) an einer Gesamtheit von 142 Labormäusen „ergab einen teilweisen Schutz durch eine Tularämie-Nosode in Verdünnungen, die unter den erwarteten Schutzwirkungen liegen, aber nicht so groß sind wie die der Standardimpfung.“ (Tularämie ist eine hauptsächlich in den USA und Australien, seltener auch in Europa vorkommende hochinfektiöse Zoonose bei Nagern.)

Und woraus leitet man dieses einigermaßen nichtssagende Zwischenfazit ab? Statt nun eine Alltagsbedingungen entsprechende Infektion auszulösen, wurde den „immunisierten“ Mäusen eine potenziell letale Dosis (a potentially lethal dose of F tularensis) injiziert und die Wirkung der Nosoden im Hinblick auf die Mortalitätsrate und die Überlebenszeit bewertet. Überschwemmt man den Körper jedoch mit einer sicher letalen Erregerlast, überfordert also gezielt das Immunsystem, lässt sich wohl kaum ein Effekt der Impfung messen, da es eine „Chance“ für die Impfimmunität nicht gab. Auch nicht in der Mortalitätsrate, weil die von den verschiedensten Faktoren abhängen kann.

Interessant ist hier, dass Impf“skeptiker“ ihrerseits gern mit dem Argument antreten, schon vor der Einführung von Flächenimpfungen sei die Mortalitätsrate zurückgegangen, diese sei daher eben kein Effekt der Impfung – hier nun wird mit dem gegenteiligen Effekt versucht, einen Impfeffekt zu „beweisen“.

Zudem wurde der Kontrollgruppe ein Placebo (reines Lösungsmittel) verabreicht statt der Standardtherapie – Placebo wurde also mit Placebo verglichen. Als Outcome wurde der „Mittelwert“ (mean) der Überlebenszeiten in den einzelnen Versuchsreihen bestimmt, ein Verfahren, das ohne Kenntnis der exakten Datenreihen wenig Rückschlüsse zulässt. Und so wundert auch das mehr als vorsichtige Gesamtfazit der Forscher nicht:

Wenn homöopathische Nosoden den Schutz vor Infektionserregern induzieren können, für die derzeit keine Impfung möglich ist, können sie eine vorläufige Methode zur Verringerung der Morbidität oder Mortalität durch diese Erreger darstellen.“

Wenn…was? Hier wurde doch gar keine Wirkung auf Pathologien untersucht, für die keine Impfung möglich ist! Im Grunde muss man konstatieren, dass dies überhaupt nicht als Fazit aus der Studie angesehen werden kann. Die Autoren ziehen sich damit ins gänzlich Unbestimmte zurück. Homöopathische Forschung – wie gehabt.


Man kann auch anders vorgehen, wenn man es ernst meint. Der vielversprechendste Ansatz wäre, wie es auch bei der klinischen Prüfung zur Entwicklung neuer Impfstoffe geschieht, eine Zeitlang nach der Impfung den Titer, also die Vermehrung der erwünschten Antikörper im Blut der Probanden, als ein starkes Indiz für eine Wirksamkeit festzustellen. Tatsächlich gibt es auch Arbeiten dieser Art.

Die Arbeit von Loeb et al aus dem Jahre 2018 (A randomized, blinded, placebo-controlled trial comparing antibody responses to homeopathic and conventional vaccines in university students. PMID: 30352746 DOI: 10.1016/ j.vaccine. 2018.08.082) untersuchte drei Gruppen aus einer Population von 150 jungen Erwachsenen: solche, die in der Kindheit durchgeimpft worden waren, solche, die eine „homöopathische“ Impfung erhalten hatten, und eine letzte Gruppe, die keinerlei Impfungen bekommen hatte.

Loeb et al. kommen zu dem wenig überraschenden wie eindeutigen Ergebnis:

Homöopathische Impfstoffe lösen keine Antikörperreaktionen aus und erzeugen eine Reaktion, die der von Placebo ähnlich ist. Im Gegensatz dazu bieten herkömmliche Impfstoffe bei den meisten Geimpften eine robuste Antikörperreaktion.

Wie sollte es auch anders sein?


Aktuell (November 2019) ist eine Replik zur Arbeit von Loeb et al erschienen, die sich kritisch zum Ergebnis äußert und methodische Fehler entdeckt zu haben glaubt (Dutta S et al., The Concept of ‚Homeopathic Vaccines‘ Is Not Rational and Lacks Evidence: A Commentary on the Paper by Loeb et al, 2018; Homeopathy. 2019 Nov;108(4):298-299. doi: 10.1055/s-0039-1696969). Welche methodischen Fehler? Nun, es wird beanstandet, dass die Tests der Studie nicht nach den Grundsätzen der individualisierten Homöopathie nach Anamneseerhebung und individueller Mittelfindung durchgeführt worden seien…

Das macht nun vollends sprachlos. Besser kann man nicht demonstrieren, dass homöopathische Prophylaxe im Kern ein vollendeter Widerspruch zu Hahnemanns Lehre ist. Es soll also per homöopathischer Anamnese die Art der Verstimmung der Lebenskraft bestimmt werden, an Menschen, die gesund sind, also gar keine „verstimmte Lebenskraft“ aufweisen? Ungewollt wird unsere Ausgangsthese, dass und warum Prophylaxe der Homöopathie wesensfremd ist (eben weil sie unvereinbar mit dem homöopathischen Individualitätsprinzip ist), durch diese Absurdität schlagend bestätigt. Zwar wurde die Problematik der Verletzung des Individualitätsprinzips durch die homöopathische Impfung richtig erkannt, aber mit einem bemerkenswerten confirmation bias nicht den naheliegenden Schluss gezogen, dass homöopathische Prophylaxe ein Unding ist, sondern auf die Absurdität verfallen, dass die widerlegende experimentelle Studie nicht in Ordnung sein kann. Was nicht sein kann, das nicht sein darf. Wir danken für diese Veröffentlichung.


Abschließend sei noch auf eine Arbeit kanadischer Wissenschaftler hingewiesen, die ausdrücklich gegen zunehmende Fehlinformationen in der kanadischen Alternativmedizinszene über die angebliche Wirksamkeit homöopathischer Impfungen gerichtet ist. Dem Titel der Arbeit ist eigentlich nichts hinzuzufügen: „Nosoden sind kein Ersatz für Impfungen“. Punktum. (Rieder MJ, Robinson JL, ‚Nosodes‘ are no substitutes for vaccines, . 2015 May; 20(4): 219–220. doi: 10.1093/pch/20.4.219)

 

Nein – Homöopathie und Impfung gehören nicht zusammen

Die Homöopathie kann weder die „Erfindung“ der Impfung für sich reklamieren, noch hält die Behauptung, es könne homöopathisch „geimpft“ werden, kritischer Betrachtung stand. Nicht nur homöopathische Grundprinzipien, auch die Irrungen und Wirrungen in der Geschichte der Nosodenlehre sind schlagende Belege dafür, dass Impfen und Homöopathie nur bei oberflächlichster Betrachtung Gemeinsamkeiten zu haben scheinen. Homöopathische Impfungen und Nosodenlehre bereichern nur das Repertoire der inneren und äußeren Widersprüche des homöopathischen Gedankengebäudes. Zumal sich diese Postulate sehr gefährlich an Denkmustern bewegen, die in der Impfgegnerszene verbreitet sind.

Vertrauen Sie nicht „homöopathischen Impfungen“, die heute sogar für Tropenkrankheiten offeriert werden. Sie erhalten nichts anderes als das homöopathische „Nichts“ anstelle des erwünschten Immunschutzes – was böse Folgen haben kann. Und „homöopathische Ausleitungen“ oder „Behandlungen“ von „Impfbeschwerden“ mit Nosoden sind wirkungslos und überflüssig.


Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Offener Brief an die bayerischen Landtagsabgeordneten: Homöopathie ist keine Antibiotika-Alternative!

Das Bild zeigt die Vorderansicht des Maximilianeums in München auf der Isarhöhe, dem Sitz des Bayerischen Landtags
Maximilianeum München, Sitz des Bayerischen Landtages

Am 24. Oktober berichtete das kritische Portal „MedWatch“, dass dem Bayerischen Landtag ein Antrag der Fraktionen von CSU und Freien Wählern vorliegt, in dem die Beforschung von alternativmedizinischen Methoden, „namentlich der Homöopathie“, zur Verringerung / Vermeidung des Einsatzes von Antibiotika gefordert wird. Der Gesundheitsausschuss des Landtages hat nach unseren Informationen bereits mehrheitlich dem Landtag empfohlen, entsprechend zu beschließen.

Salopp gesagt, hört hier aber nun wirklich der Spaß auf. Uns ist wohl bekannt, dass immer wieder Homöopathie als Antibiotikaalternative propagiert und auch angewandt wird. Vor allem in der Nutztierhaltung ist dies erschreckend weit verbreitet (und wird von der EU-Tierarzneimittelrichtlinie auch noch befördert). Es gab vor etwa einem Jahr sogar den Versuch, über eine Crowdfunding-Plattform Geld für entsprechende „homöopathische Forschung“ einzubringen, was glücklicherweise im Ansatz steckenblieb. Nun, inzwischen sind wir weiter: Von der Nutztierhaltung zur Humanmedizin, vom Crowdfunding vergleichsweise bescheidenen Ausmaßes zum Anzapfen öffentlicher, durch Steuereinnahmen refinanzierter Mittel.

Selbstverständlich kann dies nicht unwidersprochen bleiben. In der Erwartung, dass fachliche Argumente in dieser Sache noch eine Chance haben, hat das INH den nachfolgenden Offenen Brief an alle (per Mail erreichbaren) bayerischen Landtagsabgeordneten geschickt:


 

An die Mitglieder
des Bayerischen Landtages

 

04.11.2019

Antrag „Todesfälle durch multiresistente Keime vermeiden IV – Studie zu einem reduzierten Antibiotika-Einsatz“

Sehr geehrte Damen und Herren,

in obigem Antrag schlagen Abgeordnete der CSU und der Freien Wähler vor, dass in einer Studie untersucht werden soll, ob durch Einsatz von Alternativmedizin, namentlich der Homöopathie, der Einsatz von Antibiotika reduziert werden kann.

Hiermit möchten wir Sie davon überzeugen, dass der Antrag abgelehnt werden sollte, da diese Untersuchung angesichts bereits vorliegender Erkenntnisse sinnlos ist und eine Verschwendung von Steuermitteln darstellt.

Wir teilen die Ansicht, dass das Thema der Antibiotikaresistenzen dringender Aufmerksamkeit und wohl auch einer Bereitschaft der öffentlichen Hand bedarf, sich – auch finanziell – zu engagieren. Der Ansatz des oben bezeichneten Antrages scheint uns dafür aber wenig geeignet zu sein. Wir halten es für erforderlich, Ihnen nachstehend die Gründe für diese Einschätzung zu erläutern.

Zur Begründung:

Das Bemühen, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, ist ein sinnvolles und notwendiges Vorhaben, um die weitere Ausbreitung multiresistenter Keime zu verhindern und damit die Gesundheit der Bürger zu schützen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und ihre Teilorganisationen betreiben dazu bereits seit geraumer Zeit Aufklärungskampagnen, so findet z.B. vom 18. bis 24.11.2019 die weltweite „World Antibiotic Awareness Week“ statt [1]. Wissenschaftliche Empfehlungen zur Reduzierung von Antibiotikagaben werden umfangreich kommuniziert. Aber: Der Einsatz von alternativmedizinischen Therapien, insbesondere der Homöopathie, ist dagegen in keinem Fall zielführend.

Wenn eine Therapieentscheidung ansteht, können nur zwei Fälle auftreten:

(1) Es liegt eine bakterielle Infektion vor und der Einsatz von Antibiotika ist angezeigt: Dann wäre die Anwendung von pseudomedizinischen Verfahren, die nicht über einen Placebo-Effekt hinaus wirksam sein können, unterlassene Hilfeleistung zum Schaden des Patienten.

(2) Es liegt keine bakterielle Infektion vor, dann sind keine Antibiotika angezeigt. Die einzig richtige Konsequenz ist, keine Antibiotika zu verordnen, auch nicht als Präventivmaßnahme. Gleiches gilt für harmlose, selbstlimitierende Infektionen, in denen der Einsatz der Homöopathie ebenfalls keinen reellen Vorteil ergibt.

Zum Hintergrund:

Die Ursache von bakteriellen Infektionskrankheiten sind Bakterien, die durch das körpereigene Abwehrsystem bekämpft werden. Kritisch wird dies, wenn diese Abwehr nicht ausreicht, die Erreger einzudämmen oder zu vernichten. In diesem Fall ist eine Antibiotika-Behandlung notwendig, um die Bakterien abzutöten.

Da der Antrag sehr stark auf die Homöopathie abzielt und keine anderen Therapieoptionen erwähnt, konzentrieren wir uns auf diese Therapieform.

Grundsätzlich ist zu bedenken, dass Infektionskrankheiten vor der Entdeckung der modernen Antibiotika die Todesursache Nummer eins waren. Sie waren Ursache für die damals geringe Lebenserwartung, insbesondere durch die hohe Kindersterblichkeit. Penicillin wurde erst 1928 entdeckt, aber erst nach dem 2. Weltkrieg fanden Antibiotika eine weitere Verbreitung in der Alltagsmedizin, und erst danach hat die Sterblichkeit infolge von Infektionen deutlich abgenommen. Ganz offensichtlich war die seit Anfang des 19. Jahrhunderts weit verbreitete Homöopathie nicht in der Lage, zu einer Lösung dieses Problems beizutragen. Es drängt sich die Frage auf, was sich an der homöopathischen Lehre weiterentwickelt hätte, dass sie heute bessere Voraussetzungen bieten soll, schließlich sind die Lehren des Gründers Samuel Hahnemann damals wie heute die in der Homöopathie anerkannten Therapiegrundsätze.

Zur Homöopathie:

Die Homöopathie ist ein Therapiekonzept aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert, an dem die Fortschritte der medizinischen Erkenntnis weitgehend spurlos vorbeigegangen sind. „Verstimmung der Lebenskraft“ und „Miasmen“ sind Grundlagen ihrer Krankheitslehre, die trotz der ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzielten fundamentalen Fortschritte des medizinischen Wissens unverändert beibehalten wurden und in der Wissenschaft schon lange als obsolet gelten. Keime – Viren, Bakterien, auch Parasiten – sind dem homöopathischen Konzept wesensfremd und sind es auch nach Erschließung der infektiologischen Grundlagen stets geblieben.

Im homöopathischen Therapiekonzept genügt eine durch Verdünnen und Schütteln erzeugte geistartige Arzneikraft des passenden Mittels zur Behandlung jeder Krankheit, indem die verstimmte Lebenskraft wieder ins Gleichgewicht gebracht wird. Dies gelingt umso besser, je mehr der eigentliche Wirkstoff durch das Potenzieren aus dem Präparat heraus verdünnt und je öfter am Ende reines Wasser mit reinem Wasser weiter verdünnt wurde. Einzig Miasmen, sogenannte Urübel, die auch von den Vorfahren ererbt sein können, stehen nach der homöopathischen Lehre bei chronischen Erkrankungen einer erfolgreichen Therapie entgegen. Hormone, Vitamine, Enzyme etc. spielen keine Rolle. Selbst einfache Diagnoseverfahren wie Messung der Körpertemperatur, des Pulsschlages oder des Blutdruckes haben keinen Niederschlag in den einschlägigen Repertorien gefunden, nach denen in der klassischen  Homöopathie die passenden Mittel identifiziert werden.

Im Gegensatz zu den Angaben im Antrag ist es trotz vieler klinischer Studien bislang noch nie gelungen, eine Wirksamkeit der Homöopathie bei auch nur einem einzigen Krankheitsbild überzeugend nachzuweisen, schon gar nicht bei Infektionskrankheiten. Dies haben bislang alle systematischen Reviews ergeben, die die vorliegenden Einzelstudien zusammenfassend ausgewertet haben. Es mag einzelne Studien geben, in denen scheinbar ein positiver Effekt aufgetreten ist, aber eine Bewertung der Qualität der jeweiligen Studie ergibt regelmäßig, dass deren Studiendesign unzulänglich war oder den beteiligten Forschern Fehler unterlaufen sind. Alle elf Reviews, darunter auch vier, die im Rahmen eines Projektes des englischen Homeopathy Research Institute durchgeführt wurden, kamen zu dem Schluss, dass die vorliegenden Ergebnisse nicht darauf schließen lassen, dass die Homöopathie über einen Placeboeffekt hinaus wirksam sein könnte[2]. Viele Internationale Wissenschaftsvereinigungen (z.B. die Europäischen Akademien der Wissenschaften[3]) und nationale Körperschaften haben entsprechende Empfehlungen ausgesprochen oder Konsequenzen gezogen, zuletzt in Frankreich, wo ab 2021 keine Homöopathika mehr von den Krankenkassen erstattet werden. Dort wurde zuvor die gesamte Studienlage auf mehreren Ebenen nochmals evaluiert – mit negativem Ergebnis.

Dass es trotz intensiver Bemühungen, oftmals unter Beteiligung von Homöopathen, nicht gelungen ist, einen belastbaren Nachweis für eine therapeutische Wirksamkeit der homöopathischen Mittel zu finden, lässt darauf schließen, dass es die behaupteten spezifischen Effekte der Mittel einfach nicht gibt.

Leider geben die Antragsteller nicht an, auf welche Studien sie sich beziehen. Identifizierbar ist alleine die Studie von Frass et al., die als einzige überhaupt die Wirksamkeit bei der Behandlung von Patienten mit einer schweren Sepsis untersucht[4], ein Krankheitsbild, das man in wenigen Tagen überwunden hat oder daran verstirbt. Es war allerdings nicht so, wie das im Antrag aufgeführte Zitat suggeriert, dass die zusätzliche Gabe von homöopathischen Präparaten den Behandlungserfolg auf der Intensivstation verbessert hätte. Einen signifikanten Unterschied gab es nämlich erst nach sechs Monaten, wo mehr Patienten der mit Placebo behandelten Kontrollgruppe verstorben waren als solche, die tatsächlich Homöopathika erhalten haben. Allerdings macht Frass keine Angaben, woran die Patienten lange, nachdem die Sepsis überwunden war, verstorben sind. Es könnte sich auch um Unfälle gehandelt haben, die zufällig in der Kontrollgruppe häufiger aufgetreten sind, wenn die Patienten dort nicht ohnehin aufgrund ihrer in der Studie dokumentierten schlechteren gesundheitlichen Situation eher verstorben sind. Die Arbeit von Frass ist daher auch aus Gründen, die dem medizinischen Laien einsichtig sind, ohne jede Aussagekraft hinsichtlich einer Wirkung von Homöopathika bei Infektionskrankheiten.

Die im Bereich HNO vorliegenden Studien sind ebenfalls nicht geeignet, eine therapeutische Wirksamkeit bei Infektionen zu belegen. Bei den meisten Studien dieser Art wurden selbstlimitierende Infektionen betrachtet (Infektionen der oberen Atemwege, Mittelohrentzündung, banale Erkältungen), die gewöhnlich von Viren herrühren, gegen die Antibiotika wirkungslos sind. Man schließt dann von der Vergleichbarkeit der Ergebnisse der Homöopathie zu den in diesen Fällen unwirksamen Antibiotika, dass die Wirkungsweise beider Therapien gleich wäre — was in diesen Fällen der beiderseitigen Wirkungslosigkeit ja auch stimmt — und überträgt dies argumentativ auf die Gesamtheit der Indikationen, in denen Antibiotika eingesetzt werden.  Aus dem gemeinsamen Fehlen eines Merkmals kann jedoch nicht auf eine Übereinstimmung bei anderen Merkmalen geschlossen werden: Ein Löwe kann genauso wenig fliegen wie ein Seehund — daraus aber zu schließen, sie könnten dann auch vergleichbar gut schwimmen, ist sicher falsch.

Es sei abschließend darauf hingewiesen, dass Forschung in der Homöopathie angesichts der mangelnden Plausibilität der Grundlagen und Inhalte generell wenig Aussicht auf einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bietet. Es handelt sich vielmehr um Bestätigungsforschung, bei der weniger die vorurteilsfreie Suche nach neuem Wissen im Vordergrund steht, sondern lediglich versucht wird, Belege für das krude Gedankengebäude zu finden, wobei unerwünschte negative Ergebnisse einfach ignoriert werden. Beispielsweise hat die Münchner Kopfschmerzstudie eindrücklich gezeigt, dass es auch bei besten Voraussetzungen nicht gelingt, Kopfschmerz mittels Homöopathie erfolgreich zu behandeln[5]. Hier hatte sogar die mit Placebo „behandelte“ Vergleichsgruppe die besseren Ergebnisse erzielt. Wie ein Blick in die vielfältigen Angaben zur Wirksamkeit einzelner homöopathischer Präparate zeigt, ist diesem Ergebnis auch nach über zwanzig Jahren nicht Rechnung getragen worden: Nach wie vor gehören Kopfschmerzen in jeder erdenklichen Ausprägung zum Einsatzgebiet der allermeisten Homöopathika.

Zusammenfassung

Die Homöopathie bietet trotz der vergleichsweise umfangreichen Forschungsergebnisse keinerlei Anlass zu der Annahme, man könnte damit irgendeine Krankheit erfolgreich medikamentös behandeln, Infektionskrankheiten schon gar nicht. Für diese Rückschlüsse liegen genügend Forschungsergebnisse vor, nicht nur zur homöopathischen Therapie selbst, sondern auch zu den Grundlagen von Physiologie und Pharmakologie, die die Grundlagen der Homöopathie völlig absurd erscheinen lassen.

Ein Einsatz der Homöopathie in Fällen, in denen Antibiotika angezeigt sind, ist gefährlich, in allen anderen Fällen, auch als Zusatz zur Antibiotikabehandlung, sinnlos.

Es besteht somit keine Rechtfertigung dafür, Steuermittel für eine weitere Forschungsarbeit aufzuwenden, wenn nicht die bereits vorliegenden Ergebnisse ausgewertet worden sind und sich dabei eine Lücke gezeigt hat, wo Forschungsergebnisse fehlen und ein positives Resultat möglich sein könnte.

Aus unserer Sicht wäre es wesentlich effektiver, analog zur Initiative RESIST der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern aus dem Jahr 2017 auf eine Reduktion der Verordnung von Antibiotika hinzuwirken (https://www.kbv.de/html/resist.php). Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass zum Thema Antibiotikaresistenzen, deren Vermeidung und Perspektiven für die Zukunft in einem von der WHO koordinierten Netzwerk weltweit geforscht wird – in Deutschland unter Federführung des Deutschen Zentrums für Infektionskrankheiten (dzfi).

Wir halten es für dringend angezeigt, die vorstehenden Hinweise und Erläuterungen im Beratungs- und Entscheidungsprozess zum Empfehlungsbeschluss des Gesundheitsausschusses zu berücksichtigen.

Mit freundlichen Grüßen

Für das Informationsnetzwerk Homöopathie

Dr. med. Natalie Grams, Heidelberg
Dr.-Ing. Norbert Aust, Schopfheim
Dr- med. Christian Lübbers, Weilheim


Mitunterzeichner:

Prof. Dr. rer. nat. Michael Bach, Gundelfingen
DDr. Ulrich Berger, Wien/Österreich
Dr. rer. nat. Jochen Blom, Gießen
Dr. Andreas Breß, Tübingen
Prof. Dr. phil. Peter Brugger, Zürich/Schweiz
Udo Endruscheit, Essen
Prof. emeritus Edzard Ernst, Exeter/UK
Prof. Dr. Dittmar Graf, Gießen
B.-Eng. Dirk Graefe, München
Dr. med. Peter Grimm, Regen
Dr. med. Dr. h.c. Rudolf Happle, Freiburg
Dr. med. Oliver Harney, Bietigheim-Bissingen
Prof. Dr. Wolfgang Hell
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, Berlin
Udo Hilwerling, Paderborn
Elke Hergenröther, Hollfeld
Prof. Dr. med. Jutta Hübner, Jena
Dr. Holm Gero Hümmler, Bad Homburg
Dr. Michael Jachan, St. Pölten/Österreich
Dr. rer. nat. Franz Kass, Willich
Monika Kreusel, Köln
apl. Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Dipl. Psych Christoph J. G. Lang, Heroldsbach
Dr. Philippe Leick, Gerlingen
Dr. phil. Martin Mahner, Roßdorf
MUDr. Viliam Masaryk, Gera
Dr. Theodor Much, Wien/Österreich
Dr. Nikil Mukerji, München
Dr. med. Dipl. Psych. Claudia Nowack, Münster
Dipl. Phys. Ute Parsch, München
Dipl. Phys. Hans Pfeufer, Berlin
Kai Rabus, Apotheker, Berlin
Dr.-phil. Jan-Ole Reichardt, Münster
Rainer Rößler, Holste
Dr. Rainer Rosenzweig, Nürnberg
Holger von Rybinski, München
Prof. Dr. Norbert Schmacke, Bremen
Michael Scholz, Kronach
Dipl.-Pharm. Viola Stuppe, München
Dr. med. Tilman Schwilk, Schramberg
Dr. med. Wolfgang Vahle, Paderborn
Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer, Freiburg
Dr. Rolf Wagels, Barsinghausen
Dr. Barbro Walker, Berlin
Dr. habil. Rainer Wolf, Würzburg
Dipl. Kfm. Christoph Zeitschel, Laatzen


[1]    Weitere Informationen: (Link)

[2]    NN: Systematische Reviews zur Homöopathie – Übersicht. Homöopedia des Informationsnetzwerks Homöopathie (Link)

[3]    EASAC: Homeopathic products and practices (Link)

[4]    M. Frass et al: Adjunctive homeopathic treatment in patients with severe sepsis: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial in an intensive care unit. In Homeopathy. 2005 Apr;94(2):75-80 (Link)

[5]    Walach H, Haeusler W, Lowes T et al.: “Classical homeopathic treatment of chronic headaches“, Cephalagia(1997);17:119-126 (Link)


Mehr zu Antibiotika und Homöopathie:

Einwand: Globuli sind eh viel besser als Antibiotika!

Totes Kind in Italien: DZVhÄ sieht „ärztlichen Kunstfehler“

Artikel „Antibiotika“ bei der Homöopedia


Bild von Franz Dürschmied auf Pixabay

Ärztliche Homöopathie und Patientensicherheit – Prüfstein Homöopathiekongress

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) stellt seine Mitglieder in der Öffentlichkeit als Garanten einer guten medizinischen Versorgung dar. Das ist unter anderem notwendig, um der Kritik zu begegnen, der Einsatz von Homöopathie verzögere unter Umständen eine zeitgerechte medizinische Behandlung schwerer Erkrankungen. Auch von der Politik wird die Stellung des DZVhÄ für die Patientensicherheit im Rahmen homöopathischer Behandlungen betont. So beispielsweise durch die damalige Staatssekretärin im Gesundheitsminsterium Annette Widmann-Mauz  im Rahmen des Internationalen Homöopathiekongresses 2017 in Leipzig (LMHI), der vom DZVhÄ ausgerichtet wurde.

Bereits die Vorträge auf dem LMHI waren Beleg dafür, dass der DZVhÄ seiner Rolle nicht nur nicht gerecht wird, sondern eine Gefahr für Patienten sein kann. So wurden neben homöopathischen Behandlungsoptionen bei Krebs, HIV und akutem Abdomen dort auch die homöopathische Behandlung von Autismus vorgestellt.

Auf dem diesjährigen nationalen Kongress des DZVhÄ in Stralsund wurde erneut deutlich, dass PatientInnen von Mitgliedern dieses Vereins die Einlösung des Anspruchs auf Patientensicherheit nicht erwarten können.  Ein Kinder- und Jugendpsychiater hielt dort einen Vortrag und ein Seminar, deren Ankündigung bereits deutlich machten, dass der Vortragende sich um wissenschaftliche Belege nicht kümmert oder nicht um sie weiß.

In der Ankündigung des Vortrages „ADHS, Autismus und Co. – Was ist was? – Diagnosen aus Sicht der Kinderpsychiatrie und der Homöopathie“ war unter anderem zu lesen:

„Was der Kinderpsychiater Autismus nennt, mag vom homöopathischen Arzt als Impfschadensyndrom (…) bezeichnet werden.“

Im Seminar „Aus der Praxis des Kinderpsychiaters“ soll es um verschiedene homöopathische Therapieansätze gehen. Unter anderem wird hier die „CEASE Therapie und Inspiring Homeopathy (T. Smits)“ genannt.

Eine kausale Verbindung von Autismus und Impfungen wurde zwar bereits in den 1980er Jahren vermutet, spätestens zu Beginn der 2000er Jahre war jedoch klar, dass dieser kausale Zusammenhang nicht besteht. Seitdem ist weitere Evidenz hinzugekommen, die wieder und wieder belegt, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt.

Ungeachtet dessen wird auf dem Kongress der Ärzteorganisation, die sich der Homöopathie verschrieben hat, im Jahr 2019 weiterhin ein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus behauptet. Die WHO hat Impfmüdigkeit zu einer der 10 größten Gesundheitsgefahren festgemacht. Wie passen längst widerlegte Aussagen, die ohnehin schon einen großen Teil dieses Problems in der Vergangenheit verursacht haben und geeignet sind, dieses weiter verschärfen, zu einer Organisation, die sich nach eigenem wiederholten Bekunden Patientensicherheit und Evidenzbasierte Medizin auf die Fahnen geschrieben hat und damit die Führerschaft der ärztlichen Homöopathie begründet?

Dieser Vortrag sowie das Seminarkonzept müssen durch viele Hände gewandert sein, bis sie im offiziellen Programm gelandet sind. Offenbar ist keiner der Personen, die an dem Programm beteiligt waren, aufgefallen, dass es sich bei diesen Aussagen um Unsinn handelt. Wie steht es um die wissenschaftliche Ausbildung der Mitglieder eines Vereins, der so etwas verantwortet?

Nicht anders als mit der Autismus-Legende verhält es sich mit der sogenannten CEASE-Therapie. Dahinter verbirgt sich noch viel mehr als eine wirkungslose homöopathische Behandlung von Menschen mit Autismusspektrumsstörung (ASS).

Der niederländische Arzt Tinus Smits hatte, neben der Nutzung von Nasenspray in der Schwangerschaft, dem Aufwärmen von Milch in der Mikrowelle, Narkose unter der Geburt und anderem, auch Impfungen als angebliche Ursache von Autismus ausgemacht. Auch hier wird der widerlegte Zusammenhang von Impfungen und Autismus wiederholt.

Smits behauptete auch, mit seiner Methode den konkreten individuellen Auslöser von ASS diagnostizieren zu können und dann eine homöopathische „Entgiftung“ vorzunehmen. Darüber hinaus gibt er vor, mit seiner Methode ASS vollständig „heilen“ zu können. Abgesehen vom Wecken unrealistischer Erwartungen bei den Betroffenen sind auch die Schuldzuweisungen an die Mütter nicht zu vernachlässigen, denen suggeriert wird, durch ein „Fehlverhalten“ ((z. B. Nasentropfen in der Schwangerschaft) für die Erkrankung ihres Kindes (mit-)verantwortlich zu sein. So stellt sich die CEASE-Therapie als ein weiteres beklagenswertes Beispiel dafür dar, wie mit nicht evidenzbasierten, jeglicher Plausibilität entbehrenden Methoden Grundsätze der medizinischen Ethik verletzt werden.

Auch hier scheint sich von den Kongressverantwortlichen des DZVhÄ niemand die zentralen Behauptungen Smits angeschaut zu haben. Dabei dürften einige davon selbst von klassischen HomöopathInnen kritisch gesehen werden, da sie stark von Hahnemanns Lehre abweichen. Ein weiteres Mal bestätigt sich, dass eine Qualitätskontrolle durch den DZVhÄ nicht stattfindet und intern weder homöopathische noch evidenzbasierte Kriterien überprüft werden.

Der DZVhÄ war bisher nicht in der Lage, auf die Frage nach spezifischer Wirksamkeit der Homöopathie eine angemessene und intersubjektiv überprüfbare Antwort zu geben. Aus Sicht der Politik sowie der Öffentlichkeit würde es sich also im schlechtesten Fall um eine gut bezahlte Behandlung mit Placebos handeln. Leider zeigt sich wieder und wieder, dass sich im DZVhÄ neben den Ansichten zur Homöopathie weitere wissenschaftlich widerlegte Ansichten halten, die zur Gefahr für PatientInnen werden.

Auch die Krankenkassen, die mit dem DZVhÄ direkte Verträge abschließen, sind hier in der Verantwortung. Sie setzen ihre Patienten der Gefahr aus, eine Behandlung zu erhalten, die nicht nur dem aktuellen medizinischen Erkenntnisstand widerspricht, sondern Schaden anrichten kann. Der DZVhÄ ist aus unserer Sicht kein Partner für einen verantwortungsvollen Umgang mit Patienten. Nach dem LMHI 2017 war der diesjährige Kongress ein weiterer Beleg dafür.


Zum Weiterlesen:

Autismus- Lüge:

New Meta-analysis Confirms: No Association between Vaccines and Autism – bei Autism Speaks

Lügengeschichten – widerlegt! – bei Susannchen braucht keine Globuli

CEASE-Therapie:

Artikel über Titus Smits und CEASE bei den niederländischen Skeptikern „Verenigung tegen de kwakzalverij“ (in niederländischer Sprache)

Seven things you might want to know about ‘CEASE’ therapy (as practised by homeopaths and naturopaths) – Artikel von Prof. Edzard Ernst (in englischer Sprache)


Bildnachweis: Webseite Deutscher Ärztekongress für Homöopathie 2019 (Screenshot)


Autor: Dr. med. Jan Oude-Aost

Funktioniert Homöopathie? – Ein Gastartikel von Abhijit Chanda (berationale.com)

Einführung

Immer wieder hören wir von Indien als dem „gelobten Land“ der Homöopathie. Immer wieder bekommen die Kritiker Indien als leuchtendes Beispiel vorgehalten, wenn es darum geht, über die große  Verbreitung der Homöopathie einen „Beweis“ für ihre Validität zu konstruieren.

Umso mehr freuen wir uns, heute einen Gastbeitrag eines indischen Autors vorstellen zu dürfen, der mit der Homöopathie dort aufgewachsen ist und gleichwohl zu einer kritisch-ablehnenden Haltung gefunden hat. Der nachfolgend in deutscher Übersetzung mit seiner freundlichen Erlaubnis  veröffentlichte Artikel ist zuerst auf seinem Blog (berationale.com, auch als The Rationable Podcast) erschienen.

Über die Gründe für die weite Verbreitung der Homöopathie in Indien können wir hier nur spekulieren. Deshalb finden wir die Mitteilung unseres Gastautoren hochinteressant, dass das Ansehen der Homöopathie in Indien zu großen Teilen darauf beruhe, dass sie aus Deutschland stammt – man könne sich dort nicht vorstellen, dass aus Deutschland etwas Falsches oder Unsinniges („bogus“) käme. Was einerseits verblüffend ist und andererseits den Hinweis der hiesigen Homöopathen auf die Beliebtheit in Indien zudem  auch noch als Zirkelschluss entlarvt.

Wir halten diesen Beitrag für ein außerordentlich wichtiges Dokument aus einer Weltgegend, wo kritisch-rationales Denken sich erst langsam zu verbreiten beginnt. Wir haben großen Respekt vor  unserem Gastautoren, der in seinem gänzlich anderen soziokulturellen Umfeld zu einer so kritischen Haltung gefunden hat, die den Kern der Sache trifft.

Die deutsche Übersetzung ist – insbesondere bei den Zitaten – leicht gekürzt und mit einigen kleinen Zusätzen versehen. Die englische Version entspricht dem Originaltext mit allen Verlinkungen.

Wir freuen uns sehr über die Möglichkeit zur Veröffentlichung und bedanken uns ganz herzlich bei Abhijit Chanda!


Funktioniert Homöopathie?
von Abhijit Chanda, berationable.com

Meine Geschichte

Die Homöopathie, insbesondere in Indien, ist eine Behandlungsmethode, an die viele Menschen glauben. Tatsächlich ist Indien einer der größten Märkte für homöopathische Arzneimittel, wenn nicht sogar der größte. Außerdem erhält es durch die AYUSH-Initiative regierungsamtliche Unterstützung. Meine Eltern haben mich als Kind homöopathisch behandelt, und sie schwören darauf. Tatsächlich tun dies hier die meisten Menschen. Es gibt College-Abschlüsse in Homöopathie, Ärzte verschreiben sie, und es heißt, dass auch Säuglinge und Tiere davon profitieren. Aber funktioniert die Homöopathie wirklich? Wie ich herausgefunden habe, tut sie das durchaus „irgendwie“, aber nicht so, wie man denkt.

Es ist ein langer Artikel geworden. Es gibt ein „too long – didn’t read“, aber ich empfehle, den kompletten Artikel zu lesen, um die Einzelheiten und meine persönliche Seite der Geschichte zu verstehen.

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich es als selbstverständlich angesehen, dass Homöopathie funktioniert. Ich wusste nicht wie oder warum, ich wusste nur, dass meine Eltern und die meisten anderen Leute darauf schworen, also musste doch etwas dran sein. Ich wurde mehrmals mit Homöopathie behandelt. In einem Fall hat es die Sache verschlimmert. Der homöopathische Arzt meinte dazu: „Manchmal müssen die Dinge schlechter werden, bevor sie besser werden.“ Ich muss zugeben, ich war zwar wenig beeindruckt von dieser Antwort, aber ich mochte den Geschmack der Medikamente. Immer zuckrig-süß oder sogar mit etwas Alkohol. Was könnte es Besseres aus der Sicht eines Kindes geben,  als etwas Süßes als Medizin zu bekommen!

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Apotheker in einer homöopathischen Apotheke, Varanasi, Benares, Indien

Erst als ich anfing, nach und nach meine Leidenschaft für die Naturwissenschaften zu entwickeln, wurde mir klar, dass der Rest der wissenschaftlichen Welt durchaus nicht nicht der Ansicht war, dass Homöopathie „funktioniert“. Richard Dawkins und James Randi waren die ersten Menschen, von denen ich mitbekam, dass sie die Homöopathie öffentlich kritisierten. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte und sah! Wie konnte diese Form der Behandlung so wirkungslos sein und doch Millionen von Anhängern haben?

TL;DR

Die Homöopathie ist eine alte Praxis, die in den 1700er Jahren als Gegenposition zu Aderlass und anderen archaisch-vorwissenschaftlichen medizinischen Praktiken geschaffen wurde.

Homöopathie ist ein Prozess,  der für die Behandlung von Beschwerden auf Verdünnung einer kleinen Menge Substanz in einer Menge  Lösungsmittel setzt, die weit größer sein kann als das gesamte Erdvolumen.

Es gibt keine Beweise dafür, dass Homöopathie besser funktioniert als ein Placebo, selbst nachdem Hunderte von klinischen Studien durchgeführt wurden.


Wie die Homöopathie in die Welt kam

Porträt von Samuel Hahnemann, Stich nach einem Gemälde von 1830
Porträt von Samuel Hahnemann, Stich nach einem Gemälde von 1830

Es hat eine Weile gedauert, bis ich zu den Wurzeln der Frage „Funktioniert die Homöopathie überhaupt?“ vorgedrungen war.

Im 18. Jahrhundert bestand die allgemein übliche medizinische Behandlung darin, einen „Ausgleich“ der vier „elementaren Säfte“ im Körper zu erreichen: Blut, Schleim, schwarze Galle und gelbe Galle (Humoraltherapie). Die vorherrschende Annahme war, dass Krankheit durch ein Ungleichgewicht dieser „Humorale“ (Säfte im Menschen) verursacht würde, was wenig angenehm gewesen sein dürfte – der „Ausgleich“ bediente sich in erster Linie Dinge wie Aderlass, Blutegel oder Erbrechen. Dies alles im Wortsinne. Es ging darum, einige der für die Krankheit verantwortlichen Flüssigkeiten irgendwie loszuwerden, sei es das Blut, indem man eine Vene öffnet und es herausfließen lässt, oder langsamer, indem man eine Lauge benutzt (sog. Weißer Aderlass, Serumentzug). Einläufe, Erbrechen und Schwitzen waren weitere Möglichkeiten, Beschwerden zu bekämpfen. Das funktionierte manchmal einige Zeit, sofern der Patient eine Pathologie hatte, die darauf erst einmal ansprach – und über die entsprechende Kondition verfügte. Sehr viele starben jedoch infolge solch einer „Behandlung“ – an Unterernährung, Dehydrierung oder Blutverlust. Oder alles gleichzeitig.

Aus diesen archaischen sogenannten Behandlungen suchte und fand ein deutscher Arzt namens Samuel Hahnemann einen Ausweg: eine  Behandlung, die seine Patienten nicht beeinträchtigte. Er nannte dies Homöopathie. Er veröffentlichte seine Gedanken 1807 (Organon, 1. Auflage) und begründete sie durch eine Reihe von „Gesetzen“ oder Prinzipien:

Ähnlichkeitsprinzip: Ähnliches heilt Ähnliches. Er behauptete, dass ein Stoff, der bestimmte Auswirkungen auf eine Person hat, dazu verwendet werden kann,  um genau diese Symptome bei Kranken zu lindern, aber nur, wenn es sehr stark verdünnt würde.

Prinzip der unendlichen Verdünnung: Je höher der Verdünnungsgrad,  desto ausgeprägter solle die Fähigkeit sein, ein Gleichgewicht wiederherzustellen.

Wie man sieht, klingt das also ähnlich wie die Funktionsweise von Impfstoffen – wo eine schwächere Version eines Virus injiziert wird, um dem Immunsystem beizubringen, die Krankheit zu bekämpfen. Und Impfstoffe funktionieren hervorragend!

Wie homöopathische Mittel hergestellt werden

Die Homöopathie ist jedoch in grundlegender Weise anders. Die Lösungen sind so verdünnt, dass fast keine Chance besteht, dass auch nur ein Molekül des ursprünglichen Stoffes im Endprodukt verbleibt. Wie? Um Ihnen zu zeigen, wie das funktioniert, zitiere ich Brian Dunning von Skeptoid.com:

„1807 wussten sie mehr über Mathematik und Chemie als über Medizin, und es war bekannt, dass es in der Chemie eine maximale Verdünnung gibt. (Hahnemann vermutete es wohl wie viele Chemiker seiner Zeit, hatte aber keine Kenntnis von der quantitativen Grenze, bei der das Maximum erreicht wird.)
Einige Jahrzehnte später erfuhr man, dass dieser Wert mit der Konstante von Avogadro, etwa 6 × 1023, zusammenhängt. (1865 veröffentlichte Loschmidt seine quantitative Schätzung der Größe von Molekülen, wovon Ludwig Boltzmann den Begriff der „Loschmidtschen Zahl“ ableitete.)
Jenseits dieser Grenze, an der viele der Verdünnungen von Hahnemann lagen, sind sie in der Tat keine Verdünnungen mehr, sondern gelten chemisch gesehen als reines Wasser. Also entwarf Hahnemann einen Workaround. Hahnemann dachte, wenn eine Lösung ausreichend gerührt (richtig ist bekanntlich „geschüttelt“) würde, werde das Wasser einen geistigen Abdruck der Ursubstanz behalten und könnte dann unbegrenzt verdünnt werden.

Das Wasser wird oft auf Zuckerpillen (Globuli) gegeben, die den Vorteil einer leichten Einnahme haben. Wenn Sie also handelsübliche homöopathische Globuli kaufen, kaufen Sie tatsächlich Zucker, Wasser oder Alkohol, der (mangels eines besseren Begriffs) eine beschriebene Substanz „channelt“. (Das finden wir recht passend, weil es den esoterischen Gehalt der homöopathischen Grundannahmen verdeutlicht.) Die Substanz selbst bleibt nicht bestehen, bis auf nur wenige Millionstel der ursprünglichen Molekülanzahl in den niedrigsten Verdünnungen.“

Es folgen weitere Zitate aus erklärenden Links zur Potenzierung – wir weisen hierzu auf unsere Fachartikel hin – hier auf dieser Seite und hier bei der Homöopedia.

Das ist wirklich schwer in den Kopf zu bekommen, nicht wahr? Vereinfacht ausgedrückt, macht es die Verdünnung einer Substanz in der Homöopathie fast unmöglich, auch nur ein einziges Molekül des Ausgangsmaterials im Endprodukt zu finden. Woraus erst recht folgt,  dass nichts von der ursprünglichen Substanzen ihren Weg dorthin finden wird, wo sie im menschlichen System heilende Effekte auslösen könnte.

Wie sollen denn die Behandlungen dann funktionieren?

Laut Hahnemann prägt der Prozess des Verdünnens und Schüttelns der Zubereitung (Potenzierung) die Essenz der Substanz auf das Lösungsmittel, was dann mit der „Lebenskraft“ des Körpers interagiert.

Es wirkt ein wenig spirituell, nicht wahr? Ist die Homöopathie also eine „spirituelle“ Medizin? Es scheint durchaus so, auch wenn ich nicht glaube, dass viele Leute dies annehmen. Mir ist dazu noch eine etwas andere Erklärung begegnet:

Wasser hat ein Gedächtnis

Anscheinend könne sich das Wasser „erinnern“ oder den spirituellen Abdruck der Substanz, die in ihm war, bewahren, und das sei es, was wirkt.

Der französische Wissenschaftler Jacques Benveniste veröffentlichte 1988 eine Studie in der Wissenschaftszeitschrift Nature. Dies verursachte in der wissenschaftlichen Gemeinschaft einen ziemlichen Aufruhr, da die Ergebnisse durchaus nicht plausibel erschienen. Aber da die Methodik der Studie solide zu sein schien, hatte Nature sie veröffentlicht. Dies aber mit einer „Editorial note“ des Herausgebers, John Maddox, der die Wissenschaftsgemeinde aufforderte, eine endgültige Beurteilung so lange auszusetzen, bis die Studie repliziert wurde.

Kurz gesagt, Benvenistes Team verbrachte menschliche Antikörper in ein Laborgefäß, setze Wasser zu,  schüttelte das Ganze  gründlich und verdünnte es dann so weit, dass nicht einmal ein Molekül der ersten Probe vorhanden gewesen sein dürfte. Das Team berichtete, menschliche Basophile (Ansammlungen von weißen Blutkörperchen) würden sich wie unter einer allergischen Reaktion verhalten, wenn sie diesem Wasser ausgesetzt waren.

John Maddox selbst machte sich zusammen mit dem Magier und Experten für paranormale Phänomene James ‚The Amazing‘ Randi und Walter W. Stewart, einem Chemiker, an eine Untersuchung von Benvenistes Arbeit.  Sie stellten fest, dass  Benvenistes Team wusste, welches die Probengefäße mit den anfänglichen (unverdünnten) Lösungen waren. Deshalb beschlossen sie, die Studie doppelt zu verblinden – was bedeutet, dass keiner der Forscher und auch nicht das Prüfteam von Nature wissen würde, welches Gefäß welche Lösung enthielt, und sie setzen alles daran,  Betrug zu verhindern.

Lange Rede kurzer Sinn, die Überprüfung der Studie, der Replikationsversuch, verlief negativ – es zeigten sich keine der angeblich festgestellten Auswirkungen. Benvenistes Studie war „debunked“.

EIne homöoapathische Reiseapotheke im Etui

Die Evidenz

Es wurden buchstäblich Hunderte von Studien durchgeführt, um die Homöopathie zu testen. Jede Meta-Analyse und jedes systematische Review der veröffentlichten Forschung führte aber zu dem Ergebnis, dass die Homöopathie nicht besser funktioniert als ein Placebo. Es gab einige Studien, die zeigten, dass Homöopathie besser ist als Placebo, aber ihre Analysen (auch im Rahmen der Reviews bzw. Metaanalysen) stellten stets fest, dass entweder ihre Stichprobengrößen klein oder ihre Methoden fragwürdig waren.

Es gibt viel zu viele Studien und Reviews, um auf jede von ihnen einzugehen oder sie auch nur kurz zu beschreiben. Der Eintrag in Wikipedia liefert jedoch einen ausgezeichneten Überblick über die Beweise und alle Verbindungen zu den Studien, für alle, die sich weiter informieren wollen (hier weisen wir natürlich auf unsere Veröffentlichungen zu den systematischen Reviews hin, die die Evidenzlage zusammenfassen).

Warum aber schwören dann so viele Leute auf die Homöopathie?

Das dürfte im Rahmen unserer Betrachtung wahrscheinlich die zentrale Frage sein. Nachdem mein Glaube an die Homöopathie erschüttert worden war, teilte ich mein neues Wissen mit meinen Freunden, in der Annahme, sie würden genauso die Täuschung darin erkennen wie ich.  Was dann kam, überraschte mich sehr: sie verteidigten die Homöopathie sehr aggressiv. Es schien so, als hätte ich sie persönlich beleidigt mit der Aussage, es gebe für ihre geliebte Alternativmedizin keine Beweise.

Liebe Leser,  auch hier möchte ich nicht mehr, als meine Erkenntnisse zu teilen und zu bitten, die Belege zu würdigen. Wenn ich jemand auf irgendeiner Weise verärgert habe, der überzeugt ist, dass die Homöopathie tatsächlich funktioniert, schlage ich eine zivile Diskussion vor – darüber, was Sie glauben, wo bei mir der Fehler liegt.

Gleichwohl wollen wir versuchen herauszufinden, warum die Homöopathie so gut zu funktionieren scheint:

Natürlicher Heilungsverlauf: Unser Immunsystem und andere Vorgänge in unserem Körper überwinden sehr viele Krankheiten auf natürliche Weise. Nimmt man nun Homöopathie und der Körper leistet seine Selbstheilungsarbeit in der Zwischenzeit auf natürliche Weise selbst, bekommt erstere das ganze Lob ab. Was leicht zu beobachten ist, wenn der homöopathische Therapeut davon spricht, sein Mittel sei „nur wirksam, wenn man es über einen längeren Zeitraum nimmt“. Genau das gibt dem Körper für viele Erkrankungen genügend Zeit, um von selbst zu heilen, aber die Homöopathie erhält die Anerkennung dafür. Leider geschieht dies nicht bei chronischen oder schweren Krankheiten – oder eben nur vordergründig und zeitweilig.

Der Placebo-Effekt: Dies ist ein sehr tiefgründiges und immer noch irgendwie mysteriöses Phänomen. Der Placebo-Effekt beschreibt den Vorgang, dass sich eine kranke Person besser fühlt, nachdem sie eine Scheinbehandlung erhalten hat. Einige Beispiele dafür sind Zuckerpillen, Infusionen oder Injektionen mit isotonischer Salzlösung ohne Medikamentenzusatz oder sogar Scheinoperationen. Es wurde festgestellt, dass diese Behandlungen wirklich dazu beitragen, dass sich die Patienten besser fühlen. Je schwerer der Eingriff, desto tiefgreifender die Wirkung. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Effekte vorübergehend sind. Wenn ein Patient eine chronische Erkrankung oder eine schwere Krankheit hat, die nicht ausheilt, kehrt die Krankheit schließlich zurück. Und nicht jeder spürt die Wirkung des Placebos überhaupt oder in gleicher Weise.

Deshalb werden Medikamente in randomisierten kontrollierten Studien (RCT) getestet – randomisiert bedeutet, dass es eine zufällige Auswahl der am Test teilnehmenden Personen gibt (genauer: dass die Probanden zufällig der Placebo- und der Testgruppe zugeteilt werden); kontrolliert bedeutet, dass  weder die Tester noch die Personen in der Studie wissen, wer Placebo und wer das zu testende Mittel bekommt. Erst nach Auswertung werden die Daten  offengelegt und man sieht, welche Leute das Placebo bekommen haben und welche das Testmittel. Wenn die Gruppe, die das echte Medikament erhalten hat, gegenüber der Placebo-Gruppe eine deutliche Verbesserung zeigt, ist das zu testende Medikament ein Erfolg. Wenn nicht, hat es keine Überlegenheit über Placebo nachgewiesen und wird daher abgelehnt. (Natürlich müssen diese Studien von unabhängigen Forschungsgruppen an verschiedenen Orten über einen langen Zeitraum mehrfach durchgeführt werden, bevor das Medikament auf den Markt kommen darf). Die qualitativ hochwertigen Studien, die die Homöopathie mit RCTs getestet haben, fanden, dass diese den Placebos nicht überlegen war, was bedeutet, dass sie überhaupt keine signifikante (genauer: spezifische) Wirkung haben.

Regression zum Mittelwert: Wir leiden manchmal unter Befindlichkeiten, die keiner direkten Ursache zugeschrieben werden können. Sie kommen und gehen. Zum Beispiel Kopfschmerzen, Allergien, Ausschläge oder Juckreiz usw. – in der Regel sind dies natürliche Prozesse und Reaktionen des Körpers, Lebensäußerungen, und sie neigen dazu, wieder zu verschwinden. Eine plötzliche akute Reaktion kann zunächst aggressiven Charakter haben, aber dann nachlassen und verschwinden. Bei einer chronischen Erkrankung wird es Zeiten geben, in denen es besser und dann wieder solche, in denen es  schlechter geht. Man nennt diese für chronische Krankheiten typische Variationsbreite die Regression zum Mittelwert. Nimmt man ein  homöopathisches Mittel und Symptome bessern sich, kann es entweder der Placebo-Effekt oder nur eine Regression in Richtung Mittelwert sein.

Bestätigungsfehler (confirmation bias): Als ich Anhänger der ketogenen Diät war,  schien es, dass ich bei jedem Umherschauen Beweise fand, die meinen Glauben daran bestätigten. Wenn man von einer Idee überzeugt ist, findet der Verstand stets selektiv Gründe, sie zu verstärken. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass von der Hömöopathie Überzeugte sehr wohl die positiven Erfahrungen in Erinnerung behalten, aber unbewusst die Fehlschläge vergessen.

Fehldiagnose: Es ist auch möglich, dass eine falsche Diagnose beim Patienten den Eindruck erweckt, er sei weit schwerer erkrankt als es tatsächlich der Fall ist.  Und wenn es dann irgendwann wieder besser geht, schreibt man dies der Homöopathie zu.

„Komplementäre“ Behandlung: Viele Menschen verwenden wissenschaftliche Medizin  zusammen mit der Homöopathie, wenn sie daran glauben. Ärzte zögern vielfach, sie darvon abzuhalten, denn wenn es – und sei es nur durch den Placebo-Effekt –  ihren Patienten ein besseres Gefühl gibt, kann es sich im Sinne der Therapietreue (Compliance) lohnen.  Natürlich ist der Preis dafür, dass im Falle von Besserung oder Heilung die Chancen gut stehen, dass dies der Homöopathie und nicht der wissenschaftlichen Behandlung zugeschrieben wird.

Keine Nebenwirkungen: Wirksame Behandlungen für bestimmte Krankheiten können teils unangenehme Nebenwirkungen haben. Wenn jemand eine solche Behandlung beendet und stattdessen die Homöopathie einsetzt, werden die Nebenwirkungen natürlich nachlassen. Und da die Homöopathie keine bekannten Nebenwirkungen hat, wird sie zunächst einmal das vordergründige Verdienst haben, dass der Patient sich besser fühlt.

Tisch mit Buch und Zubehör für homöopathische Zubereitungen

Säuglinge, Kleinkinder und Tiere: „Hilft“ homöopathische Behandlung – und ist das ein „Beweis“?

Mancher Einwand für die Homöopathie geht dahin, dass ja auch Kinder oder  Haustiere behandelt werden. Da sie nicht wissen können, was Homöopathie ist, wie soll da ein Placebo-Effekt vorliegen können?

Auf den ersten Blick scheint die Homöopathie-Fraktion damit zu punkten. Aber da wir festgestellt haben, dass die Homöopathie nicht funktionieren kann, muss hier etwas anderes im Spiel sein: Placebo-Effekt und  Bestätigungsfehler wirken auch hier,  genau wie bei erwachsenen Menschen. Wenn ein Kind oder ein Haustier homöopathische Mittel erhält, kann die Art und Weise, wie sie von den Eltern oder dem Halter behandelt werden, auch deren Empfinden beeinflussen. Besonders wenn sie viel Nähe erfahren oder man sich mehr als üblich kümmert, werden sie sich besser fühlen. Tiere und Kinder können sich auch selbstverständlich ebenso auf natürliche Weise von vielen Befindlichkeiten und auch Krankheiten erholen, wenn sie genügend Zeit haben.

Ein weiterer kritischer Faktor ist der Bestätigungsfehler auf Seiten der Eltern oder der Tierhalter.  Wenn diese sicher sind, dass das Mittel helfen wird, stehen die Chancen gut, dass sie eine Verbesserung des Zustands ihres Kindes oder Haustieres sehen werden, auch wenn es objektiv keine gibt. Außerdem spielen all die anderen erwähnten Faktoren auch hier eine Rolle, und keiner davon ist abhängig von einem Bewusstsein oder einer Erwartung des Kindes oder des Haustieres in Bezug auf die Behandlung.

„Ganzheitliche“ vs. „symptombezogene“ Behandlung

Die Homöopathie gilt als ganzheitliche Behandlungsform, bei der körperliche, geistige und seelische Aspekte des Patienten einfließen.  Auch der Alltag der Patienten, ihre Ernährung, ihr Arbeitsleben und andere Faktoren werden bei der homöopathischen Therapiefindung berücksichtigt.

Aus dieser Perspektive heraus behaupten Befürworter der Homöopathie und anderer Alternativmedizin, dass die moderne Medizin nur die Symptome und nicht die Ursache der Krankheit behandele.

Ich denke, dass viele Menschen diesen Gedanken tatsächlich für selbstverständlich halten, ohne wirklich darüber nachzudenken. Jedoch:

Die moderne medizinische Diagnose ist ein systematischer Prozess, bei dem einem Patienten Fragen über seinen Zustand und dessen Dauer gestellt werden. Basierend darauf kann es sein, dass sich der Patient einigen Tests unterziehen muss, um den Verdacht des Arztes zu bestätigen oder zu widerlegen. Diese Tests können die Ursache aufdecken, und die Behandlung wird entsprechend ausgerichtet.  Wenn Sie zum Beispiel mit Fieber zu einem Arzt gehen, wird er Fragen zum Auftreten und zum Verlauf stellen und basierend auf Ihren anderen Symptomen, wie vielleicht einem Husten oder einer Erkältung oder einer Magenverstimmung, ergibt sich, welche Art von Infektion vorliegt. Wenn es eine bakterielle Infektion ist, wird ein Antibiotikum verordnet, um die Keime abzutöten. Wenn es sich um ein Virus ohne bekannte Behandlungsmöglichkeit wie die grippale Infekte oder auch echte Grippe handelt, wird der Arzt symptomatisch behandeln,  um sicherzustellen, dass das Fieber und andere Begleitscheinungen  im Rahmen bleiben. Wenn Sie etwas Schwerwiegenderes haben wie z.B. Krebs, könnten sie eine Operation empfohlen bekommen, um die Krebszellen aus dem Körper zu entfernen oder auch Chemotherapie oder Bestrahlung zum Abtöten der Krebszellen. All das jedoch geht auf die Feststellung der Grundursache zurück.

Auf der anderen Seite wird der Patient beim Homöopathen sicher eine eingehende Beratung erhalten, aber die Therapie des Homöopathen wird ausschließlich auf der Grundlage der Symptome bestimmt. Der Homöopathie wird einen Stoff finden, der (nach homöopathischer Annahme) ähnliche Symptome verursacht und ihn – meist bis zum Nichts verdünnt – verordnen. Was auch immer ich gelesen habe, der homöopathische Ansatz scheint wenig oder gar keine Rücksicht auf bestimmte Keime, Krebsarten, Viren oder andere Grundursachen für Krankheiten zu nehmen. Tatsächlich war die Theorie von krankheitsauslösenden Keimen noch nicht einmal formuliert, als die Homöopathie von Hahnemann erfunden wurde. Wie können die Homöopathen behaupten, dass ihre Therapie die Ursache einer Krankheit angeht?

Zwei Handflächen. Links homöopathische Globuli, rechts pharmazeutische Medikamente.

Moderne Medizin hat Nebenwirkungen

Ja, die hat sie. Das ist unbestreitbar. Alle Medikamente haben Nebenwirkungen. Wenn Sie sich den Beipackzettel ansehen oder online nachschlagen, hat jedes Medikament, nach dem Sie suchen, eine Liste von Nebenwirkungen – einige kurz, andere lang. Geordnet nach der Häufigkeit ihres Auftretens und versehen mit dem Rat, Ihren Arzt aufzusuchen, sollte eine davon bei Ihnen auftreten.

Jedes Medikament durchläuft einen langen Prozess von randomisierten doppeltverblindeten Studien (RCTs), um seine Wirkungen und Nebenwirkungen zunächst in Petrischalen im Labor zu erforschen, später dann mittels Tier- und Humanstudien, die an einer möglichst großen Population durchgeführt werden. Ein Medikament, das den Weg ins Apothekenregal gefunden hat,  ist in der Regel dasjenige, das die geringsten Nebenwirkungen im Verhältnis zur Wirkung hat. Selbst wenn man sich die Chemotherapie ansieht, eine Behandlung, von der wir alle wissen, dass sie für den Patienten hart ist, sind die Krankheit und teils massive Nebenwirkungen wie der Haarausfall, der Appetitlosigkeit und so weiter alle dem Sterben vorzuziehen. Die Menschen gehen durch eine Chemotherapie trotz der Nebenwirkungen, um Krebs auf die effektivste Weise zu bekämpfen und um überhaupt um eine Überlebenschance kämpfen zu können.

Auf der anderen Seite denken wir, z.B. Paracetamol oder Crocin (Handelsname in Indien) sei ziemlich sicher. Viele nehmen es ohne groß nachzudenken, wenn sie Kopfschmerzen oder Fieber haben. Aber es hat Nebenwirkungen. Hier ist, was ich dazu im Netz gefunden habe:

Selten (Nebenwirkungen):

  • Blutiger oder schwarzer, teeriger Stuhlgang,
  • blutiger oder trüber Urin,
  • Fieber mit oder ohne Schüttelfrost (nicht vor der Behandlung vorhanden und nicht durch die zu behandelnde Erkrankung verursacht),
  • Schmerzen im unteren Rücken und/oder an der Seite (stark und/oder scharf),
  • örtlich rote Flecken auf der Haut,
  • Hautausschlag, Nesselsucht oder Juckreiz,
  • Halsschmerzen (nicht vor der Behandlung vorhanden und nicht durch die zu behandelnde Erkrankung verursacht),
  • Wunden, Geschwüre oder weiße Flecken auf den Lippen oder im Mund,
  • plötzliche Abnahme der Urinmenge,
  • ungewöhnliche Blutungen oder Prellungen,
  • ungewöhnliche Müdigkeit oder Schwäche,
  • gelbe Augen oder Haut.

Diese Effekte sind ziemlich selten und die meisten Menschen werden davon nie betroffen sein. Aber es ist wichtig, darüber Bescheid zu wissen, für die  Fälle, bei denen es doch geschieht.  Dr. Shantanu Abhyankar, ein renommierter praktizierender Geburtshelfer und Gynäkologe aus Wai, Maharashtra, sprach in einem TEDxPICT-Vortrag (ein in Indien sehr popularer Aufklärungs-Videoblog) darüber:

„In der Tat hat die moderne Medizin Methoden entwickelt, um diese Nebenwirkungen zu dokumentieren, zu untersuchen und, soweit möglich, zu mildern. Wir sind offen, wir sind unvoreingenommen. Was bei vielen anderen „Pathien“ nicht der Fall ist. Bedenken Sie:  Nebenwirkungen müssen ins Verhältnis zu ihrem zu erwartenden Nutzen gesetzt werden. Orale Verhütung  hat Nebenwirkungen, aber sie  müssen mit den „Nebenwirkungen“ verglichen werden, die sich ohne orale Verhütung ergeben würden. Verizichtet man auf orale Verhütung und vermeidet dadurch einige Nebenwirkungen, hat man vielleicht eine ungewollte Schwangerschaft mit all den persönlichen und sozioökonomischen Problemen zu bewältigen.
Zudem müssen nicht alle Nebenwirkungen negative Auswirkungen haben. Bleiben wir beim Beispiel der oralen Verhütungsmittel. Frauen, die orale Verhütungsmittel einnehmen, sind vor Gebärmutterhalskrebs, Eierstockkrebs und einigen anderen Krankheiten geschützt. Frauen, die orale Verhütungsmittel einnehmen, haben einen geringeren menstruellen Blutfluss, was für bereits anämische indische Frauen ein Segen ist. Es ist also nicht so, dass alle Nebenwirkungen immer schlecht sein müssen.

In der Tat, wenn jemand behauptet, dass eine „Pathie“ (wie Allopathie, Naturheilkunde oder Homöopathie) keine Nebenwirkungen hat, bedeutet das wahrscheinlich, dass es überhaupt keine Wirkung gibt. Oder aber es bedeutet, dass überhaupt kein Medikament da ist.“

Verkorkte Globulifläschchen

Big Pharma

Eine andere Ebene sind die Verschwörungstheorien in Bezug auf „Big Pharma“. Nach Ansicht mancher ist die moderne Medizin nur eine gewinnorientierte Branche, die darauf bedacht ist, die Menschen krank zu halten. Alternative Therapien wie die Homöopathie seien dagegen „edel, hilfreich und gut“ und würden nur das Beste für den Patienten und nicht für ihre eigenen Taschen wollen.

Es gibt jedoch auch nicht nur kleine, sondern multinationale gewinnorientierte homöopathische Unternehmen, die ihre Produkte in großen Apotheken weltweit anbieten. In Indien umfasst der Markt für Homöopathie 2.758 Crore Rupien (ungefähr 370,5 Millionen Euro, Quelle) und hat eine prognostizierte Wachstumsrate von jährlich 30% ! Sicher, das ist noch nicht in der Nähe von üblichen Pharmazeutika, aber das scheint sich zu ändern. Das klingt für mich nicht nach Außenseiter, besonders angesichts dessen nicht,  dass Homöopathie von der Regierung auch noch aggressiv durch die AYUSH-Initiative gefördert wird.

„Allopathie“

Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich es vermieden habe, das Wort „Allopathie“ in diesem Artikel zu verwenden. Der Begriff wird von Homöopathen als Bezeichnung für die Abgrenzung zur wissenschaftlichen Medizin verwendet. Dr. Shantanu Abhyankar beschreibt die Ursprünge des von Samuel Hahnemann erstmals geprägten Wortes:

„Er prägte ‚Allopathie‘ als abfälliges Wort, um die damals vorherrschenden Praktiken zu beschreiben. Und die Praktiken waren in der Tat übel. Allopathie bedeutet, dass irgendein Mischmasch verabreicht oder irgendeine überkommene Methode angewandt wurde, um zu heilen, ganz egal, mit welchen Beschwerden man ankam. So war z.B. Aderlass verbreitetes Mittel der Wahl wurde und wurde für jede Erkrankung angeboten. Aber dann, im Laufe der Jahre, hat sich das, was Hahnemann als „Allopathie“ abqualifizierte, im Zuge des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts völlig verändert. Das, was seinerzeit als „Allopathie“ beschrieben wurde, ist heute längst als völlig ungeeignet für medzinische Behandlungen erkannt. Die heutige „Allopathie“ (häufig auch im Sinne von „Schulmedizin“ gebraucht) ist überhaupt keine Allopathie.“

Die moderne Medizin ist weit von ihren archaischen Praktiken entfernt. Denn bei der Suche nach den Geheimnissen der menschlichen Gesundheit hat die Medizin die Wissenschaft genutzt, um festzustellen, was funktioniert und was nicht. Im Zuge dieses Prozesses ist unsere Lebenserwartung gestiegen und die Todesfälle bei Säuglingen wurden minimiert. Viele Krankheiten gelten sogar als ausgerottet! Selbst  AIDS ist heute  kein Todesurteil mehr und  viele Formen von Krebs ebensowenig. Dies alles ist auf den wissenschaftlichen Fortschritt und die Entwicklung der evidenzbasierten Medizin zurückzuführen.

Fazit

Hier bin ich nun, ein Jahrzehnt nach Beginn meiner kritischen Zweifel,  und sehe die Homöopathie aus einer ganz anderen Perspektive als früher. Der kritische Blick auf die Homöopathie führte wahrscheinlich zu einer der tiefgreifendesten Entdeckungen in meinem Leben und war einer der Faktoren, die mich zu einer skeptisch-kritischen Haltung veranlasst haben, dazu, alles zu hinterfragen, einschließlich – am wichtigsten – mich selbst.

Heute ist die Homöopathie eines der weitweit am meisten untersuchten Gebiete, mit einem unüberwindbaren wahren Berg von Beweisen, der sich gegen ihre Behauptungen angesammelt hat. Die Studien, die diese Belege erbringen, wurden von vielen unabhängigen Teams durchgeführt und von einigen der zuverlässigsten wissenschaftlichen Organisationen der Welt analysiert und überprüft. Es ist einfach nicht zu leugnen: Es gab und gibt keine Beweise dafür, dass Homöopathie funktioniert. Warum? Weil Homöopathie Wasser ist, das mit Zucker in Berührung kommt und dann irgendwie seine Erinnerungen auf diesen übertragen soll. Je mehr man darüber nachdenkt, desto unplausibler klingt es.

Und es geht nicht um mich und meine Einschätzung. Viele Regierungsstellen wie der britische National Health Service (NHS), die American Medical Association, der FASEB (Amerikanischer Verband experimenteller Biologen) und der National Health and Medical Research Council of Australia (NHMRC) haben erklärt, dass es keine Belege dafür gibt, die die Verwendung von Homöopathie für medizinische Behandlung rechtfertigen würden. Selbst Vertreter der WHO haben geäußert, dass homöopathische Mittel nicht zur Behandlung von Gesundheitsstörungen wie  Tuberkulose oder Durchfall eingesetzt werden sollten.

Also, was denken Sie? Ist es die Zeit und das Geld wert, Wasser- und Zuckerpräparate zu kaufen, die keine Anzeichen einer medizinischen Wirkung gezeigt haben, oder würden Sie stattdessen zu einem normalen Arzt gehen und echte Medikamente bekommen, mit denen Sie eine gute Chance haben, sinnvoll und wirksam behandelt zu werden? Ich für mein Teil würde Letzteres vorziehen.

Kritische Werkzeuge

Zuverlässige Quellen:  Am wichtigstern war für mich,  zuverlässige Quellen zur Homöopathie ausfindig zu machen.  Was macht sie zuverlässig? Sie referieren und interpretieren konsequent echte wissenschaftliche Erkenntnisse, um ihre Aussagen und Beurteilungen zu untermauern.

Unabhängige Quellen: Ich suchte vor allem auch nach Quellen, die voneinander unabhängig sind, um das Risiko zu minimieren, Propaganda auf den Leim zu gehen.

Widersprüchliche Quellen: Ich habe selbstverständlich auch nach  pro-homöopathischen Quellen gesucht, um deren Belege mit denen der kritischen Seite vergleichen zu können. Dies gebietet die Falsifizierung meiner eigenen Argumente, die ich durchaus unter dem Licht von Gegenargumenten in Frage gestellt habe.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern gute Gesundheit und stets vernunftgeleitetes Denken!

Abhijit Chanda (BeRationable Blog)


Bildnachweise:

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Samuel Christian Friedrich Hahnemann. Line engraving by L. Beyer after J. Schoppe, senior, 1831. By: J. Schoppeafter: L. BeyerPublished: – Copyrighted work available under Creative Commons Attribution only licence CC BY 4.0 http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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… und sie wissen, was sie tun (und tun es trotzdem) –

Pseudowissenschaft bei Akademikern

Ein Gastbeitrag von Dr. phil. Susanne Dietz

Es gibt sie leider, die Jakeszs, Hubers, Broers, Burkarts, Dahlkes, u.a. dieser Welt, die (neben gelegentlich vorhandener Fachkompetenz in ihrem Gebiet) esoterisch-spirituell verbrämte Glaubenssätze verbreiten und damit Geld verdienen.

Das Bild zeigt den Eingang zu einem UniversitätsgebäudeDa ich selbst im akademischen Sektor tätig war und weiß, dass man dort auf besondere Weise dem Wissen verpflichtet ist, ist es mir seit Langem persönlich ein Unding, vereinzelt zu erleben, wie einige m. E. intellektuell verunglückte „Wissenschaftler“ oder Mediziner ihrem Sektor bewusst – weil mit besserem Wissen und ergo anzunehmender Gewissenlosigkeit – Schaden zufügen und andere Menschen in die Irre führen.

Die Einstellung integrer Wissenschaftler zu solchen Offenbarungseiden wissenschaftlichen Ethos´ besteht gelegentlich noch im Abwinken und der Äußerung: „Ich habe Besseres zu tun, als mich mit sowas zu befassen. Ist doch klar erkennbar, dass xy neben der Spur läuft.“

Bedaure, aber nein, es ist eben für Viele nicht klar erkennbar. Der Durchschnittsbürger erkennt nur, dass hier jemand „vom Fach“ seine Glaubenswelt bestätigt und führt diesen immer wieder als Begründung für die Erhaltung seiner Sicht von der „spirituell/esoterischen Welt“ an. Aber er erkennt nicht (oder will nicht erkennen), dass dies nur eine faktennegierende Interpretation der Realität ist. Einer Realität, die – im 21. Jh. ist die Forschung weit gediehen – kaum bis nichts mit Esoterik zu tun hat, sondern mit Regeln und Gesetzen, die uns oftmals nicht gefallen und darüber hinaus z.T. schwer verständlich sind, weil sie unseren alltäglichen Denkstrukturen und -prozessen zuwiderlaufen.

Sie ermöglichen so Laien, aus mal mehr und mal weniger niedrigen Beweggründen, pseudowissenschaftliches Cherrypicking zu betreiben und so sich selbst einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, der de facto keiner ist. Und … sich damit nicht gerade selten pekuniär zu verbessern. 

Unsere Welt, unsere Existenz, unsere Endlichkeit ist nicht einfach zu verstehen und auch nicht einfach zu akzeptieren. Dass Viele sich daher ein Weltbild zusammenklauben, dass ihnen Pseudosicherheit und Wohlgefühl bereitet, ist mir verständlich. Aber einverstanden sein kann ich damit nicht.
Denn es ändert nichts daran, dass Glaube und Wissen zwei paar Stiefel sind und am Ende des Tages das, was wir wissen, dem, was wir glauben, vorzuziehen ist – ganz einfach weil es WISSEN ist. Und die Natur von gesichertem Wissen – wie z.B. die Unwirksamkeit von Homöopathie jenseits des Placebo – ist seine Unverhandelbarkeit.

Wenn also die wissenschaftliche Gemeinde z.B. Mediziner wie R. Jakesz, oder J. Huber (anbei: das sind Ärzte und noch lange keine Wissenschaftler – immerhin: Dahlke wurde mit dem goldenen Brett vorm Kopf ausgezeichnet. Das tröstet ein wenig) – oder D. Broers, dessen phantasievoller akademischer Werdegang mehr als fragwürdig ist, oder S. Hahnemann aus vorwissenschaftlichen Zeiten u. a. esoterisch angehauchte „Kollegen“ und deren Postulate nicht in aller Öffentlichkeit in ihre Schranken verweisen, begehen sie in meinen Augen eine Unterlassungssünde, die Status und Ruf der Wissenschaft schädigt.

Ich würde mir wünschen, dass mehr und mehr Personen und Gremien aus dem wissenschaftlichen / akademischen Bereich klarer gegen solche Strömungen Stellung bezögen, ebenso, wie es der Münsteraner Kreis gegenüber der Homöopathie tut.

Wir haben die Möglichkeit, uns gezielt zu informieren: Es gibt Cochrane, Higgs, INH, gwup, mailab, medwatch, und Blogger wie Dr. Natalie Grams, Dr. Florian Aigner, Dr. Norbert Aust und und viele, viele mehr. Es wäre also für jede intellektuelle Gruppierung etwas dabei, um sich gegen Esoterik und Pseudomedizin, deren falsche Behauptungen und Manipulationen zu schützen und somit auch in Folge den eigenen Geldbeutel und die eigene Gesundheit zu schonen.
Diese Holschuld wird aber nicht immer gelebt – selbst von Akademikern nicht. Was sagt uns das? Dass das persönliche Wohlgefühl bei manchen mehr zählt, als die mit Wissen einhergehenden Grenzen des Machbaren und damit implizit einige Unbequemlichkeiten und Unwägbarkeiten, die es halt mal auszuhalten gilt in der realen Welt. Selbst einige Studierte wollen lieber glauben und verdrängen, obwohl sie es besser wissen. Und genau da hört der Spass auf.

Denn eines wissen Akademiker:

Verschwörungstheorien aller Art sind gelebte Denkfehler, die als solche klar erkennbar sind und benannt werden können … und auch müssen, damit die vielfältigen Schädigungen, die von esoterischen Interventionen aller Art ausgehen können, eingedämmt werden. Die Verantwortung trägt die wissenschaftliche Gemeinde des 21. Jahrhunderts, ganz einfach deshalb, weil sie es kann und es besser weiß.Ergo: Wenn Akademiker resp. einige Mediziner und einige Wissenschaftler sich der Esoterik bedienen, hat das eine deutliche Nähe zu Vorsatz und hat mit Eigeninteressen und Manipulation anderer zu tun. Folglich kann ich mich nicht erwehren, anzunehmen, dass es sich um Betrug handelt. Der Satz: „Sie wissen nicht, was sie tun.“ zieht jedenfalls nicht.An dieser Stelle geht es nicht mehr ums Wünschen – ich ERWARTE von Akademikern, dass sie differenzieren, sauber schlussfolgern (d.h. kein vereinfachendes Ursache-Wirkungsdenken zugrunde legen) und sich gegenüber Esoterik klar positionieren. Mir kann kein Akademiker erzählen, dass er es nicht besser weiß – oder wenigstens besser wissen könnte, wenn er das täte, was er gelernt hat: sauber Recherchieren.

Und warum habe ich das geschrieben?Ich habe promoviert und verbinde mit dem Titel nicht nur eine akademische Leistung. Vor allem verbinde ich damit ein klares akademisches Ethos: ich fühle mich fachübergreifend sauberem, entwicklungsorientiertem Wissenserwerb, realitätskonformem Wissenserhalt und integrer Wissensvergabe verpflichtet.

Dr. phil. Susanne Dietz


Der vorstehende Beitrag erschien zuerst im Blog „Draufgeschaut“ von Dr. Susanne Dietz und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlicht. Originalbeitrag unter http://dietz-trainings.com/#4#blog#3


Bildnachweis: Pixabay CC0

Homöopathische Studie: Die Legende von den fünfmal acht Ratten

Scientific Reports, durchaus ein medizinisches Journal von gutem Ruf, hat am 10.09.2018 eine Arbeit mit dem Titel Ultra-diluted Toxicodendron pubescens attenuates pro-inflammatory cytokines and ROS- mediated (1) neuropathic pain in rats (Ultraverdünntes Toxicodendron pubescens schwächt entzündungsfördernde Zytokine und ROS-vermittelte neuropathische Schmerzen [1] bei Ratten) veröffentlicht. Die Arbeit zieht das Fazit, dass homöopathische Hochpotenzen auf der Basis von Rhus-Toxicondendron (Giftefeu, ein traditionelles homöopathisches Remedium für Schmerzsymptomatiken) mindestens so wirksam sei wie das Medikament Gabapentin bei der Reduzierung von Schmerzen und ihrer molekularen Korrelate (d.h. Veränderungen im zellulären Signalweg), sowohl in Experimenten an Zellen (in vitro) als auch im Tierversuch mit Ratten.

Einmal mehr verkündeten Teile der homöopathischen Szene (verbunden mit der Übertreibung, der Beitrag sei unmittelbar bei “Nature” erschienen) den ultimativen Durchbruch in dem Bemühen, Homöopathie „wissenschaftlich“ zu beweisen. Die italienische Tageszeitung La Repubblica verschaffte der Sache breitere Aufmerksamkeit mit einem Artikel, der sich zu der Aussage hinreißen ließ:

„Die in Scientific Reports veröffentlichten Untersuchungen bestätigen die Wirksamkeit homöopathischer Ultraverdünnungen: Die homöopathische Medizin wirkt und hat statistisch signifikante biologische Effekte bei der Linderung neuropathischer Schmerzen bei Ratten. Die Wirkung der dynamisierten Verdünnungen war ähnlich der Wirkung von Gabapentin [….].“

Man beachte den fehlenden Konjunktiv, auch den unkritischen Gebrauch des Begriffs „statistisch signifikant“, der als statistischer Wahrscheinlichkeitswert  keinen Rückschluss auf die tatsächliche Effektgröße zulässt, was aber durch die Formulierung suggeriert wird.  Kein Vorwurf gegen eine Tageszeitung, aber eine in der Homöopathie gern gesehene und nie richtiggestellte Suggestion für das Publikum.

Beweis der Wirksamkeit homöopathischer Hochpotenzen – eine kühne Feststellung, die in Anbetracht des Widerspruchs zur homöopathischen Studienlage nach dem Postulat „außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise“ betrachtet werden muss.

Es ist zunächst einmal eine gänzlich unwissenschaftliche Folgerung, die Arbeit „bestätige die Wirksamkeit homöopathischer Ultraverdünnungen“. Eine einzelne Studie hat keinen Beweis-, sondern allenfalls einen Hinweiswert, zumal, wenn sie ein hoch unwahrscheinliches Ergebnis hervorbringt. Ein solches Ergebnis muss – am besten mehrfach – unabhängig repliziert werden, bevor der beschriebene Effekt mit hinreichender Wahrscheinlichkeit als tatsächlich vorhanden angenommen werden und weiterer wissenschaftlicher Diskussion zugeführt werden kann. An all dem fehlt es hier.

Ein erster Blick zeigt, dass es sich bei den in-vivo-Tests an den Ratten um insgesamt 40 Tiere handelte, die in fünf Versuchsgruppen (n=8) aufgeteilt wurden. Dies befremdet hinsichtlich der geringen Probandenzahl. Soll das „bahnbrechende“ Ergebnis der Studie ernsthaft auf die Daten einer Verumgruppe von acht Tieren gestützt werden? Dass eine – bei Interventionsstudien erforderliche – Fallzahlplanung [2] durchgeführt wurde, die ein Faktor für die Validität der späteren Ergebnisse ist, kann aus der Studie nicht entnommen werden. Vor allem, wenn Unterschiede – wie hier – in fünf unterschiedlich parametrisierten Gruppen (nicht nur Verum gegen Placebo bzw. Standardmittel) ermittelt werden sollen, ist die sorgfältige Festlegung einer ausreichenden und sinnvollen Probandenzahl alles andere als trivial.

Die Veröffentlichung zeigt zudem relativ leicht erkennbare Unsauberkeiten / Auffälligkeiten, die das Portal RESIS – Research Integrity Solutions in einem Beitrag von Enrico Bucci von der Temple University in Philadelphia erläutert.

Das fängt damit an, dass grafische Darstellungen zu den in-vitro-Ergebnissen teils unrichtig beschriftet sind, teils wurden gleiche Grafiken zu unterschiedlichen Parametern veröffentlicht. Noch schwerer wiegt, dass unterschiedliche Effekt-/Zeitdiagramme (einmal bei einem Kälte-, einmal bei einem Hitzereiz in den Tierversuchen) in allen (!) dargestellten Datenpunkten (every experimental point) 1 : 1 übereinstimmen (was durch die unterschiedlich gewählten Achsengrößen nicht sofort sichtbar ist), so dass RESIS daraus den Schluss zieht, dass hier etwas elementar nicht stimmen kann – Zufall praktisch ausgeschlossen. Die Rohdaten sind nicht mit veröffentlicht – natürlich nicht. RESIS konstatiert: Wenn es sich wirklich um zwei verschiedene Experimente handelt, ist die gezeigte Koinzidenz der Daten schlicht unmöglich.

RESIS weist darauf hin, dass dies nicht die einzigen statistisch-numerologischen Ungereimtheiten sind und findet zu Recht, dass dies bereits genügt, um die Validität der Studie zu diskreditieren. Auch andere Portale bzw. Foren haben sich schon kritisch mit der Arbeit befasst, so z.B. PubPeer, wo die Diskutanten noch mehr kritisch ins Detail gehen.

Ein besonders befremdlicher Umstand, bei denen Journale in der Regel sehr empfindlich zu reagieren pflegen, kommt noch dazu. Einer der Autoren der indischen Forschergruppe benennt eine Mailadresse, die nachweislich in einer anderen Arbeit auch von einem Autor anderen Namens verwendet wurde. Dies ist nicht nur völlig unüblich, sondern entspricht auch in keiner Weise good practice und Integrität im Veröffentlichungswesen.

Der Pharmakologie-Professor Silvio Garattini, der auf dem Portal sanita24 weitere methodologische Mängel aufgedeckt hat, zieht als Fazit der ganzen Sache: „Die Homöopathie bleibt eine Methode ohne wissenschaftlichen Beweis, daran ändert auch nichts die angebliche Wirksamkeit, die durch die in Scientific Reports veröffentlichten Untersuchungen behauptet wird.“

Dem schließen wir uns an – und fragen uns gemeinsam mit RESIS, wie eine solche Arbeit ein peer review für ein Journal überstehen kann, auch angesichts der Verantwortung, die ein Journal gegenüber der Wissenschaftscommunity und der Öffentlichkeit hat. Was allerdings nicht heißen soll, das es keine Fehler im wissenschaftlichen Veröffentlichungswesen geben kann / darf, durchaus nicht. Man darf sich dabei aber auf die Selbstkontrolle der wissenschaftlichen Community verlassen, wie auch in diesem Falle. Immerhin trägt die Veröffentlichung bei Scientific Reports inzwischen eine Editor’s note, die auf die vorliegenden Einwände gegen die Arbeit hinweist und „geeignete redaktionelle Maßnahmen“ ankündigt, „sobald diese Angelegenheit geklärt ist“. Die Schnellschuss-Erklärung von Autoren der Studie, das möge ja alles sein, ändere aber nichts am Ergebnis, scheint auch die Herausgeber von Scientific Reports nicht mehr zufriedenzustellen.


Nachtrag, 11.10.2018, 15:00 Uhr:

Inzwischen berichtet auch “Nature”, die “Mutterzeitschrift” von Scientific Reports, über die Angelegenheit. Um Neutralität bemüht, aber doch mit eher kritischem Unterton.


Nachtrag, 11.06.2019:

Die Studie wurde soeben von Scientific Reports zurückgezogen, Rectraction Watch  berichtet. Scientific Reports veröffentlichte am heute (11.06.2019) eine umfangreiche Retraction Note. Darin heißt es:

„Nach der Veröffentlichung erhielt die Zeitschrift Kritik an der Begründung dieser Studie und der Plausibilität ihrer zentralen Schlussfolgerungen. Expertenrat wurde eingeholt, und die folgenden Punkte wurden ermittelt, die das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Studie untergraben.

Das in vitro Modell unterstützt nicht die wichtigste Schlussfolgerung des Papiers, dass Rhus Tox Schmerzen reduziert. Die qualitative und quantitative Zusammensetzung des Rhus-Tox-Extrakts ist unbekannt. Die Figuren 1G und 1H sind Duplikate; und die Figuren 1I und 1J sind Duplikate. Die Mehrheit der in Abbildung 3 Panel A berichteten Versuchspunkte ist in Abbildung 3 Panel B dupliziert. Die Erhebung, Beschreibung, Analyse und Darstellung der Verhaltensdaten in Abbildung 3 ist unzureichend und kann nicht als zuverlässig angesehen werden.

Infolgedessen ziehen die Redakteure den Artikel zurück. Die Autoren sind mit dem Widerruf nicht einverstanden.“

Also all das, was vor acht Monaten bereits Hauptgegenstand der Kritik war. Man darf Nature bzw. Scientific Reports nicht für den Zeitraum kritisieren, der bis zum Zurückziehen vergangen ist, hier wird sorgfältigst geprüft und externer neutraler Sachverstand eingeschaltet. Umso schwerer wiegt ein vollständiger „Retract“. Bemerkenswert ist, dass der Hauptautor der Studie aber so gar nicht einverstanden mit dem Zurückziehen ist und seine Hinweise wiederholt, es handele sich um „typos“ (also Tipp-, Schreib- oder gar Druckfehler) und vielleicht ein wenig Lässigkeit bei der Publikation. Das kann man durchaus mit einem Kopfschütteln als Mischung zwischen massivem confirmation bias und Defensivstrategie verbuchen. Eher bleibt die Frage interessant, wie so eine Arbeit durch das Peer Review einer durchaus angesehenen Wissenschaftspublikation „rutschen“ konnte.

Unser Fazit:

Ein weiterer Fall aus dem bunten Kranz der berühmten „vielen Studien“, die „unbezweifelbar eine Wirksamkeit der Homöopathie belegen“, wie es einem tagtäglich entgegenschallt. Das Besondere gegenüber manch anderer ist ihr tiefer Fall: Immerhin wurde sie lautstark als der ultimative Beweis für die „Wirksamkeit homöopathischer Ultraverdünnungen“ gehandelt und damit gleich noch ein paar Etagen über den bekannten „Ergebnissen“ von Jacques Benveniste und Luc Montagnier – diese beiden hatten „nur“ postuliert, dass sie Unterschiede zwischen reinem Lösungsmittel und homöopathischen Hochpotenzen gefunden hätten. Hier im Fall der „Rattenstudie“ durfte es gleich die „Wirksamkeit“ sein…

Failed, wie die englische Sprache so schön sagt, einmal mehr. Die fehlende Evidenz der Homöopathie ist Fakt, sie hat eine solche weder für einzelne Indikationen noch als Methode belegen können. Mit Studien wie dieser trägt sie immerhin weiter zu ihrer Diskreditierung bei.

 


[1] ROS: Reactive Oxygene Species, bekannt als „freie Radikale“. Eine vermittelnde Rolle der ROS bei intra- und interzellulären Signalprozessen gilt als gesichert.

[2] https://www.aerzteblatt.de/archiv/77774/Fallzahlplanung-in-klinischen-Studien

Frankreich: Ärztekollektiv #FakeMed – eine glasklare Stellungnahme zur Pseudomedizin

Webseite des Ärztekollektivs #FakeMed

Am Donnerstag, dem 12. April 2018, gab die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn im französischen Fernsehen eine kurze Stellungnahme zur Frage der Kostenerstattung von Homöopathie durch die staatliche Gesundheitsfürsorge ab.

Sie „sei für die Beibehaltung der Erstattung der Homöopathie, einer Medizin, die wahrscheinlich einen Placebo-Effekt hat, aber keinen Schaden anrichtet. Es gibt eine laufende Bewertung dessen, was wir Komplementärmedizin nennen. (…) Wenn sie (die Methoden der „Komplementärmedizin“) weiterhin nützlich sind (?), ohne schädlich zu sein, werden sie weiterhin von der Sozialversicherung erstattet. (…) Die Franzosen hängen an der Homöopathie, sie hat wahrscheinlich (!) einen Placebo-Effekt. Wenn sie den Gebrauch toxischer Mittel (sie meint ganz offensichtlich pharmazeutische Medikamente…) verhindern kann, denke ich, dass das ein Gewinn für die Allgemeinheit ist, es schadet ja nicht„.

Eine bemerkenswerte Stellungnahme für eine onkologische Ärztin, sei angemerkt.

Das INH berichtete auf seiner Facebook-Seite.

Was aber – zumindest in Deutschland – nirgendwo so recht deutlich geworden war, das ist der Anlass zu diesem Statement von Frau Buzyn – und den halten wir für weitaus bedeutsamer als dieses Statement selbst.

Sie reagierte nämlich damit nämlich auf eine Intervention des Nationalen Rates der Ärztekammer vom 22. März d.J., mit der diese die wissenschaftlichen (Nationale Akademie der medizinischen Wissenschaften) und politischen Instiutionen (Gesundheitsministerium) auffordert, über die wissenschaftliche Relevanz „alternativer und komplementärer Methoden, namentlich der Homöopathie“ zu entscheiden – unter ausdrücklichem Bezug auf die Stellungnahme der EASAC vom September 2017.

In diesem Kontext gibt es die Aktivität einer Ärztegruppe, die sich „Kollektiv #FakeMed“ nennt und mit einer Presseerklärung vom 28. März 2018 hervorgetreten ist, die an Deutlichkeit zum Thema Pseudomedizin, insbesondere zur Homöopathie, nichts zu wünschen übrig lässt und eine Reihe sehr konkreter Forderungen an die Ärztekammer aufstellt. Wir nehmen mit großem Interesse und ebensolcher Zustimmung zur Kenntnis, dass sich auch in unserem Nachbarland Kräfte formieren, die die anhaltende und sich ausweitende Legitimation von Scheintherapien, insbesondere der Homöopathie, nicht länger unwidersprochen hinnehmen wollen.

Man darf diese Erklärung als eine Art Parallele zum Münsteraner Memorandum Homöopathie ansehen, das einen Appell an die Bundesärztekammer und den kommenden Ärztetag darstellt, mit dem vergleichsweise bescheidenen Ziel, die „ärztliche Zusatzbezeichnung Homöopathie“ abzuschaffen.

Wegen der Bedeutung der Erklärung aus Frankreich geben wir sie hier leicht gekürzt übersetzt wieder:


Pressemitteilung vom 28. März 2018:
Heftige Debatte über alternative Praktiken

Das Kollektiv #FakeMed schlägt vor:

Der Hippokratische Eid ist eine der ältesten bekannten ethischen Verpflichtungen. Er fordert einen Arzt, der seine Patienten ebenso ehrlich als auch bestmöglich versorgt.

Diese beiden Verpflichtungen verlangen von einem Arzt, sein (medizinisches) Wissen ständig zu verbessern und seine Patienten darüber zu informieren, was er vernünftigerweise anbieten kann und welche Behandlungen unnötig oder gar kontraindiziert sind.

Es ist keine große Kunst  – und meist lohnend  – sein Wissen zu demonstrieren. Es ist aber viel schwieriger, seine Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Man kann deshalb leicht versucht sein, eine medizinische Versorgung ohne wissenschaftliche Grundlage anzubieten. Diese Versuchung gab es schon immer. Sie wurde und wird von Scharlatanen aller Art genährt, die das moralische Aushängeschild ihrer Qualifikation und Reputation nutzen, um Scheintherapien mit illusorischer Wirksamkeit zu befördern.

Die Verpflichtung zur Ehrlichkeit ist in den ethischen Kodizes der medizinischen Berufe und im französischen Gesundheitsgesetz verankert. Diese Regeln verbieten Scharlatanerie und Täuschung, sie verlangen die Verordnung und Durchführung von Behandlungen, für die eine Wirksamkeit festgestellt wurde. Sie verbieten die Verwendung von obskuren Mitteln oder Mitteln, deren Inhaltsstoffe nicht eindeutig deklariert sind. Der Nationale Rat der Ärztekammer ist dafür verantwortlich, dass ihre Mitglieder nicht Praktiken zu fördern, für die es keinen wissenschaftlichen Nutzennachweis gibt oder die sogar gefährlich sein können. Der Rat muss sicherstellen, dass Ärzte nicht zu Handelsvertretern skrupelloser Branchen werden. Sie muss diejenigen sanktionieren, die die ethischen Anforderungen ihrer Profession aus den Augen verloren haben. Dennoch toleriert die Ärztekammer auch noch im Jahre 2018 Praktiken, die im Widerspruch zu ihrem eigenen Ethikkodex stehen; öffentliche Institutionen fördern solche Praktiken oder tragen sogar zu ihrer Finanzierung bei.

Wir sehen uns nun gezwungen, deutlich und nachdrücklich auf die Verbreitung dieser esoterischen Praktiken und das wachsende Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber der evidenzbasierten Medizin zu reagieren.

Die Homöopathie ist, wie auch andere sogenannte „alternative Medizin“, keineswegs wissenschaftlich. Ihre Methoden basieren auf Überzeugungen, die eine „wunderbare, sanfte und sichere Genesung“ versprechen. Im September 2017 veröffentlichte der Wissenschaftliche Rat der Akademien der Europäischen Wissenschaften (EASAC) einen Bericht, der die fehlende Wirksamkeit der Homöopathie bestätigt. In den meisten entwickelten Ländern ist es Ärzten verboten, homöopathische Arzneimittel zu verschreiben.

Die so genannten „alternativen“ Therapien sind über den Placebo-Effekt hinaus wirkungslos und können sich sogar als gefährlich erweisen. Sie können gefährlich sein, weil sie irrelevante Symptome behandeln, die Bevölkerung über-medizinisieren (Konditionierung auf Einnahme, Behandlung reiner Befindlichkeitsstörungen und nicht behandlungsbedürftiger leichter Erkrankungen) und die Illusion erwecken, dass jede Situation mit einer ihrer „Behandlungen“ gelöst werden könne. Sie können gefährlich sein, weil sie sich auf ein grundlegendes Misstrauen gegenüber der konventionellen Medizin stützen, wie die ungerechtfertigte Polemik um Impfstoffe zeigt. Schließlich können sie gefährlich sein, weil ihre Anwendung notwendige Diagnosen und Behandlungen verzögert, was manchmal zu dramatischen Folgen führt, insbesondere bei der Behandlung schwerer Krankheiten wie Krebs.

Diese Praktiken sind auch für die öffentlichen Kassen kostspielig. Die Ausbildungen für solche Praktiken erfolgen in öffentlich geförderten Strukturen. „Alternative“ Sprechstunden werden in Krankenhäusern auf Kosten anderer medizinischer Dienste eröffnet. Einige dieser Behandlungen werden von der (defizitären) französischen Krankenkasse erstattet. In Frankreich können homöopathische Arzneimittel zu 30 % (bis zu 90 % in der Region Elsass-Mosel) erstattet werden und genießen einen Ausnahmestatus, der sie vom Nachweis ihrer Wirksamkeit befreit. Damit wird eine wohlhabende Industrie finanziert, deren Vertreter nicht zögern, diejenigen, die sie kritisieren, massiv zu beleidigen („Es gibt einen Ku-Klux-Klan gegen die Homöopathie“, äußerte der Präsident des weltweit führenden Unternehmens der Branche, Christian Boiron, in der Zeitung „Le Progrès“ vom 15. Juli 2016) oder die unbestreitbaren wissenschaftlichen Beweiserfordernisse einfach beiseite zu schieben.

Wir wollen uns umfassend von diesen Praktiken distanzieren, die weder wissenschaftlich noch ethisch, sondern irrational und gefährlich sind.

Wir fordern die französische Ärztekammer und die französischen Behörden auf, alles in ihrer Macht Stehende zur Umsetzung dieser Forderungen zu tun:

  • Ärzten oder medizinischem Fachpersonal ist es nicht mehr gestattet, diese „alternativmedizinischen“ Praktiken mit ihren beruflichen Qualifikationen weiter zu fördern.
  • Homöopathie-, Mesotherapie- oder Akupunkturdiplome werden in keiner Weise mehr als medizinische Hochschulabschlüsse oder Qualifikationen anerkannt.
  • Es ist sicherzustellen, dass Medizinische Fakultäten oder Institute, die Gesundheitstrainings durchführen, keine Diplome für die ärztliche Praxis mehr ausstellen dürfen, die Methoden ohne wissenschaftlichen Wirkungsnachweis betreffen.
  • Keine Kostenerstattung mehr für Gesundheitsfürsorge, Medikamente oder Behandlungen aus Disziplinen, die sich einer strengen wissenschaftlichen Bewertung verweigern.
  • Förderung von Initiativen, die darauf abzielen, Informationen über die Art der alternativen Therapien, ihre schädlichen Auswirkungen und ihre tatsächliche Wirksamkeit zu liefern.

Alle Angehörigen der Gesundheitsberufe müssen sich an die mit ihrem Beruf verbundenen ethischen Folgerungen halten, die sich zwingend aus der Unwirksamkeit und Irrationalität pseudomedizinischer Methoden ergeben, indem sie sich weigern, nutzlose oder unwirksame Behandlungen durchzuführen. Sie müssen statt dessen Behandlungen gemäß den Empfehlungen der wissenschaftlichen Fachgesellschaften und den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen anbieten, ihren Patienten gegenüber Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit demonstrieren und statt „alternativer Methoden“ ein empathisches Zuhören offerieren.

Ende des Zitats.


Wir freuen uns sehr, dass fundierte und entschiedene Kritik an der Pseudomedizin, in erster Linie an ihrem „Zugpferd“ Homöopathie, inzwischen zu einer internationalen Aktivität zusammenwächst. Für Deutschland bedeutet dies, wie wir schon öfter dargelegt haben, erhöhten Handlungsdruck, will man nicht international und vor allem innerhalb der EU in ein gesundheitspolitisches Abseits geraten.

Deutsche Gesundheitspolitik, Bundesärztekammer, Ärzteschaft: Wir warten!


Zum Weiterlesen bei Respectful Insolence: https://respectfulinsolence.com/2018/04/13/fake-medicine-science-based-medicine-versus-homeopathy-france/


Bildnachweis: Screenshot fakemedecine.org

Heilpraktiker zu Apothekenpflicht und Kennzeichnung von Homöopathika – eine Stellungnahme des INH

In der Rubrik „Forum Gesundheitspolitik“ der Zeitschrift „Der Heilpraktiker“ (Ausgabe 9/2017) ist eine Stellungnahme zu der Forderung aus der Politik erschienen, die Apothekenpflicht der Homöopathika aufzuheben und eine Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe in deutscher Sprache einzuführen (hier die Pressemitteilung der CDU-Fraktion).

Die Stellungnahme erschien namens der „Arzneimittelkommission der deutschen Heilpraktiker“ (AMK) und ist gezeichnet von Arne Krüger als stellvertretendem Sprecher der AMK [1]. Herr Krüger ist zudem -als einer von zwei Heilpraktikervertretern- in der Kommission D beim BfArM tätig, die im Rahmen des „Binnenkonsens“ über die Zulassung homöopathischer Mittel nach Maßgabe „homöopathischen Erkenntnismaterials“ entscheidet. Zudem ist Herr Krüger stellvertretender Vorstand des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e.V. (FDH).

Das Thema des INH ist im Kern nicht die Heilpraktikerproblematik, sondern die Pseudomethode Homöopathie. Jedoch ist hier die Verschränkung dieser beiden Sphären so deutlich sichtbar, dass wir hierzu Position beziehen.

Was meint nun Herr Krüger zu dem Vorstoß aus der Politik zur Aufhebung der Apothekenpflicht und einer erweiterten Kennzeichnung von Homöopathika?

Gleich zu Anfang unterliegt er einer gravierenden Fehleinschätzung, wenn er postuliert, die Homöopathika seien vorrangig gar nicht zur Selbstmedikation bestimmt, sondern für die Verwendung und Verschreibung durch homöopathische Behandler. Das ist nach der Hahnemannschen Lehre zweifellos richtig, jedoch widerspricht dem die Realität gravierend. Von rund 622 Mio € Apothekenumsatz an Homöopathika (2016, Quelle: Bundesverband der Arzneimittelhersteller) wurden etwa 500 Mio €, also der ganz überwiegende Anteil, als Direktverkäufe (OTC, „Over the Counter“) umgesetzt. Dies allein mag vielleicht nicht die wirkliche Relation der von Behandlern verordneten oder auch empfohlenen Mittel im Verhältnis zu denen einer reinen Selbstmedikation widerspiegeln. Die Grundaussage, nämlich das Überwiegen der Selbstmedikation, wird aber durch die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2014 klar bestätigt. Nach den dortigen Angaben benennen 67 Prozent der Befragten als „Weg zu homöopathischen Arzneimitteln“ den „Rat von Freunden, Familie und Bekannten“. [2]

Den Thesen, die Herr Krüger aus dem von ihm postulierten Vorrang fachlicher Verordnung von Homöopathika ableitet, vermögen wir nicht zu folgen. Interessanterweise will er die Apothekenpflicht der Homöopathika gerade mit der fehlenden Indikation der registrierten Mittel begründen. Dies sei der Grund für die Kennzeichnung der Mittel mit den „fachlich korrekten Namen aus dem Homöopathischen Arzneibuch“. Also wird die eine Irreführung des Verbrauchers mit der nächsten begründet? Eine Indikationsangabe wird dem Verbraucher nicht geliefert, weil es keine Wirkungsnachweise für das Mittel gibt, und das führt dann wiederum dazu, dass man ihn im Unklaren darüber lässt, was man da überhaupt einnimmt? Und das soll dann die unumgängliche Beratung durch Apotheken erfordern? Ob Herrn Krüger bewusst ist, dass im Jahre 2017 rund 53 Mio € des OTC-Umsatzes (also mehr als 10 Prozent, steigende Tendenz) an Homöopathika über den Versandhandel erzielt wurden, was sich nun überhaupt nicht mehr mit dem von ihm gezeichneten Bild vereinbaren lässt? [3]

Wobei wir damit die grundlegende Irreführung, nämlich die, dass es sich um spezifisch unwirksame Mittel handelt, noch gar nicht  thematisiert haben.

Nein, die Kennzeichnungspflicht muss – im Sinne der amerikanischen Verbraucherschutzbehörde FTC – nach unserer Ansicht noch deutlich über die umgangssprachliche Bezeichnung der Inhaltsstoffe hinausgehen – dazu hat das INH bereits hier Stellung genommen.

Müsste die von ihm so aufgebaute Argumentation Herrn Krüger in Anbetracht der tatsächlichen Umsatzzahlen nicht konsequenterweise zu der Forderung führen, der Freiverkauf von Homöopathika sei völlig zu untersagen? Es wäre sicher interessant, wie er dies den einschlägigen Herstellerfirmen vermitteln würde.

In der Folge gefällt es Herrn Krüger, sich selbst in den Rücken zu fallen. Er meint nun – in spürbarem Gegensatz zu seiner These des Anfangs – allen Ernstes, gerade Mittel ohne „beantragte Wirksamkeit“ und „ohne Benennung eines Anwendungsgebietes“ würden „wohl kaum (beim Verbraucher) den Eindruck einer wissenschaftlich anerkannten Alternative machen“ (was eine der Argumentationslinien des auf Verbraucherschutz gerichteten Vorstoßes der CDU-Fraktion war). Er zieht sich darauf zurück, dass die Apothekenpflicht sich bei allen Arzneimitteln lediglich aus dem Risikopotenzial des jeweiligen Mittels ergebe, und das sei bei den Homöopathika gleich Null. Und genau das, so Krüger, sei dem Konsumenten doch völlig klar!

Was das rein toxische Nebenwirkungsrisiko betrifft, pflichten wir ihm gern bei. Aber wir sind keineswegs überzeugt, dass diese Sichtweise zu Sinn und Zweck der Apothekenpflicht derjenigen der Mehrzahl der Verbraucher entspricht. Die Assoziation „Apotheke – muss doch in Ordnung sein“, flankiert davon, dass Krankenkassen Homöopathika erstatten und der Gesetzgeber ihnen einen Schutzraum zubilligt, ist massiv prägend für die Verbraucherentscheidung, die davon ausgeht, ein spezifisch wirksames Arzneimittel zu erwerben.. Die Aufforderung zur Selbstmedikation mit Homöopathika ist allgegenwärtig, womit das Indikationsverbot geradezu überkompensiert wird. Wenn Herr Krüger all das wegreden will, ist er mit der Praxis schlicht nicht vertraut.

Und es macht einen Unterschied, ob auf Wirksamkeit geprüfte und zugelassene Pharmazeutika in der Apotheke wegen ihres geringen Nebenwirkungsrisikos frei abgegeben werden oder ob die Verbraucher durch die „Adelung“ per Apothekenpflicht darüber getäuscht werden, dass sie spezifisch unwirksame Mittel einkaufen.

Es ist uns auch durchaus klar, dass die Inhalte der Beipackzettel registrierter Homöopathika den „rechtlichen Vorgaben“ entsprechen und dies bezweifeln wir ebenso wenig wie den Umstand, dass sie „in deutscher Sprache verfasst sind“. Beides sagt aber überhaupt nichts über den für den Verbraucher wichtigen Informationsgehalt aus. Vor allem auch nicht darüber, ob die geltenden rechtlichen Vorgaben richtig oder auch nur sinnhaft sind, um darüber zu informieren, dass die Indikation deshalb fehlt, weil für die Mittel keinerlei Wirkungsnachweis erbracht wurde.

Zu allem Überfluss bemüht Herr Krüger nun noch das „Traditionsargument“ für die Homöopathie. Aber was bedeutet denn das Traditionsargument in der Wissenschaft, speziell in der Medizin?

Der Traditionsbegriff hat im Zusammenhang mit Erkenntnisgewinnung nichts verloren. Er ist ein soziologischer, kulturbildender und -tradierender Begriff, der mit Erkenntnis, Rationalität und Wissenschaftlichkeit keine Schnittmengen hat. Tradition ist auch überall etwas anderes, von Ort, Bevölkerung und Vergangenheit abhängig. Wer zum Traditionsargument greift, versucht einen Appell an das Publikum mit dem Bild des „Schönen, Guten, Wahren“, will für sein Anliegen sozusagen als „Kulturgut“ Schutz einfordern. Was das mit einer Argumentation über Falsch und Richtig, Gut und Schlecht, Sinnlos und Sinnhaft zu tun hat – das kann man sich leicht selbst beantworten: Wenig bis nichts.

Und nein, es gelingt uns nicht, den interessanten Beispielen von Herrn Krüger zu umgangssprachlichen Bezeichnungen von Inhaltsstoffen die von ihm intendierte Bedeutung beizumessen. Er möchte über diese Beispiele belegen, dass die umgangssprachlichen Bezeichnungen der Inhaltsstoffe nur zur Verunsicherung der Verbraucher beitragen würden. Wenn er den „Frauenmantel“ anführt, um zu verdeutlichen, daraus werde der Verbraucher möglicherweise entnehmen, einer der Inhaltsstoffe sei ein Kleidungsstück oder gar das „Wanzenkraut“ als Beispiel dafür zitiert, dass der Verbraucher durch die Annahme unappetitlicher Bestandteile verunsichert und gar (per Nocebo-Effekt) eine homöopathische Therapie negativ beeinflusst werde, so begibt er sich doch auf eine einigermaßen groteske Ebene. Und das, nachdem er gerade erst den mündigen und informierten Verbraucher beschworen hat, der sich völlig klar über die arzneimittelrechtliche Einordnung der homöopathischen Mittel und der Gründe für die Apothekenpflicht sei? Ein weiterer Selbstwiderspruch.

Zu absurd, als dass wir  hier unsererseits mit Wortspielen wie dem berühmten Zitronenfalter kommen wollen. Erst recht nicht mit dem des Begriffs des Heilpraktikers, der ja nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben weder heilen können noch Praxis haben muss, um seine Zulassung zu erlangen.

Lieber ziehen wir hier das Fazit: Keines der „Argumente“ von Herrn Krüger kann etwas daran ändern, dass es an einem belastbaren Nachweis spezifischer Wirksamkeit für die Homöopathie nach inzwischen fast 220 Jahren ihrer Existenz nach wie vor fehlt, was in einem erheblichen Widerspruch zur angeblichen umfassenden Wirksamkeit dieser Therapie steht. Wenn die Homöopathie so umfassend und tiefgreifend wirkt, wie von ihren Anhängern vertreten wird, warum hat man dann trotz intensiver Bemühungen bislang noch nicht eine einzige Indikation gefunden, bei der das auch belastbar nachgewiesen werden kann?

Ein Fallen der Apothekenbindung und eine erweiterte Kennzeichnungspflicht der Homöopathika (duchaus im Sinne der amerikanischen FTC) wären deshalb auch gar nicht mehr als ein Schritt in die richtige Richtung: Nämlich dahin, Homöopathika aus der gesetzlichen Anerkennung als Arzneimittel zu entlassen und der Homöopathie generell keinen Platz mehr im öffentlichen Gesundheitswesen einzuräumen.


[1] Die AMK ist sogenannte „Stufenplanbeteiligte“ im Sinne der „Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Beobachtung, Sammlung und Auswertung von Arzneimittelrisiken (Stufenplan) nach § 63 des Arzneimittelgesetzes (AMG)“ http://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/bsvwvbund_09022005_111436241.htm

[2] https://www.bah-bonn.de/bah/?type=565&file=redakteur_filesystem%2Fpublic%2FErgebnisse_Allensbach_deSombre.pdf

[3] Quelle: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2018/az-5-2018/versand-boomt-im-otc-markt / Teaser unter https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/suche?search=Homöopathie+Umsatz


Bildnachweis: Fotolia_90994398_XS

Die Kritik an der Homöopathiekritik – Teil I: Wissenschaftliche Nachweise

„Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass die Homöopathie wirkt“

Diese zentrale Aussage der Homöopathiekritiker wird immer wieder von der Seite der Homöopathielobby entschieden bestritten. Diese bedient sich dabei oft am Inhalt von dreizehn Beiträgen, die das britische Homeopathy Research Institute (HRI) auf seiner Webseite publiziert hat. Die Deutsche Homöopathie Union (DHU) greift auf diese Inhalte in einer gelegentlich von ihr verwendeten (nicht veröffentlichten) Schrift mit dem Titel „Die endlose Homöopathie-Debatte: Gute Antworten auf kritische Fragen“ zurück. In einer kleinen Artikelserie soll hier aus homöopathiekritischer Sicht auf diese Argumentationen eingegangen werden. Mit dem vorliegenden Beitrag geht es zu Beginn um den grundsätzlichen Aspekt der Sicht auf „wissenschaftliche Nachweise zur Wirksamkeit“, die den Dissens zwischen Homöopathielobby und Homöopathiekritik im Kern ausmachen.

Warum reichen keine „persönlichen Erfahrungen“ als Wirkungsnachweis?

Wir brauchen wissenschaftliche Wirkungsnachweise, weil wir längst (im Grunde schon seit Aristoteles) wissen, dass Einzelerfahrungen, auch beliebig viele, niemals einen Beleg für die Wirksamkeit einer Methode oder eines Mittels erbringen können. Man nennt dies seit David Hume und Immanuel Kant das „Induktionsproblem“, das sich daraus ergibt, dass es keine Gewissheit geben kann, dass nicht schon der nächste Einzelfall ein völlig widersprechendes Ergebnis zutage fördert. Rein praktisch kommt dazu, dass die Betrachtung und Beurteilung von Einzelfällen, vor allem durch Betroffene (Therapeut und Patient) in höchstem Maße verzerrenden Einflüssen unterliegt. Das ist leicht daran zu erkennen, dass wohl kaum alle Einzelfallberichte bei ähnlichen Ausgangssituationen übereinstimmen werden und vor allem daran, dass es ähnliche oder gleiche „Erfahrungen“ von Menschen gibt, die gar keine oder eine völlig andere Behandlung erfahren haben. Es werden ja Tag für Tag auch Menschen (ebenso Tiere oder Pflanzen) gesund, erholen sich durchaus auch von lebensbedrohlichen Krankheiten, ohne dass es eines äußeren Eingriffs bedarf.

Was brauchen wir stattdessen?

Wir brauchen Betrachtungen mit ausreichend großen Patienten-Vergleichsgruppen, durch die verzerrende Einflüsse weitgehend ausgeschlossen werden können und die uns Aufschluss darüber geben, wie ein Mittel / eine Methode im Vergleich zur bisherigen Standardtherapie oder gegenüber Placebo wirkt.

Die untersuchte Methode / das Mittel muss bei solchen wissenschaftlichen Überprüfungen ihre / seine Überlegenheit gegenüber dem bisherigen Standard oder einem Placebo beweisen und dies muss in folgenden Untersuchungen auch reproduzierbar sein. Nur auf der Basis solcher Ergebnisse kann ein Arzt / Therapeut entscheiden, welche Therapie er mit ausreichender Aussicht auf Erfolg einsetzen kann. Alles andere – nur auf der Basis persönlicher Erfahrungen – ist nur eine nie zu Ende kommende Kette von Versuch und Irrtum – am Patienten und im Zweifel auf dessen Kosten.

Es ist große Selbstkritik bei der Beantwortung der Frage angebracht, ob eine therapeutische Intervention wirklich ursächlich zur Besserung / Heilung geführt hat. Die Selbsttäuschungsmechanismen dabei sind sehr stark: In vorwissenschaftlicher Zeit galten auch aus heutiger Sicht abstruse Mittel als wirksam, etwa der Staub von Kirchenglocken, zerstoßene Bildchen von Heiligen oder Fett und Knochen von hingerichteten Straftätern. Sicher waren nicht alle Leute, die solche Mittel anwandten, Scharlatane wider besseren Wissens – sie waren aber nur deshalb überzeugt, tatsächlich mit ihren Mitteln heilen zu können, weil sie einfach „sahen“, dass Patienten nach ihrer Behandlung gesund wurden und andere Zusammenhänge gar nicht in Betracht zogen. Was aber soll uns ein „Erfahrungsschatz“ sagen können, der auf einer solchen Grundlage gesammelt wurde?

Medizin wurde dadurch besser und erfolgreicher, dass man unwirksame Therapien erkannt und ausgesondert hat – das geschah aber anders als durch die Sammlung von Einzelfallerfahrungen. Ärzte verfügen heute über eine Vielzahl wirksamer Methoden, für die verlässliche Informationen zu Einsatzgebieten und Erfolgswahrscheinlichkeiten bereitstehen. Auf sinnvolle und belastbare Wirksamkeitsnachweise zu verzichten und auf einzelne Erfahrungen zu vertrauen, würde einen Rückschritt in die vorwissenschaftliche Zeit bedeuten, als es mehr oder weniger auf den Zufall ankam, ob der Arzt die richtige Arznei verordnete.

Wie funktioniert ein wissenschaftlicher Nachweis mit Studien?

  • “Verblindete“ Studien

Die Untersuchung wird an einer größeren Zahl von Patienten durchgeführt, damit das Ergebnis nicht durch individuelle Eigenschaften oder Einstellungen einzelner Patienten verfälscht wird. Diese Versuchspersonen werden nach einem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt, deren eine das zu testende Mittel einnimmt („Verumgruppe“), die andere stattdessen ein Placebo ohne Wirkstoff oder den bislang etablierten Behandlungsstandard („Kontrollgruppe“). Wichtig ist, dass weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte noch das Betreuungspersonal wissen, wer zu welcher Gruppe gehört. Manchmal geht die Verblindung so weit, dass selbst die Auswerter keinen Einblick in die Identität der Gruppenmitglieder haben. Äußere Einflüsse, ganz besonders „menschliche“ Einflussgrößen, werden dadurch so weit wie möglich ausgeschlossen. Der Aufwand bei wissenschaftlichen Untersuchungen wird genau deshalb betrieben, weil vermieden werden muss, dass andere Einflüsse außer der Mittelgabe selbst noch auf die Ergebnisse einwirken (können). Dieses Studiendesign der placebokontrollierten doppelt verblindeten randomisierten Vergleichsstudie ist (entgegen häufiger Einwände von homöopathischer Seite) durchaus auch für den individualisierten Therapieansatz der Homöopathie möglich und es gibt auch eine ganze Reihe solcher Studien (und auch systematische Reviews davon): Alle Versuchspersonen durchlaufen die Erstanamnese und ihnen wird ein Mittel verordnet, in der Apotheke wird nach dem Zufallsprinzip entweder das verordnete Mittel oder ein Placebo an den Patienten abgegeben.

  • Die „Zufallsergebnisse“

Dabei ist zu bedenken, dass sich in jeder Gruppe immer auch Veränderungen (Verbesserungen) ergeben werden, die nicht auf die Mittelgabe ursächlich zurückgehen. Das wissen wir schon deshalb, weil auch die  völlig unbehandelte Kontrollgruppe mit gleicher Ausgangslage über einen gleichen Zeitraum eine gewisse Anzahl an „Verbesserungen“ aufweisen wird, die dort ja mit Sicherheit nicht durch das getestete Mittel verursacht sind. Dies kann durch die Selbstheilungskräfte des Organismus zustande kommen, durch natürliche (selbstlimitierende) Krankheitsverläufe oder auch den oft zitierten Placeboeffekt (der nur einer der Seiteneffekte einer Behandlung ist). Gäbe es beispielsweise keine Fähigkeit zur Selbstheilung des Organismus (bis zu einer gewissen Schwelle), wären wir als Art schon lange ausgestorben. Man steht also vor dem Problem, dass sich in jeder Gruppe messbare Ergebnisse zeigen, die nicht dem geprüften Mittel zugerechnet werden dürfen.

Solche „immer auftretenden“ Effekte -der „Zufall“- müssen durch die Anwendung statistischer Verfahren bei der Auswertung „herausgerechnet“ werden. Nur was über die Zufallserwartung hinausgeht, kann von Bedeutung sein. Es besteht international Übereinkunft darüber, dass diese „Zufallsschranke“ bei einer Wahrscheinlichkeit von 5 % angesetzt wird: Ergebnisse die mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 5 % auftreten würden, wenn sich die Gruppen nicht unterschieden hätten, könnten als Nachweis gelten – wenn sie unabhängig wiederholt wurden. Eine einzelne Studie kann aber für sich alleine kein belastbarer Nachweis sein, denn man muss davon ausgehen, dass selbst bei einem Test unwirksamer Mittel sich in einer von zwanzig Studien (5%) ein positives Ergebnis zeigen wird.

  • Was ist das „Ergebnis einer Studie“?

Es leuchtet ein, dass damit eine verblindete medizinische Studie die Frage „Wirkt das Mittel?“ nicht mit einem festen Ergebnis im Sinne von „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Eine erfolgreich durchgeführte Studie ermöglicht „nur“ eine Wahrscheinlichkeitsaussage darüber, ob das Mittel wirksam war. Der Grad der Wahrscheinlichkeit ist für die Bewertung des Ergebnisses ausschlaggebend. Grundsätzlich verbleibt zwar das Risiko, dass man ein Ergebnis erhält, das wie ein erfolgreicher Test aussieht, das aber dennoch nur ein Zufallsprodukt ist. Dies aber entspricht dem heutigen Wissenschaftsverständnis, das nicht vom Erreichen einer „absoluten Wahrheit“ ausgeht, sondern von einer möglichst großen Annäherung an diese durch den Ausschluss von Fehlern und Irrtümern. Es stellt sich deshalb im Weiteren die Frage, wie man das Ergebnis einer Einzelstudie (wie sie oft von Homöopathen als „Nachweis“ angeführt wird) bewerten muss und wie man ihre Aussagekraft verbessern kann.

  • Von der Einzelstudie zum systematischen Review

Eine Einzelstudie gilt in der wissenschaftlichen Welt für sich allein als sehr wenig aussagefähig. Daher muss sie – vorzugsweise mehrfach – unabhängig von anderen Forscherteams an anderen Patientengruppen wiederholt werden. Dabei werden sich durchaus Unterschiede in den Ergebnissen zeigen, die bewertet werden müssen. Dies geschieht in systematischen Reviews, in denen alle veröffentlichten Arbeiten zu einem bestimmten Krankheitsbild betrachtet werden und ein Gesamtergebnis ermittelt wird. Wichtig ist, dass alle vorliegenden Ergebnisse in die Betrachtung einfließen, nicht nur die positiven. Erst ein solches Review wäre dann bei einer angemessenen Datenbasis ein belastbarer Nachweis. Einzelstudien können einen Hinweis auf eine mögliche Wirksamkeit liefern, aber mehr nicht. Eine belastbare Annäherung an die „Wirklichkeit“ ergibt sich erst durch die Zusammenführung mehrerer personell, organisatorisch und auch wirtschaftlich voneinander unabhängiger Studien zum gleichen Thema.

Aus Reviews oder gar Einzelstudien kann außerdem immer nur auf die Wirksamkeit der Homöopathie bei dem betrachteten Krankheitsbild geschlossen werden. Ein Schluss auf die Homöopathie als ganzes Therapiegebilde ist auf keinen Fall möglich.

Noch einmal ganz konkret: Warum sind Fallstudien und Einzelberichte keine Nachweise für eine Wirkung?

Es gibt aus verschiedenen, durchaus nicht immer erklärbaren Gründen immer Menschen, die auch ohne die Wirkung einer Therapie gesund werden und auch schwerste Infektionskrankheiten oder sogar Krebs überleben und sogar ausheilen. Es mögen nur wenige sein, aber es gibt sie. Demzufolge wird es auch immer Patienten geben, die darüber berichten können, dass sie (vermeintlich) aufgrund dieser oder jener Therapie überlebt haben oder geheilt wurden, auch wenn diese gar nichts zum Verlauf des Genesungsprozesses beigetragen hat. Andererseits wird es auch immer Menschen geben, die auf bei anderen sehr wirksame Therapien nicht ansprechen und trotz einer ansonsten wirksamen Behandlung an ihrer Krankheit sterben.

Ein Beispiel einer 2017 veröffentlichten Studie [1] zur alternativmedizinischen Behandlung von Krebs soll dies verdeutlichen. Das Ergebnis sieben Jahre nach der Diagnose und nach alternativer bzw. konventioneller Behandlung sah so aus:

Ergebnis nach sieben Jahren Alternativmedizin Konventionell
überlebt 144 208
gestorben 136 72

Aus den 144 Patienten, die unter der alternativen Therapie sieben Jahre überlebt hatten, kann (und wird) man sicher eine ganze Reihe von Fallstudien über „Erfolge der Alternativmedizin“ ableiten.  Zusätzlich wird man darauf verweisen können, dass es unter der konventionellen Therapie Todesfälle gibt. Positive Fälle unter konventioneller Therapie werden vielleicht auch ihren Weg in Fallstudien finden – was aber mit Sicherheit bei diesem Vorgehen, der Einzelfallbetrachtung, verloren geht, ist die eigentlich entscheidende Information: Die Tatsache, dass unter den konventionell behandelten Patienten wesentlich mehr überlebt haben. Dass diese negativen Ergebnisse in der alternativen Gruppe die aus der konventionellen Gruppe wesentlich übersteigen, geht in Fallstudien völlig verloren. Schließlich liegen die zuviel gestorbenen auf den Friedhöfen und verkünden ihren Misserfolg nicht in Talkshows, Büchern oder Interviews – und nicht in Fallstudien.

Schließlich ist auch kaum damit zu rechnen, dass Therapeuten ihre Misserfolge in Fallstudien veröffentlichen und diese werbemäßig genauso stark verbreitet werden wie die positiven Ergebnisse: Ein ganz wesentlicher Punkt, die Wirksamkeit einer Therapie zu beurteilen, fehlt mithin. Das wäre so ähnlich, als würde man beim Fußball nur die Tore zählen, die die eigene Mannschaft geschossen hat – und darüber vergessen, dass sie vielleicht wesentlich mehr Gegentreffer hinnehmen musste.

Konsequenz: Fallstudien, auch in großer Anzahl, bedeuten nur, dass es eine unbekannte Zahl von Fällen gibt, die unter der Alternativbehandlung genesen sind – und sonst nichts. Dass es diese gibt, ist sicher nicht zu bestreiten, sagt aber nichts darüber aus, ob es nicht viel mehr Patienten gibt, die eben nicht von alternativen Therapien profitiert haben oder von anderen Maßnahmen mehr profitiert hätten.

Welche Ergebnisse zur Homöopathie liegen vor?

Das HRI führt aus, dass es zum Ende 2014 189 randomisierte Vergleichsstudien gegeben hätte, davon 104 Placebo-Vergleichsstudien. Von diesen seien bei 43 positive Ergebnisse aufgetreten, 5 seien negativ gewesen und bei 56 sei ein unklares Ergebnis aufgetreten.

Das ist nun alles andere als die Bewertung von Studienergebnissen nach ihrer Wahrscheinlichkeitsaussage. Offenbar halten die Autoren dieses Berichtes die Tatsache, dass man die Wirksamkeit eines homöopathischen Mittels nicht zuverlässig von dem eines Placebos unterscheiden kann („unklares Ergebnis“), keineswegs für ein negatives Ergebnis, sondern für eine Art „Unentschieden“. Würden Patienten, die ihr Geld für ein Mittel ausgeben und dabei auf eine Verbesserung ihres Befindens hoffen, das genauso sehen? Eine Studie mit dem Ziel, einen Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie zu finden (die „Ausgangshypothese“), muss doch wohl als gescheitert angesehen werden, wenn sie keine Überlegenheit über ein Stück Zucker nachweisen kann.

Insofern ist es keinesfalls so, dass die „Mehrheit“ der Studien ein positives Ergebnis erbracht hat.

Auch der Anteil von gut 40 % erfolgreichen Studien sieht nur zunächst beeindruckend aus, führt aber in die Irre.

Zunächst ist wegen der immer zu berücksichtigenden Zufallsstreuung von 5 % immer damit zu rechnen, dass es einige „falsch positive“ Studien gibt, deren Ergebnisse keineswegs auf eine Wirkung des untersuchten Mittels zurückzuführen sind.

Dann gibt es den sogenannten Schubladeneffekt, auch Publication bias genannt: Es ist nun einmal so, dass positive Ergebnisse leicht und gerne veröffentlicht werden, negative dagegen eher dazu neigen, für immer in der Schublade bleiben. Dazu kommen dann oft noch Schwächen im Studiendesign und/oder in der Studiendurchführung, etwa in der Verblindung der Versuchspersonen oder den angewandten Verfahren zur Auswertung, die dazu führen können, dass die Ergebnisse in eine positive Richtung verfälscht werden. Alles dies treibt den Anteil der positiven Studien am gesamten Bestand nach oben.

Selbst angenommen, eine einzelne Studie weise bei erstem kritischem Blick ein belastbar positives Ergebnis auf: Man kann einen Nachweis einer Wirksamkeit der Homöopathie in irgendeiner Indikation nur dann anerkennen, wenn -wie oben ausgeführt- Studien unabhängig wiederholt und in systematischen Übersichtsarbeiten zusammenfassend betrachtet worden sind. Und zwar nicht unter Beschränkung auf die „positiven“, sondern unter Einbeziehung aller vorliegenden Ergebnisse.

Solche Reviews gibt es in der Tat, auch von Vertretern der Homöopathie. Angefangen mit einer Arbeit von Kleijnen et al. [2] aus dem Jahre 1991 bis zuletzt von Mathie et al. in 2019 [3] gibt es zwölf größere solcher Übersichtsarbeiten, die die Homöopathie indikationsübergreifend betrachten, und die alle zu recht ähnlichen Ergebnissen kommen: Die einzelne Studienlage mag gelegentlich darauf hindeuten, dass es kleine Effekte geben könnte, die über Placebo hinausgehen, jedoch ist nach dem Bekunden der Autoren der Reviews die Qualität der vorliegenden Studien so niedrig, dass hieraus keine belastbaren Schlussfolgerungen gezogen werden können. Weder für die Homöopathie generell noch für irgendeine Indikation. Auch die größte bislang veröffentlichte Arbeit, die des australischen Gesundheitsministeriums von 2015, kommt zu diesem Schluss , ebenso wie die jüngste Arbeit von Mathie (2019) vom Homeopathy Research Institute.

Schlussfolgerung:

Es gibt tatsächlich keine wissenschaftlichen Nachweise dafür, dass Homöopathie wirkt.

Was Homöopathen dazu sagen

Das HRI führt ergänzend ins Feld, dass die Quote von 43 % an positiven Studien die gleiche sei, wie sie in Studien zur konventionellen Medizin auftrete. Ja und? Was soll solch ein Vergleich aussagen? Wenn ich meine literarischen Fähigkeiten mit denen von Thomas Mann vergleichen will, ist es sicher nicht hilfreich festzustellen, ob ich prozentual genauso viele Schriften verwerfe wie er. Wichtig wäre der Vergleich dessen, was übrig bleibt – nach Qualität selbstverständlich, nicht nach Quantität.

Ein solcher Ansatz nach dem Motto „Wer hat gewonnen?“ ist absurd. Zudem sind homöopathische Studien Bestätigungsforschung, also die Suche nach einem positiven Ergebnis, was an sich einen höheren Bestätigungsfehler im Vergleich zu wirklich ergebnisoffener Forschung erwarten lässt – und damit eigentlich eine viel bessere Positivlage für die Homöopathie ergeben müsste, insbesondere, wenn man auch in Betracht zieht, mit welch hohem Anspruch die Homöopathie hinsichtlich einer der konventionellen Medizin zumindest gleichwertigen Wirksamkeit vertreten wird. Demgemäß wäre von den Homöopathen viel eher zur Zahl der „negativen“ Ergebnisse ihrer Forschung Stellung zu nehmen, die ja in Anbetracht der geschilderten Bedingungen als außergewöhnlich hoch angesehen werden muss.

Als weiterer Aspekt wird der Mangel an öffentlicher Finanzierung von Forschung zur Homöopathie aufgeworfen. Hierzu ist anzumerken:

Die DHU gehört mit dem größten Hersteller von Homöopathika in Österreich zur Firmengruppe Dr. Willmar Schwabe. Nach den Angaben auf der Webseite macht Schwabe einen Umsatz von 900 Millionen Euro und gibt davon ganze 32 Millionen für Forschung aus. Branchentypisch wären etwa 14 %, also rund 125 Millionen Euro. Da wäre noch sehr viel Luft für entsprechende Forschungsförderung (Quellen: https://www.vfa.de/embed/statistics-2015.pdf, S. 12,  https://www.schwabepharma.com/about-us/facts-figures/).

Es kann hier offenbleiben, ob in Anbetracht der bislang niemals nachgewiesenen Evidenz und der fehlenden Plausibilität der homöopathischen Methode der Einsatz öffentlicher Forschungsmittel hierfür überhaupt vertretbar ist.

Eine ausführlichere Version dieses Beitrages finden Sie auf dem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ von Dr. Norbert Aust, eine zusammenfassende Version auf der INH-Webseite „Susannchen braucht keine Globuli„.


Quellen / Referenzen:

  1. Johnson SB, Park HS, Gross CP, Yu JB: “Use on Alternative Medicine for Cancer and its Impact on Survival“; JNCI J Natl Cancer Inst (2018) 110(1): djx145, doi: 10.1093/jnci/djx145 [https://academic.oup.com/jnci/article/doi/10.1093/jnci/djx145/4064136]
  2. Kleijnen J, Knipschild P, ter Riet G: “Clinical trials of homeopathy“, BMJ 1991; 302:316-23, [https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1668980/pdf/bmj00112-0022.pdf]
  3. Mathie RT et al.: Systematic Review and Meta-Analysis of Randomised, Other-than-Placebo Controlled, Trials of Non-Individualised Homeopathic Treatment. Homeopathy 2019 Jan 30. doi: 10.1055/s-0038-167748 [https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30699444]
  4. National Health and Medical Research Council. 2015. “NHMRC Statement on Homeopathy“, Canberra: NHMRC 2015  [https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02_nhmrc_statement_homeopathy.pdf]

Edit, Mai 2019: Ergänzt um die neueste Studienlage (Mathie 2019)


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Die Kritik an der Homöopathiekritik – Teil II: „Positive Studien fehlen“

Zur Rekapitulation

Im ersten Teil unserer Serie hatten wir betrachtet, was ein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis ist und welche Anforderungen an einen solchen zu stellen sind. Im zweiten Teil wollen wir nun klären, weshalb die Homöopathiekritiker zu der Aussage kommen, es gebe keine belastbare Evidenz dafür, dass die Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus wirksam ist.

Es gibt keine einzige gute Studie, die beweist, dass Homöopathie wirkt

… wird uns Homöopathiekritikern seitens des englischen Homeopathic Research Institutes (HRI) im Rahmen von dessen Artikelserie „FAQ Homöopathie“ in den Mund gelegt. Diese Aussage ist zwar einerseits durchaus korrekt, aber gleichzeitig auch trivial. Denn: Schon aus den Ausführungen im ersten Teil sollte deutlich geworden sein, dass eine Studie niemals „beweisen“ kann, dass „Homöopathie wirkt“. Sie könnte bestenfalls einen Hinweis liefern, dass die Homöopathie für eine bestimmte Indikation eine über Placebo hinausgehende Wirksamkeit aufweisen könnte. Die den Kritikern unterstellte Aussage wäre also eine Leerformel ohne Aussagewert und wird deshalb so von ihnen auch nicht verwendet.

„Es gibt keine belastbare Evidenz dafür, dass die Homöopathie bei
irgendeinem Krankheitsbild eine über Placebo hinausgehende Wirksamkeit aufweist“

… ist die nicht mehr triviale, weil per Gegenbeweis grundsätzlich widerlegbare wirkliche Aussage der Homöopathiekritiker. Auch wenn das HRI in seiner „FAQ“-Serie nicht diesen korrekt formulierten „falsifizierbaren“ Satz als Aufhänger verwendet, ist klar, dass man dort eine solche Aussage meint und dagegen argumentiert. Ist das HRI imstande, Studien anzuführen, mit denen diese Aussage der Kritiker widerlegt werden kann?

Hintergrund: Was ist belastbare Evidenz?

Entsprechend wissenschaftlichem Standard, nach dem die Homöopathen ja gemessen werden wollen, ergibt sich Evidenz (umgangssprachlich „Augenscheinlichkeit, Offenkundigkeit, völlige Klarheit“, wissenschaftlich eher „Vorliegen einer robust belastbaren Beweislage“, die so „augenscheinlich“ in der Regel nicht ist) nur auf der Basis placebokontrollierter, randomisierter und doppelt verblindeter klinischer Kontrollstudien. Einzelne Studien können keine belastbare Evidenz darstellen. Der Weg zur Evidenz setzt zusätzlich voraus, dass eine Studie mindestens einmal unabhängig repliziert, das heißt, von einem anderen unabhängigen Forscherteam an anderen Patienten wiederholt wurde und dabei ähnliche Ergebnisse erzielt wurden. Da es nicht wiederum nicht einfach ist, Ergebnisse unterschiedlicher Studien zusammenfassend zu bewerten, ist dafür ein systematisches Review erforderlich, das alle zum Thema vorliegenden Studien einbezieht.

Ein Review kann natürlich nicht einfach eine „Addition“ der Ergebnisse von Einzelstudien sein. Belastbare Evidenz kann zwangsläufig nur aus Ergebnissen hochwertiger Studien entstehen. Deshalb muss in Reviews als wesentlicher Punkt die Bewertung von Einzelstudien nach deren Qualität einfließen. Die Qualität einer Studie drückt sich in dem Grad aus, wie zuverlässig sie sich dem wahren Sachverhalt annähert oder anders herum, wie hoch der Grad der „Verzerrung“ (Bias) dabei ist. Ein hohes Risiko verringert die Bedeutung der einzelnen Studie innerhalb der Gesamtaussage des Reviews, ein niedriges erhöht entsprechend ihren Einfluss auf die Gesamtaussage.

Wenn beispielsweise die Verblindung nicht zuverlässig funktioniert, dann werden Patienten der Placebogruppe, die ja dann davon ausgehen, keine wirksame Arznei erhalten zu haben, positive Wahrnehmungen nicht in einen Zusammenhang mit der Placebogabe bringen und daher auch nicht darüber berichten. Bei Patienten, die die „echte“ Arznei erhalten haben und dies wissen, verhält es sich umgekehrt: Sie werden nach positiven Veränderungen Ausschau halten, weil sie diese erwarten und genau deshalb auch über die kleinste positive Änderung berichten.

Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass Probleme mit der Qualität (und zwar nicht nur solche bei der Verblindung) dazu führen, dass die auftretenden Effekte in eine positive Richtung verzerrt werden, und zwar oft ganz erheblich.

Zusammengefasst: Zuverlässige, „belastbar“ genannte Evidenz erfordert eine Reihe von unabhängigen qualitativ guten Studien, die in einer kritisch bewertenden Gesamtschau einen Nutzen der Homöopathie über Placebo hinaus belastbar aufzeigen.

Das HRI weist durchaus darauf hin, dass weitere Forschung erforderlich sei, um die vorliegenden Studien mit Hinweisen auf eine mögliche Evidenz zu replizieren. Das ist aber kein Beleg, sondern eine Spekulation. Niemand kann in die Zukunft sehen, so dass völlig offen ist, ob eine unabhängige Replizierung zu ähnlichen Ergebnissen führen wird oder eben auch nicht. Demzufolge beschreibt die Aussage der Kritiker, dass es keine belastbare Evidenz gäbe, korrekt die gegenwärtige Situation, ohne auszuschließen, dass sich dies in Zukunft ändern könnte.

Die „Belege“ des HRI – Welche Ergebnisse liegen vor?

Evidenzlage – die Unterscheidbarkeit von Homöopathie und Placebo in Studien

Das HRI führt einige Indikationen und Studien im Detail in der Absicht auf, damit die eingangs zitierte Aussage der Kritiker zur fehlenden Evidenzlage zu widerlegen – also nach Ansicht der Homöopathen offenbar eine Auswahl von positiven Studien  hoher Qualität, die also einerseits die Wirklichkeit wahrscheinlich korrekt abbilden und in denen gleichzeitig eine Wirksamkeit über Placebo hinaus festgestellt wurde. Dabei geht es um

  • individualisierte homöopathischer Behandlung von Durchfall bei Kindern (Review Jacobs et al. zu den eigenen Studien Jacobs 1993, 1994, 2000),
  • individualisierte homöopathischer Behandlung von Ohrenentzündung (Otitis Media) bei Kindern (Jacobs 2001 in: Review Mathie 2012),
  • Einsatz des homöopathischen Mittels Galphimia glauca (Kleiner Goldregen) gegen Heuschnupfen (Wiesenauer 1983, 1996 als eigenes Review und in Linde 1997, NHMRC 2015 und Mathie 2012),
  • Einsatz von Pollen C30 als isopathisches („gleiches“, nicht „ähnliches“) Mittel gegen Heuschnupfen (Reilly 1986, seit 30 Jahren offenbar nie repliziert),
  • Einsatz des homöopathischen Mittels Oscillococcinum zur Behandlung von „Grippe“ (Ferley und Papp in: Cochrane-Review von Mathie 2012; die Arbeit zeigt, dass es sich nicht um Influenza, sondern um grippale Infekte handelt),
  • Einsatz des homöopathischen Komplexmittels Vertigoheel gegen Schwindel (Weiser 1998 und Issing 2004 in: Review Schneider et al. 2005). Nach Herstellerangaben handelt es sich um ein Mittel, das den Lehren der sog. Homotoxologie folgt und damit mit der Hahnemannschen Homöopathie eigentlich unvereinbar ist.

Was ist davon zu halten, wenn man die oben erläuterten wissenschaftlichen Maßstäbe anlegt?

Die meisten dieser Studien sind bereits in verschiedenen Reviews – auch in solchen von homöopathischer Seite – als qualitativ mittelmäßig bis schlecht eingestuft worden. Eine genaue Analyse, die auf dem Originalartikel beim Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ eingesehen werden kann und die auch in der englischen Version dieses Artikels enthalten ist, ergibt, dass allenfalls bei einem einzigen der vom HRI angegebenen Beispiele eine qualitativ gute Studie positive Effekte zugunsten der Homöopathie ergeben hat. Und das ist ausgerechnet die seit 1986 niemals replizierte Studie.

Bei der Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsbilder, für die Studien zur Homöopathie vorliegen (z.B. sind in der CORE-Datenbank der Carstens-Stiftung hunderte Indikationen aufgeführt) ist es wegen der statistischen Wahrscheinlichkeit für ein falsch-positives Ergebnis (5 Prozent) ohnehin zu erwarten, dass ein paar wenige Studien auftauchen, die bei guter Qualität zu einem positiven Resultat geführt haben. Insofern ist die eine Arbeit von Reilly allenfalls die Ausnahme, die die Regel bestätigt – selbst dies wird noch geschwächt durch die seit Jahrzehnten ausbleibende Replikation (die es möglicherweise sogar gegeben hat – und die wegen des Ergebnisses vielleicht nie veröffentlicht wurde).

Klinische Relevanz – der konkrete Vorteil für den Patienten

Bekanntlich stellt die Homöopathie einen recht hohen Anspruch bezüglich ihrer Wirksamkeit auf:

„Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel kann schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft die Symptome auch schwerer, akuter und chronischer Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a. deutlich lindern – bis hin zur Beschwerdefreiheit. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur.“ 1)

Dies schreibt immerhin die Vorsitzende des Zentralvereins homöopathischer Ärzte auf ihrer Praxishomepage. Hiernach darf der Patient, der sich für eine homöopathische Therapie entscheidet, erwarten, dass sich sein Befinden durchgreifend verbessert, und zwar entscheidend stärker bessert, als wenn er gar nichts unternommen hätte. Es müsste sich also nicht nur ergeben, dass man in den Studien mit statistischen Methoden eine Wirkung von einer Nicht-Behandlung unterscheiden kann, sondern dieser Unterschied müsste auch klinisch relevant sein, das heißt, für den Patienten einen deutlich bemerkbaren Vorteil (Nutzen) ergeben. Das setzt voraus, dass die Studie sich auch konkret auf ein Merkmal bezieht, das aus Patientensicht so sehr von Bedeutung ist, dass sich für diesen daran Erfolg von Misserfolg unterscheiden lässt – sowohl qualitativ (bedeutsam) als auch quantitativ (fühlbar). Unabhängig von der Beurteilung der Evidenz der vom HRI benannten Studien – also deren Glaubwürdigkeit – sei kurz beleuchtet, was die Studien, die die Homöopathie mit Placebo vergleichen, eigentlich aussagen:

Selbst wenn man die mangelnde Belastbarkeit der Studien im Sinne fehlender Evidenz ignoriert und alleine die Ergebnisse betrachtet, dann ist die Behauptung, dass die Homöopathie hier schnell eine durchgreifende Verbesserung der Situation erzielen kann, in den vom HRI benannten Arbeiten nicht ableitbar. Auch hier käme allenfalls eine Studie nach ihrem Einzelergebnis (Galphimia glauca) in Frage, aber um dieses Ergebnis nachvollziehen zu können, fehlen wichtige Daten.

Quintessenz:

Die vom HRI als „gute Studien“ präsentierten Arbeiten, also offenbar aus dessen Sicht eine hochqualitative Auswahl aus der Gesamtzahl der Studien, erfüllen diesen Anspruch bei Weitem nicht. Es dominieren Studien, die in bereits vorliegenden Reviews zur Homöopathie als von unzureichender Qualität beurteilt wurden. Es könnte im Rahmen der vom HRI genannten Arbeiten allenfalls eine Indikation geben, bei der sich ein positives Ergebnis als Hinweis für eine mögliche Evidenz zeigt – diese Arbeit (isopathische – nicht homöopathische! – Behandlung mit homöopathisch zubereiteten Pollen C30 bei Heuschnupfen) ist aber seit nunmehr dreißig Jahren nicht repliziert worden. Außerdem ist es zu erwarten, dass selbst gute Studien infolge des stets vorhandenen Risikos eines falsch-positiven Ergebnisses („Alpha-Fehler“) gelegentlich zu positiven Ergebnissen kommen.

Die aufgetretenen Effekte hingegen sind gering und untermauern den Anspruch der Homöopathie, eine durchgreifend wirksame Therapie zu sein und dem Patienten einen fühlbaren Vorteil zu verschaffen, also eine „klinische Relevanz“ zu haben, in keiner Weise.

Das Argument II des HRI gegen die Homöopathiekritik („Die Aussage der Kritiker, es gebe keine belastbare Evidenz dafür, dass die Homöopathie bei irgendeinem Krankheitsbild eine über Placebo hinausgehende Wirksamkeit aufweist, ist falsch“) –  ist somit entkräftet.


Eine ausführlichere Version dieses Beitrages (Originalbeitrag) finden Sie auf dem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ von Dr. Norbert Aust (Link), eine weiter zusammenfassende Version auf der INH-Webseite „Susannchen braucht keine Globuli“ (Link).


1) (http://www.arztpraxis-bajic.de/leistungen/homoeopathie/ – abgerufen 25.11.2017)

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In dieser Reihe erschien bisher:

Teil I – Wissenschaftliche Nachweise

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Die Kritik an der Homöopathiekritik – Teil III: „Wissenschaftler sagen, Homöopathie ist nicht möglich“

Im dritten Teil unserer Antwortserie zur „Kritik an der Homöopathiekritik“ zu den Statements auf der Webseite des Homeopathy Research Institute geht es um das richtige Verständnis dessen, was Wissenschaftler zur Homöopathie sagen. Das HRI formuliert knapp, dass „Wissenschaftler sagen, Homöopathie ist nicht möglich“. [1] Stimmt das?

Wir bezweifeln, dass es eine Quelle für eine solche Aussage gibt. Kein ernstzunehmender Wissenschaftler würde so von einer „Unmöglichkeit“ sprechen. Dies wäre nämlich der vergebliche Versuch des Beweises der Nichtexistenz von etwas. Was Wissenschaftler tatsächlich sagen, ist Folgendes:

  • [Wir schließen aus unseren Untersuchungen,] dass die Behauptungen zur Homöopathie unplausibel sind und im Widerspruch zu den etablierten wissenschaftlichen Grundlagen stehen.
  • Wir erkennen an, dass bei einzelnen Patienten ein Placebo-Effekt auftreten kann, aber wir stimmen früheren ausführlichen Untersuchungen zu und schließen daraus, dass keine Krankheiten bekannt sind, für die es robuste und replizierbare Nachweise gäbe, dass die Homöopathie über diesen Placebo-Effekt hinaus wirksam sei. [2]

Das Wort „unmöglich“ kommt nicht vor. Dafür beinhaltet aber diese Aussage, dass die Homöopathie sehr vielem widerspricht, was wir aus Wissenschaft, Technik und dem täglichen Leben über die Funktionsweise von Naturvorgängen wissen. Das ist der Abgleich der Behauptungen der Homöopathie mit dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis und mit der erkennbaren Realität. Mehr kann und will die Wissenschaft darüber gar nicht aussagen.

Das öffnet aber keineswegs Tür und Tor für Spekulationen im Sinne von „alles ist möglich“ oder „die Wissenschaft ist noch nicht so weit“. Nicht jede Position ist „gleichberechtigt“, das wäre das Gegenteil von Wissenschaft, nämlich ein kritikloser Pluralismus, der eine Eintrittspforte für jede Form von Beliebigkeit darstellen würde. Die Bedeutung („Richtigkeit“) einer Position hängt auch davon ab, inwieweit sie von anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen gestützt wird und inwieweit sie sich in der Realität, ob technische Anwendung oder Alltagserfahrung, bewährt. Bewährung gegen Behauptung – das ist kein Postulat von „Unmöglichkeit“, aber eine starke plausible Position und erst recht kein Grund für Beliebigkeit und Spekulation.

Und weshalb ist die Homöopathie in diesem Sinne unplausibel?

Die Homöopathie ist voller innerer Widersprüche. Außerdem gibt es keine auch nur halbwegs plausible Erklärung eines Wirkungsmechanismus, die nicht im (äußeren) Widerspruch zu bewährtem Wissen stünde.

All dies zu behandeln, sprengt den Rahmen eines Übersichtsartikels. Diese Webseite führt in vielen Beiträgen eine ganze Reihe solcher Sachverhalte auf. Deshalb hier nur etwas Grundlegendes:

– Innerer Widerspruch „Ähnlichkeitsprinzip“:

Die Homöopathie erhebt den Anspruch, mit Mitteln Beschwerden zu „heilen“, die genau diese Beschwerden bei einem Gesunden hervorrufen (Ähnlichkeits- oder Simileprinzip). Nach Hahnemanns Vorschrift soll die dem Mittel spezifische Wirkung mit der „Arzneimittelprüfung am Gesunden“ festgestellt werden, also durch „Auslösung“ der Symptome, die beim Kranken entsprechend behandelt werden sollen.

Logisch gedacht, müsste dies zu einer enormen Gefährlichkeit homöopathischer Mittel führen. Bei einer „falschen“, also nicht richtig zum Symptombild des Kranken passenden Mittelgabe würde das Mittel demgemäß ja nicht auf eine Erkrankung „treffen“, die es „heilt“, sondern vielmehr den Probanden aus seiner spezifischen Sicht als „Gesunden“ ansehen und bei ihm Krankheitssymptome auslösen. Da die Homöopathen es als selbstverständlich ansehen, nicht immer gleich das „richtige“ spezifische Mittel zu finden, müsste das in sehr vielen Fällen so sein. Nach der homöopathischen Logik muss also jede Mittelgabe eine „Wirkung“ auf den Probanden  wie auf den Patienten haben, woraus sich wiederum wichtige Folgerungen ergeben.

Von „nebenwirkungsfrei“ könnte also keine Rede sein, träfe das Ähnlichkeitsprinzip zu. Vielmehr würde der homöopathischen Therapie ein Risiko innewohnen, das wohl kaum ein Therapeut ohne Weiteres auf sich nehmen würde. Man bedenke, dass die Homöopathen den Anspruch erheben, auch schwere und chronische Krankheiten erfolgreich behandeln zu können!

Ist das Prinzip der Arzneimittelprüfung richtig, hantieren die Homöopathen mit hochgefährlichen Mitteln, deren Wirkung beim konkreten Patienten letztlich unvorhersehbar ist. Das Risiko wäre nur tragbar, wenn vollständig sichergestellt ist, dass das ausgewählte Mittel auf das Symtombild des Patienten exakt passt (was wir angesichts der Unüberschaubarkeit der homöopatischen Symptom- und Mittelverzeichnisse für nahezu ausgeschlossen halten). Ist das Prinzip falsch, sind auch die Mittel unwirksam und damit die homöopathische Lehre einer „Säule“ beraubt. Eines ist so fatal wie das andere.

– Äußerer Widerspruch „Potenzierung“:

Die Homöopathie behauptet, dass die Wirksamkeit eines Ausgangsstoffes durch schrittweises Verdünnen und Schütteln verstärkt wird („Potenzierung“). Schon hierfür kann sie kein sinnvolles und widerspruchsfreies Erklärungsmodell anbieten. In der Folge würde es zusätzlich noch Erklärungen dazu bedürfen, wie sich die „Wirksamkeit“ aus dem endgültigen Mittel, das nichts vom Ausgangsstoff mehr enthält, auf den Patienten überträgt und woher das Mittel „weiß“, ob der Konsument krank ist oder nicht (ob es „heilen“ oder „Symptome hervorrufen“ soll).

Nur einmal angenommen – damit aber keineswegs zugegeben-, diese Umstände seien erklärbar. Dann wäre aber immer noch offen, warum außerhalb der Homöopathie unter den gleichen Bedingungen bei ähnlichen Prozessen in Alltag und Technik diese Effekte nicht auftreten.

Verdünnen ist ebenso ein im Alltagsleben wie in der anwendenden Technik ständig vorkommender Vorgang. Er dient dazu, die Wirksamkeit eines Stoffes in einer Lösung herabzusetzen. Beispiele sind die Aufbereitung von Trinkwasser, die Sterilisation von Wasser für medizinische Zwecke, die Herstellung von entkoffeiniertem Kaffee, alkoholfreiem Bier, entrahmter Milch etc. Beim Verdünnen ist zudem – mit dem Ziel einer gleichmäßigen Verteilung der Ausgangssubstanz in der Lösung – Schütteln oder Rühren eine verbreitete alltägliche Nebenerscheinung, die z.B. in jedem Bach oder Fluss pausenlog geschieht. Nie ist aufgefallen, dass dabei der Effekt der Verdünnung ganz oder teilweise aufgehoben oder gar umgekehrt worden wäre.

Genau dies müsste aber nach der homöopathischen Lehre geschehen. Schließlich schafft man es angeblich in der Homöopathie mit nur zehn Schüttelschlägen, nicht nur die Wirksamkeit auf die 99-fache Menge Lösungsmittel zu übertragen, sondern sie dabei auch noch – enorm – zu verstärken. Und was ist mit den unvermeidlichen Verunreinigungen der Lösungsmittel? Woher „wissen“ diese, dass sie bei dieser Wirkungszunahme nicht „mitmachen“ sollen?

–  Was folgt nun daraus?

Eine „Unmöglichkeit“ von irgendetwas zu postulieren, ist weder wissenschaftlich redlich noch erforderlich.  Angezeigt ist, sich zu fragen, welche Konsequenzen es für das aktuelle bewährte naturwissenschaftliche Wissen hätte, gäbe es eine Erklärung für die behauptete Wirkungsweise der Homöopathie (Prüfkriterium der Widerspruchsfreiheit). Selbst dann bliebe noch offen, wie das Nichteintreten dieser Effekte außerhalb des homöopathischen Umfeldes erklärt werden könnte.

Wenn man sich die Konsequenzen vor Augen hält, die mit einem solchen Erklärungsmodell verbunden wären, muss man sich klarmachen, dass es dabei nicht um die Revision von „Kleinigkeiten“ ginge. Der Physiker Martin Lambeck hat einmal aufgezeigt, wieviele Nobelpreise fällig wären, wenn die Aussagen der Homöopathie tatsächlich wissenschaftlich nachgewiesen würden – dies sind geschätzt derzeit etwa 90! Das wäre schon so etwas wie eine Komplettrevision des derzeitigen wissenschaftlichen Weltbildes.

Was Wissenschaftler wirklich sagen

Seitens der Homöopathie werden gerne Wissenschaftler als Kronzeugen für ihre Wirksamkeitsbehauptung herangezogen. Prüft man die dabei zitierten Aussagen, fällt allzu oft ins Auge, dass diese Zitate sinnentstellend oder unvollständig sind. So kommt es auch immer wieder zu ausdrücklichen Distanzierungen von Wissenschaftlern von ihrer „Vereinnahmung“ durch die Homöopathie, beispielsweise im Falle des Quantenphysikers Prof. Anton Zeilinger, der sich ausdrücklich dagegen verwahrte, dass seine Arbeiten zur „quantenphysikalischen“ Rechtfertigung homöopathischer Behauptungen herangezogen wurden. [3]

Ein Beispiel, wie sich ohnehin umstrittene wissenschaftliche Arbeiten dann auch noch mit solchen unvollständig-sinnentstellenden Zitaten mischen, ist das des Virologen Luc Montagnier. Dieser Forscher wurde 2008 für seine Arbeiten zum Aids-Virus mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. In einer von ihm veröffentlichten  – hoch umstrittenen – Arbeit fand er, dass die DNA mancher Bakterien elektromagnetische Wellen abstrahlen würden – und diese in der Lösung auch noch feststellbar seien, wenn man die Bakterien abfiltriert und die Lösung weiter verdünnt. [4] Das HRI zitiert aus einem Interview der Zeitschrift Science mit dem Wissenschaftler [5] – aber eben verkürzt und dadurch sinnentstellend. Vollständig lautet die Passage (der vom HRI zitierte Auszug ist hervorgehoben):

F: Denken Sie auch, dass etwas für die Homöopathie spricht?
L.M.: Ich kann nicht sagen, dass die Homöopathie in allem Recht hätte. Was ich jetzt sagen kann, ist, dass die starken Verdünnungen richtig sind. Starke Verdünnungen von etwas sind nicht Nichts. Sie sind Wasserstrukturen, die die originalen Moleküle nachahmen. Wir haben herausgefunden, dass wir mit DNA nicht mit den extrem starken Verdünnungen arbeiten können wie in der Homöopathie gebräuchlich. Wir kommen nicht weiter als bis zu einer Verdünnung von 1:1018, oder wir verlieren das Signal. Aber sogar bei 1:10
18 kann man ausrechnen, dass kein einziges DNA-Molekül mehr übrig ist, und doch erhalten wir ein Signal.

Dies versuchte das HRI als „wissenschaftlichen Beweis“ bzw. „eine wissenschaftliche Grundlage für die Homöopathie“ zu propagieren. Den zitierten Satz hat Montagnier zwar tatsächlich gesagt, aber praktisch gleichzeitig die Distanz seiner Ergebnisse zur Homöopathie betont. Hätte das HRI wirklich die Absicht gehabt, seine Leser über den wahren Hintergrund von Montagniers Arbeit zu informieren, dann hätte es weitaus mehr erklären müssen. Beispielsweise, dass die Verdünnungsgrade in den Versuchen weit unterhalb der in der Homöopathie verwendeten Hochpotenzen lagen und der Effekt nur kurzfristig (nicht länger als 48 Stunden) nachweisbar war – und mehr. Dann allerdings wäre für den Leser offensichtlich gewesen, dass da nichts ist, was die Homöopathie hätte stützen können.

Details zur Auseinandersetzung um Montagnier und die Homöopathie finden sich hier und hier.

Der wissenschaftliche Wandel – ein „Argument“?

Als „Argument“ gegen eine angebliche „Unmöglichkeit“ wird auch immer wieder (so auch vom HRI) ins Feld geführt, dass die Wissenschaft einem beständigen Wandel unterworfen sei. Dies allerdings in der Form von

„Was das wissenschaftliche Establishment zu einem Zeitpunkt für unmöglich hält, ist zu einem späteren Zeitpunkt eine bewiesene Tatsache“.

Diese Aussage suggeriert ein völlig falsches Wissenschaftsverständnis.

Tatsache ist, dass sich die Wissenschaft ständig weiterentwickelt und ein immer besseres und umfassenderes Verständnis von den Vorgängen in der Natur erarbeitet. Das tut sie insbesondere durch das Finden von Fehlern und Unzulänglichkeiten des jeweils aktuellen Kenntnisstands, durch das allmähliche Hinausschieben der Grenzen des Wissens durch das Verbessern des Unzureichenden und das Ersetzen von Falschem durch Richtig(er)es. Sie schafft sozusagen „hinter sich“ ein gesichertes Gebäude, das nicht unantastbar ist durch neue Erkenntnisse, das aber zunehmend an Sicherheit und Annäherung an die „Wirklichkeit“ gewinnt. Ein „alles ist möglich“ kennt die Wissenschaft deshalb auch nicht.

Zudem gibt es Naturgesetze, die weder beeinflussbar sind noch durch etwas anderes ersetzt werden können. Diese Naturgesetze sind die absolute Barriere für Spekulationen auf „alles ist möglich“ und „die Wissenschaft kann noch nicht…“. Perpetua mobilia sind unmöglich und werden es bleiben, ebenfalls Geschwindigkeiten oberhalb der Lichtgeschwindigkeit und manches andere.

Weit eher als die Spekulation, alles sei womöglich irgendwann später einmal eine „bewiesene Tatsache“, trifft ein Zitat des Schweizer Arztes und Forschers Wilhelm Löffler zu: „Fast alle Irrtümer der Medizin, die im Volksglauben weiterleben, waren einst wissenschaftlich akzeptierte Theorien“.

Fazit

Auch wenn unser Wissen über die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge der Welt bei Weitem noch nicht vollständig ist, ist es doch in hohem Grade unwahrscheinlich, dass eines Tages eine arzneiliche Wirksamkeit homöopathischer Präparate erklärbar wird. Der Widerspruch der homöopathischen Lehre zu dem im alltäglichen Leben, in Wissenschaft und Technik gesicherten Wissen ist zu groß. Deshalb ist es ja mit Erklärungsmodellen für die Homöopathie nicht einmal getan: Es müsste zudem noch erklärt werden, warum die Effekte bei ähnlichen Vorgängen außerhalb der Homöopathie nicht auftreten – und das auch noch insgesamt widerspruchsfrei. Was bedeutet, das für große Teile von Physik, Biologie und Chemie komplett neue in sich widerspruchsfreie Erklärungsmodelle vorgelegt werden müssen (der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn forderte für einen solchen Fall  ausdrücklich den Ersatz des alten Paradigmas „inklusive zentraler Begriffe“).

Das ist so unwahrscheinlich, dass es als faktische Unmöglichkeit angesehen werden kann – etwa vergleichbar mit der Wahrscheinlichkeit, in einem Fläschchen einer C200-Potenz ein Atom/Molekül der Urtinktur wiederzufinden. 1:10380 (die Verdünnung einer C200-Potenz) ist als Zahl nicht identisch Null – aber für alle Belange des praktischen Lebens mit Sicherheit gering genug, um mit Null gleichgesetzt zu werden.


Referenzen:

[1] HRI FAQ (https://www.hri-research.org/de/homeopathy-faqs/scientists-say-homeopathy-is-impossible/)

[2] EASAC-Positionspapier (http://www.easac.eu/fileadmin/PDF_s/reports_statements/EASAC_Homepathy_statement_web_final.pdf)

[3] http://www.sueddeutsche.de/wissen/umstrittenes-heilverfahren-homoeopathie-missbrauchte-studien-1.1267699

[4] http://gnusha.org/~nmz787/biological%20radio%20research/LucMontaigner2009.pdf

[5] Newsmaker Interview ‚French Nobelist Escapes ‚intellectual Terror‘ to Persue Radical Ideas in China‘, Science 330 (2010) p. 1732


Eine ausführliche Version dieses Beitrages erscheint auf dem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“, eine weitere Zusammenfassung auf der INH-Webseite „Susannchen braucht keine Globuli“.

In der Reihe „Zur Kritik an unserer Homöopathiekritik“ erschienen außerdem:

Teil I: Wissenschaftliche Nachweise

Teil II: „Positive Studien fehlen“

Teil IV: „Das sind nur Zuckerkügelchen

Grundsätzliches zur naturwissenschaftlichen Erkenntnisfähigkeit:
Was bedeutet schon „bewiesen


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Die Kritik an der Homöopathiekritik – Teil IV: „Das sind nur Zuckerkügelchen!“

„Da ist nichts drin – Das sind nur Zuckerkügelchen!“

… lautet die nächste These aus der Homöopathiekritik, der das Homeopathy Research Institute den vierten Teil seiner dreizehnteiligen Serie widmet, um sie zu widerlegen. Das HRI bezieht sich dabei auf die angeblichen Belege aus der „Grundlagenforschung zur Homöopathie“ dafür, dass Globuli eben „mehr“ seien als „Zuckerkugeln“.

Um das Fazit vorwegzunehmen – die Globuli sind und bleiben in der Tat bei genauer Betrachtung Zuckerkügelchen. Es ist zwar korrekter, zu formulieren, dass in den Globuli „nichts Wirksames“ enthalten ist, im Folgenden wird aber dargelegt, dass die Bezeichnung „Zuckerkugeln“ gleichwohl den Kern der Sache trifft.

„Laborexperimente haben nachgewiesen, dass homöopathische Mittel nicht nur Zuckerkügelchen sind.“

… dies teilt uns das HRI mit. Aber was sind sie denn nun stattdessen – und vor allem, was hat das mit irgendeinem Nachweis der Gültigkeit der Homöopathie zu tun? Was ist denn eigentlich die Aussage, wenn uns das HRI sinngemäß mitteilt: „Die Versuchsergebnisse zeigen, dass Homöopathika kein reines Wasser bzw. reiner Zucker sein können. Weil das ganz offensichtlich so ist, ist eine Wirksamkeit der Homöopathika möglich.“ Das ist ein logischer Zirkelschluss, aber kein Beweis.

Damit kann erst einmal festgehalten werden: Der Versuch, physikalisch-chemische Veränderungen in Hochpotenzen auf irgendeine Art nachweisen zu wollen, hat mit der Frage eines Nachweises der Richtigkeit von Hahnemanns Homöopathie unabhängig von etwaigen Ergebnissen gar nichts zu tun – hauptsächlich deswegen, weil eine Vorstellung davon, wie dies denn nun mit einer arzneilichen Wirkung der Homöopathie kausal zusammenhängen soll, komplett fehlt. So etwas ist vielmehr ein scheinrationaler Rettungsversuch des homöopathischen Gebäudes, nachdem das Konzept einer „geistigen Lebenskraft“ in einem wissenschaftlichen Kontext nicht mehr vermittelbar ist – zu Recht.

Hinzu kommt: Die zitierten Arbeiten halten einer kritischen Betrachtung weder bei der Interpretation der Ergebnisse noch hinsichtlich des Designs und der Durchführung stand. Sie sind entweder sehr umstritten (Antikörper auf weiße Blutkörperchen, offenbar handelt es sich hier um die bekannte Arbeit von Benveniste [1] – Stichwort Wassergedächtnis [2]) oder sind nur von sehr kleiner Effektstärke und widersprechen sogar eigentlich der homöopathischen Lehre (Endler); näheres zu Letzterem enthält der ausführliche Artikel zum Thema auf Dr. Norberts Austs Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“.[3] [4] Dass diese beiden Arbeiten vom HRI als die Spitzenergebnisse in Sachen Homöopathie-Grundlagenforschung präsentiert werden, spricht schon für sich.

Wie weit weg die homöopathische Grundlagenforschung und die Apologie des HRI auch in einem anderen Punkt von der Homöopathie entfernt sind, zeigt der nachfolgende Exkurs:

Geistige Arzneimittelkraft oder materieller Wirkungsnachweis?

Man sollte sich auch darüber klar sein, dass Hahnemanns geschlossenes Konzept der Homöopathie sich gar nicht mit der Suche nach oder dem Nachweis einer „materiellen“, also mit physikalisch-chemischen Methoden erfassbaren Effekten in Hochpotenzmitteln vereinbaren lässt. Hahnemann konstituierte als tragende Säule seiner Homöopathie die „geistige Lebenskraft“ (vis vitalis) und als Gegenstück die „geistige Arzneikraft“ im Heilmittel.

Von schädlichen Einwirkungen auf den gesunden Organism, durch die feindlichen Potenzen […] kann unsere Lebenskraft als geistartige Dynamis nicht anders denn auf geistartige (dynamische) Weise ergriffen und afficirt werden und alle solche krankhafte Verstimmungen (die Krankheiten) können auch durch den Heilkünstler nicht anders von ihr entfernt werden, als durch geistartige (dynamische, virtuelle) Umstimmungskräfte der dienlichen Arzneien auf unsere geistartige Lebenskraft […]. Demnach können Heil-Arzneien, nur durch dynamische Wirkung auf das Lebensprincip, Gesundheit und Lebens-Harmonie wieder herstellen.“ (Hahnemann, Organon der Heilkunst, § 16)

Vehement verurteilte er die „Atomisten“ und „Materialisten“, die schon zu seiner Zeit darauf bestanden, dass ein Wirkungsmechanismus nur dann angenommen werden könne, wenn er auf materiellen Wechselwirkungen beruht. Den „Beweis“ für sein Konzept einer eben nicht materiell wirkenden Arzneikraft glaubte er in der Anwendung des Magnetismus als homöopathischem Mittel gefunden zu haben (er behandelt dies ausführlich in der 6. Auflage seines „Organon“). Was nun mit der vom HRI ins Feld geführten Forschung zu materiell nachweis- und messbaren Effekten von Hochpotenzen so gar nicht übereinstimmen will:

Wie wollen sie endlich mit ihren atomistischen, materiellen Begriffen von den Wirkungen der Arzneien reimen, daß ein gut zubereiteter magnetischer Stahlstab, […], so eine gewaltige Umstimmung unseres Befindens erzeugen könne, daß wir heftige krankhafte Beschwerden davon erleiden, oder, was eben so viel, daß ein Magnetstab die heftigsten Übel, denen er als Arznei angemessen ist, schnell und dauerhaft heilen könne, selbst auf obige Art verdeckt, dem Körper genähert, selbst nur auf kurze Zeit genähert? Atomist! dich für weise in deiner Beschränktheit dünkender Atomist! sage an, welcher wägbare Magnettheil drang da in den Körper, um jene, oft ungeheuern Veränderungen in seinem Befinden zu veranstalten? Ist ein Centilliontel eines Grans (ein Gran-Bruch, welcher 600 Ziffern zum Nenner hat) nicht noch unendlich zu schwer für den ganz unwägbaren Theil, für die Art Geist, der aus dem Magnetstabe in diesen lebenden Körper einfloss?“ (Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, 2. Auflage, II. Teil, S. 212).

Mehr als Verdünnen?

Die doch sehr „materialistische“ Sicht der „Grundlagenforschung“ wird gern als „Fortschrittlichkeit“ oder „Weiterentwicklung“ dargestellt. Dass dies untaugliche Rationalisierungsversuche sind, zeigt sich jedoch an anderer Stelle deutlich: Am Hahnemannschen Dogma, dass die Verschüttelung eine „Information“ (die „geistartige Arzneikraft“) auf das Lösungsmittel übertrage und insofern mehr darstelle als eine zunehmende Verdünnung der Ursubstanz (bis zu dem Punkt, bis nur noch Lösungsmittel mit Lösungsmittel verschüttelt wird) halten die Homöopathen unbeirrt fest. Zitat HRI:

„Welche physikalisch-chemischen Veränderungen das Verschütteln genau hervorruft, und wie diese es dem Wasser ermöglichen, die Information der darin verdünnten Stoffe aufzunehmen, sind die großen Fragen, die die Forscher zu beantworten suchen.“

Es ist wohl mehr so, dass hier keine Antwort gefunden werden kann, weil von falschen und unsinnigen Fragen ausgegangen wird. Richtig wäre zu fragen, ob es solche Phänomene gibt, erst dann macht es überhaupt Sinn, nach dem Wie zu fragen. So aber steckt in dieser Frage bereits die Prämisse, die unbelegte Vorannahme, dass es tatsächlich Wirkungen in Hochpotenz-Verdünnungen („Möglichkeit des Wassers, Informationen über darin verdünnte Stoffe aufzunehmen“) gibt, die „nur noch“ der Erforschung bedürften.

Dies ist die unzulässige Argumentation mit der „falschen Prämisse“, die man in eine Diskussion als gegeben „einschmuggelt“, um eine darauf aufbauende Scheindebatte führen zu können. Die hier in Rede stehende Prämisse, dass das Wasser zur Aufnahme von Informationen per homöopathischer Potenzierung fähig sei, ist unbewiesen, es gibt dafür keine Belege, nicht einmal eine Plausibilität. Damit ist eine darauf aufbauende Argumentation von vornherein nicht stichhaltig. Sehr wohl aber gibt es dagegen die ständig in Alltag und Technik bewährten physikalisch-chemischen Grundlagen, die uns sagen, dass eine Verdünnung eine Verdünnung ist und bleibt und nicht zu einer ominösen „Informationsübertragung“ mutiert, weil eine homöopathische Ursubstanz im Spiel ist. Ein spezifischer Effekt, der „Informationen“, „Schwingungen“, „Frequenzen“ oder „Energien“ auf das Wasser übertragen könnte, ist nicht bekannt. [5]

Insofern muss man den Hinweis des HRI auf das Bemühen der „Forscher“ als rhetorisch-argumentativen Trick ansehen, mit dem der Debatte eine unbewiesene und unplausible Prämisse untergeschoben wird.

In der Praxis – wovon reden wir überhaupt?

Man sollte sich neben diesen grundsätzlichen Überlegungen ruhig einmal vergegenwärtigen, was eigentlich die realen Größenordnungen sind, in denen sich der Versuch der homöopathischen Grundlagenforschung bewegt, spezifische Effekte nachzuweisen. Auch wer mit dem System der homöopathischen Potenzierung vertraut ist, dürfte überrascht sein, wenn man die Sache einmal unter der praktischen Fragestellung betrachtet, welche Produktmengen mit welcher Potenzierung hergestellt werden können.

Beim Potenzieren nimmt die Konzentration des Arzneistoffes rapide ab. Wie schon erwähnt, weisen selbst Niederpotenzen Wirkstoffkonzentrationen auf, die für physiologische Reaktionen durchweg nicht ausreichen. Schon eine Niederpotenz von D6 enthält mehr unvermeidbare Verunreinigungen des Trägerstoffs (selbst in der höchsten verfügbaren Reinheitsstufe) als Ursubstanz. 100 kg D6-Globuli (Reinheit 99,6 %) enthalten 400 g zufällige Verunreinigungen und 0,001 g (!) Urtinktur-Wirkstoff.

Das Bild zeigt einen 20-Tonnen-SattelschlepperRechnen wir mit einem einfachen Dreisatz weiter. Aus einem Gramm Urtinktur kann man 100 Tonnen Globuli D6 herstellen. Man braucht fünf Sattelschlepper mit je 20 to Tragkraft, um diese Menge zu transportieren:

Das Bild zeigt einen 1.250-Tonnen-Seefrachter der Panamax-StandardklasseBei D12 entstehen aus einem Gramm Urtinktur so viele Globuli, dass 1.250 Schüttgutfrachter der PANAMAX Klasse (mit je 80.000 to Kapazität) diese so gerade eben aufladen können –  alle zusammen mit einem Wirkstoffgehalt, der einem Drittel eines Stückes Würfelzucker entspricht.

Und da sind wir noch längst nicht bei dem angekommen, was die Homöopathen im eigentlichen Sinne als „Hochpotenzen“ bezeichnen, gemeinhin sind damit die Potenzierungen ab C30 gemeint.

Fazit

In der Tat – die Globuli ab D6 sind reiner Zucker, in dem Sinne, als dass die stets auftretenden Verunreinigungen im Material weitaus höher sind als der Gehalt an dem, was als homöopathisch spezifische Substanz vorhanden sein soll.  Dies gilt bereits bei Potenzen weit unterhalb des Bereichs, der von der Homöopathie als Hochpotenz bezeichnet wird.

Keine Grundlagenforschung zur Homöopathie hat bisher ein Ergebnis geliefert, das diesen Standpunkt widerlegt. Selbst wenn man die vorgelegten Ergebnisse als korrekt ansehen würde, stellen diese keine Grundlage dafür dar, eine Wirksamkeit oder einen Wirkungsmechanismus der Homöopathie zu belegen – es fehlt an einer auch nur plausiblen Kausalitätsvorstellung.

Mehr als 20 Jahre intensiver Forschung in mehreren Einrichtungen, mit dem ausdrücklichen Ziel, die Homöopathie „beweisen“ zu wollen („Bestätigungsforschung“), – ohne dass bisher irgendetwas gefunden wurde, was irgendwie als Ursache für die angeblich durchgreifende Wirksamkeit der Homöopathika angesehen werden könnte? Das sollte man redlicherweise nicht noch positiv darstellen.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Benveniste

[2] Widerlegung in: Memory in water revisited, Nature (1994), Abstract: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8255290?dopt=Abstract

[3] http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2093

[4] http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2131

[5] Zu Verschüttelung / Potenzierung ausführlich in der Homöopedia: http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Schütteln


Ein detaillierter Artikel zu der hier besprochenen These des HRI ist auf dem Blog Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie von Dr. Norbert Aust erschienen.

Bisher erschienen beim INH in der Serie „Zur Kritik an der Homöopathiekritk“:

Teil I – Wissenschaftliche Nachweise

Teil II – „Positive Studien fehlen“

Teil III – „Wissenschaftler sagen, Homöopathie ist nicht möglich“


Bildnachweise:

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Wikimedia Commons, (C) CostaPPPR / (C) Konrad Kaufmann / (C) Daizotec, Hanoi, Vietnam

Studie deckt auf: Mit Alternativmedizin sterben viele Krebspatienten früher als nötig!

Wirklich eine Alternative?

Wenn der Arzt einem mit ernster Miene erklärt, dass er eine Krebserkrankung festgestellt hat, dann ist das für jeden Menschen ein einschneidendes Ereignis. Was ist jetzt zu tun? Konventionelle Behandlung, also je nach Ausprägung und Stadium der Erkrankung Chemotherapie, Bestrahlung, Operation oder Hormontherapie? Oder Alternativmedizin, sei es Homöopathie, Akupunktur, Ernährungsumstellung (Diätetik), noch andere Ansätze wie Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin, Elektro-Carcinom-Therapie, Pseudo-Naturheilverfahren wie Aprikosenkerntherapie, Edelsteintherapie oder Kaffeeeinläufe – oder womöglich vollkommen abseitige Methoden wie Auspendeln, Geistheilen, Reiki? Oder ist der Krebs gar nur die Folge unbewältigter Konflikte?
All dies und noch viel mehr wurde und wird von Krebspatienten in Anspruch genommen.

Wer sich mit einer Krebserkrankung einer konventionellen Therapie unterzieht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit länger leben als wenn er sich alternativmedizinisch behandeln lässt. Diese Schlussfolgerung ist aus einer Arbeit zu ziehen, die Forscher der Yale-University in New Haven (US-Bundesstaat Connecticut) jetzt veröffentlicht haben [1].

Skyler B. Johnson und seine Kollegen durchforsteten darin das US-amerikanische Krebsregister nach Patienten, die an Brust-, Prostata- Lungen- oder Darmkrebs erkrankt waren, also den am häufigsten vorkommenden Krebsarten, und – statt einer konventionellen Behandlung – sich einer „anderen unerprobten Krebstherapie unterzogen haben, die von nicht-medizinischem Personal ausgeführt wurde“,  also irgendeiner Form von Alternativmedizin den Vorzug gaben. Man fand 281 Patienten und suchte zum Vergleich dazu passend die doppelte Zahl an Patienten, die sich bei möglichst gleicher Diagnose und sonstigen Bedingungen (Alter, Geschlecht, Einkommen …) einer konventionellen Therapie unterzogen hatten. Nicht berücksichtigt wurden Patienten, deren Tumoren bereits Metastasen gebildet hatten, bei denen der Krebs das Endstadium erreicht hatte oder bei denen die Datenlage unklar war.

Die Ergebnisse sind für die Anhänger der Alternativmedizin ernüchternd, wie die folgende aus den Daten der Studie berechnete Grafik zeigt. Hier ist die Anzahl der Todesfälle in beiden Behandlungsgruppen aufgeführt, die Daten für die konventionell therapierten Patienten wurden ebenfalls auf 280 Anfangsteilnehmer umgerechnet. Blaue Punkte sollen jeweils 10 lebende Patienten darstellen, rote Punkte jeweils 10 Verstorbene:

Klar ersichtlich: Zu jedem Zeitpunkt ist die Anzahl der Todesfälle unter der Alternativtherapie etwa doppelt so hochwie bei den konventionell behandelten Menschen. Nach sieben Jahren waren unter der Alternativtherapie etwa die Hälfte der Patienten gestorben, unter der konventionellen Therapie nur gut ein Viertel. Je nach Krebsart war der Unterschied noch deutlicher ausgeprägt: Bei Brustkrebs war das Sterberisiko unter der alternativmedizinischen Therapie fünfmal, bei Darmkrebs viermal höher als bei konventioneller Behandlung.

Eine kleine, aber bedeutsame Nebenbetrachtung:

Versetzen wir uns in den Zeitpunkt nach Ablauf von sieben Jahren. Von den ursprünglich 280 alternativ behandelten Patienten sind noch 138 am Leben – allerdings bei den konventionell behandelten Patienten noch 67 mehr, nämlich 205. Wir können damit rechnen, dass die 138 Alternativpatienten wahrscheinlich Stein und Bein darauf schwören, dass die Alternativmedizin ihnen geholfen hat, dass sie glücklich sind, auf die „böse“ Schulmedizin verzichtet zu haben, überzeugt davon sind, dass sie nur so, ohne die Mordanschläge „der Pharma“, ihren Krebs haben besiegen können. Das kann man medienwirksam ausschlachten und auf den Praxisseiten der jeweiligen Therapeuten als Siegesmeldung posten.

Allerdings: von den 67 im Vergleich zur konventionellen Therapie zu früh Gestorbenen wird wohl keiner mehr seine Geschichte erzählen (können). Etwa wie es sich anfühlt, wenn man kurz vor Ende doch noch zu einem richtigen Arzt geht und man dann zu der Erkenntnis kommt, dass die Aussichten auf einige weitere Lebensjahre gar nicht schlecht gewesen wären, wenn man nur früher gekommen wäre. Da sich diese 67 namenlosen Patienten, deren zu früher Tod nur statistisch zu erfassen ist, oder ihre Hinterbliebenen nicht geschlossen in einer Talkshow präsentieren, wird man sie als bedauerliche Einzelfälle abtun können. Todesfälle kommen ja schließlich auch bei den konventionellen Therapien vor. Der zu frühe Tod dieser Menschen bleibt der Außenwelt weitgehend unbekannt.

Das Vertrauen auf Alternativmedizin hat hier bei 67 von 280 Menschen einen zu frühen Tod verursacht! Dabei wurde nicht notwendigerweise der Krankheitsverlauf negativ beeinflusst – aber weil den Patienten vorgegaukelt wurde, es gäbe eine wirkungsvolle Alternativmedizin, haben sie die offensichtlich wirkungsvollere konventionelle Behandlung nicht wahrgenommen. Dies zu der Frage „Wem schadet die Alternativmedizin?“.

Mehr noch: In die Zukunft geschaut und die Trends weiter in die Zukunft gerechnet, wird es weiter zu relativ mehr Todesfällen in der „alternativmedizinisch“ behandelten Gruppe kommen, durch die späten Auswirkungen einer nicht rechtzeitigen bzw. ganz unterbliebenen wirksamen Therapie. Rein rechnerisch würde das bedeuten, dass im 13. Jahr nach Therapiebeginn alle „alternativ“ therapierten Patienten verstorben sein werden, während dann gut die Hälfte – rund 140 – der konventionell Therapierten noch leben.

In diesem Zusammenhang erinnert man sich zwangsläufig an Steve Jobs, den legendären Apple-Chef, dem noch Zeit blieb, seinen Fehler des Vertrauens auf alternativmedizinische Behandlung zu erkennen – aber nicht mehr genug Zeit, diesen zu korrigieren. Sein Biograf berichtet, wie wichtig es Jobs noch gewesen sei, dies der Allgemeinheit mitzuteilen. Seinen Fehler erklärte Jobs mit dem Satz: „Ich denke, wenn man etwas einfach nicht wahrhaben will, nicht anerkennt, dass es existiert, dann kann man in „magisches Denken“ verfallen“. Kein Fehlen von Intelligenz, sondern ein Mangel an Rationalität.

Die Forscher konnten anhand der erfassten statistischen Daten zwar nicht zwischen den einzelnen alternativmedizinischen Therapien unterscheiden, allerdings kann man davon ausgehen, dass der Unterschied nicht bedeutend ist. Es ging ja allesamt um Verfahren, die sich insofern gleichen, als dass für sie keine Wirkungsnachweise vorliegen.

Bei der Übertragung der Ergebnisse auf die Gesamtheit aller Krebspatienten muss man vielleicht gewisse Einschränkungen machen, da einige wichtige Einflussgrößen nicht erfasst worden waren. Allerdings deuten die Gruppendaten eher in eine andere Richtung, indem die Patienten der Alternativtherapien eher jünger waren, wohlhabender, besser gebildet und auch weniger mit zusätzlichen Krankheiten belastet waren, sich allerdings auch in einem späteren Krebsstadium befanden. Es ist also vielleicht nicht immer so, dass von den Patienten der Alternativmedizin innerhalb von sieben Jahren fast ein Viertel zu früh stirbt, aber die Tendenz dürfte sich wohl kaum umkehren.

Eine Entscheidung für die Alternativmedizin bei einer vorliegenden Krebsdiagnose könnte sich also als ein großer Fehler erweisen.

Autor: Dr. Norbert Aust

Vielen Dank an Udo Endruscheit und Natalie Grams für ihre guten Beiträge.


[1] Johnson SB, Park HS, Gross CP, Yu JB: Use on Alternative Medicine for Cancer and its Impact on Survival; JNCI J Natl Cancer Inst (2018) 110(1): djx145, doi: 10.1093/jnci/djx145


Bildnachweis: Fotolia_99355604_XS

Offener Brief des INH und des Wissenschaftsrats der GWUP zur „Ringvorlesung Homöopathie“ der LMU München

In einer aktuellen Veröffentlichung bewirbt die Ludwig-Maximilians-Universität München eine Veranstaltungsreihe (Ringvorlesung) im Wintersemester 2016/17 zum Thema „Homöopathie: Von der Theorie zur Praxis – Mit Praxisbeispielen und Patientenvorstellungen“. Dabei handelt es sich, wie ein Blick in die Ankündigung zeigt, um eine Reihe von Vorträgen, die den „homöopathischen Ansatz“ bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern vorstellen will.

Wir halten es für verfehlt, durch eine solche Veranstaltung der homöopathischen Methode zu akademischem Ansehen zu verhelfen, nachdem dies eigentlich längst als obsolet angesehen werden müsste:

  • 1939: Die von August Bier, einem seinerzeit führenden Homöopathen, durchgesetzte Einrichtung einer homöopathischen Fakultät an der Universität Berlin wird rückgängig gemacht – ausdrücklich wegen „Ergebnislosigkeit“.
  • 1958: Die gleiche Universität wehrt sich mit deutlichen Worten gegen den Versuch, diesen Lehrstuhl wieder aufleben zu lassen.
  • 1992: Die medizinische Fakultät der Universität Marburg weist in einer deutlichen Erklärung jede Relevanz der Homöopathie für den Wissenschaftsbetrieb zurück und verwahrt sich gegen ministerielle Bemühungen, Homöopathie in die Lehre einzubeziehen.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als befremdlich, dass die LMU den Lobbyisten vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte eine Plattform bietet, zumal diese mit Lehre und Forschung, den Grundaufgaben jeder Universität, offenbar wenig bis nichts zu tun hat. Leider. Denn wir sind durchaus der Ansicht, dass richtig verstandene Lehre auch in Bezug auf die Homöopathie an einer Universität Platz finden könnte, ja sogar müsste.
Lehren! Das würde für die Homöopathie bedeuten, sie im medizinhistorischen Kontext zu vermitteln, ihre Widersprüchlichkeiten und Unverträglichkeiten mit naturgesetzlichen Gegebenheiten zu erörtern und den fehlenden Wirkungsnachweis und die sogenannte Grundlagenforschung zur Homöopathie vorzustellen und zu diskutieren. Das wäre im Hinblick darauf zu begrüßen, dass angehende Mediziner dann auch auf diesem Gebiet mit solidem Wissen und nicht mit einem Bündel von nicht hinterfragten Vorurteilen ins Berufsleben starten.

Davon ist in der Ankündigung der LMU allerdings nichts zu finden. Stattdessen besteht die Ringvorlesung aus einer Abfolge von Veranstaltungen, in denen die „homöopathischen Ansätze“ bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern präsentiert werden. Dabei reicht die Palette von einfachen selbstlimitierenden Erkrankungen wie Sinusitis bis hin zu schwersten Erkrankungen, sogar bis in den palliativmedizinischen Bereich. Die angekündigte Eingangsvorlesung „Geschichte und Philosophie der Medizin: Samuel Hahnemanns Begründung einer rationalen Heilkunde“ wird wohl auch kaum zu einer methodenkritischen Einführung in die nachfolgenden Vorlesungen gedacht sein. So sind die angekündigten „Praxisbeispiele und Patientenvorstellungen“ kein positives Merkmal, sondern bieten nur wieder die Möglichkeit, Homöopathie als „Erfahrungsmedizin“ darzustellen.

Wir meinen:

  • Diese unkritische Behandlung der Homöopathie hat an einer wissenschaftlichen Fakultät nichts zu suchen.
  • Es ist mit dem Auftrag zu Forschung und Lehre unvereinbar, einer von der überwältigenden Mehrheit der weltweiten Forschungsgemeinde als spezifisch arzneilich unwirksam eingestuften Methode eine oberflächlich-werbende Darstellung zu geben.
  • Es wäre allenfalls geboten, die Homöopathie gut wissenschaftlich im Sinne einer Erörterung und Falsifikation ihrer Annahmen zu behandeln.
  • Das aktuelle Vorgehen entspricht nicht der Verantwortung der Hochschule gegenüber Studierenden und Patienten.

Unterzeichner:

Für das INH

Dr. Norbert Aust
Udo Endruscheit (Verfasser)
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Dr. Natalie Grams
Amardeo Sarma
Prof. Dr. Norbert Schmacke

Für den Wissenschaftsrat der GWUP

Prof. Dr. Michael Bach
Prof. Dr. Dr. Ulrich Berger
Lydia Benecke
Prof. Dr. Peter Brugger
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Prof. Dr. Dittmar Graf
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Wolfgang Hell
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann
Prof. Dr. Johannes Köbberling
Prof. Dr. Walter Krämer
Prof. Dr. Martin Lambeck
Dr. Rainer Rosenzweig
Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer
Dr. Barbro Walker
Dr. Christian Weymayr
Dr. habil. Rainer Wolf


Weitere aktuelle Stellungnahmen:

Blogbeitrag bei Edzard Ernst (auf Englisch) hier

Kritischer Kommentar von Wissenschaftsjournalist Werner Bartens in der Südeutschen Zeitung hier

Interessanter älterer Beitrag zur Homöopathie an der LMU auch im Laborjournal hier


Bildnachweis: Fotolia_90994398_XS

Rechte und Pflichten von Heilpraktikern – ein Debattenbeitrag aus Sicht des INH

Aus aktuellem Anlass

Aktuell tobt ein Streit um das Heilpraktikerwesen im deutschen Gesundheitssystem. Nachdem es zu mehreren Todesfällen durch die Krebsbehandlung eines Heilpraktikers vermutlich durch die Anwendung einer nicht zugelassenen Substanz gekommen war, äußern sich jetzt auch führende Personen aus dem Gesundheitswesen kritisch zur Rolle der Heilpraktiker.

Das Heilpraktikerwesen ist eigentlich kein zentrales Thema des Informationsnetzwerks Homöopathie. Allerdings werden in der Gesellschaft oft Homöopathen und Heilpraktiker gleichgesetzt, da viele Patienten den Unterschied nicht kennen. Auch scheinen uns die Denkweisen in beiden Bereichen sehr ähnlich – auch ähnlich gefährlich – zu sein. So fühlen wir uns doch auch dafür verantwortlich und schlagen eine Möglichkeit des Umgangs mit dem Heilpraktikerwesen vor.

Heilpraktiker dürfen mehr als sie können

Ein Heilpraktiker darf die Heilkunde am Menschen ausüben, ohne je nachgewiesen zu haben, dass er auch heilen kann. Es gibt keine festgelegten Ausbildungsinhalte. Die vor dem Amtsarzt abzulegenden Prüfungen beschränken sich auf die Abfrage theoretischen Wissens, das man sich aneignen kann, ohne je einen Patienten gesehen zu haben. Die Therapie, das eigentliche Heilen, ist nicht Gegenstand der Amtsarztprüfung, folglich auch kein Gegenstand des von Heilpraktikerschulen vermittelten Lehrinhalts. Auch große Heilpraktikerschulen vermitteln wenig Wissen über die Therapien der geschmähten „Schulmedizin“. Insofern ist es irreführend, überhaupt den Begriff des Heilens in der Berufsbezeichnung zu verwenden.

Für Heilpraktiker gibt es keine gesetzlich geregelte Pflicht zur Weiterbildung. Es obliegt einzig und alleine ihm selbst, seine Qualifikation für seine Tätigkeiten zu bewerten und durch geeignete Maßnahmen zu verbessern oder aufrecht zu erhalten.

Im Heilpraktikerwesen gibt es keinerlei Qualitätskontrolle und kein Berichtswesen, das die Ergebnisse statistisch erfasst und auswertet. Es gibt keine Kammern, die über die Einhaltung von Behandlungsgrundsätzen wachen und ermächtigt wären, eine Zulassung zu entziehen. Die Überwachung greift erst dann, wenn gesetzliche Verstöße aufgetreten sind; zum Beispiel meldepflichtige Infektionskrankheiten therapiert wurden. Der Mangel an Daten zu Behandlungsfehlern, negativen Verläufen und unnötigen Therapien kann leicht dahingehend fehlgedeutet werden, dass es diese Problematiken im Gegensatz zur ärztlichen Medizin nicht gibt.

Dies führt in der Bevölkerung zu einem erheblichen – wenig gerechtfertigten – Vertrauensvorschuss und oftmals zu einem übersteigerten Selbstvertrauen beim Heilpraktiker. Dieser stellt dann seinerseits seine teilweise abstrusen Therapien als das Non-plus-ultra dar und das konventionelle Gesundheitswesen, von dessen Leistungsfähigkeit er wenig bis keine Kenntnis hat, wird diffamiert.

„Wir sehen in Heilpraktikern eine wesentliche Triebfeder zur weiteren Verbreitung esoterischer Heilslehren
und eines negativen Bildes unseres Gesundheitssystems.“ N. Aust 

Wir fordern daher, dass der Gesetzgeber eingreift und durch geeignete Maßnahmen sicherstellt, dass auch im Berufsbild des Heilpraktikers die Qualifikation nachweisbar der ausgeübten Tätigkeit entsprechen muss

Patienten suchen Alternativen zur Medizin, so viel steht fest. Oft meinen sie, diese bei Heilpraktikern zu finden, deren Worten und Heilsversprechen sie trauen – ohne diese zu hinterfragen, oder überhaupt hinterfragen zu können. Sie suchen dort aber mitunter gar nicht unbedingt fachliche oder gar wissenschaftliche Expertise und Evidenz, sondern ein offenes Ohr, Begleitung, Berührung und Zeit.

Sprechende (zuhörende!) Medizin ist kein Privileg von Heilpraktikern 

Das wirtschaftliche Beschneiden der „sprechenden Medizin“ mag aus dieser Sicht heraus ein Fehler gewesen sein. Allerdings war es um 1995 herum ein Wunsch – gerade aus der Ärzteschaft heraus – die Gebührenkataloge zu vereinfachen und Pauschalen zu schaffen. Rein kalkulatorisch wurden die Gesprächsleistungen zwar in die Ordinationsziffern hineingerechnet, aber der psychologische Effekt beim Niedergelassenen war ernüchternd. Man hatte das Gefühl, Gespräche würden nicht mehr bezahlt und ließ sie mehr oder weniger ausfallen. Hinzu kamen die Quartalszeiten für alle Leistungen und die Androhung von Leistungsbeschränkungen bei Überschreitung. Daraus resultierte, dass die Redezeit, also die sogenannte „sprechende Medizin“, vernachlässigt wurde. Zusammen mit zunehmend engeren Regeln der Kassen können sich Ärzte immer weniger Zeit für den einzelnen Patienten nehmen. Das Sprechzimmer wurde quasi „wegrationalisiert“ mit der Folge, dass Patienten sich alleingelassen, als „Fall“ behandelt und teilweise sogar regelrecht „abgefertigt“ fühlen. Der Weg zum Heilpraktiker war frei.

Es muss hier endlich wieder gelingen, Patienten die Zeit zuzugestehen, die sie auch benötigen. Gleichzeitig sollte es kein wirtschaftliches Risiko für den Arzt mehr sein, sich um einzelne Patienten ausführlicher zu kümmern.

Aus unserer Sicht ist der einzig sinnvolle Weg, dem Arzt die Gesprächszeit wieder zu honorieren. So kann man verhindern, dass der Patient sich verloren vorkommt und eine Alternative suchen möchte. Heilpraktiker, oder sonstige alternative Heiler, können nie das ausgleichen, was der Arzt einem Patienten an Fachwissen und Ausbildungszeit bietet – abgesehen von der fehlenden Zeit fürs Zuhören.

Aus unserer Sicht sind drei Wege offen

1. Entweder muss man den Heilpraktiker dazu befähigen, fachlich das leisten zu können, wozu er heute bereits berechtigt ist. Das heißt, durch klare gesetzliche Vorgaben muss eine angemessene Mindestqualifikation festgelegt werden, die sich daran orientiert, dass der zukünftige Heilpraktiker alle für die Ausübung der medizinischen Heilkunde erforderlichen Fähigkeiten erwirbt, dies auch nachweisen und durch angemessene Weiterbildung aufrechterhalten muss.

2. Die Alternative dazu wäre, das Tätigkeitsfeld des Heilpraktikers soweit einzuschränken, dass es seiner heute nachgewiesenen Qualifikation entspricht. Dies würde jedwedes Stellen einer Diagnose und jedweden therapeutischen Eingriff verbieten. Was dann übrig bleibt und ob es dafür einen Markt gibt, ist aus unserer Sicht allerdings zweifelhaft. Selbstredend muss es eine angemessene Aufsicht geben, damit sichergestellt ist, dass sich der Heilpraktiker auch daran hält.

3. Andererseits lassen sich die „alternativen“ Angebote natürlich nicht generell verbieten, weswegen es eine denkbare Möglichkeit wäre, dass man den Heilpraktiker rechtlich ähnlich dem Geistheiler einordnet. Angebotene Leistungen fallen unter seelische Betreuung und spirituelle Handlungen. Verordnet werden dürften in dem Fall lediglich Placebos zur oralen Einnahme, aber Infusionen und invasive Maßnahmen wären verboten. Damit wären auch alle angeblichen Wundermittelchen wie z. B. Amygdalin, MMS oder Brompyruvat passé. Keine Kasse bezahlt dafür und Phytotherapie dürfte nur noch von Ärzten angewendet werden – da nicht ungefährlich, eben auch wegen möglicher Wechselwirkungen mit Medikamenten.

Für das INH: Dr. Natalie Grams und Dr. Norbert Aust


Hier gibt´s noch mehr zum Thema.

Zum Weiterlesen bei MedWatch – Zum Prozess gegen den Heilpraktiker von Brüggen-Bracht (2019):

Prozess wegen verstorbener Krebspatienten: „Sie sind definitiv aufgeklärt worden, dass dieses Produkt ein Ausprobieren ist“

Prozess wegen fahrlässiger Tötung: Heilpraktiker konnte experimentellen Wirkstoff 3BP nicht exakt dosieren

Prozess gegen Heilpraktiker wegen Tod von Krebspatienten: „Die Leute standen im Grunde ja schon am Rand

Prozess gegen Heilpraktiker wegen fahrlässiger Tötung: „Es klang biologisch, natürlich“


Bild: Udo Endruscheit

Was sind eigentlich Bachblüten?

Edward Bach war ein Arzt aus dem englischen Birmingham, der am University College Hospital in London Medizin studierte und seinen Abschluss in Cambridge machte. Bevor er allerdings das Studium begann, arbeitete er in der familieneigenen Messinggießerei. Bach sah die Quelle von Erkrankungen hauptsächlich in seelischen Ursachen oder im Darm.

Das Bild zeigt eine Reihe von Bachblüten-Präparaten in den typischen Stock Bottles aus braunem Glas.
Bachblüten-Präparate in den typischen „Stock Bottles“

Nachdem er einige richtige klinische Stellen hinter sich gelassen hatte, arbeitete er ab 1918 am London Homeopathic Hospital, das er allerdings 1920 zu Gunsten einer Privatpraxis wieder verließ. Einer seiner Hauptbereiche im Homeopathic Hospital war die Gewinnung sogenannter „Nosoden“, wobei es sich um Homöopathika handelt, die aus pathologischen körpereigenen Grundstoffen wie Blut oder Eiter gewonnen werden.
1930 schloss er aber seine Praxis wieder, um sich in Wales Naturbeobachtungen und der Kräuterheilkunde zu widmen. Hier verfestigte sich sein Grundsatz, dass Krankheiten nur der Ausdruck eines Konfliktes zwischen Seele und Verstand darstellen. Am 27. November 1936 erlag Bach, gerade einmal 50-jährig, einem Herzversagen.

Über das System

Das heute unter Bachblüten oder auch Bach-Blüten bekannte System, das Edward Bach sich ausgedacht hatte, ist relativ einfach. Er nahm jeweils ein seelisches Unwohlsein, wie etwa „mentalen Stress und Spannung“ und ordnete ihm eine Pflanzenessenz zu. Diese Pflanzenessenz wiederum sollte durch ihre Schwingungen die Schwingungen des Patienten mit dem kosmischen Energiefeld wieder harmonisieren und so die Krankheit heilen. Insgesamt stellte Bach so 37 Blütenessenzen zusammen sowie eine Essenz aus Fels-Quellwasser und eine Kombination aus fünf Essenzen, die unter dem Begriff „Rescue-Tropfen“ wohl das bekannteste Produkt darstellt.

Die Pflanzenauswahl zu den seelischen Negativzuständen geschah rein intuitiv, wobei Bach davon ausging, dass ihn eine göttliche Eingebung bei der Auswahl leitete. Hauptkriterium zur Auswahl war aber, dass die Pflanzen dem jeweiligen „positiven archetypischen Seelenkonzept“ im Sinne Carl Gustav Jungs entsprechen. Die Blütenessenzen tragen auch heute noch englische Namen, quasi als Hommage an ihren Erfinder.

Über die Herstellung

Zu Beginn der Herstellung seiner Essenzen verwendete Bach nur den Tau, der sich auf den Blüten jeweiligen Pflanzen zur Zeit des Sonnenaufgangs befand. Durch die Morgensonne, die durch Tau und Blüte schien, sollte das Wasser mit den Schwingungen der Pflanze angereichert werden. Somit basiert die angenommene Heilkraft, wie auch bei der Homöopathie, auf dem nichtexistierenden Wassergedächtnis. Als nun seine Blütenessenzen immer erfolgreicher wurden, konnte Bach der Nachfrage nur anhand der Tautropfen nicht mehr nachkommen und ersann nun zwei andere Zubereitungsarten für die Essenzen.

Die erste davon ist die sogenannte „Sonnenmethode“, bei der die frisch gepflückten Blüten in etwa einem halben Liter Wasser eingelegt werden und für drei bis vier Stunden in der prallen Sonne stehen. Hierbei werden in Bachs Vorstellung die Schwingungen der Pflanzen als Heilenergie auf das Wasser übertragen. Gerade dieser Teil der Herstellung ist durch Vorschriften Bachs stark ritualisiert. So müssen die Pflanzen vor neun Uhr morgens an einem sonnigen und wolkenlosen Tag gesammelt werden. Auch die Orte, wo die Pflanzen gepflückt werden müssen, sind genau vorgeschrieben.

Nach diesen drei bis vier Stunden wird das so behandelte Wasser 1:1 mit 40%igen Alkohol (früher Brandy oder Cognac) verdünnt. Dies soll der Konservierung dienen. Diese Mischung ist nun die Urtinktur, die nochmals im Verhältnis 1:240 mit Alkohol verdünnt werden muss, um die „wirksamen“ Essenzen herzustellen. Der Endverbraucher muss die Essenz zur Einnahme nochmals in Wasser verdünnen.

Die zweite Methode ist die sogenannte „Kochmethode“, bei der die Pflanzen nicht in der Sonne stehen, sondern ihre Schwingungen während eines 30-minütigen Kochvorgangs abgeben sollen. Die weitere Behandlung ist dann dieselbe. Diese Methode wird zumeist nur für sehr holzige Pflanzen oder für Herbst- und Winterblüher angewandt.

Über die Anwendung

Bachblüten gibt es aber nicht nur als Tropfen, sondern auch als Salben, Bonbons, Kaugummis, Globuli, Tees, Sprays etc. Auch für Tiere gibt es Bachblüten. Die klassische Darreichungsform ist aber die der „stockbottles“ mit einem Inhalt von 10 ml.

Die richtige Essenz findet man unter anderem dadurch heraus, dass man zu einem Bachblütenberater oder einem Heilpraktiker geht, man selbst die Essenzen auspendelt, ein Ratgeberbuch verwendet oder auch die Pflanzen rein intuitiv anhand des Aussehens auswählt.

Über ihre Wirksamkeit

Bach starb 1936 und seine Lehre geriet in Vergessenheit. Erst durch die große Esoterikwelle der 1970er Jahre wurde sie wieder bekannt. Seitdem wurden auch mehrere klinische Studien durchgeführt, von denen aber keine einzige einen Wirkeffekt aufzeigen konnte.

Heute werden auch Blütenmischungen angeboten, die außerhalb des Lehrkanons von Edward Bach stehen. Besondere Aufmerksamkeit erregte beispielsweise eine Essenz, die im Fall von Kindesmissbrauch angewandt werden sollte. Nach starken Protesten wurde diese Essenz vom Markt genommen. Mit Homöopathie haben sie nur das magische Denken gemeinsam – aber sie werden oft mit ihr verwechselt bzw. gleichgesetzt und gelten als „besonders natürlich oder pflanzlich“. Besonders esoterisch träfe es wohl eher.

Problematisch finden wir vor allem, dass die Mittel nach Bach  vorwiegend für psychische Beschwerden (z. B. Angst, Einsamkeit, Panikattacken, Prüfungsangst, Traumata, Depression, Lebensüberdruss, Todesgedanken) eingesetzt werden und damit oft dringend notwendige psychologische oder auch psychiatrische Therapien hinauszögern oder gar verhindern können. Außerdem vermittelt ihre große Verbreitung und unkritische Anwendung, dass es für so schwerwiegende Diagnosen ausreiche, „ein paar Blütchen“ einzunehmen und alles sei wieder gut.


Mehr dazu auch auf unserer Homöopedia: http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Edward_Bach


Bild: Pixabay Lizenz CC0

Einwand: Globuli sind eh viel besser als Antibiotika!

Das Bild ist illustrativ, versinnbildlicht jedoch durch seine grün changierende Darstellung von Kugeln und Blasen sowohl Globuli als auch Krenkheitserreger„Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika.“

„Ärzte setzen viel zu viel ungezielt Antibiotika ein.“

„Wenn ich zu viel davon einnehme, dann werde ich für spätere Erkrankungen resistent sein.“

Diese Sätze hört man in dieser oder ähnlicher Form sehr häufig. Alle drei Sätze sind jedoch falsch.

Schauen wir sie einzeln an:

1. Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika.

Lieber Globuli einzunehmen als Antibiotika ist ein verständlicher Wunsch. Es ist aber ein falscher Vergleich. Wenn es nach mir ginge: Ich zum Beispiel würde lieber im Lotto gewinnen als Antibiotika einzunehmen.

Antibiotika sind hochwirksame Medikamente, die in der Lage sind, bestimmte Krankheitserreger (Bakterien) abzutöten oder deren Vermehrung zu verhindern. Obwohl „anti bios“ die Bedeutung hat „gegen das Leben gerichtet“, sind Antibiotika nicht gegen alles Leben wirksam: Parasiten und Viren können nicht antibiotisch behandelt werden. Auch bei Mensch und Tier müssen wir nicht befürchten, dass sie von Antibiotika getötet werden. Auch sind nicht alle Antibiotika gegen alle Bakterien wirksam. Bakterien können „sensibel“ (empfindlich) oder „resistent“ (unempfindlich) gegen Antibiotika sein.

Es gibt viele Antibiotikagruppen, deren Vertreter untereinander chemisch nicht verwandt sind. Sie haben keine gemeinsamen „Wurzeln“, sondern ein gemeinsames Ziel: Die Reduzierung der Anzahl krankmachender Keime im Wirtsorganismus; die „Senkung der Keimlast“. Zu jedem Antibiotikum kann man angeben, welche Bakterien bezüglich dieses Antibiotikums sensibel oder resistent sind. Und zu jedem Bakterium kann man angeben, gegen welche Antibiotika es sensibel oder resistent ist. Bezogen auf krankmachende („pathogene“) Keime hat jedes Antibiotikum ein „Wirkungsspektrum“.

Der Einsatz von Antibiotika ist also prinzipiell nur sinnvoll, wenn es sich um eine Erkrankung handelt, die von Krankheitskeimen verursacht wird, welche auch im Wirkungsspektrum eines Antibiotikums liegen. Wenn man ein – bezogen auf die pathogenen Keime – wirksames Antibiotikum einsetzt, dann senkt man die Keimlast im Wirtsorganismus. Das Immunsystem des Wirtsorganismus kann unter diesen verbesserten Bedingungen die Heilung herbeiführen. Die Stärkung des Immunsystems wird nur durch die Verringerung der Keimlast selbst induziert. Eine unspezifische Stärkung des Immunsystems durch Fremdsubstanzen ist nicht nachgewiesen – weder für Präparate wie „Echinacin“ noch für Globuli. Ein ungezielter Einsatz von Antibiotika – gar von unwirksamen bei resistenten Keimen oder bei Viren – kann nicht zur Senkung der Keimlast führen und deshalb das Immunsystem auch nicht unterstützen.

Gelegentlich gibt es Studien, die zeigen (sollen), dass Antibiotika nicht besser wirken als homöopathische Arzneien. Zum Beweis dieser falschen Behauptung werden dann in der Vergleichsgruppe Antibiotika eingesetzt bei Krankheiten, die gerade nicht auf Antibiotika ansprechen. Es ist also nicht verwunderlich, dass Antibiotika in diesen Studien schlecht abschneiden. Das bedeutet aber nicht, dass Globuli Antibiotika vorzuziehen seien, sondern nur, dass das Studiendesign schlecht war.

Jeder Einsatz von Antibiotika hat aber noch eine zweite Komponente: Unter dem Einfluss von Antibiotika und dem dadurch erhöhten „Selektionsdruck“ können empfindliche Bakterien resistent oder schneller resistent werden. Diese beschleunigte Resistenzentwicklung betrifft auch Keime, die nicht – noch nicht! – krankmachend sind und erst durch ihre antibiotikuminduzierte Resistenz gefährlich werden können. Der Einsatz von Antibiotika bei Viruserkrankungen ist also nicht nur unsinnig, weil unwirksam, sondern sogar schädlich, weil resistenzfördernd. Die Medizin als Wissenschaft weiß das und lehrt das. Aus diesem Grund sind Antibiotika bei uns verschreibungspflichtig. Wenn es im Einzelfall Ärzte gibt, die sich an die Vorgaben der Medizin nicht halten, dann ist das ein Versäumnis des Arztes und nicht ein Versäumnis der Medizin. Im Falle eines diesbezüglichen Gerichtsverfahrens würde die Medizin als Zeugin gegen den Arzt auftreten.

2. Ärzte setzen viel zu viel ungezielt Antibiotika ein? Warum glaubt man das?

Weil Ärzte über die Vor- und Nachteile von Antibiotika informiert sind, setzen sie diese Medikamente nur – nach ihrem Wissen und Gewissen – gezielt ein.

Bei manchen Infektionskrankheiten ist die bakterielle Ursache ohne großen Aufwand schnell zu erkennen. Andere Infektionskrankheiten erfordern eine aufwändige Diagnostik. Liegt eine bakterielle Infektion vor, dann sind entsprechende Antibiotika gerechtfertigt – auch, wenn der Weg zur Diagnose nur kurz war: auch kurze Wege können zielgerecht sein. Bei fehlerhaft ungezieltem Einsatz erhöht sich das Risiko einer Resistenzentwicklung von bis dahin empfindlichen Keimen. Je mehr resistente Keime es gibt, desto größer wird die allgemeine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung. Deshalb müssen Keime, die gegen ein Antibiotikum resistent sind, möglichst bald von einem anderen Antibiotikum abgetötet werden: Abgestorbene Bakterien können ihre Resistenzen nicht an die nachkommende Bakteriengeneration weitervererben.

Insbesondere bei Mischinfektionen mit einer Gruppe unterschiedlicher pathogener Keime kann es sein, dass selbst ein „Breitspektrum-Antibiotikum“ nicht für alle Keime wirksam ist. In diesem Fall müssen dann mehrere verschiedene Antibiotika nacheinander eingenommen werden (die gleichzeitige Einnahme ist meistens problematisch, weil sich die verschiedenen chemischen Wirkmechanismen der Antibiotika eher gegenseitig behindern als fördern). Auch ein Antibiotikumwechsel zur Vermeidung von Resistenzbildungen ist keineswegs ungezielt, auch wenn sich die Notwendigkeit nicht allen Patienten erschließt. Und im Zweifelsfall bestimmt man Erreger und deren Resistenz im Labor.

Neueste Entwicklungen lassen allerdings hoffen, dass eine Keimbestimmung in der Arztpraxis künftig schnell und unkompliziert möglich sein wird und damit „Fehlverschreibungen“ von Antibiotika drastisch reduziert werden können.

3. Wenn ich zu viel davon einnehme, dann werde ich für spätere Erkrankungen resistent sein.

Der Begriff der Resistenz bezieht sich nur auf die pathogenen Keime, nicht auf den Wirtsorganismus (den menschlichen Körper), aus dem diese Keime eliminiert werden sollen. Die Wirtsorganismen sind „von Natur aus“ resistent gegen Antibiotika. Das heißt: Nur eine chemische Substanz, gegen die Wirtsorganismen resistent sind, kann überhaupt erst auf eine eventuelle antibiotische Wirksamkeit untersucht werden. Substanzen wie „Zyankali“ oder „Quecksilber“ mögen gute Fähigkeiten haben, pathogene Keime abzutöten. Ein Einsatz dieser Substanzen als „Antibiotika“ kommt nicht infrage: Menschen und Tiere sind nicht resistent gegen Zyankali oder Quecksilber. Für Menschen und Tiere sind Zyankali oder Quecksilber Gifte. Die von der Medizin eingesetzten Antibiotika dürfen für Mensch und Tier selbstverständlich nicht giftig sein.

Dass Mensch und Tier resistent sind gegen die verwendeten Antibiotika ist also kein Nachteil, sondern im Gegenteil Grundvoraussetzung für den Einsatz von Antibiotika. Nehmen wir – in einem Gedankenspiel – an, Menschen würden resistent werden können gegen z. B. Quecksilber: Dann hätten wir keinen Nachteil dadurch, sondern lediglich eine weitere Therapieoption bei Infektionskrankheiten durch quecksilbersensible Keime.

Fazit:  Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika?

Globuli sind „homöopathische Arzneien“. Die Lehre der Homöopathie kennt keine Krankheitskeime, also ist für die Homöopathie ein Einsatz von Antibiotika schlichtweg unsinnig. Und deshalb ist umgekehrt die Gabe von Globuli bei Infektionskrankheiten aus Sicht der wissenschaftlichen Medizin nicht weniger unsinnig, weil genau die eigentlichen Ursachen der Infektionskrankheiten und die einzigen wirksamen Mittel dagegen von der Homöopathie kategorisch ignoriert werden.

Eine antibiotische Behandlung bei Infektionskrankheiten – insbesondere bei schweren Infektionskrankheiten – ist keineswegs eine rein symptomatische Therapie, sondern eine Kausaltherapie („Ursachenbehandlung“), die Leben retten kann. Ein Verzicht auf eine notwendige antibiotische Therapie kann schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen – durch Unterlassung.

Harmlose Erkrankungen hingegen erfordern weder Antibiotika noch Globuli. Homöopathische Arzneien sind bei allen Erkrankungen unwirksam und überflüssig.


Weiterführende Informationen finden Sie im Artikel Antibiotika auf Homöopedia

Informationen über das Immunsystem bei „Susannchen braucht keine Globuli“


Bildnachweis: Pixabay Lizenz CC0

Erklärung des INH zur Veröffentlichung der WissHom: „Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie“

Viele aufgeschlagene Bücher, übereinander und nebeneinander, symbolisieren die vielen, aber inhaltsleeren Worte des hier besprochenen
Viele Blätter, viele Worte…

Ein 60 Seiten fassender Reader zur Homöopathie ist erschienen, herausgegeben von der WissHom, der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie e.V., der angeblich die Wirksamkeit der Hahnemannschen Methode belegt. 60 Seiten, das klingt zunächst mal toll. Das klingt – auch wenn man darin liest und die vielen wissenschaftlichen Fachbegriffe und Anmutungen zur Kenntnis nimmt – überzeugend!

Warum haben wir Kritiker der Homöopathie also schon wieder etwas daran auszusetzen?

Es gibt zunächst einmal etwas ganz Grundsätzliches zu kritisieren: Der Reader enthält prinzipiell überhaupt keine neuen Informationen. Es handelt sich um teils seit Jahren bekannte und diskutierte Studien, Erhebungen und Gedanken. Wir fragen uns, warum also eine neue und so groß beworbene Veröffentlichung nötig ist.

Weiterhin fragen wir uns, ob Homöopathen (allen voran der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) und die WissHom selbst eigentlich den Unterschied zwischen Werbung und Wissenschaft kennen oder ob sie hier mit Absicht undurchschaubar für Laien (Patienten!) vorgehen. Mit der Sprache der Wissenschaft ist es ähnlich wie mit der Zeugnissprache – beherrscht man sie nicht, so liest sich ein Text immer positiv.

Aus kritischer und wissenschaftlicher Sicht ist die Begeisterung der Homöopathen für diese Veröffentlichung jedoch nicht recht verständlich. Der Forschungsstand wird für homöopathische Verhältnisse zwar recht treffend beschrieben, aber wieso dieser nun plötzlich ausreichend Beleg sein sollte für eine spezifische Wirkung der homöopathischen Arzneimittel, ist nicht nachvollziehbar.

Drei Artikel befassen sich mit den angeblichen Belegen für eine Wirksamkeit:

  1. Teut schreibt über die Ergebnisse der Versorgungsforschung und stellt deutlich dar, dass aus den positiven Ergebnissen keine kausalen Schlüsse auf die Wirksamkeit der Therapie möglich sind.
  2. Von Ammon et al. versuchen sich an einem systematischen Review zur Wirksamkeit von Hochpotenzen in individueller Verordnung. Aus den Angaben in der Diskussion folgt, dass sie nicht eine wirklich hochwertige Arbeit gefunden haben, die signifikante Vorteile der Homöopathika gegenüber Placebo belegen könnte. Insofern ein Punkt für die Skeptiker, nicht für die Homöopathen.
  3. Behnke gibt eine Übersicht über die angeblich durchwegs positiven vorliegenden Ergebnisse von Meta-Analysen – er meint wohl systematische Reviews – lässt dabei aber wesentliche Arbeiten weg, nämlich die Reanalyse von Linde aus dem Jahr 1999 und die Analyse der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC aus dem letzten Jahr, die seinem positiven Fazit zuwiderlaufen.

Die WissHom behauptet zwar den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit von Homöopathie, diese Aussage findet sich aber in der Zusammenfassung ihres Papiers überhaupt nicht wieder.

Fazit 1:

Das Papier der WissHom ist ein für Wissenschaftler leicht durchschaubarer Versuch, die Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie mit einer Art „Großangriff“ zu verschleiern.
Das zeigt sich auch daran, dass die Homöopathie als Methode, also die Frage, ob das Ähnlichkeitsprinzip (Similieprinzip), das homöopathische Krankheitsbild (homöopathische „ganzheitliche“ Anamnese) und die Arzneimittelfindung per Katalog (Repetorium) überhaupt ein schlüssiges Gebilde darstellen, völlig ausgeklammert bleibt. Es geht ausschließlich um die angebliche Wirksamkeit „potenzierter Arzneien“. (Das in etwa vergleichbar, als ginge es beim Auto nicht um die Frage, ob Motor, Getriebe, Lenkung und Fahrwerk richtig konstruiert sind, sondern lediglich darum, ob das Benzin zum Betrieb des Wagens geeignet ist.)

Die WissHom räumt zu den angeführten klinischen randomisierten Studien von vornherein deren Relativierbarkeit selbst ein. Zu den angeblich so bedeutenden Metaanalysen wird eingeräumt, dass deren Signifikanz stark von der Auswahl der Selektionskriterien für die Einzelstudien abhängig ist. Dies geht einher mit einer Diskreditierung missliebiger Autoren, deren Arbeit „nicht immer wissenschaftlichen Standards“ entspräche oder sogar die Unverschämtheit haben, „sich ausdrücklich auf eine postulierte Implausibilität der Wirksamkeit hochpotenzierter Arzneimittel“ zu berufen. So betreibt man Bestätigungsforschung…

Zudem: Es gibt keine Grundlagenforschung zur Wirkung homöopathischer Arzneimittel, die nachvollziehbar wissenschaftliche Evidenz aufweist. Es bleibt hier bei den bekannten Ergebnissen, die entweder als wissenschaftliche Unredlichkeit oder als nicht reproduzierbare Pseudoergebnisse erwiesen sind bzw. als Inanspruchnahmen nicht- oder halbverstandener Forschungsergebnisse aus fachfremden Forschungsbereichen.

Fazit 2:

Versorgungsforschung ist prinzipiell nicht geeignet, Wirksamkeitsnachweise zu erbringen. In ökonomischen Analysen kann die Homöopathie zwar unter Umständen gut abschneiden. Das bedeutet aber wenig: Nichtstun ist stets noch billiger – und: without effectiveness, there can be no cost-effectiveness.

Fazit 3:

Wenn die Homöopathen jedoch tatsächlich meinen, mit ihren Studien den Nutzen belegt zu haben, dann braucht es auch keine Schutzzäune mehr, wie die „besondere Therapierichtung“, die bislang keinen Wirksamkeitsnachweis nach den üblichen Kriterien erfordert. Dazu zitieren wir Frau Bajic, die 1. Vorsitzende des DZVhÄ:

„Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u. v. a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.“

Wenn dies für Homöopathen also so eindeutig ist, dann können die zuständigen Institutionen in den Arzneimittel-Gesellschaften (BfArM, AMG) Homöopathika genau so bewerten wie normale Medikamente. Wir sind als Kritiker zwar weiterhin davon überzeugt, dass solche Nutzenbelege fehlen, finden aber, die Politik sollte die Homöopathen bei ihrem eigenen Wort nehmen und sie denselben Prüfverfahren unterwerfen wie alle anderen Behandlungsverfahren auch.

Unsere kritischen Forderungen an Homöopathie, Gesellschaft und Politik finden sich auch in der Freiburger Erklärung zur Homöopathie wieder.


Für das INH nahmen Stellung am 28.05.2016:

Dr.-Ing. Norbert Aust (Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)
Prof. em. Edzard Ernst (Emeritus Prof. Universität Exeter)
Dr. med. Natalie Grams (Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)
Amardeo Sarma (Vorsitzender der Gesellschaft zur wissen. Untersuchung von Parawissenschaften, GWUP)
Prof. Dr. Norbert Schmacke (Universität Bremen)


Ergänzung / Nachtrag, nachdem der DZVhÄ sich zu einer Replik auf die obige Stellungnahme des INH veranlasst sah:

Ausgehend von unserer Kritik am „neuen“ WissHom Reader zur Lage der Studien zur Homöopathie (vorstehend), hatte der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) uns geantwortet (hier).

Wir freuen uns über das Interesse des DZVhÄ an unserer Arbeit und möchten auf diesem Wege Folgendes klarstellen:

Wissenschaftliche Unredlichkeit hat viele Erscheinungsformen. Man darf dem Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) durchaus zutrauen, dass es diese Formulierung mit Bedacht gewählt hat. Denn im Falle der Homöopathie ist entscheidend, dass der Öffentlichkeit immer wieder suggeriert wird, es gäbe jetzt endlich handfeste Belege für eine gezielte Wirksamkeit der homöopathischen Arzneien. So geschehen während des letzten Homöopathiekongresses in Bremen, bei dem die WissHom einen sogenannten „Forschungsbericht“ vorgestellt hat. Es handelt sich um das aus dem Zylinder gezauberte Kaninchen: Nichts Neues unter der Sonne! Dem nicht informierten Publikum aber wird – so auf der für Patienten geöffneten Seite des Zentralvereins – folgendes erzählt:

„Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebo-kontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung potenzierter Arzneimittel.“ (Quelle).

Daran kann nur glauben, wer sich nicht mit den Grundfragen wissenschaftlicher Methodik beschäftigt hat. „Experimente aus Grundlagenforschung“ klingt toll, es geht dabei aber im Falle der Homöopathie um die von Beginn an sinnlosen Versuche, das Nichts (ultraverdünnte Urtinkturen) als das Revolutionäre, die Naturwissenschaften sprengende Heilsubstanz zu verkünden. Und es schert den Zentralverein nicht, dass in Australien, England, der Schweiz und den USA unabhängig voneinander hochkarätige wissenschaftliche Gremien bezüglich der Behandlungsstudien immer wieder zu demselben Ergebnis gekommen sind: Homöopathika kommen nicht über Placeboeffekte hinaus. Wie ist es zu bewerten, dass diese für das Gesamtbild wichtigen Informationen den Patientinnen und Patienten vorenthalten werden?

Umso unglaublicher sind die Versprechungen auf den Homepages führender Homöopathinnen und Homöopathen. Wir zitieren die Vorsitzende des Zentralvereins, Frau Bajic: „Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.“ (Quelle, Stand der Veröffentlichung am 06. Juli 2016).

Das ist so irreführend und unethisch gegenüber Patientinnen und Patienten mit den genannten Erkrankungen, dass einem die Worte fehlen, denn genau das ist nirgends jemals belegt worden. Ist diese Aussage also redlich?

Und noch einmal zur WissHom. Man beruft sich auf Meta-Analysen wie die von Linde u. a. aus dem Jahr 1997 und „vergisst“ zu erwähnen, dass Linde 2005 im Lancet geschrieben hat: „Unsere Metaanalyse von 1997 wurde unglücklicherweise von Homöopathen als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie missbraucht. Wir stimmen zu, dass die Homöopathie höchst unplausibel ist und dass die Belege aus placebokontrollierten Studien nicht überzeugend sind.“ (Linde, Klaus et al.: Lancet 2005; 366, 2081-2).

Oder man bemüht die Meta-Analyse von Mathie von 2014 – „vergisst“ jedoch wieder zu zitieren, was die der Homöopathie alles andere als negativ gegenüberstehenden Autoren letztlich schreiben: „Die niedrige oder unklare Qualität der vorliegenden Evidenz erfordert Vorsicht bei der Interpretation der Befunde. Neue methodisch hochwertige randomisierte kontrollierte Studien sind erforderlich, um eindeutigere Interpretationen zu ermöglichen.“ (Mathie, R.T. et al.: Systematic Reviews 2014, 3:142, 1-16).

Nun sind wir vom Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) zwar nicht der Meinung, dass man neue Studien (RCTs) benötigt, um den Glaubenskrieg um die Homöopathie endlos weiterzuführen. Die Schlacht ist geschlagen, seit 200 Jahren, zuletzt noch einmal umfassend im Jahr 2015, als die australische Gesundheitsbehörde ihre mehrere hundert Seiten starke, aber von der WissHom ignorierte Analyse der Nachweislage vorgelegt hat. Dort sind, ebenso wenig wie in irgendeiner anderen der von der WissHom angeführten Übersichtsarbeiten, keinerlei hinreichende Belege gefunden worden, die eine Anwendung der Homöopathie für irgendeine Indikation rechtfertigen würden. Gut gemachte RCTs mit positivem Ergebnis in Sachen Homöopathie sind Fehlanzeige.

Und die Forderung nach „Grundlagenforschung“ ist nichts anderes als ein kläglicher Versuch, das Akzeptieren dieser Tatsache zu vermeiden. Wenn etwas nachweislich keine Wirkung über Placeboeffekte hinaus zeigt, warum sollte es dann sinnstiftend sein, zu untersuchen, wie es wirkt? Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass der Text der Stellungnahme des INH im Übrigen an keiner Stelle etwa dem DZVhÄ „wissenschaftliche Unredlichkeit“ vorgehalten hat, dies war allein eine Fehlinterpretation von dessen Seite. Es erschließt sich nämlich beim Lesen leicht, dass die  „wissenschaftliche Unredlichkeit“ ein Punkt unter mehreren zur Qualifizierung der „wissenschaftlichen Grundlagenforschung“ war – und sonst nichts. Wer die Materie kennt – und davon gehen wir beim DZVhÄ aus – der weiß oder sollte wissen, wer und was hiermit gemeint ist.

Wir überlassen es den Leserinnen und Lesern dieser Erwiderung und der vielen Einzelnachweise auf unseren Webseiten, sich ein Bild davon zu machen, wer hier unredlich argumentiert – fortlaufend, unbelehrbar und aus nur allzu transparenten Gründen.

Weiterführende Links:
http://www.netzwerk-homoeopathie.info
http://www.homöopedia.eu
http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de

Verfasst und gezeichnet im Namen des INH:

Dr.-Ing. Norbert Aust, Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie
Prof. Dr. Edzard Ernst, Emeritus, Universität Exeter, UK
Dr. med. Natalie Grams, Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie
Amardeo Sarma, Vorsitzender GWUP
Prof. Dr. Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen


Bildnachweise: Bild von Free-Photos auf Pixabay


Homöopathie – das Geschäft mit dem Placebo

Links im Bild zwei Globuli mit der Unterschrift

Placebo- bzw. Nocebowirkungen gibt es nicht nur in der Medizin. Diese Wirkungen begleiten uns im täglichen Leben immer und überall und sind an sich nichts Schlechtes. Das Ambiente eines Lokals lässt das Schnitzel besser schmecken und wenn „Kaffee“ und nicht „Café au lait“ in der Getränkekarte steht, wird man den Geschmack kritischer beurteilen. Die Tücke der Placebo-/Noceboeffekte ist, dass es sich nicht um subjektive „Einbildungen“, oder um scheinbare Effekte handelt, sondern es handelt sich um objektiv messbare bzw. beobachtbare Veränderungen. Die Wirkung ist real. Die besondere Tücke dieser Wirkungen in der Medizin liegt darin, dass sie in Medizin und Pseudomedizin gleichermaßen wirkungsvoll positiv wie negativ auftreten.

Nun liegen aber den Placebo- und Nocebowirkungen keine bestimmten Einzelursachen zugrunde. Es besteht kein kausaler „physikalisch-chemischer“ Zusammenhang. Es ist egal, mit welchem Schauspiel oder Mittel gearbeitet wird. Die Placebo- und Noceboeffekte sind weder spezifisch stofflich kausal bedingt, noch können sie durch bestimmte Ereignisse oder Handlungen einfach nach Belieben realisiert werden. Die positiven Placebo- und „vice versa“ negativen Nocebowirkungen resultieren aus dem gesamten Spektrum der Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen jedes Einzelnen vor dem Hintergrund seiner religiösen und weltanschaulichen Ansichten, seiner Bildung inklusive seiner ganz subjektiven Lebens- und Krankheitserfahrungen. All das konditioniert. Placebo- und Nocebowirkungen können buchstäblich mit allem hervorgerufen werden, sofern es „psychologisch“ für den Einzelnen bedeutsam ist, oder – salopp formuliert – dem Bauchgefühl entspricht.

Wir messen, ob wir wollen oder nicht, bewusst und unbewusst dem gesamten Geschehen, den diversen Arzneimitteln, dem therapeutischen Schauspiel, den beteiligten Menschen, der Umgebung, kurzum allen Dingen und Ereignissen, höchst persönliche „Bedeutungen“ bei, die eben zu Placebo- bzw. Noceboeffekten beitragen. Diese beigemessenen Bedeutungen sind subjektiv und Vorurteile. Man orientiert sich daran und selbstverständlich können diese dann auch im Sinne von Placebo und Nocebo wirksam werden und das passiert auch mitunter sehr spektakulär. Und genau hier setzt die „Werbung“ an. Professionelle Werbepsychologen wissen genau, wie und mit welchen Bildern sie ihr Zielpublikum erreichen und in ihrem Sinne beeinflussen können. Und das passiert auch täglich medienweit.

Der Placeboeffekt ist einer der Hauptdreh- und Angelpunkte in Diskussionen um Pseudomedizin. Auch der Homöopathie als bekannteste Pseudomedizin macht der Placeboeffekt die Wirkung streitig. Die fehlende naturwissenschaftlich begründete Kausalität wird durch modisches pseudowissenschaftliches Geschwurbel ersetzt und je nach Kundschaft auch durch Engel und dergleichen mehr, wenn man den Wohlfühl- und Lebenshilfebereich als Randgebiet der Medizin mit einbezieht.

Nun wird der Placeboeffekt als Hoffnungsträger für Pseudomedizin entdeckt und erhält eine völlig irrige Bedeutung. Man schwindelt sich nicht mehr über diesen Effekt hinweg, sondern vermarktet damit gezielt Pseudomedizin und auch Homöopathie. Placebo sei gleich einem Arzneimittel, aber eben sanft und nebenwirkungsfrei. Man muss, vereinfacht gesprochen, nur eine Placebotablette schlucken oder Homöopathie anwenden. Eine naive und unerfüllbare Wunschvorstellung. Wenn eine Anwendung sehr verbreitet ist, oft angewendet wird und das Anwendungsgebiet vornehmlich harmlose, vorübergehende und selbstheilende Beschwerden betrifft, dann wird es auch entsprechend viele und auch sensationelle „Erfolge“ geben. Aber wie beeindruckend auch immer, es sind Placebowirkungen und die Wirkungen sind dementsprechend begrenzt.

Die Entdeckung der Placebowirkung

Franz Anton Mesmer propagierte gegen Ende des 18. Jahrhunderts den „animalischen Magnetismus“. Seine Behandlungen waren spektakulär, der „Mesmerismus“ boomte. Benjamin Franklin konnte jedoch im Jahre 1784 als Mitglied der königlichen Untersuchungskommission in Paris demonstrieren, dass diese „Behandlungserfolge“ dann und nur dann auftraten, wenn die Versuchspersonen auch wussten, dass tatsächlich „mesmerisiert“ wurde. Wurde das „heilende“ Schauspiel mit den Magneten versteckt, also verblindet durchgeführt bzw. unterlassen, war es mit den sensationellen Wirkungen vorbei. Benjamin Franklin gelang sozusagen der erste dokumentierte Nachweis der Placebowirkung. Damals nannte man „Imagination“ als Ursache.

Benjamin Franklin zeigte, dass der Erfolg ärztlicher Handlungen auf zwei Ursachenketten beruhte. Die Wirkung kann im Glauben an den Therapeuten bzw. sein therapeutisches Schauspiel, seine Methode und sein Mittel liegen sowie in der Methode und im Mittel selbst, falls eine stofflich kausal bedingte Wirkung überhaupt existiert.

Evidenz kontra Eminenz und Pseudomedizin

Seit damals wurde zwischen „physischen“ und „psychischen“ Wirkursachen getrennt. Bis dahin stellte sich die Frage nach einer kausalen Wirkung nicht. Man sah nur, dass es wirkte und das genügte. Von nun an entwickelte sich die wissenschaftliche Medizin. Mittel oder Therapien wurden erst dann als „richtig“ wirksam angesehen, wenn nachgewiesen werden konnte, dass ihre Wirkung unabhängig von Erwartungen und Glauben Erkrankter und Ärzte eintrat. Durch bloße „Imagination“ zu wirken bzw. zu heilen, war damals schon suspekt.

Diese Enttarnung des therapeutischen Schauspiels bzw. des Schauspielers Arzt als wirksame Komponente der damals als Hysterie bezeichneten Erscheinung, war aber auch eine Bestätigung für Wirkungslosigkeit bzw. Wirkung „jenseitiger“ Heilkräfte in der Medizin.

Man muss sich vor Augen halten, dass Jahrtausende hindurch beim Heilen das Erflehen himmlischen Wohlwollens unerlässlicher Bestandteil der Medizin war. Ein Heilmittel allein konnte gar nicht richtig wirken, wenn es nicht mit entsprechenden Heilsprüchen angewendet wurde. Heilen war immer ein umfangreiches Ritual, das bis ins Jenseits reichte. Der Arzt bzw. seine Heilkunst konnten nicht allein heilen, sie konnten immer nur einen Teil zur Heilung beitragen. Franz Anton Mesmer behauptete nicht, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen, aber sein therapeutisches Schauspiel war gleich wirksam bzw. unwirksam wie ein himmlisches Schauspiel. Das Charisma des Heilers musste nur gleich beeindruckend sein wie die wunderkräftige Reliquie in einer Wallfahrtskathedrale.

Diese Erkenntnis veränderte die Entwicklung der Medizin nachhaltig. Seit dieser Zeit wird in der Medizin zwischen einer Begründung auf Evidenz und Eminenz unterschieden. Lange galt, was Eminenzen für richtig hielten. Heute ist die auf Evidenz basierte Medizin Standard. Sie beruht auf naturwissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine persönliche Beobachtung einfach nicht als Beweis genügt, um eine ursächliche Wirkung bzw. einen ursächlichen Zusammenhang behaupten zu können.

Heute ist es nicht mehr Teil der Medizin bzw. der ärztlichen Heilkunst, überirdische himmlische Mächte anzurufen. Kein Arzt wird seinen Patienten verbieten zu beten, aber er wird ganz sicher nicht das Beten von drei „Vater unser“ verordnen oder gar einen Exorzismus vorschlagen, der ja nach wie vor von der katholischen Kirche praktiziert wird. Und genauso wenig, wie ein himmlisches Schauspiel eine spezifisch wirksame Medizin ersetzen kann, kann es auch ein therapeutisches Schauspiel nicht. Und geistartige Kräfte in Arzneimitteln, wie Hahnemann noch dachte, gibt es nicht.

Aber die nur auf „Eminenz“ basierte Medizin, deren Wirksamkeit auf dem guten Ruf beruht, verschwand nicht. Im Gegenteil, sie lebt bis heute in der alternativen, komplementären und so genannten ganzheitlichen Medizin fort. Hier rechtfertigt man sich nach wie vor ausschließlich mit den subjektiven Beobachtungen und Aussagen von Eminenzen, den behandelnden Ärzten und Geheilten. Die Anekdoten werden mit dem Hinweis, dass die Wirksamkeit wissenschaftlich nicht erwiesen ist, juristisch abgesichert. Die Heil-Anekdoten entsprechen den Votivtafeln in Wallfahrtskirchen. Und eine evidente Wirkung ist aber nach wie vor nicht Voraussetzung für eine gesetzliche Zulässigkeit.

Für die auf Heilung hoffenden Erkrankten ist das ohne Bedeutung. Sie vertrauen auf Eminenz, sie erliegen dem Ruf. Für sie sind einzeln berichtete Heilungen bzw. das Ansehen der Beteiligten beweisend. Die Bedeutung, die Ärzten, medial präsenten Persönlichkeiten und Erzählungen spektakulärer Heilungen beigemessen wird, wiegt schwerer als naturwissenschaftlich begründete Beurteilungen. Das therapeutische Schauspiel, die besondere Fürsorge, die Empfehlung und nicht zuletzt der Ruf ohne Technik, ohne Chemie, biologisch, natürlich etc. zu sein, zählen mehr und wirken als Placebo.

Der von seiner Methode überzeugte Arzt oder Guru sieht die Erfolge bei seinen Patienten und Klienten. Diese bestärken ihre Behandler wiederum in ihrem Glauben, kausal wirksam zu behandeln. Man spricht hier im Fachjargon von einer performativen Täuschung. Die Selbsttäuschung von Patienten und Ärzten verstärkt sich gegenseitig. Und ein guter Arzt wird seinen Patienten Hoffnung machen. Er kann und muss vor den Patienten nur wirksam therapieren. Vom Hoffnung machen für den Patienten ist es aber nur ein kleiner Schritt zum Glauben an eine tatsächliche Wirkung seiner Behandlung auch bei lebensbedrohenden Erkrankungen.

Bekanntestes Beispiel für eine solche „Medizin“ ist die Homöopathie. Die performative Täuschung ist Grundlage und Kennzeichen der Homöopathie. Die homöopathische Art zu arbeiten, ihre Performance begünstigt Selbsttäuschung. Das wirksame therapeutische Schauspiel beginnt mit der Anamnese. Behandelt wird jedes kleine Wehwehchen und entgegen aller Beteuerungen wird die Homöopathie auch bei lebensbedrohenden Erkrankungen anstelle erwiesenermaßen wirksamer medizinischer Behandlung empfohlen. Am Ende „heilen“ Homöopathen ohne Grenzen Ebola mit Zuckerkügelchen in Afrika.

Bis heute fehlt ein valider Wirkungsnachweis. Ja, und es gibt keine Beweise für das Phänomen Homöopathie an sich. Der legendäre Nürnberger Kochsalzversuch anno 1835 und die zahlreichen Metastudien bis heute sind klar negativ. Die Qualität positiver Studien ist meist zweifelhaft und negative Studienergebnisse werden von Homöopathen negiert oder mit eigenwilliger Statistik höchst professionell uminterpretiert. Abgerundet wird mit vorgeblich „wissenschaftlichen“ Erklärungen zur Wirkungsweise der Homöopathie. Diese sind naturwissenschaftlich betrachtet Nonsens. Es wird Science-Fiction-Wirkung erklärt. Derartige Mittel und Methoden lassen sich nicht objektivieren. Die Placebowirkung fußt auch und gerade in der auf Eminenz basierten Medizin und ist damit Bindeglied zwischen Medizin und Pseudomedizin. In der Medizin werden Erfolge und Misserfolge untersucht und aufgeklärt. Das führt zu neuen Erkenntnissen. In der stets dogmatischen Pseudomedizin gibt es nichts aufzuklären. Sie hat daher auch nichts zu unserem heutigen erprobten und bewährten Wissensstand beigetragen. Der alternative Wissensfortschritt ist Null.

Der Zauberstab „Eminenz“ von einst wirkt immer noch

Franz Anton Mesmer machte seinerzeit weiterhin gute Geschäfte. Seine Patientinnen blieben ihm treu. An diesem Szenario hat sich bis heute nichts geändert. Die Therapien und Mittel haben im Laufe der Zeit alle möglichen und unmöglichen Formen angenommen. Magnete und Hochspannungsfunken wurden von Informationen, Bioresonanzen, Quanten und dergleichen Missbrauch von physikalischen Begriffen abgelöst. Die Evidenz für die Wirkung fehlt. Die postulierten Wirkmechanismen stehen im Widerspruch zu allen gesicherten und erprobten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und viele dieser Universalmittel sind darüber hinaus auch gelegentlich schädlich bis akut lebensgefährlich. Der Bogen reicht von unwirksamen energetischen Kuren bis z.B. zur „Germanischen Neuen Medizin“. Die letzten Seiten von Gratiszeitungen und Bezirksblättern sind voll mit Reklame dafür. Einstein ist für eine Gravitationswellentherapie gerade gut genug.

Für eine Unzahl neuerer Mittel und Methoden wird Wirkung mit illustren Persönlichkeiten und eindrucksvoller Reklame erzeugt, ohne irgendwelche validen Beweise für eine Wirksamkeit jenseits Placebo vorlegen zu können. Nahezu die gesamte alternative, komplementäre und ganzheitliche Medizin beruft sich bis heute ausschließlich auf die einmalige Eingebung von Gründern und die positiven Berichte der Behandler und der Behandelten. In entsprechenden Sendeformaten wie Dokumentationen, Gesundheitsbeiträgen usw. erscheinen regelmäßig charismatische Persönlichkeiten und verheißen mit stets verblüffend einfachen Therapien oder Mitteln alles heilen zu können bzw. auch geheilt worden zu sein. Kritik ist dabei wenig gefragt. Sie dient meist nur als Feigenblatt für den Anstrich, kritisch und objektiv zu berichten.

Die Homöopathie des Zeitgenossen Hahnemann überlebte bis heute. Und jeder der will, darf seinem pseudomedizinischen Treiben das Etikett „Homöopathie“ verpassen. Mittlerweile werden auch Tiere, Pflanzen und Weltmeere homöopathisch behandelt. Und auch dagegen haben namhafte Homöopathen nichts einzuwenden. Man heilt und sonst nichts.

Realismus als Chance?

Die Zeichen stehen schlecht. Alles, und sei es auch noch so unsinnig, kann und wird etwa als Medizinprodukt zertifiziert. Das heißt, dass Regeln verbindlich festgelegt werden, nach denen produziert und gearbeitet wird. Die Juristen stört es nicht, ob medizinische Produkte oder Methoden, die auf den Markt kommen, unserem bewährten und erprobten naturwissenschaftlichem Kenntnisstand entsprechen sowie auch nachweislich wirksam und sinnvoll sind. Sie dürfen halt nicht „schädlich“ sein und nur von behördlich befugten Personen verkauft oder angewendet werden. Eine Heilpraktikerin unterscheidet sich von einem afrikanischen Schamanen vor allem durch den Besitz einer Registrierkasse und ihrer Mitgliedschaft in der Wirtschaftskammer. Viele approbierte Ärzte sind diplomierte Homöopathen. Die Grundlagen der Pseudomedizin Homöopathie jedoch sind gleich unsinnig wie die Grundlagen der Energetik. Aber die Ärzte sind Mitglieder der Ärztekammer und Energetiker der Wirtschaftskammer. Dieser Unterschied ist gravierender.

Alle Fakten sprechen gegen die Homöopathie. Sie ist Pseudomedizin, Aberglauben und Big Business im Gesundheitssektor. Homöopathie ist eine lukrative Gesundheitslotterie. Zu gewinnen gibt es nur kleine Placebos. Viele Menschen und besonders junge Mütter und Hebammen verbinden Homöopathie mit biologisch, sanft, natürlich und sehen in ihr eine Ergänzung und auch eine Alternative zur Medizin. Dieses Phänomen können Psychologen erklären und Werbefachleute lassen sich dafür bezahlen. Das lukrative Bauchgefühl fällt nicht vom Himmel.

Die aufgeklärte Gesellschaft muss sich einmal mehr entscheiden, welche Art von Heilung erlaubt ist und dem Patientenschutz in einer zivilisierten Gesellschaft entspricht. Evidenz, Eminenz und auch Pseudo sind für Laien nicht klar erkenntlich getrennt. Will man wirksame Arzneimittel oder Therapien mit nachprüfbarer Wirkung oder ist es auch rechtens, Heilrequisiten für einen volksmedizinischen Aberglauben und Pseudomedizin in Ordinationen und Apotheken anzubieten?

Hahnemann starb am 2. Juli 1843 in Paris.

 


(Der Autor Dr. Edmund Berndt ist Apotheker im Ruhestand und Autor des Buchs „Der Pillendreh. Ein Apotheker packt aus“, Edition Vabene, 2009)

Foto: Susanne Aust für das INH

Was sagt die Physik zur Homöopathie? (Und warum hat sie etwas dazu zu sagen?)

Partikel

Einer der prominentesten Befürworter der Homöopathie, Prof. Dr. Dr. Harald Walach, ehemaliger Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) an der Universität Frankfurt/Oder erklärt: „Homöopathie ist meiner Meinung nach einfach sehr systematisierte Magie“ und „Homöopathie ist zunächst einmal Nichtstun mit Wohlwollen“.

Dieser Erklärung kann ich als Physiker voll zustimmen. Demnach wird bei der Behandlung die Suggestivwirkung des Arztes durch den Glauben an das Medikament unterstützt. Darüber hinaus betrachtet Walach die Homöopathie jedoch keineswegs nur als Placebo, sondern nimmt ihre spezifische Wirksamkeit an, die auf einer „Anomalie“ gegenüber der bisherigen Wissenschaft beruhen soll.

Ich sage als Wissenschaftler grundsätzlich nicht: Das geht nicht, oder das gibt es nicht, sondern ich nehme an, die Gegenseite habe recht. Ich zähle dann, wie viele Nobelpreise im Falle der Richtigkeit fällig wären. Ein Nobelpreis ist fällig, wenn der Entdecker etwas herstellt, das es nach der bisherigen Lehrmeinung gar nicht geben sollte. Beispiel: Es war allgemein akzeptierte Lehrbuchaussage, dass es keine Kristalle mit fünfzähliger Symmetrie gibt. Dann zeigte Dan Shechtman, dass bestimmte Stoffe bei bestimmten Temperaturen doch fünfzählig sind und erhielt den Nobelpreis.

Worin besteht die Spannung zwischen Physik und Homöopathie?

Viele von der Homöopathie bemühte Phänomene fallen in den Bereich der Physik.

  • Succussionsphänomen

Hahnemann nimmt an, dass durch die „Potenzierung“, d.h. stufenweises Verdünnen mit dazwischen geschaltetem Schütteln (lat. succussio) etwas qualitativ anderes entsteht als durch einfaches Verdünnen in einem Zug. Er nennt dies „geistartige Kraft“. Ein derartiges Phänomen ist der heutigen Physik und Chemie unbekannt.

  • Abwesenheitsphänomen

Betrachten wir das häufig verwendete Homöopathikum Belladonna D30. D30 heißt, dass 30 mal 1:10 verdünnt wurde.

Diese Verdünnung entspricht dem Auflösen eines Zuckerstückchens in einer Wassermenge, die in tausend Erdkugeln Platz hat. Vergleichen Sie das Becken, in dem Gläser gespült werden, mit dem Volumen von tausend Erdkugeln, dann verstehen Sie meinen Satz: In keinem Restaurant wird Ihr Glas von den Spuren des vorigen Getränks und des vorigen Trinkers so perfekt befreit, wie ein Fläschchen Belladonna D30 von Belladonna. Wo Belladonna D30 draufsteht, ist kein Belladonna drin. Wichtig für die Homöopathie sind die Präparate in der Potenz C30, weil nach Hahnemann (§ 128 Organon) damit meist die Arzneimittelbilder festgestellt werden. Diese Arzneimittelbilder sind die Grundlage der homöopathischen Therapie. Die Homöopathie steht und fällt also mit der Herstellbarkeit und Wirksamkeit der C30-Präparate. C30 heißt, dass 30 mal 1:100 verdünnt wurde. Hier reicht nicht mehr das Wasser in Erdkugeln, hier kann man nur noch mit Milliarden von Galaxien rechnen.

  • Reinheitsphänomen

Nachdem wir wissen, dass in einem Hochpotenz-Homöopathikum „nichts drin“ ist, stelle ich die umgekehrte Frage: „Was ist drin?“ Was drin ist, sagt das Homöopathische Arzneibuch. Es schreibt vor, dass „gereinigtes Wasser“ und „Alkohol“ zu verwenden sind.

Wasser und Alkohol sind aber keineswegs völlig reine Substanzen. In manchen Gebieten enthält Wasser Kalk, in anderen Eisen. Der Alkohol enthält unterschiedliche Nebenbestandteile, je nachdem, ob er aus Weintrauben, Roggen, Kartoffeln, Reis, Mais, Zuckerrohr usw. hergestellt wurde. Auch die Art der Hefe hat einen Einfluss. Diese Nebenbestandteile werden mitpotenziert. Nach dem Europäischen Arzneibuch darf beim „gereinigten Wasser“ der Verdampfungsrückstand je 100 ml 1 mg betragen. Das entspricht D5. Außerdem darf gereinigtes Wasser je ml 100 Mikroorganismen enthalten.

Beim Alkohol beträgt der erlaubte Verdampfungsrückstand 2,5 mg je 100 ml. Dazu kommen die flüchtigen Bestandteile. Insgesamt darf die Summe der flüchtigen Bestandteile 300 ppm betragen. Das ist mehr als D4. Dies ist kein billiger Schnaps, sondern der Apotheker-Alkohol, mit dem die Homöopathika hergestellt werden.

Der Hersteller wird als Wasser bzw. Alkohol immer die Produkte verwenden, die am billigsten verfügbar sind. Je nach Marktlage ergeben sich so z.B. „Eisen in Kartoffel mit Mikroorganismen aus der Spree“ oder „Kalk in Zuckerrohr mit Mikroorganismen aus der Donau“.

Werden Streukügelchen korrekt nach § 270 Organon hergestellt, sind auch noch die Nebenbestandteile des Milchzuckers und des Fließpapiers enthalten.

Es entstehen somit völlig unterschiedliche Präparate, die nur zwei Dinge gemeinsam haben: Es steht Belladonna drauf. Es ist kein Belladonna drin. Also sind die auf diese Weise ermittelten Arzneibilder und die darauf beruhenden Bücher (materia medica und Repertorienbücher) falsch. Daher formuliere ich meine falsifizierbare These:

Im Hochpotenzbereich arbeiten die Homöopathen nicht nur mit falschen Medikamenten, sondern auch mit falschen Büchern

  • Medizin-Rezeptorenphänomen

Die heutige Medizin geht davon aus, dass die Medikamente als Materie im Körper an bestimmte Rezeptoren andocken. Da C30-Präparate keine Materie der Ausgangssubstanz enthalten, müsste der Körper über irgendwelche Sensoren für die „geistartige Kraft“ verfügen. Diese sind der heutigen Medizin unbekannt.

Dr. Ulrike Keim, Dozentin für Homöopathie im IntraG, hat das Arzneimittelbild von Marmor ermittelt, und zwar korrekt nach Hahnemann in der Potenz C30. Sie hat festgestellt, dass Marmor C30 Träume von Feen hervorruft.

Hierdurch ist der Weg zu einer Revolution von Physik, Chemie und Medizin frei. Ich habe mehrfach zu einer Reproduktion des Ergebnisses aufgerufen. Bei Erfolg sind die zugehörigen Nobelpreise fällig und Frankfurt (Oder) geht in die Geschichte der Wissenschaft ein wie Berlin-Dahlem durch die Entdeckung der Kernspaltung.

Zur Verdeutlichung: Wenn die Hochpotenzen keine für die Ausgangssubstanz spezifische Wirkung haben, können die Homöopathie-Pharmafirmen ihre Fabriken zuschließen. Man braucht nur noch ein großes Fass mit Lösungsmittel, aus dem man die Fläschchen ohne Etikett abfüllt. Je nach Verordnung des Arztes druckt dann der Apotheker das Etikett mit Natrium muriaticum D60 oder Luesinum C200. Das wirkt durch „Nichtstun mit Wohlwollen“.

Das Argument der falschen Bücher ist unabhängig vom Placebo-Effekt und trifft die Homöopathie ins Mark. Wenn meine These falsch ist, dann muss die Physik stärker geändert werden als durch Planck und Einstein, die Medizin stärker als durch Semmelweis und Koch – und zahlreiche Nobelpreise sind fällig.

Ich schreibe bewusst: „stärker geändert werden als durch …“. Planck und Einstein haben die Physik der Phänomene, die sie vorgefunden haben, nicht verändert; Dampfmaschine und Elektromotor funktionieren noch genauso wie vorher. Sie haben das Anwendungsgebiet der Physik erweitert auf Phänomene, die man vorher gar nicht herstellen konnte, weil man nicht die Geräte dafür hatte. Planck erweiterte die Physik auf die ganz kleinen Phänomene, Einstein auf die ganz großen.

Im Falle der Homöopathie sollen Phänomene auftreten, die seit 200 Jahren durch einfaches Verdünnen und Schütteln in jeder Apotheke hergestellt werden können. Wenn diese erklärt werden sollten, müsste die Physik stärker geändert werden als durch Planck und Einstein. Semmelweis hat gelehrt, dass an Leichen gebildete Stoffe Kindbettfieber verursachen; Koch hat gelehrt, dass einige Bakterien Krankheiten hervorrufen. In jedem Fall handelt es sich um die Wirkung von Materie. Bei der Homöopathie handelt es sich jedoch nicht um Materie, sondern nach § 128 Organon um „schlafend gelegne Kräfte“ oder in heutiger Ausdrucksweise um „Information“ oder „Schwingung“. Sollten diese auf den Menschen wirken können, müsste die Medizin stärker geändert werden als durch Semmelweis und Koch.

Die obigen Ausführungen bezogen sich auf den Mechanismus der Homöopathie. Wie steht es mit ihrem Wirkungsnachweis?

Hier argumentieren Befürworter und Kritiker der Homöopathie mit aufwändigen Studien und Metastudien, die sie mit großem Aufwand an Wissenschaftslogik und Statistik unterschiedlich interpretieren. Ich sehe die Sache einfacher:

Gibt es Beweise für die Wirksamkeit der Homöopathie? Das frage ich nicht die Skeptiker, sondern drei Wissenschaftler, die sich in einer sehr homöopathiefreundlichen Umgebung befinden:

  1. Die Carstens-Stiftung hat an der Charité in Berlin einen Stiftungslehrstuhl eingerichtet. Sie finanzierte für fünf Jahre eine Professur. Diese Professur hatte Claudia Witt, die in ihrer Habilitationsschrift feststellt: „Ein eindeutiger Wirknachweis homöopathischer Arzneimittel und die Formulierung eines Wirkmechanismus der homöopathischen Potenzen liegen bis heute nicht vor.“. Das ist ein Satz wie ein Hammerschlag. Offenbar haben weder die beiden Berichtenden, noch der Institutsdirektor Prof. Willich diesen Satz beanstandet.
  2. Vier Jahre später schreiben Witt und Willich in einer gemeinsamen Erklärung: „Bisher ist nicht eindeutig belegt, dass sich homöopathische Arzneimittel von Placebo unterscheiden.“. Ich gehe davon aus, dass Witt und Willich kompetente Wissenschaftler sind. Sie wissen, dass ein Wirkungsnachweis der Homöopathie die heutige Wissenschaft radikal umwerfen würde. Sie behaupten nichts dergleichen.
  3. Witt bedankt sich beim Dipl.-Statistiker Rainer Lüdtke, der jetzt beim Stifterverband für die deutsche Wissenschaft tätig ist. Bis 2011 hat er 18 Jahre lang für die Carstens-Stiftung gearbeitet. Er hat zahlreiche Studien über die Homöopathie, auch Dissertationen, wissenschaftlich begleitet. Vermutlich ist er derjenige mit dem größten Überblick über die Studienlage. Man könnte also erwarten, dass er sagt: „In der Studie X haben wir die Wirksamkeit der Homöopathie zweifelsfrei festgestellt und warten jetzt auf die Nobelpreise.“. Weit gefehlt! Was tut Lüdtke nach 18 Jahren bei der Carstens-Stiftung? Er schreibt in der von ihm mit herausgegebenen Zeitschrift „Forschende Komplementärmedizin“ ein Editorial, in dem er darüber nachdenkt, auf welche Weise Placebo-Effekte entstehen. Nach 18 Jahren Nachdenkens über Placebo – das ist wohl das Schlimmste, was man über Homöopathie sagen kann. Kurz: Wenn selbst Witt, Willich und Lüdtke keinen Wirkungsnachweis der Homöopathie gefunden haben, dann gibt es (bisher) keinen!

(Autor: Prof. Dr.-Ing. Martin Lambeck ist Physiker und Autor des Buches „Irrt die Physik“, C. H. Beck-Verlag, 2015)

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Foto: Wikipedia Commons Lucas Taylor/CERN

Warum nennen wir die Homöopathie Pseudo- und nicht länger Alternativmedizin?

Nach einer Alternative zu unserem oft so zeitknappen, oft emphatielosen medizinischen Alltag sehnen sich – zu Recht! – viele Patienten. Wer möchte sich schon gerne als Nummer behandelt fühlen oder mit seinen persönlichen Sorgen in Bezug auf eine medizinische Diagnose alleine gelassen werden? Und wer sucht nicht nach einem guten Weg, nicht bei jeder Bagatelle zum Arzt laufen zu müssen, um dort womöglich erst mal im Wartezimmer die Viren der Saison aufzuschnappen? Wer möchte nicht gerne bei sich und seinen Kindern Nebenwirkungen vermeiden? Wer würde nicht zu sanften, natürlichen Mitteln greifen wollen, wenn er damit seine Gesundheit erhalten kann und vielleicht sogar einer Krankheit vorbeugt? Alle diese Punkte (und es gibt bestimmt noch eine ganze Reihe weiterer) sind absolut verständlich, nachvollziehbar und menschlich. Alle diese Fragen suchen nach einer Antwort.

Doch die Homöopathie ist nicht die richtige Antwort. Zwar suggeriert die Homöopathie seit vielen Jahren, dass sie diese Fragen beantworten kann. In jeder Werbung finden die Worte „sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei“ ihren Platz. In jeder Selbstbeschreibung erzählt der Homöopath, dass er „die Wurzel“ einer Erkrankung angehen kann, dass er die Selbstheilungskraft des Körpers aktiviert, dass seine Mittel genau auf den Patienten und seine individuelle Geschichte zugeschnitten sind. Ein Traum. Ja, aber eben genau das. Es ist nämlich einfach nicht wahr.

Das Beste, was die Homöopathie zu bieten hat, ist die Zeit. Während ein Patient beim Homöopathen zu Gast ist oder seine Symptome wieder und wieder selbst repertorisiert, heilt sein Körper sich selbst. Das ist aber nun auch wieder fatal, denn beim Patienten und auch beim Homöopathen etabliert sich der Glaube, es habe an der Homöopathie gelegen, dass die Beschwerden besser wurden. Die Alternativbehandlung scheint gelungen. Scheint.

Die Homöopathie verspricht mehr, als sie halten kann

Denn wir wissen heute sehr genau, dass gar keine wirkliche Behandlung stattgefunden hat, es ist einfach Zeit vergangen. Möglicherweise haben die warme Atmosphäre und die Mystik, die die Homöopathie umwabert, noch ein Fitzelchen dazu beigetragen, dass es dem Patienten besser geht. Oder auch die Möglichkeit, selbst Handhabe über seine Erkrankung zu haben oder über die der eigenen Kinder. Aber wir wissen ganz genau, dass es nicht die kausale Wirkung der Globuli war. Das Nichts kann nichts bewirken. Wir wissen auch, dass der Glaube daran, dass einem geholfen werden würde, einiges bewirkt. Das aber tritt bei jeder Therapie auf, dazu brauchen wir keine „alternative“ Behandlungsmethode.

Aber warum lassen wir es mit dieser Aufdeckung nicht einfach gut sein? Warum wollen wir in unserem Informationsnetzwerk Homöopathie den Begriff „Pseudomedizin“ prägen?

Weil es die Homöopathie damit nicht genug sein lässt. Sie sagt ja nicht etwa: Wir leben von dem Glauben und dem Vertrauen, die uns die Patienten schenken, wir leben von der vergangenen Zeit und anderen kleineren Faktoren, die der Psychologie zuzuordnen sind. Sie behauptet Dinge, die grottenfalsch sind:

  • dass Stoffe in Abwesenheit eine Wirkung entfalten könnten,
  • dass Nanopartikel oder Quantenphysik das erklären würden,
  • dass Schütteln Energie von Stoffen auf Wasser übertragen könne und von da aus wieder auf Globuli,
  • dass die Wirkung in den Globuli immer noch vorhanden sei, wenn das Wasser verdunstet,
  • dass es nicht die Gespräche seien, die helfen, sondern tatsächlich die Wirkung der Globuli-Energie,
  • dass es eine Wirkung der Globuli über Placeboniveau hinaus gäbe,
  • dass es Studien gäbe, die das eindeutig und unzweifelhaft zeigten,
  • dass sie – im Gegensatz zur Wissenschaft, die immer nur herumzweifle – dies alles belegen könnten (weil man es ja erfahren könne).

Es gibt und braucht keine Alternative zu wirksamer Medizin

Hier wird ein völlig falscher Eindruck erweckt. Und es wird versucht, der Homöopathie einen seriösen, medizinischen Anstrich zu geben. Einen wissenschaftlich belegten Eindruck zu hinterlassen. Doch wir wissen längst, dass die Homöopathie nicht Teil der Medizin, als Teil der Wissenschaft, sein kann. Und dass sie sicher auch keine Alternative dazu ist (was soll „eine Alternative“ zu nachgewiesen wirksamer Medizin überhaupt sein?). Es gibt und braucht keine Alternative zu wirksamer Medizin. Kann eine Methode ihre Wirksamkeit belegen, so wird sie in die Medizin aufgenommen und innerhalb derselben angewendet. Die Homöopathie hat es in ca. 200 Jahren nicht geschafft, ihre Wirksamkeit zu belegen. Sie stützt sich stattdessen auf wissenschaftliche Assoziationen und eine große Beliebtheit in der Bevölkerung. Die Beliebtheit resultiert aber eben nicht aus der tatsächlichen Wirksamkeit der Homöopathie, sondern vielmehr aus den Verheißungen, denen man als verzweifelter, hilfesuchender Patienten so gerne Glauben schenken möchte. Die Begriffe Alternativmedizin, Komplementärmedizin oder Integrativmedizin suggerieren, dass hier mehr Hilfe möglich ist, als mit wirksamer Medizin. Wie aber sollte das möglich sein?

Pseudomedizin hilft Patienten nicht

Weil dieses Missverhältnis zwischen Anpreisung und Einlösen des Heilsversprechens aber noch kaum bekannt ist, möchten wir mit dem krasseren Begriff „Pseudomedizin“ deutlich machen, dass die Homöopathie keine „Alternative“ ist. Wir möchten Patienten klar machen, dass sie bei der Homöopathie nicht das bekommen, wonach es sich erst mal anfühlt und als das es gut vermarktet wird. Im schlimmsten Fall unterbleiben wirklich sinnvolle Alternativen. Auch wenn diese manchmal nur aus Abwarten und Tee-Trinken und einem schönen Buch bestehen. Manchmal kann es auch ein Gespräch mit der besten Freundin sein oder eine professionelle Unterstützung durch eine Psychologin. Manchmal ist es auch ein anderer Arzt, bei dem die Chemie besser stimmt – sprichwörtlich und medikamentös. Das wissen sogar die Kassen – und ermöglichen heute einen problemlosen Arztwechsel.

(Autor: Dr. med. Natalie Grams)


Lesen Sie dazu auch: „Gibt es „mehrere Medizinen“? Alternativ, komplementär, integrativ…


Foto: Wikipedia Commons Strobridge Litho. Co., Cincinnati & New York

Miasmen in der Homöopathie – damals und heute

Psora + Sykose + ererbte Sykose + Tuberkulinie + Lepröses Miasma+Syphilis + Akutes Miasma + Typhus + Ringwurm + Spiegelmiasma + Skrophulose + Egolyse + Miasmensplitting + Egotropie + primäre Psora + Überfunktion+Pseudopsora+Haltepunkt + Krätze + Carcinogenie  –
Miasmatische Begrifflichkeiten von damals bis heute

Der Begriff Miasma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Befleckung“ (oder „Verunreinigung“)

In der klassischen Medizin, lange bevor man über Viren und andere Mikrooganismen als Krankheitserreger Bescheid wusste, verstand man darunter Ausdünstungen und üble Gerüche, die als Ursache für Krankheiten angesehen wurden. Diese Lehre gilt heute als überholt, sie hat aber durchaus zu richtigen Schlussfolgerungen geführt. Das Trockenlegen von Sümpfen, um den Gestank der Faulgase zu unterbinden, hat auch den Mücken als Krankheitserreger die Brutgebiete entzogen. Das Absondern der übel riechenden Pestkranken hat auch das Risiko der weiteren Ausbreitung gemindert.

Bei Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, hatte jedoch der Begriff des Miasmas eine ganz andere Bedeutung. Er verstand hierunter die tieferen Ursachen für chronische Krankheiten, die er mit seinem normalen Verfahren der Homöopathie nicht heilen konnte. Als Ursache für das Versagen nahm Hahnemann an, dass es tiefer sitzende Überbleibsel älterer nicht ausgeheilter ‚Urübel‘ gab, eben die Miasmen, die sich nicht durch die äußere Symptomatik erkennen ließen. Diese hielt er sogar für vererbbar.

„Obwohl (…) heutigen Homöopathen der derzeitige wissenschaftliche Stand der Medizin bekannt ist, sprechen (sie) heute noch von „Miasmen“, wenn (sie) bestimmte Phänomene meinen, die in der homöopathischen Praxis beobachtet werden. Homöopathen, die das Werkzeug „Miasmatik“ in ihrem Werkzeugkasten haben, sehen, dass viele Beschwerden auf eine oder mehrere andere verborgene Ursachen zurückgeführt werden müssen.“ (Quelle)

Was stimmt an dieser Aussage der Homöopathie?

Der Fehler begann als gute Idee bei Hahnemann

Beginnen wir bei Hahnemann. Seine letzte wichtige Veröffentlichung, „Die chronischen Krankheiten“, wirkt auf den ersten Blick wie das Spätwerk eines mittlerweile verbitterten Greises. Dieses Bild verflüchtigt sich aber, wenn man sich näher mit dem Text beschäftigt. Man kann darin ein Paradebeispiel dafür sehen, dass man trotz einigermaßen folgerichtiger Ideen und Überlegungen zu falschen Schlussfolgerungen gelangen kann. Für seine Zeit waren die Erkenntnisse Hahnemanns beachtlich und innovativ! Auch stand er mit seiner Sichtweise der chronischen Krankheiten der modernen Medizin und Naturwissenschaft wesentlich näher, als seine heutigen Nachfolger, welche die Lehre von den chronischen Krankheiten „weiterentwickelt“ haben und immer noch nutzen (trotz besseren Wissens).
Hahnemann war bekannt, dass viele Krankheiten „durch etwas“ übertragen werden, also z.B. durch den Kontakt oder die Nähe zu einem Erkrankten oder einer anderen Infektionsquelle, einem tollwütigen Hund zum Beispiel. Er konnte also durchaus feststellen, dass eine – mit seinen Mitteln – nicht mehr feststellbare winzige Menge eines unbekannten Giftes zu erheblichen Beeinträchtigungen und Krankheitserscheinungen führen kann. Warum sollen dann nicht winzigste Mengen eines Heilmittels ebenfalls umfassende Wirkung zeigen können? Die Genese einer Infektionskrankheit, die Vermehrung der Erreger im Körper des Betroffenen, blieben ihm ja mangels Mikroskop verborgen. Hahnemanns Forderung, seine Medikamente in möglichst kleinen Gaben zu verabreichen, ist daher nicht so abstrus, wie es uns heute zunächst erscheint.
Hahnemann hatte durchaus richtig beobachtet, dass es Beschwerden gab, die sich oberflächlich durch Symptome auf der Hautoberfläche äußerten, aber nicht durch ein Behandeln dieser Symptome heilbar waren. Das ist das Bild, das wir auch heute von einigen Infektionskrankheiten haben, wie z. B. Masern, Windpocken etc.
Hahnemann tat das, was ein Wissenschaftler zu seiner Zeit machen musste: Er beobachtete „die Natur“ und leitete daraus seine Erkenntnisse ab. Er beobachtete also tatsächlich Phänomene – und erklärte sie im Rahmen seiner Möglichkeiten. So weit, so gut. Doch er machte einen Fehler.

Ende der Homöopathie bei chronischen Krankheiten fehlgedeutet

Zunächst ist zu bedenken, dass Hahnemann unter einer „chronischen Krankheit“ sicher nicht das Gleiche verstand wie wir heute, sondern es sich einfach um Symptome handelte, die er mit seiner normalen Vorgehensweise nicht erfolgreich behandeln konnte. Chronische Krankheiten waren also alle diejenigen, die sich der Homöopathie widersetzten.
Er sah an diesem Punkt aber nicht etwa, dass seine Homöopathie wohl nicht wirklich heilen konnte, sondern entspann eine Theorie: wonach etwas die Wirkung verhindern würde!
Im Kernpunkt führt er die chronischen Erkrankungen des Menschen, und zwar alle, ohne Ausnahme, auf drei Urübel zurück: Die Syphilis (Geschlechtskrankheit), die Sykosis („Feigwarze“, ebenfalls sexuell übertragbare Krankheit) und die Psora („Krätze“).
Aus seinen Beobachtungen leitete Hahnemann das Vorgehen bei der Behandlung dahingehend ab, dass bei der „miasmatischen Behandlung“ zunächst die Natur der inneren verborgenen Krankheit in Erfahrung gebracht werden müsse, also im Anamnesegespräch frühere Infektionen herausgearbeitet werden müssen. Die homöopathische Behandlung muss sich zunächst auf diese innere Krankheit beschränken. Das vorzeitige Beseitigen der äußeren Hautbeschwerden nähme der inneren Krankheit nur das Ventil, woraufhin sich diese noch viel grässlicherer Ausdrucksmittel bedienen würde. Wenn man unter Hahnemanns Miasma eine unbehandelte Infektionskrankheit versteht, dann klingt die obige Behandlungsvorschrift auch aus heutiger Sicht gar nicht so unsinnig. Hätte er anstelle seiner Kügelchen Antibiotika verwendet – die gab es aber erst ein paar Dutzend Jahre später – wäre die Vorgehensweise durchaus erfolgsversprechend.
Hahnemann hatte aber nun mal nur seine Homöopathie eingesetzt. Unwahrscheinlich, dass er damit tatsächlich eine Syphilis-Infektion erfolgreich behandelt haben könnte. Das hatte ihn aber nicht von seinen Vorstellungen abgebracht, denn er nahm gleichzeitig an, dass eine Krankheit um so schwieriger zu behandeln sei, je länger sie bereits andauerte. Und eine zwanzig oder dreißig Jahre alte Infektion zu beseitigen, muss daher fast unmöglich gewesen sein, insbesondere, wenn der Patient durch Fehlbehandlungen seitens der Allopathen „verpfuscht“ worden war. Wenn also eine Heilung einer miasmatischen Erkrankung nicht gelang, dann lag das an der Hartnäckigkeit der Krankheit, nicht an den Mängeln der Therapie. So weit verfügte Hahnemann aus seiner Sicht über ein durchaus stimmiges Weltbild, das in manchen Aspekten erstaunlich gut mit dem heutigen Kenntnisstand über Infektionen übereinstimmt.
Hahnemann hatte also aus seinen Beobachtungen durchaus eine folgerichtige Induktion aufgebaut – und sich dennoch geirrt. Es ist einfach nicht zutreffend, dass alle Beschwerden, die sich nicht auf Anhieb mit der Homöopathie behandeln lassen, auf drei Haut- und Geschlechtskrankheiten zurückzuführen sind. Auch wenn man unterstellt, dass die Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern mit ähnlicher Symptomatik nicht unbedingt klar und deutlich war.

Wie hätte man diesen Irrtum feststellen können?

In der Wissenschaft ist die Induktion, also die Schlussfolgerung von Beobachtungen auf vermutete Gesetzmäßigkeiten, ein wichtiger Schritt. Aber wie man sieht, man kann da auch in die Irre gehen, wenn man die Zusammenhänge falsch einschätzt. Daher ist es wichtig – und heute üblich -, die abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten in einem zweiten Schritt zu überprüfen und das Ergebnis später zu veröffentlichen und so der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Diskussion zu stellen.
Die Aussage, dass die chronischen Beschwerden von den drei betrachteten Krankheiten verursacht werden, kann auf zwei Weisen falsifiziert werden:

  • Treten chronische Beschwerden auch bei Menschen auf, die keine entsprechende Krankengeschichte aufweisen?
    Damit hätte man herausfinden können, dass es auch chronische Krankheiten gibt, die eine andere Ursache haben und hätte daraufhin die Ursachenforschung erweitern können.
  • Treten in allen Fällen, in denen eine der als Ursache angenommenen Infektionen nur äußerlich behandelt wurde, die chronischen Beschwerden auf?
    Dies hätte die Behandlungsstrategie verbessern können. Beispielsweise hätte sich gezeigt, dass die Krätze tatsächlich nur eine durch Milben verursachte, auf die Haut beschränkte, Erscheinung ist.

Lassen wir dabei einmal außer Acht, dass ein Studiendesign, das dieses untersuchen könnte und dabei gleichzeitig mit ethischen Gesichtspunkten vereinbar wäre, nur schwierig zu realisieren sein dürfte. Hier geht es lediglich darum, aufzuzeigen, wie die Wissenschaft sicherstellt, dass Fehlschlüsse, wie sie hier Hahnemann unterlaufen sind, ausgeschlossen werden. Wie man sieht, versucht man die gefundene Regel zu widerlegen, indem man untersucht, ob das Gegenteil zutreffend sein könnte. Widersprüche führen zu einer Überprüfung der Regel. Hier hätte sich ein weites Feld aufgetan, aber dieses Vorgehen war nicht üblich.

Die miasmatische Behandlung heute

Es scheint gerechtfertigt, die Miasmen Hahnemanns als eine Bezeichnung für das im Inneren des Körpers ablaufende Geschehen bei einer unbehandelten und fortbestehenden Infektion zu verstehen. Dann wäre diese Vokabel mit den zunehmenden Kenntnissen über virale und bakterielle Infektionskrankheiten in der Vergangenheit überflüssig geworden. Auch sind heute viele chronische Krankheiten zumindest so weit bekannt, dass sie ihre Ursache nicht in früheren Infektionen haben (Rheuma, Diabetes, COPD etc.). Dennoch lebt das Miasma und seine Behandlung in der homöopathischen Literatur fort und wird quasi, wie im Eingangszitat erwähnt, als Parallelwissen zum heutigen Kenntnisstand gehandelt.

Es gibt jedoch bis heute keine einheitliche Definition von Miasmen oder eine allgemein gültige/akzeptierte Einteilung. Miasmen gibt es nach Hahnemann, Gienow, Sankaran, Scholten, Masi-Elizalde, Sanchez-Ortega, Burnett, Allen, Sonnenschmidt, Laborde, Vijayakar, Banergea, Banerjee und vielen anderen mehr. Dabei werden zwischen 3 und 12 Miasmen unterschieden. Gewisse Miasmen selbst scheinen vollständig in das Reich der Esoterik abgedriftet zu sein. Bei den Homöopathen sind also vielerlei unterschiedliche Verfahren als „miasmatische Behandlung“ bekannt. Zu stören scheint das nicht. Alle beobachten natürlich „Phänomene“ und alle berichten von Heilerfolgen – aber nicht von eklatanten Widersprüchen.

Damals interessant – heute falsch und dogmatisch

Man kann Hahnemann zugestehen, in der Natur zumindest einiger chronischer Beschwerden gar nicht so falsch gelegen zu haben und nur durch die beschränkten Möglichkeiten seiner Zeit zwangsläufig in seinen Irrtümern gefangen geblieben zu sein. Also in seinem Erkenntnisprozess durchaus einen richtigen Weg eingeschlagen zu haben, dabei allerdings in einem frühen Stadium verblieben zu sein.
Für seine Nachfolger, insbesondere die modernen, die Miasmentheorie bearbeitenden Homöopathen wie Masi-Elizalde (1933-2003), Sankaran (* 1960) oder Gienow (*1960), gilt diese wohlwollende Betrachtung ausdrücklich nicht. Sie könnten besser wissen, dass 1. die Miasmentheorie widerlegt und durch besseres Wissen ersetzt ist und dass wir 2. alle möglichen Phänomene nach Art einer self-fulfilling-prophecy irgendwie erklärbar machen können. Nur, im Gegensatz zu Hahnemann, haben wir heute Möglichkeiten mit Hilfe der Wissenschaft, dabei Fehler und Fehlwahrnehmungen aufzuspüren und zu korrigieren. Diesem Vorgehen verweigern sich Homöopathen jedoch konsequent und bleiben lieber in ihrer Luftblase aus Ideen von vor 200 Jahren gefangen. Der Wissenschaft allerdings werfen sie vor, sie möge doch auch „endlich mal über ihren Tellerrand hinaus schauen“.


(Autoren: Dr. Norbert Aust, Dr. med. Natalie Grams)

Mehr zum Thema Miasmen und zur Sicht der homöopathischen Szene auf die Miasmenlehre auch hier.

Foto: Wikipedia Commons The Yorck Project/Directmedia Publishing GmbH (Gemälde: Pietro Longhi)

Wissenschaft und Studien in Medizin und Pseudomedizin

Tatsächlich glauben Arzt und Patient nur, eine „Heilung“ oder zumindest eine „Besserung“ zu sehen. Das kann stimmen, aber auch ebenso falsch sein. Gerade chronische Krankheiten mit ihrem Auf und Ab gaukeln unter Umständen nur eine Verbesserung vor. Auch können sich Arzt und Patient täuschen. Schließlich stehen beide unter einem gewissen Erfolgsdruck und sehen vielleicht Verbesserungen, wo gar keine sind. Vielleicht traut sich der Patient auch nicht, sich und dem Arzt einzugestehen, dass es ihm gar nicht besser geht.

Wenn tatsächlich eine Verbesserung eingetreten ist, kann es auch dafür prinzipiell zwei Gründe geben: Die Verbesserung geht ursächlich auf die Behandlung zurück, oder sie erfolgte bloß zeitnah, aber unabhängig vom Tun des Arztes, weil der Patient auch ganz von alleine wieder gesund geworden ist. Man sollte meinen, das zu unterscheiden, könne nicht so schwer sein. Dass dies jedoch eine der größten Herausforderungen der Medizin ist, lehrt allein schon ein Blick in die Geschichte, die reich ist an Torturen, die irrtümlich für Kuren gehalten wurden.

Im besten Glauben

Warum es uns so schwerfällt, ursächlich zusammenhängende von zeitnahen Ereignissen zu unterscheiden, lässt sich leicht beantworten: weil der menschliche Geist darauf getrimmt ist, Ursachen zu erkennen. Er ist wie versessen darauf, „eins und eins zusammenzuzählen“, „den gesunden Menschenverstand einzuschalten“ und so weiter. Der Kombinationsakrobat Mensch ist, wie manche sagen, „credoman“. Er sucht für alles eine Erklärung und je einfacher sie ist, desto besser. Diese Eigenschaft war ganz sicher einer seiner Trümpfe im Spiel der Evolution. Durch sie konnte er das Feuer zähmen, Tiere fangen und Werkzeuge erfinden und sie hilft ihm auch dabei, seinen Alltag im 21. Jahrhundert zu meistern. Doch die Credomanie hat auch ihre Schattenseiten: Sie steht dem Menschen immer dann im Weg, wenn die Dinge nicht so offensichtlich sind, oder – noch schlimmer – wenn sie nur offensichtlich zu sein scheinen. Sehr oft, wenn zwei Ereignisse gleichzeitig oder kurz nacheinander auftreten, tappt er blindlings in die Erklärungsfalle. Wie aus einem inneren Zwang heraus glaubt der Mensch, dass zeitlich nahe Ereignisse auch ursächlich zusammenhängen. Er setzt, wie es mit Fachtermini heißt, Koinzidenz mit Kausalität gleich.

Inzwischen weiß man, dass auf die persönliche Erfahrung, den Augenschein und die Plausibilität kein Verlass ist. In seiner Credomanie biegt sich der Mensch die Wirklichkeit zurecht, man könnte sagen, er macht sie zu seiner Wirklichkeit.

Die Regeln der evidenzbasierten Medizin

Solche Selbsttäuschungen ausschließen können nur wissenschaftliche Studien. Nur sie können klären, ob zwei Ereignisse – etwa das Schlucken einer Pille und die Heilung – wirklich kausal zusammenhängen. Dass also das erste Ereignis, das Pillenschlucken, die Ursache für das zweite Ereignis, die Heilung, ist. Doch Vorsicht: Studie ist nicht gleich Studie. Damit eine Untersuchung wirklich aussagekräftig ist, muss sie bestimmten Regeln folgen. Diese Regeln sind so etwas wie Präzisionswerkzeuge, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten unter dem Namen „Evidenzbasierte Medizin“ (EbM) die Heilkunst revolutioniert haben:

    • Ein Verfahren, gemeint ist hier eine Methode oder ein Medikament, muss in Studien mit ausreichend vielen Patienten untersucht werden.
    • In diesen Studien muss das Verfahren mit etwas anderem verglichen werden, im Idealfall mit einem wirkungslosen Kontrollverfahren.
    • Probanden dürfen dabei nicht selbst entscheiden, ob sie der Behandlungs- oder der Kontrollgruppe angehören wollen, sondern sie müssen per Zufall zugeteilt werden, damit die Gruppen wirklich gleich sind.
    • Weder Ärzte noch Patienten dürfen erkennen können, wer das eigentliche Verfahren und wer das Kontrollverfahren bekommt.
    • Nach einem angemessenen Zeitraum sollen vorher festgelegte Parameter ermittelt werden, die auf eine Wirkung der Behandlung schließen lassen.

Diese Regeln sind heute von allen medizinischen Fachgesellschaften als der sogenannte Goldstandard akzeptiert. Die Studien heißen RCTs, nach „randomized controlled trial“, oder auf Deutsch „kontrollierte Studien mit zufällig zugewiesenen Probanden“.

Über die Grenzen klinischer Studien

Soweit die Theorie. In der Praxis treten vielfache Schwierigkeiten auf: Nicht immer sind RCTs möglich und bei weitem nicht alle RCTs sind wirklich zuverlässig, obwohl sie formal den Kriterien genügen. Auch wenn der Begriff „Studie“, gerade in der Öffentlichkeit, häufig mit „Beweis“ gleichgesetzt wird, muss man zwei Aspekte genauer betrachten, um beurteilen zu können, wie aussagekräftig eine Studie wirklich ist: Zum einen, welche formalen Kriterien die Studie erfüllt und zum anderen, wie gut die Studie dann ausgeführt ist. Zum Vergleich: Nicht jedes Hotel ist eine Luxusherberge. Es muss dafür zum einen die formalen Kriterien erfüllen, um sich die nötigen Sterne zu verdienen und es muss zum anderen so gut geführt sein, wie man es von einem Luxushotel erwarten darf. Die Verfechter der EbM wissen um diese Schwierigkeiten und so erheben sie nicht den Anspruch, die Wahrheit zu verkünden, jedoch das beste Werkzeug zu besitzen, um der Wahrheit möglichst nahezukommen.

Es gibt noch eine weitere Schwierigkeit: Nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin ist es wesentlich schwieriger und aufwändiger, manche sagen auch unmöglich, in einer Studie die Unwirksamkeit eines Verfahrens oder einer Arznei zu belegen, als deren Wirksamkeit nicht zu belegen. So, wie es schwierig ist, zu zeigen, dass eine bestimmte Schmetterlingsart ausgestorben ist, aber einfach zu beweisen, dass sie nicht ausgestorben ist, weil man dafür nur ein einziges Exemplar finden muss.

Was heißt denn schon bewiesen?

Für die Medizin ist der Unterschied gewaltig: Wenn die „Unwirksamkeit überzeugend belegt“ ist, darf man sagen: Es ist bewiesen, dass das Verfahren nicht wirkt. Es erübrigen sich alle weiteren Versuche und der Fall ist abgeschlossen. Wenn jedoch die „Wirksamkeit nicht belegt“ ist, darf man nur sagen: Es ist nicht bewiesen, dass das Verfahren wirkt. Weitere Versuche sind notwendig und der Fall ist nach wie vor offen. Aus einem „Wirksamkeit nicht belegt“ wird dann in weiteren Publikationen leicht ein „Wirksamkeit noch nicht eindeutig belegt“, sodass am Ende beim Laien – trotz negativer Studienergebnisse – die Botschaft ankommt: Der endgültige Beweis für die Wirksamkeit ist eigentlich nur noch Formsache – so läuft es derzeit bei der Homöopathie.

Tücken der Statistik

Es gibt noch ein Problem: Rein statistisch ist irgendwann ein positives Ergebnis zu erwarten. Unterschiede im Ergebnis zwischen der Behandlungs- und der Kontrollgruppe werden als „statistisch signifikant“ definiert, wenn die statistische Auswertung eine mehr als 95%ige Wahrscheinlichkeit ergibt, dass der Unterschied nicht zufällig, sondern eine Folge der Behandlung ist. So werden 5 von 100 Studien „statistisch signifikant positive“ Ergebnisse bringen, obwohl diese doch zufällig sind.

Diese Probleme zeigen, dass auch die besten medizinischen Studien eine gewisse Fehleranfälligkeit besitzen. Dennoch lässt die EbM keine anderen Erkenntnismöglichkeiten gelten. Selbst Naturgesetze und andere sichere Erkenntnisse werden ausgeblendet. Es gehört zu den ehernen Prinzipien der EbM, nicht danach zu fragen, wie etwas wirkt, sondern nur, ob es wirkt. Die Folge: Es werden selbst Verfahren wie das Verabreichen homöopathischer Arzneimittel, die aufgrund sicherer physikalischer, chemischer, pharmakologischer und physiologischer Erkenntnisse nicht spezifisch wirken können, in klinischen Studien untersucht. Die oben erläuterte Fehleranfälligkeit klinischer Studien macht deutlich, warum es dabei zu scheinbar positiven Ergebnissen kommt, ja sogar kommen muss. Was zu großer Verwirrung führt – aber nicht zu einem Ende der Diskussion. Denn eines konnte die Homöopathie bisher nicht sauber belegen – dass sie eine Placebo-Überlegenheit hat.

(Autor: Dr. Christian Weymayr)

Größtenteils übernommen aus dem Kapitel „Wissenschaft“ in „Die Homöopathie-Lüge“ (Weymayr, Heißmann; Piper, 2012).


Mehr zu wissenschaftlichen Studien und ihrer Einordnung:

Was bedeutet schon bewiesen?

FAQ 11 – Aber es gibt doch Studien, die zeigen, dass Homöopathie wirkt!

FAQ 12 – Studien kann man doch eh nicht trauen…

Kritik an der Homöoapathiekritik II – „Positive Studien fehlen“


Bild von Harish Sharma auf Pixabay

Homöopathie ist Esoterik

Das Bild zeigt als Allegorie auf das Artikelthema Esoterik die trankmischende Medea auf einem Gemalde von John William Waterhouse
Medea – Gemälde von John William Waterhouse

Der Begriff Esoterik entstammt dem altgriechischen „ἐσωτερικός“, was so viel wie „nach innen gerichtet“ bedeutet. Esoterik galt einst als Geheimlehre, die aber längst in der alternativen Glaubensszene überall anzutreffen und der Allgemeinheit zugänglich ist.

Heutzutage wird unter Esoterik praktisch jede Disziplin verstanden, die weder empirisch noch rational überprüfbar ist und daher nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt – ihnen zum Großteil auch widerspricht – und sich mit mythischen und spirituellen Themen befasst. Esoterik und Okkultismus (lat. „occultus“ = verborgen, geheimnisvoll, dunkel) sind eng miteinander verwandt. Meist wird Okkultismus als der mehr praktische Teil derselben Weltanschauung definiert. Inzwischen kommt es zu einer zunehmenden Vermischung von Esoterik mit uralten Weisheitslehren diverser Kulturen und vorwiegend fernöstlicher Religionen.

Viele Vorstellungen des archaischen Weltbildes finden sich in der „Alternativmedizin“ wieder. Esoteriker aller Fraktionen vertreten uralte Vorstellungen, die allen heute bekannten wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen und angeblich auf Hermes Trismegistos zurückgehen. Hermes Trismegistos war (möglicherweise) ein Priester, der im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Manche sprechen von einer Gottheit, einer synkretistischen Verschmelzung (also einer Vermischung religiöser Ideen zu einem neuen Weltbild) der Götter Hermes und Thot. Esoteriker zitieren immer wieder die hermetische Philosophie, sprich die fünfzehn Sätze, die Trismegistos angeblich auf Smaragdtafeln niederschrieb. Esoteriker glauben, dass in diesen Sätzen „alles Wissen der Menschheit zusammengefasst ist“, wobei der zweite und zentrale Satz lautet: „Wie oben, so auch unten“.

Kernstück des esoterischen Weltbildes ist die Zuordnung der zehn ewig vorhandenen Urprinzipien. Diese verkörpern für die symbolische Astrologie die Grundbausteine allen Lebens im Universum – zu den „zehn Planeten“ (den „himmlischen Repräsentanten“ Sonne, Mond, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto) und den vier, beziehungsweise fünf Elementen. Demnach ist die Welt im Verständnis der symbolischen Astrologie aus zehn ewig vorhandenen, göttlichen Urprinzipien (Archetypen) aufgebaut, die sich in allen Seinsschichten – vom Makrokosmos bis hinab zum Mikrokosmos, von oben nach unten und von innen nach außen – in Hierarchien wiederfinden.

So argumentierte auch der bekannte österreichische Homöopath Clemens Fischmeister in seinem Artikel „Wie denkt ein klassischer Homöopath?“ (veröffentlicht im „Facharzt“ 2002). Dort schreibt er: „Die Heilung verläuft in Hierarchien, von oben nach unten … vom wichtigsten zum weniger wichtigen Organ“ (Hering´sche Regel), wobei er (völlig widerspruchslos) die Haut als das „unwichtigste Organ des Menschen“ bezeichnete!

Eine weitere Grundlage der Homöopathie ist das „Ähnlichkeitsprinzip“ (Similia similibus curentur). Damit verbunden ist die fantasievolle Vorstellung, dass es möglich sei, Krankheitssymptome durch Verdünnen und Schütteln (Potenzieren) von Ursubstanzen – z. B. Arsen -, die bei gesunden Testpersonen eine ähnliche Symptomatik auslösen, wie sie der Kranke zeigt, zu beseitigen. Dieses „Ähnlichkeitsprinzip“, das in der etablierten Medizin nicht die geringste Rolle spielt, basiert auf der mittelalterlichen „Signaturlehre“, die eng mit dem analogen Denken aller Esoteriker verbunden ist. Es ist die Lehre von den „Zeichen in der Natur“, die angeblich auf innere Zusammenhänge und Ähnlichkeiten im Rahmen der gesamten göttlichen Schöpfung hinweisen. Diese Signaturen sind somit ein Werk Gottes, die der Mensch lediglich erkennen muss. Demnach bestehen Analogien zwischen Form, Farbe, Geruch, Standort und astrologischen Zuordnungen. In der Logik der Gläubigen sind vor allem die Ähnlichkeiten von großer Bedeutung. So sollen beispielsweise die nierenförmige Bohne mit der Niere, die gehirnförmige Walnuss mit dem Gehirn, herzförmige Blätter der Melisse mit dem Herzen, die Mistel als Halbschmarotzer mit Krebserkrankungen, der Frauenmantel mit weiblichen Organen und Lungenkraut mit der Lunge zusammenhängen. Bitter schmeckende Pflanzen sollen einen Bezug zum „Element“ Feuer, das mit der Sonne in Verwandtschaft steht, haben und somit Stoffwechselprozesse anregen.

Diese uralte, fantasievolle und völlig unwissenschaftliche Lehre, die in ihrer konkreten Formulierung auf Paracelsus und den neapolitanischen Arzt und Alchemisten Giambattista della Porta zurückgeht, vermittelt auch den Glauben daran, dass die Farbe von Arzneimitteln einen Hinweis darauf gibt, für welche Erkrankungen sie eingesetzt werden sollen. Die Farbe Rot etwa bei Herzerkrankungen, Blau zur Verminderung von Unruhe. Die Lehre von den „göttlichen Signaturen“ ist außerdem Teil vieler esoterischer Behandlungsverfahren wie etwa der Ayurveda-Medizin, der traditionellen China-Medizin und der Homöopathie.

Der Vitalist Hahnemann glaubte, genau wie viele heutige Astrologen und Homöopathen, an das „geistige Wesen der Ursubstanz“ – die durch den Vorgang des Potenzierens (Verdünnen und Schütteln zum Erdmittelpunkt hin) sich immer stärker entfaltet und als Hochpotenz am stärksten wirkt -, an die „kosmische Urkraft“ und an die „Uridee, die alle Ebenen von oben bis unten durchzieht“. Das nennen Astrologen und andere Esoteriker „senkrechtes Denken“.

In Anlehnung an den alten Götterglauben der Antike steht im senkrechten Weltbild der Astrologie beispielsweise das Urprinzip Mars („der Kriegsgott und Herrscher über den wilden Widder“) in Analogie zu Aggression und Wildheit, zu bestimmten Organen und Körperbestandteilen wie etwa Blut, Kopf, Zähnen, Nägeln, Galle, quergestreifter Muskulatur, dem „Element“ Feuer, zur roten Farbe des Blutes und zu bestimmten Marspflanzen.
In der Homöopathie werden daher die oft stacheligen „Marspflanzen“ der Astrologen mit bestimmten menschlichen Organen (Blutgefäßen, Gallenblase, Muskeln und Kopf), der Farbe Rot und dem Element Feuer in Verbindung gebracht. Deswegen verordnen Homöopathen die Ursubstanzen Aconitum, Allium cepa und Belladonna – alles „Marspflanzen“ – gegen heftige, fiebrige, feurige Entzündungen, bei Gallensteinleiden sowie bei hoch­rotem Kopf, Blutungen und Blutstau. Genau solche unsinnigen Empfehlungen zur Behandlung von heftigen fiebrigen Erkrankungen mit der Marspflanze Belladonna findet man immer wieder in verschiedensten Zeitschriften und Online. So auch in einem Artikel der deutschen Homöopathin Barbara Stelzer in den „Salzburger Nachrichten“ vom 17. 10. 2011.

Auch andere Planeten und deren irdische Pflanzen und Metalle spielen im Denken der Homöopathen eine große Rolle. Der Planet Saturn steht in der Astrologie stets in Verbindung mit der Farbe Bleigrau, dem Metall Blei, mit Kalkablagerungen, Reduktion und Steinleiden. Zusätzlich sehen Astromediziner eine Verbindung zwischen dem Urprinzip Saturn zu Skelett, Niere, Galle und Milz. Es wundert daher nicht, dass die „Ursubstanz“ Lycopodium (eine „Saturnpflanze“) und das metallische Blei von Homöopathen bei Patienten mit reduziertem Allgemeinzustand, schmutzig-grauer Hautfarbe und „Verhärtungen“, ausgelöst durch Gicht, Arteriosklerose, Erkrankungen von Galle, Niere (Nephrosklerose) und Skelett eingesetzt werden. Der Planet Uranus steht im senkrechten Weltbild der Astrologie mit Krampfadern, Nerven und dem Sexualtrieb in Verbindung. Folgerichtig wird die wichtigste „Uranuspflanze“ der Astrologie – Hamamelis – von Homöopathen bei der Behandlung von Symptomen, ausgelöst durch Krampfadern, venösen Blutungen, Nervenentzündungen und Hodenerkrankungen, eingesetzt.

Dazu noch weitere Beispiele: In enger Anlehnung an astrologische (pseudomedizinische) Vorstellungen verordnen Homöopathen das Venusmetall Kupfer für Krämpfe aller Art und Störungen des Nervensystems; das Sonnenmetall Gold bei Herz-Kreislaufstörungen, erhöhtem Blutdruck und Depression; das Jupitermetall Zinn bei nervöser Erschöpfung, Neuralgien und Leberschmerz; oder das Mondmetall Silber gegen Unruhe und Neurasthenie.

Bemerkenswert auch die gemeinsamen „heiligen“ Zahlen aller Esoteriker:
Die 12 steht in manchen Schulen der Homöopathie für die Modalitäten (12 Umwelteinflüsse), in anderen esoterischen Pseudowissenschaften für Tierkreiszeichen und Häuser in der Astrologie, den 12 Jüngern und 12 Sinnen des Rudolf Steiner. Die 10 steht in der Homöopathie oft für Organ- und Emotionshierarchien, ansonsten für Himmelsstämme, Zahl der Vollkommenheit und regionale Zentren der Anthroposophie, den 10 Geboten und 10 Planeten (incl. Mond und Sonne). Die Zahl 5 ist die oft empfohlene Dosiseinheit bei der Einnahme von Globuli, außerdem steht sie für das Pentagramm, die 5 Elemente, 5 Jahreszeiten und 5 Organe der Chinamedizin. Die Zahl 4 steht in der Homöopathie teilweise für die 4 Konstitutionen (entsprechend der Vier-Säfte-Lehre des Hippokrates) und die 4 Grundqualitäten; in der übrigen Esoterik für die Quadranten im Horoskop, die 4 Veden der Ayurveda, die 4 Wesensglieder der Anthroposophie, die 4 Evangelien und Erzengel.

Wer daher meint, dass Homöopathie nichts mit Esoterik (Kabbala, Numerologie, Astrologie, Ayurveda oder Anthroposophie etc.) zu tun hat, der irrt.

(Autor: Dr. Theodor Much ist Autor des Buchs Der große Bluff: Irrwege und Lügen in der Alternativmedizin, Goldegg Verlag, 2013)

Foto: Wikipedia Commons Shuishouyue (Gemälde: John William Waterhouse)

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