Erklärung des INH zur Veröffentlichung der WissHom: „Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie“

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Ein 60 Seiten fassender Reader zur Homöopathie ist erschienen, herausgegeben von der WissHom, der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie e.V., der angeblich die Wirksamkeit der Hahnemannschen Methode belegt. 60 Seiten, das klingt zunächst mal toll. Das klingt – auch wenn man darin liest und die vielen wissenschaftlichen Fachbegriffe und Anmutungen zur Kenntnis nimmt – überzeugend!

Warum haben wir Kritiker der Homöopathie also schon wieder etwas daran auszusetzen?

Es gibt zunächst einmal etwas ganz Grundsätzliches zu kritisieren: Der Reader enthält prinzipiell überhaupt keine neuen Informationen. Es handelt sich um teils seit Jahren bekannte und diskutierte Studien, Erhebungen und Gedanken. Wir fragen uns, warum also eine neue und so groß beworbene Veröffentlichung nötig ist.

Weiterhin fragen wir uns, ob Homöopathen (allen voran der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) und die WissHom selbst eigentlich den Unterschied zwischen Werbung und Wissenschaft kennen oder ob sie hier mit Absicht undurchschaubar für Laien (Patienten!) vorgehen. Mit der Sprache der Wissenschaft ist es ähnlich wie mit der Zeugnissprache – beherrscht man sie nicht, so liest sich ein Text immer positiv.

Aus kritischer und wissenschaftlicher Sicht ist die Begeisterung der Homöopathen für diese Veröffentlichung jedoch nicht recht verständlich. Der Forschungsstand wird für homöopathische Verhältnisse zwar recht treffend beschrieben, aber wieso dieser nun plötzlich ausreichend Beleg sein sollte für eine spezifische Wirkung der homöopathischen Arzneimittel, ist nicht nachvollziehbar.

Drei Artikel befassen sich mit den angeblichen Belegen für eine Wirksamkeit:

  1. Teut schreibt über die Ergebnisse der Versorgungsforschung und stellt deutlich dar, dass aus den positiven Ergebnissen keine kausalen Schlüsse auf die Wirksamkeit der Therapie möglich sind.
  2. Von Ammon et al. versuchen sich an einem systematischen Review zur Wirksamkeit von Hochpotenzen in individueller Verordnung. Aus den Angaben in der Diskussion folgt, dass sie nicht eine wirklich hochwertige Arbeit gefunden haben, die signifikante Vorteile der Homöopathika gegenüber Placebo belegen könnte. Insofern ein Punkt für die Skeptiker, nicht für die Homöopathen.
  3. Behnke gibt eine Übersicht über die angeblich durchwegs positiven vorliegenden Ergebnisse von Meta-Analysen – er meint wohl systematische Reviews – lässt dabei aber wesentliche Arbeiten weg, nämlich die Reanalyse von Linde aus dem Jahr 1999 und die Analyse der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC aus dem letzten Jahr, die seinem positiven Fazit zuwiderlaufen.

Die WissHom behauptet zwar den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit von Homöopathie, diese Aussage findet sich aber in der Zusammenfassung ihres Papiers überhaupt nicht wieder.

Fazit 1:

Das Papier der WissHom ist ein für Wissenschaftler leicht durchschaubarer Versuch, die Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie mit einer Art „Großangriff“ zu verschleiern.
Das zeigt sich auch daran, dass die Homöopathie als Methode, also die Frage, ob das Ähnlichkeitsprinzip (Similieprinzip), das homöopathische Krankheitsbild (homöopathische „ganzheitliche“ Anamnese) und die Arzneimittelfindung per Katalog (Repetorium) überhaupt ein schlüssiges Gebilde darstellen, völlig ausgeklammert bleibt. Es geht ausschließlich um die angebliche Wirksamkeit „potenzierter Arzneien“. (Das in etwa vergleichbar, als ginge es beim Auto nicht um die Frage, ob Motor, Getriebe, Lenkung und Fahrwerk richtig konstruiert sind, sondern lediglich darum, ob das Benzin zum Betrieb des Wagens geeignet ist.)

Die WissHom räumt zu den angeführten klinischen randomisierten Studien von vornherein deren Relativierbarkeit selbst ein. Zu den angeblich so bedeutenden Metaanalysen wird eingeräumt, dass deren Signifikanz stark von der Auswahl der Selektionskriterien für die Einzelstudien abhängig ist. Dies geht einher mit einer Diskreditierung missliebiger Autoren, deren Arbeit „nicht immer wissenschaftlichen Standards“ entspräche oder sogar die Unverschämtheit haben, „sich ausdrücklich auf eine postulierte Implausibilität der Wirksamkeit hochpotenzierter Arzneimittel“ zu berufen. So betreibt man Bestätigungsforschung…

Zudem: Es gibt keine Grundlagenforschung zur Wirkung homöopathischer Arzneimittel, die nachvollziehbar wissenschaftliche Evidenz aufweist. Es bleibt hier bei den bekannten Ergebnissen, die entweder als wissenschaftliche Unredlichkeit oder als nicht reproduzierbare Pseudoergebnisse erwiesen sind bzw. als Inanspruchnahmen nicht- oder halbverstandener Forschungsergebnisse aus fachfremden Forschungsbereichen.

Fazit 2:

Versorgungsforschung ist prinzipiell nicht geeignet, Wirksamkeitsnachweise zu erbringen. In ökonomischen Analysen kann die Homöopathie zwar unter Umständen gut abschneiden. Das bedeutet aber wenig: Nichtstun ist stets noch billiger – und: without effectiveness, there can be no cost-effectiveness.

Fazit 3:

Wenn die Homöopathen jedoch tatsächlich meinen, mit ihren Studien den Nutzen belegt zu haben, dann braucht es auch keine Schutzzäune mehr, wie die „besondere Therapierichtung“, die bislang keinen Wirksamkeitsnachweis nach den üblichen Kriterien erfordert. Dazu zitieren wir Frau Bajic, die 1. Vorsitzende des DZVhÄ:

„Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u. v. a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.“

Wenn dies für Homöopathen also so eindeutig ist, dann können die zuständigen Institutionen in den Arzneimittel-Gesellschaften (BfArM, AMG) Homöopathika genau so bewerten wie normale Medikamente. Wir sind als Kritiker zwar weiterhin davon überzeugt, dass solche Nutzenbelege fehlen, finden aber, die Politik sollte die Homöopathen bei ihrem eigenen Wort nehmen und sie denselben Prüfverfahren unterwerfen wie alle anderen Behandlungsverfahren auch.

Unsere kritischen Forderungen an Homöopathie, Gesellschaft und Politik finden sich auch in der Freiburger Erklärung zur Homöopathie wieder.


Für das INH nahmen Stellung am 28.05.2016:

Dr.-Ing. Norbert Aust (Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)
Prof. em. Edzard Ernst (Emeritus Prof. Universität Exeter)
Dr. med. Natalie Grams (Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)
Amardeo Sarma (Vorsitzender der Gesellschaft zur wissen. Untersuchung von Parawissenschaften, GWUP)
Prof. Dr. Norbert Schmacke (Universität Bremen)


Ergänzung / Nachtrag, nachdem der DZVhÄ sich zu einer Replik auf die obige Stellungnahme des INH veranlasst sah:

Ausgehend von unserer Kritik am „neuen“ WissHom Reader zur Lage der Studien zur Homöopathie (vorstehend), hatte der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) uns geantwortet (hier).

Wir freuen uns über das Interesse des DZVhÄ an unserer Arbeit und möchten auf diesem Wege Folgendes klarstellen:

Wissenschaftliche Unredlichkeit hat viele Erscheinungsformen. Man darf dem Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) durchaus zutrauen, dass es diese Formulierung mit Bedacht gewählt hat. Denn im Falle der Homöopathie ist entscheidend, dass der Öffentlichkeit immer wieder suggeriert wird, es gäbe jetzt endlich handfeste Belege für eine gezielte Wirksamkeit der homöopathischen Arzneien. So geschehen während des letzten Homöopathiekongresses in Bremen, bei dem die WissHom einen sogenannten „Forschungsbericht“ vorgestellt hat. Es handelt sich um das aus dem Zylinder gezauberte Kaninchen: Nichts Neues unter der Sonne! Dem nicht informierten Publikum aber wird – so auf der für Patienten geöffneten Seite des Zentralvereins – folgendes erzählt:

„Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebo-kontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung potenzierter Arzneimittel.“ (Quelle).

Daran kann nur glauben, wer sich nicht mit den Grundfragen wissenschaftlicher Methodik beschäftigt hat. „Experimente aus Grundlagenforschung“ klingt toll, es geht dabei aber im Falle der Homöopathie um die von Beginn an sinnlosen Versuche, das Nichts (ultraverdünnte Urtinkturen) als das Revolutionäre, die Naturwissenschaften sprengende Heilsubstanz zu verkünden. Und es schert den Zentralverein nicht, dass in Australien, England, der Schweiz und den USA unabhängig voneinander hochkarätige wissenschaftliche Gremien bezüglich der Behandlungsstudien immer wieder zu demselben Ergebnis gekommen sind: Homöopathika kommen nicht über Placeboeffekte hinaus. Wie ist es zu bewerten, dass diese für das Gesamtbild wichtigen Informationen den Patientinnen und Patienten vorenthalten werden?

Umso unglaublicher sind die Versprechungen auf den Homepages führender Homöopathinnen und Homöopathen. Wir zitieren die Vorsitzende des Zentralvereins, Frau Bajic: „Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.“ (Quelle, Stand der Veröffentlichung am 06. Juli 2016).

Das ist so irreführend und unethisch gegenüber Patientinnen und Patienten mit den genannten Erkrankungen, dass einem die Worte fehlen, denn genau das ist nirgends jemals belegt worden. Ist diese Aussage also redlich?

Und noch einmal zur WissHom. Man beruft sich auf Meta-Analysen wie die von Linde u. a. aus dem Jahr 1997 und „vergisst“ zu erwähnen, dass Linde 2005 im Lancet geschrieben hat: „Unsere Metaanalyse von 1997 wurde unglücklicherweise von Homöopathen als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie missbraucht. Wir stimmen zu, dass die Homöopathie höchst unplausibel ist und dass die Belege aus placebokontrollierten Studien nicht überzeugend sind.“ (Linde, Klaus et al.: Lancet 2005; 366, 2081-2).

Oder man bemüht die Meta-Analyse von Mathie von 2014 – „vergisst“ jedoch wieder zu zitieren, was die der Homöopathie alles andere als negativ gegenüberstehenden Autoren letztlich schreiben: „Die niedrige oder unklare Qualität der vorliegenden Evidenz erfordert Vorsicht bei der Interpretation der Befunde. Neue methodisch hochwertige randomisierte kontrollierte Studien sind erforderlich, um eindeutigere Interpretationen zu ermöglichen.“ (Mathie, R.T. et al.: Systematic Reviews 2014, 3:142, 1-16).

Nun sind wir vom Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) zwar nicht der Meinung, dass man neue Studien (RCTs) benötigt, um den Glaubenskrieg um die Homöopathie endlos weiterzuführen. Die Schlacht ist geschlagen, seit 200 Jahren, zuletzt noch einmal umfassend im Jahr 2015, als die australische Gesundheitsbehörde ihre mehrere hundert Seiten starke, aber von der WissHom ignorierte Analyse der Nachweislage vorgelegt hat. Dort sind, ebenso wenig wie in irgendeiner anderen der von der WissHom angeführten Übersichtsarbeiten, keinerlei hinreichende Belege gefunden worden, die eine Anwendung der Homöopathie für irgendeine Indikation rechtfertigen würden. Gut gemachte RCTs mit positivem Ergebnis in Sachen Homöopathie sind Fehlanzeige.

Und die Forderung nach „Grundlagenforschung“ ist nichts anderes als ein kläglicher Versuch, das Akzeptieren dieser Tatsache zu vermeiden. Wenn etwas nachweislich keine Wirkung über Placeboeffekte hinaus zeigt, warum sollte es dann sinnstiftend sein, zu untersuchen, wie es wirkt? Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass der Text der Stellungnahme des INH im Übrigen an keiner Stelle etwa dem DZVhÄ „wissenschaftliche Unredlichkeit“ vorgehalten hat, dies war allein eine Fehlinterpretation von dessen Seite. Es erschließt sich nämlich beim Lesen leicht, dass die  „wissenschaftliche Unredlichkeit“ ein Punkt unter mehreren zur Qualifizierung der „wissenschaftlichen Grundlagenforschung“ war – und sonst nichts. Wer die Materie kennt – und davon gehen wir beim DZVhÄ aus – der weiß oder sollte wissen, wer und was hiermit gemeint ist.

Wir überlassen es den Leserinnen und Lesern dieser Erwiderung und der vielen Einzelnachweise auf unseren Webseiten, sich ein Bild davon zu machen, wer hier unredlich argumentiert – fortlaufend, unbelehrbar und aus nur allzu transparenten Gründen.

Weiterführende Links:
http://www.netzwerk-homoeopathie.eu
http://www.homöopedia.eu
http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de

Verfasst und gezeichnet im Namen des INH:

Dr.-Ing. Norbert Aust, Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie
Prof. Dr. Edzard Ernst, Emeritus, Universität Exeter, UK
Dr. med. Natalie Grams, Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie
Amardeo Sarma, Vorsitzender GWUP
Prof. Dr. Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen


Bildnachweise: Yvonne Scherrer (#1) Udo Endruscheit (#2)