Homöopathie an der Universität Bern – und das Schweizer HTA zur Homöopathie

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Es gibt wissenschaftliche Einrichtungen, deren Bedeutung weniger aus ihren Forschungsergebnissen erwächst als aus der Rolle, die sie im öffentlichen Diskurs spielen. Das Institut für Komplementäre und Integrative Medizin (IKIM) an der Universität Bern gehört in diese Kategorie. Seit 1995 existiert es als universitäre Einrichtung – lange bevor die Schweiz 2009 per Volksentscheid beschloss, die Komplementärmedizin in die Grundversicherung aufzunehmen. Doch erst dieser Entscheid verlieh dem IKIM jene wissenschaftspolitische Funktion, die es heute erfüllt: nicht als Ort kritischer Forschung, sondern als epistemisches Feigenblatt für eine politisch längst getroffene Entscheidung.

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Bern – eine wirklich schöne Stadt, die nichts dafür kann … – Photo by Beat Bieri on Pexels.com

Ein Institut zwischen Wissenschaft und politischer Erwartung

Die Existenz eines universitären Instituts erzeugt in der öffentlichen Wahrnehmung automatisch den Eindruck wissenschaftlicher Seriosität. Das IKIM profitiert davon in besonderem Maße. Es präsentiert sich als Forschungszentrum, das die Wirksamkeit komplementärmedizinischer Verfahren untersucht – und damit als Instanz, die eine politisch gewünschte Leistung wissenschaftlich absichert.

Doch dieser Eindruck täuscht. Die Forschung des IKIM ist methodisch randständig, thematisch enggeführt und wissenschaftlich kaum anschlussfähig. Sie kreist seit Jahren um Modelle, die außerhalb der CAM‑Szene kaum Relevanz besitzen: Wasserlinsen, die angeblich auf homöopathische Hochpotenzen reagieren; Kristallisationsbilder, die „Bildungskräfte“ sichtbar machen sollen; physikalisch‑chemische Experimente, deren Effekte bei unabhängigen Replikationen zuverlässig verschwinden.

Diese Forschung ist nicht deshalb problematisch, weil sie scheitert – sondern weil sie nicht scheitern kann. Sie operiert in einem geschlossenen Evidenzsystem, in dem jede Abweichung als Bestätigung gelesen werden kann. Die Hypothesen sind so gesetzt, dass sie nicht falsifizierbar sind. Damit erfüllt die Forschung nicht die Kriterien wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung, sondern die Anforderungen politischer Erwartungshaltung.

Die Publikationslandschaft: Forschung ohne Wirksamkeit

Ein Blick auf die Publikationsliste des IKIM bestätigt dieses Bild. Nur ein kleiner Bruchteil der Arbeiten befasst sich überhaupt mit klinischer Forschung zur Homöopathie oder Anthroposophie. Die meisten Publikationen kreisen um soziologische, kulturelle oder akzeptanzbezogene Fragen, um physiologische Nebenthemen oder um methodische Überlegungen, die die Wirksamkeitsfrage elegant umgehen.

Die wenigen homöopathischen Studien sind retrospektiv, klein, methodisch schwach oder reine Literaturübersichten. Harte klinische Forschung findet kaum statt. Stattdessen entsteht eine breite Kulisse wissenschaftlicher Aktivität, die den Eindruck erweckt, als werde intensiv geforscht – während die zentrale Frage, ob Homöopathie wirkt, systematisch ausgespart bleibt.

Diese Publikationslandschaft ist kein Zufall. Sie erfüllt eine wissenschaftspolitische Funktion: Sie erzeugt Normalität, nicht Evidenz. Sie stabilisiert ein System, das politisch gewollt ist, aber wissenschaftlich nicht trägt. Das IKIM erscheint so als Ort der Forschung, ohne die Risiken echter Forschung eingehen zu müssen – nämlich das Risiko des Scheiterns.

Institutionelle Verflechtungen

Institutionelle Verflechtungen haben ihren Sinn: Sie erzeugen eine Normalität, in der Homöopathie und andere komplementärmedizinische Verfahren nicht als wissenschaftliche Außenseiter erscheinen, sondern als etablierter Bestandteil der Versorgung. Das IKIM fungiert dabei als Knotenpunkt, der diese Normalität akademisch absichert.

Hervorzuheben ist dabei die berufsständische Verankerung. Wenn die Vorsitzende der FMH – der wichtigsten ärztlichen Standesorganisation der Schweiz – selbst als Homöopathin praktiziert, dann ist das mehr als eine persönliche Präferenz. Es ist ein Signal an das gesamte System: Komplementärmedizin ist nicht nur politisch gewollt, sondern auch ärztlich legitimiert.

In einem Interview von 2018 betonte die damalige Leiterin des IKIM, dass rund 2000 Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz einen Fähigkeitsausweis in Komplementärmedizin besitzen und noch mehr entsprechende Verfahren praktizieren. Vor diesem Hintergrund sei es „nicht verwunderlich“, dass auch innerhalb der FMH (der wichtigsten ärztlichen Standesorganisation der Schweiz) komplementäre und integrative Medizin positiv gesehen werde.

Die CAM‑Freundlichkeit der FMH‑Spitze ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines ärztlichen Selbstverständnisses, das Komplementärmedizin als normalen Bestandteil der Versorgung betrachtet. Das IKIM war damit nicht nur wissenschaftlich, sondern auch standespolitisch positioniert – ein Bindeglied in einem Netzwerk, das die Homöopathie institutionell stabilisiert.

In einem solchen Umfeld überrascht es kaum, dass die erneute Evaluation der Homöopathie vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit abgebrochen wurde. Die Entscheidung war nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Abwägung, sondern Ausdruck eines Geflechts aus institutionellen Loyalitäten, berufsständischen Interessen und politischer Erwartungshaltung – um nicht zu sagen, einer Ausweglosigkeit, zu einer sachgerechten Entscheidung finden zu können. Die wissenschaftliche Evidenz spielte dabei nur eine Nebenrolle – wenn überhaupt.

Das BAG und die „Flucht“ in das HTA

Als das Bundesamt für Gesundheit nach dem Volksentscheid die Aufgabe hatte, die Homöopathie erneut zu evaluieren, stand es vor einem Dilemma:

  • Die klinische Evidenz war schwach bis nicht vorhanden.
  • Die politische Erwartung war klar.
  • Eine direkte Bewertung der Studienlage hätte zwangsläufig negativ ausfallen müssen.

In dieser Situation bot sich das Health Technology Assessment (HTA) als Ausweichinstrument an. Ein HTA bewertet nicht primär Wirksamkeit, sondern Versorgung, Kosten, Patientenzufriedenheit und Systemeffekte. Es setzt voraus, dass die Wirksamkeit vorab durch solide klinische Forschung geklärt wurde.

Genau das war bei der Homöopathie nicht der Fall. Doch das HTA ermöglichte es dem BAG, die Wirksamkeitsfrage elegant zu umgehen, ohne offen gegen den Volksentscheid zu argumentieren. Aus dieser Sicht naheliegend, ein HTA zu beauftragen – und so geschah es. Das HTA wurde so zum wissenschaftspolitischen Schutzinstrument, nicht zum Bewertungsinstrument.

Die Bundesärztekammer definiert HTA als „systematische, evidenzbasierte Bewertung medizinischer Verfahren und Technologien im Hinblick auf deren Effekte auf die Gesundheitsversorgung“. Dabei können ökonomische, ethische und soziale Aspekte einfließen, aber die Wirksamkeit muss vorab durch klinische Forschung geklärt sein.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beschreibt HTA‑Berichte ebenfalls als Bewertungen vorhandener wissenschaftlicher Informationen zu Nutzen, Risiken, Kosten und Auswirkungen – also als sekundäre Bewertungsinstrumente, nicht als Wirksamkeitsnachweis.

Keiner dieser seriösen Akteure behauptet, ein HTA könne Wirksamkeit herstellen oder nachweisen.

Die Schräglage des Schweizer Homöopathie-HTA

Ein besonders aufschlussreicher Satz dazu findet sich im Schlusskapitel des Schweizer HTA‑Berichts. Dort heißt es:

„Die Wirksamkeit der Homöopathie kann unter Berücksichtigung von internen und externen Validitätskriterien als belegt gelten …“

Diese Formulierung markiert eine bemerkenswerte Umkehrung des HTA‑Prinzips. Ein Health Technology Assessment setzt die belegte Wirksamkeit einer Intervention voraus; es ist nicht dafür gedacht, sie herzustellen, zu behaupten oder eine diffuse Erkenntnislage zu bewerten. Seine Aufgabe besteht darin, auf Basis vorhandener Evidenz Fragen der Versorgung, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit zu bewerten. Genau diese Kernaufgaben werden im Bericht jedoch als „derzeit nicht zuverlässig beurteilbar“ bezeichnet.

Damit entsteht ein paradoxes Bild: Die Wirksamkeit wird ohne tragfähige klinische Evidenz (die breit mit den üblichen Relativierungen des Studienmaterials diskutiert wird) als „belegt“ erklärt, während jene Faktoren, die ein HTA eigentlich untersuchen müsste, ausdrücklich offenbleiben.

Diese argumentative Konstruktion zeigt, dass das HTA weniger ein Bewertungsinstrument war als ein Legitimationsinstrument. Es bestätigt nicht die Wirksamkeit der Homöopathie, sondern die politische Erwartung, dass sie wirksam sein soll. Die wissenschaftliche Logik wird dabei nicht angewendet, sondern rhetorisch nachgebildet.

Die rhetorische Umdeutung des HTA durch das HRI

Das Homeopathy Research Institute (HRI) allerdings versucht bis heute, das HTA als Wirksamkeitsnachweis umzudeuten. Es behauptet, ein HTA sei „eine anerkannte Forschungsmethode, um die tatsächliche Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit von Behandlungen zu bewerten“. Das ist, wie weiter oben belegt, sachlich falsch – aber kommunikativ geschickt.

Denn das HRI räumt auf seiner Webseite indirekt ein, dass die Studienlage damals nicht ausreichte, um eine direkte Bewertung vorzunehmen. Damit bestätigt es unfreiwillig, was das BAG nie offen gesagt hat:
Das HTA wurde gewählt, weil die Evidenz zu schlecht war, um sie direkt zu verwenden.

Das HTA ersetzt nicht Evidenz.
Es verschiebt die Debatte.
Es erzeugt den Eindruck, als sei die Wirksamkeit bereits geklärt.
Und es legitimiert die Existenz des IKIM nachträglich.

Fazit: Ein wissenschaftspolitisches Artefakt

Das IKIM ist kein Forschungsproblem, sondern ein Institutionenproblem. Es ist ein Produkt wissenschaftspolitischer Erwartungen, nicht wissenschaftlicher Erkenntnisinteressen. Genau wie das HTA existiert es vor allem, weil die Politik nach 2009 eine epistemische Infrastruktur benötigte, die eine politisch gewollte Entscheidung wissenschaftlich einrahmt.

Damit wird das IKIM zu einer Fallstudie dafür, wie wissenschaftliche Autorität entstehen kann, ohne dass wissenschaftliche Evidenz vorliegt. Es zeigt, wie politische Entscheidungen epistemische Rückversicherungen erzeugen – und wie Universitäten bereitwillig Strukturen bereitstellen, die diese Rückversicherungen ermöglichen.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Und das gilt genauso für das Schweizer HTA zur Homöopathie, das letztlich die gleiche Funktion erfüllt.


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