Ist Homöopathie deshalb „kein Placebo“, weil oft nicht das erste gegebene Mittel wirkt?

Was passiert eigentlich nach der homöopathischen Lehre bei der Einnahme eines Mittels?

Gelegentlich wird man mit dem Argument konfrontiert, die Wirkung der Homöopathika könne deshalb nicht auf einem Placeboeffekt beruhen, weil oftmals gar nicht das erste Homöopathikum „geheilt“ habe, sondern erst das zweite, dritte, vierte oder fünfte …

Tatsächlich scheint dieses Argument auf den ersten Blick etwas für sich zu haben. Bei genauer Betrachtung zeigt sich aber, dass es nicht etwa für, sondern gegen die Homöopathie spricht.

Hinter diesem Argument verbirgt sich zunächst allerdings eine Begriffsverwirrung.

Es geht nicht nur um „Placebo“

Einerseits gibt es den etablierten Begriff der „Placebowirkung“, womit die Reaktionen gemeint sind, die auch inhaltsleere Medikamentenformen im Körper auslösen können. Diese eigentliche Placebowirkung ist keine konstante Größe. Sie ist krankheitsabhängig sowie in Eintrittszeitpunkt, Stärke und Dauer höchst individuell und nicht vorhersagbar. Sie ist aber auch abhängig von Eigenschaften des Placebos: Es ist bekannt, dass teurere Placebos eine stärkere Wirkung haben als billige und rote Placebos eine stärkere Wirkung haben als grüne. Der Placeboeffekt lässt sich nicht kalkulieren oder gar beherrschen. Er kann nicht von der Natur so eingefordert werden, dass er seinem Klischee entspricht.

Dieser Placeboeffekt (im engeren Sinne) ist aber andererseits nicht der einzige Grund, weshalb es nach der Gabe von Homöopathika zu einer Empfindung von Besserung oder Heilung kommen kann. Weitere wesentliche Gründe sind:

  1. Spontaner Krankheitsverlauf. Viele (die meisten) Krankheiten heilen spontan aus. Viele andere, vor allem chronische, Krankheiten haben einen wellenförmigen Verlauf, so dass auf „schlechte Zeiten“ spontan wieder „gute Zeiten“ folgen („Regression zur Mitte“)
  2. „Bestätigungsfehler“ und „selektive Wahrnehmung“. Kleine positive Erlebnisse werden als Therapieerfolg gewertet, negative Entwicklungen jedoch nicht der Therapie angelastet.
  3. „Post-hoc-ergo-propter-hoc“-Irrtum. Alle Veränderungen nach der Einnahme werden kausal auf die Einnahme zurückgeführt, obwohl  Kausalität nicht gegeben ist, sondern nur ein einfacher zeitlicher Zusammenhang.
  4. Erwartungsdruck und Erwartungshaltung.
  5. Kann fortgesetzt werden …

Wenn nicht das erste Homöopathikum als wirksam angesehen wird, sondern erst ein zweites, drittes, weiteres, dann kommen mehrere Punkte zusammen. Einerseits sieht man in diesen Verläufen auch nichts anderes als den spontanen Krankheitsverlauf. Die Homöopathika haben überhaupt nichts mit der „Heilung“ zu tun. Die Besserung wird einfach dem zuletzt verwendeten Homöopathikum zugeschrieben. Auch wird mit jeder weiteren Gabe von Homöopathika der Erwartungsdruck des Therapeuten sowie die Erwartungshaltung des Patienten größer, was Scheinerfolge vortäuschen kann. Auch wird der Begriff „Erfolg“ oder „Heilung“ nicht im objektiv-medizinischen Sinne definiert; üblicherweise berichten die Patienten nur von ihren subjektiven Empfindungen. Aber auch Verschlechterungen werden häufig als „Erfolg“ bezeichnet: Der Begriff „Erstverschlimmerung“ zeigt an, dass Verschlechterungen als beweisend für die richtige Mittelwahl angesehen werden.

Kann eine homöopathische Mittelgabe „unwirksam“ sein?

Die Vorgehensweise der Homöopathen, solange andere Mittel zu geben, bis schließlich irgendwann etwas Erwünschtes passiert, zeigt nicht nur die therapeutische Hilflosigkeit der Homöopathie und die Fehlbewertung des Zufalls bzw. völlig natürlicher Verläufe als „Erfolg“ – sie steht auch in krassem Widerspruch zu Hahnemanns Lehre.

Hahnemann begründet sein Ähnlichkeitsprinzip durch das Postulat, ein Körper könne nicht gleichzeitig zwei ähnliche Krankheiten haben – er müsse sich dann von einer, namentlich der schwächeren, trennen. In „Arzneimittelprüfungen“ – an Gesunden! – werden Homöopathika auf von ihnen vorgeblich erzeugte „Arzneimittelbilder“ hin untersucht. Zeigt ein Patient Symptome, die denen eines Arzneimittelbildes ähnlich sind, dann ist das richtige Mittel gefunden. Die richtige Auswahl der „Potenz“ soll dann sicherstellen, dass das Homöopathikum vom Wesen her stärker, aber von den Symptomen her schwächer als die Erkrankung sein soll (was man sich auch immer darunter vorstellen mag). Aufgrund dessen soll sich der Körper von der „richtigen“ der beiden Krankheiten trennen (der vergleichsweise schwächeren Originalkrankheit), aber dabei nicht leiden (wegen der vergleichsweise schwächeren Symptome der Kunstkrankheit).

Zeigt sich eine nicht vollständige Genesung, so ergeben sich aus der Logik der Homöopathie daraus bestimmte Schlussfolgerungen, vor allem die, dass das bisherige Mittel nicht „unwirksam“ gewesen ist. Was bedeutet das?

Nach der homöopathischen Lehre müsste bei der Wahl des „richtigen“ Mittels der „Heilerfolg“ schnell und vollständig eintreten:

„… schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege …“ (§ 2 Organon)

Kommt es zu einer Veränderung anstelle einer vollständigen Genesung, hat die homöopathische Arznei – wohlgemerkt: in der Vorstellungswelt der Homöopathie – einen Teil der Symptome verändert und damit das Symptomenbild. Selbst wenn das Homöopathikum bezüglich der Krankheit völlig unwirksam war, so hat dennoch zumindest eine „Arzneimittelprüfung am Gesunden“ stattgefunden:

Ein homöopathisches Mittel kann nach den Regeln der Homöopathie keine „Nichtwirkung“ haben – auch ein „falsches“ Mittel nicht. Homöopathische Mittel wirken (aus homöopathischer Sicht) auf Symptome ein: Sind Symptome im Krankheitsbild vorhanden, die auch im Arzneimittelbild des Homöopathikums enthalten sind, dann werden sie „ausgelöscht“. Sind im Krankheitsbild Symptome vorhanden, die nicht im Arzneimittelbild des Homöopathikums enthalten sind, bleiben sie unverändert erhalten. Sind aber umgekehrt Symptome im Arzneimittelbild vorhanden, nicht jedoch im Krankheitsbild, dann werden sie beim Patienten – der ja hinsichtlich der nicht vorhandenen Symptome als „teilweise gesund“ gilt -, erzeugt, wie bei einer normalen Arzneimittelprüfung an einem vollständig Gesunden auch.

In jedem Fall werden also – nach der homöopathischen Lehre – durch die Gabe eines Homöopathikums Veränderungen hervorgerufen, die zu einer Änderung des Symptomenbildes führen. Entweder wirkt es auf die „Krankheit“ oder aber im Sinne „homöopathischer Arzneimittelprüfung“ durch die Verursachung von Symptomen. Damit ist die wiederholte Gabe der gleichen Arznei (also mit unverändertem Arzneimittelbild) in jedem Fall ein „Fehlgriff“, gegen den Hahnemann schon zu seiner Zeit scharf vorgegangen ist:

Wenn man bei jedem neuen Therapieversuch ein anderes Mittel „ausprobiert“, hat das zur Folge, dass eine korrekte Auswahl („Repertorisierung“) bei keinem weiteren Homöopathikum mehr möglich ist: Die Überlagerung der kompletten oder teilweisen Symptombilder aus allen früheren Mittelgaben machen eine – nach homöopathischen Kriterien – korrekte Mittelwahl unmöglich.

Die Unart, Patienten nach „Versuch und Irrtum“ zu behandeln, spricht deshalb keineswegs für die Wirksamkeit der Homöopathika. Im Gegenteil entzieht diese Praxis dem homöopathischen Gedankengebäude Hahnemanns einmal mehr entscheidenden Boden. Es handelt sich um den verzweifelten Versuch der Homöopathen „irgendwann“ und „irgendwie“ doch noch als „erfolgreich“ wahrgenommen zu werden. Ein solches Vorgehen provoziert geradezu eine erhebliche Verzögerung wichtiger Behandlungsmaßnahmen und nimmt sie billigend in Kauf, was zu schweren Schäden führen kann. Von einem „Beweis für die Wirkungsweise der Homöopathie“ kann nicht die Rede sein, wenn man solange Zufallsereignisse produziert, bis ein – nicht kausales – gewünschtes Ereignis eintritt.


Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle


Bildnachweis: Pixabay, Lizenz CC0

Nocebo – was ist denn das schon wieder?

Eine medizinische Kapsel zeigt in zwei Hälften zwei Farben - rot und grün - und ist links mit

Auf dieser Seite sind bereits verschiedene Informationen zum Placebo-Effekt zu finden, die erklären, dass dieser bei jeder Art von Zuwendung  – deshalb natürlich erst recht bei medizinischen Interventionen – wirksam ist. Und dass die Homöopathie, wie andere pseudomedizinische Verfahren auch, ihren Honig allein aus diesem ohnehin überall auftretenden Effekt saugt, ohne eine spezifische Wirkung aufzuweisen. Was ihr – entgegen so mancher Stimme – eben nicht zu einem Platz in der wissenschaftlichen Medizin verhilft.

Zu ergänzen bleibt dies durch einige Bemerkungen zum Nocebo-Effekt. Was ist nun darunter zu verstehen?

Zum Placebo-Effekt existiert ein „Gegenstück“: der Nocebo-Effekt. Placeboforscher sprechen gar gelegentlich von den „Nebenwirkungen“ des Placebo-Effekts, was aber nicht ganz den Kern der Sache trifft . Die Mechanismen sind die gleichen, ja, recht bedacht sind Placebo und Nocebo exakt identisch, nur die Auswirkungen von Nocebo sind sozusagen die „dunkle Seite“ des Effekts, das negative Spiegelbild. Die Differenzierung in Placebo und Nocebo ist somit nur der menschlichen Wahrnehmung und Bewertung geschuldet (ähnlich wie Wirkungen vs. Nebenwirkungen von Medikamenten ein rein auf den Nutz- oder Schadenwert beim Menschen bezogenes Bewertungssystem ist).

Es liegt eigentlich auf der Hand, dass eine negative Erwartungshaltung zu einer Verschlechterung des Zustands des Patienten führen kann – ganz im Sinne eines Placebo-Effekts mit negativem Vorzeichen. Auch dies sollte ein guter Mediziner einkalkulieren. Wer kennt nicht die „Angst vor dem Beipackzettel“, der bei vielen Menschen leider ein Grundmisstrauen gegenüber dem verordneten Medikament hervorruft und damit häufig spürbar dessen Wirkung beeinträchtigt? Gleiches gilt im Krankenhaus, wenn – was nicht so sein sollte! – dem Patienten einfach sein Pillengläschen hingestellt wird, ohne dass er erläutert bekommt, worum es geht – der Nocebo-Effekt lauert. Erst recht, wenn jemand durch pseudomedizinische „Weisheiten“ bereits auf Vorbehalte gegenüber der „Schulmedizin“ konditioniert ist,  was sich sehr wohl negativ auf den Effekt der dann notwendigen medizinischen Behandlung auswirken kann. Vielfach wurde auch nachgewiesen, dass eine solche Haltung zu mangelnder Therapietreue (Compliance) führt – im Grunde auch nichts anderes als eine Auswirkung von Nocebo.

Eines der eindrucksvollsten Beispiele für einen Nocebo-Effekt ist eine Studie, die mit erheblichem Aufwand und methodisch durchaus korrekt vor einigen Jahren in den USA durchgeführt wurde: Es ging um die Frage, ob Gebete beim Genesungsprozess helfen können. Patienten nach Bypass-Operationen wurden in Gruppen eingeteilt, von denen die eine wusste, dass für sie gebetet wird und die andere nicht. Diese Studie ergab ein klares Ergebnis: Die Gruppe, die wusste, dass für sie gebetet wurde, zeigte bei der Rekonvaleszenz sehr eindeutig mehr Komplikationen und schlechtere Verläufe. Ganz offensichtlich ein Nocebo-Effekt, der sicher auf die -bewusste oder unbewusste – Annahme der Patienten zurückzuführen war, es müsse recht schlecht um sie stehen, wenn für sie gebetet werde …

Fazit: Placebo- und Nocebo-Effekte sind beides wichtige Gesichtspunkte, die der verantwortliche Arzt stets mit in Rechnung zu stellen hat. Sie sind aber kein  billiges Alibi für eine „Wirksamkeit“ pseudomedizinischer Methoden, die keine eigenen spezifischen Effekte bieten können.

Immer wieder wird bei dem Versuch, „Placebo“ als eigenständige medizinische Intervention zu rechtfertigen, beiseite gewischt, dass Placebo weder vorhersagbar noch gezielt gerichtet einsetzbar ist. Hauptsache Placebo! Würden die Vertreter dieser Ansicht das auch bei der Erwartung von Nocebo-Effekten so sehen? Zumal es ganz auf die Situation und den Patienten ankommt, ob eine bestimmte Intervention Placebo- oder Nocebowirkung hat.


Autor: Udo Endruscheit

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Was ist der Placeboeffekt und was sind Kontexteffekte?

Klären wir zunächst einmal, was man unter dem Begriff „Placebo“ versteht. Hierbei möchten wir uns auf Placebos als Arzneimittel beschränken (ja, es gibt eine Menge Placebos, die mit Arzneimitteln gar nichts zu tun haben). Bleiben wir bei den Arzneimitteln: Dann handelt es sich bei einem Placebo um ein Arzneimittel, das eigentlich gar keines ist. Es enthält nämlich keinerlei arzneilich wirksame Substanz. Es sieht aus und fühlt sich an wie ein wirksames Medikament (bzw. was man dafür hält) – aber es enthält keinerlei Wirkstoffe.

Trotzdem können solche Placebo-Mittel beim Patienten etwas bewirken: den „Placeboeffekt“. Man fühlt sich nicht nur besser, es können auch körperliche Veränderungen eintreten, die man tatsächlich nachweisen kann. Diese werden aber nicht durch arzneiliche Wirkstoffe hervorgerufen. Vielmehr entstehen sie dadurch, dass Patienten meinen, ein wirksames Medikament zu erhalten und sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass durch eine Behandlung die Beschwerden besser werden. Dies ist ein komplizierter Zusammenhang mit psychisch-physischen Effekten, der gut, aber längst noch nicht vollständig erforscht ist, der sich aber für unsere Betrachtung recht vereinfacht so beschreiben lässt:

    • Wenn ein Patient davon überzeugt ist, dass eine Behandlung ihm helfen wird, verliert er, zumindest für eine Zeitlang, seine Ängste und Sorgen. Er kann sich wesentlich besser entspannen, und dadurch können seine Selbstheilungskräfte in höherem Maße wirksam werden. Dies ist der eigentliche Placeboeffekt.

Nun müssen wir aber noch bedenken, dass nicht nur die pharmakologische Wirkung eines Medikamentes und dieser Placeboeffekt dazu führen, dass es dem Patienten nach einer gewissen Zeit wieder besser geht. Dafür sorgen auch noch andere Dinge in erheblichem Umfang – man bezeichnet dieses „Bündel“ von Ursachen als „Kontexteffekte“ (auch der Placeboeffekt gehört dazu), gemeint ist damit die Summe der Effekte, die nicht durch eine spezifisch wirksame medizinische Intervention ausgelöst werden.

    • Der natürliche Krankheitsverlauf: Hierbei gehen die Beschwerden von selbst zurück, ohne dass man etwas dafür tun müsste. Denken wir zum Beispiel an leichte Erkältungskrankheiten, Verstauchungen, harmlose oberflächliche Verletzungen, blaue Flecken bei Kindern usw. Dies sind alles Bagatellen, die der Körper von selbst überwindet – und noch viel mehr.
    • Die Regression zur Mitte: Das ist der Effekt, dass extreme Situationen in der Natur selten lange aufrechterhalten werden. Auf Krankheiten bezogen bedeutet das: Entweder die Beschwerden werden immer schlimmer und nehmen womöglich sogar einen tragischen Verlauf – oder sie gehen auf ein Mittelmaß zurück. Wenn man eine Behandlung erst beginnt, wenn die Situation bereits schwer erträglich ist (was sehr häufig der Fall ist), hat man oft das Meiste schon hinter sich. Auch ohne weiteres Zutun von außen würde sich die Situation für den Patienten jetzt bessern.
    • Begleitende Therapien oder Maßnahmen: Wenn wir Menschen uns krank fühlen, ist oft der Zeitpunkt gekommen, dass wir auf gute Ratschläge hören. Dass wir zum Beispiel auf gesunde Ernährung achten, Spaziergänge unternehmen, Alkohol und Kaffee durch Wasser ersetzen und Zigaretten meiden, uns mehr bewegen oder auch schonen, wenn wir uns zuviel zugemutet haben. Das scheinen Nebensächlichkeiten zu sein – aber sie können viel bewirken.
      Vielleicht hatten wir auch begleitende Therapien, die ihre Wirkung tun, wie Krankengymnastik, Massagen und ähnliches. Aber auch die Verbesserung der persönlichen Lebenssituation oder psychologische Hilfe durch einen qualifizierten Therapeuten fallen hierunter.
    • Indirekte Effekte: Vielleicht hatten wir auch eine Therapie gewählt, die nicht sinnvoll war und eventuell sogar noch Nebenwirkungen mit sich brachte. Durch die Aufnahme der neuen Therapie wird eventuell eine vorherige beendet, und die Heilung ist eine Folge der nun nicht mehr auftretenden Nebenwirkungen der alten Therapie, die uns nicht guttat. Oder der Patient wird den krankmachenden Einflüssen entzogen, etwa weil er wegen seiner Beschwerden nicht mehr zur Arbeit geht oder durch einen Ortswechsel sonstigen krankmachenden Bedingungen nicht mehr ausgesetzt wird. Hier sind sehr viele Möglichkeiten denkbar.
    • Gewöhnung: Der Patient gewöhnt sich an die Situation, lernt damit umzugehen und empfindet seinen Zustand dann nicht mehr als so unangenehm wie es ihm anfänglich erschien.
    • Unbekannte Ursachen: Letztendlich kann die Heilung auch durch Dinge oder Umstände kommen, die damit nicht in Verbindung gebracht werden, entweder weil sie übersehen werden oder weil der Einfluss auf das Befinden nicht bekannt ist und niemand auf diese Dinge achtet.

Dies soll hier als Übersicht genügen, die mit Sicherheit noch weiter ergänzt werden könnte. Alle diese Effekte können bei jeder Therapie auftreten – sie gehören aber nicht zur spezifischen Wirkung des Arzneimittels, denn sie sind unabhängig davon, was der Patient einnimmt. Also durchaus auch, wenn es sich um ein Placebo handelt.


Mehr dazu:

https://de.wikipedia.org/wiki/Placebo

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=1072

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oft_gehörte_Argumente_-_Verbreitete_Vorstellungen_über_den_Placebo-Effekt

http://placeboforschung.de/de/mechanismen-des-placeboeffektes

Auf dieser Seite zum Noceboeffekt: Nocebo – was ist denn das schon wieder?


Bildnachweis:  Ewa Urban auf Pixabay

Placebo by proxy – was ist denn das?

Den Placebo-Effekt bei Kindern – sogar Säuglingen – und Tieren gibt es doch gar nicht, hören wir immer wieder. Doch das stimmt nicht. Er ist vorhanden und nennt sich dann „Placebo-by-proxy“. Dieser ist durch umfassende und seriöse Forschungen immer wieder belegt worden.

Ein freundlich dreinschauender Hund, eingewickelt in eine warme gemütliche Decke
Mein Frauchen hat mich geknuddelt und in meine Lieblingsdecke eingepackt. Mir geht es schon viel besser – und Frauchen auch!

Die Ansicht, ein Placebo-Effekt könne bei Kindern und Tieren nicht auftreten, kommt wohl aus dem Missverständnis heraus, der Placebo-Effekt entstehe dadurch, dass man jemandem etwas „einrede“. Der Placebo-Effekt ist jedoch nichts, was man mit einer gezielten Beeinflussung vergleichen könnte. Er bildet sich beim großen wie beim kleinen Patienten genauso wie beim Tier als körperlich-seelische Reaktion auf den Vorgang der Zuwendung und einer positiven Erwartungshaltung heraus.

Beim Säugling, beim Kleinkind und auch beim Tier spielt die Verfassung der Bezugsperson eine gewaltige Rolle. Sie wird vom Kind oder Tier unbewußt intensiv wahrgenommen. So kann die Erleichterung des Zuwendenden gespürt werden, die sich allein daraus ergibt, etwas tun zu können für die kleinen Schutzbefohlenen. Das Kind oder Tier muss nicht wissen, ob es ein echtes Medikament bekommt oder nur Homöopathie. Aber die Eltern/Besitzer wissen es und ändern dementsprechend ihre Erwartungshaltung. Zudem sind Säuglinge, Kleinkinder und auch Tiere auf die nonverbale Kommunikation angewiesen, sie ist lebensnotwendig für sie. Daher auch diese enorm feinen Antennen. Dieses „Zurückspiegeln“ der Befindlichkeit des Betreuenden – das versteht man unter dem „by proxy“.

Mit dem Begriff ist also eine Placebo-Wirkung „auf einem Umweg“ bzw. „über einen Vermittler“ gemeint. Man sieht ihn immer dort am Werk, wo es keine verbale Interaktion bei einer Zuwendung gibt. Und gerade da erweist er sich als besonders stark. Denn die Sensorik von Säuglingen und kleinen Kindern, ebenso wie die von Tieren, ist ganz besonders ausgeprägt, wenn es um die Aufnahme und Reflexion der Grundstimmung von vertrauten Bezugspersonen handelt. Da kann oft eine direkte sprachliche Kommunikation gar nicht mithalten.

Also: Den Placebo-Effekt bei nichtsprachlicher Kommunikation gibt es nicht nur, als Placebo-by-proxy leistet er sogar Besonderes im Verhältnis des Patienten zur vertrauten Bezugsperson.

Eines sollte aber immer klar sein: Das Eintreten des Placebo-Effekts, mit oder ohne „proxy“, hat nichts mit einer Heilung der Grunderkrankung zu tun. Man sollte sich niemals der Täuschung hingeben, es gehe dem Patienten ja so viel besser, womöglich sich noch dadurch bestätigt fühlen, dass man sich selbst ja auch „besser“ fühlt. Wenn eine falsche Einschätzung des Effekts zu einer Verzögerung einer Behandlung oder gar zu deren Unterlassung führen würde – das wäre fatal.

Mehr dazu auch hier.


Foto: Udo Endruscheit für das INH

Homöopathie – das Geschäft mit dem Placebo

Links im Bild zwei Globuli mit der Unterschrift

Placebo- bzw. Nocebowirkungen gibt es nicht nur in der Medizin. Diese Wirkungen begleiten uns im täglichen Leben immer und überall und sind an sich nichts Schlechtes. Das Ambiente eines Lokals lässt das Schnitzel besser schmecken und wenn „Kaffee“ und nicht „Café au lait“ in der Getränkekarte steht, wird man den Geschmack kritischer beurteilen. Die Tücke der Placebo-/Noceboeffekte ist, dass es sich nicht um subjektive „Einbildungen“, oder um scheinbare Effekte handelt, sondern es handelt sich um objektiv messbare bzw. beobachtbare Veränderungen. Die Wirkung ist real. Die besondere Tücke dieser Wirkungen in der Medizin liegt darin, dass sie in Medizin und Pseudomedizin gleichermaßen wirkungsvoll positiv wie negativ auftreten.

Nun liegen aber den Placebo- und Nocebowirkungen keine bestimmten Einzelursachen zugrunde. Es besteht kein kausaler „physikalisch-chemischer“ Zusammenhang. Es ist egal, mit welchem Schauspiel oder Mittel gearbeitet wird. Die Placebo- und Noceboeffekte sind weder spezifisch stofflich kausal bedingt, noch können sie durch bestimmte Ereignisse oder Handlungen einfach nach Belieben realisiert werden. Die positiven Placebo- und „vice versa“ negativen Nocebowirkungen resultieren aus dem gesamten Spektrum der Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen jedes Einzelnen vor dem Hintergrund seiner religiösen und weltanschaulichen Ansichten, seiner Bildung inklusive seiner ganz subjektiven Lebens- und Krankheitserfahrungen. All das konditioniert. Placebo- und Nocebowirkungen können buchstäblich mit allem hervorgerufen werden, sofern es „psychologisch“ für den Einzelnen bedeutsam ist, oder – salopp formuliert – dem Bauchgefühl entspricht.

Wir messen, ob wir wollen oder nicht, bewusst und unbewusst dem gesamten Geschehen, den diversen Arzneimitteln, dem therapeutischen Schauspiel, den beteiligten Menschen, der Umgebung, kurzum allen Dingen und Ereignissen, höchst persönliche „Bedeutungen“ bei, die eben zu Placebo- bzw. Noceboeffekten beitragen. Diese beigemessenen Bedeutungen sind subjektiv und Vorurteile. Man orientiert sich daran und selbstverständlich können diese dann auch im Sinne von Placebo und Nocebo wirksam werden und das passiert auch mitunter sehr spektakulär. Und genau hier setzt die „Werbung“ an. Professionelle Werbepsychologen wissen genau, wie und mit welchen Bildern sie ihr Zielpublikum erreichen und in ihrem Sinne beeinflussen können. Und das passiert auch täglich medienweit.

Der Placeboeffekt ist einer der Hauptdreh- und Angelpunkte in Diskussionen um Pseudomedizin. Auch der Homöopathie als bekannteste Pseudomedizin macht der Placeboeffekt die Wirkung streitig. Die fehlende naturwissenschaftlich begründete Kausalität wird durch modisches pseudowissenschaftliches Geschwurbel ersetzt und je nach Kundschaft auch durch Engel und dergleichen mehr, wenn man den Wohlfühl- und Lebenshilfebereich als Randgebiet der Medizin mit einbezieht.

Nun wird der Placeboeffekt als Hoffnungsträger für Pseudomedizin entdeckt und erhält eine völlig irrige Bedeutung. Man schwindelt sich nicht mehr über diesen Effekt hinweg, sondern vermarktet damit gezielt Pseudomedizin und auch Homöopathie. Placebo sei gleich einem Arzneimittel, aber eben sanft und nebenwirkungsfrei. Man muss, vereinfacht gesprochen, nur eine Placebotablette schlucken oder Homöopathie anwenden. Eine naive und unerfüllbare Wunschvorstellung. Wenn eine Anwendung sehr verbreitet ist, oft angewendet wird und das Anwendungsgebiet vornehmlich harmlose, vorübergehende und selbstheilende Beschwerden betrifft, dann wird es auch entsprechend viele und auch sensationelle „Erfolge“ geben. Aber wie beeindruckend auch immer, es sind Placebowirkungen und die Wirkungen sind dementsprechend begrenzt.

Die Entdeckung der Placebowirkung

Franz Anton Mesmer propagierte gegen Ende des 18. Jahrhunderts den „animalischen Magnetismus“. Seine Behandlungen waren spektakulär, der „Mesmerismus“ boomte. Benjamin Franklin konnte jedoch im Jahre 1784 als Mitglied der königlichen Untersuchungskommission in Paris demonstrieren, dass diese „Behandlungserfolge“ dann und nur dann auftraten, wenn die Versuchspersonen auch wussten, dass tatsächlich „mesmerisiert“ wurde. Wurde das „heilende“ Schauspiel mit den Magneten versteckt, also verblindet durchgeführt bzw. unterlassen, war es mit den sensationellen Wirkungen vorbei. Benjamin Franklin gelang sozusagen der erste dokumentierte Nachweis der Placebowirkung. Damals nannte man „Imagination“ als Ursache.

Benjamin Franklin zeigte, dass der Erfolg ärztlicher Handlungen auf zwei Ursachenketten beruhte. Die Wirkung kann im Glauben an den Therapeuten bzw. sein therapeutisches Schauspiel, seine Methode und sein Mittel liegen sowie in der Methode und im Mittel selbst, falls eine stofflich kausal bedingte Wirkung überhaupt existiert.

Evidenz kontra Eminenz und Pseudomedizin

Seit damals wurde zwischen „physischen“ und „psychischen“ Wirkursachen getrennt. Bis dahin stellte sich die Frage nach einer kausalen Wirkung nicht. Man sah nur, dass es wirkte und das genügte. Von nun an entwickelte sich die wissenschaftliche Medizin. Mittel oder Therapien wurden erst dann als „richtig“ wirksam angesehen, wenn nachgewiesen werden konnte, dass ihre Wirkung unabhängig von Erwartungen und Glauben Erkrankter und Ärzte eintrat. Durch bloße „Imagination“ zu wirken bzw. zu heilen, war damals schon suspekt.

Diese Enttarnung des therapeutischen Schauspiels bzw. des Schauspielers Arzt als wirksame Komponente der damals als Hysterie bezeichneten Erscheinung, war aber auch eine Bestätigung für Wirkungslosigkeit bzw. Wirkung „jenseitiger“ Heilkräfte in der Medizin.

Man muss sich vor Augen halten, dass Jahrtausende hindurch beim Heilen das Erflehen himmlischen Wohlwollens unerlässlicher Bestandteil der Medizin war. Ein Heilmittel allein konnte gar nicht richtig wirken, wenn es nicht mit entsprechenden Heilsprüchen angewendet wurde. Heilen war immer ein umfangreiches Ritual, das bis ins Jenseits reichte. Der Arzt bzw. seine Heilkunst konnten nicht allein heilen, sie konnten immer nur einen Teil zur Heilung beitragen. Franz Anton Mesmer behauptete nicht, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen, aber sein therapeutisches Schauspiel war gleich wirksam bzw. unwirksam wie ein himmlisches Schauspiel. Das Charisma des Heilers musste nur gleich beeindruckend sein wie die wunderkräftige Reliquie in einer Wallfahrtskathedrale.

Diese Erkenntnis veränderte die Entwicklung der Medizin nachhaltig. Seit dieser Zeit wird in der Medizin zwischen einer Begründung auf Evidenz und Eminenz unterschieden. Lange galt, was Eminenzen für richtig hielten. Heute ist die auf Evidenz basierte Medizin Standard. Sie beruht auf naturwissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine persönliche Beobachtung einfach nicht als Beweis genügt, um eine ursächliche Wirkung bzw. einen ursächlichen Zusammenhang behaupten zu können.

Heute ist es nicht mehr Teil der Medizin bzw. der ärztlichen Heilkunst, überirdische himmlische Mächte anzurufen. Kein Arzt wird seinen Patienten verbieten zu beten, aber er wird ganz sicher nicht das Beten von drei „Vater unser“ verordnen oder gar einen Exorzismus vorschlagen, der ja nach wie vor von der katholischen Kirche praktiziert wird. Und genauso wenig, wie ein himmlisches Schauspiel eine spezifisch wirksame Medizin ersetzen kann, kann es auch ein therapeutisches Schauspiel nicht. Und geistartige Kräfte in Arzneimitteln, wie Hahnemann noch dachte, gibt es nicht.

Aber die nur auf „Eminenz“ basierte Medizin, deren Wirksamkeit auf dem guten Ruf beruht, verschwand nicht. Im Gegenteil, sie lebt bis heute in der alternativen, komplementären und so genannten ganzheitlichen Medizin fort. Hier rechtfertigt man sich nach wie vor ausschließlich mit den subjektiven Beobachtungen und Aussagen von Eminenzen, den behandelnden Ärzten und Geheilten. Die Anekdoten werden mit dem Hinweis, dass die Wirksamkeit wissenschaftlich nicht erwiesen ist, juristisch abgesichert. Die Heil-Anekdoten entsprechen den Votivtafeln in Wallfahrtskirchen. Und eine evidente Wirkung ist aber nach wie vor nicht Voraussetzung für eine gesetzliche Zulässigkeit.

Für die auf Heilung hoffenden Erkrankten ist das ohne Bedeutung. Sie vertrauen auf Eminenz, sie erliegen dem Ruf. Für sie sind einzeln berichtete Heilungen bzw. das Ansehen der Beteiligten beweisend. Die Bedeutung, die Ärzten, medial präsenten Persönlichkeiten und Erzählungen spektakulärer Heilungen beigemessen wird, wiegt schwerer als naturwissenschaftlich begründete Beurteilungen. Das therapeutische Schauspiel, die besondere Fürsorge, die Empfehlung und nicht zuletzt der Ruf ohne Technik, ohne Chemie, biologisch, natürlich etc. zu sein, zählen mehr und wirken als Placebo.

Der von seiner Methode überzeugte Arzt oder Guru sieht die Erfolge bei seinen Patienten und Klienten. Diese bestärken ihre Behandler wiederum in ihrem Glauben, kausal wirksam zu behandeln. Man spricht hier im Fachjargon von einer performativen Täuschung. Die Selbsttäuschung von Patienten und Ärzten verstärkt sich gegenseitig. Und ein guter Arzt wird seinen Patienten Hoffnung machen. Er kann und muss vor den Patienten nur wirksam therapieren. Vom Hoffnung machen für den Patienten ist es aber nur ein kleiner Schritt zum Glauben an eine tatsächliche Wirkung seiner Behandlung auch bei lebensbedrohenden Erkrankungen.

Bekanntestes Beispiel für eine solche „Medizin“ ist die Homöopathie. Die performative Täuschung ist Grundlage und Kennzeichen der Homöopathie. Die homöopathische Art zu arbeiten, ihre Performance begünstigt Selbsttäuschung. Das wirksame therapeutische Schauspiel beginnt mit der Anamnese. Behandelt wird jedes kleine Wehwehchen und entgegen aller Beteuerungen wird die Homöopathie auch bei lebensbedrohenden Erkrankungen anstelle erwiesenermaßen wirksamer medizinischer Behandlung empfohlen. Am Ende „heilen“ Homöopathen ohne Grenzen Ebola mit Zuckerkügelchen in Afrika.

Bis heute fehlt ein valider Wirkungsnachweis. Ja, und es gibt keine Beweise für das Phänomen Homöopathie an sich. Der legendäre Nürnberger Kochsalzversuch anno 1835 und die zahlreichen Metastudien bis heute sind klar negativ. Die Qualität positiver Studien ist meist zweifelhaft und negative Studienergebnisse werden von Homöopathen negiert oder mit eigenwilliger Statistik höchst professionell uminterpretiert. Abgerundet wird mit vorgeblich „wissenschaftlichen“ Erklärungen zur Wirkungsweise der Homöopathie. Diese sind naturwissenschaftlich betrachtet Nonsens. Es wird Science-Fiction-Wirkung erklärt. Derartige Mittel und Methoden lassen sich nicht objektivieren. Die Placebowirkung fußt auch und gerade in der auf Eminenz basierten Medizin und ist damit Bindeglied zwischen Medizin und Pseudomedizin. In der Medizin werden Erfolge und Misserfolge untersucht und aufgeklärt. Das führt zu neuen Erkenntnissen. In der stets dogmatischen Pseudomedizin gibt es nichts aufzuklären. Sie hat daher auch nichts zu unserem heutigen erprobten und bewährten Wissensstand beigetragen. Der alternative Wissensfortschritt ist Null.

Der Zauberstab „Eminenz“ von einst wirkt immer noch

Franz Anton Mesmer machte seinerzeit weiterhin gute Geschäfte. Seine Patientinnen blieben ihm treu. An diesem Szenario hat sich bis heute nichts geändert. Die Therapien und Mittel haben im Laufe der Zeit alle möglichen und unmöglichen Formen angenommen. Magnete und Hochspannungsfunken wurden von Informationen, Bioresonanzen, Quanten und dergleichen Missbrauch von physikalischen Begriffen abgelöst. Die Evidenz für die Wirkung fehlt. Die postulierten Wirkmechanismen stehen im Widerspruch zu allen gesicherten und erprobten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und viele dieser Universalmittel sind darüber hinaus auch gelegentlich schädlich bis akut lebensgefährlich. Der Bogen reicht von unwirksamen energetischen Kuren bis z.B. zur „Germanischen Neuen Medizin“. Die letzten Seiten von Gratiszeitungen und Bezirksblättern sind voll mit Reklame dafür. Einstein ist für eine Gravitationswellentherapie gerade gut genug.

Für eine Unzahl neuerer Mittel und Methoden wird Wirkung mit illustren Persönlichkeiten und eindrucksvoller Reklame erzeugt, ohne irgendwelche validen Beweise für eine Wirksamkeit jenseits Placebo vorlegen zu können. Nahezu die gesamte alternative, komplementäre und ganzheitliche Medizin beruft sich bis heute ausschließlich auf die einmalige Eingebung von Gründern und die positiven Berichte der Behandler und der Behandelten. In entsprechenden Sendeformaten wie Dokumentationen, Gesundheitsbeiträgen usw. erscheinen regelmäßig charismatische Persönlichkeiten und verheißen mit stets verblüffend einfachen Therapien oder Mitteln alles heilen zu können bzw. auch geheilt worden zu sein. Kritik ist dabei wenig gefragt. Sie dient meist nur als Feigenblatt für den Anstrich, kritisch und objektiv zu berichten.

Die Homöopathie des Zeitgenossen Hahnemann überlebte bis heute. Und jeder der will, darf seinem pseudomedizinischen Treiben das Etikett „Homöopathie“ verpassen. Mittlerweile werden auch Tiere, Pflanzen und Weltmeere homöopathisch behandelt. Und auch dagegen haben namhafte Homöopathen nichts einzuwenden. Man heilt und sonst nichts.

Realismus als Chance?

Die Zeichen stehen schlecht. Alles, und sei es auch noch so unsinnig, kann und wird etwa als Medizinprodukt zertifiziert. Das heißt, dass Regeln verbindlich festgelegt werden, nach denen produziert und gearbeitet wird. Die Juristen stört es nicht, ob medizinische Produkte oder Methoden, die auf den Markt kommen, unserem bewährten und erprobten naturwissenschaftlichem Kenntnisstand entsprechen sowie auch nachweislich wirksam und sinnvoll sind. Sie dürfen halt nicht „schädlich“ sein und nur von behördlich befugten Personen verkauft oder angewendet werden. Eine Heilpraktikerin unterscheidet sich von einem afrikanischen Schamanen vor allem durch den Besitz einer Registrierkasse und ihrer Mitgliedschaft in der Wirtschaftskammer. Viele approbierte Ärzte sind diplomierte Homöopathen. Die Grundlagen der Pseudomedizin Homöopathie jedoch sind gleich unsinnig wie die Grundlagen der Energetik. Aber die Ärzte sind Mitglieder der Ärztekammer und Energetiker der Wirtschaftskammer. Dieser Unterschied ist gravierender.

Alle Fakten sprechen gegen die Homöopathie. Sie ist Pseudomedizin, Aberglauben und Big Business im Gesundheitssektor. Homöopathie ist eine lukrative Gesundheitslotterie. Zu gewinnen gibt es nur kleine Placebos. Viele Menschen und besonders junge Mütter und Hebammen verbinden Homöopathie mit biologisch, sanft, natürlich und sehen in ihr eine Ergänzung und auch eine Alternative zur Medizin. Dieses Phänomen können Psychologen erklären und Werbefachleute lassen sich dafür bezahlen. Das lukrative Bauchgefühl fällt nicht vom Himmel.

Die aufgeklärte Gesellschaft muss sich einmal mehr entscheiden, welche Art von Heilung erlaubt ist und dem Patientenschutz in einer zivilisierten Gesellschaft entspricht. Evidenz, Eminenz und auch Pseudo sind für Laien nicht klar erkenntlich getrennt. Will man wirksame Arzneimittel oder Therapien mit nachprüfbarer Wirkung oder ist es auch rechtens, Heilrequisiten für einen volksmedizinischen Aberglauben und Pseudomedizin in Ordinationen und Apotheken anzubieten?

Hahnemann starb am 2. Juli 1843 in Paris.

 


(Der Autor Dr. Edmund Berndt ist Apotheker im Ruhestand und Autor des Buchs „Der Pillendreh. Ein Apotheker packt aus“, Edition Vabene, 2009)

Foto: Susanne Aust für das INH

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