Was ist der Placeboeffekt und was sind Kontexteffekte?

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Klären wir zunächst einmal, was man unter dem Begriff „Placebo“ versteht. Hierbei möchten wir uns auf Placebos als Arzneimittel beschränken (ja, es gibt eine Menge Placebos, die mit Arzneimitteln gar nichts zu tun haben). Bleiben wir bei den Arzneimitteln: Dann handelt es sich bei einem Placebo um ein Arzneimittel, das eigentlich gar keines ist. Es enthält nämlich keinerlei arzneilich wirksame Substanz. Es sieht aus und fühlt sich an wie ein wirksames Medikament (bzw. was man dafür hält) – aber es enthält keinerlei Wirkstoffe.

Trotzdem können solche Placebo-Mittel beim Patienten etwas bewirken: den „Placeboeffekt“. Man fühlt sich nicht nur besser, es können auch körperliche Veränderungen eintreten, die man tatsächlich nachweisen kann. Diese werden aber nicht durch arzneiliche Wirkstoffe hervorgerufen. Vielmehr entstehen sie dadurch, dass Patienten meinen, ein wirksames Medikament zu erhalten und sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass durch eine Behandlung die Beschwerden besser werden. Dies ist ein komplizierter Zusammenhang mit psychisch-physischen Effekten, der gut, aber längst noch nicht vollständig erforscht ist, der sich aber für unsere Betrachtung recht vereinfacht so beschreiben lässt:

    • Wenn ein Patient davon überzeugt ist, dass eine Behandlung ihm helfen wird, verliert er, zumindest für eine Zeitlang, seine Ängste und Sorgen. Er kann sich wesentlich besser entspannen, und dadurch können seine Selbstheilungskräfte in höherem Maße wirksam werden. Dies ist der eigentliche Placeboeffekt.

Nun müssen wir aber noch bedenken, dass nicht nur die pharmakologische Wirkung eines Medikamentes und dieser Placeboeffekt dazu führen, dass es dem Patienten nach einer gewissen Zeit wieder besser geht. Dafür sorgen auch noch andere Dinge in erheblichem Umfang – man bezeichnet dieses „Bündel“ von Ursachen als „Kontexteffekte“ (auch der Placeboeffekt gehört dazu), gemeint ist damit die Summe der Effekte, die nicht durch eine spezifisch wirksame medizinische Intervention ausgelöst werden.

    • Der natürliche Krankheitsverlauf: Hierbei gehen die Beschwerden von selbst zurück, ohne dass man etwas dafür tun müsste. Denken wir zum Beispiel an leichte Erkältungskrankheiten, Verstauchungen, harmlose oberflächliche Verletzungen, blaue Flecken bei Kindern usw. Dies sind alles Bagatellen, die der Körper von selbst überwindet – und noch viel mehr.
    • Die Regression zur Mitte: Das ist der Effekt, dass extreme Situationen in der Natur selten lange aufrechterhalten werden. Auf Krankheiten bezogen bedeutet das: Entweder die Beschwerden werden immer schlimmer und nehmen womöglich sogar einen tragischen Verlauf – oder sie gehen auf ein Mittelmaß zurück. Wenn man eine Behandlung erst beginnt, wenn die Situation bereits schwer erträglich ist (was sehr häufig der Fall ist), hat man oft das Meiste schon hinter sich. Auch ohne weiteres Zutun von außen würde sich die Situation für den Patienten jetzt bessern.
    • Begleitende Therapien oder Maßnahmen: Wenn wir Menschen uns krank fühlen, ist oft der Zeitpunkt gekommen, dass wir auf gute Ratschläge hören. Dass wir zum Beispiel auf gesunde Ernährung achten, Spaziergänge unternehmen, Alkohol und Kaffee durch Wasser ersetzen und Zigaretten meiden, uns mehr bewegen oder auch schonen, wenn wir uns zuviel zugemutet haben. Das scheinen Nebensächlichkeiten zu sein – aber sie können viel bewirken.
      Vielleicht hatten wir auch begleitende Therapien, die ihre Wirkung tun, wie Krankengymnastik, Massagen und ähnliches. Aber auch die Verbesserung der persönlichen Lebenssituation oder psychologische Hilfe durch einen qualifizierten Therapeuten fallen hierunter.
    • Indirekte Effekte: Vielleicht hatten wir auch eine Therapie gewählt, die nicht sinnvoll war und eventuell sogar noch Nebenwirkungen mit sich brachte. Durch die Aufnahme der neuen Therapie wird eventuell eine vorherige beendet, und die Heilung ist eine Folge der nun nicht mehr auftretenden Nebenwirkungen der alten Therapie, die uns nicht guttat. Oder der Patient wird den krankmachenden Einflüssen entzogen, etwa weil er wegen seiner Beschwerden nicht mehr zur Arbeit geht oder durch einen Ortswechsel sonstigen krankmachenden Bedingungen nicht mehr ausgesetzt wird. Hier sind sehr viele Möglichkeiten denkbar.
    • Gewöhnung: Der Patient gewöhnt sich an die Situation, lernt damit umzugehen und empfindet seinen Zustand dann nicht mehr als so unangenehm wie es ihm anfänglich erschien.
    • Unbekannte Ursachen: Letztendlich kann die Heilung auch durch Dinge oder Umstände kommen, die damit nicht in Verbindung gebracht werden, entweder weil sie übersehen werden oder weil der Einfluss auf das Befinden nicht bekannt ist und niemand auf diese Dinge achtet.

Dies soll hier als Übersicht genügen, die mit Sicherheit noch weiter ergänzt werden könnte. Alle diese Effekte können bei jeder Therapie auftreten – sie gehören aber nicht zur spezifischen Wirkung des Arzneimittels, denn sie sind unabhängig davon, was der Patient einnimmt. Also durchaus auch, wenn es sich um ein Placebo handelt.


Mehr dazu:

https://de.wikipedia.org/wiki/Placebo

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=1072

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oft_gehörte_Argumente_-_Verbreitete_Vorstellungen_über_den_Placebo-Effekt

http://placeboforschung.de/de/mechanismen-des-placeboeffektes

Auf dieser Seite zum Noceboeffekt: Nocebo – was ist denn das schon wieder?


Bildnachweis:  Ewa Urban auf Pixabay

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