Hahnemanns „Organon“, das Grundlagenwerk der Homöopathie

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Ein Buch vom Anfang des 19. Jahrhunderts – eine Bibel heutiger „Heilkunde“?

Das Bild zeigt eine der Gedenkplatten an Hahnemanns Grabmal in Paris mit eingravierten Sätzen aus dem Organon
„Kernsätze“ aus dem Organon auf einer Platte an Hahnemanns Grabmal in Paris

Das Organon kann mit Fug und Recht als die Bibel der Homöopathen bezeichnet werden. Es wurde vom Erfinder der Homöopathie, dem sächsischen Arzt Samuel Hahnemann, erstmals im Jahre 1810 veröffentlicht und erfuhr von seiner Hand insgesamt fünf Überarbeitungen und somit sechs Auflagen.

Der Begriff Organon kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie Werkzeug, und als solches hat es Hahnemann auch gesehen. Das Organon sollte das Werkzeug zur Heilung der Patienten sein. Sein Buch richtete sich deswegen auch nicht nur an Ärzte, sondern auch an Patienten. Teilweise verschenkte Hahnemann sein Organon auch an seine eigenen Patienten.

Waren darin durchaus auch sinnvolle Vorschläge zur persönlichen Hygiene oder zur Lebensführung im Krankheitsfalle niedergelegt, so finden sich doch auch abstruse Ausführungen dazu, warum die Homöopathie nicht wirken könne, so etwa, weil man Unterwäsche aus Schafswolle getragen oder unkeusche Gedanken hatte.

Einen guten Teil des Organons nimmt natürlich die Erläuterung des homöopathischen Grundprinzips ein, dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt wird. Ebenso wie die Anweisungen zur Potenzierung, also der Verdünnung der Wirksubstanzen. Hahnemann ging in seiner Lehre nämlich davon aus, dass durch die Verdünnung die Wirkung nicht schwächer, sondern sogar stärker würde.

Wobei man hier Hahnemann keinen Vorwurf machen kann. Zu der Zeit, in der er sein Organon schrieb, waren die Grundlagen pharmazeutischer  Wirkmechanismen noch nicht bekannt, ebensowenig Viren oder Bakterien (Keime) als Krankheitserreger (erste Ideen dazu gab es zwar schon lange, aber bedeutungslos für die damalige ärztliche Praxis), steckte die naturwissenschaftlich orientierte Medizin doch noch in den Kinderschuhen. Deswegen muss man das Organon und seine Entstehung auch immer vor dem historischen Kontext sehen.

Worauf Samuel Hahnemann in seinem Organon allerdings dringt, ist die Erstellung einer umfangreichen Diagnose, was heute als „Erstgespräch“ bezeichnet wird. Nur durch dieses Diagnosegespräch könne das „Symptomenbild“ des Patienten festgestellt werden, was dann Voraussetzung für die Findung des „einzig richtigen“ Mittels und damit für eine umfassende und nachhaltige Heilung sei.  –  Am Rande: Wenn man diesen Paragraphen im Organon liest, stellt sich die Frage: Und wie soll dann die Tierhomöopathie wirken? Ein Diagnosegespräch mit Hund oder Pferd dürfte doch ein bisschen schwierig sein.

Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass Hahnemann davon ausgeht, dass immer nur eine Krankheit im Körper des Menschen ihr Unwesen treiben kann, die nur mit einem Wirkstoff behandelt wird. Die heutigen „homöopathischen Trikomplexe„, die wir aus der Werbung kennen, widersprechen ganz völlig den Grundgedanken Hahnemanns im Organon. Und das sind keine Marginalien, sondern Kernsätze der Homöopathie. Bei Hahnemann heißt es eindeutig: eine Krankheit, ein Wirkstoff, eine Gesundung.

Dass Samuel Hahnemann bereits in den ersten Jahren nach der Veröffentlichung seiner neuen Glaubenslehre im Organon auch schon harschen Gegenwind spürte, merkt man spätestens ab der fünften Auflage des Organons. In dieser Auflage beschimpft er seine Gegner heftig und „abtrünnige Homöopathen“ aufs Massivste. Die abtrünnigen Homöopathen sogar noch heftiger als die Gegner, so ist da vom „After-Homöopathen“ oder von „Mischlings-Homöopathen“ zu lesen. Damit meint er vor allem diejenigen, die von seiner Lehre abwichen und eigene „Variationen“ schufen (von denen es heute eine Menge gibt, die sowohl dem Organon als auch sich selbst untereinander teils massiv widersprechen).

Interessant ist auch, dass sich am Organon, und damit an der homöopathischen Kernlehre, in den letzten 200 Jahren nichts geändert hat. Gerade die ärztliche Homöopathie beruft sich meist darauf, die „klassische“ (an Hahnemann stark angelehnte) oder die „genuine“ (Hahnemann wortwörtlich nehmende) Homöopathie zu vertreten. Obschon sich das medizinische Wissen in dieser langen Zeit extrem vervielfältigt hat, wurde kein Paragraph dieses Buches revidiert oder ersetzt. Trotzdem ist dieses Buch aus dem frühen 19. Jahrhundert die Grundlage der homöopathischen Aus- und Fortbildung – auch der „offiziellen“ im Rahmen der Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern für den Erwerb der „ärztlichen Zusatzbezeichnung Homöopathie“- Von denen inzwischen (März 2021) allerdings elf (von insgesamt 17) binnen wenig mehr als einem Jahr diesen Posten aus ihren Weiterbildungsordnungen gestrichen haben.


Bild: Andreas Weimann für das INH

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