Belgien: Verbraucherschützer beziehen Position – „Homöopathie ist unwirksam, sogar gefährlich“

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Unter diesem Titel berichtet die Brussels Times am 15. Mai 2019 und zitiert den Sprecher der Verbraucherschutzorganisation „Test Achats“ (sozusagen die belgische „Stiftung Warentest“), Simon November, mit den Worten:

„Die Anforderungen an Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität, um ein Produkt mit der Bezeichnung „Medikament“ auf den Markt zu bringen,  sind leider nicht für alle Produkte gleich. Homöopathische Produkte brauchen nur mit einem Minimum an Informationen versehen sein und die Wirksamkeit der Produkte muss praktisch nicht nachgewiesen werden. Und das, während klassische Medikamente einen langen  Prozess von Studien und Begutachtungen durchlaufen müssen. Wir können diesen Unterschied einfach nicht akzeptieren.“

Die Brussels Times weiter:

„Die Organisation (Test Achats) beschreibt die Homöopathie als ‚Quacksalberei‘, was schon schlimm genug wäre, wenn es dem Patienten nur Geld rauben würde. Aber es gibt Umstände, unter denen der Patient wirklich keine Zeit mit Produkten zu verlieren hat, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist. Menschen, die an sehr realen Herz- und Gefäßerkrankungen leiden, sollten sich sofort von einem Arzt und mit wirklich wirksamen Medikamenten behandeln lassen.“

Wem sagt ihr das? Wir denken auch, dass die Kritik sich vielleicht noch mehr auf das Gefahrenpotenzial der Homöopathie konzentrieren muss. Es sind reale Gefahren – aber sie werden selten sichtbar und sind deshalb „aus dem Sinn“. Die Folgen und Verzögerungen durch homöopathische „Therapien“ werden nirgends erfasst und landen letztlich praktisch alle in den Fallstatistiken – und den Sterbefällen – der wissenschaftlichen Medizin. Berichte darüber gibt es nur wenige. Und in den berühmten Fallberichten der Homöopathen, mit denen sie „Evidenz“ nachweisen wollen, finden sich solche Fälle natürlich nicht – dort werden nur diejenigen präsentiert, die dank ihrer Selbstheilungskräfte und des natürlichen Krankheitsverlaufs wieder gesundet sind.

Auch der deutschsprachige belgische Sender BRF berichtet auf seiner Webseite.

Wie ist die Situation in Belgien eigentlich generell?

Das Federaal Kenniscentrum voor de Gezondheidszorg, die offizielle Dienststelle für gesundheitliche Aufklärung, hat schon 2011 in einem Paper „Sachstand zur Homöopathie in Belgien“ (Stand van zaken van de homeopathie in België) konstatiert:

„Aus rein klinischer Sicht bleibt festzuhalten, dass es keinen gültigen empirischen Nachweis für die Wirksamkeit der Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus gibt.“ Die belgischen Skeptiker „skepp“ berichteten auf ihrer Webseite ausführlich über dieses Statement unter dem Titel „Homeopathie: geen bewijs dat het werkt en toch veel gebruikt“ (Homöopathie: Kein Beweis für eine Wirkung und trotzdem viel verwendet.“

Es ist den Kassen in Belgien (ähnlich wie in Deutschland über die „Satzungsleistungen“) freigestellt, ob sie Homöopathie erstatten oder nicht. Wie nicht anders zu erwarten, tun es praktisch alle, mit Blick auf die Konkurrenz, der man nur ja keinen Marketingvorteil einräumen will. Allerdings gab es in Belgien im vorigen Jahr einen Einbruch dieser Front: Einer der großen Versicherer gab bekannt, keine Homöopathie-Erstattungen mehr zu übernehmen.

Die therapeutische Anwendung von Homöopathie ist in Belgien schon seit einiger Zeit nur „Qualifizierten“ vorbehalten. Mit dem sogenannten „Colla-Gesetz“ wurden 1999 Homöopathie, Akupunktur, Chiropraktik und Osteopathie erheblich reguliert. Man kann allerdings wahrlich darüber streiten, ob es der richtige Weg ist, die Therapeuten dieser Richtungen zur Gründung von Berufsverbänden zu veranlassen und zu glauben, damit wäre einem ohnehin zweifelhaften Qualitätsaspekt Genüge getan. Aber das eigentliche Ziel war wohl, die Ausübung dieser Therapieformen durch nichtärztliche Therapeuten zu unterbinden.

In der Tat wurde dazu 2014 mit einem königlichen Dekret nochmals nachgelegt und das Ende der nichtärztlichen Ausübung dieser Therapien besiegelt. Das Dekret regelte

1. Homöopathische Therapeuten müssen approbierte Ärzte, Zahnärzte oder Hebammen sein.

2. Sie müssen über einen Abschluss in Homöopathie von einer (offiziellen) Hochschule oder Universität verfügen.

3. Ärzte, Zahnärzte und Hebammen dürfen die Homöopathie nur bei evidenzbasierten Indikationen anwenden.

Nun, ja. Lassen wir den letzten Punkt besser außer Acht, denn der müsste eigentlich das Ende der Homöopathie bedeuten, wenn man ihn so nimmt, wie er da steht. Es gibt schlicht keine Evidenz, für keine Indikation …  Natürlich tut das niemand. (Der Text will natürlich nicht sagen, dass die Indikationen evidenzbasiert sein müssen, sondern die Therapien für die Indikationen. Aber es steht genau so im Originaltext.) Gut gemeint, aber eigentlich mehr als halbherzig, teilweise sogar nichts anderes als eine Aufwertung der Zuckerkugelmethode – käme so eine Regelung in Deutschland, würde der Zentralverein homöopathischer Ärzte wohl länger feiern…

Nein, ein Ärztevorbehalt für die Homöopathie ist keine Lösung, gar keine. Solche Regelungen entspringen der Illusion, es gäbe eine „qualifizierte“ homöopathische Therapie. Der Hebel muss nicht am ausübenden Personenkreis, sondern an der Methode selbst angesetzt werden, wie es derzeit in Spanien und in Frankreich geschieht.

Und deshalb danke an die belgischen Verbraucherschützer, die sich genau in diese Richtung wenden mit ihrem gerade veröffentlichten Statement. Hoffen wir, dass auch in Belgien die Einsicht greift, dass Homöopathie – egal von wem ausgeübt – in der qualifizierten Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nichts zu suchen hat.

Und die deutsche Gesundheitspolitik?  – Ja, Herr Spahn, da ist man schon manchmal um den sprichwörtlichen Schlaf gebracht. Statt die Entwicklungen in Europa – und weltweit – aufmerksam zu reflektieren und die eigene Position zu hinterfragen, versteckt man sich nach wie vor hinter dem Beliebtheits-„Argument“. Wobei wir den Gesundheitspolitikern nicht unterstellen wollen, sie wüssten nicht, dass „Beliebtheit“ kein Kriterium für die Validität medizinischer Mittel und Methoden ist. Wir kritisieren aber, dass sie so tun, als sei das so.

Mag Belgien halbherzig sein, was die offizielle Haltung zur Homöopathie angeht, so ist Deutschland allenfalls hasenherzig, wenn überhaupt.


Bildnachweis: Screenshot Brussels Times 15.05.2019