Frankreich: Negative Stellungnahme der Obersten Gesundheitsbehörde zur Homöopathie vorgelegt

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Mehrfach haben wir über den Fortgang der kritischen Debatte über die Rolle der Homöopathie im französischen Gesundheitswesen berichtet. In geradezu atemberaubendem Tempo hat sich aus einem Protestartikel der Gruppe #NoFakeMed in Le Figaro eine Debatte entwickelt, die zwischenzeitlich Stellungnahmen der obersten französischen Ärztekammer sowie der Akademien der Wissenschaften der Medizin und der Pharmazie (in einer gemeinsamen Erklärung) erbracht haben, die sich sämtlich klar gegen die Rolle der Homöopathie im Gesundheitswesen positionieren und es an Deutlichkeit zur Unwissenschaftlichkeit, Wirkungslosigkeit und unter Umständen Gefährlichkeit der Homöopathie nicht haben fehlen lassen. (Unsere letzten Reports dazu hier und hier.)

Die offiziellen Stellungnahmen waren von der französischen Gesundheitsministerin Agnés Buzyn angefordert worden, die sich zu Beginn der Debatte noch einigermaßen nonchalant-unwissend zur Homöopathie geäußert hatte („wenn sie hilft, giftige Medikamente zu vermeiden…“). Sie hatte dann  aber zugesagt, sich nach den endgültigen Statements der Kammern und Akademien und vor allem nach der darauf fußenden Empfehlung der obersten französischen Gesundheitsbehörde, der HAS (Haute autorité de santé) bei ihrer endgültigen Entscheidung zu richten. Natürlich spielte Frau Buzyn auf Zeit, indem sie alle Autoritäten einschaltete, die man so in Frankreich dazu finden konnte. Aber das ist nicht recht aufgegangen. Nach wenig mehr als einem Jahr nach dem Artikel in Le Figaro liegt nun auch die endgültige Stellungnahme der HAS – wenn auch noch nicht offiziell veröffentlicht – vor – LeMonde berichtet

Und die fällt vernichtend aus für die Homöopathie. Zwar spricht die HAS von einer „umstrittenenen“ Wirkung der Homöopathie, was nach den Stellungnahmen der beiden Akademien nicht nachvollziehbar ist – aber das mag schon eine politisch gefärbte Formulierung sein. Die Empfehlung an Frau Buzyn fällt allerdings eindeutig aus: Keine Erstattungen mehr für Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen. Und der mehr als eindeutige Kernsatz lautet:

„Keine Studien haben die Überlegenheit des homöopathischen Ansatzes in Bezug auf die Wirksamkeit (…) gegenüber konventionellen Behandlungen oder Placebo nachgewiesen.“

Die Entscheidung von Frau Buzyn soll im Juni fallen. Vorher haben die drei großen Homöopathieproduzenten in Frankreich, Boiron, Weleda und der hierzulande wenig bekannte Lehning, noch Gelegenheit zu Gegenvorstellungen. Und was Wunder – das Gezeter hat schon begonnen. Boiron „winkt“ mit dem Verlust von 1.000 Arbeitsplätzen und die „marginalen“ Kosten – im französischen Kassensystem zuletzt 130 Mio. Euro jährlich – würden doch angesichts der Tatsache, dass es dafür doch ordentlich Placeboeffekte gebe, nicht ins Gewicht fallen… so jedenfalls franceinfo. Wir müssen wohl nicht daran erinnern, dass nirgendwo der Kostenfaktor bestimmend war, wo der Homöopathie der Abschied gegeben wurde. Zudem wissen wir: Heilen kann der Körper selbst, Heilung bringt meist auch der natürliche Krankheitsverlauf, Placebo hat möglicherweise an alledem nur einen kleinen Anteil, heilt selbst keine Krankheiten  – und ist überall, wo es Zuwendung und Umsorgtwerden gibt, ganz umsonst zu haben.

Dass Boiron am Rande des Ruins stehen wird nur wegen der Aufhebung der Erstattungsfähigkeit durch die Sozialversicherung, das glauben wir ohnehin nicht.

Wie dem auch sei – es wird spannend und die Sache ist in Frankreich kurz vor der Ziellinie. Auf die Stellungnahmen der Hersteller darf man gespannt sein.

Halten wir einfach fest, dass das schon über 200 Jahre alte Geschäftsmodell Homöopathie nun doch noch Wissenschaftlichkeit und Redlichkeit zum Opfer fällt, wie es aussieht. Die Fakten sind schließlich so unbestreitbar wie die Existenz der Mondphasen.


Bildnachweis: Screenshot franceinfo, 15.5.2019