Wenn eine Erklärung keine ist – Anmerkungen zu einer neuen „Theorie“ der Homöopathie

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Gelegentlich erreichen uns Arbeiten, die mit erheblichem Aufwand versuchen, die Homöopathie an etablierte naturwissenschaftliche Konzepte anzuschließen. Eine solche wurde uns jüngst mit der Empfehlung zugesandt, sie in unserem Netzwerk zu verbreiten [1]. Nun, wir tun dies hiermit – aber nicht in dem Sinne, wie es die Einsendung offenbar von uns erwartet.

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Der Autor ist kein Außenseiter, sondern ein langjährig in der Forschung tätiger Wissenschaftler, auch wenn er inzwischen als „independent researcher“ firmiert. Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick – als Beispiel dafür, wie auch aus etablierten wissenschaftlichen Kontexten heraus Hypothesen entstehen können, die einer näheren Prüfung nicht standhalten.

Problemverschiebung statt Problemlösung

Das zentrale Problem der Homöopathie ist seit langem klar: Ein spezifischer Effekt über Placebo und andere Kontexteffekte hinaus ist nicht belastbar nachgewiesen.

Die vorliegende Arbeit versucht dieses Problem zu umgehen, indem sie eine neue Hypothese einführt:
Nicht der ursprüngliche Stoff wirke, sondern Proteine aus mikrobiellen Verunreinigungen, die während der Herstellung in die Lösung gelangen und immunologische Effekte auslösen.

Damit wird jedoch nichts erklärt. Die Frage wird lediglich verschoben:

  • Statt „Wie wirkt ein Präparat ohne Wirkstoff?“ heißt es nun
  • „Welche anderen, zufällig vorhandenen Stoffe könnten wirken?“

Die Existenz, Relevanz und Spezifität dieser Stoffe bleibt dabei unbelegt.

Die ignorierte stoffliche Realität

Ein zentraler blinder Fleck der Hypothese ist die tatsächliche Zusammensetzung der Lösungen.

Selbst unter kontrollierten Bedingungen enthalten Wasser, Ethanol und die verwendeten Materialien eine Vielzahl von gelösten und partikulären Bestandteilen. Diese bilden die reale stoffliche Basis jeder Verdünnung.

Die vom Autor postulierten mikrobiellen Einträge sind – selbst wenn sie existieren – nur ein möglicher und vermutlich untergeordneter Teil dieses Systems. Entscheidend ist jedoch:

Es wird nicht gezeigt, dass diese Komponenten quantitativ relevant sind – oder dass sie gegenüber anderen vorhandenen Stoffen eine besondere Rolle spielen.

Eine Theorie, die einzelne hypothetische Bestandteile isoliert betrachtet, ohne sie in die Gesamtzusammensetzung einzuordnen, bleibt selektiv – und damit unzureichend.

Herstellungsrealität und Konsequenzen

Die Hypothese setzt voraus, dass während der Herstellung reproduzierbar relevante Mengen mikrobieller Bestandteile eingetragen werden. Die pharmazeutische Praxis zielt jedoch genau auf das Gegenteil: Minimierung von Kontamination, kontrollierte Rohstoffe, standardisierte Prozesse. Selbst wenn man diesen Widerspruch ignoriert, ergibt sich ein weiteres Problem:

Wären zufällige Einträge tatsächlich wirksam, müssten Präparate zwangsläufig in ihrer Zusammensetzung und Wirkung stark variieren.

Damit wäre weder Standardisierung noch spezifische Arzneiwirkung möglich.

Verlust der Spezifität

Die entscheidende Konsequenz der Hypothese wird vom Autor nicht reflektiert.

Mikrobielle Bestandteile und Proteinfragmente sind allgegenwärtig:

  • in Wasser und Lebensmitteln
  • in der Umwelt
  • auf Schleimhäuten und in der Atemluft

Das Immunsystem ist permanent mit solchen Strukturen konfrontiert. Wenn diese Bestandteile tatsächlich die postulierte Wirkung hätten, müsste sie ubiquitär sein. Ein Glas Wasser, ein Lebensmittel oder jede alltägliche Exposition müsste ähnliche Effekte auslösen. Damit verschwindet jedoch genau das, was erklärt werden sollte: die spezifische Wirkung eines bestimmten Präparats.

Eine Theorie, die zu dieser Konsequenz führt, erklärt keine Arzneiwirkung – sie löst sie auf.

Quantitative Leerstelle

Auffällig ist, dass die gesamte Argumentation ohne quantitative Angaben auskommt:

  • keine Konzentrationen
  • keine Nachweise
  • keine Dosis-Wirkungs-Beziehungen

Für eine immunologische Hypothese ist das ein grundlegender Mangel. Ohne quantitative Verankerung bleibt sie spekulativ.

Aufwand ohne Erkenntnisgewinn

Die Arbeit ist umfangreich, referenzreich und terminologisch anspruchsvoll. Sie greift etablierte Konzepte der Immunologie auf und verbindet sie zu einem komplexen Modell.

Gerade das macht sie interessant – nicht als Erklärung, sondern als Beispiel:

Umfang, Detailtiefe und terminologische Komplexität sind keine Indikatoren für wissenschaftliche Tragfähigkeit.

Der Erkenntnisgewinn liegt nicht in der Hypothese selbst, sondern in ihrer Analyse.

Ein wissenschaftsphilosophischer Rahmen

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf die methodische Ebene.

Nach Ray Hyman gilt sinngemäß:
Die Suche nach einem Wirkmechanismus setzt voraus, dass ein stabiler, reproduzierbarer Effekt existiert.

Für die Homöopathie ist ein solcher Effekt nicht belastbar belegt. In diesem Sinne ist die Mechanismussuche streng genommen gegenstandslos.

Warum also solche Arbeiten dennoch betrachten? Weil sie ein wiederkehrendes Muster zeigen:

  • Es wird nicht versucht, die Hypothese zu falsifizieren
  • sondern sie durch immer neue Modelle zu bestätigen (zu verifizieren).

Diese Form der Bestätigungsforschung produziert Erklärungsversuche, ohne die zugrunde liegende Annahme kritisch zu prüfen. Kritik kann hier keine eigene „Gegenhypothese“ liefern – denn das Nichtvorhandensein eines Effekts ist epistemologisch nicht direkt beweisbar. Was sie leisten kann, ist etwas anderes:

Sie kann zeigen, dass die vorgelegten Verifikationsversuche nicht tragfähig sind. Und genau darin liegt die Grenze – aber auch die Stärke wissenschaftlicher Analyse in diesem Kontext.

Die vorliegende Arbeit zeigt nicht, wie Homöopathie funktioniert. Sie zeigt, wie sich ein ungelöstes Problem mit erheblichem theoretischem Aufwand auf eine andere Ebene verlagern lässt – ohne dort gelöst zu werden. Das ist kein Fortschritt der Erkenntnis. Aber es ist ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Argumentation auch ins Leere laufen kann.

Zwei Wege – und ihre gemeinsame Grenze

Die vorliegende Arbeit ist auch deshalb interessant, weil sie sich deutlich von anderen Versuchen unterscheidet, homöopathische Konzepte zu begründen.

In bestimmten Strömungen wird bewusst auf naturwissenschaftsfremde Modelle zurückgegriffen – etwa auf „Bildekräfte“ im Sinne der Anthroposophie oder das berühmte „Wassergedächtnis„. Solche Ansätze beanspruchen gar nicht erst, im Rahmen etablierter Naturwissenschaft erklärbar zu sein, sondern versuchen, damit gleichzeitig ein eigenes Weltbild zu etablieren.

Der hier vorgelegte Ansatz geht den entgegengesetzten Weg. Er bemüht sich erkennbar um Anschlussfähigkeit an das naturwissenschaftliche Weltbild:

  • Verwendung etablierter immunologischer Konzepte
  • Einbettung in bekannte Mechanismen (Antigene, T-Zellen, Adjuvantien)
  • Verzicht auf explizit spekulative Konstrukte wie „Wassergedächtnis“

Das ist methodisch ein relevanter Unterschied. Und doch stoßen beide Ansätze auf dieselbe Grenze. Der eine verlässt den naturwissenschaftlichen Rahmen vollständig, der andere versucht, ihn zu nutzen. Aber in beiden Fällen fehlt die entscheidende Voraussetzung: ein belastbarer, reproduzierbarer Effekt, der überhaupt erklärt werden müsste.

Ob man die Erklärung außerhalb der Naturwissenschaft sucht oder innerhalb – ohne empirische Grundlage bleibt sie in beiden Fällen spekulativ.


[1] Amarnath Sen , „Adhering to Mainstream Concepts Homeopathic Therapy Explained as Protein-based Antigenspecific Immunotherapy Backed by Non-specific Immunotherapy,“ Immunology and Infectious Diseases, Vol. 10, No. 2,
pp. 9 – 16, 2023. DOI: 10.13189/iid.2023.100201.

https://www.hrpub.org/download/20231230/IID1-16735208.pdf


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