Was hinter einer „positiven Studie“ von Homöopathen steckt – ein Beispiel

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Der nachstehende Beitrag erhellt exemplarisch, was sich so manches Mal hinter Veröffentlichungen der homöopathischen Szene verbirgt.


Auf seiner Facebook-Seite hatte der DZVhÄ (Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte) am 14. April 2016 um 13.37 Uhr einen Artikel des American Institute of Homeopathy mit einem eigenen Link eingestellt (Link inzwischen erloschen).

Eine erstaunt und verwirrt dreinblickende junge Dame, als Versinnbildlichung der hier besprochenen erstaunlichen
Äh… wie bitte?!?

Hierin wird berichtet, ein gewisser Dr. Leonard Torok aus Medina/Ohio/USA hätte bei Knieoperationen homöopathische Zubereitungen von Arnica eingesetzt und dabei bemerkenswerte Erfolge erzielt. Dies sei anhand von Messungen der Menge Blut festgestellt worden, die während mehrerer Operationen zur Implantation eines künstlichen Kniegelenks gefiltert und dem Patienten wieder zugeführt wurde. Im Jahr bevor Dr. Torok Arnica einsetzte, hätte der Blutverlust im Durchschnitt 650 ccm betragen. Nach 17 von Dr. Torok mit Hilfe von Arnica ausgeführten Operationen hätte der Statistiker des Krankenhauses die Versuchsreihe abgebrochen, weil „statistisch signifikante Ergebnisse“ vorgelegen hätten. Der durchschnittliche Blutverlust dieser 17 Patienten habe nur bei 170 ccm gelegen.

Insgesamt hätten die Untersuchungen ergeben, dass die Patienten weniger unter Schmerzen zu leiden gehabt hätten, weniger Schwellungen aufgetreten seien, die Ausheilung schneller erfolgte, der Aufenthalt im Krankenhaus kürzer war, weniger Narkosemittel eingesetzt werden musste und die Patienten daher auch weniger unter den Folgen der Narkose litten (Übelkeit etc.).

Dr. Torok habe daraufhin 10 Jahre lang bei seinen Operationen homöopathisches Arnica eingesetzt und sei vor kurzem in Ruhestand gegangen.

Soweit der DZVhÄ. Was sagt das aus?

Zunächst einmal nichts, denn es fehlt an allen detaillierten Angaben, die eine Bewertung ermöglichen würden und es werden auch keine Quellen genannt, in denen man sich weiter informieren könnte.

Also müssen wir die Sache selbst recherchieren. (Alle Internetzugriffe am 23.04.2016)

Erste Station: Google Scholar, die Suchmaschine für wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Eine Suche in Google Scholar mit „Leonard Torok“ als Autor bringt nur fünf Treffer, keiner davon hat auch nur im Entferntesten mit Homöopathie zu tun.

Zweite Station: PubMed, die Suchmaschine für medizinische Veröffentlichungen:

Mit Leonard Torok als Autor findet man nichts, mit Leonard Torok in der Volltextsuche findet man eine Studie zur Freigabe eines Medikaments für Alzheimer. Also auch Fehlanzeige.

Dritte Station: CORE HOM Datenbank der Carstens-Stiftung zu klinischen Studien zur Homöopathie:

(a) Suche nach Leonard Torok als Autor ist erfolglos.

(b) Eine Suche nach Arnica als eingesetztem Mittel ergibt in Summe 106 Treffer, davon vier zur Implantation eines künstlichen Kniegelenks. Dabei handelt es sich bei allen vier Arbeiten (Brinkhaus 2006, Lüdtke 1998, Wilkens 2000, Wilkens 2003) um Berichte über die gleichen Untersuchungen, die immer vom gleichen Autorenteam auf unterschiedliche Weise veröffentlicht wurden. Dabei handelt es sich um Untersuchungen, die an der Charité in Berlin durchgeführt wurden, diese haben also nichts mit unserem Dr. Torok zu tun. Nebenbei: Es ergab sich keine deutliche positive Wirkung des Einsatzes von Arnica.

Zusammengefasst bis hierher:

In dem Artikel wird behauptet, da hätte jemand einen überwältigenden Erfolg mit Arnica als homöopathischem Mittel erzielt. Dies würde sich doch hervorragend dazu eignen, damit den lange gesuchten ultimativen Wirksamkeitsnachweis für die Homöopathie zu erbringen – aber diese Sensation hat keinen Niederschlag in irgendwelchen Fachveröffentlichungen gefunden, noch nicht einmal als ein in Kreisen der Homöopathen verbreiteter Fallbericht.

Wer ist Leonard Torok?

Eine Google-Suche führt tatsächlich zu einem Dr. Torok in Medina/Ohio, der in der entsprechenden Klinik gearbeitet hat und dessen biografische Daten zur Beschreibung passen. Dieser wird einmal als Orthopäde (Link erloschen …), einmal als Spezialist für „ganzheitliche Medizin und Dermatologie“  (Link erloschen …) geführt. Einmal sind Knieoperationen sein Spezialgebiet, dann wieder Akne, Neurodermitis und andere Hautkrankheiten. Aus den biographischen Daten ist zu ersehen, dass es sich dabei durchaus um die gleiche Person handelt.

Auf einer anderen Webseite (Link erloschen …) wird wieder die gleiche Person beschrieben, diesmal allerdings als jemand mit vertieften Kenntnissen der „ganzheitlichen Medizin“, was wir hierzulande als Alternativ- und Komplementärmedizin bezeichnen würden: Zu seinen Spezialgebieten zählen TCM, Klangschalentherapie, Neurofeedback („neurotherapy“), Hypnose, Verhaltensmedizin („behavioral medicine“), Bioresonanz („electrodermal screening“), Craniosakraltherapie, Osteopathie („somatoemotional release“) und fortgeschrittene Homöopathie („advanced homeopathy“)

Hier (Link erloschen … )profiliert er sich als Kosmetiker.

Ach ja, über seine angeblichen durchgreifenden Erfolge bei Knieoperationen erfährt man auf allen diesen Seiten: nichts.

Das Krankenhaus, an dem die umwerfenden Erfolge erzielt worden sein sollen, ist das Medina Hospital, das, nach der Webseite (Link erloschen …) zu urteilen, zur Cleveland Clinic gehört. Folgt man dort den Links zur Orthopädie und Knieproblemen, erfährt man nichts über den segensreichen Einsatz der Homöopathika. Möglicherweise sind Angaben in den Informationsbroschüren enthalten, die man sich downloaden kann, wenn man sich mit einer amerikanischen Postleitzahl (zip-code) registriert. Ich habe als Einwohner Südbadens davon Abstand genommen.

Eine gründliche Suche nach Veröffentlichungen des Krankenhauses sowie nach dem Stichwort „homeopathy“ auf der Webseite führte zu keinem einschlägigen Suchergebnis.

Zur Cleveland Clinic gehört noch ein Lerner Research Institute, das für die Jahre 1999 bis 2014 Jahresberichte zur Forschung herausgegeben hat, also durchaus den gesamten Zeitraum abdeckt, in denen Dr. Torok seine einmaligen Erfolge erzielte (Link erloschen …). Eine Volltextsuche nach „Torok“ ergab in keinem der Berichte einen Treffer. Auch die Suche nach dem Namen „Torok“ auf der Webseite blieb erfolglos.

Also, lieber DZVhÄ: Woher wisst Ihr das eigentlich, was Ihr hier behauptet? Es gelingt nicht, irgendeiner Information hierzu habhaft zu werden, die die Grundlage für Euren Artikel bilden könnte. So wie sich das darstellt, kann es sich bei dem veröffentlichten Artikel auch um ein völliges Phantasieprodukt handeln, dem Ihr da aufgesessen seid.

Aber nehmen wir einfach mal an, dass das, was der DZVhÄ da schreibt, tatsächlich stimmt. Wie ist das zu interpretieren?

Alles was wir über den durchgeführten Vergleich wissen, ist folgendes:
During the year prior to this experiment, the average blood loss during and after surgery was 650cc. During the experiment, the 17 patients in the study had an average blood loss of 170cc, representing a 74% decrease.
(Während des Jahres vor dem Versuch betrug der durchschnittliche Blutverlust während und nach Operationen 650 ccm. Während des Versuchs verzeichneten die 17 teilnehmenden Patienten einen durchschnittlichen Blutverlust von 170 ccm.)

Belastbare Evidenz erfordert, so ist der gegenwärtige Kenntnisstand, kontrollierte und verblindete Vergleichsstudien, bei denen eine größere Zahl von Patienten nach einem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen aufgeteilt wird. Eine der Gruppen erhält das zu prüfende Mittel, die andere das Placebo bzw. das Vergleichsmittel bekannter Wirksamkeit. Durch die Randomisierung – die Aufteilung nach einem Zufallsprinzip – soll sichergestellt werden, dass die Ausgangssituation in beiden Gruppen vergleichbar ist. Durch die (doppelte) Verblindung wird sichergestellt, dass in beiden Gruppen das Verhältnis zwischen Behandler  / Betreuer und Patienten nicht durch „Vorwissen“ dazu beeinflusst wird, wer welche Mittel erhält.  Nur so ist sichergestellt, dass man auch die Effekte des Mittels erfasst und sich Wunschdenken oder einseitige Placeboeffekte im Ergebnis nicht wiederfinden.
Was davon findet sich hier?

Es wurden zwei Gruppen betrachtet – aber waren diese vergleichbar? Bei der Vergleichsgruppe handelt es sich um alle Patienten eines Jahres – und es wird noch nicht einmal gesagt, dass dies nur Patienten waren, denen ein künstliches Kniegelenk eingesetzt wurde. Man unterstellt das, wenn man die Nachricht liest, unwillkürlich, aber geschrieben ist das nicht. Da steht „… after surgery …“, nicht „… after knee-surgery …“. Selbst wenn es sich bei allen um die gleichen Operationen handelte, ist nicht ersichtlich, ob andere möglicherweise den Erfolg der Operation bestimmende Faktoren vergleichbar waren (z.B. Alter, Geschlecht, Gewicht …).

Wir erfahren, dass die Patienten von Dr. Torok weniger Blutverlust zu verzeichnen hatten. Wenn dem tatsächlich so war und die Gruppen vergleichbar waren – lag das notwendigerweise an dem homöopathischen Mittel?

Ganz und gar nicht. Alles, worin sich das Vorgehen Dr. Toroks von dem unterschied, was die anderen Mediziner taten, die im Jahr zuvor die Operationen durchgeführt hatten, kann zu diesem Unterschied geführt haben. Hätte man feststellen wollen, ob tatsächlich die Homöopathika einen Einfluss hatten, dann hätte man den Patienten verblindet entweder Arnica oder ein Placebo geben müssen und alle hätten von Dr. Torok operiert werden müssen. Natürlich auch ohne dass dieser wusste, wer welches Mittel eingenommen hat. Dann hätte man das sehen können.

Überhaupt, wie kam man eigentlich darauf, ausgerechnet den Blutverlust als das Beurteilungskriterium heranzuziehen? Das ist höchst ungewöhnlich. Ein Blick in die oben erwähnte Datenbank zu den Arnica-Studien zeigt, dass generell nach Operationen eher die Ausbildung von Hämatomen („blaue Flecke“, die Schwellung an der Eingriffsstelle oder auch das Ausmaß der Schmerzen betrachtet wurden. Das Ausmaß des Blutverlusts wird nur einmal in 36 Untersuchungen genannt, die sich mit Operationen und Wundheilung befassen. Wie kam Dr. Torok auf die Idee, genau dies zu messen?

Oder kam er gar nicht vorher auf die Idee, sondern hat einfach eine ganze Menge Daten ermittelt, wie ja auch aus der Aufzählung der Vorteile hervorgeht und für diesen Bericht wurde einfach das beste der Ergebnisse herausgefischt? Dann ist das eine völlig wertlose Angabe, denn wenn man nur ausreichend Daten erfasst, wird man immer (!) etwas finden können, das sich positiv entwickelt und auch zu einem signifikanten Ergebnis geführt hat.

Der richtige Weg ist vorab festzulegen, anhand welcher Größen man seinen Erfolg bewerten wird – und dabei zu begründen, nach welcher logischen Überlegung oder aufgrund welcher Vorkenntnisse man davon ausgehen kann, warum das Mittel genau so wirkt. Alles andere sind Zufallstreffer, die man unter den verschiedenen Fehlschlüssen eingruppieren könnte, sei es der Texas Sharpshooter, das Rosinenpicken oder auch Data mining. Alles Dinge, mit denen man scheinbar überzeugende Resultate erzeugen kann, auch wenn das betrachtete Mittel unwirksam ist.

Der Texas Sharpshooter schießt erst auf ein Scheunentor, schaut, wo er getroffen hat, malt hinterher die Zielscheibe drum herum und sagt: „Schaut, wie toll ich ins Schwarze getroffen habe!“ Rosinenpicken bedeutet, dass man aus dem großen Ganzen die paar Dinge heraussucht, die einem gefallen. Data mining ist einfach der Vorgang, sehr viele Daten zu ermitteln, wobei durch die natürliche Streuung immer auch positive Resultate dabei sind.

Da wir gerade beim Zufall sind: Nachdem was der DZVhÄ schreibt, wurde der Versuch vorzeitig abgebrochen, weil die Daten signifikant waren. Es ist ein bei einem Wirksamkeitsnachweis völlig unzulässiges Vorgehen, dann schnell aufzuhören, wenn die Daten gerade gepasst haben.

Auch hier muss man vorab eine Vorgehensweise festlegen und sich daran halten. Man überlegt sich üblicherweise, wie groß der Effekt ist, den man erwartet. Hieraus kann man mit statistischen Verfahren ermitteln, wie viele Versuche man braucht, um das Ergebnis in der unvermeidlichen Streuung der Messwerte deutlich erkennen zu können. Bricht man die Versuchsreihe dann ab, bevor man diese Versuchszahl abgearbeitet hat, ist das Ergebnis nur ein Zufallstreffer – und mehr auch nicht.

Zusammenfassung:
Der DZVhÄ behauptet, ein Dr. Torok habe in den USA unter Einsatz von homöopathischem Arnica ganz erhebliche Verbesserungen bei Knieoperationen erzielt. Unabhängig davon, dass dieser Dr. Torok ein recht umtriebiger Mensch zu sein scheint, der über eine erstaunliche Menge von Spezialkenntnissen verfügt, hat sich dieser angebliche Erfolg anscheinend in keiner auffindbaren Veröffentlichung niedergeschlagen. Das, was wir vom DZVhÄ darüber erfahren, lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich um ein Zufallsergebnis handelt und überhaupt nichts mit dem Einsatz homöopathischer Arnica zu tun hatte.

Weiter so, DZVhÄ! Solche Evidenz trägt die Katze auf dem Schwanz weg – vor dem Frühstück.


Nachsatz, 07.10.2019

Das Erlöschen sämtlicher Link-Referenzen, die überhaupt auffndbar waren, machen den Artikel nicht etwa weniger aktuell, sondern eher noch interessanter. Wer sich auf solche „Belege“ beruft, braucht eigentlich niemand mehr, der sich die Mühe macht, sie zu widerlegen.

Eine aktuelle Websuche nach „Dr. Leonard Torok“ ergab einen Treffer in der Mitgliederliste des American Institute of Homeopathy, der wiederum auf eine „Ohio Holostic Medicine“ hinweist. Dabei handelt es sich laut Google um eine Akupunkturklinik, wo Dr. Torok sich offenbar ein weiteres Tätigkeitsfeld erschlossen hat. Diese Einrichtung befindet sich in der Nähe des American Institute of Homeopathy und verfügt nicht über eine eigene Webpräsenz, scheint aber zu einem größeren „Cluster“ von Einrichtungen der alternativen Szene „vor Ort“ zu gehören.

Ein Schelm, wer Schlimmes dabei denkt. Die Katze hat’s eben einfach auf dem Schwanz davongetragen.


Autor: Dr. Norbert Aust

Diesen Text hatten wir als Kommentar auf der Facebook-Seite des DZVhÄ (Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte) am 24.04.2016 unter deren Link zu der „Studie“ gepostet. Eine Reaktion darauf haben wir nicht erhalten.


Bild von Robin Higgins auf Pixabay

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