Zehn Jahre Informationsnetzwerk Homöopathie – Ein Jubiläum im leisen Raum

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Zehn Jahre Informationsnetzwerk Homöopathie – das ist kein lauter Jahrestag. Eher ein stiller, aber gewichtiger Moment. Ein Moment, der weniger nach Feier ruft als nach Reflexion: Was hat sich verändert? Was ist geblieben? Und warum braucht es dieses Netzwerk heute noch – vielleicht sogar mehr denn je? Wir versuchen eine Antwort.


Ein Jahrzehnt später: leiser geworden, aber nicht verschwunden

Am 31. Januar jährt sich die Gründung des Informationsnetzwerks Homöopathie zum zehnten Mal. Ein Jahrzehnt ist in öffentlichen Debatten eine lange Zeit – lang genug, um Themen kommen und gehen zu sehen, um Moden zu überstehen und um zu erkennen, was bleibt, wenn der Lärm verklungen ist.

Auffällig ist: Homöopathie ist heute kaum noch ein zentrales öffentliches Diskursthema.
Nicht, weil sie widerlegt worden wäre – das war sie schon lange vor 2016.
Nicht, weil sie sich reformiert hätte – das hat sie nie.
Sondern weil sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit verschoben hat. Die großen Krisen unserer Zeit haben andere Themen in den Vordergrund gerückt. Und da die Homöopathie zu diesen Herausforderungen nichts Substanzielles beitragen kann, ist sie aus dem Zentrum der öffentlichen Debatte verschwunden.

Man könnte daraus schließen, das INH habe seine Aufgabe erfüllt und sei damit entbehrlich geworden.
Das Gegenteil ist der Fall.

Denn während der öffentliche Diskurs weitergezogen ist, hat sich in der homöopathischen Szene eine trügerische Gewissheit ausgebreitet: Der Sturm sei vorüber. Man könne zur Tagesordnung übergehen – geschützt durch politische Privilegien, getragen von alten Strukturen, unbehelligt von grundlegenden Fragen. Diese Ruhe ist keine Entwarnung. Sie ist ein Risiko.

Was geblieben ist – und was nicht

Für die Homöopathie ist nach diesen zehn Jahren doch erstaunlich wenig geblieben.

Die wissenschaftliche Kritik ist etabliert.
Die öffentliche Wahrnehmung hat sich verändert.
Medien berichten heute nüchterner, kritischer und weniger unbefangen.
Die Selbstverständlichkeit, mit der homöopathische Behauptungen früher verbreitet wurden, ist zu großen Teilen verschwunden.

Besonders deutlich zeigt sich das innerhalb der ärztlichen Profession. Die Homöopathie ist aus nahezu allen ärztlichen Weiterbildungsordnungen der Ärztekammern gestrichen worden. Und der 128. Deutsche Ärztetag hat 2024 unmissverständlich klargestellt, dass sie außerhalb verantwortlichen ärztlichen Handelns steht. Man kann sagen: Die Ärzteschaft hat ihr den Stuhl vor die Tür gestellt – leise, aber endgültig.

Was geblieben ist, ist im Wesentlichen eines: politische Sonderbehandlung. Eine Privilegierung, die aus einer Zeit stammt, in der man Homöopathie für harmlos hielt – und man es nicht als Problem sah, den „Erfahrungsmedizinern“ ihren Willen zu lassen. Diese Zeiten sind vorbei – die Evidenzfrage ist geklärt und die Homöopathie ist dank der gesetzlichen Privilegierung zu einem Problem für die Gesundheitskompetenz der Menschen aufgewachsen. Heute wirkt diese Sonderstellung im Arznei- und im Sozialrecht wie ein Anachronismus: eine einsame Insel, abgeschnitten von wissenschaftlichen Standards und professioneller Praxis.

Warum das INH weiterhin gebraucht wird

Gerade deshalb braucht es das INH. Nicht, um immer wieder dieselben Detailwiderlegungen zu wiederholen. Die liegen vor, sie sind zugänglich und sie sind belastbar. Sondern um auf einer anderen Ebene anzusetzen: bei den Prämissen, die politisches Handeln leiten.

Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr: Wirkt Homöopathie? Darüber kann man nicht mehr ernsthaft diskutieren. Selbst die Vertreter der Homöopathie argumentieren heute viel lieber auf Metaebenen wie “Patientenautonomie”; “Therapievielfalt” oder “Eigenverantwortlichkeit” – alles Begriffe, die mit dem Kern unserer Kritik nichts zu tun haben.
Sondern wir fragen vor allem: Warum wird ein nicht evidenzbasiertes Verfahren weiterhin politisch privilegiert – und welche Folgen hat das?

Diese Privilegierung ist kein Bonus für Patientinnen und Patienten, wie es gern von politischen Vertretern dargestellt wird. Sie ist ein Malus.
Sie suggeriert Wirksamkeit, wo keine belegt ist.
Sie untergräbt wissenschaftliche Orientierung im Gesundheitssystem.
Sie schwächt das Vertrauen in rationale, evidenzbasierte Entscheidungen.
Und sie normalisiert eine Wissenschaftsmimikry, die den Unterschied zwischen Erkenntnis und Behauptung verwischt.

Aufklärung bedeutet hier nicht mehr, einzelne Aussagen zu widerlegen, sondern die falschen Selbstverständlichkeiten sichtbar zu machen, auf denen politische Entscheidungen beruhen.

Ausblick: weniger Repetition, mehr Intervention

Die umfangreichen Aufklärungsmaterialien des INH bleiben auf unseren Webseiten weiterhin verfügbar – sorgfältig kuratiert, redaktionell betreut und aktuell gehalten. Sie bilden das stabile Fundament unserer Arbeit.

Doch die Zukunft des INH liegt nicht im Archiv, sondern in gezielten, punktgenauen Interventionen. Dort, wo politische Entscheidungen vorbereitet oder legitimiert werden. So wie im Herbst 2025, als wir Ministerin Warken an die Bedeutung einer klaren Haltung zur Homöopathie erinnerten. Oder in der jahrelangen Arbeit, die schließlich dazu führte, dass die Studie von Prof. Frass zur Homöopathie bei Lungenkrebs aus der wissenschaftlichen Literatur zurückgezogen wurde.

Solche Interventionen werden wichtiger: sachlich, präzise, unbeirrbar. Nicht laut – aber deutlich.

Zum Schluss: Verantwortung statt Ritual

Zehn Jahre INH sind kein Anlass zur Selbstbeweihräucherung. Sie sind ein Anlass, sich zu vergegenwärtigen, warum es dieses Netzwerk gibt:

Weil Aufklärung kein Ereignis ist, sondern eine dauerhafte Aufgabe.
Weil Wissenschaft nicht nur Wissen produziert, sondern Orientierung geben muss.
Und weil es oft gerade die stillen, scheinbar befriedeten Räume sind, in denen Wachsamkeit am dringendsten gebraucht wird.

Manchmal wird das INH gefragt, welche Ressourcen hinter seiner Arbeit stehen – als müsse ein Netzwerk, das über Jahre hinweg öffentliche Debatten verschiebt, zwangsläufig über finanzielle oder institutionelle Unterstützung verfügen. Die Wahrheit ist weit unspektakulärer und zugleich bemerkenswert: Das INH arbeitet seit zehn Jahren ohne Budget, ohne Fördermittel, ohne professionelle Strukturen. Unsere einzige Ressource ist unser Sachverstand – und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wo andere sich mit dem Status quo zufriedengeben. Dass wir dennoch Wirkung entfalten konnten, zeigt, wie viel sich bewegen lässt, wenn Expertise, Klarheit und Beharrlichkeit zusammenkommen.

Wir danken allen, die uns in diesen zehn Jahren dabei begleitet haben.
Und wir hoffen, dass Sie uns auch weiterhin unterstützen und unsere Arbeit weitertragen.

Denn Aufklärung wirkt nur dann, wenn sie geteilt wird.

Das Team vom Informationsnetzwerk Homöopathie


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