Beliebtheit von Homöopathie und Freibier – finde den Unterschied!

Vier volle Biergläser ohne Unterschied als Sinnbild des Freibier-Verglaichs
Ununterscheidbar…

Ein wesentlicher “Link” zwischen den Vertretern der Homöopathie und der Politik ist das Beschwören einer vorgeblichen „Beliebtheit“ der Zuckerkugeltherapie. Oft genug hat das INH vorgebracht, dass dies ja schließlich kein Argument in einem medizinisch-wissenschaftlichen Diskurs sei. Dafür braucht man gar nicht das im Titel angezogene „Freibier“-Beispiel zu nehmen – bei dem liegt die Beliebtheit auf der Hand. Bei Homöopathie keineswegs.

Es ist doch klar, dass sanfte, nebenwirkungsfreie, sichere und dazu auch noch wirksame Therapien von jedermann gewünscht werden. Es leuchtet aber ebenso ein, dass all diese Attribute dann völlig nutzlos sind, wenn die dahinterliegende Therapie schlicht und einfach unwirksam ist. Das „Beliebtheitsargument“ rückt allein die erste Aussage in den Vordergrund und unterschlägt die zweite.  Eine „Argumentation“, die geschickt auf die „Zielgruppe Politik“ ausgerichtet wurde.  In aktuellen Debatten und politischen Statements zur Homöopathie ist „Beliebtheit“ eine stets mehr oder weiniger deutlich zu vernehmende Grundmelodie.

So weit, so sinnbefreit. Aber nehmen wir doch die „Beliebtheit“ mal beim Wort. Ist sie wirklich so groß, wie es die VertreterInnen der Homöopathie glauben machen wollen? Aus unserer mehrjährigen Aufklärungsarbeit heraus haben wir inzwischen nicht unbedingt den Eindruck, dass das so ist. Die Reaktionen auf öffentliche Vorkommnisse in diesem Jahr (gewisse Abmahnungsdesaster und gewisse satirische TV-Beiträge) lassen die Zweifel am reinen Tatsachengehalt des Beliebtheitsarguments weiter wachsen.

Nicht nur einmal haben wir darauf hingewiesen, dass die Umfrageergebnisse, die die Homöopathiefraktion seit langem ins Feld führt, eine Ableitung von „Beliebtheit“ nicht zulassen. So, wie sie dastehen, können sie allenfalls große Unwissenheit bei der Bevölkerung und korrespondierend dazu große Erfolge bei der Vermarktung und Bewerbung der Homöopathie belegen. Unbestritten haben schon viele Menschen von Homöopathie gehört (Allensbach 2014:  94 %). Wenig verwundert auch, dass etliche davon Homöopathika bereits verwendet (60 % der Gesamtbefragten) und beinahe 9 von 10 Anwendern „gute Erfahrungen“ mit Homöopathie gemacht haben (46 % “hat geholfen”, 39 % “hat nicht immer geholfen”). Wir haben schon oft erklärt, was es damit auf sich hat.

Weniger bekannt ist, dass es von Allensbach auch eine Befragung dazu gab, ob diejenigen, denen die Homöopathie bekannt war, mindestens ein Wirkprinzip benennen könnten. Was eigentlich die Kernfrage ist, denn wie kann etwas als „beliebt“ attributiert werden, über das man gar nichts weiß, zudem auch noch im Kontext von Gesundheit? Und da sah es dann so aus:

Balkengrafik; dargetellt wird das Umfrageergebnis, dass nur 17 Prozent derer, die von Homöopathie gehört haben, eines der Grundprinzipien der Methode benennen können.

Siebzehn Prozent – von 94 Prozent. Angesichts dessen die „Beliebtheit“ der Homöopathie zum entscheidungsrelevanten Faktor für die Politik hochzujazzen, ist schon – na, sagen wir mal, sehr gewagt.


Interessanter noch wäre eine Befragung, die Aufschluss darüber gäbe, ob die Leute nach einer Aufklärung über die wirklichen Grundprinzipien der Homöopathie immer noch an ihren Ansichten festhalten würden. Und genau das haben die amerikanischen Skeptiker vom Center for Inquiry (CFI) im September 2019 getan.

Das CFI führt bekanntlich Rechtsstreite wegen Betruges gegen die größte amerikanische Apothekenkette CVS und die Kaufhauskette Walmart. Dabei geht es – um genau zu sein – um die Tatsache, dass CVS und Walmart in ihren großen Selbstbedienungs-Drugstores die homöopathischen Mittel ohne besondere Hinweise mitten zwischen den regulären Pharmazeutika stehen, nur nach Indikationen geordnet. Das CFI hat sowohl CVS wie auch Walmart mehrere Male aufgefordert, dies zu ändern, ohne dass hierauf jemand reagiert hat. Und nun stützen sich die Betrugsklagen gegen beide auf diesen Umstand.

War da nicht was mit Kennzeichnung, 2017 von der Verbraucherschutzbehörde FTC (Federal Trade Commission) gefordert? Ja, in der Tat, aber nicht alle Hersteller halten sich daran (anders als Anordnungen der Food and Drug Administration -FDA- haben die Regeln der FTC keine Gesetzeskraft) und ohne Zweifel sieht man die Kennzeichnung auch nicht unbedingt, wenn die Packung da so friedlich im Regal herumsteht. Wie dem auch sei – die Prozesse bewegen sich derzeit im nach amerikanischen Recht üblichen Vorfeld von Anträgen, Gegenanträgen, auch von Feststellungen des rechtlichen Schutzinteresses. Und um den letzteren Punkt, das Verbraucherschutzinteresse und damit das Klagerecht, zu belegen, hat das CFI eine Befragung von Käufern homöopathischer Husten-, Erkältungs- und Grippemittel („cough, cold and flu“) bei CSV und Walmart „vor Ort“ in Auftrag gegeben. Mit mehr als interessanten, wenn auch nicht unerwarteten Ergebnissen.

Das CFI konstatiert insgesamt, dass sich ein großer Prozentsatz der Befragten nach der Aufklärung über Homöopathie von CVS und Walmart „getäuscht und hintergangen“ fühlt und ihr Vertrauen in diese Händler  „missbraucht“ sehen. Dieses Gesamtfazit ist natürlich der Prozesstaktik geschuldet. Wie aber sieht es konkret aus?

Infografik aus dem Origianlbeitrag des Center for Inquiry zur Umfrage bei CSV und Walmart
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Fast die Hälfte (46 %) der Befragten gab an, dass sie sich nach der Indikations-Kennzeichnung der Gänge und Regale richten, sich also darauf verlassen, was ihnen die Händler vorgeben. 3 Prozent fragen einen Angestellten (der dort allerdings kein Apotheker ist).

Nachdem den Befragten die wesentlichen Fakten über die pseudowissenschaftlichen Grundlagen der Homöopathie mitgeteilt wurden,

  • zeigten 41 Prozent der Befragten erhebliche Betroffenheit („described their feelings in deeply negative terms“),
  • fast ein Viertel der Befragten (23 Prozent) benutzten Wörter wie “schlecht”, “schrecklich”, “entsetzt” und “verärgert”,
  • 15 Prozent äußerten, sie sich würden sich “abgezockt”, “betrogen” oder “getäuscht” fühlen, seien “aufgebracht” oder würden eine Rückerstattung verlangen,
  • drei Prozent kamen dahin, sich selbst als “dumm” oder “töricht” wahrzunehmen.

Die Information über den realen Hintergrund der Homöopathie ließ den Vertrauensfaktor gegenüber CSV / Walmart um 17 Prozentpunkte zurückgehen. (79 auf 62 %). Bei 13 Prozent verkehrte sich die Wahrnehmung dahin, dass sie den Handelsketten nur noch “ein wenig” oder “gar nicht mehr” vertrauen (29 auf 16 %).

63 Prozent der Befragten sprachen sich für die Kennzeichnung von homöopathischen Arzneimitteln aus, wie von der FTC empfohlen. 78 Prozent der Befragten gaben nach der Information zu Protokoll, dass sie jetzt eine eher negative Meinung zu homöopathischen Produkten hätten. Immerhin 10 Prozent gaben an, schon einmal unbewusst ein homöopathisches Produkt erworben zu haben, obwohl ein pharmazeutisches gewollt war.

Ein kleiner Schlussgag:

Vor der näheren Information wusste nur ein Prozent aller Befragten, dass es sich bei “Anas barbariae” , dem „Wirkstoff“ der Boiron-Cashcow Oscillococcinum (meistverkauftes Homöopathikum in den USA), um den alkoholischen Auszug aus Herz und Leber einer Ente handelt (Moskauer Ente, Moschusente, Cairina moschata). 22 Prozent dachten, dass Anas barbariae die Bezeichnung für einen pharmazeutischen Stoff sei, 13 Prozent hielten es für ein Vitamin. Nachdem die wahre Natur des Inhaltsstoffs erklärt wurde, sahen fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) das Produkt „weniger positiv“.

Fazit:

Wir zweifeln nicht an ähnlichen Ergebnissen bei einer solchen Befragung in Deutschland – vielleicht nicht mit identischen Werten, denn in Deutschland ist die Homöopathie nun mal mit „sozialer Reputation“ stark verankert. Aber die Tendenz wird unbezweifelbar genauso sein, wie es auch unsere tägliche Aufklärungsarbeit immer wieder zeigt: Wer bislang un- oder desinformiert war und gegenüber sachlicher Information über die Grundannahmen der Homöopathie unvoreingenommen ist, wird seine Schlussfolgerungen ziehen.

Und eigentlich – ja, eigentlich müssten hier bei uns die Apotheken die Aufgabe übernehmen, die in den USA die Befrager übernommen haben (immerhin gibt es hier die Apotheken statt Selbstbedienung): Konsequente faktengerechte Aufklärung über Homöopathie, sofern sie über die Theke der Offizin gehen soll. So manche tut es – sehr viele aber wohl eher nicht.

Jedenfalls ist eines klar. Die Politik sollte endlich realisieren, dass eine  vermeintliche „Beliebtheit“ der Homöopathie nicht einmal in die Nähe dessen kommt, was man gemeinhin ein Sachargument nennt. Und dass man auch in der Politik, wenn man dem Raum gibt, Verantwortung trägt: Nämlich dafür, dass unhaltbare bis potenziell gefährliche Fehlannahmen breiter Kreise über eine spezifisch unwirksame Methode fortbestehen, die ungerechtfertigterweise als Teil von Medizin angesehen wird.


Bericht des CFI über die Befragung mit Link zur Originalstudie

Allensbach-Studie 2014

Anmerkungen zur Allensbach-Studie und anderen Erhebungen bei fowid


Bildnachweise: Bild von tookapic auf Pixabay / Allensbach – Dr. C. Lübbers / Center for Inquiry

Offener Brief an die bayerischen Landtagsabgeordneten: Homöopathie ist keine Antibiotika-Alternative!

Das Bild zeigt die Vorderansicht des Maximilianeums in München auf der Isarhöhe, dem Sitz des Bayerischen Landtags
Maximilianeum München, Sitz des Bayerischen Landtages

Am 24. Oktober berichtete das kritische Portal “MedWatch”, dass dem Bayerischen Landtag ein Antrag der Fraktionen von CSU und Freien Wählern vorliegt, in dem die Beforschung von alternativmedizinischen Methoden, “namentlich der Homöopathie”, zur Verringerung / Vermeidung des Einsatzes von Antibiotika gefordert wird. Der Gesundheitsausschuss des Landtages hat nach unseren Informationen bereits mehrheitlich dem Landtag empfohlen, entsprechend zu beschließen.

Salopp gesagt, hört hier aber nun wirklich der Spaß auf. Uns ist wohl bekannt, dass immer wieder Homöopathie als Antibiotikaalternative propagiert und auch angewandt wird. Vor allem in der Nutztierhaltung ist dies erschreckend weit verbreitet (und wird von der EU-Tierarzneimittelrichtlinie auch noch befördert). Es gab vor etwa einem Jahr sogar den Versuch, über eine Crowdfunding-Plattform Geld für entsprechende “homöopathische Forschung” einzubringen, was glücklicherweise im Ansatz steckenblieb. Nun, inzwischen sind wir weiter: Von der Nutztierhaltung zur Humanmedizin, vom Crowdfunding vergleichsweise bescheidenen Ausmaßes zum Anzapfen öffentlicher, durch Steuereinnahmen refinanzierter Mittel.

Selbstverständlich kann dies nicht unwidersprochen bleiben. In der Erwartung, dass fachliche Argumente in dieser Sache noch eine Chance haben, hat das INH den nachfolgenden Offenen Brief an alle (per Mail erreichbaren) bayerischen Landtagsabgeordneten geschickt:


 

An die Mitglieder
des Bayerischen Landtages

 

04.11.2019

Antrag “Todesfälle durch multiresistente Keime vermeiden IV – Studie zu einem reduzierten Antibiotika-Einsatz”

Sehr geehrte Damen und Herren,

in obigem Antrag schlagen Abgeordnete der CSU und der Freien Wähler vor, dass in einer Studie untersucht werden soll, ob durch Einsatz von Alternativmedizin, namentlich der Homöopathie, der Einsatz von Antibiotika reduziert werden kann.

Hiermit möchten wir Sie davon überzeugen, dass der Antrag abgelehnt werden sollte, da diese Untersuchung angesichts bereits vorliegender Erkenntnisse sinnlos ist und eine Verschwendung von Steuermitteln darstellt.

Wir teilen die Ansicht, dass das Thema der Antibiotikaresistenzen dringender Aufmerksamkeit und wohl auch einer Bereitschaft der öffentlichen Hand bedarf, sich – auch finanziell – zu engagieren. Der Ansatz des oben bezeichneten Antrages scheint uns dafür aber wenig geeignet zu sein. Wir halten es für erforderlich, Ihnen nachstehend die Gründe für diese Einschätzung zu erläutern.

Zur Begründung:

Das Bemühen, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, ist ein sinnvolles und notwendiges Vorhaben, um die weitere Ausbreitung multiresistenter Keime zu verhindern und damit die Gesundheit der Bürger zu schützen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und ihre Teilorganisationen betreiben dazu bereits seit geraumer Zeit Aufklärungskampagnen, so findet z.B. vom 18. bis 24.11.2019 die weltweite „World Antibiotic Awareness Week“ statt [1]. Wissenschaftliche Empfehlungen zur Reduzierung von Antibiotikagaben werden umfangreich kommuniziert. Aber: Der Einsatz von alternativmedizinischen Therapien, insbesondere der Homöopathie, ist dagegen in keinem Fall zielführend.

Wenn eine Therapieentscheidung ansteht, können nur zwei Fälle auftreten:

(1) Es liegt eine bakterielle Infektion vor und der Einsatz von Antibiotika ist angezeigt: Dann wäre die Anwendung von pseudomedizinischen Verfahren, die nicht über einen Placebo-Effekt hinaus wirksam sein können, unterlassene Hilfeleistung zum Schaden des Patienten.

(2) Es liegt keine bakterielle Infektion vor, dann sind keine Antibiotika angezeigt. Die einzig richtige Konsequenz ist, keine Antibiotika zu verordnen, auch nicht als Präventivmaßnahme. Gleiches gilt für harmlose, selbstlimitierende Infektionen, in denen der Einsatz der Homöopathie ebenfalls keinen reellen Vorteil ergibt.

Zum Hintergrund:

Die Ursache von bakteriellen Infektionskrankheiten sind Bakterien, die durch das körpereigene Abwehrsystem bekämpft werden. Kritisch wird dies, wenn diese Abwehr nicht ausreicht, die Erreger einzudämmen oder zu vernichten. In diesem Fall ist eine Antibiotika-Behandlung notwendig, um die Bakterien abzutöten.

Da der Antrag sehr stark auf die Homöopathie abzielt und keine anderen Therapieoptionen erwähnt, konzentrieren wir uns auf diese Therapieform.

Grundsätzlich ist zu bedenken, dass Infektionskrankheiten vor der Entdeckung der modernen Antibiotika die Todesursache Nummer eins waren. Sie waren Ursache für die damals geringe Lebenserwartung, insbesondere durch die hohe Kindersterblichkeit. Penicillin wurde erst 1928 entdeckt, aber erst nach dem 2. Weltkrieg fanden Antibiotika eine weitere Verbreitung in der Alltagsmedizin, und erst danach hat die Sterblichkeit infolge von Infektionen deutlich abgenommen. Ganz offensichtlich war die seit Anfang des 19. Jahrhunderts weit verbreitete Homöopathie nicht in der Lage, zu einer Lösung dieses Problems beizutragen. Es drängt sich die Frage auf, was sich an der homöopathischen Lehre weiterentwickelt hätte, dass sie heute bessere Voraussetzungen bieten soll, schließlich sind die Lehren des Gründers Samuel Hahnemann damals wie heute die in der Homöopathie anerkannten Therapiegrundsätze.

Zur Homöopathie:

Die Homöopathie ist ein Therapiekonzept aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert, an dem die Fortschritte der medizinischen Erkenntnis weitgehend spurlos vorbeigegangen sind. “Verstimmung der Lebenskraft” und “Miasmen” sind Grundlagen ihrer Krankheitslehre, die trotz der ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzielten fundamentalen Fortschritte des medizinischen Wissens unverändert beibehalten wurden und in der Wissenschaft schon lange als obsolet gelten. Keime – Viren, Bakterien, auch Parasiten – sind dem homöopathischen Konzept wesensfremd und sind es auch nach Erschließung der infektiologischen Grundlagen stets geblieben.

Im homöopathischen Therapiekonzept genügt eine durch Verdünnen und Schütteln erzeugte geistartige Arzneikraft des passenden Mittels zur Behandlung jeder Krankheit, indem die verstimmte Lebenskraft wieder ins Gleichgewicht gebracht wird. Dies gelingt umso besser, je mehr der eigentliche Wirkstoff durch das Potenzieren aus dem Präparat heraus verdünnt und je öfter am Ende reines Wasser mit reinem Wasser weiter verdünnt wurde. Einzig Miasmen, sogenannte Urübel, die auch von den Vorfahren ererbt sein können, stehen nach der homöopathischen Lehre bei chronischen Erkrankungen einer erfolgreichen Therapie entgegen. Hormone, Vitamine, Enzyme etc. spielen keine Rolle. Selbst einfache Diagnoseverfahren wie Messung der Körpertemperatur, des Pulsschlages oder des Blutdruckes haben keinen Niederschlag in den einschlägigen Repertorien gefunden, nach denen in der klassischen  Homöopathie die passenden Mittel identifiziert werden.

Im Gegensatz zu den Angaben im Antrag ist es trotz vieler klinischer Studien bislang noch nie gelungen, eine Wirksamkeit der Homöopathie bei auch nur einem einzigen Krankheitsbild überzeugend nachzuweisen, schon gar nicht bei Infektionskrankheiten. Dies haben bislang alle systematischen Reviews ergeben, die die vorliegenden Einzelstudien zusammenfassend ausgewertet haben. Es mag einzelne Studien geben, in denen scheinbar ein positiver Effekt aufgetreten ist, aber eine Bewertung der Qualität der jeweiligen Studie ergibt regelmäßig, dass deren Studiendesign unzulänglich war oder den beteiligten Forschern Fehler unterlaufen sind. Alle elf Reviews, darunter auch vier, die im Rahmen eines Projektes des englischen Homeopathy Research Institute durchgeführt wurden, kamen zu dem Schluss, dass die vorliegenden Ergebnisse nicht darauf schließen lassen, dass die Homöopathie über einen Placeboeffekt hinaus wirksam sein könnte[2]. Viele Internationale Wissenschaftsvereinigungen (z.B. die Europäischen Akademien der Wissenschaften[3]) und nationale Körperschaften haben entsprechende Empfehlungen ausgesprochen oder Konsequenzen gezogen, zuletzt in Frankreich, wo ab 2021 keine Homöopathika mehr von den Krankenkassen erstattet werden. Dort wurde zuvor die gesamte Studienlage auf mehreren Ebenen nochmals evaluiert – mit negativem Ergebnis.

Dass es trotz intensiver Bemühungen, oftmals unter Beteiligung von Homöopathen, nicht gelungen ist, einen belastbaren Nachweis für eine therapeutische Wirksamkeit der homöopathischen Mittel zu finden, lässt darauf schließen, dass es die behaupteten spezifischen Effekte der Mittel einfach nicht gibt.

Leider geben die Antragsteller nicht an, auf welche Studien sie sich beziehen. Identifizierbar ist alleine die Studie von Frass et al., die als einzige überhaupt die Wirksamkeit bei der Behandlung von Patienten mit einer schweren Sepsis untersucht[4], ein Krankheitsbild, das man in wenigen Tagen überwunden hat oder daran verstirbt. Es war allerdings nicht so, wie das im Antrag aufgeführte Zitat suggeriert, dass die zusätzliche Gabe von homöopathischen Präparaten den Behandlungserfolg auf der Intensivstation verbessert hätte. Einen signifikanten Unterschied gab es nämlich erst nach sechs Monaten, wo mehr Patienten der mit Placebo behandelten Kontrollgruppe verstorben waren als solche, die tatsächlich Homöopathika erhalten haben. Allerdings macht Frass keine Angaben, woran die Patienten lange, nachdem die Sepsis überwunden war, verstorben sind. Es könnte sich auch um Unfälle gehandelt haben, die zufällig in der Kontrollgruppe häufiger aufgetreten sind, wenn die Patienten dort nicht ohnehin aufgrund ihrer in der Studie dokumentierten schlechteren gesundheitlichen Situation eher verstorben sind. Die Arbeit von Frass ist daher auch aus Gründen, die dem medizinischen Laien einsichtig sind, ohne jede Aussagekraft hinsichtlich einer Wirkung von Homöopathika bei Infektionskrankheiten.

Die im Bereich HNO vorliegenden Studien sind ebenfalls nicht geeignet, eine therapeutische Wirksamkeit bei Infektionen zu belegen. Bei den meisten Studien dieser Art wurden selbstlimitierende Infektionen betrachtet (Infektionen der oberen Atemwege, Mittelohrentzündung, banale Erkältungen), die gewöhnlich von Viren herrühren, gegen die Antibiotika wirkungslos sind. Man schließt dann von der Vergleichbarkeit der Ergebnisse der Homöopathie zu den in diesen Fällen unwirksamen Antibiotika, dass die Wirkungsweise beider Therapien gleich wäre — was in diesen Fällen der beiderseitigen Wirkungslosigkeit ja auch stimmt — und überträgt dies argumentativ auf die Gesamtheit der Indikationen, in denen Antibiotika eingesetzt werden.  Aus dem gemeinsamen Fehlen eines Merkmals kann jedoch nicht auf eine Übereinstimmung bei anderen Merkmalen geschlossen werden: Ein Löwe kann genauso wenig fliegen wie ein Seehund — daraus aber zu schließen, sie könnten dann auch vergleichbar gut schwimmen, ist sicher falsch.

Es sei abschließend darauf hingewiesen, dass Forschung in der Homöopathie angesichts der mangelnden Plausibilität der Grundlagen und Inhalte generell wenig Aussicht auf einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bietet. Es handelt sich vielmehr um Bestätigungsforschung, bei der weniger die vorurteilsfreie Suche nach neuem Wissen im Vordergrund steht, sondern lediglich versucht wird, Belege für das krude Gedankengebäude zu finden, wobei unerwünschte negative Ergebnisse einfach ignoriert werden. Beispielsweise hat die Münchner Kopfschmerzstudie eindrücklich gezeigt, dass es auch bei besten Voraussetzungen nicht gelingt, Kopfschmerz mittels Homöopathie erfolgreich zu behandeln[5]. Hier hatte sogar die mit Placebo “behandelte” Vergleichsgruppe die besseren Ergebnisse erzielt. Wie ein Blick in die vielfältigen Angaben zur Wirksamkeit einzelner homöopathischer Präparate zeigt, ist diesem Ergebnis auch nach über zwanzig Jahren nicht Rechnung getragen worden: Nach wie vor gehören Kopfschmerzen in jeder erdenklichen Ausprägung zum Einsatzgebiet der allermeisten Homöopathika.

Zusammenfassung

Die Homöopathie bietet trotz der vergleichsweise umfangreichen Forschungsergebnisse keinerlei Anlass zu der Annahme, man könnte damit irgendeine Krankheit erfolgreich medikamentös behandeln, Infektionskrankheiten schon gar nicht. Für diese Rückschlüsse liegen genügend Forschungsergebnisse vor, nicht nur zur homöopathischen Therapie selbst, sondern auch zu den Grundlagen von Physiologie und Pharmakologie, die die Grundlagen der Homöopathie völlig absurd erscheinen lassen.

Ein Einsatz der Homöopathie in Fällen, in denen Antibiotika angezeigt sind, ist gefährlich, in allen anderen Fällen, auch als Zusatz zur Antibiotikabehandlung, sinnlos.

Es besteht somit keine Rechtfertigung dafür, Steuermittel für eine weitere Forschungsarbeit aufzuwenden, wenn nicht die bereits vorliegenden Ergebnisse ausgewertet worden sind und sich dabei eine Lücke gezeigt hat, wo Forschungsergebnisse fehlen und ein positives Resultat möglich sein könnte.

Aus unserer Sicht wäre es wesentlich effektiver, analog zur Initiative RESIST der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern aus dem Jahr 2017 auf eine Reduktion der Verordnung von Antibiotika hinzuwirken (https://www.kbv.de/html/resist.php). Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass zum Thema Antibiotikaresistenzen, deren Vermeidung und Perspektiven für die Zukunft in einem von der WHO koordinierten Netzwerk weltweit geforscht wird – in Deutschland unter Federführung des Deutschen Zentrums für Infektionskrankheiten (dzfi).

Wir halten es für dringend angezeigt, die vorstehenden Hinweise und Erläuterungen im Beratungs- und Entscheidungsprozess zum Empfehlungsbeschluss des Gesundheitsausschusses zu berücksichtigen.

Mit freundlichen Grüßen

Für das Informationsnetzwerk Homöopathie

Dr. med. Natalie Grams, Heidelberg
Dr.-Ing. Norbert Aust, Schopfheim
Dr- med. Christian Lübbers, Weilheim


Mitunterzeichner:

Prof. Dr. rer. nat. Michael Bach, Gundelfingen
DDr. Ulrich Berger, Wien/Österreich
Dr. rer. nat. Jochen Blom, Gießen
Dr. Andreas Breß, Tübingen
Prof. Dr. phil. Peter Brugger, Zürich/Schweiz
Udo Endruscheit, Essen
Prof. emeritus Edzard Ernst, Exeter/UK
Prof. Dr. Dittmar Graf, Gießen
B.-Eng. Dirk Graefe, München
Dr. med. Peter Grimm, Regen
Dr. med. Dr. h.c. Rudolf Happle, Freiburg
Dr. med. Oliver Harney, Bietigheim-Bissingen
Prof. Dr. Wolfgang Hell
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, Berlin
Udo Hilwerling, Paderborn
Elke Hergenröther, Hollfeld
Prof. Dr. med. Jutta Hübner, Jena
Dr. Holm Gero Hümmler, Bad Homburg
Dr. Michael Jachan, St. Pölten/Österreich
Dr. rer. nat. Franz Kass, Willich
Monika Kreusel, Köln
apl. Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Dipl. Psych Christoph J. G. Lang, Heroldsbach
Dr. Philippe Leick, Gerlingen
Dr. phil. Martin Mahner, Roßdorf
MUDr. Viliam Masaryk, Gera
Dr. Theodor Much, Wien/Österreich
Dr. Nikil Mukerji, München
Dr. med. Dipl. Psych. Claudia Nowack, Münster
Dipl. Phys. Ute Parsch, München
Dipl. Phys. Hans Pfeufer, Berlin
Kai Rabus, Apotheker, Berlin
Dr.-phil. Jan-Ole Reichardt, Münster
Rainer Rößler, Holste
Dr. Rainer Rosenzweig, Nürnberg
Holger von Rybinski, München
Prof. Dr. Norbert Schmacke, Bremen
Michael Scholz, Kronach
Dipl.-Pharm. Viola Stuppe, München
Dr. med. Tilman Schwilk, Schramberg
Dr. med. Wolfgang Vahle, Paderborn
Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer, Freiburg
Dr. Rolf Wagels, Barsinghausen
Dr. Barbro Walker, Berlin
Dr. habil. Rainer Wolf, Würzburg
Dipl. Kfm. Christoph Zeitschel, Laatzen


[1]    Weitere Informationen: (Link)

[2]    NN: Systematische Reviews zur Homöopathie – Übersicht. Homöopedia des Informationsnetzwerks Homöopathie (Link)

[3]    EASAC: Homeopathic products and practices (Link)

[4]    M. Frass et al: Adjunctive homeopathic treatment in patients with severe sepsis: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial in an intensive care unit. In Homeopathy. 2005 Apr;94(2):75-80 (Link)

[5]    Walach H, Haeusler W, Lowes T et al.: ”Classical homeopathic treatment of chronic headaches”, Cephalagia(1997);17:119-126 (Link)


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Bild von Franz Dürschmied auf Pixabay

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