Literatur- und Blogempfehlungen

Literatur über Homöopathie gibt es unglaublich viel. Kritische Bücher und Blogs sind dabei sehr selten. Viele davon stammen von Mitgliedern unseres Netzwerks, die sich fundiert mit den Irrtümern der Homöopathie befassen.

Wir empfehlen Ihnen:

Bücher unserer Mitglieder

Aust, Norbert: In Sachen Homöopathie – eine Beweisaufnahme, Eigenverlag, 2013

Berndt, Edmund: Der Pillendreh, Ein Apotheker packt aus, Edition Va bene, 2009

Ernst, Edzard: Nazis, Nadeln und Intrigen, Erinnerungen eines Skeptikers, JMB Verlag, 2015

Ernst, Edzard; Singh, Simon: Gesund ohne Pillen – was kann die Alternativmedizin? Hanser Verlag, 2009

Ernst, Edzard: Homöopathie – Die Fakten [unverdünnt], Springer Heidelberg, 2018

Ernst, Edzard: SchmU: Schein-medizinischer Unfug, JMB Verlag, 2019

Grams, Natalie: Homöopathie neu gedacht, Was Patienten wirklich hilft, Springer Verlag, 2015 (2. Auflage 2017) – Englische Ausgabe “Homeopathy reconsidered – What Patients really helps”, 2019

Grams, Natalie: Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen; Springer Verlag, 2017

Lambeck, Martin: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, Beck Verlag, 2003

Much, Theodor: Der große Bluff: Irrwege und Lügen der Alternativmedizin, Goldegg Verlag, 2013

Mukerji, Nikil: Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstandes – Zentrale Regeln vernünftigen Denkens, Springer Verlag, 2017

Schmacke, Norbert: Der Glaube an die Globuli. Die Verheißungen der Homöopathie, Suhrkamp Verlag, 2015

Vahle, Wolfgang: Nichts als Ohren im Kopf: Faszinierende Welten im Spiegel eines HNO-Arztes

Weymayr, Christian; Heißmann, Nicole: Die Homöopathie -Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen, Piper Verlag, 2012


Blogs unserer Mitglieder

Beweisaufnahme Homöopathie

Diaphanoskopie

Edzard Ernst

Excanwahn Bullshit! – Anmerkungen zur Alternativmedizin und anderem Unsinn

GWUP

Homöotology – sanfte Infos zum Sektenausstieg 

Keineahnungvongarnix

Ratgebernewsblog


Weitere empfehlenswerte Bücher

Dobelli, Rolf: Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, Hanser Verlag, 2011

Goldacre, Ben: Die Wissenschaftslüge, Wie uns Pseudo-Wissenschaftler das Leben schwer machen, Fischer Verlag, 2010

Goldacre, Ben: Die Pharma-Lüge, Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schädigen, Kiebenheuer und Witsch Verlag, 2013

Kahneman, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken, Penguin Pocketbook, 2016

Lammers, Christoph; Graf, Dittmar: Anders heilen? Wo die Alternativmedizin irrt, Alibri Verlag, 2015

Wo ist der Beweis? Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin – Buch im Volltext als PDF – kostenlos


Weitere interessante Blogs

Geschichten aus der Kinderarztpraxis (“Kinderdok”)

Gesunder Menschenverstand 

Gesundheitscheck

Krebsinformationsdienst

Naturwissenschaftliche Bildung: “Mit Nichts lässt sich viel Geld verdienen – wenn es überzeugend verkauft wird. Was Schlehmihl aus der Sesamstrasse nur versucht, gelingt der Homöopathie wesentlich besser, und das seit über 200 Jahren. Jährlich geben die Deutschen mehr als eine halbe Milliarde Euro für homöopathische Mittel aus. Ein glänzendes Geschäft, denn der Materialeinsatz ist äußerst überschaubar.”

Ratioblog


Bildnachweis: Fotolia 62974061 Davis

Offener Brief des INH zum Interview mit Dr. Tournier (HRI) auf “Homöopathie online”

Homöopathie online, das Online-Portal des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, titelt am 27. September 2017 : „Interview: Wie aus einer positiven eine negative Homöopathie-Studie wurde“. Unter dieser Überschrift wird ein Interview mit dem Leiter des britischen Homeopathy Research Institute (HRI), Dr. Alexander Tournier, zu den angeblich im großen Homöopathie-Review der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC von 2015 enthaltenen Fehlern und Mängeln veröffentlicht.
Das INH hat dazu den folgenden offenen Brief an den Zentralverein homöopathischer Ärzte gerichtet:

An den
Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ)
per Email

5.10.2017

Homöopathie-Online, 27. September 2017:
Interview: „Wie aus einer positiven eine negative Studie wurde“

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist ja zu verstehen, dass Sie sich nach der Veröffentlichung der Beurteilung der Homöopathie durch die European Academies Science Advisory Council (EASAC) – der Dachorganisation der europäischen Akademien der Wissenschaften – in einer etwas prekären Lage befinden. Es ist nachvollziehbar, dass Sie versuchen, die Ergebnisse zu widerlegen. Wir wundern uns allerdings darüber, dass Sie keine bessere Lösung gefunden haben als zum wiederholten Male auf die Kritikpunkte an dem groß angelegten Review einzugehen, das im Auftrag des Australischen
Gesundheitsministerium 2015 veröffentlicht wurde.

In Ihrem auf Homöopathie-Online veröffentlichten Interview wiederholt Dr. Tournier lediglich die bisher bekannten Argumente gegen diese Studie, ohne jedoch Belege für die bisher unbelegten Behauptungen vorlegen zu können, beziehungsweise für die längst widerlegten Argumente neue Gesichtspunkte anzubieten. Tournier erhebt den massivsten Vorwurf, den man  Wissenschaftlern machen kann, nämlich die Ergebnisse gefälscht zu haben, also bewusst falsche Ergebnisse publiziert zu haben, nur um – ja, warum eigentlich? Angesichts dieser schwerwiegenden Anschuldigung liefert er aber bemerkenswert wenig Substanz:

  • Der angebliche 200-seitige Bericht zu den Kritikpunkten wird nicht vorgelegt.
  • Für die Existenz einer vorherigen validen Studie, die wegen ihres angeblich positiven Ergebnisses abgelehnt wurde, gibt es keine Belege.
  • Der NHMRC gibt völlig korrekt an, dass die Literaturrecherche sowie die öffentlichen Einreichungen zusammen über 1800 Textstellen ergab, von denen insgesamt 225 die Einschlusskriterien erfüllten. Dies ist eine übliche Vorgehensweise, sogar im CONSORT Statement für die Transparenz der Berichterstattung gefordert. Herr Tournier scheint dies nicht zu kennen.
  • Es wurden auch Studien mit weniger als 150 Teilnehmern zugelassen, die mit dem von der WHO empfohlenen GRADE-Verfahren bewertet wurden. Offenbar hat Herr Tournier die Arbeit nicht richtig oder vollständig gelesen, so dass ihm dies entgangen ist.
  • Die Qualitätsanforderungen entsprechen den in der evidenzbasierten Medizin üblichen Vorgaben der Cochrane Collaboration für „Reliable evidence“.
  • Nichts davon widerspricht einem wissenschaftlichen Standard, wie Herr Tournier behauptet.
  • Prof. Peter Brooks war nicht Vorsitzender der Arbeitsgruppe, wie Herr Tournier sicher leicht durch Lesen der entsprechenden Abschnitte der Zusammenfassungen feststellen könnte.

Details finden Sie auf unserer Informationsseite:
https://www.netzwerk-homoeopathie.eu/standpunkte/225-stellungnahme-nhmrc

An dieser Stelle möchten wir die Frage aufwerfen, ob bei dem Commonwealth Ombudsman tatsächlich eine Beschwerde eingereicht wurde. Wir möchten zwar bezweifeln, dass dies die richtige Stelle ist, einen wissenschaftlichen Dissens zu beseitigen, handelt es sich doch mehr um eine Beschwerdestelle, bei der sich die Bürger Australiens gegen ungerechtfertigte Akte ihrer
Regierung wehren können. Dennoch sind wir gespannt auf die Ergebnisse dieser Beschwerde.

Der Ombusdman arbeitet üblicherweise ziemlich schnell – über 80% der Fälle werden innerhalb von weniger als drei Monaten abgearbeitet – so dass doch inzwischen ein Bescheid vorliegen müsste. Wir bemerken, dass die Australischen Homöopathieverbände sich hierzu nicht äußern
und auch die Verfasser der Studie bislang, nach nunmehr über einem Jahr, noch nicht in das Verfahren involviert worden sind, was uns zu obiger Frage veranlasst.

Zum Abschluss möchten wir noch darauf hinweisen, dass die Ergebnisse des NHMRC genau in die gleiche Richtung weisen wie die anderen sieben seit 1991 veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeiten zur Homöopathie auch, inklusive der 2017 veröffentlichten Arbeit von R.T. Mathie, einem Mitarbeiter des Homeopathy Research Institute und daher Mitarbeiter Herrn
Tourniers:

Es gibt keine belastbaren Nachweise dafür, dass die Wirksamkeit der Homöopathie in irgendeinem Krankheitsbild über Placebo hinausginge!

Insofern erscheint die Auseinandersetzung um die Methodik der Studie etwas akademisch: selbst wenn die behaupteten Unstimmigkeiten tatsächlich gegeben wären, scheinen sie keinen großen Einfluss auf das Ergebnis gehabt zu haben.

Viele Grüße
Informationsnetzwerk Homöopathie
Natalie Grams
Norbert Aust
Udo Endruscheit

Reaktionen auf das Positionspapier der EASAC – europaweit und mit Natalie Grams

Die Reaktionen auf das Positionspapier des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademien zur Homöopathie sind europaweit zu spüren. Die Homöopathievertreter versuchen, in Eile Gegenpositionen aufzubauen.

Die französische Ausgabe des Nachrichtenportals 20minutes hat hierzu bereits mehrfach Beiträge erscheinen lassen – und für den neuesten auch Natalie Grams befragt. Hier die Übersetzung des Originalbeitrages:

 

Mangelnde Wirksamkeit, Schadenspotenzial, Illusion von Wirksamkeit… Warum widersteht die Homöopathie allen Kontroversen?

Die Homöopathie hat viele begeisterte Anhänger, obwohl ihr vorgehalten wird, wirkungslos zu sein, sogar potentiell schädlich, indem sie Patienten von der normalen Medizin fernhält…

  • Ein am 20. September veröffentlichter Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademien – EASAC verweist auf die Schädlichkeit und Ineffektivität der Homöopathie.
  • Die Experten fordern, dass homöopathische Mittel nicht mehr von Krankenkassen erstattet werden und dass auch die Werbung für Homöopathie vom wissenschaftlichen Wirkungsnachweis abhängig gemacht wird.
  • Obwohl die meisten Studien darauf hindeuten, dass Homöopathie keine anderen Ergebnisse als Placebo aufweist, erhöht sich die Anhängerschaft der Methode – enttäuscht von der „normalen“ Medizin.

Eine Wunderheilung oder ein Trank aus einem Zauber- oder Hexenbuch dürfte wohl ebenso viele Anhänger und Kritiker auf den Plan rufen wie die Homöopathie. Der jüngste Bericht des Wissenschaftlichen Beirates der Akademien der europäischen Wissenschaften (EASAC), der am 20. September veröffentlicht wurde, kommt nicht nur zu dem Schluss, dass es “keine stichhaltigen Beweise” für die Wirksamkeit homöopathischer Produkte gibt, sondern weist auch auf deren potenzielle Schädlichkeit hin. Eine Überdosierung homöopathischer Mittel kann zwar die Gesundheit nicht schädigen, aber verhindern, notwendige medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen.

Umstrittene Wirksamkeit

Natalie Grams glaubte felsenfest an die Homöopathie. Sie hatte ihren Beruf daraus gemacht, bevor sie Gegnerin der Methode wurde. Die ehemalige Homöopathin, heute in Deutschland eine Institution zu Informationen über diese alternativmedizinische Methode, beharrt darauf, dass “keine wissenschaftliche Studie jemals die Wirksamkeit der Homöopathie gezeigt hat. Vielen Anhängern ist völlig unbekannt, dass bei all den homöopathischen ‘Behandlungen’ keinerlei Wirkstoffe im Endprodukt, dem homöopathischen Arzneimittel, enthalten sind”.

“Dies war mir als Homöopathin durchaus bewusst, aber es war mir nicht wichtig, weil ich davon überzeugt war, dass diese Mittel irgendeine wirksame Form von Energie oder Heilkraft enthielten. Ich erkannte, dass dies nicht stimmt, als ich selbst recherchierte “, erinnert sie sich.

Wissenschaft versus persönliche Erfahrung

„Warum hat die Homöopathie in den letzten vierzig Jahren jeder Kontroverse standgehalten?“ fragt Florent Martin, Mitglied des Observatioire Zététique (einer französischen Skeptikervereinigung, die sich vor allem mit der Entlarvung „paranormaler Phänomene“; aber auch mit Pseudomedizin beschäftigt).

“Auf der einen Seite haben wir Wissenschaftler, die beweisen, dass Homöopathie unwirksam ist und auf der anderen Seite haben wir eine Öffentlichkeit, die aufgrund persönlicher Erfahrungen jeden Tag zum gegenteiligen Schluss kommt – ‘in der Praxis’. Das Problem liegt darin, dass die beiden Lager unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Wissenschaftler messen die eigene spezifische Wirksamkeit der Mittel (gegen ein Placebo), während die Öffentlichkeit einfach nur Zufriedenheit äußert. Doch man kann durchaus mit einem Produkt zufrieden sein, das nicht funktioniert oder wirkt, darauf beruht die ganze Daseinsberechtigung (und die Stärke) von Marketing und Werbung. Die Menschen fühlen sich besser und schreiben diese Verbesserung der Homöopathie zu, während sie in 8 von 10 Fällen „spontan“ geheilt wurden, weil das Problem nicht ernsterer Natur war. Hunderte von klinischen Studien zeigen jedoch, dass das Niveau der Zufriedenheit bei der Verabreichung eines Placebos (Rohglobuli, auf denen keine homöopathische Lösung aufgebracht ist) gleich ist. Eben dies lässt Wissenschaftler sagen, dass es keine eigenen, spezifischen Wirkungen der Homöopathie gibt.”

In seinem Bericht fordert der EASAC, dass Globuli nur erstattet werden dürfen, wenn sie nachweislich sicher und wirksam sind und dies durch strenge Tests nachgewiesen wurde. In Deutschland haben die Krankenkassen (gemeint ist die neue Witt et al.-Studie) die Wirtschaftlichkeit der Homöopathie unter die Lupe genommen und die Ergebnisse ihrer Befragungen zeigen, dass sie nicht nur medizinisch ineffektiv ist, sondern auch die Gesundheitskosten nicht senkt!

Die potenzielle Schädlichkeit der Homöopathie

Homöopathische Arzneimittel sind zwar nicht gesundheitsschädlich, wenn die Einnahme über die üblicherweise winzigen Mengen an Wirkstoff nicht hinausgeht. Obwohl der EASAC-Bericht auf den “Mangel an soliden und reproduzierbaren Beweisen für die Wirksamkeit” der Homöopathie hinweist, kann diese Alternativmedizin doch eine potenziell schädliche Wirkung haben.

Die Öffentlichkeit ist enttäuscht von der Allgemeinmedizin: „Ärzte haben sehr wenig Zeit für Patienten, die den Eindruck haben, nur eine Nummer auf einer langen Liste zu sein”, sagt Natalie Grams. Wenn Sie zu einem Homöopathen gehen, der Zeit für Sie hat, um Ihnen zuzuhören, werden Sie schnell das Gefühl haben, dass es Ihnen schon besser geht. Und die Menschen fühlen sich zu dieser Art ‚magischen Denkens‘ hingezogen, das die Homöopathie vermittelt, es hat einfach etwas Tröstliches.“

Verzögerung einer ärztlichen Konsultation oder unangemessene Behandlung der Krankheit

„Außerdem ist der Rückgriff auf die Homöopathie für einige Menschen neben einer Reaktion auf eine als ‚kalt‘ empfundene moderne Medizin eine Möglichkeit, ihren Widerstand gegen eine als ‚Chemie‘ angesehene Medizin zum Ausdruck zu bringen”, ergänzt Florent Martin. Ein Gedankengang, der nicht ohne Folgen ist, “indem er den rechtzeitigen Gang zum Arzt oder den Beginn einer angemessenen Behandlung verzögern kann”, befürchtet Natalie Grams.

Im Mai letzten Jahres starb ein siebenjähriger Junge an den Folgen einer ausschließlich homöopathisch behandelten Mittelohrentzündung. “Nicht die Homöopathie hat diesen kleinen Jungen getötet, sondern die Illusion ihrer Anwender, man würde damit angemessene Fürsorge leisten – diese Illusion kann tödlich sein”, warnt Florent Martin, der auch Vorträge über Homöopathie hält. „Die Irrationalität der Homöopathie hilft nie weiter, denn sie beruht auf einem Glauben”, ergänzt er. „Und in der Medizin geht es nicht darum zu glauben, sondern zu wissen.“

Verkauf von Medikamenten an nicht kranke Menschen

Die Boiron Laboratoires, der weltweit führende Homöopathiekonzern, ärgern sich über die “Kritiker der Homöopathie [die] immer dasselbe sagen”, wie der Geschäftsführer des Familienunternehmens Christian Boiron, erklärt. Konfrontiert mit dem Vorwurf der Vermarktung von Produkten, die therapeutisch nicht mehr leisten als ein Placebo, präsentierte Boiron am 4. und 5.10.2017 die Ergebnisse einer großen Studie, nach der Verwender homöopathischer Mittel “in der Regel eine bessere körperliche Gesundheit aufweisen (…), mehr Wert auf eigenverantwortliche Gesundheitsvorsorge legen und einen allgemein ganzheitlicheren Gesundheitsansatz haben”.

Florent Martin sagt, damit ist man weit von der Realität entfernt. Die Stärke der Homöopathie-Lobby bestehe darin, Medikamente, die zur vorbeugenden Behandlung angeboten werden, an Menschen zu verkaufen, die nicht krank sind und die davon überzeugt sind, dass sie gerade wegen der Homöopathie gesund sind”, sagt er. (Was uns überrascht – Homöopathika zur Prävention werden zwar in Deutschland auch angeboten, dürften aber nur ein Randphänomen darstellen. Hier bezieht man sich offenbar auf Boirons Produkt Oscillococcinum, das auch zur Prävention von Grippe eingestzt wird – aber als Entenleber C200 wohl nichts ist als Zucker.

Diese Beobachtung wird von den europäischen Experten geteilt, die fordern, dass homöopathische Produkte wie alle anderen Arzneimittel “überprüfbare und objektive Beweise” sowohl für Sicherheit als auch für Qualität vorweisen müssen.


 

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch ein weiterer Artikel auf dem gleichen Portal, der sich mit der erwähnten Boiron-Studie zur „Wirksamkeit“ der Homöopathie befasst. Wir geben ihn übersetzt auszugsweise wieder:

20 minutes / 4.10.2017

Homöopathie: Neuer Bericht zeigt Ineffektivität und Schädlichkeit

[…]

Die von Boiron gesponserte Studie mit dem Namen EPI 3 sollte eine Einschätzung für die Rolle der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen liefern, ist aber nicht imstande, die allgegenwärtige Frage nach der Wirksamkeit der Homöopathie zu beantworten.

Von 2005 bis 2012 wurden 825 Ärzte und 8.559 Patienten mobilisiert und drei Indikationen behandelt: Infektionen der oberen Atemwege, Muskel-Skelett-Schmerzen und Angst- und Schlafstörungen, die zusammen 50% der Behandlungsfälle bei Allgemeinärzten in Frankreich ausmachen.

Es zeigt sich, dass bei diesen drei Indikationen homöopathisch behandelte Patienten den gleichen klinischen Verlauf und die gleichen Komplikationen aufweisen wie konventionell behandelte Patienten. Aber mit einem Medikamentenkonsum, der halb so hoch ist (oder sogar -bei Psychopharmaka – dreimal geringer).

Die Studie stellt jedoch fest, dass “die Patienten von homöopathischen Ärzten im Allgemeinen eine bessere körperliche Gesundheit zeigen (…) und häufiger psychische Beschwerden zum Ausdruck bringen. Sie schätzen ihre eigene Beteiligung an der Gesundheitsvorsorge höher ein und haben einen allgemein ganzheitlicheren Ansatz in Gesundheitsfragen.“ […]

“Ich bin seit 47 Jahren im Unternehmen und Homöopathiekritiker sagen immer dasselbe”, sagte Christian Boiron, Geschäftsführer des Familienunternehmens, auf die Frage nach dieser Kritik. “Ich werfe ihnen aber gar nicht vor, dass sie die Homöopathie kritisieren, sondern dass sie die Kritik nur unzureichend begründen.“ (sic!) […]

“Wir waren überrascht, dass wir so gute Ergebnisse erzielen konnten”, sagte Valérie Poinsot, Executive Vice President von Boiron. Diese Studie “zeigt, dass homöopathische Arzneimittel wirksam sind. Für Ärzte, die Homöopathie anwenden, stellen wir Medikamente her, die ihnen eine gute Behandlung ermöglichen.“ Ferner stellt die Studie fest, dass ein homöopathisch behandelter Patient der Sozialversicherung 35% weniger kostet, unter Berücksichtigung der Kosten für Behandlung/Beratung und Verordnung. […]


Wir meinen:

Wie aus dem zitierten Ergebnis der Studie eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathie herausgelesen werden kann, das bleibt das Geheimnis von Herrn Boiron. Erstaunlich auch sein Vorwurf an die Kritiker: Inzwischen 13 nationale und internationale wissenschaftliche Akademien oder größere Gremien weltweit haben inzwischen ein klar negatives Urteil über die Homöopathie gefällt, aber Herrn Boiron fehlt die Begründung. Dass die Kritiker immer das Gleiche sagen, kann auch daran liegen, dass die Homöopathie diese Argumente bislang nicht widerlegen konnte.

Ohne eine nähere Betrachtung der Studie drängen sich folgende Überlegungen auf:

  • Welchen Schluss soll man aus dem Ergebnis „gleicher klinischer Verlauf und gleiche Komplikationen“ ziehen? Allenfalls liegt nahe, dass es sich um Indikationen auf der Grenze zwischen Krankheit und Befindlichkeitsstörung gehandelt haben dürfte, die einer spezifischen Therapie oft kaum bis nicht zugänglich sind. Beim Vergleich mit einer Gruppe ohne jede Behandlung dürfte sich das gleiche Ergebnis eingestellt haben.
  • Wie man aus der Art der Darstellung des Ergebnisses schließen kann, handelt es sich wieder einmal um eine Beobachtungsstudie, die vom Ansatz her zum Nachweis spezifischer Wirkungen nicht geeignet ist.
  • Wenn die homöopathischen Patienten eine „bessere körperliche Gesundheit“ zeigen, steht schon einmal die Vergleichbarkeit mit der Verumgruppe in Frage.
  • Wenn die homöopathischen Patienten „häufiger psychische Störungen zum Ausdruck bringen“ und gleichzeitig die Gabe von Psychopharmaka in dieser Gruppe um ein Drittel geringer ist als in der Verumgruppe, stellt das nicht nur ebenfalls die Vergleichbarkeit in Frage, sondern könnte auch darauf hindeuten, dass homöopathisch versorgte Patienten schlicht und einfach keine adäquate Therapie für ihre psychischen Probleme erhalten haben.
  • Wie der mengenmäßige Vergleich zwischen Homöopathiegruppe und konventionell behandelter Gruppe bewertet wurde, ist nicht bekannt. Globuligaben, für die es keine feststehenden Dosierungsvorschriften gibt und pharmazeutische Medikamente von der “Menge” her zu vergleichen, ist problematisch. So haben ähnliche Untersuchungen teilweise die Verschreibungshäufigkeit, teilweise die Anzahl der eingenommenen Dosen, teilweise die Kosten der Verordnungen “verglichen”. Außerdem dürfte es nicht überraschen, dass homöopathische Ärzte an ihre homöopathieaffinen Kunden mehr Homöopathika und weniger konventionelle Medikamente abgeben als konventionelle Ärzte – ähnlich dem Befund, dass ein Metzger seinen Kunden mehr Fleisch und weniger Brot verkauft als ein Bäcker.
  • Eine „höhere Einschätzung der eigenen Beteiligung an der Gesundheitsvorsorge“ ist ein ebenso a priori typisches Merkmal für homöopathiegeneigte Patienten wie auch der berühmte, nichtsdestoweniger auf einer Leerformel beruhende „ganzheitliche Ansatz“ – hat aber für die Frage der spezifischen Wirksamkeit der Homöopathie ebenfalls keinerlei Bedeutung.

Nichts von alledem enthält auch nur die Spur eines Hinweises für eine spezifische Wirkung von Homöopathie. Was die Aussage eines Kostenvorteils für die Homöopathie von 35 Prozent selbst für den Fall bedeutungslos macht, dass sie belastbar ermittelt worden wäre: Denn Nichts ist immer zu teuer.

 

Übersetzung: Udo Endruscheit
Kommentierung: Udo Endruscheit, Norbert Aust

Offener Brief an den DZVhÄ in Bezug auf die EASAC-Stellungnahme

Quelle: Homöopathie online

Über das abschließende Urteil des Beirats der Wissenschaftlichen Akademien der Europäischen Gemeinschaft zur Homöopathie haben wir an dieser Stelle berichtet, auch über Reaktionen dazu. Offenbar unvermeidlich, hat sich auch der Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte zur EASAC auf seinem Portal Homöopathie online geäußert. Parallel dazu ist eine Stellungnahme des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie (BPI) (englisch) erschienen, auf die sich der DZVhÄ auch bezieht – der Bundesverband nimmt in recht scharfer, jedenfalls unmissverständlich homöopathiefreundlicher Form Stellung gegen die Äußerungen der EASAC.

Das INH hat auf die Publikation des DZVhÄ mit dem nachfolgenden öffentlichen Brief reagiert:

An den

Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ)
per Email
21.10.2017

Homöopathie-Online, 11. Oktober 2017:
„EASAC: Arbeitsgruppe kritisiert Homöopathie mit einseitiger Studienauswahl“

Sehr geehrte Damen und Herren,

wieder einmal hat sich ein namhaftes Gremium kritisch zur Homöopathie geäußert und Sie sehen sich in der Pflicht, dazu Stellung zu nehmen. Bezeichnenderweise berufen Sie sich dabei auch auf eine Publikation des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie, einer Lobbyorganisation, die ja eigentlich das Feindbild der homöopathischen Zunft darstellt.

Wieder einmal ist Ihre Kritik nur sehr oberflächlich und vermittelt Ihren Lesern einen völlig unzutreffenden Eindruck des wirklichen Sachverhalts. Dies bezieht sich nicht nur auf Ihre Gegenargumentation, sondern auch darauf, wie Sie die Kritik beschreiben.

Kritiker ist diesmal das European Academies Science Advisory Council (EASAC), ein Beratungsgremium der Europäischen Union, in dem die nationalen Akademien der Wissenschaften der EU-Länder sich zusammengeschlossen haben. Sie bemängeln, dass die Arbeitsgruppe, die die Stellungnahme verfasst hat, „nur aus elf Wissenschaftlern“ bestand – wobei Sie übersehen haben, dass auch der Sekretär als Zwölfter nicht nur reine Schreibkraft war. Man fragt sich allerdings, was Sie eigentlich erwarten: Der Organon der Heilkunst wurde, wie vielleicht erinnerlich, nur von einer Person verfasst. Das Papier ist eine offizielle Veröffentlichung der EASAC und damit eine Empfehlung an die Regierungen der EU und der Einzelstaaten.

Es lohnt ein Blick auf die Autoren: Es handelt sich samt und sonders um hochrangige Wissenschaftler aus verschiedenen Gebieten der Medizin, der Biochemie und der Pharmazie, jeder Professor oder emeritierter Professor. Da ist die Spitze der europäischen Life-Sciences versammelt. Sehr aufschlussreich wäre vielleicht ein Blick auf die Forschungspreise im Wikipedia-Eintrag zu Volker ter Meulen, dem Vorsitzenden der Arbeitsgruppe. Natürliche Standardkritik Ihrerseits: Da war kein Homöopathie-Forscher involviert. Was wahrscheinlich daran liegt, dass es noch kein Homöopathie-Forscher geschafft hat, in eine der Europäischen Akademien der Wissenschaften aufgenommen zu werden. Wobei wir offen lassen möchten, woran das wiederum liegen mag – Machenschaften der Pharmalobby scheiden ja irgendwie aus.

Die EASAC stellt auf Grundlage ihrer Analyse die Forderung auf, die jeder Lebensmittelhersteller erfüllen muss, der gesundheitsbezogene Aussagen zu seinen Produkten macht, für Sie aber doch eine Zumutung zu sein scheint: dass nämlich die behauptete gesundheitliche Auswirkung auch nachgewiesen werden muss. Und dass die Patienten nicht über den wahren Sachverhalt getäuscht werden sollen, etwa durch Verpackung und Werbung.

Die durchgeführte Analyse bestand nicht nur darin, wie sie deutlich verkürzt schreiben, dass man nur einseitig ausgewählte Studien gelesen habe und die positiven Studien und Meta-Analysen weggelassen habe. Dies wirft zunächst die Frage auf, welche positiven Meta-Analysen es denn eigentlich zur Homöopathie gibt, wir kennen keine einzige, in der die Wirksamkeit homöopathischer Präparate über Placebo hinaus entweder für die Homöopathie als Ganzes oder auch nur für eine einzige Indikation überzeugend nachgewiesen worden wäre. Wir verweisen hierbei auf frühere Kontakte und unser Angebot einer Diskussion, das Ihr Herr Behnke trotz seiner abweichenden Sichtweise bislang nicht aufgreifen wollte.

Es sei darauf hingewiesen, dass die Oberflächlichkeit, die Sie der Arbeitsgruppe des EASAC unterstellen, nicht gegeben ist: Man hat sich nicht nur auf die besagten Studien abgestützt, sondern auch die wesentlichen Forschungsbeiträge gesichtet, die sich mit den Grundlagen der Homöopathie befassen, dazu weiteren wichtigen Aspekten wie Sicherheit, Kennzeichnung und Vermarktung sowie Anwendung in der Tiermedizin.

Aber alles das beiseite: Sie schreiben – aus unserer Sicht ungerechtfertigt – dass die Wirksamkeit der Homöopathie bereits bestätigt wurde (Nein, Ihre Aussage zur Situation in der Schweiz ist falsch, dort wurde die Wirksamkeit zwar überprüft, die Homöopathie wird aber trotz des vorliegenden Ergebnisses und ohne die eigentlich vorgesehene neuerliche Überprüfung der Wirksamkeit in die Grundversicherung aufgenommen.). Warum, so ist zu fragen, legen Sie dann diese Belege nicht vor? Warum bestehen Sie auf dem Schutzzaun des AMG, das Ihnen und zwei anderen besonderen Therapierichtungen zubilligt, die Wirksamkeit nicht nachweisen zu müssen?

Die Analyse der EASAC hat nicht zu neuen Kritikpunkten geführt, das ist richtig. Das mag darin begründet sein, dass substantielle Kritikpunkte, die nicht aufgegriffen und verfolgt werden, sich üblicherweise nicht mit der Zeit von alleine erledigen. Ihre Sicht, die EU hätte mit ihren Regularien diese schon älteren Kritikpunkte hinreichend adressiert, ist hingegen eindeutig falsch:
• Die Wirksamkeit homöopathischer Präparate muss derzeit nicht nachgewiesen werden,
• Krankenkassen übernehmen trotz knapper Mittel die Kosten,
• die Kennzeichnung der Inhaltsstoffe ist für den Laien nur schwer verständlich, etwa, dass kein Wirkstoff enthalten ist,
• die Werbung für Homöopathika ist weitgehend unreguliert, das heißt, dass zwar direkt mit dem Produkt nicht auf die Indikationen hingewiesen werden darf, dies aber sehr viele Möglichkeiten des Unterlaufens offen lässt, sei es durch Sponsoring für einschlägige Vorträge und Webseiten, Unterstützung bei Ratgeberliteratur oder direkte Schulung von Ärzten, Heilpraktikern, Hebammen, Apothekern und anderen Trägern des öffentlichen Gesundheitswesens.
Dies alles sind aktuelle Defizite der heute in Deutschland gültigen gesetzlichen Vorgaben – auch wenn die Kritikpunkte selbst schon älter sind.

Aber eines freut uns doch sehr: Wir haben jetzt eine zitierfähige Quelle dafür, dass die Homöopathen mit der Pharmalobby zusammenarbeiten – und wir damit belegen können, dass wir nicht aus diesen Kreisen unterstützt werden.

Viele Grüße

Natalie Grams
Norbert Aust
Udo Endruscheit

“Von der praktizierenden Homöopathin zur Wissenschaftsaktivistin” – Artikel über Natalie Grams bei den französischen Skeptikern (AFIS)

Die Zeitschrift “Science & Pseudo-Sciences”  der französischen Skeptiker-Organisation Association française pour l’information scientifique (AFIS) hat in ihrer Ausgabe April-Juni 2018 einen umfangreichen Artikel zu Dr. Natalie Grams und der Homöopathiekritik in Deutschland veröffentlicht. Wir freuen uns, ihn hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der SPS / AFIS in deutscher Übersetzung veröffentlichen zu dürfen:


 

Science & Pseudo-Sciences – Nr. 324 – April / Juni 2018
Zeitschrift der Association française pour l’information scientifique (AFIS)
_________________

Natalie Grams: Von der praktizierenden Homöopathin zur Wissenschaftsaktivistin

von Ariane Beldi – SPS Nr. 324, April / Juni 2018

Die Homöopathie, wie auch andere sogenannte alternative oder komplementäre Medizin, erfreut sich in Europa seit mehreren Jahrzehnten wachsender Beliebtheit. Doch auch in Deutschland, dem Land, in dem der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, im 18. Jahrhundert geboren wurde, beginnen kritische Stimmen laut zu werden, nicht ohne erheblichen Wirbel zu verursachen.

Unter diesen Kritiken erregte vor allem eine Person die Aufmerksamkeit der Medien: Natalie Grams. Die seinerzeit in Heidelberg sehr geschätzte praktizierende homöopathische Ärztin wurde von zwei Journalisten interviewt, die 2012 ein Buch veröffentlichten, das eine große Debatte auslöste: „Die Homöopathie-Lüge“ [1].

Die Lektüre des dann veröffentlichen Buches brachte sie außerordentlich in Rage. Sie beschloss, eine Antwort zu verfassen, um Punkt für Punkt und auf der Grundlage wissenschaftlicher Beweise zu widerlegen, was sie für völlig falsche Behauptungen der beiden Autoren hielt. Ihre Lektüre der wissenschaftlichen Literatur und ihre Treffen mit Experten führten jedoch zu einem völlig anderen Ergebnis als sie selbst erwartet hatte. Was eine rigorose Verteidigung der Homöopathie sein sollte, ist zu einer wissenschaftsbasierten Demontage der Homöopathie geworden (in ihrem ersten Buch „Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft) [2].

Wir stellen hier eine Zusammenfassung dieser intellektuellen und beruflichen Laufbahn vor, wie sie Grams in der deutschen und schweizerischen Presse selbst berichtet hat. In der Tat verdient diese für eine Homöopathin ebenso überraschende wie ungewöhnliche Entwicklung unsere Aufmerksamkeit.

Von der Homöopathie zur Wissenschaft

Mit „Gesundheit!“, ihrem zweiten Buch, trat Natalie Grams in eine neue Phase ihres hektischen Lebens als skeptische Aktivistin ein.

Schon seit etwas mehr als einem Jahr (vor Erscheinen dieses zweiten Buches) löste jeder ihrer Medienauftritte eine Lawine wütender Kommentare auf Online-Portalen oder sozialen Netzwerken im deutschsprachigen Raum aus. Sie hatte etwas getan, was ihre Kollegen und einen Großteil der Öffentlichkeit zutiefst schockiert hat: Sie veröffentlichte eine Infragestellung der Prinzipien der Homöopathie. Zuvor hatte sie diese fast zehn Jahre lang selbst erfolgreich ausgeübt.

Die Veröffentlichung dieses Buches nach dem Buch „Die Homöopathie-Lüge“ (erschienen 2012) löste umso heftigere Reaktionen aus, als es -anders als im Falle der Autoren der „Homöopathie-Lüge“ – viel schwieriger war, ihr Inkompetenz vorzuwerfen, da sie selbst lange Zeit homöopathisch praktiziert hatte. Im Gegensatz zu dem, was manche Kritiker glauben machen wollen, war sie keineswegs eine gescheiterte und frustrierte Homöopathin, die in einem leeren Sprechzimmer vegetierte und von Patienten verachtet wurde. In Handschuhsheim, einem wohlhabenden Stadtteil Heidelbergs, war sie ganz im Gegenteil sehr beliebt und erhielt sogar höchste Punktzahlen auf einer Ärztebewertungsseite [3]. Die Heftigkeit der Reaktionen auf ihr Buch entspricht dem, dass manche sie für eine regelrechte Verräterin halten. [4].

Als die Homöopathie als rationale Alternative erschien

Denn Natalie Grams war schon lange eine überzeugte Homöopathin. Sie fand zu dieser Therapiemethode in den 1990er Jahren während ihres Medizinstudiums in München. Damals war sie in einen Autounfall verwickelt, den sie zwar ohne schwere Verletzungen überstand, aber gleichwohl mit belastenden Folgen, die ihr das Leben schwer machten. Auf Anraten von anderen Fakultätsmitgliedern begann sie, eine Homöopathin wegen ihrer Beschwerden und Ängste zu konsultieren. Ihre Probleme verschwanden recht schnell nach Beginn der Behandlung [5].

Sie schloss daraus auf eine Wirksamkeit der Homöopathie. Dies erschien ihr umso faszinierender, als sie damals mit der zunehmenden Rationalisierung der konventionellen Krankenhausmedizin konfrontiert wurde. Sie sagte der ZEIT, dass sie während ihres praktischen Jahres jedem Patienten, den sie während ihrer Arbeitszeit sah, nur zwei bis drei Minuten widmen konnte. Ein solcher Konsultationsrhythmus entsprach einfach nicht dem, was sie zu diesem langen Studium veranlasst hatte: Dem Wunsch, anderen zu helfen. So entschied sie sich nach ihrem Medizinstudium, sich ausschließlich auf die Praxis der Homöopathie zu konzentrieren [5].

Sie berichtet auch, dass das Medizinstudium, jedenfalls in ihrer Zeit, viel “Auswendiglernen” war. Die wissenschaftliche Methodik wurde nicht wirklich gelehrt. Das Paket des medizinischen Wissens wurde ihr präsentiert, mit der Autorität der Wissenschaft, ohne dass sie dazu ermutigt wurde, dessen Entstehung, Grundlagen und Zusammenhänge zu verstehen. Die homöopathische Lehre, die sie parallel zu ihrem Medizinstudium erlernte, erschien ihr daher gar nicht grundlegend anders (als die als reines Wissen gelehrte Hochschulmedizin) [3].

Der schwierige Weg zur Rationalität

Natalie Grams hat ihre so erfolgreiche Karriere – wie einige Kritiker behaupten – durchaus nicht aufgegeben, weil sie nichts von Homöopathie verstanden hätte. In Wirklichkeit hat sie einfach einen Schritt vollzogen, den Homöopathen eher vermeiden: Die Konfrontation mit der Wissenschaft. Sie begriff, dass dieser fast 200 Jahre alte Therapieansatz heute keine wissenschaftliche Grundlage hat. Obwohl tief erschüttert, warf sie einen traurigen Blick zurück auf ihre bisherige Karriere und beschloss, die Sache völlig neu zu überdenken [2].

So entschied sie sich, ihre Praxis zu schließen. Heute befindet sie sich in keiner einfachen beruflichen Situation. Außerdem ist sie mit Verbindlichkeiten aus ihrer alten Praxis belastet. Sie musste mit ihrer Familie ihre frühere Wohnung aufgeben. Diejenigen, die behaupten, dass sie von Big Pharma bezahlt wird, um Anti-Homöopathie-Propaganda zu machen, haben ersichtlich keine Vorstellung davon, wie völlig deplatziert ihre Anschuldigungen sind. [3]

Aber diese Position der Ex-Homöopathin, die eigene Prinzipien und eigene Überzeugungen in Frage gestellt hatte, erlaubte es ihr auch, das Informationsnetzwerk Homöopathie ins Leben zu rufen [6]. Nachdem sie lange selbst an die Wunder der homöopathischen Therapie geglaubt hatte, weiß sie genau, wie dieses Milieu funktioniert und welche Motivationen diejenigen haben, die sie selbst anwenden oder therapeutisch aktiv sind. Sie weiß daher sehr gut, wie man Informationen zur Homöopathie präsentiert, um deren Anhänger anzusprechen –  einerseits ohne sie zu entmutigen, andererseits, um eine wissenschaftliche, besonnene und objektive Perspektive zu vermitteln [7].

Die Tabus der Homöopathie brechen

Grams’ Buch trägt nicht umsonst den Titel „Homöopathie neu gedacht” [8]. In ihrer Präsentation vor der Presse betont sie den im Grunde unverständlichen Dogmatismus der Erben von Samuel Hahnemann (1755-1843), dem Begründer der Homöopathie. Er kannte damals weder Bakterien noch Viren noch Parasiten. Als er seine Methode entwickelte, die er 1810 in seinem „Organon der Heilkunst“ beschrieb, suchte er eine Alternative zu den medizinischen Behandlungen, die damals oft gefährlicher waren als das Übel, das sie heilen sollten. Aber er tat es mit den Mitteln, die er damals hatte. In den nächsten 200 Jahren hat die Wissenschaft, insbesondere die Medizin, bedeutende Fortschritte gemacht und Paradigmen entwickelt, die den Grundlagen der Homöopathie völlig widersprechen. Davon ist Natalie Grams überzeugt: Würde Hahnemann heute wieder auferstehen und moderne Medizin studieren, würde er den homöopathischen Ansatz als völlig überholt und auf falschen Prinzipien beruhend ablehnen [3].

Alte Prinzipien, nie bewiesen, aber von der Wissenschaft widerlegt

Gleiches gilt für die seit Aristoteles bekannte und von großen Namen wie Paracelsus (1493-1541), dem berühmten Renaissance-Arzt,-Chirurgen und Alchemisten, vertretene Signaturenlehre, auf die sich Hahnemann [1] stützte. Diese postuliert, dass die unsichtbare „Natur einer Sache“ durch ihre äußere Form erkannt werden kann und dass bei Dingen der gleichen Form „sympathische“ Beziehungen untereinander bestehen. So sollen Pflanzen oder Gegenstände, die einem Organ ähneln, für die Behandlung von Erkrankungen dieser Organe verwendet werden können. Beispielsweise wurden Nüsse, die wie Gehirne aussehen, als mögliche Mittel gegen Kopfschmerzen angesehen. Paracelsus leitete daraus ein (erweitertes) Ähnlichkeitsprinzip ab, mit dem er postulierte, dass eine Krankheit durch eine Substanz geheilt werden kann, die (beim Gesunden) die gleichen Symptome verursacht (similia similibus curantur)[1]. Mit anderen Worten, es geht darum, das Übel mit dem Üblen zu behandeln, daher der Begriff “Homöopathie” (aus „Gleiches“ und „Leiden“).

Außerdem widerspricht die moderne Medizin völlig dem Prinzip der Verdünnung (Dilution), das mit dem Prinzip der Ähnlichkeit Hand in Hand geht. Tatsächlich erkannte Hahnemann schnell, dass es gefährlich oder zumindest unzweckmäßig sein kann, bestimmte Stoffe in hohen Konzentrationen anzubieten. Er stellte sich dann einen Verdünnungsprozess der Urtinktur vor (bekanntlich letzten Endes so weit, dass nichts von dem ursprünglichen Wirkstoff in der Lösung verbleibt). Um den Verdünnungsgrad zu quantifizieren, erfand er das Hahnemannsche Zentesimal (CH) [2]. Ein solcher Ansatz steht im Widerspruch zu den Grundprinzipien der modernen Chemie, die postulieren, dass von einer Substanz umso weniger vorhanden ist, je stärker sie verdünnt wird – und umso weniger Wirkung kann sie haben, da eine Wirkung aus der Wechselwirkung zwischen Molekülen resultiert.

Um die „heilenden Kräfte“ zu erhalten, schlug er die Technik der Dynamisierung (Potenzierung) vor, die darin bestand, zwischen den einzelnen Verdünnungen die Lösungsflaschen gegen lederne Bucheinbände zu schlagen. Er dachte, dass die „spirituelle Kraft“ der Substanz so an das Wasser weitergegeben würde. Diese Übertragung der vermeintlichen „therapeutischen Tugenden“ der Urtinktur auf das Wasser ist jedoch trotz zahlreicher Versuche (u.a. des 2004 verstorbenen Jacques Benveniste in den 80er Jahren, was 2009 von Luc Montagnier aufgegriffen wurde) nie wissenschaftlich nachgewiesen worden. Außerdem, wie Natalie Grams ironisch bemerkt, bleibt am Ende des Herstellungsprozesses der homöopathischen Mittel in Form von Globuli nichts als Zucker übrig, da die endgültige Lösung (aus den Potenzierungsschritten), mit denen sie besprüht werden, vollständig verdunstet. Wenn wir nicht nachweisen können, dass Zucker ein Gedächtnis hat, ist nicht einsichtig, wie die Urtinktur, von der nichts mehr vorhanden ist, noch auf den Körper wirken könnte [2].

Ein Placebo, das sich nicht zu erkennen gibt

Obwohl ihre Anhänger duchaus denken, dass es (noch) nicht möglich ist, den Wirkmechanismus der Homöopathie nachzuweisen, bleiben sie dennoch von ihrer Heilkraft überzeugt. Laut Natalie Grams ist dies eines der großen Missverständnisse der Homöopathie. Für sie wie für andere Kritiker liegt die scheinbare Wirksamkeit des homöopathischen Ansatzes vor allem in der im Arzt-Patienten-Verhältnis und im Zuhören des Patienten, nicht in den arzneilichen Heilmitteln. Häufig kommt es zu einer ganzen Reihe homöopathischer Konsultationen, bis der Homöopath herausfindet, was er für die “richtige Behandlung” hält. Zwischen zwei Konsultationen kann die Erkrankung sich zurückbilden oder sogar zum Verschwinden kommen, spontan oder unter der verzögerten Wirkung einer früheren “allopathischen ” Behandlung. Grams schätzt das so ein, dass Menschen die Ursache ihrer (so) verbesserten Gesundheit fälschlicherweise der Homöopathie zuschreiben [2].

Die Globuli oder andere Darreichungsformen wären deshalb nur Träger eines realen Placebo-Effekts. Das funktioniert entgegen landläufiger Meinung auch bei Haustieren und Babys. In der Tat sind Neugeborene sehr empfänglich für den Ausdruck und die Stimmung ihrer Eltern, genau wie Tiere für diejenigen ihrer Besitzer [7]. Aus diesem Grund glaubt Norbert Aust, einer der Mitbegründer von Grams‘ Informationsnetzwerk Homöopathie, dass Homöopathie allenfalls als eine Art sprechende Psychotherapie verstanden werden kann, aber nicht als mehr. [10].

Eine Disziplin, beherrscht von „künstlerischer Freiheit“ und Beliebigkeit

Das andere große Problem der Homöopathie, so Grams, liegt in der künstlerischen Freiheit (oder Unschärfe), die die Methode sowohl in der Praxis als auch in der Forschung dominiert. Ihr zufolge tut jeder Homöopath ein wenig, was er will und das, was er eben kann. In Deutschland gibt es weder eine Kontrollinstanz noch eine Referenz, die definiert, was gute oder schlechte Praxis ist. Diese Laissez-faire-Haltung zeigt sich besonders deutlich in der Art und Weise, wie homöopathische Forschung betrieben wird. Grams erklärt dem STERN, dass eine Substanz an Freiwillige verabreicht wird, deren Anzahl von zufälligen Kriterien abhängt, um zu sehen, welche Symptome sie nach der Einnahme entwickeln. Auf dieser Grundlage zieht der Arzt Schlüsse darauf, welche Substanz in der Lage sein soll, welche bestimmte Erkrankung mit diesen (bei den Probanden aufgetretenen) Symptomen zu behandeln sei. Variablen werden nicht kontrolliert, Ergebnisse basieren auf selbstberichteten Empfindungen von Freiwilligen, etc. Kurz gesagt, es gibt eine große Beliebigkeit in der Art und Weise, wie homöopathische Behandlungen konzipiert werden [3].

Aber diese Unschärfe und Beliebigkeit spiegelt sich auch in der Schwierigkeit wider, die Homöopathen damit haben, die Grenzen ihres Ansatzes zu erkennen. Obwohl sie bereitwillig verkünden, dass Homöopathie “viel, aber nicht alles kann”[11], scheinen sie nicht imstande zu sein, klar festzulegen, wie weit die Homöopathie gehen kann. In der Tat, wie Grams bemerkt, glauben sie meist, dass Homöopathie in erster Linie „die Abwehrkräfte des Körpers stärken“ soll. Es sollte daher logischerweise in den Heilungsprozess jeder Krankheit eingreifen können. Außerdem wird man nur sehr selten Widerspruch der Homöopathen untereinander finden. Im Gegenteil, sie neigen dazu, zusammenzuhalten. Daher hinterfragen sie ihre Praxis nur sehr selten, im Gegensatz zu dem, was in der wissenschaftlichen Medizin ständig geschieht [5].

Homöopathie, eine Branche, die sich lohnt

Trotz all dieser Mängel ist die Homöopathie eine recht florierende Branche, wie die Ex-Homöopathin der ZEIT erläutert. In Deutschland beläuft sich der Umsatz mit alternativen Heilmitteln (Anthroposophische Medizin, Phytotherapie und Homöopathie) auf insgesamt 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Grams fügt hinzu, dass die Homöopathie entgegen der landläufigen Meinung durchaus teuer ist. Während sich ein konventioneller deutscher Hausarzt meist mit einer Gebühr von 35 Euro pro Patient und Quartal begnügen muss, kann ein Homöopath für die erste Sitzung bis zu 120 Euro verlangen, dann 60 Euro pro zusätzlicher Konsultation, von denen ein Großteil von der Krankenversicherung erstattet wird [5].

Die Erstattung der Homöopathie durch die Krankenversicherung: Risiko der Irreführung

Der Grund dafür, dass Krankenkassen bereit sind, homöopathische Behandlungen und Beratungen zu erstatten, ist in der Regel, dass ihre bevorzugten Kunden junge, gutverdienende und gesundheitsbewusste Menschen sind. Solche Kunden sind profitabel und stellen sogenannte gute Risiken dar. Der Umstand, dass die Homöopathie versichert wird, stellt aber ein weiteres Problem dar: Die Vermischung von Dingen, die nicht zusammengehören. Wenn eine medizinische Behandlung oder Beratung zu den Leistungen der Krankenkassen gehört, dann (im Regelfall) deshalb, weil sie von Zulassungsbehörden auf der Grundlage objektiver medizinischer und wirtschaftlicher Kriterien bestätigt worden ist. Laut Norbert Schmacke, einem Medizinwissenschaftler an der Universität Bremen, wird das Interesse der Versicherer an diesen Therapien daher von den Kunden als Beweis von deren Seriosität interpretiert [5].

Deshalb fordern einige Fachleute, wie der Bremer Mediziner Gerd Glaeske, zunehmend, dass homöopathische Arzneimittel mit Hinweisen auf die fehlende wissenschaftliche Grundlage und zum fehlenden Wirksamkeitsnachweis bei Tests gegen Placebo gekennzeichnet werden sollten.

Darüber hinaus hat die deutsche Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) den Wunsch geäußert, dass die Krankenkassen die Erstattung homöopathischer Leistungen einstellen mögen. Für den Direktor der KBV bedeutet die Erstattungspraxis, „Geld aus dem Fenster zu werfen“ [10].

Für diese kritischen Stimmen ist es unlogisch, dass ein Ansatz, der seine Wirksamkeit nicht bewiesen hat, derart von finanzieller Unterstützung profitieren soll. Dies ist umso absurder, als das deutsche Gesundheitswesen gleichzeitig erhebliche Einsparungen vornehmen muss [10]. Die Hersteller von homöopathischen Mitteln müssen zudem nicht den gleichen finanziellen und wissenschaftlichen Aufwand treiben wie konventionelle Arzneimittelhersteller, die beträchtliche Summen ausgeben, um die Sicherheits- und Wirksamkeitsstandards zu erfüllen und nachzuweisen. Dieses Privileg führt also zusätzlich zu Marktverzerrungen [2].

Ablehnung der Vermengung von „magischem Denken“ und Rationalität

Als Antwort auf diese Kritik fordern viele Homöopathen, allen voran deren Organisationen, einen „Dialog“ mit der Schulmedizin, um das Augenmerk auf eine „Komplementarität“ der beiden Therapieansätze zu richten. Für Natalie Grams ist dieser Dialog nicht nur unmöglich, er wäre auch überhaupt nicht zielführend. Tatsächlich lehnen Homöopathen die Ergebnisse wissenschaftlicher Evaluationen ab, die in der modernen Medizin grundlegend sind [11]. Wie sollte man unter dieser Voraussetzung eine gemeinsame Basis finden können, wenn eine der Parteien das ablehnt, was für die andere essentiell ist? Zudem sei es nutzlos, moderne medizinische Ansätze durch homöopathische Anwendungen zu ergänzen. Es wäre wie die Kombination von Vernunft und magischem Denken. Der Patient würde nicht effektiver behandelt werden, im Gegenteil [5].

Zurück zum ärztlichen Zuhören

Natalie Grams glaubt, dass die Menschen dennoch gute Gründe haben, sich von der konventionellen Medizin abzuwenden. Wie sie der ZEIT erklärte, hat die intensive Rationalisierung der Patientenbetreuung das Arzt-Patienten-Verhältnis grundlegend verändert [5]. Für Eckart von Hirschhausen, einen weiteren Arzt, der im August 2017 vom STERN befragt wurde [10], vermittelt der zunehmende Einsatz fortschrittlicher Technologien den Patienten das Gefühl, dass die Ärzte sie nicht einmal mehr anschauen und sich lieber auf Informationen verlassen, die ihnen die Medizintechnik liefert. Für ihn wirkt sich dies zerstörerisch auf das Vertrauen in die Ärzteschaft aus.

Grams glaubt, dass nicht unbedingt alles von der Homöopathie verworfen werden sollte. Die Schulmedizin sollte sich davon inspirieren lassen, wie die Homöopathie den Patienten in den Mittelpunkt des Behandlungsprozesses stellt und ihn in erster Linie als Menschen betrachtet [2].

Zum Abschluss

Natalie Grams bleibt optimistisch, dass es möglich ist, Vernunft und Wissenschaft wieder in die Debatte über alternative Medizin, insbesondere die Homöopathie, einzubringen. Sie ist jedoch der Ansicht, dass dies ohne eine Reihe von Maßnahmen nicht möglich ist.

Erstens sei es unerlässlich, dass eine Reform des öffentlichen Gesundheitswesens den Patienten wieder in den Mittelpunkt rückt, anstatt sich ausschließlich auf eine wirksame Behandlung der Krankheit zu konzentrieren, insbesondere in Bezug auf deren Kosten und Dauer. Sie ist der Meinung, dass es sich wirklich lohnt, die Erkrankung des Patienten in einen größeren Zusammenhang zu stellen, um die Betreuung besser an die Bedürfnisse des Patienten anzupassen und nicht nur auf einen passiven Konsumenten von Gesundheitsdienstleistungen zu reduzieren. Ihrer Meinung nach wäre dies eine Möglichkeit, die Zahl der medizinischen Fehler zu verringern, die trotz der außerordentlichen Fortschritte der modernen Medizin nach wie einen gewissen Anlass zur Sorge geben. Eine größere Aufmerksamkeit gegenüber dem Patienten, seinem Umfeld, seiner Lebenssituation, seinen Schwierigkeiten aller Art sollte es nach ihren Worten ermöglichen, Diagnose und Behandlungsoptionen schneller und genauer zu bestimmen.

Zweitens sei es wichtig, alle medizinischen Akteure den gleichen Anforderungen zu unterwerfen. Wenn Hersteller von homöopathischen Arzneimitteln Zulassungen erhalten wollen, müssen sie ihre Wirksamkeit nach den gleichen Standards nachweisen wie die Hersteller von konventionellen Arzneimitteln. Es sei auch nicht akzeptabel, dass Behandlungen ohne belegte Wirksamkeit von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.

Schließlich und zugleich sei es notwendig, die Öffentlichkeit besser über die Prinzipien und das Wirkungsweise der verschiedenen Arten von Therapien zu informieren, aus denen sich das aktuelle medizinische Angebot zusammensetzt, damit die Menschen eine fundierte Entscheidung treffen können. Mit dieser Perspektive haben Grams und andere deutsche und österreichische Skeptiker das Informationsnetzwerk Homöopathie geschaffen [6]. Diese Plattform hat zwei Ziele: Erstens soll sie als Datenbasis für zuverlässige wissenschaftsfundierte Referenzen zu Fragen der Untersuchung der Wirksamkeit und der vermeintlichen Mechanismen der Homöopathie dienen können. Darüber hinaus will sie auch die Öffentlichkeit und vor allem diejenigen, die noch keine nicht mehr erreichbaren Adepten der Homöopathie sind, objektiv informieren.

Dem widmet sich Natalie Grams trotz der Verunglimpfung durch viele Kritiker, allen voran die deutschen Homöopathieverbände. Ihr neuestes Buch bietet deshalb verständnisvolle, empathische Unterstützung für Patienten, die sich im deutschen Medizindschungel nur schwer zurechtfinden. [12].


Referenzen

[1] Weymayr C, Heißmann N, Die Homöopathie-Lüge – So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen , Piper, 2012, 336 p.

[2] Prösser C, “Es war mein Lebenstraum”, Die Tageszeitung, 8. April 2016. Auf taz.de

[3] Albrecht B, “Warum Natalie Grams mit der Homöopathie gebrochen hatStern, 25 .November 2015. Auf stern.de

[4] Schmitz T, “Die Globulisierungsgegnerin” , Tages Anzeiger, 25.Januar 2017. Auf tagesanzeiger.ch

[5] Grabar E, “Die Nestbeschmutzerin” , Die Zeit Online, 15. Mai 2016. Auf zeit.de

[6] Informationsnetzwerk Homöopathie). netzwerk-homoeopathie.eu

[7] Locker T, « Derrière le rideau du lobby homéopathique », Motherboard Vice, 18 Juli 2017. Auf motherboard.vice.com

[8] Grams N, Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft  , Springer-Verlag, 2015, 225 p.

[9] Brissonnet J, « Qu’est-ce que l’homéopathie ? », August 2008. Auf pseudo-sciences.org

[10] Kriesl L, Fuchs S, “Streit um Homöopathie – wirken Globuli oder nicht ?”, Stern, 11. August 2017. Auf stern.de

[11] Weber N, “Humbug” , Spiegel Online, 14. Juni 2017. Auf spiegel.de

[12] Grams N, Gesundheit ! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen , Springer-Verlag, 2017, 336 p.


[1] Anmerkung INH: Das ist nicht ganz zutreffend. Paracelsus war nicht der Erfinder des so präzisierten Simileprinzips, dafür war es damals noch zu früh. Paracelsus‘ Ähnlichkeits- oder Sympathielehre war weitaus „primitiver“. Allerdings gab es 60 Jahre vor Hahnemann bereits Literatur über Medikation mit einem verfeinerten Ähnlichkeitsprinzip, Hahnemann ist aber der gesamten Ähnlichkeits- und Sympathielehre verpflichtet. Was führende Homöopathen bestreiten und Hahnemann eine völlig originäre „Entdeckung“ zuschreiben wollen. (Anm. d. Übers.)

[2] Französische Schreib- und Ausdrucksweise (Anm. d. Übers.)


Der Originalbeitrag ist unter http://www.pseudo-sciences.org/spip.php?article3014 zu finden.

Bildnachweis: Springer, Heidelberg 2015/2017

Spaniens Ärzteschaft entzieht der Homöopathie den Kredit

Erst vor kurzem (am 19. Juni) hat sich die französische Ärztekammer klar dazu bekannt, dass sie die Verwendung von wissenschaftlich nicht fundierten Methoden und Mitteln in der ärztlichen Praxis als unethisch und unvereinbar mit dem ärztlichen Standesrecht ansieht. Ohne die Homöopathie direkt zu erwähnen, hat die Ärztekammer in Frankreich damit gezielt in die laufende Debatte über die Rolle der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen eingegriffen. Wir berichteten.

Nur wenige Tage später – am 22. Juni –  hat die Zentrale Spanische Ärztekammer der Region Madrid (ICOMEM) mit der Ankündigung “Die ICOMEM erinnert die Ärzte daran, nur wissenschaftlich erprobte Medikamente und Verfahren einzusetzen” eine sehr ähnliche Erklärung veröffentlicht, die teilweise sogar über die der französischen Ärztekammer hinausgeht. Nämlich insofern, als sie durchblicken lässt, dass die ethische Verpflichtung zur Anwendung evidenzbasierter Methoden und Mittel auch nicht von Entscheidungen “der öffentlichen Verwaltung” abhängig, sondern durchweg nach ärztlichem Standesrecht zu fordern ist. Nimmt man dies wörtlich, so bleibt nach dem Wortlaut – anders als beim Text der französischen Ärztekammer – nicht einmal die Möglichkeit zu einer “komplementären” Behandlung im “informed consent” und nach Einschätzung des Arztes im Einzelfall.

In Spanien haben die Regionen eigene Befugnisse zu Regelungen im Gesundheitswesen. Das Gesundheitsministerium in Madrid hat bereits 2017 verdeutlicht, dass ungeachtet dieser Befugnisse nicht für vertretbar gehalten wird, Homöopathie zum Gegenstand von Krankenkassenleistungen zu machen (soweit bekannt, gibt es aber nach wie vor regional unterschiedliche Regeln). Die Kammer der Zentralregion Madrid ist traditionell in der Rolle einer de facto “obersten Ärztekammer”, so dass man davon ausgehen kann, dass dieses Statement nicht auf die Region Madrid beschränkt ist bzw. bleiben wird.

Der Kurs ist ungeachtet der regionalen Befugnisse und Besonderheiten klar: Der Homöopathie wird von ärztlicher Seite mit sehr deutlichen Worten der Kredit entzogen.

Die Erklärung im Wortlaut:


Der Präsident der Ärztekammer von Madrid, Dr. Miguel Ángel Sánchez Chillón, stellte dieses Dokument der Versammlung der wissenschaftlichen Gesellschaften vor und betonte, dass “die Hauptpflichten des Arztes dem Patienten gelten, dessen Gesundheit Vorrang vor jeder anderen Erwägung haben muss”:

 

ÜBER HOMÖOPATHISCHE PRODUKTE

In Ausübung der in den Gesetzen 2/1974 vorgesehenen Befugnisse der Berufsorganisationen […] … berichtet die hohe amtliche Ärztekammer öffentlich über Folgendes:

Zusätzlich zu den allgemeinen gültigen Grundsätzen und Werten verpflichtet der ärztliche Ethikkodex Ärzte besonders bei der Ausübung ihres Berufes, unabhängig von der Art und Weise, wie sie praktizieren und wo dies geschieht.

[…]

Eine dieser Pflichten aus in Artikel 26 des aktuellen Kodex schreibt den Ärzten eine besondere Pflicht vor, die sie erfüllen müssen. Die Ärztekammer versteht sich als grundlegend verantwortlich für Belange der ärztlichen Berufspraxis. Sie sieht es insofern als unethisch an, dass Methoden, aber auch Verschreibungen von Arzneimitteln als wirksame Therapien dargestellt und vorgeschlagen werden, bei denen wissenschaftliche Grundlagen fehlen, denen illusionäre Vorstellungen zugrunde liegen oder die sich praktisch unzureichend bewährt haben.

Ungeachtet der [meist] kurzfristigen Entscheidungen, die von den öffentlichen Verwaltungen dazu getroffen werden, ist es die Pflicht der Ärztekammer, alle Ärzte, die ihre beruflichen Pflichten in der Region Madrid erfüllen, an ihre Verpflichtung zu erinnern, die im Kodex enthaltenen Grundsätze, Pflichten und Werte zu respektieren und angemessen einzuhalten. Die Grundsätze der Medizinethik, die sich der Ärztestand selbst freiwillig gegeben hat, sind das leitende Kriterium und die Richtschnur für das richtige Verhalten in der beruflichen Praxis. All dies gehört zur Garantenstellung des Arztes gegenüber den Patienten, deren Gesundheit Vorrang vor jeder anderen Erwägung haben muss.

Gemäß den Bestimmungen des Artikels 1.3 des Gesetzes 2/1974 vom 13. Dezember 1974 über Berufsverbände erinnert die Ärztekammer daran, dass sie berechtigt ist, die Grundsätze der ärztlichen Praxis, der Verteidigung der beruflichen Interessen von Ärzten, den Schutz der Interessen der Allgemeinheit und die Interessen der Verbraucher bei der Inanspruchnahme ärztlicher Dienste zu wahren, und zwar unbeschadet der Zuständigkeiten der öffentlichen Verwaltung.

Aus all diesen Gründen wird die Verantwortung des Arztes öffentlich eingefordert und an seine Pflichten gegenüber dem Patienten und dem Berufsstand gegenüber erinnert.


Müssen wir schon wieder fragen: Und bei uns? Wieder ein Schritt weiter zum “germanischen Dorf” in Sachen Homöopathie, liebes Gesundheitsministerium, liebe Ärzteschaft, liebe Institutionen des Gesundheitswesens …


Bildnachweis: Screenshot Ilustre Colegio Oficial de Médicos de Madrid

Kritik an der Kritik: Faktencheck-Check!

Auf der Seite “Natur und Medizin” der Carstens-Stiftung erschien unlängst eine – sagen wir mal – Auseinandersetzung mit dem Beitrag im SPIEGEL 34/2018 vom 18.08.2018 (“Hokuspokus – Geld weg! Heiler, Gurus, Scharlatane: Der Boom der Alternativmedizin). Spekulationen zu einer nicht näher bezeichneten  “Skeptikerbewegung” (wozu der Autor, Dr. Jens Behnke, die wissenschaftsfundierte Homöopathiekritik zählt), konnte man dort ebenfalls finden.

Das INH hat sich näher mit dem Inhalt dieses Textes befasst, ihn sozusagen einem Faktencheck-Check unterzogen:


Unter einem “Faktencheck” versteht man üblicherweise eine Überprüfung von Behauptungen, ob und inwieweit sie mit vorliegenden Fakten übereinstimmen. Dazu muss selbstverständlich die Faktenlage so dargestellt werden, dass alle für die Aussage relevanten Tatsachen gewürdigt werden.

Nun hat Jens Behnke einen solchen in Bezug auf den Artikel “Die Macht der Heiler” im Spiegel Nr. 34/2018 vorgelegt. Die für die Komplementärmedizin negativen Aussagen seien Teil einer europaweiten Kampagne gegen die Komplementärmedizin, die von der Skeptikerbewegung  betrieben werde, meint Herr Behnke. Nun hätte dies eine neue Qualität erreicht, da die Akteure der Skeptikerszene jede Hemmung fallengelassen hätten und der Text von einer “auf den beabsichtigten Negativeffekt abgestellte Perspektive” dominiert werde.

Nun ja, dass ein berufsmäßiger Interessenvertreter der Homöopathie verärgert auf den Artikel reagiert, ist nachvollziehbar. Aber wie sieht es mit den Fakten aus?

Herr Behnke hat zunächst Recht damit, dass es sich bei der zuerst genannten geschädigten Patientin um Susanne Aust, die Ehefrau des INH-Mitglieds Dr. Norbert Aust handelt. Genau die im Spiegel dargestellte Leidensgeschichte war die Ursache (!) dafür, dass dieser sich intensiver mit dem Wesen der Homöopathie beschäftigt hat – und fand, dass es keine wissenschaftliche Grundlage und keine Evidenz für die Wirksamkeit der Homöopathie über Placebo hinaus gibt. Das wird im Text sogar kurz angedeutet.

Die Interessenkonflikte der zitierten Personen würden nicht transparent gemacht, sagt Herr Behnke. Nun, welche Interessenkonflikte? Niemand aus dem INH hat einen finanziellen oder einen sonstigen wirtschaftlichen Vorteil aus seinem Engagement gegen die Homöopathie. Wir haben keinerlei Gewinn davon, ob sich jemand für oder gegen die Homöopathie entscheidet. Das mag für berufsmäßige Interessenvertreter wie Herrn Behnke und die ganze KVC schwer verständlich sein: aber es gibt Menschen, die sich nicht aus Eigeninteresse, sondern aus Idealismus oder Verantwortungsgefühl für etwas engagieren und dafür sogar in gewissem Umfang eigene Mittel aufwenden.

Dann führt Herr Behnke eine ganze Reihe von Fakten und Zahlen auf, die den Stand der Forschung zur Homöopathie darstellen sollen. Dazu wird die Pressemeldung zum Bertelsmann-Gesundheitsmonitor aus dem Jahr 2014 zitiert, wonach viele Patienten nach einer homöopathischen Behandlung eine Besserung erleben, wobei wie immer bei solchen Umfragen offen bleibt, ob dies trotz oder wegen der Homöopathie geschah. Auch dass sich viele Deutsche nach einer von der DHU, dem größten Hersteller von Homöopathika, beauftragten Umfrage ein “Miteinander” von Schulmedizin und ergänzenden Therapien wünschen, wird erwähnt. Die EPI3-Studie (eine für den Homöopathiehersteller Boiron durchgeführte große Erhebung von Daten bei Ärzten und Patienten) muss natürlich angeführt werden. Wieso merkt ein Doktor der Philosophie nicht, dass das Ergebnis, Homöopathen würden weniger konventionelle Arzneimittel verordnen, trivial ist, schließlich ist das deren hauptsächliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber ihren nicht-homöopathischen Kollegen? Was hat die Aussage, dass viele Menschen an den Nebenwirkungen von Medikamenten sterben, mit der Homöopathie zu tun?

Zu den äußerst geringen Nebenwirkungen von Homöopathika hat Herr Behnke einen Link, ebenso zur Kostensituation.

Allerdings verschweigt Herr Behnke – aus Kalkül? – die wesentlichste Erkenntnis aus der Forschung zur Homöopathie überhaupt: In mittlerweile neun systematischen Reviews konnten keine Nachweise dafür gefunden werden, dass die Homöopathie auch nur bei einem einzigen Krankheitsbild sinnvoll anzuwenden wäre, so auch nicht in den mittlerweile drei Arbeiten von RT Mathie, der für das Homeopathy Research Institute arbeitet und daher sicher nicht gegen die Homöopathie voreingenommen ist.

Gut gebrüllt Herr Behnke, man kann Ihren Unmut verstehen. Auch wenn Sie Ihre Interessenkonflikte, soweit uns bekannt ist, noch nie dargelegt haben – ich nehme an, Sie würden Ihren Job verlieren, wenn Sie die Homöopathie anders darstellen als es Homöopathen gerne hören – ist angesichts Ihrer beruflichen Ausrichtung  klar, welchen Standpunkt Sie vertreten. Allerdings: Welche Aussagen des Spiegel-Artikels haben Sie denn nun widerlegt?

  • Dass wissenschaftliche Studien sagen, Homöopathie ist keinen Deut besser als Placebo?
  • Dass die DHU in den sozialen Netzwerken und der Presse wirbt?
  • Dass der Umsatz mit Homöopathika mehrere hundert Millionen Euro beträgt?
  • Dass Alternativmedizin bei Krebs die schlechteren Heilungschancen bietet?
  • Dass die Carstens-Stiftung Lehrveranstaltungen an Unis fördert?
  • Dass viele Länder Maßnahmen gegen die Homöopathie ergreifen?
  • Dass sich die Anhänger der Homöopathie wie eine Sekte verhalten, Abtrünnige ächten?
  • Dass Homöopathika von Wirksamkeitsnachweisen befreit sind?
  • Dass Krankenkassen Homöopathie aus Marketinggründen anbieten?
  • Dass solche Homöopathie-Patienten teurer sind als Nicht-Homöopathie-Patienten?
  • Dass Homöopathen auch von Arzneimitteln der evidenzbasierten Medizin abraten?
  • Dass die Homöopathie in den zitierten Fällen nicht helfen konnte?

Keiner dieser Aussagen der Spiegel-Redakteurin Frau Hackenbroch ist durch die von Ihnen angeführten Quellen widersprochen, schon gar nicht widerlegt worden.

Bleibt als Fazit, dass die von Ihnen kritisierte „auf einen Negativeffekt abgestellte Perspektive“ keine Folge sinistrer Machenschaften einer kleinen Gruppe von Skeptikern, sondern in weiten Kreisen der Wissenschaften anerkannte Faktenlage ist.

 

Autor: Dr. Norbert Aust


Bildnachweis: Fotolia_130625327

“Homöopathie-Deklaration 2019” – Das INH nimmt Stellung

Ein Zusammenschluss von Personen und Verbänden der entsprechend interessierten Szene hat – unter anderem auf dem Webauftritt des Zentralvereins homöopathischer Ärzte [1] eine “Deklaration Homöopathie 2019” veröffentlicht, in der behauptet wird, die Homöopathie verfüge über nachgewiesene Evidenz. Daraus folgend sei ihr ein Platz in der wissenschaftlichen Medizin zuzusprechen, was zusätzlich mit bereits bekannten Ausführungen wissenschafts- / erkenntnistheoretischer Art (“Pluralismus in der Medizin”) untermauert werden soll.

Das Informationsnetzwerk Homöopathie nimmt dazu wie folgt Stellung:

„Eine Deklaration, eine Deklaration!“
(frei nach Loriot)

Eine Deklaration ist üblicherweise ein wichtiges Stück Papier in dem die Verfasser grundlegende Dinge festhalten. Man denke an die Deklaration der Menschenrechte der Vereinten Nationen oder an die amerikanische Unabhängigkeitserklärung („Declaration of Independence“). So viel vorweg: Für die im Februar 2019 vom Vorsitzenden des Sprecherkreises des Dialogforums veröffentlichte Homöopathie-Deklaration [1] wirkt dieser Titel etwas anmaßend.

Da haben sich eine Reihe namhafter Personen, bisweilen mit klingendem akademischen Titel, sowie eine Reihe von Verbänden zusammengetan, um ihre Pfründe zu verteidigen, derer sie verlustig gehen könnten, wenn sich die Sichtweise der Homöopathiekritiker in der Politik und in der Öffentlichkeit weiter durchsetzen würde. Insofern ist diese Reaktion verständlich.

Man kann seinen Kritikern sicher Ignoranz oder bewusste Stimmungsmache vorwerfen und ihnen fehlende Seriosität unterstellen indem sie eine angebliche reale Datenlage unterdrücken. Nur sollte man dies dann auch untermauern können, sonst wirkt so etwas eher wie das Pfeifen im nächtlichen Wald, eher darauf abzielend, sich selbst und seinen Anhängern Mut zu machen anstatt den Leser von der Stichhaltigkeit der Argumentation zu überzeugen.

Eigentlich, wenn die Homöopathie eine über Placebo hinaus wirksame Therapie wäre, der konventionellen Medizin ebenbürtig oder gar überlegen, könnte Matthiessen doch sehr einfach argumentieren: Seht her, hier ist die unzweideutige Evidenz, dass die Homöopathie unter diesen oder jenen Bedingungen bei dieser oder jener Indikation einen unbezweifelbaren Nutzen aufweist. Darauf kann er nicht verweisen, weil solche Belege nicht existieren. Stattdessen muss er sich darauf verlegen, Schwachstellen in der Argumentation der Kritiker zu suchen, was ihm sichtlich schwerfällt.

Eine akribische Analyse der publizierten Evidenz lieferte in den nunmehr 10 vorliegenden systematischen Reviews eben nicht, dass die therapeutische Wirksamkeit durch qualitativ hochwertige Studien wohlbegründet sei, auch wenn der Autor dies wie viele seiner Kollegen immer wieder beschwört. Selbst der Homöopathie nahestehende Forscher wie Robert T. Mathie vom englischen Homeopathy Research Institute fanden von den bislang 118 untersuchten klinischen Studien ganze zwei, die als „low risk of bias“, also als hochwertig eingestuft werden konnten [2 bis 4]. Die von den Autoren der vorliegenden Reviews selbst gelieferten zusammenfassenden Schlussfolgerungen sprechen deutlich gegen alle Versuche, die Tatsache des Scheiterns von Evidenznachweisen pro Homöopathie abzuleugnen oder schönzureden.

Auch eine gebetsmühlenartige Wiederholung immer der gleichen Argumente macht sie nicht wahrer:

  • Nein, die Einführung der Komplementärmedizin in den Leistungskatalog der Schweizer Gesundheitsversorgung erfolgte eben nicht aufgrund einer gründlichen Evaluation, sondern aufgrund eines Volksentscheids, wobei ausdrücklich betont wird, dass der Nutzen besonders der Homöopathie nicht nachgewiesen werden könne [5].
  • Hahn hat völlig Recht, man muss 90 % der Studien ausschließen, um zum wahren Sachverhalt vorzudringen, nämlich die Studien, die infolge unzureichender Qualität wahrscheinlich einen Effekt überzeichnen. Das sind, siehe Mathie, sogar weit über 90 % der Studien [6].
  • Wenn man schon auf der oftmals zitierten Behauptung herumreitet, bei der großen NHMRC-Studie seien alle Studien unter 150 Teilnehmern nicht berücksichtigt worden, müsste es doch ein Leichtes sein, eine Indikation aufzuzeigen, bei der sich ein anderes Ergebnis gezeigt hätte, wenn man anders vorgegangen wäre [7]. Dies wird aber sicher nicht geschehen, denn auch Mathie, dem niemand ein Fehlverhalten vorwirft, kommt in seinen Reviews im Wesentlichen zum gleichen Ergebnis: Berücksichtigt man die miserable Qualität der Studien – zu einem Drittel sind das sogar nur Pilotstudien – dann ist die Evidenz für die Homöopathie nicht belastbar.

Nun, stattdessen kann man sich auf die Freiheit von Forschung und Wissenschaft im Grundgesetz berufen, man kann eine „vollorchestrierte Gesundheitsversorgung“ fordern – was immer das auch sein soll. Und nein, es kann nicht angehen, den international anerkannten Wissenschaftsbegriff, beruhend auf der kritisch-rationalen Methode, mit der Einführung eines „Wissenschaftspluralismus“ für Beliebigkeiten zu öffnen. Welchen Nutzen das Gesundheitssystem daraus ziehen soll, dass unwirksame Therapien integriert werden, das bleibt wohl das Geheimnis der Autoren dieses Papiers, das wohl deshalb „Deklaration“ heißt, um über den dürftigen Inhalt hinwegzutäuschen.

 


Literatur:

[1] Matthiessen PF.: Homöopathie-Deklaration: Professoren und Ärztegesellschaften unterstreichen die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der Homöopathie – und kritisieren einseitige Darstellungen; Erstveröffentlichung Deutsche Zeitschrift für Onkologie 2018;50:172-177; Link: https://www.homoeopathie-online.info/homoeopathie-deklaration-2019/, abgerufen 11.02.2019

[2]  Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA et al.: ”Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis”, Systematic Reviews 2014;3:142

[3]  Mathie RT, Ramparsad N, Legg LA et al.: ”Randomised, double-blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: Systematic review and meta-analysis”, Systematic Reviews 2017;6:663

[4] Mathie RT, Ulbrich-Zürni S, Viksveen P et al.: Systematic Review and Meta-Analysis of Randomised, Other-than-Placebo Controlled Trials of Individualised Homeopathic Treatment; Homeopathy (2018) 107;229-243

[5] Hehli S: Die Schweiz ist ein Eldorado für deutsche Globuli-Fans; Neue Züricher Zeitung vom 23.05.2018

[6] Hahn RG: ”Homeopathy: Meta-Analyses of Pooled Clinical Data”,Forsch Komplementärmed(2013);20:376-381

[7]  National Health and Medical Research Council. 2015. ”NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions ”, Canberra: NHMRC;2015

Einwand: Tierhomöopathie funktioniert aber doch auch!

Tierhomöopathie ist weit verbreitet und wird hoch gelobt. Doch zunächst ist sie ein Gebäude, das erst von Hahnemanns Nachfolgern gezimmert worden ist. Von ihm selbst gibt es nur einen kurzen, von ihm nie veröffentlichten Text, in dem er die Idee andeutet, Arzneimittelprüfungen und Materia medica auch für Tiere durchzuführen bzw. aufzustellen. Er ist nicht darauf zurückgekommen – heute sind die Angebote von Tierhomöopathen und Homöopathie praktizierenden Tierheilpraktikern gleichwohl überall zu finden.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass Hahnemann die nachstehenden Probleme im Kern bewusst waren und er deshalb die Einsicht hatte, auf die Etablierung einer Tierhomöopathie zu verzichten, was manchen seiner Nachfolger jedoch keineswegs davon abgehalten hat.

  • Die Physiologie der Tiere ist von der des Menschen, zusätzlich auch noch innerhalb der Tierrassen sehr unterschiedlich. Viele Erkrankungen im Tierreich kommen überhaupt nur artenspezifisch vor, was eine ungeheure Differenzierung bei der Erfassung von Krankheitsbildern voraussetzt. Zu Hahnemanns Zeiten kannte man natürlich schon tierspezifische Erkrankungen, konnte sie aber noch nicht im Hinblick auf eine unterschiedliche Physiologie deuten.
  • Deswegen hätte es einer völlig neuen Basis neben der homöopathischen Methode für Menschen bedurft: Arzneimittelprüfung an Tieren, tierspezifischer Materia Medica und homöopathischer Anamnese am Tier. Wäre das überhaupt – abgesehen davon, dass dies für jede Tierrasse einzeln hätte geschehen müssen – nach den Anforderungen des Organon leistbar gewesen? Diese Frage wird man verneinen müssen.
  • Wie soll bei Tieren, zumal bei völlig unterschiedlichen Arten, eine homöopathische Anamnese als detailliertes Gesamtbild vom körperlichen, geistigen und seelischen Zustand des Patienten unter Einbeziehung aller kleinster Einzelheiten seiner Symptomatik durchführbar sein, wie sie im Organon gefordert wird? Gleiches gilt natürlich auch für die Arzneimittelprüfung, die ja nur ein Spiegelbild der Anamnese auf der Grundlage genauester Erfassung der kleinsten Befindlichkeitsstörung am Probanden ist. Immerhin ist das Tier nicht in der Lage, so detailliert Auskunft zu geben, wie es die Methode nun einmal erfordert. Viele Symptome bei Veterinärerkrankungen zeichnen sich ohnehin dadurch aus, dass sie sehr spät offen in Erscheinung treten.
  • Die praktizierenden Tierhomöopathen zeigten – im Gegensatz zu ihrem spiritus rector – so wenig Einsicht in diese Problemlagen, dass man sich bis heute mit mehr als dünnen Hilfskonstruktionen zufriedengab. Und zwar insofern, als Arzneimittelprüfung wie auch anamnestische Erhebung in Ermangelung sprachlicher Kommunikation durch “Beobachtung” des Tieres und gegebenenfalls Befragung des Tierhalters durchgeführt wurde und wird (moderner Ausdruck dafür: Anamnese by proxy). Es erschließt sich nicht, dass die Forderungen des Organon zur Methodik durch eine derartige “Krücke” erfüllt werden könnten.
  • Heute gibt es eine Unzahl von Methoden und Veröffentlichungen zur Arzneimittelprüfung und Anamnese an Tieren. Allein dieses Abgleiten ins Uferlose und Beliebige ist ein klares Zeichen für eine fehlgeleitete Methode. Und steht mal kein Nachschlagewerk für den Einzelfall zur Verfügung, so muss es der analoge Rückgriff auf die Repertorien zur menschlichen Behandlung tun, notfalls wieder die viel bemühte Erfahrung.
  • So kann es auch nicht verwundern, dass die Studienlage zur Wirksamkeit von Tierhomöopathie katastrophal ist – was sogar die Carstens-Stiftung einräumt.

Gleich ob bei Mensch oder Tier – die homöopathische Methode ist weder wirksam, noch schonend oder ganzheitlich. Zudem besteht aus den angeführten Gründen bei homöopathischer Behandlung von Tieren noch ein weitaus höheres Risiko von Fehldiagnose/Fehlbehandlung als beim Menschen. Das Tier kann sich nicht selbst versorgen, ist auf Gedeih und Verderb der Verantwortung seines Halters angewiesen. Dieser kann man nur gerecht werden, wenn dem Tier evidenzbasierte Veterinärmedizin zugänglich gemacht wird. Alles andere ist unethisch, das Wort Tierquälerei durchaus am Platze.

Noch ein Wort zu Antibiotika in der (Massen-)Tierhaltung: Antibiotika aus zuchtspezifischen Gründen sind abzulehnen. Dazu gehört auch die vorbeugende und regelmäßige Gabe aufgrund von unzureichenden Haltungsbedingungen. Antibiotika aus veterinärmedizinischen Gründen sind im Bedarfsfall aber selbstverständlich dem “Nichtstun” durch Homöopathika vorzuziehen. Die zunehmende Vorstellung, der Einsatz von Homöopathika biete eine “Alternative” zur Antibiose im Viehstall, ist ein verhängnisvoller Irrtum, der ein enormes Gefahrenpotenzial in sich birgt!

Lesen Sie mehr zur Homöopathie bei Tieren.

 

Autor und Bild: Udo Endruscheit

Einwand: Homöopathie ist doch besonders zur Selbstbehandlung geeignet!

Wirklich?

In der Apotheke werden allerlei Globuli frei verkäuflich angeboten. Sie werden von den Herstellern auch kräftig mit den Attributen “sanft und natürlich” beworben. Vor allem zur “einfachen und nebenwirkungsfreien” Selbstbehandlung wird immer wieder geraten. Es gibt viele Bücher zum Thema und ein Großteil der homöopathischen Mittel wird aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda empfohlen (“Bei meiner Erkältung hat mir letztens super Mittel XY geholfen, probiere das doch auch mal”).

Bei alledem wissen die Konsumenten nicht (und Hersteller, Verkäufer und selbst die Homöopathen sagen es ihnen nicht; über die Gründe darf spekuliert werden): Es gibt wenig, das Hahnemanns Methode mehr widerspricht als die Selbstbehandlung mit Globuli.

Wie auch schon in anderem Zusammenhang auf diesen Seiten ausgeführt, befasst sich die Methode Hahnemanns nicht mit Krankheiten, sondern mit Symptomen. Die Methode beruht darauf, dass für ein mit großer Sorgfalt erstelltes Symptombild des Patienten aus den Repertorien, also den Verzeichnissen, in denen die Symptombilder den homöopathischen Mitteln zugeordnet werden, das richtige Mittel herausgesucht wird – all dies ist die Aufgabe des Arztes, des erfahrenen Heilkünstlers. Nebenbei gesagt, festzulegen ist ein Mittel mit einem einzigen Urstoff. Mittel, die mit mehreren Urstoffen hergestellt wurden, sogenannte Komplexmittel, lehnte Hahnemann ohne Wenn und Aber ab und die meisten klassischen Homöopathen tun das auch heute noch.

Der Weg zum Symptombild führt dabei über die homöopathische Anamnese, das bekannte therapeutische Gespräch, bei dem in möglichst hoher Differenzierung alle, auch noch die allergeringsten Befindlichkeiten vom Therapeuten aufgezeichnet und zu einem geschlossenen Symptombild verdichtet werden sollen. Es ist einsichtig, dass es hierzu des “erfahrenen Therapeuten” bedarf, jedenfalls jemand, der eingehend mit Hahnemanns Methode auch in der Praxis vertraut ist. Das Organon, die Bibel der Homöopathen, sagt beispielsweise dazu:

“Der vorurtheillose Beobachter […] nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit.” (§ 6 Organon, nur Symptome sind wahrnehmbar, nicht Krankheiten).

“Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen […] es auch einzig die Symptome sein, durch welche die Krankheit die, zu ihrer Hülfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann…so muß, mit einem Worte, die Gesammtheit der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige sein, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.” (§ 7 Organon, das Symptombild ist die Hauptaufgabe für den Heilkünstler).

Selbstmedikation? Diagnosen Schnupfen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein? All das ist nach Hahnemanns System undenkbar. Heilkünstler an den Start!

Ohne Rücksicht auf Hahnemanns Methode, die erklärtermaßen aber nach wie vor ein Heiligtum darstellt, werden heute Globuli ohne homöopathische Anamnese käuflich erworben wie Bonbons (guter Vergleich eigentlich …), Krankheitsbezeichnungen statt Symptombilder als Indikationen für die Gabe von Globuli verwendet, werden Komplexmittel nach Herstellerempfehlung oder eigenem Gusto eingenommen – und das wird dann hier und da auch noch als Fortschritt der Methode verkauft. Das ist es keineswegs! Deshalb nicht, weil dieser “Fortschritt” nicht mit systematischer Kritik, mit einer Erweiterung des Erkenntnishorizontes, mit einem logischen Weiterbau unter Verwerfung als alter, als unrichtig erkannter und unter Hinzunahme als neuer, als richtig erkannter Erkenntnisse verbunden ist. Selbst”medikation”, Behandlung auf Krankheits- statt auf Symptombilder und Komplexmittel sind – neben anderen Dingen – nur Verwässerungen von Hahnemanns Methode, die zudem auch noch mehr Ungereimtheiten erzeugen, als dieser ohnehin schon innewohnen.

Und wo bleibt übrigens die “individuelle Methode”, wenn Frau Müller für ihre Magenbeschwerden einfach ein Globuli in der Apotheke kaufen kann? Vielleicht würde Frau Müller einmal ein Blick in eines der großen Repertorien helfen, mit dem Versuch, unter “Magenbeschwerden” das richtige Globuli herauszufinden …? Doch dann herrscht oft Verwirrung, weil so viele Mittel passen könnten, oder gar keines. Doch dann wird es noch schwieriger, als es eh schon ist. Denn dann beginnt eigentlich das Raten, das jedoch nachträglich rationalisiert wird (“Letztes Mal haben ja auch die Chamomilla so toll geholfen, also probiere ich es noch mal mit denen”, “Bei Frau Maier hat Mittel XYZ geholfen, dann nehme ich mal das”, “Ich kenne keines der angegeben Mittel, ich entscheide mich nach meinem Gefühl”, “ich wähle intuitiv”). Wann immer nun anschließend eine Verbesserung auftritt, unterliegt Frau Müller dem post-hoc-ergo-procter-hoc-Fehlschluss– und nicht den Wirkungen der gewählten homöopathischen Arznei. Und sie unterliegt damit einer ganz natürlichen menschlichen Wahrnehmungsstörung, die sehr schwer erkennbar ist (Lesen Sie hier mehr dazu).

Doch eines ist garantiert: Hahnemann würde Gift und Galle spucken, würde er erleben müssen, was die heutigen Befürworter seiner Methode so mit dieser veranstalten. Er würde es vermutlich als “elendige Geschäftsmacherey” ansehen.

 

Autoren: Udo Endruscheit und Dr. med. Natalie Grams

Bild: Udo Endruscheit

Einwand: Potenziert bedeutet doch stärker!

Auf einem See wachsen Seerosen, deren Fläche sich jeden Tag verzehnfacht. Nach neun Tagen ist der See völlig zugewachsen. Wie viel seiner Fläche ist nach acht Tagen bedeckt? (Lösung am Ende)

Was hat das mit Homöopathie zu tun? Eine ganze Menge. Ein zentrales Merkmal der homöopathischen Mittel ist deren Potenzierung, also die mehrfache Verdünnung der Ausgangssubstanzen. Dahinter steht die vorwissenschaftliche Vorstellung, dass ein Stoff umso stärker wirkt, je mehr er verdünnt ist. In jedem Schritt wird die Ursubstanz, in der der verwendete Stoff gelöst wurde, mit dem Lösungsmittel (destilliertes Wasser oder Ethanol) in einem vorgeschriebenen Verfahren verdünnt und verschüttelt.

Die Abkürzung D (lateinisch decem = zehn) bei homöopathischen Mitteln verweist dabei auf die zehnfache Verdünnung bei jedem Schritt, die Abkürzung C (lateinisch centum = hundert) auf die hundertfache. Die Zahl hinter D oder C gibt die Anzahl der Verdünnungsschritte an. D6 – eine häufig verwendete “Potenz” – bedeutet also ein Teil Ursubstanz auf eine Million Teile Lösungsmittel.

Übersetzt man dies in das Volumen von Flüssigkeiten, so ergibt sich ein Verhältnis von einem Tropfen (ein Milliliter) auf sieben randvolle Badewannen (1.000 Liter). Damit sind noch nachweisbare Anteile der Ausgangssubstanz in der Lösung enthalten. Ob diese allerdings physiologisch wirksam sind, darf zu Recht bezweifelt werden. D12 ist nun nicht eine doppelte Verdünnung wie D6 – und schon gar nicht die doppelte Wirksamkeit -, sondern die eine Million höhere Verdünnung. Auch bei kleinen Unterschieden der Zahlen wird gerne vergessen, dass etwa D7 die zehnfache Verdünnung von D6 darstellt, D8 die hundertfache.

Wollen wir nun ein Mittel mit der Potenz D12 herstellen, nehmen wir einen Tropfen aus einer unserer sieben Badewannen mit D6 und verteilen ihn gleichmäßig auf weitere sieben Wannen mit Wasser. Falls diese Flüssigkeit nicht als Tropfen vermarktet wird – die als Lösungsmittel Alkohol verwenden und vor der Einnahme wiederum mit Wasser verdünnt werden -, versprühen wir sie anschließend mit dem Faktor 1 zu 100 (0,1 Gramm Lösung auf 10 Gramm Globuli) auf Zuckerkügelchen und lassen diese trocknen. Damit wäre unser homöopathisches Mittel D12 fertig zum Verkauf.

Das Problem des Begriffs “Potenzierung” ist, dass “Potenz” in der Umgangssprache wie in der Wissenschaft eine andere Bedeutung als in der Homöopathie hat, nämlich vom lateinischen Wort potentia “Macht, Kraft, Vermögen, Fähigkeit”. In der Pharmakologie etwa bezeichnet die Potenz eines Stoffes seine Wirkstärke, Substanzen höherer Potenz wirken in geringerer Konzentration als solche mit niedriger Potenz. In der Homöopathie ist die Bedeutung genau umgekehrt; je höher potenziert, desto weniger der Ausgangssubstanz ist enthalten – spätestens bei D23 kein einziges Molekül mehr.

Für D23 würde man übrigens eine Wassermenge zum Verdünnen eines Gramms Ursubstanz benötigen, die etwa dem Inhalt des Pazifischen und Indischen Ozeans zusammen entspricht. In der Praxis werden allerdings vor jedem Verdünnungsschritt einfach neun Zehntel der Lösung weggeschüttet.

Potenzierung bedeutet also auf keinen Fall, dass die Mittel mit höherer Verdünnung wirksamer, “potenter” sind, sondern dass im Gegenteil von Stufe zu Stufe um den Faktor Zehn (oder gar Hundert) weniger Wirkstoff enthalten und deshalb nach allen wissenschaftlichen Kriterien keine pharmakologische Wirkung haben können. (Und warum bei der Potenzierung auch keine “Energie” entsteht, lesen Sie hier.)

Exponentielles Wachstum oder exponentieller Schwund sind Vorgänge, die man intuitiv nur schwer erfassen kann. Die Verdoppelung (2 hoch x) oder Verzehnfachung (10 hoch x) bei jedem einzelnen Schritt, beziehungsweise eine exponentielle Abnahme wie in der homöopathischen Verdünnung (10 hoch x, nach jedem Schritt ist nur noch ein Zehntel des Ausgangsstoffs vorhanden) können wir uns kaum vorstellen. Wir irren uns praktisch immer bei solchen nichtlinearen Entwicklungen, wenn wir die Ergebnisse auch nur nach wenigen Schritten schätzen sollen. Im Alltag begegnen wir diesen Verläufen etwa beim Zinseszins: Die Entwicklung eines Guthabens, das jährlich einschließlich der bisher aufgelaufenen Zinsen verzinst wird, schätzen wir auf längere Zeit immer zu niedrig ein: Aus 1.000 € werden bei einem Zinssatz von 5 % in 50 Jahren 11467,40 €. Würden wir nur den jährlichen Zins von 50 € ohne den Zinseszinseffekt berücksichtigen, wären es nur 3.500 €.

Exponentiell ist also eine Funktion, bei der in jedem Schritt eine prozentuale Veränderung im Vergleich zum vorherigen Bestand erfolgt. Jede Änderung wirkt sich auf die folgenden aus.

Es dauert zum Beispiel nur neun Tage, eine Milliarde Euro auf einen Euro zu dezimieren, wenn das Vermögen jeden Tag nur noch ein Zehntel des Werts des Vortages hat. Solch ein Wertverlust kommt bei einer Hyperinflation vor, wo das Geld täglich weniger Kaufkraft besitzt.

Ebenso schwer fällt es Menschen, sich sehr große oder sehr kleine Zahlen und Mengen vorzustellen. So wird etwa gerne Million und Milliarde verwechselt, wobei die letztere eintausend Mal größer ist. Beispiel: Es dauert fast drei Jahre, eine Milliarde Euro anzusammeln, wenn man jeden Tag eine Million Euro bekommt. Für eine Billion (10 hoch 12) müsste man den Zeitraum übrigens mit 1.000 multiplizieren. Vor 3.000 Jahren lebte der biblische König David, man müsste also seit seiner Geburt täglich eine Million Euro erhalten haben. Noch größere oder kleinere Zahlen können wir praktisch nicht mehr intuitiv erfassen, auch deshalb, weil sie in unserer alltäglichen Wahrnehmung nicht vorkommen.

 

 

P.S.: Die Lösung der Frage am Anfang lautet : Am achten Tag ist die Wasserfläche zu einem Zehntel mit Seerosen bedeckt, am siebten zu einem Prozent.

 

Mehr zur Potenzierung auch auf Homöopedia: http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Potenzieren

 

Autorin: Dr. Susanne Kretschmann (Dipl.-Psych.)

Bild: Andreas Weimann

Was sind eigentlich Schüßler-Salze?

Die sogenannten “Schüßler-Salze” werden oft mit Homöopathie gleichgesetzt oder verwechselt. Sie gehen jedoch nicht auf Hahnemann, sondern auf den Oldenburger Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler (1821 bis 1898) zurück.

Schüßler kann gut und gerne als “schillernde Figur” der damaligen Zeit bezeichnet werden. Eigentlich von Beruf Sekretär, erteilte er ab 1849 Fremdsprachenunterricht. Obschon er keine Abiturprüfung abgelegt hatte, verschaffte er sich die Möglichkeit, in Paris ein Medizinstudium zu beginnen, welches er in Berlin und Gießen fortsetzte. Auch seine Promotion verlief etwas ungewöhnlich. Da er vorgab, in Kürze als Militärarzt einberufen zu werden, wurde von Seiten der Universität auf eine Dissertation verzichtet und nur ein Prüfungsgespräch durchgeführt und die Studiengebühren erhoben.
Erst als Schüßler das medizinische Staatsexamen, das Voraussetzung zur Erteilung der Approbation war, ablegen wollte, wurde das fehlende Abitur zum Problem. Die Verwaltungsbehörde wollte sich doch nicht darauf einlassen und verlangte, dass die Prüfung nachgeholt werden musste. So konnte er erst 1857 die Prüfung zum medizinischen Staatsexamen ablegen. Diese Prüfung verlief für ihn mit durchwachsenem Erfolg, doch er bestand und konnte sich im Januar 1858 in seiner Heimatstadt Oldenburg als Arzt niederlassen. Hierfür benötigte er allerdings eine städtische Konzession, die er nur deshalb erhielt, weil er sich verpflichtete, nur als homöopathischer Arzt tätig zu sein.

Mit der Praxis hatte er einigen Erfolg, der wahrscheinlich auf den Umstand zurückgeht, dass er sehr niedrige Honorare verlangte. In anderen Quellen heißt es, er hätte die benötigten Homöopathika kostenlos abgegeben. Drei Jahre nach seiner Niederlassung trat er (1861) dem “Centralverein homöopathischer Ärzte” bei.

In den ersten 15 Jahren seiner Praxistätigkeit entwickelte er eine verkürzte Form der Homöopathie, die er 1873 in der Denkschrift “Eine abgekürzte Therapie gegründet auf Histologie und Cellularpathologie” vorstellte. Seine Therapieform nannte er die “Biochemische Heilweise”. Grundannahme dieser Therapie ist, dass Krankheiten alleine durch Störungen des Mineralhaushalts in den Körperzellen entstünden und so den gesamten Stoffwechsel stören sollten. Dabei wurden die Salze wie in der Homöopathie potenziert, denn nur so könnten die “Ionen” direkt in das Innere der Zelle eindringen. Ergänzt werden sollte dies durch eine spezielle Diät, welche die Mineralstoffmängel außerhalb der Zelle beseitigen sollte, um so das Gleichgewicht zwischen Zellinnerem und Zelläußerem herzustellen. Schüßler glaubte, dass ein pathogener Reiz die einzelnen Zellen so stark stimulieren würde, dass die Abwehrreaktion so energieintensiv wäre, dass die Zelle ihre Mineralstoffreserven aufbrauchen würde.

Schüßler kürzte die über tausend damals bekannten homöopathischen Mittel auf 12 Funktionsmittel ein. Hierbei handelt es sich um die Mineralsalze, die übrig bleiben würden, wenn man einen menschlichen Körper verbrennt.
Diese Mittel waren:

  • Calcium fluoratum D12 (Calciumfluorid)
  • Calcium phosphoricum D6 (Calciumphosphat)
  • Ferrum phosphoricum D12 (Eisenphosphat)
  • Kalium chloratum Dt (Kaliumchlorit)
  • Kalium phosphoricum D6 (Kaliumphoshat)
  • Kalium sulfuricum D6 (Kaliumsulfat)
  • Magnesium phosphoricum D6 (Magnesiumhydrogenphosphat)
  • Natrium chloratum D6 (Natriumchlorid)
  • Natrium phosphoricum D6 (Natriumphosphat)
  • Natrium sulfuricum D6 (Natriumsulfat)
  • Silicea D12 (Kieselsäure)
  • Calcium sulfuricum D6 (Calciumsulfat)

Wobei Schüßler selbst 1895 das Calciumsulfat wieder aus der Liste strich. An dessen Stelle sollten Natriumphosphat und Silicea verwendet werden.
Zu diesen ursprünglichen, von Schüßler festgelegten 11 bzw. 12 Salzen, kamen Anfang des 20. Jahrhunderts noch 15 Ergänzungsmittel hinzu und später dann noch sieben “biochemische Mittel”.

Obschon Schüßler seine Salze durch Potenzierung herstellte, grenzte er sich stark von der Homöopathie ab, da er Samuel Hahnemanns Simile-Prinzip für seine “Biochemische Heilweise” zugunsten von physiologisch-chemischen Vorgängen im Körper ablehnte. Auch verneinte er die von Hahnemann propagierte Wirkungsweise potenzierter Mittel. Diese Aussagen waren die Grundlage für einen langen Streit mit anderen Homöopathen, der 1876 den Austritt Schüßlers aus dem “Centralverein homöopathischer Ärzte” mit sich brachte.

Wilhelm Schüßler gründete seine Diagnosen auf der “Antlitzanalyse”. Er behauptete also, dass man an verschiedenen Zeichen im Gesicht eines Menschen den jeweiligen Mineralstoffmangel erkennen könnte. (Ein Verfahren, das selbstverständlich und bis heute jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.)
Diese Antlitzanalyse wurde von Kurt Hickethier, einem alternativmedizinisch interessierten Laien, unter dem Namen “Sonnerschau” weiterentwickelt und wird durch Heilpraktiker heute noch angewandt.

Die Wirksamkeit der Schüßler-Salze wurde mehrfach untersucht, allerdings konnte keinerlei pharmakologische Wirkung festgestellt werden. Die Stiftung Warentest kommt in ihrer Publikation “Die andere Medizin” zu folgendem Ergebnis: Die Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.

 

Mehr zu Schüßler auch auf unserer Homöopedia: www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Wilhelm_Schüßler

 

Autor: Dr. Natalie Grams und Michael Scholz

Bild: Sylvia Stang

Prof. Ernst informiert: So schützen Sie sich vor falschen Heilsversprechen der “Alternativmedizin”

Beiträge, wie dieser hier, machen Spaß. Zumindest dem, der sie schreibt. Aber ich hoffe natürlich in erster Linie, dass meine Texte für diejenigen meiner Leser nützlich sind, die mit dem Gedanken spielen, einen Heilpraktiker oder eine andere Art von Alternativmediziner zu konsultieren.

Mit diesem Beitrag möchte ich die Fähigkeit der Leser zum kritischen Denken anregen und eine Art Leitfaden für Patienten schaffen, mit dem sie erkennen können, um welche Art von Heilpraktikern und anderen Alternativmedizinern sie einen großen Bogen machen sollten.

In diesem Sinne hier nun drei “Tipps und Tricks für Eingeweihte”:

Natürlich ist gut

Jeder Werbefachmann wird bestätigen, dass das Label “Natürlich” ein echter Verkaufsmotor für Dinge aller Art ist. Anbieter alternativmedizinischer Methoden kennen diese Tatsache seit langem und nutzen sie zu ihrem Vorteil. Sie unterstreichen die Natürlichkeit ihrer Behandlungen bis zum “Geht-Nicht-Mehr” und nicht selten verwenden sie den Begriff auch irreführend.

  • Zum Beispiel ist nichts “Natürliches” daran, die Wirbelsäule eines Patienten über den normalen physiologischen Bewegungsbereich hinaus zu manipulieren (Chiropraktik)
  • es gibt nichts “Natürliches” in unendlich verdünnten und geschüttelten Substanzen (Homöopathie), mögen diese auch – oder auch nicht – einen “natürlichen” Ursprung gehabt haben
  • es ist nichts “Natürliches” dabei, Patienten Nadeln in die Haut zu stechen (Akupunktur)

Darüber hinaus ist der Begriff einer stets guten und wohlwollenden “Mutter Natur” ebenso naiv wie irreführend. Fragen Sie dazu mal Menschen, die während eines Sturms auf See gewesen sind oder die von einem Blitz getroffen worden.

Mein Rat: Durchschauen Sie derart durchsichtige Werbeslogans! Und schießen sie denjenigen, der auf diese Weise wirbt, mitsamt der “Natürlichkeit” seiner Therapie in den Wind.

Energie

Bei Treffen von Heilpraktikern wird der Begriff “Energie” häufiger erwähnt als bei einer Vorstandssitzung von EDF (Électricité de France, zweitgrößter Stromerzeuger weltweit – d. Übers.). Der Unterschied besteht darin, dass die alternative Brigade nicht wirklich vom klar umrissenen Begriff Energie spricht; für sie bedeutet Energie irgendeine “Lebenskraft” oder etwas Ähnliches aus dem Begriffsvorrat anderer “Traditionen”.
Heilpraktiker verwenden den Begriff “Energie” so gern, weil das in den Ohren potenzieller Kundschaft modern und beeindruckend klingt. Entscheidend ist aber, dass mit diesem “modernen”, scheinbar jedermann geläufigen Begriff, wunderbar verdeckt werden kann, wie tief durchdrungen diese Therapeuten vom Vitalismus und von vitalistischen Ideen der vorwissenschaftlichen Zeit sind.
Während rationale Denker solche Konzepte schon vor weit mehr als einem Jahrhundert aus guten Gründen verworfen haben (man nennt das Einführung der wissenschaftlichen Methode), fällt es Befürwortern alternativer Medizin offensichtlich schwer, das gleiche zu tun – denn wenn sie es täten, gäbe es nur noch wenig bis nichts, was ihre unterschiedlichen “Philosophien” untermauern könnte.

Mein Rat: Vermeiden Sie Therapeuten und Mediziner, die sich auf einen wie auch immer gearteten “Vitalismus”, ein Konzept einer mehr oder weniger unbestimmten “Lebenskraft”, berufen, denn das Festhalten an längst überholten und widerlegten Konzepten ist ein sicheres Zeichen für ein gefährliches “Rückwärtsdenken”.

Stimulierung des Immunsystems

“Ihr Immunsystem muss stimuliert werden!” – Wie oft hört man das von Vertretern alternativer Medizin? Der wissenschaftlich orientierte Mediziner hat da eine sehr reservierte Haltung; er versucht Stimulationen des Immunsystems nur unter ganz bestimmten, sehr seltenen Umständen. Sehr viel häufiger geht es vielmehr darum, die entgegengesetzte Wirkung zu erzielen und starke Medikamente zu verwenden, um das Immunsystem zu unterdrücken (z. B. bei lebensgefährlichen Autoimmunerkrankungen). Aber selbst wenn Mediziner im Einzelfall einmal darauf abzielen, das Immunsystem eines Patienten zu stimulieren, würden sie mit Sicherheit keine der Behandlungsmethoden von Heilpraktikern und sonstigen Alternativmedizinern verwenden.
Warum nicht? Es gibt eine Reihe von Gründen:

  • Die in der Alternativmedizin als “Immunstimulanzien” verwendeten Mittel haben gar nicht die erwünschte Wirkung.
  • Stimulation des Immunsystems ist nur sehr selten ein wünschenswertes therapeutisches Ziel.
  • Ein normales, durchschnittliches Immunsystem zu stimulieren ist generell kaum möglich.
  • Aus der Patientensicht kann eine “Stimulierung des Immunsystems” sogar eine sehr riskante Sache sein (wenn es überhaupt machbar wäre). Bei einer nicht ausgewogenen Funktion des Immunsystems, für die der Körper in aller Regel selbst sorgt, besteht beispielsweise die Gefahr, dass es sich gegen den Körper selbst wendet.

Mein Rat: Fragen Sie Ihren Arzt oder Therapeuten, der ihr Immunsystem behandeln will, ganz genau, warum er die Notwendigkeit dazu sieht. Auch wenn er ihnen einen “Grund” nennen kann, der zunächst einmal etwas für sich zu haben scheint: Fragen Sie ihn, ob er bereit ist, zunächst sein eigenes Immunsystem einer solchen Stimulation zu unterziehen und dann einen nachvollziehbaren Beweis zu führen, dass seine Therapie überhaupt so etwas bewirken kann.

 

Autor: Prof. em. Edzard Ernst. Mehr zu den oft fatalen “Tipps und Tricks der Alternativmediziner” auch unter: http://edzardernst.com/2016/07/the-tricks-of-the-quackery-trade-part-4/ und Dr. Natalie Grams

Vom Englischen ins Deutsche: Udo Endruscheit

Bild: Andreas Weimann

Prinz Charles und die Homöopathie (United Kingdom)

Es dürfte wohl wenige Familien geben, deren Leben in der Öffentlichkeit besser dokumentiert ist als das der Windsors. Wobei wir die Familien Kennedy und Grimaldi einmal außen vor lassen. Dies natürlich vor allem durch die Regenbogenpresse, aber auch durch seriöse Medien, Buchpublikationen und Fernsehsendungen. So verwundert es nicht, dass auch der letzte persönliche Aspekt der Familie Windsor beleuchtet wird, wobei es natürlich auch Aspekte gibt, die von der Familie selbst publik gemacht werden.

So ist wohl vielen bekannt, dass die Familie Windsor ein großer Freund der Homöopathie ist. Elizabeth II. ist Schirmherrin des “Royal London Homoeopathic Hospital” und ihre Mutter war bis zu ihrem Tode die Schirmherrin der “British Homeopathic Association”. Zu Prinz Charles kommen wir später noch ausführlicher. Sogar ihre Corgies behandelt Queen Elizabeth II. im Krankheitsfalle mit Homöopathika.

Die Begeisterung der königlichen Familie begann mit zwei Deutschen, die die homöopathische Praxis im britischen Königshaus installiert haben. Die erste ist Adelheid von Sachsen Meiningen (1792-1849), die sich von einem Dr. Stapf erst postalisch und ab 1835 auch persönlich homöopathisch behandeln ließ.
Der zweite war Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld, ab 1831 König der Belgier und sowohl Onkel von Queen Victoria als auch von ihrem Ehemann, dem Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Leopold lernte um das Jahr 1825 den Homöopathen Dr. Frederic Hervey Foster Quin kennen und nahm ihn 1827 mit nach London, um ihn am Königshof einzuführen.
Beide haben somit den Grundstein für die homöopathische Tradition im britischen Königshaus gelegt, wobei besonders die weiblichen Mitglieder der Familie hier starke Anhänger waren.

Allerdings muss man der Familie Windsor zugute halten, dass sie den Konsum der Homöopathika durchaus als familieninterne Angelegenheit sahen. So ist zwar Königin Elizabeth II. Schirmherrin des Royal London Homoeopathic Hospital, doch äußert sie sich in der Öffentlichkeit nicht dazu. Ganz anders ihr Sohn Charles, der Prince of Wales. Er betreibt eine aggressive Lobbyarbeit für die Homöopathie. Nicht nur, dass er 1996 die Stiftung “The Prince’s Foundation for intergrated Health (FIH)” gründete, sondern er versuchte auch, ganz konkret die britische Gesundheitspolitik in seinem Sinne zu beeinflussen.

Erstmals geriet Charles 2013 in den Verdacht, bei einem Treffen mit dem damaligen Gesundheitsminister Jeremy Hunt auch Propaganda für Homöopathika gemacht zu haben, wie damals die Zeitung “The Independent” berichtete. Auch veröffentlichte Charles zwei Leitfäden zur alternativen Medizin, die allgemein auf Unverständnis stießen, genauso wie eine Rede vor der Jahresvollversammlung der Weltgesundheitsorganisation, in der er über “heilende Kräfte” sprach.
Während der Regierungszeit von Premierminister Tony Blair, speziell in den Jahren von 2007 bis 2010, war der von Charles betriebene Lobbyismus enorm. In diesen drei Jahren schrieb er 27 Briefe an die verschiedensten Minister und den Premierminister selbst und nutzte so seine herausgehobene Position, um die Politik zu beeinflussen. Dies ist für einen zukünftigen britischen König ein absolutes “No Go”. Dem Monarchen ist jegliche politische Meinungsäußerung untersagt, eine Kunst, die seine Mutter, die amtierende Königin, perfektioniert hat.

Beschäftigten sich zahlreiche Briefe u. a. mit ökologischem Landbau oder nachhaltiger Fischerei, so gab es auch Briefe an Premierminister Blair und den damaligen Gesundheitsminister John Reid. Bei Minister Reid intervenierte der Prinz anscheinend gegen eine kritische EU-Richtlinie zu Naturheilverfahren und alternativen Behandlungsmethoden, hatte damit aber kein Glück, wurde diese Richtlinie doch durch das britische Gesundheitsministerium befürwortet.
Die Tageszeitung “The Guardian” kämpfte zehn Jahre darum, diese Briefe veröffentlichen zu können. Sowohl der Generalstaatsanwalt Dominic Grieve, als auch Premierminister David Cameron wollten eine Veröffentlichung verhindern. Der Spiegel schreibt am 12. März 2014 dazu: “Generalstaatsanwalt Grieve hatte argumentiert, die Briefe seien außergewöhnlich offen formuliert und würden nur zutiefst persönliche Ansichten des Prinzen wiedergeben. Es könne durch sie der Eindruck entstehen, dass Charles mit der Politik der letzten Labour-Regierung nicht einverstanden gewesen sei. Die Gefahr sei, dass das britische Volk durch Kenntnis der Briefe Prinz Charles nicht mehr als politisch neutral wahrnehmen würde, was er als zukünftiger König zu sein habe. Dadurch würde die Monarchie untergraben.”

Das oberste britische Gericht sah dies anders und entschied zu Gunsten der Presse, die die Briefe dann auch unter dem Namen “Black Spider Memos” abdruckten. Der Name kommt von der handschriftlichen Anrede und Grußformel, die an Spinnenbeine erinnert.

Unumstritten ist Prinz Charles mit seinen Äußerungen allerdings nicht. Bereits im Jahr 2006, als er seine angeführte Rede vor der WHO hielt, wandten sich 13 renommierte britische Ärzte und Wissenschaftler an die 476 regionalen Treuhänderschaften des National Health Service (NHS), den staatlichen Gesundheitsdienst. Darunter Michael Bau, emeritierter Professor für Chirurgie am University College London, der Nobelpreisträger James Black vom Kings College London, der Präsident der Academy of Medical Sciences Keith Peters und Edzard Ernst, erster Lehrstuhlinhaber für Komplementärmedizin in Großbritannien an der University of Exeter.

Die Bemühungen von Prinz Charles waren bisher übrigens nicht von Erfolg gekrönt, beschloss das House of Commons doch 2010, dass der NHS die Homöopathie nicht mehr fördern darf und homöopathische Mittel nicht mehr als wirksam beworben werden dürfen.

Nachzutragen ist, dass sich die königliche Familie durchaus der “Schulmedizin” bedient, wenn es sich um ernsthafte Erkrankungen handelt. Dies zeigt sich in den zahlreichen Krankenhausaufenthalten des Prinzgemahls Philip, die in regulären Hospitälern stattfanden.

 

Mehr über Prince Charles und die Homöopathie erfahren Sie auch hier auf dem Blog von Prof. em. Edzard Ernst (in englischer Sprache).

 

 

Autor: Michael Scholz für das INH

 

Bild: Wikimedia Commons

Einwand: Homöopathie ist doch Naturheilkunde!

Ohne Zweifel ist dies eine der am meisten verbreiteten Fehlannahmen über die Homöopathie. Zudem eine, die sicherlich nicht unerheblich zu ihrem Ruf als angeblich sanfte und natürliche Heilmethode beiträgt.

Was ist unter Naturheilkunde überhaupt zu verstehen?

Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht, es ist aber möglich, sich auf ein Minimum an Gemeinsamem in dem Sinne zu einigen, wie der Begriff wohl überwiegend verstanden wird.

Naturmedizin im allgemeinen Verständnis nutzt die Wirkung real vorhandener “natürlicher” Dinge wie Luft, Sonne, Wasser, körperliche Bewegung, Pflanzenauszüge (Phytotherapie), Ernährungsumstellung (Diätetik) und dergleichen.
Wirkungen der so verstandenen Naturheilkunde sind wissenschaftlich belegbar, d. h. sie können grundsätzlich reproduziert oder falsifiziert werden. In vielen Fällen ist auch der physiologische Wirkprozess bekannt und beschrieben und sie unterliegen auch eindeutig der physikalisch begründeten Dosis-Wirkungs-Beziehung (wenige Sekunden Sonne nützen gar nichts, angemessener Aufenthalt im Sonnenlicht stößt die Vitamin-D-Produktion des Körpers an, zu langer Aufenthalt in der Sonne führt zu Sonnenbrand und Hitzschlag).

Naturheilkunde hat eine nachweisbare Wirkung …

Den Sinn solcher naturheilkundlicher Verfahren trotz ihrer begrenzten Einsatzmöglichkeiten wird kein Mediziner leugnen. Ein großer Teil der Naturheilkunde kommt aus der überlieferten Erfahrungsmedizin. Diese Überlieferung konnte aber überhaupt nur entstehen, wenn die Mittel oder Methoden bei den gleichen Beschwerden oder Krankheiten immer wieder die gleiche Wirkung gezeigt und damit ein einigermaßen belastbares Erfahrungswissen hervorgebracht haben. Damit lagen die Voraussetzungen dafür vor, diese Mittel und Methoden mit Aussicht auf Erfolg wissenschaftlich zu untersuchen und sie im Beweisfall ohne weiteres in den Kanon der evidenzbasierten Medizin aufzunehmen. Es ist wenig bekannt, dass viele heute synthetisch hergestellte Arzneimittel der evidenzbasierten Medizin aus der Untersuchung der Wirkmechanismen von lange bekannten Pflanzenheilmitteln hervorgegangen sind.
Naturheilkunde in dem Sinne, wie sie überwiegend verstanden werden dürfte, bedient sich Methoden und Mittel, die der realen, materiellen Welt entstammen und deshalb zunächst einmal für sich in Anspruch nehmen können, im physikalischen Sinne auch reale Wirkungen auf den menschlichen Körper zu erzeugen. Ob diese Wirkungen stets die beabsichtigten Heilwirkungen bzw. die angestrebte Stärkung der Selbstheilungskräfte mit sich bringen, kann in vielen Fällen mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden.

… Homöopathie nicht.

Die Homöopathie hat dagegen gar nicht das Ziel, auf den menschlichen Körper im physikalisch-materiellen Sinne und unter Beachtung des damit untrennbar verbundenen Dosis-Wirkungs-Prinzips einzuwirken. Wenn sie das für die niedrigen Potenzen, also etwa bis D4, wegen des Vorhandenseins eines Wirkstoffes für sich in Anspruch nimmt, widerspricht sie sich selbst. Denn Samuel Hahnemann selbst führte in seinem Organon (§ 16) mit wünschenswerter Deutlichkeit aus:

“Von schädlichen Einwirkungen auf den gesunden Organism, durch die feindlichen Potenzen, welche von der Außenwelt her das harmonische Lebensspiel stören, kann unsere Lebenskraft als geistartige Dynamis nicht anders denn auf geistartige (dynamische) Weise ergriffen und afficirt werden und alle solche krankhafte Verstimmungen (die Krankheiten) können auch durch den Heilkünstler nicht anders von ihr entfernt werden, als durch geistartige (dynamische, virtuelle) Umstimmungskräfte der dienlichen Arzneien auf unsere geistartige Lebenskraft, percipirt durch den, im Organism allgegenwärtigen Fühlsinn der Nerven. Demnach können Heil-Arzneien, nur durch dynamische Wirkung auf das Lebensprincip Gesundheit und Lebens-Harmonie wieder herstellen und stellen sie wirklich her…”

Was hat dies mit der Nutzung von “Kräften der Natur” und deren Einwirkung auf den menschlichen Körper zu tun?

Kurz gesagt: Wo nichts drin ist, kann auch nichts Natürliches wirken.

Die Homöopathie kann somit der Naturheilkunde nicht zugerechnet werden, denn sie setzt gerade nicht auf den physikalisch-materiellen Zusammenhang zwischen ihren Mitteln und dem menschlichen Körper, sondern vollständig auf eine Wechselwirkung “geistartiger Kräfte” (die nicht nachweisbar oder auch nur erklärbar sind). Sie ist daher ganz sicher keine Naturheilkunde, im Wortsinne auch keine “Alternativmedizin” – sie ist eine Pseudomethode. Eine spezifische Wirkung über Placebo-Effekte hinaus ist bis heute nicht nachweisbar.

Ähnlich verhält es sich mit den Verfahren, die ebenfalls zu Unrecht der Naturheilkunde zugerechnet werden: Aromatherapie, Bach-Blütentherapie, Traditionelle Chinesische Medizin, Ayurvedische Medizin und Anthroposophische Medizin. Sie alle haben eines mit der Homöopathie gemeinsam: den fehlenden Wirkungsnachweis und großenteils auch die Berufung auf nicht-materielle, physikalisch nicht fassbare Wirkungsmechanismen. Diesen Teil der Begrifflichkeit “Naturmedizin” dürfte allerdings auch die Mehrzahl der Konsumenten nicht als solche verstanden wissen. Um mit Prof. Ernst zu sprechen: Was hat das Einstechen von Nadeln in die Haut von Patienten mit “Natürlichkeit” zu tun?

 

Lesen Sie mehr dazu: Homöopathie ist doch sanft und natürlich, wieso sollte sie schaden können? und Globuli sind natürlich und pflanzlich

 

Autor: Udo Endruscheit und Dr. med. Natalie Grams

Foto: Udo Endruscheit

Kurzer Überblick über das Leben Samuel Hahnemanns, des Begründers der Homöopathie

1755 zerstört ein verheerendes Erdbeben Lissabon, der britisch-französische Krieg um Nordamerika tobt und am 10. April wird in Meißen (Triebischvorstadt) Christian Friedrich Samuel Hahnemann als drittes Kind des Porzellanmalers Christian Gottfried und seiner Ehefrau Johanna Christine Hahnemann geboren. Noch war natürlich nicht absehbar, dass dieses kleine unschuldige Kind den größten Hoax der Medizin erfinden sollte: die Homöopathie. Der kleine Samuel ging in seinem Geburtsort Meißen zuerst in die Stadtschule und dann mit einem Stipendium zur Fürstenschule St. Afra.

Ab 1775 studierte er Medizin in Leipzig, wobei er sich zum Broterwerb als Übersetzer (für viele medizinische Texte) und Sprachlehrer verdingte. Eine weitere Station seines Studiums war Wien, wo er ein gutes Dreivierteljahr blieb, bis er eine Stelle als Bibliothekar und Leibarzt beim neuen kaiserlichen Statthalter von Siebenbürgen, Freiherr Samuel von Brukenthal, erhielt. Die nächsten zwei Jahre verbrachte er deshalb auch in Hermannstadt (heute Sibiu), wo er auch in die Freimaurerloge “Zu den drei Seeblättern” aufgenommen wurde.

1779 promovierte er an der Universität Erlangen. Er arbeitete aber nicht nur als Arzt, sondern auch als Chemiker, Übersetzer und Schriftsteller. Er wechselte auch oft den Wohnort und zog durch zahlreiche nord- und mitteldeutsche Städte, wobei sein ärztlicher Erfolg von Praxisschließungen bis zur Überarbeitung pendelte. Auch seine chemischen Experimente setzte er fort, wobei sein größter Erfolg die „hahnemannsche Weinprobe“ gewesen sein dürfte. Mit diesem kleinen Experiment konnte man erkennen, ob ein Wein mit giftigem Bleizucker versetzt war. Die preußische Regierung schrieb diese Weinprobe den Berliner Weinhändlern gesetzlich vor.

1782 heiratete Hahnemann die Tochter des Hettstedter Apothekers, Frau Johanna Leopoldine Henriette Küchler, die ihm elf Kinder in rascher Folge schenken sollte.

Die Liste der Wohnorte der Hahnemann’schen Familie bis 1796 ist lang: Gommern – Dresden – Lockwitz – Leipzig – Stötteritz – Gotha – Königslutter – Moschleben – Göttingen – Pyrmont – Wolfenbüttel – Braunschweig. Im Schnitt zog er jährlich um, was hauptsächlich den wirtschaftlichen Möglichkeiten der einzelnen Orte geschuldet war. Allerdings gab es auch oft Streit mit Apothekern, da sich der Arzt Hahnemann auch als Chemiker und Pharmazeut verdingte und somit in fremden Revieren wilderte. So ist auch der Leipziger Dispensierstreit ein prominentes Beispiel.
Seine wechselnden Beschäftigungen brachten ihm aber auch Einblicke in exotischere Bereiche seines Berufes. So unterstützte er z. B. in Dresden den Stadtphysikus, was ihm Einblick in die Gerichtsmedizin der damaligen Zeit gab. Dies schlägt sich auch in seiner Denkschrift über die Arsenikvergiftung nieder.
In Stötteritz, einem Vorort von Leipzig, übersetzte Hahnemann 1790 die zweibändige Arzneimittellehre des schottischen Arztes William Cullen und in einer Fußnote berichtete Hahnemann erstmals von seinem an sich selbst durchgeführten Chinarindenversuch. Dieser kann als erster Schritt zur Entwicklung der Homöopathie gelten.

Dass Hahnemann zu Beginn der 1790er Jahre eine recht gute Reputation besaß, zeigt sich in den Aufnahmen in die “Churfürstlich Mayntzische Academie nützlicher Wissenschaften” in Erfurt (1791) und in die “Gelehrtenakademie Leopoldina” (1793).

Von 1792 bis 1793 leitete er eine “Genesungs-Anstalt für etwa 4 irrsinnige Personen aus vermögenden Häusern”, die vom Verleger Becker in Gotha gegründet wurde.

Drei Jahre später, nachdem er sein erfolgreiches Apothekerlexikon in zwei Bänden herausgebracht hatte, formulierte er erstmals öffentlich seine Theorie über das von ihm erdachte Heilverfahren. Und zwar in einem Artikel, der 1796 in “Hufelands Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst” erschien und den Titel trug “Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneysubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen”. Hierin stoßen wir auch erstmals auf den Lehrsatz, dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werden solle.

In Altona (1799) und Mölln (1800), wo er als nächstes hinzog, hatte er kein großes Glück mit seinen Unternehmungen. In Altona floppte ein “Pülverchen”, das die Ansteckung mit Scharlach verhindern sollte und in Mölln verkaufte er Borax unter der Bezeichnung “neues Laugensalz”. Man kam dahinter und er musste das eingenommene Geld wieder rückerstatten.

Machern – Eilenburg – Schildau. Wieder häufige Umzüge zwischen 1801 und 1803. In dieser Zeit findet man aber auch in seinen Krankenjournalen die ersten Berichte über homöopathische Behandlungen. In seinem Aufsatz “Ueber die Kraft kleiner Gaben der Arzneien überhaupt und der Belladonna insbesondere” (erschienen in Hufelands Magazin) vertieft er seine Theorie weiter.

1805, als er in Torgau lebte, gebrauchte er erstmals den Begriff der Homöopathie. Dies wieder in einem Aufsatz, der bei Hufeland erschien: Fingerzeige auf den homöopathischen Gebrauch der Arzneien in der bisherigen Praxis. Auch erste Bücher erschienen, wie die “Heilkunde der Erfahrung”, ein Vorläufer des 1810 erstmals erschienenen “Organon der Heilkunst”.

Ebenfalls in dieser Zeit erschien sein Buch “Fragmenta de viribus medicamentorum positivis sive in sano corpore observatis”, zu Deutsch “Fragmente zu den gesicherten Arzneikräften oder auch derjenigen, die am gesunden Körper beobachtet wurden”. Beide Bücher sind insofern interessant, da hierin die von ihm durchgeführten Selbst- und Fremdversuche geschildert werden.

1810 erscheint die erste Auflage des “Organon der rationellen Heilkunde” (ab der zweiten Auflage “Organon der Heilkunst”), das bis heute die “Bibel” der Homöopathen darstellt. Aufgrund des anmaßenden und polemischen Tenors dieses Werkes entzündeten sich daran einige kontroverse Diskussionen. Ein Jahr später erscheint erstmals die “Reine Arzneimittellehre”, in der die Arzneimittelprüfung an gesunden Menschen vorgestellt wurde.

1812 habilitiert sich Hahnemann an der Leipziger Universität und beginnt nun auch Vorlesungen zur Homöopathie zu halten. Auch seine Arzneimittelversuche setzte er fort, dies hauptsächlich an seinen Studenten. Allerdings stieß seine Arbeit für die Homöopathie schon damals nicht nur auf Gegenliebe und bald war Hahnemann in umfangreiche akademische Diskurse verwickelt.

Hahnemann suchte aber auch die Konfrontation auf anderen Gebieten. Obschon die Leipziger Apotheker das Privileg zur Herstellung von Arzneimitteln hatten, beharrte er darauf, seine Präparate selbst herzustellen – woraufhin er von drei Apothekern verklagt wurde. Der Prozess endete mit einem Vergleich, der so aussah, dass die Apotheker ihr Privileg behielten und Hahnemann nur im Notfall oder in Landgemeinden selbst tätig werden durfte. Dieser Prozess ging als “Leipziger Dispensierstreit” in die Geschichte ein.

Diese Niederlage schmeckte Hahnemann natürlich nicht und so zog er 1821 nach Köthen um, wo ihm der Herzog von Anhalt-Köthen ein Privileg zu Selbstdispensierung gewährte. In die Köthener Zeit fiel auch die erste Auflage der “Chronischen Krankheiten”, einem auch unter Anhängern der Homöopathie nicht unumstrittenen Werk, führte Hahnemann hierin doch erstmals den Gedanken der “Miasmen” ein. Auch den Gedanken, dass die Potenzierung durch Schütteln während der Verdünnungsschritte geschehen soll, wurde zu dieser Zeit von Hahnemann erstmals ausformuliert. Er versprach sich hierdurch die Herstellung von nebenwirkungsfreieren Präparaten.

Während seiner Zeit in Köthen überarbeitete Hahnemann das Organon zweimal. In diesen beiden Auflagen vertrat Hahnemann auch erstmals die Idee, dass eine immaterielle Lebenskraft des Organismus der Ursprung des Simile-Prinzips sei. Auch diese Idee wurde nicht von allen seiner Anhänger geteilt. Allgemein bleibt zu sagen, dass in den 1830er-Jahren die Richtungskämpfe innerhalb der Homöopathen stark zunahmen und sich Hahnemann oftmals auch recht drastisch über seine “Gegner” äußerte.

Aber auch privat tat sich einiges bei Hahnemann, 1830 verstarb seine Frau und Ende 1834 lernte er in seiner Praxis die französische Malerin Mélanie d’Hervilly kennen. Beide verliebten sich ineinander und ihre Hochzeit nach nur wenigen Wochen am 18. Januar 1835 in Hahnemanns Haus sorgte für Gesprächsstoff in der Köthener Gesellschaft. War die Braut mit ihren 34 Jahren doch 45 Jahre jünger als der Bräutigam. Auch dass die Hochzeit in einer privaten Zeremonie ohne kirchlichen Segen durchgeführt wurde, feuerte den Klatsch an.

1835 übersiedelte Hahnemann mit seiner neuen Frau nach Paris, wo er – genau wie in Köthen – eine homöopathische Praxis eröffnete. Hahnemann arbeitete hier an der sechsten Auflage des Organons, die er 1842 auch beendete. Hierin führte er die Q-Potenzen ein, die Verdünnungsschritte von 1:50000 beinhalteten.

Samuel Hahnemann verstarb am 2. Juli 1843 in Paris, wo er auch heute noch begraben liegt. Die sechste Auflage seines Organon konnte durch Streitereien zwischen Mélanie Hahnemann und Schülern ihres Mannes allerdings erstmalig 1921 erscheinen.

 

Autor: Michael Scholz

 

Foto: Andreas Weimann

Argument: Aber die Krankenkassen würden doch keine wirkungslosen Mittel bezahlen!

Leider doch, auch wenn man es kaum für möglich halten mag, und zwar, weil der Gesetzgeber den Krankenkassen die Erstattung der Homöopathie erlaubt.

Wieso? Aufgrund von Regel- und Satzungsleistungen.

Man muss zunächst wissen, was Regelleistungen einer gesetzlichen Krankenkasse sind. Regelleistungen sind die Erstattungen für die vom Gemeinsamen Bundesausschuss freigegebenen Therapien, Methoden und Mittel, für die ein Nachweis der Wirksamkeit erbracht worden ist. Diese muss jede Krankenkasse zahlen nach § 12 des Sozialgesetzbuches V unter Beachtung der Prinzipien “ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich”.

Der gleiche § 12 legt fest, dass Leistungen, die nicht notwendig oder nicht wirtschaftlich sind, von Versicherten nicht beansprucht, von Leistungserbringern nicht erbracht und von Krankenkassen nicht bewilligt werden dürfen. Das würde dann eben nicht zu den Regelleistungen gehören.

Wie kommt es nun trotzdem dazu, dass inzwischen mehr als 75 Prozent der gesetzlichen Krankenkassen Kosten für Homöopathie übernehmen?

Das liegt an einer Rechtsänderung aus dem Jahre 2012, die im Grunde darauf hinausläuft, dass zwischen “Regelleistung” (wirksam) und “Keine Regelleistung” (unwirksam) noch eine weitere Kategorie geschoben wurde: die Satzungsleistung.

Das trojanische Pferd

Die Satzungsleistung ist so etwas wie das trojanische Pferd der Mittel und Methoden, die eigentlich nach der klaren Aussage des Sozialgesetzbuches von den Kassenleistungen ausgeschlossen sein müssten. Seit dem 1.1.2012 erlaubt nämlich das sogenannte GKV-Versorgungsstrukturgesetz, dass Kassen ihre Satzungsleistungen – das heißt, die von ihnen angebotenen Leistungen – wie aus einem “Baukasten” aufbauen dürfen. Das Ergebnis ist dann die Satzungsleistung. Neben den Regelleistungen, die nach wie vor von allen Kassen erstattet werden müssen, können sie auch Leistungen “sonstiger Leistungserbringer” nach eigenem Gusto erstatten – und zu diesen gehören auch die der homöopathischen Ärzte. Hier schließt sich der Kreis zur Einrichtung der “besonderen Therapieeinrichtungen” nach dem Sozialgesetzbuch, die Homöopathie, Anthroposophie (unverständlicherweise) und Phythotherapie (gehört an sich in ärztliche Hände) sozusagen als Heilkunde geadelt und mit gesetzlichen Privilegien versehen hat.

Wettbewerb – womit denn?

Das ist ja nun schon eine ziemlich verdrehte Angelegenheit. Warum tut der Gesetzgeber so etwas?
Nun, der zugrundeliegende Gedanke war die Einführung von “Wettbewerb” zwischen den Kassen, eigentlich um sie zu strukturellen Reformen und kostengünstigeren Arbeitsprozessen zu zwingen. Wettbewerb im Rahmen der Regelleistungen war ja nicht möglich, Wettbewerb über den Beitragssatz zwar beabsichtigt, aber wie man heute weiß, ist ein gutes Marketing mit einem bunten Bauchladen an “Leistungen” für den potenziellen Kunden, vor allem der wellnessorientierten, durchweg gesunden “Midage-Generation”, weit attraktiver als die Beitragshöhe. Wobei unbestritten der Effektivitätsgedanke auch Wirkung gezeigt hat, wie man an der deutlich zurückgegangenen Zahl der gesetzlichen Kassen sehen kann.

So blieb nur noch der Wettbewerb über die Satzungsleistungen, die über die Regelleistungen hinausgehen. Und da stand die Homöopathie ganz oben im Wunschkatalog.

Beliebtheit steht über Wirksamkeit 

Aufgrund der ohnehin vorhandenen “Beliebtheit” der Homöopathie und emsiger Lobbyarbeit der üblichen Verdächtigen, fingen die Kassen an, sich gegenseitig mit der Kostenübernahme für diese unwirksame Methode zu überbieten – mit Segen des Gesetzgebers, unter Aufsicht des Bundesgesundheitsamtes und – ganz wichtig – auf Kosten sämtlicher Beitragszahler der jeweiligen Kasse. Denn es wird ja kein Wahl- oder Zusatztarif angeboten, sondern den satzungsmäßigen Tarif (Regelleistung plus Pseudozeug) für die Satzungsleistungen hat jedes Mitglied zu bezahlen.

Von dieser Leistung des Gesetzgebers war offenbar selbst die Homöopathie-Lobby einigermaßen überrascht. Man hätte ja denken können, dass sie diese Situation genutzt hätte, um strahlend zu verkünden, Wirksamkeit und Wissenschaftlichkeit der Homöopathie seien nun sogar durch die Krankenkassen anerkannt! Weit gefehlt, selbst die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte konstatierte verblüfft: “Für die Krankenkassen ist das wahrscheinlich ein Marketinginstrument, um sich von der Konkurrenz abzusetzen”. Dem ist wenig bis nichts hinzuzufügen.

Fazit

Auf breiter Front – das heißt, bei rund drei Viertel der gesetzlichen Krankenkassen – wird mit dem Segen des Gesetzgebers überwiegend aus Marketinggründen das Geld aller Beitragszahler für die unwirksame Methode “Homöopathie” ausgegeben. Aus Sicht eines rational denkenden Versicherten kann sich das eigentlich nur als Veruntreuung seiner Beitragsgelder darstellen. Aus Sicht der Homöopathie-Lobbyisten und vielfach auch der Kassenvertreter selbst hört man hierzu in der Regel, dass “die Leute das ja wollen” oder “die Nachfrage groß” sei. Was für ein Irrweg im wahrsten Sinne des Wortes. Nett ausgedrückt, hat hier der Gesetzgeber ganz offensichtlich falsche Anreize gesetzt, wie man in der Volks- und Betriebswirtschaft zu sagen pflegt.

 

Mehr zum Thema Krankenkassen und Homöopathie gibts auch auf Homöopedia und auf VICE (Warum Krankenkassen endlich aufhören sollten, die Homöopathie zu bezahlen)

 

Autor: Udo Endruscheit

Homöopathie – Zahlen, Daten, Fakten

Wie viele Deutsche glauben an Homöopathie?

60 Prozent der Deutschen haben schon Globuli geschluckt, sagt eine Allensbach-Studie aus dem Jahr 2014, Tendenz steigend. Dabei sind Frauen deutlich homöopathieaffiner als Männer: 73 Prozent der Frauen haben im Gegensatz zu 48 Prozent der Männer schon homöopathische Mittel genommen. Ähnliche Zahlen in Österreich: 50 Prozent der Österreicher verwenden auch homöopathische Mittel.

Interessant auch bei der Allensbach-Befragung, was die Deutschen an Homöopathika schätzen: dass sie keine Nebenwirkungen haben, gut verträglich und einfach anzuwenden sind. Stimmt natürlich alles. So ist das bei wirkungsloser Schein-Medizin.

Hardcore-Homöopathie-Gläubige gibt es aber weniger: Bei einer TNS Infratest-Untersuchung im Jahr 2012 sagten nur (oder immerhin) 21 Prozent der Befragten, dass sie der Aussage zustimmen, dass “alternative Heilmethoden besser bei Gesundheitsproblemen helfen als die klassische Schulmedizin”. Der Rest war unentschlossen oder anderer Meinung. Nebenbei bemerkt: Ungefähr genauso viele Deutsche glauben, dass Sternzeichen unser Leben beeinflussen. Zufall? Oder ist es einfach so, dass rund ein Viertel der Deutschen jeden Quatsch glaubt, eine große Affinität zu Esoterik und Geschwurbel hat?

Wie viel Umsatz wird mit Homöopathie gemacht?

Homöopathische Arzneimittel verzeichnen im Jahr 2014 in Apotheken einen Gesamtumsatz in Höhe von 528 Millionen Euro. Das ist ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr um 9,3 Prozent. Allein die DHU (Deutsche Homöopathie-Union) macht mit 500 Mitarbeitern einen Umsatz von 100 Millionen Euro pro Jahr.

Übrigens steigt auch die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter im Bereich Heilkunde und Homöopathie in Deutschland. Das waren im Jahr 2015 2.446 Menschen (gegenüber 1.941 im Jahr 2012).

Ist Homöopathie kostengünstiger als konventionelle richtige Medizin?

Könnte man meinen. Das bisschen Zucker kann doch nicht die Welt kosten. Die Statistik sagt aber das Gegenteil: Ein homöopathisches Arzneimittel in Apotheken kostet durchschnittlich 10,86 Euro. Der Durchschnittspreis von echter Medizin beläuft sich auf 7,75 EUR. Nebenbei erwähnt: Für Homöopathika-Hersteller fallen natürlich keine Kosten für Forschung und Entwicklung an, was die Gewinnspannen im Vergleich zur oft gescholtenen “Pharmaindustrie” in ungeahnte Höhen treiben dürfte.

Und eine Untersuchung, bei der Daten von 44.550 Patienten ausgewertet wurden, zeigt: “Die Gesamtkosten lagen in der Homöopathiegruppe nach 18 Monaten höher als in der Vergleichsgruppe. Das galt für alle Diagnosen.” Dabei zieht homöopathische Behandlung jede Menge Folgebehandlungen nach sich, sowohl was physische als auch psychische Belange angeht: “In den Monaten 1-3 hatten die homöopathischen Patienten 126,2 Prozent mehr Diagnosen als die Kontrollen. Der größte Unterschied zwischen den Gruppen fand sich bei den psychischen Störungen (38.9 Prozent).”

Wie viele Krankenkassen zahlen für Homöopathie?

Fest steht: Auf der Suche nach homöopathiefreien Krankenkassen erlebt man sein blaues Wunder: Je nach Quelle, Zählung und Messung kann man sagen, dass weniger als ein Viertel, vielleicht sogar nur 4 Prozent aller Kassen auf die Bezahlung homöopathischer Leistungen verzichten. Und fast alle Kassen zahlen neben der Homöopathie auch für allen möglichen Mumpitz: von anthroposophischer Medizin über Ayurveda bis hin zu Eigenharntherapie.

Wie viele homöopathiefreie Apotheken gibt es?

Spontan hätte ich gesagt: keine einzige. Kaum betritt man eine Apotheke, stolpert man über ein Regal mit Globuli für jede Lebenslage. Und tatsächlich hat in einer entsprechenden Internet-Datenbank bislang keine einzige der rund 20.000 deutschen Apotheken einen Eintrag gemacht. Apotheker argumentieren gerne mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit, das anzubieten, was der Kunde nachfragt – ein Grund mehr für die Skeptiker-Forderung nach der Abschaffung der Apothekenpflicht für homöopathische Produkte. Falls das hier übrigens ein Apotheker liest, der explizit keine Homöopathika verkauft: Er möge in den Kommentaren Bescheid sagen!

Bertreiben Homöopathie-Anbieter Lobbyarbeit?

Natürlich. Was viele der Pharma-Industrie (nicht zu Unrecht) vorwerfen, gilt auch für die Anbieter von Homöopathika. So stehen etwa der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), aber auch Firmen wie die Deutsche Homöopathie-Union (DHU), Heel, Staufen Pharma, WALA Heilmittel, Weleda und Hevert in der Kritik, weil sie Journalisten, Blogs und Websites “sponsern”, die Homöopathie-Kritiker anprangern und einschüchtern.

Und natürlich gibt es Kooperationen und Verflechtungen, die mal mehr, mal weniger deutlich offengelegt werden. So bietet – um nur ein Beispiel zu nennen – die scheinbar der gesundheitlichen Aufklärung verpflichtete Carstens-Stiftung eine “Weiterbildung zum Kundenberater Homöopathie (IHK)” an und offeriert im Rahmen dessen eine “Werksbesichtigung der DHU”, also jenes oben erwähnten umsatzstarken Homöopathika-Produzenten. Dem Urteil von Spiegel Online kann man sich daher nur anschließen: “Wo aufgeklärtes Denken wie in Deutschland fehlt, haben Lobbyvereine wie die Carstens-Stiftung leichtes Spiel.”

 

 

Autor (und Quellen): Christian Buggisch für das INH

 

Foto: Christian Buggisch

Homöopathische Zahnungshilfen

Der Zahndurchbruch der Zähne (die Dentition) beginnt bei den meisten Babys im 6. Lebensmonat und ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Bevor ein Zahn das Licht der Mundhöhle erreicht, muss er sich zunächst durch die Knochenhaut (das Periost) des Knochens durchkämpfen, um dann die Mundschleimhaut (die Gingiva) zu durchbrechen. Die Knochenhaut ist sehr schmerzempfindlich – das kennen wir alle vom Schienbein – die Mundschleimhaut ist dagegen weit weniger schmerzempfindlich. Der Zahndurchbruch kann begleitet sein von Allgemeinsymptomen wie Fieber und Unwohlsein.

Etwas erleichtert werden kann der Zahndurchbruch durch Beißhilfen (Beißringe etc.). Die Schmerzen können im schlimmsten Fall mit einem lokal wirkenden Mittel (Lokalanästhetikum; z.B. „Dentinox-Gel“) reduziert werden. Manchmal ist die Gabe von Schmerzzäpfchen zu empfehlen. Doch in allen Fällen hilft die Gewissheit: Es geht vorbei. Liebevolles Kümmern ist immer hilfreich.

Für homöopathische Zahnungsmittel (z. B. Chamomilla, Komplexpräparate) hingegen keinerlei Wirkungsnachweis. Weder beeinflussen homöopathische Zahnungsmittel die Schmerzintensität im Bereich der Knochenhaut, noch bewirken sie eine Beschleunigung der Durchbruchsgeschwindigkeit der Zähne.

In den letzten Wochen machten zudem Meldungen der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA (Food an Drug Administration) die Runde (“FDA to Parents: Don’t Give Your Kids Homeopathic Teething Tablets”), die vor homöopathischen Zahnungsmitteln warnte. Bereits im Oktober 2010 warnte die FDA Verbraucher vor der Verwendung belladonnahaltiger homöopathischer Zahnungstabletten, nachdem Berichte über Symptome von Belladonna-Vergiftungen bei Kleinkindern bekannt geworden waren und die FDA „inkonsistente“ Gehalte an Belladonna in den Präparaten festgestellt und fehlende Kindersicherung an den Behältern bemängelt hatte. Die Präparate enthielten laut Herstellerauszeichnung seinerzeit Belladonna in einer Potenz von D3, also noch mit einer Wirkstoffkonzentration, bei der eine physiologische Wirkung nicht ausgeschlossen war.
Die Produkte wurden zurückgerufen und nach einer „Überarbeitung des Produktionsprozesses“ 2011 wieder in die Sortimente eingestellt.

In den nächsten sechs Jahren erhielt die FDA weitere rund 400 Berichte über Kinder mit belladonnatypischen Krankheitsmerkmalen. Darunter waren zehn Todesfälle. Es gab hierzu auch eine Vielzahl von Verbraucherklagen, obwohl es schwierig sein dürfte, im Nachhinein mehr als einen zeitlichen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und der Einnahme der Präparate festzustellen.

Aufgrund der Vielzahl von Beschwerdefällen seit der ersten Warnung 2010 hat die FDA am 9. September 2016 eine förmliche Untersuchung zu den homöopathischen Zahnungsmitteln begonnen. Eine erneute Warnung der FDA zu diesen Mitteln erging am 30. September 2016. Die jetzigen Mittel enthielten nach Herstellerangabe Belladonna D6 bzw. D12. In dieser Verdünnung wäre auch bei Überdosierung keine Wirkung / Nebenwirkung mehr möglich gewesen. Am 27. Januar 2017 bestätigte die FDA jedoch, dass laut ihren Laboranalysen die homöopathischen Präparate erneut „uneinheitliche Mengen an Belladonna […] , enthielten, die teilweise die auf dem Etikett angegebene Menge überstiegen“.

 

Mehr lesen unter: “Globuli-Medizin mit Nebenwirkung

 

Autor: Zahnmediziner Dr. med. dent. Hans-Werner Bertelsen

Edit: Wegen eines Fehlers wurde der Artikel am 17.2.2016 geändert (letzer Abschnitt).

Argument: Die mächtige Pharmaindustrie unterdrückt die Homöopathie

Befürworter der Homöopathie beschwören oft das vermeintliche Argument, wonach “die Pharma-Lobby” aus rein gewinnorientiertem Eigeninteresse die Homöopathie unterdrücken würde. Hier vermischen sich viele Aspekte, insbesondere die generelle Kritik an “den Konzernen” mit allgemeiner Kapitalismuskritik und mit einer eher romantischen Vorstellung vom “einfachen Leben” und “zurück zur Natur”.

In Handarbeit hergestellte Produkte werden idealisiert, industrielle Produktion hingegen wird als “seelenlos” angesehen. Dass es sich jedoch bei Homöopathika-Herstellern genauso um industrielle Wirtschaftsbetriebe und Großunternehmen handelt, wird dabei völlig übersehen. Homöopathie-Anhänger scheinen zu glauben, dass die Globuli in Kleinbetrieben – angesiedelt irgendwo auf dem Lande in unberührter Natur, mit einem Kräutergarten gleich hinter dem Haus – hergestellt werden.

Nur die Realität sieht völlig anders aus. Nach in der Europäischen Union üblichen Standards gelten Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern als sogenannte KMU (kleine und mittlere Unternehmen). Die bedeutendsten Unternehmen, die Homöopathika herstellen, liegen jedenfalls deutlich über dieser Grenze. Die folgende Tabelle enthält eine Auflistung von Firmen, ihrer Mitarbeiter und Jahresumsätze.

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Besonders bemerkenswert in dieser Branche ist die Dominanz zweier Konzerne, dem Schwabe-Konzern und der Delton AG.
Die Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG ist das Mutterunternehmen des Schwabe-Konzerns mit 3.500 Mitarbeitern (2015) und einem Umsatz von 860 Mio. EUR (2015) (5). Zum Schwabe-Konzern gehören gleich eine ganze Reihe der bekanntesten Homöopathie-Unternehmen. So z. B. die Deutsche Homöopathie-Union DHU Arzneimittel (DHU), Karlsruhe und die ISO-Arzneimittel GmbH & Co. KG, Ettlingen. Auch die namhafte österreichische Firma Dr. Peithner KG ist eine 100 %ige Tochter des Schwabe-Konzerns.

Alleiniger Aktionär der Delton AG ist Stefan Quandt. Zur Delton AG gehört die Biologische Heilmittel Heel GmbH, ein weiterer bekannter Vertreter der Homöopathie-Branche (6). Zahlen der Firma Heel gibt es z. B. hier (9). Stefan Quandt ist Mitglied der gleichnamigen deutschen Unternehmerfamilie, Milliardär und zählt zu den reichsten Deutschen (7).

Das idyllisch verklärte Bild von der Homöopathie-Branche, das sich Globuli-Konsumenten machen, muss deshalb wohl eher als eine schönfärberische Illusion bezeichnet werden. Tatsächlich handelt es sich ganz einfach um eine Homöopathie-Großindustrie und Big Business.

Vergegenwärtigt man sich außerdem noch die Rohstoff-Seite der Homöopathie, so wird einem auch klar, welch große Gewinne in dieser Branche erwirtschaftet werden. Globuli bestehen zu 100 % aus reinem Zucker. Der Großhandelspreis von Zucker liegt bei rund 0,50 €/kg und ein Fläschchen Globuli mit 10 g Zucker wird für ca. 10 € verkauft. Das bedeutet eine Vervielfachung des Einkaufspreises auf weit über das Tausendfache.

Dass sich die Homöopathie wegen mangelnder Wirtschaftskraft von irgend einer Seite bedroht fühlen muss, kann also leicht dem Reich der Märchen und Legenden zugerechnet werden. So verwundert es auch keineswegs, dass die Homöopathiehersteller sämtlich Mitglieder in den Verbänden der Pharmaindustrie sind und sich dort gut aufgehoben fühlen. Was wiederum dadurch deutlich wird, dass anlässlich der Kritik von Prof. Hecken (Gemeinsamer Bundesausschuss) an der Erstattungsfähigkeit von Homöopathie durch Krankenkassen diese Verbände sich geschlossen gegen jegliche Beschränkung der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen ausgesprochen haben.

 

Autor: Dipl.-Ing. Karl Payer, Physiker

(1) https://dhu.de/seiten/ueber_uns/unternehmen.htm
(2) http://www.wala.de/, https://de.wikipedia.org/wiki/Wala_Heilmittel
(3) http://www.heel.de/de/facts-and-figures.html
(4) https://www.weleda.de/weleda/identitaet/weleda-heute
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Willmar_Schwabe
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Delton
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Quandt
(8) http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=41722
(9) http://www.heel.de/de/facts-and-figures.html

 

Argument: Homöopathie ist altes Wissen

“Altes Wissen ist vor allem eines: alt.”

Wenn es um alternative, komplementäre und ganzheitliche Heilmethoden oder gar um Kräuter geht, wird gerne mit “altem Wissen” argumentiert. Nur was ist das? Aus einem Konglomerat von Aufzeichnungen, Überlieferungen, alten Bräuchen und Ähnlichem mehr sucht sich jeder selbsternannte Wellnessexperte oder jede heil- und hellsichtige Kräuterhexe etwas irgendwie Passendes heraus, erklärt das Mittel oder die Prozedur für wirksam nach heutigen Kriterien, weil es sich um “altes Wissen” handelt.

Im “alten Wissen” stecken die seinerzeit überlieferten Erfahrungen, heute spricht man von Anekdoten. Sicher sind auch einzelne Erfahrungen und Anekdoten nach heutigem Wissen zutreffend, aber das kann nicht verallgemeinert werden. In der Mehrzahl handelt es sich um scheinbare Tatsachen. Wenn das Alter von Wissen ein positives Unterscheidungsmerkmal wäre, müsste man davon ausgehen, dass das Wissen der Alten zu einem sehr hohen Anteil richtig war. Können wir das in der Medizin sagen? Das wäre sehr vermessen. Wissen, das sich im Laufe der Zeit nicht bewährt hat, ist in Vergessenheit geraten, ist uns heute nicht mehr gegenwärtig und somit fehlt uns schlicht der Überblick. Somit ist der Rückschluss – alt = bewährt und richtig – nicht gerechtfertigt.

Dennoch wird täglich Reklame für meist veraltete Therapien und Mittel gemacht, deren Wirksamkeit in den Sternen zu suchen ist. Veraltetes lässt sich nur mit “altem Wissen” und dem zugrunde liegenden veralteten magischen Vorstellungen schlüssig erklären. Mit neuem Wissen sehen Erklärungen aber anders aus und von Wirksamkeit nach heutigen Maßstäben ist meistens nichts mehr nachzuweisen.

Das Spektrum des “alten Wissens” reicht von abergläubischen und magischen Vorstellungen und Praktiken einerseits bis hin zu einem Wissen, dass bestimmte pflanzliche Zubereitungen giftig bis unbekömmlich sind. Eine Unterscheidung zwischen Wirkungen, die auf magischen Vorstellungen beruhen und – um es modern auszudrücken – pharmakologischen Wirkungen im heutigen Sinn, gab es früher jedoch nicht. Magie und Naturwissenschaft waren nicht getrennt. Praktisch erfahrbare Wirkungen wurden mit magischen Vorstellungen erklärt.

Fraglos gibt es eine unübersehbare Fülle von schriftlichen Aufzeichnungen in Kräuterbüchern etc. aus allen Jahrtausenden, in denen über die Wirkung von bestimmten Kräutern und anderem mehr berichtet wird. Im Lichte moderner Pharmakologie und all den Faktoren, die heute bei einer Wirksamkeitsprüfung unbedingt zu berücksichtigen sind, sind alte überlieferte Wirksamkeitsberichte aber keine tauglichen Beweise, um eine Wirksamkeit im modernen Sinn zu bestätigen.

Die Auswahl der Heilpflanzen z. B. erfolgte nach uns heute völlig verwegenen Regeln des Symbolismus, der Astrologie usw. und auch aus religiösen Gesichtspunkten. So wurden den Pflanzen besondere Wirkungen zugeschreiben, die z. B. mit der Gottesmutter oder dem Jesuskinde irgendwie in Verbindung standen. Man denke nur daran, was nicht alles getan wurde, um an heilsame Reliquien zu gelangen.

Zum zahlreich überlieferten medizinischen “alten Wissen” ist zu sagen, dass nur in wenigen Fällen gesichert bekannt ist, was damals wirklich im Einzelnen geschah. Abgesehen von den Schwierigkeiten der wechselnden Bezeichnungen für z. B. Pflanzen und Krankheiten zu verschiedenen Zeiten, die oft keine exakten Zuordnungen mehr ermöglichen, wird völlig übersehen, dass der Placeboeffekt im weitesten Sinn immer schon wirksam war und keine Erfindung der modernen Medizin ist. Nur in wenigen Fällen lässt sich heute exakt sagen, welche Krankheit mit welchem Mittel konkret behandelt wurde.

Fakt ist aber auch, dass magische Vorstellungen und Handlungen zum unerlässlichen Repertoire jeder Heilbehandlung gehörten. Eine blutende Wunde, ein gebrochenes Bein, Kopfschmerzen, Fieber, Geburtsbeschwerden, zahlreiche Infektionen usw. wurden immer mehr oder weniger auch zeremoniell beschworen. Und die Menschen waren überzeugt, dass das Beschwören zur Heilung unerlässlich und wirksam ist. Auch das gehört zum “alten Wissen” und kann davon nicht getrennt werden.

Arzneimittel und Therapien mit einer gesicherten und damit einigermaßen vorhersehbaren Wirksamkeit im heutigen Sinn gibt es seit nicht viel mehr als 150 Jahren. Man konnte auch immer schon einfach so – mit und ohne Placeboeffekt – gesund werden. Voltaire bemerkte scharfzüngig, dass die ärztliche Kunst darin bestehe, den Patienten so lange bei guter Laune zu halten, bis die Natur ihn geheilt hat. Und Voltaire kritisierte die Ärzte und ihre Medizin seinerzeit nur zu Recht, denn auch die hochgelehrten Medici hatten keine besseren Erfolge zu verzeichnen als das einfache Volk mit seiner gebräuchlichen Volksmedizin. Das überlieferte “alte Wissen” war genauso erfolgreich bzw. erfolglos. Und selbstverständlich waren die Gaukler und Scharlatane auf den Marktplätzen nicht nur sehr sondern höchst erfolgreich und sie sind es heute noch.

Die Beschreibung der Vergiftung von Sokrates mit Schierling stimmt vollkommen mit unseren gesicherten Erkenntnissen über die Wirkung von Conium maculatum überein, aber derartige Highlights gibt es nicht viele. Dank unseres modernen Wissens in Pharmakologie und Pharmakognosie können wir die Vergiftung bestätigen. Warum aber Conium maculatum bzw. Coniin giftig ist, erklärt das “alte Wissen” nicht. Die Faktoren, die wir heute kennen bzw. erkannt haben, die einer Objektivierung der Wirksamkeit im Wege stehen bzw. diese verhindern, sind ja nicht neu, sondern waren immer schon gegeben.

Eine ganze Gesundheitsindustrie geht heute mit höchst selektiv ausgewähltem “alten Wissen” hausieren. Nostalgische und romantische Gefühle werden geschickt geschürt und bedient. Früher war ja alles natürlich und biologisch. Jedes Wissen kann und muss zu jeder Zeit überprüfbar sein. Nur so kann es zu einer Weiterentwicklung kommen. Das sogenannte Wissen aus der Erfahrung ist jedoch in höchstem Maße beschränkt. Ist es doch abhängig davon, in welchem Wissenstand und mit welcher Skepsis insgesamt diese Erfahrungen gewonnen wurden.

Selbstverständlich gibt es auch altes Wissen z. B. in der Geometrie den Satz des Thales, der besagt, dass alle Winkel am Halbkreisbogen rechte Winkel sind oder den pythagoreischen Lehrsatz, dass die Summe der Flächen der Quadrate über den beiden Katheten gleich der Quadratfläche der Hypotenuse ist. Nur in der Medizin ist derartiges Wissen, das bis heute gehalten hat, rar.

Fazit: Altes Wissen ist letztlich ein sich auf (vergangene, historische, überlieferte) “Autorität” berufendes Argument. Und das zählt wissenschaftlich – gar nichts. Und gerade bei der Homöopathie wissen wir 200 Jahre nach Hahnemann heute einfach vieles besser.

 

Autor: Edmund Berndt, Apotheker i. R.

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Placebo by proxy – was ist denn das?

Den Placebo-Effekt bei Kindern – sogar Säuglingen – und Tieren gibt es doch gar nicht, hören wir immer wieder. Doch das stimmt nicht. Er ist vorhanden und nennt sich dann „Placebo-by-proxy“. Dieser ist durch umfassende und seriöse Forschungen immer wieder belegt worden.

Die Ansicht, ein Placebo-Effekt könne bei Kindern und Tieren nicht auftreten, kommt wohl aus dem Missverständnis heraus, der Placebo-Effekt entstehe dadurch, dass man jemandem etwas “einrede”. Der Placebo-Effekt ist jedoch nichts, was man mit einer gezielten Beeinflussung vergleichen könnte. Er bildet sich beim großen wie beim kleinen Patienten genauso wie beim Tier als körperlich-seelische Reaktion auf den Vorgang der Zuwendung und einer positiven Erwartungshaltung heraus.

Beim Säugling, beim Kleinkind und auch beim Tier spielt die Verfassung der Bezugsperson eine gewaltige Rolle. Sie wird vom Kind oder Tier unbewußt intensiv wahrgenommen. So kann die Erleichterung des Zuwendenden gespürt werden, die sich allein daraus ergibt, etwas tun zu können für die kleinen Schutzbefohlenen. Das Kind oder Tier muss nicht wissen, ob es ein echtes Medikament bekommt oder nur Homöopathie. Aber die Eltern/Besitzer wissen es und ändern dementsprechend ihre Erwartungshaltung. Zudem sind Säuglinge, Kleinkinder und auch Tiere auf die nonverbale Kommunikation angewiesen, sie ist lebensnotwendig für sie. Daher auch diese enorm feinen Antennen. Dieses “Zurückspiegeln” der Befindlichkeit des Betreuenden – das versteht man unter dem “by proxy”.

Mit dem Begriff ist also eine Placebo-Wirkung “auf einem Umweg” bzw. “über einen Vermittler” gemeint. Man sieht ihn immer dort am Werk, wo es keine verbale Interaktion bei einer Zuwendung gibt. Und gerade da erweist er sich als besonders stark. Denn die Sensorik von Säuglingen und kleinen Kindern, ebenso wie die von Tieren, ist ganz besonders ausgeprägt, wenn es um die Aufnahme und Reflexion der Grundstimmung von vertrauten Bezugspersonen handelt. Da kann oft eine direkte sprachliche Kommunikation gar nicht mithalten.

Also: Den Placebo-Effekt bei nichtsprachlicher Kommunikation gibt es nicht nur, als Placebo-by-proxy leistet er sogar Besonderes im Verhältnis des Patienten zur vertrauten Bezugsperson.

Eines sollte aber immer klar sein: Das Eintreten des Placebo-Effekts, mit oder ohne “proxy”, hat nichts mit einer Heilung der Grunderkrankung zu tun. Man sollte sich niemals der Täuschung hingeben, es gehe dem Patienten ja so viel besser, womöglich sich noch dadurch bestätigt fühlen, dass man sich selbst ja auch “besser” fühlt. Wenn eine falsche Einschätzung des Effekts zu einer Verzögerung einer Behandlung oder gar zu deren Unterlassung führen würde – das wäre fatal.

Mehr dazu auch hier.

 

Autoren: Udo Endruscheit und Dr. Natalie Grams

Foto: Pixabay 1151351 Dagon

Was ist ein Placebo und was ist der Placeboeffekt?

Klären wir zunächst einmal, was man unter dem Begriff „Placebo“ versteht. Hierbei möchten wir uns auf Placebos als Arzneimittel beschränken. Dann handelt es sich bei einem Placebo um ein Arzneimittel, das eigentlich gar keines ist. Es enthält nämlich keinerlei arzneilich wirksame Substanz. Es sieht aus und fühlt sich an wie ein wirksames Medikament (bzw. was man dafür hält) – aber es enthält keinerlei Wirkstoffe.

Trotzdem können solche Placebo-Mittel beim Patienten etwas bewirken: den „Placeboeffekt“. Man fühlt sich nicht nur besser, es können auch körperliche Veränderungen eintreten, die man tatsächlich nachweisen kann. Diese werden aber nicht durch arzneiliche Wirkstoffe hervorgerufen. Vielmehr entstehen sie dadurch, dass Patienten meinen, ein wirksames Medikament zu erhalten und sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass durch eine Behandlung die Beschwerden besser werden. Dies ist ein komplizierter Zusammenhang, der sich für unsere Betrachtung vereinfacht so beschreiben lässt:

  • Wenn ein Patient davon überzeugt ist, dass eine Behandlung ihm helfen wird, verliert er, zumindest für eine Zeitlang, seine Ängste und Sorgen. Er kann sich wesentlich besser entspannen, und dadurch können seine Selbstheilungskräfte in höherem Maße wirksam werden. Dies ist der eigentliche Placeboeffekt.

Nun müssen wir aber noch bedenken, dass nicht nur die pharmakologische Wirkung eines Medikamentes und dieser Placeboeffekt dazu führen, dass es dem Patienten nach einer gewissen Zeit wieder besser geht. Dafür sorgen auch noch andere Dinge:

  • Der natürliche Krankheitsverlauf: Hierbei gehen die Beschwerden von selbst zurück, ohne dass man etwas dafür tun müsste. Denken wir zum Beispiel an leichte Erkältungskrankheiten, Verstauchungen, harmlose oberflächliche Verletzungen, blaue Flecken bei Kindern usw. Dies sind alles Bagatellen, die der Körper von selbst überwindet.
  • Die Regression zur Mitte: Das ist der Effekt, dass extreme Situationen in der Natur selten lange aufrechterhalten werden. Auf Krankheiten bezogen bedeutet das: Entweder die Beschwerden werden immer schlimmer und nehmen womöglich sogar einen tragischen Verlauf – oder sie gehen auf ein Mittelmaß zurück. Wenn man eine Behandlung erst beginnt, wenn die Situation bereits schwer erträglich ist, hat man oft das Meiste schon hinter sich. Auch ohne weiteres Zutun von außen würde sich die Situation für den Patienten jetzt bessern.
  • Begleitende Therapien oder Maßnahmen: Wenn wir Menschen uns krank fühlen, ist oft der Zeitpunkt gekommen, dass wir auf gute Ratschläge hören. Dass wir zum Beispiel auf gesunde Ernährung achten, Spaziergänge unternehmen, Alkohol und Kaffee durch Wasser ersetzen und Zigaretten meiden, uns mehr bewegen oder auch schonen, wenn wir uns zuviel zugemutet haben. Das scheinen Nebensächlichkeiten zu sein – aber sie können viel bewirken.
  • Vielleicht hatten wir auch begleitende Therapien, die ihre Wirkung tun, wie Krankengymnastik, Massagen und ähnliches. Aber auch die Verbesserung der persönlichen Lebenssituation oder psychologische Hilfe durch einen qualifizierten Therapeuten fallen hierunter.
  • Indirekte Effekte: Vielleicht hatten wir auch eine Therapie gewählt, die nicht sinnvoll war und eventuell sogar noch Nebenwirkungen mit sich brachte. Durch die Aufnahme der neuen Therapie wird eventuell eine vorherige beendet, und die Heilung ist eine Folge der nun nicht mehr auftretenden Nebenwirkungen der alten Therapie, die uns nicht guttat. Oder der Patient wird den krankmachenden Einflüssen entzogen, etwa weil er wegen seiner Beschwerden nicht mehr zur Arbeit geht oder durch einen Ortswechsel sonstigen krankmachenden Bedingungen nicht mehr ausgesetzt wird. Hier sind sehr viele Möglichkeiten denkbar.
  • Gewöhnung: Der Patient gewöhnt sich an die Situation, lernt damit umzugehen und empfindet seinen Zustand dann nicht mehr als so unangenehm wie es ihm anfänglich erschien.
  • Unbekannte Ursachen: Letztendlich kann die Heilung auch durch Dinge oder Umstände kommen, die damit nicht in Verbindung gebracht werden, entweder weil sie übersehen werden oder weil der Einfluss auf das Befinden nicht bekannt ist und niemand auf diese Dinge achtet.

Dies soll hier als Übersicht genügen, die mit Sicherheit noch weiter ergänzt werden könnte. Alle diese Effekte können bei jeder Therapie auftreten – sie gehören aber nicht zur spezifischen Wirkung des Arzneimittels, denn sie sind unabhängig davon, was der Patient einnimmt. Also durchaus auch, wenn es sich um ein Placebo handelt.

Mehr dazu:

https://de.wikipedia.org/wiki/Placebo

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=1072

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oft_gehörte_Argumente_-_Verbreitete_Vorstellungen_über_den_Placebo-Effekt

http://placeboforschung.de/de/mechanismen-des-placeboeffektes

Autor: Susanne Aust, Dr. Norbert Aust, Dr. Natalie Grams

Bild: Susanne Aust

Nocebo – was ist denn das schon wieder?

Auf dieser Seite sind bereits verschiedene Informationen zum Placebo-Effekt zu finden, die verdeutlichen möchten, dass dieser bei jeder Art von Zuwendung im weitesten Sinne – deshalb natürlich erst recht bei medizinischen Interventionen – wirksam ist. Und dass die Homöopathie, wie andere pseudomedizinische Verfahren auch, ihren Honig allein aus diesem ohnehin überall auftretenden Effekt saugt, ohne eine spezifische Wirkung aufzuweisen.

Zu ergänzen bleiben diese Erläuterungen noch durch einige Bemerkungen zum Nocebo-Effekt. Was ist nun darunter zu verstehen?

So wie sich der Placebo-Effekt positiv auswirken kann, so gibt es auch dessen Kehrseite: Den Nocebo-Effekt. Placeboforscher sprechen gar gelegentlich von den “Nebenwirkungen” des Placebo-Effekts, was aber nicht ganz den Kern der Sache trifft . Die Mechanismen sind die gleichen, nur die Auswirkungen sind sozusagen die „dunkle Seite“ des Effekts, das negative Spiegelbild.

Es liegt eigentlich auf der Hand, dass eine negative Erwartungshaltung zu einer Verschlechterung des Zustands des Patienten führen kann – ganz im Sinne eines Placebo-Effekts mit negativem Vorzeichen. Auch dies sollte ein guter Mediziner einkalkulieren. Wer kennt nicht die “Angst vor dem Beipackzettel”, der bei vielen Menschen leider ein Grundmisstrauen gegenüber dem verordneten Medikament hervorruft und damit häufig spürbar dessen Wirkung beeinträchtigt? Gleiches gilt im Krankenhaus, wenn – was nicht so sein sollte! – dem Patienten einfach sein Pillengläschen hingestellt wird, ohne dass er erläutert bekommt, worum es geht – der Nocebo-Effekt lauert. Erst recht, wenn jemand durch pseudomedizinische “Weisheiten” bereits darauf konditioniert ist, der “Schulmedizin” zu misstrauen, was sich bei ernsthaften Erkrankungen sehr wohl negativ auf den Effekt der dann notwendigen medizinischen Behandlung auswirken kann.

Eines der eindrucksvollsten Beispiele für einen Nocebo-Effekt ist eine Studie, die mit erheblichem Aufwand und methodisch durchaus korrekt vor einigen Jahren in den USA durchgeführt wurde: Es ging um die Frage, ob Gebete beim Genesungsprozess helfen können. Patienten nach Bypass-Operationen wurden in Gruppen eingeteilt, von denen die eine wusste, dass für sie gebetet wird und die andere nicht. Diese Studie ergab ein klares Ergebnis: Die Gruppe, die wusste, dass für sie gebetet wurde, zeigte bei der Rekonvaleszenz eindeutig mehr Komplikationen und schlechtere Verläufe. Ganz offensichtlich ein Nocebo-Effekt, der sicher auf die Haltung der Patienten zurückzuführen war, es müsse recht schlecht um sie stehen, wenn für sie gebetet werde …

Fazit: Placebo- und Nocebo-Effekte sind beides wichtige Gesichtspunkte, die der verantwortliche Arzt stets mit in Rechnung zu stellen hat. Sie sind “zu schade” als billige Alibis für pseudomedizinische Methoden, die keine eigene Wirksamkeit bieten können.

 

Autor: Udo Endruscheit

Bild: Fotolia_84526053_XS-001

Zu wenig Wirkstoff in Homöopathika – was heißt das konkret?

Homöopathika enthalten zu wenig Wirkstoff, um überhaupt einen heilenden Effekt auslösen zu können, der von diesem Wirkstoff hervorgerufen werden könnte. Bei den Hochpotenzen ist spätestens ab D23 / C12 noch nicht einmal mehr ein Atom/Molekül Wirkstoff im Präparat enthalten. Auch bei niedrigen Potenzen reicht die empfohlene Tagesdosis nicht für eine pharmazeutische Wirkung aus: Eine Einnahme nach Empfehlung des Herstellers von höchstens sechs Mal täglich fünf Globuli ergibt schon in C1 bzw. D2 ganze 0,03 mg (Milligramm) des Ursprungsstoffes. Zum Vergleich: die empfohlene Tagesdosis etwa von “Dolormin Extra”, einem Schmerzmittel, beträgt für Erwachsene 200 bis 400 mg des Wirkstoffes.

Dagegen wird gelegentlich das Argument vorgebracht, dass es sehr wohl Stoffe gibt, die auch in kleinsten Mengen eine Wirkung entfalten und von bestimmten Organismen wahrgenommen werden können. Aale riechen angeblich Phenylethylalkohol (das ist künstlicher Rosenduft) im Wasser, wenn davon nur ein Gramm auf die 60-fache Wassermenge des Bodensees verdünnt wurde, was immerhin schon einer Verdünnung entsprechend der Potenz D18 entspricht.

Dass dieses Argument an den realen Gegebenheiten vorbeigeht, kann man an einem kleinen Experiment überprüfen. Sie, lieber Leser, sind sicher in der Lage, aus den unteren beiden Bildern dasjenige herauszufinden, das mehr Kreuze zeigt, und wie groß der Unterschied ist:

Screenshot 2017 06 12 08.24.12

Das eine Kreuz soll einem Molekül Rosenduft entsprechen, das an den Riechzellen des Aals vorbeischwimmt. Wie erkennbar, fällt das einzelne Objekt sofort auf, wenn drum herum keine anderen sind und es sich mit hohem Kontrast von der Umgebung abhebt.

Dies gibt aber die Situation der Einnahme von Homöopathika nicht wieder. Unser Körper besteht aus einer Unmenge der verschiedensten Stoffe, ebenso unsere Nahrung. Ein Beispiel soll den Sachverhalt verdeutlichen:

Sie werden mir sicher zustimmen, dass Gold in der Natur sehr selten ist. Dennoch sind in einem Kubikkilometer Wasser durchschnittlich etwa 10 kg Gold enthalten, was der Konzentration einer D11-Potenz entspricht. Diese Zahl gilt zwar für Meerwasser, aber hier sei vereinfachend angenommen, dass es sich bei Süßwasser nicht wesentlich anders verhält. Täglich braucht man etwa drei Liter Flüssigkeit. Wenn Sie das trinken, dann trinken Sie die gleiche Menge Gold mit, wie Sie an Urtinktur (dem homöopathischen Mittel) Ihrem Körper zuführen, wenn Sie ein Homöopathikum in D8-Potenz einnehmen. Anders herum ausgedrückt: Von den in der Homöopathie üblichen Mitteln trinken Sie im Verlauf eines Tages wahrscheinlich wesentlich mehr als sie mit Globuli einnehmen, wenn Sie sich an die Einnahmevorschrift halten.

Nimmt man also ein Homöopathikum in einer niedrigen Potenz ein, dann hat man damit nicht etwa einen (vermeintlichen Wirk-) Stoff in seinen Körper neu aufgenommen, der vorher nicht vorhanden war. Man hat vielmehr die Menge nur geringfügig erhöht. Ganz extrem: Der Körper eines Erwachsenen enthält 150 g bis 300 g Speisesalz. Durch die Einnahme von Natrium chloratum D2 erhöht sich die Salzmenge im Körper beispielsweise von 200,000 000 g auf 200,000 030 g.

Dann aber ist der obige Bildvergleich nicht stichhaltig. Der Test, ob man ein einzelnes Objekt erkennen kann ist nicht aussagekräftig. Vielmehr muss man fragen, ob man den Unterschied merkt, wenn sich eine Menge geringfügig vergrößert, so wie in den folgenden Grafiken. Frage: Welches Bild enthält mehr Kreuze und wie viele mehr?

Screenshot 2017 06 12 08.24.22Dies wird man nur durch mühsames Auszählen der Kreuze feststellen können. Rein durch Augenschein kann man das nicht erkennen. Wobei dies hier verglichen mit den Verhältnissen bei den Homöopathika noch ein starker Unterschied ist: Das linke Bild enthält 101 Kreuze, das rechte nur 100. Das ist also ein Unterschied von immerhin 1 % – der dennoch nicht erkennbar ist.

Wenn man die Wirksamkeit kleinster Mengen eines Wirkstoffes beurteilen will, dann ist es nicht richtig, die minimale Menge zu betrachten, bei der eine Wirkung einsetzt, sondern man muss sich fragen, wie groß die zusätzlich zum Vorhandenen benötigte Menge ist, um einen Effekt zu erzielen. Um zu dem Aal zurückzukehren: Auch wenn er ein Gramm auf die 60-fache Menge des Bodensees erkennen kann, ist doch zu bezweifeln, dass er zwischen 1.000.000 g und 1.000.001 g unterscheiden kann.

Daraus folgt übrigens auch, dass es nicht zutreffend sein kann, dass Homöopathika über die Weitergabe irgendwelcher “Information” wirkt: Das was das Homöopathikum vielleicht zu sagen hätte, wird dem Organismus schon in einem riesengroßen Chor dauernd vorgesungen.

 

Autor: Dr. Norbert Aust

Foto: Shutterstock 19499434 Sven Hoppe

Study uncovers: With alternative medicine many cancer patients die earlier than necessary!

If the doctor tells you that he has diagnosed cancer, then this is an incisive event for everyone. What to do now? Conventional treatment, i.e. chemotherapy, radiation, surgery or hormone therapy, depending on the severity and stage of the disease? Or alternative medicine, be it homeopathy, acupuncture, dietary change (dietetics), other approaches such as methods of traditional Chinese medicine, electro-carcinoma therapy, pseudo-natural therapies such as amygdalin therapy, gemstone therapy or coffee enemas – or perhaps completely offside methods such as using pendulums, mental healing, Reiki? Or is cancer a consequence of unresolved conflicts?
All this and much more has been and is used by cancer patients.

Anyone who undergoes conventional therapy with cancer is highly likely to live longer than if he or she were treated with alternative medicine. This conclusion can be drawn from a paper that researchers at Yale University in New Haven (Connecticut, USA) have now published [1].

Skyler B. Johnson and his colleagues searched the U.S. Cancer Registry for patients with breast, prostate, lung or colon cancer, the most common types of cancer, and – instead of conventional treatment – underwent “other unproven cancer therapies performed by non-medical personnel”, preferring some form of alternative medicine. 281 patients were found and, for comparison, twice the number of patients who had undergone conventional therapy with the same diagnosis and other conditions (age, sex, income, etc.) were sought. Patients whose tumors had already metastasized, in whom the cancer had reached the final stage or in whom the data were unclear were not considered.

The results are sobering for the followers of alternative medicine, as the following graph, calculated from the data of the study, shows. Here the number of deaths in both treatment groups is listed, the data for conventionally treated patients were also converted to 280 initial participants. Blue dots should represent 10 living patients, red dots 10 deceased:

It is obvious that at any time the number of deaths under alternative therapy is about twice as high as in conventionally treated people. After seven years, about half of the patients had died under the alternative therapy, while only a quarter had died under the conventional therapy. Depending on the type of cancer, the difference was even more pronounced: In breast cancer, the risk of death was five times higher with alternative medical therapy and four times higher with colorectal cancer than with conventional treatment.

A small but significant side consideration:

Let’s put ourselves in the time frame after seven years. Of the 280 patients originally treated as alternatives, 138 are still alive – although 67 more in the case of conventionally treated patients, namely 205. We can expect that the 138 alternative patients will probably swear by the fact that alternative medicine has helped them, that they are happy to have renounced the “evil” orthodox medicine, are convinced that this is the only way they can defeat their cancer without the assassination attempts “Big Pharma”. This can be exploited in a media-effective way and posted on the practice pages of the respective therapists as a victory message.

However, none of the 67 who died too early compared to conventional therapy will be able to tell their story. For example, what it feels like to go to a real doctor shortly before the end and then come to the conclusion that the prospects for a few more years of life would not have been bad at all if you had only come earlier. Since these 67 nameless patients, whose premature deaths can only be recorded statistically, or their surviving dependants do not present themselves in a closed talk show, they can be dismissed as regrettable individual cases. After all, deaths also occur with conventional therapies. The premature death of these people remains largely unknown to the outside world.

The trust in alternative medicine has caused too early a death for 67 out of 280 people here! The course of the disease was not necessarily negatively affected – but because patients were led to believe that there was an effective alternative medicine, they did not perceive the obviously more effective conventional treatment. This is about the question “Who is harmed by alternative medicine?”

Even more: Looking into the future and counting the trends further into the future, there will continue to be relatively more deaths in the “alternative medicine” treated group, due to the late effects of an untimely or completely omitted effective therapy. In purely mathematical terms, this would mean that in the 13th year after the start of therapy, all “alternative” treated patients would have died, while a good half – around 140 – of conventionally treated patients would still be alive.

In this context, one inevitably remembers Steve Jobs, the legendary Apple boss, who still had time to recognize his mistake of trusting in alternative medical treatment – but not enough time to correct it. His biographer reports how important it was for Jobs to communicate this to the general public. Jobs explained his mistake with the sentence: “I think if you just don’t want to admit something, don’t acknowledge that it exists, then you can fall into “magical thinking”. Not a lack of intelligence, but a lack of rationality.

Although the researchers were unable to separate the individual alternative medical therapies on the basis of the statistical data collected, it can be assumed that the difference is not significant. They were all procedures that were similar in that they had no evidence of efficacy.

When transferring the results to the totality of all cancer patients, it may be necessary to make certain limitations, since some important influencing variables were not recorded. However, the group data tend to point in a different direction, with patients of alternative therapies being younger, more affluent, better educated and less burdened with additional diseases, but also in a later stage of cancer. So it may not always be the case that almost a quarter of patients in alternative medicine die prematurely within seven years, but the trend is unlikely to be reversed.

A decision for alternative medicine in an existing cancer diagnosis could therefore turn out to be a big mistake.


Author: Dr. Norbert Aust

Many thanks to Udo Endruscheit and Natalie Grams for their good contributions.


[1] Johnson SB, Park HS, Gross CP, Yu JB: Use on Alternative Medicine for Cancer and its Impact on Survival; JNCI J Natl Cancer Inst (2018) 110(1): djx145, doi: 10,1093/jnci/djx145


Picture credits: Fotolia_99355604_XS

Homöopathie ist Pseudowissenschaft – nun offiziell in Russland – Übersetzung des Memorandums und der Pressemitteilung

Die Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaften am Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS) hat ein Memorandum „Über die Pseudowissenschaft Homöopathie“ herausgegeben.

Das Dokument besagt: “Die Behandlung mit ultraniedrigen Dosen in homöopathischen Mitteln hat keine wissenschaftliche Grundlage und damit keine Rechtfertigung.”

Die Kommission empfahl dem Ministerium für Gesundheit, alle homöopathischen Arzneimittel aus öffentlichen Kliniken zurückzuziehen und über Maßnahmen des Kartellamtes die Bürger davor zu schützen, dass ihnen das Vorhandensein „therapeutischer Eigenschaften“ solcher Mittel suggeriert wird. Das Gesundheitsministerium hat zugesagt, auf die Argumente des Memorandums zu reagieren, sobald sie diese auf offiziellem Wege erhalten hat.

Memorandum No. 2: Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung

Über die Pseudowissenschaft Homöopathie

Dieses Memorandum der Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung des Präsidiums der Russischen Akademie der Wissenschaften (im Folgenden: Kommission) ist der Homöopathie gewidmet. Die Kommission argumentiert, dass die Behandlung mit extrem niedrigen Dosen von verschiedenen in der Homöopathie verwendeten Substanzen keine wissenschaftliche Grundlage hat. Sie qualifiziert diese deshalb als pseudowissenschaftlich.

Homöopathie als eine Form der „alternativen Medizin“ existiert seit mehr als 200 Jahren. Während dieser Zeit hat es zahlreiche Versuche gegeben, der Homöopathie eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Sie waren letztlich sämtlich erfolglos: Zahlreiche klinische Studien in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten waren nicht in der Lage, experimentell die spezifische Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel und Behandlungsmethoden aufzuzeigen.

Die vielen im Laufe der Zeit vorgeschlagenen theoretischen Erklärungen der möglichen Wirkmechanismen der Homöopathie stehen im Widerspruch zu etablierten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Struktur der Materie, Physiologie, Ätiologie und der biochemischen Wirkweise von Medikamenten. Die a priori postulierten “Prinzipien der Homöopathie” sind einer spekulativen Dogmatik zuzurechnen, derer man sich in vorwissenschaftlichen Zeiten bediente.
Die Homöopathie ist nicht harmlos: Die Patienten vertrauen stark auf nutzlose Mittel und vernachlässigen dadurch Methoden und Mittel von Therapien mit nachgewiesener Wirksamkeit. Dies kann zu unerwünschten Ergebnissen führen, einschließlich des Todes des Patienten.

Dieses Memorandum stellt fest, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft Homöopathie heute als Pseudowissenschaft betrachtet. Ihre Verwendung in der Medizin steht im Gegensatz zu den grundlegenden Zielen der nationalen Gesundheitspolitik, daher sollte ihr öffentlicher Widerstand entgegengesetzt werden. Vor diesem Hintergrund hat die Kommission Empfehlungen an verschiedene Personen und Organisationen formuliert, um zu erreichen, dass der homöopathischen Behandlung kein Platz mehr im nationalen Gesundheitssystem zukommt.

Das Memorandum basiert auf dem Gutachten einer interdisziplinären Arbeitsgruppe im Auftrag der Kommission. Diese besteht aus Experten auf dem Gebiet der evidenzbasierten experimentellen und klinischen Medizin, Psychotherapie, Psychologie, Physik, Chemie, Biochemie, Immunologie, Molekularbiologie, Pharmakologie, Biotechnologie, Pharmazie und Biostatistik.

Empfehlungen an das Ministerium für Gesundheit

Die vor über 20 Jahren ohne ausreichende Begründung getroffene Entscheidung, die Homöopathie im russischen Gesundheitswesen zu implementieren, ist angesichts der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse neu zu bewerten. Homöopathische Mittel sind vom Einsatz in den staatlichen und kommunalen medizinischen Einrichtungen auszuschließen. Bei der Erneuerung und Aktualisierung von klinischen Richtlinien, Pflegestandards und dergleichen sind homöopathische Mittel nicht mehr einzubeziehen.

Die Anforderung an die Kennzeichnung homöopathischer Arzneimittel in der sog. Sekundärverpackung (s. Art. 46 des Bundesgesetzes “über den Verkehr von Arzneimitteln”) erfordert zwingend einen ausdrücklichen Hinweis auf das Fehlen einer nachgewiesenen klinischen Wirksamkeit und von klaren Indikationen für die Verwendung sowie eine Ergänzung zu den tatsächlichen Inhaltsstoffen. Für Arzneimittel mit Verdünnung C12 oder mehr, das heißt, solche ohne Wirkstoffgehalt, sind nur die Hilfskomponenten (Wasser, Lactose, etc.) als Inhaltsstoffe anzugeben. Die „angeblichen“ Wirkstoffe sind in einer Zusatzauflistung anzugeben, mit dem Hinweis „bei der Zubereitung verwendet“.
[Es folgt eine Reihe rein administrativer Anweisungen an unterschiedliche Behörden] …

An die Organisationen, die Bildungsprogramme im Gesundheitssektor umsetzen

[…] Die postgraduale Ausbildung zukünftiger Ärztinnen und Ärzte hat darauf abzuzielen, diese mit den Grundannahmen pseudowissenschaftlicher Methoden – einschließlich Homöopathie – und der Kritik daran, die zur Einstufung als Pseudowissenschaft führt, vertraut zu machen.

An die Versicherungen

Halten Sie sich an die gängige Praxis, die keine Leistungserbringung für Homöopathie vorsieht. Betrachten Sie die Möglichkeit von Ausnahmen bei “erweiterten” Versicherungsverträgen für homöopathische Behandlung und Medikamente nach den gleichen Kriterien, wie sie dies bei Leistungen „traditioneller Heiler“ tun.

An die Apotheken

Beenden wir den gemeinsamen (gleichberechtigten) Verkauf von Arzneimitteln und homöopathischen Präparaten und verwenden sie ggf. für den Verkauf von homöopathischen Präparaten eines gesonderten Abrechnungskreises. Homöopathische Medikamente sollten in einer separaten Vitrine vorgehalten werden.

An die Pharmazeuten und Apotheker

Keine Beratung von Patienten mehr zu homöopathischen Mitteln. Informieren Sie Patienten, die homöopathische Mittel verlangen, dass die Homöopathie nach wissenschaftlichen Kriterien keinen Wirkungsnachweis erbringen konnte.

An die Ärzte

Informieren Sie Patienten über die Wirkungslosigkeit der Homöopathie und ihre Einstufung als Pseudomedizin. Vermeiden Sie die Zusammenarbeit mit Organisationen, die weiterhin Homöopathie fördern und verbreiten. Eine Verschreibung homöopathischer Mittel ist als unethisch anzusehen, und zwar auch dann, wenn nur der Placebo-Effekt erreicht werden soll. Dem Einsatz von Homöopathie im Gesundheitswesen ist die Grundlage zu entziehen.
Denken Sie daran, sich an die Behandlungsstandards zu halten und an Ihre Verpflichtung zu Konsultationen in Fällen, für die keine Behandlungsstandards existieren. […] Machen Sie sich vertraut mit den modernen wissenschaftlichen Daten über die Unwirksamkeit der Homöopathie. Den nicht bestätigten Ansprüchen von Herstellern homöopathischer Arzneimittel auf ihre Wirksamkeit müssen Sie entgegentreten können.
[…]

An die Vertreter der Medien

Realisieren Sie, dass eine Wirksamkeit oder ein angeblicher Nutzen in der medizinischen Praxis im Hinblick auf Homöopathie nicht vorhanden ist. Positionieren Sie die Homöopathie als Pseudowissenschaft in der Medizin, auf einer Stufe mit Magie, personaler oder energetischer Heilung und Heilung mit „besonderen Fähigkeiten“. Unterlassen Sie Förderung von und Werbung für Homöopathie.

An die Lehrer der Bildungseinrichtungen

Bilden Sie Studenten in Fragen zur wissenschaftlichen Methodologie und zu grundlegenden Prinzipien der evidenzbasierten Medizin aus.

An alle Patienten und verantwortlichen Bürger

Verweigern Sie sich dem Erwerb und der Verwendung von homöopathischen Arzneimitteln, informieren Sie Ärzte über Ihre Position und tragen Sie zur Verbreitung zutreffender Informationen über die Homöopathie bei.

Der Vorsitzende der Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung beim Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften,
Akad Jewgeni Borissowitsch Aleksandrov

Das Memorandum wurde mit Unterstützung der Stiftung „Evolution in Forschung und Lehre“ vorbereitet.

Begutachtung der Methode „Homöopathie“ für die Kommission gegen Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung beim Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften

Gutachten über die Pseudowissenschaft Homöopathie

  1. Homöopathie ist eine alternative medizinische Praxis, die davon ausgeht, dass die Anwendung äußerst niedriger Dosen von Substanzen, die in hohen Dosen an gesunden Personen Krankheitssymptome verursachen, eine spezifische arzneiliche Wirkung hat.Die Prinzipien der Homöopathie stehen im Gegensatz zu den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin, die auf den Ergebnissen medizinischer und anderer naturwissenschaftlicher Forschungen basieren: Chemie, Physik, Biologie und Physiologie und ihre Verzweigungen wie Biochemie, Biophysik, Immunologie, Molekularbiologie, pathologische Physiologie und Pharmakologie. Homöopathische Diagnose und Behandlung sind pseudowissenschaftlich und haben keine Funktion.Die Überzeugung einzelner Ärzte und Patienten von einer Wirksamkeit der Homöopathie aufgrund „persönlicher Erfahrung“beruht auf anderen Erklärungszusammenhängen und widerspricht der postulierten Unwirksamkeit der homöopathischen Methode nicht (siehe „Antworten auf häufig gestellte Fragen und die Argumente zugunsten der Homöopathie“ Anhang 1, Abschnitt I).
  2. Die Homöopathie beruht auf den folgenden Grundsätzen:

    a) “Das Prinzip der Ähnlichkeit”
    Laut des Begründers der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843) sollte „die Medizin gegen eine Krankheit in jedem Fall so gewählt werden, dass diese selbst beim Gesunden ein Leiden verursacht, ähnlich dem, wie es geheilt werden müsse.“
    Das „Ähnlichkeitsprinzip“ geht auf die alte Praxis der „sympathischen Magie“ zurück, derjenigen Form der „Hexerei“, die annimmt, dass äußerliche Ähnlichkeiten von Gegenständen eine übernatürliche „magische Verbindung“, einen „magischen Bedeutungszusammenhang“ zwischen ihnen herstellen.

    b) “Das Prinzip Arzneimittelprüfung am Gesunden”
    Die Prüfung von homöopathischen Mitteln wird an gesunden Menschen durchgeführt Man erfasst die Symptome, die der Proband während der Einnahme berichtet und es wird angenommen, dass das so geprüfte Mittel dann für die Behandlung von Patienten mit ähnlichen Symptomen geeignet ist.

    c) “Das Prinzip der kleinen Dosen”
    Es wird angenommen, dass die Kraft der Auswirkungen der homöopathischen Medizin mit zunehmendem Verdünnungsgrad nicht abnimmt, sondern zunimmt.

    d) “Potenzierungsprinzip”
    Es wird angenommen, dass die Wirkung des homöopathischen Mittels verstärkt wird, wenn es einer “Potenzierung”, d. h. einer stufenweisen Verdünnung unter langem und kräftigem Schütteln (oder Verreiben für die unlöslichen Substanzen) unterzogen wird.

    e) “Das Prinzip der individuellen Behandlung”
    Klassische Homöopathen bestehen darauf, dass jedes homöopathische Mittel für einen Patienten “individuell”, unter Berücksichtigung der Gesamtheit der dargelegten “Symptome” und auch der persönlichen Eigenschaften sowie der Konstitution des Patienten zu bestimmen ist. Nicht alle Homöopathen teilen diese Ansicht: Viele beliebte OTC-Homöopathika werden in großen Mengen verkauft und – allenfalls auf Rat der Apotheke – zur Selbstbehandlung verwendet (Kommentare zu diesem Prinzip sind im Anhang 1 Abschnitt II, enthalten).

  1. Homöopathie entstand in einer Zeit, als die wichtigsten Erkenntnisse von Chemie und Biologie – z. B. die Eigenschaften von Molekülen und die Existenz von Mikroben – noch unbekannt waren. Einige Wissenschaftler glaubten daher, dass die Materie unendlich teilbar ist und so erschien es für sie durchaus sinnvoll, von einer verdünnten Lösung in jedem beliebigen Grad zu sprechen.
    Homöopathische Verdünnungen beruhen auf der konsistenten Abnahme der Konzentration des Wirkstoffs, die oft bis zur vollständigen Abwesenheit einer „Lösung“ des ursprünglichen Stoffes geht. Als Voraussetzung für die angenommene Potenzierung gilt das systematische Verschütteln in allen Phasen der stufenweisen Verdünnung. Die chemisch-physikalische Forschung auf dem Gebiet der Physik und Chemie des 19. und 20. Jahrhunderts entdeckte die atomar-molekulare Struktur der Materie, woraus folgte, dass eine Potenzierung durch Verdünnung nicht beliebig durchführbar ist.Ein Mol eines Stoffes enthält ~ 6,02 × 10^23 Moleküle (Avogadro-Zahl). In einem homöopathischen Mittel mit einem Verdünnungsindex von C12 (= 100^12 = 10^24) wird ein Molekül des Grundstoffes nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 % (statistisch mit weniger als 1, nämlich mit 0,6 Molekül) enthalten sein. In einer typischen Dosis für die Herstellung homöopathischer Mittel verwendet man nur millionstel Liter der potenzierten Lösung je Dosis, so dass das statistisch vielleicht noch enthaltene einzelne Wirkstoffmolekül bei einer C12-Potenzierung nur eines von Millionen Globuli treffen wird. Gleichwohl empfohlen auch von Hahnemann und nach wie vor beliebt bei den Homöopathen ist eine Potenzierung von C30 (10^60) – dies ist physikalisch völlig sinnfrei, denn die ganze Erde enthält nicht mehr als 10^50 Moleküle.Vor das Problem gestellt, diese Hürde zu umgehen und die hohen Potenzierungen zu rechtfertigen, setzen Homöopathen auf viele spekulative Konzepte, die, wie zum Beispiel die Idee des “Wassergedächtnisses” durch angeblich prägende Eigenschaften einer homöopathischen Substanz in Abwesenheit seiner Moleküle – was keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhält (dazu Anhang 4 “Wissenschaftlich nicht nachweisbar – Über das Gedächtnis des Wassers” und Anhang 1).
  2. Es werden zwar einige homöopathische Medikamente aus Pflanzen gewonnen. Die Homöopathie darf aber nicht mit der Phytotherapie verwechselt werden, die mit messbaren, physiologisch wirksamen Wirkstoffdosen arbeitet. Andererseits existieren Präparate, die Wirkstoffe in homöopathischen (Kleinst-) Konzentrationen enthalten, ohne dass der Hersteller diese Produkte als homöopathisch kennzeichnet (siehe. Anhang No 1, Abschnitt XVI).
  3. Abgesehen vom Placebo-Effekt (Anhang 2 “Placebo-Effekt” und Anhang 1, Abschnitt IV), kann es keine Manifestation einer therapeutischen Wirkung eines Arzneimittels anders als durch chemische oder physikalisch-chemische Wechselwirkung mit biologischen Substraten geben, sei es in Organen, Geweben und Gewebezellen oder in Bezug auf eingedrungene Krankheitserreger.
    Intermolekulare Wechselwirkungen bestimmen die weitere Wirkung von Arzneimitteln auf allen Ebenen (von der zellulären Antwort bis zur Reaktion des ganzen Körpers). Plausible Mechanismen einer Wirkung von homöopathischen Mitteln auf molekularer Ebene oder den menschlichen Organismus als Ganzes existieren nicht.
  4. Im Interesse der Patienten nutzt die moderne Medizin einen evidenzbasierten Ansatz, bei dem Entscheidungen über den Einsatz von präventiven, diagnostischen und therapeutischen Interventionen auf der Grundlage der verfügbaren objektiven und zuverlässigen wissenschaftlichen Beweise für deren Wirksamkeit und Sicherheit getroffen werden. Dieser Ansatz eliminiert größtenteils alle Störfaktoren, die einen Wirksamkeitsnachweis beeinflussen könnten. Die (dogmatische) Beachtung von rein spekulativen Prinzipien, wie zum Beispiel des „Ähnlichkeitsprinzips”, sagt dagegen nichts über den therapeutischen Wert eines Arzneimittels aus. In der wissenschaftlichen Medizin wird der evidente Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit durch den Vergleich einer experimentellen und einer Kontrollgruppe von Patienten etabliert. Im einfachsten Fall erhält die erste Testgruppe das zu beurteilende Therapeutikum („Behandlung“), die zweite ein Placebo (äußerlich nicht zu unterscheiden von der echten Medikation). Voraussetzung ist eine Ähnlichkeit (Vergleichbarkeit) bei der Ausgangslage zwischen beiden Gruppen. Die Zugehörigkeit zu den Gruppen wird nach Zufallskriterien festgelegt. Weder die Patienten noch die Behandler und die Forscher erfahren, wer die Behandlung und wer das Placebo empfängt (doppelverblindete Studie).In allgemeinen klinischen Studien werden parallel in vielen Zentren auf möglichst breiter soziodemografischer Basis Patientenstichproben durchgeführt und das zu testende Mittel nicht nur einem Vergleich mit Placebo, sondern auch mit der bislang besten verfügbaren Behandlungsmethode unterzogen. Nur die strengste Einhaltung von Studiendesign und -dokumentation liefert wissenschaftlich belastbare Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit einer bestimmten Behandlung.Zusammengefasste Ergebnisse von Einzelstudien (Meta-Analysen) belegen die Abwesenheit von klinischer Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel.
    Zu diesen Ergebnisse kamen Forscher immer wieder. Eine der überzeugendsten und ehrgeizigsten Gesamtbetrachtungen von klinischen Studien zur Homöopathie stammt vom Medical Research Council of Australia und wurde im Jahr 2015 durchgeführt. Sie kam zu folgendem Ergebnis:”Es wurden keine Beweise gefunden, dass die Homöopathie in der Behandlung von Erkrankungen wirksam ist. Hierzu wurde die bisherige Forschung betrachtet. Es fand sich weder eine qualitativ hochwertige Studie mit einer ausreichenden Probengröße, noch kann bestätigt werden, dass der Homöopathie eine Wirksamkeit über Placebo hinaus zukommt …” [2]Die Kommission benennt noch weitere 13 im Ergebnis übereinstimmende Dokumente bzw. Veröffentlichungen [3].Bereits im Jahr 2010 kam der Ausschuss für Wissenschaft und Technologie des britischen Parlaments [4] zum gleichen Ergebnis: “Es gibt keine Beweise, dass die Homöopathie wirksam ist …”. Gleichlautend ferner eine Reihe von Bewertungen in Peer-Reviewed-Publikationen [5-7]. Zum Beispiel wurde in einem Lancet-Artikel aus 2005 gezeigt, dass bei den meisten der Studien, die homöopathischen Mitteln Effizienz bescheinigten, im Gegensatz zur Prüfung herkömmlicher Medikamente die „Effizienz“ nicht um den zu erwartenden Placeboeffekt bereinigt wurde. Umfragen, die die „beliebtesten homöopathischen Mittel“ untersuchten, zeigten gleichzeitig auch den Mangel an nachgewiesener Wirksamkeit [8]. Einzelnen Studien, die angeblich die Wirksamkeit einiger homöopathischer Mittel belegten, wurde Verletzung der wissenschaftlichen Methodik nachgewiesen. Bei weiteren stellte sich heraus, dass die Inhaltsstoffe der untersuchten Mittel fälschlicherweise als homöopathisch bezeichnet waren. Weitere Ergebnis waren nicht von unabhängigen Forschern vorgelegt worden (siehe Anhang 5: Einige Studien zur Homöopathie, die Fehler enthalten).

    Experimentelle Untersuchungen zur Wirksamkeit der Homöopathie wurden in der UdSSR im Jahr 1937 und von 1974 bis 1975 durchgeführt (siehe Anhang 3. „Die Geschichte der Homöopathie in der Umsetzung der nationalen Gesundheitssysteme“).

    (Einschub d. Übers. – Zitat aus der erwähnten Anlage 3, zur Orientierung über die bisherige Situation in Russland:

    „Der offizielle Status der Homöopathie in Russland während der zaristischen und sowjetischen Ära blieb unsicher und schwankend zwischen dem fast vollständigen Verbot und begrenzter Zulässigkeit in der privaten Praxis. Die Situation änderte sich dramatisch in den unruhigen Zeiten, als die Sowjetunion zerbrach und eine neue russische Staatlichkeit entstand. Alte Regulationsmechanismen kamen zum Erliegen, bevor neue greifen konnten. Während dieser Zeit wurde durch eine Reihe von Entscheidungen der Regierung der Homöopathie in Russland offiziell ein noch nie dagewesener Grad an Anerkennung zuteil – trotz des Fehlens jeder wissenschaftlichen Begründung.“)

    Im Jahr 2016 ist die US Federal Trade Commission (FTC) zu dem Schluss gekommen, dass “… die Aussagen über die Wirksamkeit der traditionellen homöopathischen Arzneimittel ausschließlich auf homöopathischen Arzneimittelprüfungen und Theorien beruhen, die von modernen medizinischen Experten nicht anerkannt werden und keinen zuverlässigen wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit darstellen” [9].

    Auf dieser Grundlage hat die FTC vorgeschlagen, die Werbung für homöopathische Mittel zu beschränken: Solange eine Bestätigung der Wirksamkeit homöopathischer Mittel durch angemessene Studien aussteht, sollte der Verbraucher darüber informiert werden, dass der „bewährte therapeutische Wert“ des Arzneimittels nicht nachgewiesen ist.

    Ähnliche Anforderungen an die Kennzeichnung von homöopathischen Medikamenten sind in einer aktuellen Entscheidung des Rates der Eurasischen Wirtschaftskommission 2016.03.11 76 “Drogen für medizinische Zwecke und Tierarzneimittel – Über die Genehmigung der Kennzeichnungsvorschriften” formuliert:

    “Bei der Etikettierung von homöopathischen Arzneimitteln im Rahmen des vereinfachten Registrierungsverfahrens müssen mindestens die folgenden Informationen gegeben werden: Aufnahme unter anderem: “Homöopathische Arzneimittel ohne zugelassene Indikationen für die Anwendung”; eine Warnung über die Notwendigkeit, einen Arzt zu konsultieren, sollten die Symptome der Krankheit anhalten.”

  5. Das Risiko der Homöopathie liegt darin, dass seine Befürworter oft die (rechtzeitige) Behandlung mit Mitteln von nachgewiesener Wirksamkeit vernachlässigen. Dies kann zu unerwünschten Ergebnissen führen, einschließlich Tod der Patienten [10, 11].
    Eine weitere Gefahr besteht darin, dass das Herstellungsverfahren von homöopathischen Arzneimitteln im Allgemeinen nicht so streng wie die pharmazeutische Produktion gehandhabt wird. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Hersteller können solche Präparate giftige Stoffe in gefährlichen Konzentrationen enthalten (siehe Anhang 1, Abschnitt VII). Im Jahr 2016 hat die FDA die Verbraucher vor der Verwendung von homöopathischen Globuli und Zahn-Gelen, die für Kinder gesundheitsgefährdend sein können, gewarnt [12].
  6. Somit basiert die Homöopathie auf theoretischen Positionen, die großteils direkt grundlegenden wissenschaftlichen Prinzipien und Gesetzen der Physik, Chemie, Biologie und Medizin widersprechen. Keinerlei empirische Daten aus unabhängigen, hochqualitativen klinischen Studien bestätigen die klinische Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln.
    Die Wissenschaft ist auf den plausiblen und konsistenten Aufbau eines Weltbildes gerichtet, das am besten den empirischen Tatsachen entspricht. Die Gesamtschau der Fakten aus verschiedenen Bereichen – über die Ergebnisse der klinischen Studien bis zu den modernen wissenschaftlichen Vorstellungen über die Struktur der Materie, den chemischen Grundlagen der intermolekularen Wechselwirkungen und der menschlichen Physiologie – ermöglicht uns die Schlussfolgerung, dass die theoretischen Grundlagen der Homöopathie keinen wissenschaftlichen Sinn haben und demzufolge homöopathische Diagnose und Behandlungsmethoden wirkungslos sind.In dem Bemühen, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen, erhebt die Homöopathie regelmäßig einen „alternativen“ wissenschaftlichen Anspruch für ihre eigenen Prinzipien und Methoden. Die Fortexistenz der Homöopathie trotz des Fehlens von zuverlässigen wissenschaftlichen Beweisen für ihre Wirksamkeit über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg wird auch durch die Tatsache erklärbar, dass ständig der Anspruch erhoben wurde, es gebe angeblich anwendbare wissenschaftliche Ansätze zu erkunden.Der Abgleich des „externen Szientismus“ der Homöopathie auf der einen Seite mit dem gemeinsamen System der heutigen gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis auf der anderen Seite ermöglicht es uns aber, die Homöopathie als eine pseudo- wissenschaftliche Disziplin zu qualifizieren.

Nähere Informationen zu häufig auftretenden Fragen sind in den Anhängen enthalten.


Liste der Anhänge

  1. Antworten auf häufig gestellte Fragen über die Homöopathie und die Argumente zu ihren Gunsten
  2. Über den Placebo-Effekt
  3. Die Geschichte der Homöopathie in der Umsetzung der nationalen Gesundheitsversorgung
  4. Über das Gedächtnis des Wassers
  5. Einige Studien zur Homöopathie, die Fehler enthalten
  6. Referenzliste

Textverweise:

  1. NHMRC releases statement and advice on homeopathy. Summary media release information. NHMRC Media Release, March 11, 2015.
    URL: https://www.nhmrc.gov.au/media/releases/2015/nhmrc-releases-statement-and- advice-homeopathy.
  2. NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. Canberra: NHMRC, 2015, 40 pp.
    URL: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02a_information_ paper.pdf.
  3. Homeopathy Review. NHMRC.
    URL: https://www.nhmrc.gov.au/health-topics/complementary-medicines/homeopathy- review.
  4. Evidence Check 2: Homeopathy. Fourth Report of Session 2009–10. House of Commons. Science and Technology Committee. London: TSO, 2010, 275 pp. URL: http://www.publications.parliament.uk/pa/cm200910/cmselect/cmsctech/45/45.pdf.
  5. Ernst E. Homeopathy: what does the «best» evidence tell us? Med J Aust 2010, 192(8):458–460.
  6. Shang A et al. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet 2005, 366(9487):726–732.
  7. Ernst E. A systematic review of systematic reviews of homeopathy. Br J Clin Pharmacol 2002, 54(6):577–582.
  8. Mathie RT et al. Homeopathic Oscillococcinum((R)) for preventing and treating influenza and influenza-like illness. Cochrane Database Syst Rev 2015.
  9. Homeopathic Medicine & Advertising Workshop Report, Federal Trade Commission, 2016.
    URL: http://www.ftc.gov/system/files/documents/reports/federal-trade-commission-staff- report-homeopathic-medicine-advertising- workshop/p114505_otc_homeopathic_medicine_and_advertising_workshop_report.pdf.
  10. Lim A et al. Adverse events associated with the use of complementary and alternative medicine in children. Arch Dis Child 2011, 96(3):297–300.
  11. Posadzki P et al. Adverse effects of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. Int J Clin Pract 2012, 66(12):1178–1188.
  12. FDA warns against the use of homeopathic teething tablets and gels. FDA news release, September 30, 2016. URL: http://www.fda.gov/NewsEvents/Newsroom/PressAnnouncements/ucm523468.htm.

Unterzeichner des Gutachtens:

Vladimir Anisimov, Mitglied der Kommission zur Bekämpfung der Pseudowissenschaft und Verfälschungen der wissenschaftlichen Forschung des Präsidiums der Russischen Akademie der Wissenschaften, korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, Doktor der Medizin, Professor, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Karzinogenese und Onkogerontologie FGBU, Onkologisches Forschungszentrum Petrova, Präsident der gerontologischen Gesellschaft der RAS, WHO-Experte, Experte der Internationalen Agentur für Krebsforschung, Experte beim Programm der Vereinten Nationen über das Altern.

sowie weitere 33 hochrangige Wissenschaftsvertreter aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen.


Übersetzer: Udo Endruscheit

Offener Brief des INH und des Wissenschaftsrats der GWUP zur “Ringvorlesung Homöopathie” der LMU München

In einer aktuellen Veröffentlichung bewirbt die Ludwig-Maximilians-Universität München eine Veranstaltungsreihe (Ringvorlesung) im Wintersemester 2016/17 zum Thema “Homöopathie: Von der Theorie zur Praxis – Mit Praxisbeispielen und Patientenvorstellungen”. Dabei handelt es sich, wie ein Blick in die Ankündigung zeigt, um eine Reihe von Vorträgen, die den “homöopathischen Ansatz” bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern vorstellen will.

Wir halten es für verfehlt, durch eine solche Veranstaltung der homöopathischen Methode zu akademischem Ansehen zu verhelfen, nachdem dies eigentlich längst als obsolet angesehen werden müsste:

  • 1939: Die von August Bier, einem seinerzeit führenden Homöopathen, durchgesetzte Einrichtung einer homöopathischen Fakultät an der Universität Berlin wird rückgängig gemacht – ausdrücklich wegen “Ergebnislosigkeit”.
  • 1958: Die gleiche Universität wehrt sich mit deutlichen Worten gegen den Versuch, diesen Lehrstuhl wieder aufleben zu lassen.
  • 1992: Die medizinische Fakultät der Universität Marburg weist in einer deutlichen Erklärung jede Relevanz der Homöopathie für den Wissenschaftsbetrieb zurück und verwahrt sich gegen ministerielle Bemühungen, Homöopathie in die Lehre einzubeziehen.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als befremdlich, dass die LMU den Lobbyisten vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte eine Plattform bietet, zumal diese mit Lehre und Forschung, den Grundaufgaben jeder Universität, offenbar wenig bis nichts zu tun hat. Leider. Denn wir sind durchaus der Ansicht, dass richtig verstandene Lehre auch in Bezug auf die Homöopathie an einer Universität Platz finden könnte, ja sogar müsste.
Lehren! Das würde für die Homöopathie bedeuten, sie im medizinhistorischen Kontext zu vermitteln, ihre Widersprüchlichkeiten und Unverträglichkeiten mit naturgesetzlichen Gegebenheiten zu erörtern und den fehlenden Wirkungsnachweis und die sogenannte Grundlagenforschung zur Homöopathie vorzustellen und zu diskutieren. Das wäre im Hinblick darauf zu begrüßen, dass angehende Mediziner dann auch auf diesem Gebiet mit solidem Wissen und nicht mit einem Bündel von nicht hinterfragten Vorurteilen ins Berufsleben starten.

Davon ist in der Ankündigung der LMU allerdings nichts zu finden. Stattdessen besteht die Ringvorlesung aus einer Abfolge von Veranstaltungen, in denen die “homöopathischen Ansätze” bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern präsentiert werden. Dabei reicht die Palette von einfachen selbstlimitierenden Erkrankungen wie Sinusitis bis hin zu schwersten Erkrankungen, sogar bis in den palliativmedizinischen Bereich. Die angekündigte Eingangsvorlesung “Geschichte und Philosophie der Medizin: Samuel Hahnemanns Begründung einer rationalen Heilkunde” wird wohl auch kaum zu einer methodenkritischen Einführung in die nachfolgenden Vorlesungen gedacht sein. So sind die angekündigten “Praxisbeispiele und Patientenvorstellungen” kein positives Merkmal, sondern bieten nur wieder die Möglichkeit, Homöopathie als “Erfahrungsmedizin” darzustellen.

Wir meinen:

  • Diese unkritische Behandlung der Homöopathie hat an einer wissenschaftlichen Fakultät nichts zu suchen.
  • Es ist mit dem Auftrag zu Forschung und Lehre unvereinbar, einer von der überwältigenden Mehrheit der weltweiten Forschungsgemeinde als spezifisch arzneilich unwirksam eingestuften Methode eine oberflächlich-werbende Darstellung zu geben.
  • Es wäre allenfalls geboten, die Homöopathie gut wissenschaftlich im Sinne einer Erörterung und Falsifikation ihrer Annahmen zu behandeln.
  • Das aktuelle Vorgehen entspricht nicht der Verantwortung der Hochschule gegenüber Studierenden und Patienten.

Unterzeichner:

Für das INH

Dr. Norbert Aust
Udo Endruscheit (Verfasser)
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Dr. Natalie Grams
Amardeo Sarma
Prof. Dr. Norbert Schmacke

Für den Wissenschaftsrat der GWUP

Prof. Dr. Michael Bach
Prof. Dr. Dr. Ulrich Berger
Lydia Benecke
Prof. Dr. Peter Brugger
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Prof. Dr. Dittmar Graf
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Wolfgang Hell
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann
Prof. Dr. Johannes Köbberling
Prof. Dr. Walter Krämer
Prof. Dr. Martin Lambeck
Dr. Rainer Rosenzweig
Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer
Dr. Barbro Walker
Dr. Christian Weymayr
Dr. habil. Rainer Wolf


Weitere aktuelle Stellungnahmen:

Blogbeitrag bei Edzard Ernst (auf Englisch) hier

Kritischer Kommentar von Wissenschaftsjournalist Werner Bartens in der Südeutschen Zeitung hier

Interessanter älterer Beitrag zur Homöopathie an der LMU auch im Laborjournal hier


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