Reaktionen auf das Positionspapier der EASAC – europaweit und mit Natalie Grams

Die Reaktionen auf das Positionspapier des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademien zur Homöopathie sind europaweit zu spüren. Die Homöopathievertreter versuchen, in Eile Gegenpositionen aufzubauen.

Die französische Ausgabe des Nachrichtenportals 20minutes hat hierzu bereits mehrfach Beiträge erscheinen lassen – und für den neuesten auch Natalie Grams befragt. Hier die Übersetzung des Originalbeitrages:

 

Mangelnde Wirksamkeit, Schadenspotenzial, Illusion von Wirksamkeit… Warum widersteht die Homöopathie allen Kontroversen?

Die Homöopathie hat viele begeisterte Anhänger, obwohl ihr vorgehalten wird, wirkungslos zu sein, sogar potentiell schädlich, indem sie Patienten von der normalen Medizin fernhält…

  • Ein am 20. September veröffentlichter Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademien – EASAC verweist auf die Schädlichkeit und Ineffektivität der Homöopathie.
  • Die Experten fordern, dass homöopathische Mittel nicht mehr von Krankenkassen erstattet werden und dass auch die Werbung für Homöopathie vom wissenschaftlichen Wirkungsnachweis abhängig gemacht wird.
  • Obwohl die meisten Studien darauf hindeuten, dass Homöopathie keine anderen Ergebnisse als Placebo aufweist, erhöht sich die Anhängerschaft der Methode – enttäuscht von der „normalen“ Medizin.

Eine Wunderheilung oder ein Trank aus einem Zauber- oder Hexenbuch dürfte wohl ebenso viele Anhänger und Kritiker auf den Plan rufen wie die Homöopathie. Der jüngste Bericht des Wissenschaftlichen Beirates der Akademien der europäischen Wissenschaften (EASAC), der am 20. September veröffentlicht wurde, kommt nicht nur zu dem Schluss, dass es “keine stichhaltigen Beweise” für die Wirksamkeit homöopathischer Produkte gibt, sondern weist auch auf deren potenzielle Schädlichkeit hin. Eine Überdosierung homöopathischer Mittel kann zwar die Gesundheit nicht schädigen, aber verhindern, notwendige medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen.

Umstrittene Wirksamkeit

Natalie Grams glaubte felsenfest an die Homöopathie. Sie hatte ihren Beruf daraus gemacht, bevor sie Gegnerin der Methode wurde. Die ehemalige Homöopathin, heute in Deutschland eine Institution zu Informationen über diese alternativmedizinische Methode, beharrt darauf, dass “keine wissenschaftliche Studie jemals die Wirksamkeit der Homöopathie gezeigt hat. Vielen Anhängern ist völlig unbekannt, dass bei all den homöopathischen ‘Behandlungen’ keinerlei Wirkstoffe im Endprodukt, dem homöopathischen Arzneimittel, enthalten sind”.

“Dies war mir als Homöopathin durchaus bewusst, aber es war mir nicht wichtig, weil ich davon überzeugt war, dass diese Mittel irgendeine wirksame Form von Energie oder Heilkraft enthielten. Ich erkannte, dass dies nicht stimmt, als ich selbst recherchierte “, erinnert sie sich.

Wissenschaft versus persönliche Erfahrung

„Warum hat die Homöopathie in den letzten vierzig Jahren jeder Kontroverse standgehalten?“ fragt Florent Martin, Mitglied des Observatioire Zététique (einer französischen Skeptikervereinigung, die sich vor allem mit der Entlarvung „paranormaler Phänomene“; aber auch mit Pseudomedizin beschäftigt).

“Auf der einen Seite haben wir Wissenschaftler, die beweisen, dass Homöopathie unwirksam ist und auf der anderen Seite haben wir eine Öffentlichkeit, die aufgrund persönlicher Erfahrungen jeden Tag zum gegenteiligen Schluss kommt – ‘in der Praxis’. Das Problem liegt darin, dass die beiden Lager unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Wissenschaftler messen die eigene spezifische Wirksamkeit der Mittel (gegen ein Placebo), während die Öffentlichkeit einfach nur Zufriedenheit äußert. Doch man kann durchaus mit einem Produkt zufrieden sein, das nicht funktioniert oder wirkt, darauf beruht die ganze Daseinsberechtigung (und die Stärke) von Marketing und Werbung. Die Menschen fühlen sich besser und schreiben diese Verbesserung der Homöopathie zu, während sie in 8 von 10 Fällen „spontan“ geheilt wurden, weil das Problem nicht ernsterer Natur war. Hunderte von klinischen Studien zeigen jedoch, dass das Niveau der Zufriedenheit bei der Verabreichung eines Placebos (Rohglobuli, auf denen keine homöopathische Lösung aufgebracht ist) gleich ist. Eben dies lässt Wissenschaftler sagen, dass es keine eigenen, spezifischen Wirkungen der Homöopathie gibt.”

In seinem Bericht fordert der EASAC, dass Globuli nur erstattet werden dürfen, wenn sie nachweislich sicher und wirksam sind und dies durch strenge Tests nachgewiesen wurde. In Deutschland haben die Krankenkassen (gemeint ist die neue Witt et al.-Studie) die Wirtschaftlichkeit der Homöopathie unter die Lupe genommen und die Ergebnisse ihrer Befragungen zeigen, dass sie nicht nur medizinisch ineffektiv ist, sondern auch die Gesundheitskosten nicht senkt!

Die potenzielle Schädlichkeit der Homöopathie

Homöopathische Arzneimittel sind zwar nicht gesundheitsschädlich, wenn die Einnahme über die üblicherweise winzigen Mengen an Wirkstoff nicht hinausgeht. Obwohl der EASAC-Bericht auf den “Mangel an soliden und reproduzierbaren Beweisen für die Wirksamkeit” der Homöopathie hinweist, kann diese Alternativmedizin doch eine potenziell schädliche Wirkung haben.

Die Öffentlichkeit ist enttäuscht von der Allgemeinmedizin: „Ärzte haben sehr wenig Zeit für Patienten, die den Eindruck haben, nur eine Nummer auf einer langen Liste zu sein”, sagt Natalie Grams. Wenn Sie zu einem Homöopathen gehen, der Zeit für Sie hat, um Ihnen zuzuhören, werden Sie schnell das Gefühl haben, dass es Ihnen schon besser geht. Und die Menschen fühlen sich zu dieser Art ‚magischen Denkens‘ hingezogen, das die Homöopathie vermittelt, es hat einfach etwas Tröstliches.“

Verzögerung einer ärztlichen Konsultation oder unangemessene Behandlung der Krankheit

„Außerdem ist der Rückgriff auf die Homöopathie für einige Menschen neben einer Reaktion auf eine als ‚kalt‘ empfundene moderne Medizin eine Möglichkeit, ihren Widerstand gegen eine als ‚Chemie‘ angesehene Medizin zum Ausdruck zu bringen”, ergänzt Florent Martin. Ein Gedankengang, der nicht ohne Folgen ist, “indem er den rechtzeitigen Gang zum Arzt oder den Beginn einer angemessenen Behandlung verzögern kann”, befürchtet Natalie Grams.

Im Mai letzten Jahres starb ein siebenjähriger Junge an den Folgen einer ausschließlich homöopathisch behandelten Mittelohrentzündung. “Nicht die Homöopathie hat diesen kleinen Jungen getötet, sondern die Illusion ihrer Anwender, man würde damit angemessene Fürsorge leisten – diese Illusion kann tödlich sein”, warnt Florent Martin, der auch Vorträge über Homöopathie hält. „Die Irrationalität der Homöopathie hilft nie weiter, denn sie beruht auf einem Glauben”, ergänzt er. „Und in der Medizin geht es nicht darum zu glauben, sondern zu wissen.“

Verkauf von Medikamenten an nicht kranke Menschen

Die Boiron Laboratoires, der weltweit führende Homöopathiekonzern, ärgern sich über die “Kritiker der Homöopathie [die] immer dasselbe sagen”, wie der Geschäftsführer des Familienunternehmens Christian Boiron, erklärt. Konfrontiert mit dem Vorwurf der Vermarktung von Produkten, die therapeutisch nicht mehr leisten als ein Placebo, präsentierte Boiron am 4. und 5.10.2017 die Ergebnisse einer großen Studie, nach der Verwender homöopathischer Mittel “in der Regel eine bessere körperliche Gesundheit aufweisen (…), mehr Wert auf eigenverantwortliche Gesundheitsvorsorge legen und einen allgemein ganzheitlicheren Gesundheitsansatz haben”.

Florent Martin sagt, damit ist man weit von der Realität entfernt. Die Stärke der Homöopathie-Lobby bestehe darin, Medikamente, die zur vorbeugenden Behandlung angeboten werden, an Menschen zu verkaufen, die nicht krank sind und die davon überzeugt sind, dass sie gerade wegen der Homöopathie gesund sind”, sagt er. (Was uns überrascht – Homöopathika zur Prävention werden zwar in Deutschland auch angeboten, dürften aber nur ein Randphänomen darstellen. Hier bezieht man sich offenbar auf Boirons Produkt Oscillococcinum, das auch zur Prävention von Grippe eingestzt wird – aber als Entenleber C200 wohl nichts ist als Zucker.

Diese Beobachtung wird von den europäischen Experten geteilt, die fordern, dass homöopathische Produkte wie alle anderen Arzneimittel “überprüfbare und objektive Beweise” sowohl für Sicherheit als auch für Qualität vorweisen müssen.


 

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch ein weiterer Artikel auf dem gleichen Portal, der sich mit der erwähnten Boiron-Studie zur „Wirksamkeit“ der Homöopathie befasst. Wir geben ihn übersetzt auszugsweise wieder:

20 minutes / 4.10.2017

Homöopathie: Neuer Bericht zeigt Ineffektivität und Schädlichkeit

[…]

Die von Boiron gesponserte Studie mit dem Namen EPI 3 sollte eine Einschätzung für die Rolle der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen liefern, ist aber nicht imstande, die allgegenwärtige Frage nach der Wirksamkeit der Homöopathie zu beantworten.

Von 2005 bis 2012 wurden 825 Ärzte und 8.559 Patienten mobilisiert und drei Indikationen behandelt: Infektionen der oberen Atemwege, Muskel-Skelett-Schmerzen und Angst- und Schlafstörungen, die zusammen 50% der Behandlungsfälle bei Allgemeinärzten in Frankreich ausmachen.

Es zeigt sich, dass bei diesen drei Indikationen homöopathisch behandelte Patienten den gleichen klinischen Verlauf und die gleichen Komplikationen aufweisen wie konventionell behandelte Patienten. Aber mit einem Medikamentenkonsum, der halb so hoch ist (oder sogar -bei Psychopharmaka – dreimal geringer).

Die Studie stellt jedoch fest, dass “die Patienten von homöopathischen Ärzten im Allgemeinen eine bessere körperliche Gesundheit zeigen (…) und häufiger psychische Beschwerden zum Ausdruck bringen. Sie schätzen ihre eigene Beteiligung an der Gesundheitsvorsorge höher ein und haben einen allgemein ganzheitlicheren Ansatz in Gesundheitsfragen.“ […]

“Ich bin seit 47 Jahren im Unternehmen und Homöopathiekritiker sagen immer dasselbe”, sagte Christian Boiron, Geschäftsführer des Familienunternehmens, auf die Frage nach dieser Kritik. “Ich werfe ihnen aber gar nicht vor, dass sie die Homöopathie kritisieren, sondern dass sie die Kritik nur unzureichend begründen.“ (sic!) […]

“Wir waren überrascht, dass wir so gute Ergebnisse erzielen konnten”, sagte Valérie Poinsot, Executive Vice President von Boiron. Diese Studie “zeigt, dass homöopathische Arzneimittel wirksam sind. Für Ärzte, die Homöopathie anwenden, stellen wir Medikamente her, die ihnen eine gute Behandlung ermöglichen.“ Ferner stellt die Studie fest, dass ein homöopathisch behandelter Patient der Sozialversicherung 35% weniger kostet, unter Berücksichtigung der Kosten für Behandlung/Beratung und Verordnung. […]


Wir meinen:

Wie aus dem zitierten Ergebnis der Studie eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathie herausgelesen werden kann, das bleibt das Geheimnis von Herrn Boiron. Erstaunlich auch sein Vorwurf an die Kritiker: Inzwischen 13 nationale und internationale wissenschaftliche Akademien oder größere Gremien weltweit haben inzwischen ein klar negatives Urteil über die Homöopathie gefällt, aber Herrn Boiron fehlt die Begründung. Dass die Kritiker immer das Gleiche sagen, kann auch daran liegen, dass die Homöopathie diese Argumente bislang nicht widerlegen konnte.

Ohne eine nähere Betrachtung der Studie drängen sich folgende Überlegungen auf:

  • Welchen Schluss soll man aus dem Ergebnis „gleicher klinischer Verlauf und gleiche Komplikationen“ ziehen? Allenfalls liegt nahe, dass es sich um Indikationen auf der Grenze zwischen Krankheit und Befindlichkeitsstörung gehandelt haben dürfte, die einer spezifischen Therapie oft kaum bis nicht zugänglich sind. Beim Vergleich mit einer Gruppe ohne jede Behandlung dürfte sich das gleiche Ergebnis eingestellt haben.
  • Wie man aus der Art der Darstellung des Ergebnisses schließen kann, handelt es sich wieder einmal um eine Beobachtungsstudie, die vom Ansatz her zum Nachweis spezifischer Wirkungen nicht geeignet ist.
  • Wenn die homöopathischen Patienten eine „bessere körperliche Gesundheit“ zeigen, steht schon einmal die Vergleichbarkeit mit der Verumgruppe in Frage.
  • Wenn die homöopathischen Patienten „häufiger psychische Störungen zum Ausdruck bringen“ und gleichzeitig die Gabe von Psychopharmaka in dieser Gruppe um ein Drittel geringer ist als in der Verumgruppe, stellt das nicht nur ebenfalls die Vergleichbarkeit in Frage, sondern könnte auch darauf hindeuten, dass homöopathisch versorgte Patienten schlicht und einfach keine adäquate Therapie für ihre psychischen Probleme erhalten haben.
  • Wie der mengenmäßige Vergleich zwischen Homöopathiegruppe und konventionell behandelter Gruppe bewertet wurde, ist nicht bekannt. Globuligaben, für die es keine feststehenden Dosierungsvorschriften gibt und pharmazeutische Medikamente von der “Menge” her zu vergleichen, ist problematisch. So haben ähnliche Untersuchungen teilweise die Verschreibungshäufigkeit, teilweise die Anzahl der eingenommenen Dosen, teilweise die Kosten der Verordnungen “verglichen”. Außerdem dürfte es nicht überraschen, dass homöopathische Ärzte an ihre homöopathieaffinen Kunden mehr Homöopathika und weniger konventionelle Medikamente abgeben als konventionelle Ärzte – ähnlich dem Befund, dass ein Metzger seinen Kunden mehr Fleisch und weniger Brot verkauft als ein Bäcker.
  • Eine „höhere Einschätzung der eigenen Beteiligung an der Gesundheitsvorsorge“ ist ein ebenso a priori typisches Merkmal für homöopathiegeneigte Patienten wie auch der berühmte, nichtsdestoweniger auf einer Leerformel beruhende „ganzheitliche Ansatz“ – hat aber für die Frage der spezifischen Wirksamkeit der Homöopathie ebenfalls keinerlei Bedeutung.

Nichts von alledem enthält auch nur die Spur eines Hinweises für eine spezifische Wirkung von Homöopathie. Was die Aussage eines Kostenvorteils für die Homöopathie von 35 Prozent selbst für den Fall bedeutungslos macht, dass sie belastbar ermittelt worden wäre: Denn Nichts ist immer zu teuer.

 

Übersetzung: Udo Endruscheit
Kommentierung: Udo Endruscheit, Norbert Aust

Offener Brief an den DZVhÄ in Bezug auf die EASAC-Stellungnahme

Über das abschließende Urteil des Beirats der Wissenschaftlichen Akademien der Europäischen Gemeinschaft zur Homöopathie haben wir an dieser Stelle berichtet, auch über Reaktionen dazu. Offenbar unvermeidlich, hat sich auch der Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte zur EASAC auf seinem Portal Homöopathie online geäußert. Parallel dazu ist eine Stellungnahme des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie (BPI) (englisch) erschienen, auf die sich der DZVhÄ auch bezieht – der Bundesverband nimmt in recht scharfer, jedenfalls unmissverständlich homöopathiefreundlicher Form Stellung gegen die Äußerungen der EASAC.

Das INH hat auf die Publikation des DZVhÄ mit dem nachfolgenden öffentlichen Brief reagiert:

An den

Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ)
per Email
21.10.2017

Homöopathie-Online, 11. Oktober 2017:
„EASAC: Arbeitsgruppe kritisiert Homöopathie mit einseitiger Studienauswahl“

Sehr geehrte Damen und Herren,

wieder einmal hat sich ein namhaftes Gremium kritisch zur Homöopathie geäußert und Sie sehen sich in der Pflicht, dazu Stellung zu nehmen. Bezeichnenderweise berufen Sie sich dabei auch auf eine Publikation des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie, einer Lobbyorganisation, die ja eigentlich das Feindbild der homöopathischen Zunft darstellt.

Wieder einmal ist Ihre Kritik nur sehr oberflächlich und vermittelt Ihren Lesern einen völlig unzutreffenden Eindruck des wirklichen Sachverhalts. Dies bezieht sich nicht nur auf Ihre Gegenargumentation, sondern auch darauf, wie Sie die Kritik beschreiben.

Kritiker ist diesmal das European Academies Science Advisory Council (EASAC), ein Beratungsgremium der Europäischen Union, in dem die nationalen Akademien der Wissenschaften der EU-Länder sich zusammengeschlossen haben. Sie bemängeln, dass die Arbeitsgruppe, die die Stellungnahme verfasst hat, „nur aus elf Wissenschaftlern“ bestand – wobei Sie übersehen haben, dass auch der Sekretär als Zwölfter nicht nur reine Schreibkraft war. Man fragt sich allerdings, was Sie eigentlich erwarten: Der Organon der Heilkunst wurde, wie vielleicht erinnerlich, nur von einer Person verfasst. Das Papier ist eine offizielle Veröffentlichung der EASAC und damit eine Empfehlung an die Regierungen der EU und der Einzelstaaten.

Es lohnt ein Blick auf die Autoren: Es handelt sich samt und sonders um hochrangige Wissenschaftler aus verschiedenen Gebieten der Medizin, der Biochemie und der Pharmazie, jeder Professor oder emeritierter Professor. Da ist die Spitze der europäischen Life-Sciences versammelt. Sehr aufschlussreich wäre vielleicht ein Blick auf die Forschungspreise im Wikipedia-Eintrag zu Volker ter Meulen, dem Vorsitzenden der Arbeitsgruppe. Natürliche Standardkritik Ihrerseits: Da war kein Homöopathie-Forscher involviert. Was wahrscheinlich daran liegt, dass es noch kein Homöopathie-Forscher geschafft hat, in eine der Europäischen Akademien der Wissenschaften aufgenommen zu werden. Wobei wir offen lassen möchten, woran das wiederum liegen mag – Machenschaften der Pharmalobby scheiden ja irgendwie aus.

Die EASAC stellt auf Grundlage ihrer Analyse die Forderung auf, die jeder Lebensmittelhersteller erfüllen muss, der gesundheitsbezogene Aussagen zu seinen Produkten macht, für Sie aber doch eine Zumutung zu sein scheint: dass nämlich die behauptete gesundheitliche Auswirkung auch nachgewiesen werden muss. Und dass die Patienten nicht über den wahren Sachverhalt getäuscht werden sollen, etwa durch Verpackung und Werbung.

Die durchgeführte Analyse bestand nicht nur darin, wie sie deutlich verkürzt schreiben, dass man nur einseitig ausgewählte Studien gelesen habe und die positiven Studien und Meta-Analysen weggelassen habe. Dies wirft zunächst die Frage auf, welche positiven Meta-Analysen es denn eigentlich zur Homöopathie gibt, wir kennen keine einzige, in der die Wirksamkeit homöopathischer Präparate über Placebo hinaus entweder für die Homöopathie als Ganzes oder auch nur für eine einzige Indikation überzeugend nachgewiesen worden wäre. Wir verweisen hierbei auf frühere Kontakte und unser Angebot einer Diskussion, das Ihr Herr Behnke trotz seiner abweichenden Sichtweise bislang nicht aufgreifen wollte.

Es sei darauf hingewiesen, dass die Oberflächlichkeit, die Sie der Arbeitsgruppe des EASAC unterstellen, nicht gegeben ist: Man hat sich nicht nur auf die besagten Studien abgestützt, sondern auch die wesentlichen Forschungsbeiträge gesichtet, die sich mit den Grundlagen der Homöopathie befassen, dazu weiteren wichtigen Aspekten wie Sicherheit, Kennzeichnung und Vermarktung sowie Anwendung in der Tiermedizin.

Aber alles das beiseite: Sie schreiben – aus unserer Sicht ungerechtfertigt – dass die Wirksamkeit der Homöopathie bereits bestätigt wurde (Nein, Ihre Aussage zur Situation in der Schweiz ist falsch, dort wurde die Wirksamkeit zwar überprüft, die Homöopathie wird aber trotz des vorliegenden Ergebnisses und ohne die eigentlich vorgesehene neuerliche Überprüfung der Wirksamkeit in die Grundversicherung aufgenommen.). Warum, so ist zu fragen, legen Sie dann diese Belege nicht vor? Warum bestehen Sie auf dem Schutzzaun des AMG, das Ihnen und zwei anderen besonderen Therapierichtungen zubilligt, die Wirksamkeit nicht nachweisen zu müssen?

Die Analyse der EASAC hat nicht zu neuen Kritikpunkten geführt, das ist richtig. Das mag darin begründet sein, dass substantielle Kritikpunkte, die nicht aufgegriffen und verfolgt werden, sich üblicherweise nicht mit der Zeit von alleine erledigen. Ihre Sicht, die EU hätte mit ihren Regularien diese schon älteren Kritikpunkte hinreichend adressiert, ist hingegen eindeutig falsch:
• Die Wirksamkeit homöopathischer Präparate muss derzeit nicht nachgewiesen werden,
• Krankenkassen übernehmen trotz knapper Mittel die Kosten,
• die Kennzeichnung der Inhaltsstoffe ist für den Laien nur schwer verständlich, etwa, dass kein Wirkstoff enthalten ist,
• die Werbung für Homöopathika ist weitgehend unreguliert, das heißt, dass zwar direkt mit dem Produkt nicht auf die Indikationen hingewiesen werden darf, dies aber sehr viele Möglichkeiten des Unterlaufens offen lässt, sei es durch Sponsoring für einschlägige Vorträge und Webseiten, Unterstützung bei Ratgeberliteratur oder direkte Schulung von Ärzten, Heilpraktikern, Hebammen, Apothekern und anderen Trägern des öffentlichen Gesundheitswesens.
Dies alles sind aktuelle Defizite der heute in Deutschland gültigen gesetzlichen Vorgaben – auch wenn die Kritikpunkte selbst schon älter sind.

Aber eines freut uns doch sehr: Wir haben jetzt eine zitierfähige Quelle dafür, dass die Homöopathen mit der Pharmalobby zusammenarbeiten – und wir damit belegen können, dass wir nicht aus diesen Kreisen unterstützt werden.

Viele Grüße

Natalie Grams
Norbert Aust
Udo Endruscheit

“Von der praktizierenden Homöopathin zur Wissenschaftsaktivistin” – Artikel über Natalie Grams bei den französischen Skeptikern (AFIS)

Die Zeitschrift “Science & Pseudo-Sciences”  der französischen Skeptiker-Organisation Association française pour l’information scientifique (AFIS) hat in ihrer Ausgabe April-Juni 2018 einen umfangreichen Artikel zu Dr. Natalie Grams und der Homöopathiekritik in Deutschland veröffentlicht. Wir freuen uns, ihn hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der SPS / AFIS in deutscher Übersetzung veröffentlichen zu dürfen:


 

Science & Pseudo-Sciences – Nr. 324 – April / Juni 2018
Zeitschrift der Association française pour l’information scientifique (AFIS)
_________________

Natalie Grams: Von der praktizierenden Homöopathin zur Wissenschaftsaktivistin

von Ariane Beldi – SPS Nr. 324, April / Juni 2018

Die Homöopathie, wie auch andere sogenannte alternative oder komplementäre Medizin, erfreut sich in Europa seit mehreren Jahrzehnten wachsender Beliebtheit. Doch auch in Deutschland, dem Land, in dem der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, im 18. Jahrhundert geboren wurde, beginnen kritische Stimmen laut zu werden, nicht ohne erheblichen Wirbel zu verursachen.

Unter diesen Kritiken erregte vor allem eine Person die Aufmerksamkeit der Medien: Natalie Grams. Die seinerzeit in Heidelberg sehr geschätzte praktizierende homöopathische Ärztin wurde von zwei Journalisten interviewt, die 2012 ein Buch veröffentlichten, das eine große Debatte auslöste: „Die Homöopathie-Lüge“ [1].

Die Lektüre des dann veröffentlichen Buches brachte sie außerordentlich in Rage. Sie beschloss, eine Antwort zu verfassen, um Punkt für Punkt und auf der Grundlage wissenschaftlicher Beweise zu widerlegen, was sie für völlig falsche Behauptungen der beiden Autoren hielt. Ihre Lektüre der wissenschaftlichen Literatur und ihre Treffen mit Experten führten jedoch zu einem völlig anderen Ergebnis als sie selbst erwartet hatte. Was eine rigorose Verteidigung der Homöopathie sein sollte, ist zu einer wissenschaftsbasierten Demontage der Homöopathie geworden (in ihrem ersten Buch „Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft) [2].

Wir stellen hier eine Zusammenfassung dieser intellektuellen und beruflichen Laufbahn vor, wie sie Grams in der deutschen und schweizerischen Presse selbst berichtet hat. In der Tat verdient diese für eine Homöopathin ebenso überraschende wie ungewöhnliche Entwicklung unsere Aufmerksamkeit.

Von der Homöopathie zur Wissenschaft

Mit „Gesundheit!“, ihrem zweiten Buch, trat Natalie Grams in eine neue Phase ihres hektischen Lebens als skeptische Aktivistin ein.

Schon seit etwas mehr als einem Jahr (vor Erscheinen dieses zweiten Buches) löste jeder ihrer Medienauftritte eine Lawine wütender Kommentare auf Online-Portalen oder sozialen Netzwerken im deutschsprachigen Raum aus. Sie hatte etwas getan, was ihre Kollegen und einen Großteil der Öffentlichkeit zutiefst schockiert hat: Sie veröffentlichte eine Infragestellung der Prinzipien der Homöopathie. Zuvor hatte sie diese fast zehn Jahre lang selbst erfolgreich ausgeübt.

Die Veröffentlichung dieses Buches nach dem Buch „Die Homöopathie-Lüge“ (erschienen 2012) löste umso heftigere Reaktionen aus, als es -anders als im Falle der Autoren der „Homöopathie-Lüge“ – viel schwieriger war, ihr Inkompetenz vorzuwerfen, da sie selbst lange Zeit homöopathisch praktiziert hatte. Im Gegensatz zu dem, was manche Kritiker glauben machen wollen, war sie keineswegs eine gescheiterte und frustrierte Homöopathin, die in einem leeren Sprechzimmer vegetierte und von Patienten verachtet wurde. In Handschuhsheim, einem wohlhabenden Stadtteil Heidelbergs, war sie ganz im Gegenteil sehr beliebt und erhielt sogar höchste Punktzahlen auf einer Ärztebewertungsseite [3]. Die Heftigkeit der Reaktionen auf ihr Buch entspricht dem, dass manche sie für eine regelrechte Verräterin halten. [4].

Als die Homöopathie als rationale Alternative erschien

Denn Natalie Grams war schon lange eine überzeugte Homöopathin. Sie fand zu dieser Therapiemethode in den 1990er Jahren während ihres Medizinstudiums in München. Damals war sie in einen Autounfall verwickelt, den sie zwar ohne schwere Verletzungen überstand, aber gleichwohl mit belastenden Folgen, die ihr das Leben schwer machten. Auf Anraten von anderen Fakultätsmitgliedern begann sie, eine Homöopathin wegen ihrer Beschwerden und Ängste zu konsultieren. Ihre Probleme verschwanden recht schnell nach Beginn der Behandlung [5].

Sie schloss daraus auf eine Wirksamkeit der Homöopathie. Dies erschien ihr umso faszinierender, als sie damals mit der zunehmenden Rationalisierung der konventionellen Krankenhausmedizin konfrontiert wurde. Sie sagte der ZEIT, dass sie während ihres praktischen Jahres jedem Patienten, den sie während ihrer Arbeitszeit sah, nur zwei bis drei Minuten widmen konnte. Ein solcher Konsultationsrhythmus entsprach einfach nicht dem, was sie zu diesem langen Studium veranlasst hatte: Dem Wunsch, anderen zu helfen. So entschied sie sich nach ihrem Medizinstudium, sich ausschließlich auf die Praxis der Homöopathie zu konzentrieren [5].

Sie berichtet auch, dass das Medizinstudium, jedenfalls in ihrer Zeit, viel “Auswendiglernen” war. Die wissenschaftliche Methodik wurde nicht wirklich gelehrt. Das Paket des medizinischen Wissens wurde ihr präsentiert, mit der Autorität der Wissenschaft, ohne dass sie dazu ermutigt wurde, dessen Entstehung, Grundlagen und Zusammenhänge zu verstehen. Die homöopathische Lehre, die sie parallel zu ihrem Medizinstudium erlernte, erschien ihr daher gar nicht grundlegend anders (als die als reines Wissen gelehrte Hochschulmedizin) [3].

Der schwierige Weg zur Rationalität

Natalie Grams hat ihre so erfolgreiche Karriere – wie einige Kritiker behaupten – durchaus nicht aufgegeben, weil sie nichts von Homöopathie verstanden hätte. In Wirklichkeit hat sie einfach einen Schritt vollzogen, den Homöopathen eher vermeiden: Die Konfrontation mit der Wissenschaft. Sie begriff, dass dieser fast 200 Jahre alte Therapieansatz heute keine wissenschaftliche Grundlage hat. Obwohl tief erschüttert, warf sie einen traurigen Blick zurück auf ihre bisherige Karriere und beschloss, die Sache völlig neu zu überdenken [2].

So entschied sie sich, ihre Praxis zu schließen. Heute befindet sie sich in keiner einfachen beruflichen Situation. Außerdem ist sie mit Verbindlichkeiten aus ihrer alten Praxis belastet. Sie musste mit ihrer Familie ihre frühere Wohnung aufgeben. Diejenigen, die behaupten, dass sie von Big Pharma bezahlt wird, um Anti-Homöopathie-Propaganda zu machen, haben ersichtlich keine Vorstellung davon, wie völlig deplatziert ihre Anschuldigungen sind. [3]

Aber diese Position der Ex-Homöopathin, die eigene Prinzipien und eigene Überzeugungen in Frage gestellt hatte, erlaubte es ihr auch, das Informationsnetzwerk Homöopathie ins Leben zu rufen [6]. Nachdem sie lange selbst an die Wunder der homöopathischen Therapie geglaubt hatte, weiß sie genau, wie dieses Milieu funktioniert und welche Motivationen diejenigen haben, die sie selbst anwenden oder therapeutisch aktiv sind. Sie weiß daher sehr gut, wie man Informationen zur Homöopathie präsentiert, um deren Anhänger anzusprechen –  einerseits ohne sie zu entmutigen, andererseits, um eine wissenschaftliche, besonnene und objektive Perspektive zu vermitteln [7].

Die Tabus der Homöopathie brechen

Grams’ Buch trägt nicht umsonst den Titel „Homöopathie neu gedacht” [8]. In ihrer Präsentation vor der Presse betont sie den im Grunde unverständlichen Dogmatismus der Erben von Samuel Hahnemann (1755-1843), dem Begründer der Homöopathie. Er kannte damals weder Bakterien noch Viren noch Parasiten. Als er seine Methode entwickelte, die er 1810 in seinem „Organon der Heilkunst“ beschrieb, suchte er eine Alternative zu den medizinischen Behandlungen, die damals oft gefährlicher waren als das Übel, das sie heilen sollten. Aber er tat es mit den Mitteln, die er damals hatte. In den nächsten 200 Jahren hat die Wissenschaft, insbesondere die Medizin, bedeutende Fortschritte gemacht und Paradigmen entwickelt, die den Grundlagen der Homöopathie völlig widersprechen. Davon ist Natalie Grams überzeugt: Würde Hahnemann heute wieder auferstehen und moderne Medizin studieren, würde er den homöopathischen Ansatz als völlig überholt und auf falschen Prinzipien beruhend ablehnen [3].

Alte Prinzipien, nie bewiesen, aber von der Wissenschaft widerlegt

Gleiches gilt für die seit Aristoteles bekannte und von großen Namen wie Paracelsus (1493-1541), dem berühmten Renaissance-Arzt,-Chirurgen und Alchemisten, vertretene Signaturenlehre, auf die sich Hahnemann [1] stützte. Diese postuliert, dass die unsichtbare „Natur einer Sache“ durch ihre äußere Form erkannt werden kann und dass bei Dingen der gleichen Form „sympathische“ Beziehungen untereinander bestehen. So sollen Pflanzen oder Gegenstände, die einem Organ ähneln, für die Behandlung von Erkrankungen dieser Organe verwendet werden können. Beispielsweise wurden Nüsse, die wie Gehirne aussehen, als mögliche Mittel gegen Kopfschmerzen angesehen. Paracelsus leitete daraus ein (erweitertes) Ähnlichkeitsprinzip ab, mit dem er postulierte, dass eine Krankheit durch eine Substanz geheilt werden kann, die (beim Gesunden) die gleichen Symptome verursacht (similia similibus curantur)[1]. Mit anderen Worten, es geht darum, das Übel mit dem Üblen zu behandeln, daher der Begriff “Homöopathie” (aus „Gleiches“ und „Leiden“).

Außerdem widerspricht die moderne Medizin völlig dem Prinzip der Verdünnung (Dilution), das mit dem Prinzip der Ähnlichkeit Hand in Hand geht. Tatsächlich erkannte Hahnemann schnell, dass es gefährlich oder zumindest unzweckmäßig sein kann, bestimmte Stoffe in hohen Konzentrationen anzubieten. Er stellte sich dann einen Verdünnungsprozess der Urtinktur vor (bekanntlich letzten Endes so weit, dass nichts von dem ursprünglichen Wirkstoff in der Lösung verbleibt). Um den Verdünnungsgrad zu quantifizieren, erfand er das Hahnemannsche Zentesimal (CH) [2]. Ein solcher Ansatz steht im Widerspruch zu den Grundprinzipien der modernen Chemie, die postulieren, dass von einer Substanz umso weniger vorhanden ist, je stärker sie verdünnt wird – und umso weniger Wirkung kann sie haben, da eine Wirkung aus der Wechselwirkung zwischen Molekülen resultiert.

Um die „heilenden Kräfte“ zu erhalten, schlug er die Technik der Dynamisierung (Potenzierung) vor, die darin bestand, zwischen den einzelnen Verdünnungen die Lösungsflaschen gegen lederne Bucheinbände zu schlagen. Er dachte, dass die „spirituelle Kraft“ der Substanz so an das Wasser weitergegeben würde. Diese Übertragung der vermeintlichen „therapeutischen Tugenden“ der Urtinktur auf das Wasser ist jedoch trotz zahlreicher Versuche (u.a. des 2004 verstorbenen Jacques Benveniste in den 80er Jahren, was 2009 von Luc Montagnier aufgegriffen wurde) nie wissenschaftlich nachgewiesen worden. Außerdem, wie Natalie Grams ironisch bemerkt, bleibt am Ende des Herstellungsprozesses der homöopathischen Mittel in Form von Globuli nichts als Zucker übrig, da die endgültige Lösung (aus den Potenzierungsschritten), mit denen sie besprüht werden, vollständig verdunstet. Wenn wir nicht nachweisen können, dass Zucker ein Gedächtnis hat, ist nicht einsichtig, wie die Urtinktur, von der nichts mehr vorhanden ist, noch auf den Körper wirken könnte [2].

Ein Placebo, das sich nicht zu erkennen gibt

Obwohl ihre Anhänger duchaus denken, dass es (noch) nicht möglich ist, den Wirkmechanismus der Homöopathie nachzuweisen, bleiben sie dennoch von ihrer Heilkraft überzeugt. Laut Natalie Grams ist dies eines der großen Missverständnisse der Homöopathie. Für sie wie für andere Kritiker liegt die scheinbare Wirksamkeit des homöopathischen Ansatzes vor allem in der im Arzt-Patienten-Verhältnis und im Zuhören des Patienten, nicht in den arzneilichen Heilmitteln. Häufig kommt es zu einer ganzen Reihe homöopathischer Konsultationen, bis der Homöopath herausfindet, was er für die “richtige Behandlung” hält. Zwischen zwei Konsultationen kann die Erkrankung sich zurückbilden oder sogar zum Verschwinden kommen, spontan oder unter der verzögerten Wirkung einer früheren “allopathischen ” Behandlung. Grams schätzt das so ein, dass Menschen die Ursache ihrer (so) verbesserten Gesundheit fälschlicherweise der Homöopathie zuschreiben [2].

Die Globuli oder andere Darreichungsformen wären deshalb nur Träger eines realen Placebo-Effekts. Das funktioniert entgegen landläufiger Meinung auch bei Haustieren und Babys. In der Tat sind Neugeborene sehr empfänglich für den Ausdruck und die Stimmung ihrer Eltern, genau wie Tiere für diejenigen ihrer Besitzer [7]. Aus diesem Grund glaubt Norbert Aust, einer der Mitbegründer von Grams‘ Informationsnetzwerk Homöopathie, dass Homöopathie allenfalls als eine Art sprechende Psychotherapie verstanden werden kann, aber nicht als mehr. [10].

Eine Disziplin, beherrscht von „künstlerischer Freiheit“ und Beliebigkeit

Das andere große Problem der Homöopathie, so Grams, liegt in der künstlerischen Freiheit (oder Unschärfe), die die Methode sowohl in der Praxis als auch in der Forschung dominiert. Ihr zufolge tut jeder Homöopath ein wenig, was er will und das, was er eben kann. In Deutschland gibt es weder eine Kontrollinstanz noch eine Referenz, die definiert, was gute oder schlechte Praxis ist. Diese Laissez-faire-Haltung zeigt sich besonders deutlich in der Art und Weise, wie homöopathische Forschung betrieben wird. Grams erklärt dem STERN, dass eine Substanz an Freiwillige verabreicht wird, deren Anzahl von zufälligen Kriterien abhängt, um zu sehen, welche Symptome sie nach der Einnahme entwickeln. Auf dieser Grundlage zieht der Arzt Schlüsse darauf, welche Substanz in der Lage sein soll, welche bestimmte Erkrankung mit diesen (bei den Probanden aufgetretenen) Symptomen zu behandeln sei. Variablen werden nicht kontrolliert, Ergebnisse basieren auf selbstberichteten Empfindungen von Freiwilligen, etc. Kurz gesagt, es gibt eine große Beliebigkeit in der Art und Weise, wie homöopathische Behandlungen konzipiert werden [3].

Aber diese Unschärfe und Beliebigkeit spiegelt sich auch in der Schwierigkeit wider, die Homöopathen damit haben, die Grenzen ihres Ansatzes zu erkennen. Obwohl sie bereitwillig verkünden, dass Homöopathie “viel, aber nicht alles kann”[11], scheinen sie nicht imstande zu sein, klar festzulegen, wie weit die Homöopathie gehen kann. In der Tat, wie Grams bemerkt, glauben sie meist, dass Homöopathie in erster Linie „die Abwehrkräfte des Körpers stärken“ soll. Es sollte daher logischerweise in den Heilungsprozess jeder Krankheit eingreifen können. Außerdem wird man nur sehr selten Widerspruch der Homöopathen untereinander finden. Im Gegenteil, sie neigen dazu, zusammenzuhalten. Daher hinterfragen sie ihre Praxis nur sehr selten, im Gegensatz zu dem, was in der wissenschaftlichen Medizin ständig geschieht [5].

Homöopathie, eine Branche, die sich lohnt

Trotz all dieser Mängel ist die Homöopathie eine recht florierende Branche, wie die Ex-Homöopathin der ZEIT erläutert. In Deutschland beläuft sich der Umsatz mit alternativen Heilmitteln (Anthroposophische Medizin, Phytotherapie und Homöopathie) auf insgesamt 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Grams fügt hinzu, dass die Homöopathie entgegen der landläufigen Meinung durchaus teuer ist. Während sich ein konventioneller deutscher Hausarzt meist mit einer Gebühr von 35 Euro pro Patient und Quartal begnügen muss, kann ein Homöopath für die erste Sitzung bis zu 120 Euro verlangen, dann 60 Euro pro zusätzlicher Konsultation, von denen ein Großteil von der Krankenversicherung erstattet wird [5].

Die Erstattung der Homöopathie durch die Krankenversicherung: Risiko der Irreführung

Der Grund dafür, dass Krankenkassen bereit sind, homöopathische Behandlungen und Beratungen zu erstatten, ist in der Regel, dass ihre bevorzugten Kunden junge, gutverdienende und gesundheitsbewusste Menschen sind. Solche Kunden sind profitabel und stellen sogenannte gute Risiken dar. Der Umstand, dass die Homöopathie versichert wird, stellt aber ein weiteres Problem dar: Die Vermischung von Dingen, die nicht zusammengehören. Wenn eine medizinische Behandlung oder Beratung zu den Leistungen der Krankenkassen gehört, dann (im Regelfall) deshalb, weil sie von Zulassungsbehörden auf der Grundlage objektiver medizinischer und wirtschaftlicher Kriterien bestätigt worden ist. Laut Norbert Schmacke, einem Medizinwissenschaftler an der Universität Bremen, wird das Interesse der Versicherer an diesen Therapien daher von den Kunden als Beweis von deren Seriosität interpretiert [5].

Deshalb fordern einige Fachleute, wie der Bremer Mediziner Gerd Glaeske, zunehmend, dass homöopathische Arzneimittel mit Hinweisen auf die fehlende wissenschaftliche Grundlage und zum fehlenden Wirksamkeitsnachweis bei Tests gegen Placebo gekennzeichnet werden sollten.

Darüber hinaus hat die deutsche Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) den Wunsch geäußert, dass die Krankenkassen die Erstattung homöopathischer Leistungen einstellen mögen. Für den Direktor der KBV bedeutet die Erstattungspraxis, „Geld aus dem Fenster zu werfen“ [10].

Für diese kritischen Stimmen ist es unlogisch, dass ein Ansatz, der seine Wirksamkeit nicht bewiesen hat, derart von finanzieller Unterstützung profitieren soll. Dies ist umso absurder, als das deutsche Gesundheitswesen gleichzeitig erhebliche Einsparungen vornehmen muss [10]. Die Hersteller von homöopathischen Mitteln müssen zudem nicht den gleichen finanziellen und wissenschaftlichen Aufwand treiben wie konventionelle Arzneimittelhersteller, die beträchtliche Summen ausgeben, um die Sicherheits- und Wirksamkeitsstandards zu erfüllen und nachzuweisen. Dieses Privileg führt also zusätzlich zu Marktverzerrungen [2].

Ablehnung der Vermengung von „magischem Denken“ und Rationalität

Als Antwort auf diese Kritik fordern viele Homöopathen, allen voran deren Organisationen, einen „Dialog“ mit der Schulmedizin, um das Augenmerk auf eine „Komplementarität“ der beiden Therapieansätze zu richten. Für Natalie Grams ist dieser Dialog nicht nur unmöglich, er wäre auch überhaupt nicht zielführend. Tatsächlich lehnen Homöopathen die Ergebnisse wissenschaftlicher Evaluationen ab, die in der modernen Medizin grundlegend sind [11]. Wie sollte man unter dieser Voraussetzung eine gemeinsame Basis finden können, wenn eine der Parteien das ablehnt, was für die andere essentiell ist? Zudem sei es nutzlos, moderne medizinische Ansätze durch homöopathische Anwendungen zu ergänzen. Es wäre wie die Kombination von Vernunft und magischem Denken. Der Patient würde nicht effektiver behandelt werden, im Gegenteil [5].

Zurück zum ärztlichen Zuhören

Natalie Grams glaubt, dass die Menschen dennoch gute Gründe haben, sich von der konventionellen Medizin abzuwenden. Wie sie der ZEIT erklärte, hat die intensive Rationalisierung der Patientenbetreuung das Arzt-Patienten-Verhältnis grundlegend verändert [5]. Für Eckart von Hirschhausen, einen weiteren Arzt, der im August 2017 vom STERN befragt wurde [10], vermittelt der zunehmende Einsatz fortschrittlicher Technologien den Patienten das Gefühl, dass die Ärzte sie nicht einmal mehr anschauen und sich lieber auf Informationen verlassen, die ihnen die Medizintechnik liefert. Für ihn wirkt sich dies zerstörerisch auf das Vertrauen in die Ärzteschaft aus.

Grams glaubt, dass nicht unbedingt alles von der Homöopathie verworfen werden sollte. Die Schulmedizin sollte sich davon inspirieren lassen, wie die Homöopathie den Patienten in den Mittelpunkt des Behandlungsprozesses stellt und ihn in erster Linie als Menschen betrachtet [2].

Zum Abschluss

Natalie Grams bleibt optimistisch, dass es möglich ist, Vernunft und Wissenschaft wieder in die Debatte über alternative Medizin, insbesondere die Homöopathie, einzubringen. Sie ist jedoch der Ansicht, dass dies ohne eine Reihe von Maßnahmen nicht möglich ist.

Erstens sei es unerlässlich, dass eine Reform des öffentlichen Gesundheitswesens den Patienten wieder in den Mittelpunkt rückt, anstatt sich ausschließlich auf eine wirksame Behandlung der Krankheit zu konzentrieren, insbesondere in Bezug auf deren Kosten und Dauer. Sie ist der Meinung, dass es sich wirklich lohnt, die Erkrankung des Patienten in einen größeren Zusammenhang zu stellen, um die Betreuung besser an die Bedürfnisse des Patienten anzupassen und nicht nur auf einen passiven Konsumenten von Gesundheitsdienstleistungen zu reduzieren. Ihrer Meinung nach wäre dies eine Möglichkeit, die Zahl der medizinischen Fehler zu verringern, die trotz der außerordentlichen Fortschritte der modernen Medizin nach wie einen gewissen Anlass zur Sorge geben. Eine größere Aufmerksamkeit gegenüber dem Patienten, seinem Umfeld, seiner Lebenssituation, seinen Schwierigkeiten aller Art sollte es nach ihren Worten ermöglichen, Diagnose und Behandlungsoptionen schneller und genauer zu bestimmen.

Zweitens sei es wichtig, alle medizinischen Akteure den gleichen Anforderungen zu unterwerfen. Wenn Hersteller von homöopathischen Arzneimitteln Zulassungen erhalten wollen, müssen sie ihre Wirksamkeit nach den gleichen Standards nachweisen wie die Hersteller von konventionellen Arzneimitteln. Es sei auch nicht akzeptabel, dass Behandlungen ohne belegte Wirksamkeit von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.

Schließlich und zugleich sei es notwendig, die Öffentlichkeit besser über die Prinzipien und das Wirkungsweise der verschiedenen Arten von Therapien zu informieren, aus denen sich das aktuelle medizinische Angebot zusammensetzt, damit die Menschen eine fundierte Entscheidung treffen können. Mit dieser Perspektive haben Grams und andere deutsche und österreichische Skeptiker das Informationsnetzwerk Homöopathie geschaffen [6]. Diese Plattform hat zwei Ziele: Erstens soll sie als Datenbasis für zuverlässige wissenschaftsfundierte Referenzen zu Fragen der Untersuchung der Wirksamkeit und der vermeintlichen Mechanismen der Homöopathie dienen können. Darüber hinaus will sie auch die Öffentlichkeit und vor allem diejenigen, die noch keine nicht mehr erreichbaren Adepten der Homöopathie sind, objektiv informieren.

Dem widmet sich Natalie Grams trotz der Verunglimpfung durch viele Kritiker, allen voran die deutschen Homöopathieverbände. Ihr neuestes Buch bietet deshalb verständnisvolle, empathische Unterstützung für Patienten, die sich im deutschen Medizindschungel nur schwer zurechtfinden. [12].


Referenzen

[1] Weymayr C, Heißmann N, Die Homöopathie-Lüge – So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen , Piper, 2012, 336 p.

[2] Prösser C, “Es war mein Lebenstraum”, Die Tageszeitung, 8. April 2016. Auf taz.de

[3] Albrecht B, “Warum Natalie Grams mit der Homöopathie gebrochen hatStern, 25 .November 2015. Auf stern.de

[4] Schmitz T, “Die Globulisierungsgegnerin” , Tages Anzeiger, 25.Januar 2017. Auf tagesanzeiger.ch

[5] Grabar E, “Die Nestbeschmutzerin” , Die Zeit Online, 15. Mai 2016. Auf zeit.de

[6] Informationsnetzwerk Homöopathie). netzwerk-homoeopathie.eu

[7] Locker T, « Derrière le rideau du lobby homéopathique », Motherboard Vice, 18 Juli 2017. Auf motherboard.vice.com

[8] Grams N, Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft  , Springer-Verlag, 2015, 225 p.

[9] Brissonnet J, « Qu’est-ce que l’homéopathie ? », August 2008. Auf pseudo-sciences.org

[10] Kriesl L, Fuchs S, “Streit um Homöopathie – wirken Globuli oder nicht ?”, Stern, 11. August 2017. Auf stern.de

[11] Weber N, “Humbug” , Spiegel Online, 14. Juni 2017. Auf spiegel.de

[12] Grams N, Gesundheit ! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen , Springer-Verlag, 2017, 336 p.


[1] Anmerkung INH: Das ist nicht ganz zutreffend. Paracelsus war nicht der Erfinder des so präzisierten Simileprinzips, dafür war es damals noch zu früh. Paracelsus‘ Ähnlichkeits- oder Sympathielehre war weitaus „primitiver“. Allerdings gab es 60 Jahre vor Hahnemann bereits Literatur über Medikation mit einem verfeinerten Ähnlichkeitsprinzip, Hahnemann ist aber der gesamten Ähnlichkeits- und Sympathielehre verpflichtet. Was führende Homöopathen bestreiten und Hahnemann eine völlig originäre „Entdeckung“ zuschreiben wollen. (Anm. d. Übers.)

[2] Französische Schreib- und Ausdrucksweise (Anm. d. Übers.)


Der Originalbeitrag ist unter http://www.pseudo-sciences.org/spip.php?article3014 zu finden.

Bildnachweis: Springer, Heidelberg 2015/2017

Kritik an der Kritik: Faktencheck-Check!

Auf der Seite “Natur und Medizin” der Carstens-Stiftung erschien unlängst eine – sagen wir mal – Auseinandersetzung mit dem Beitrag im SPIEGEL 34/2018 vom 18.08.2018 (“Hokuspokus – Geld weg! Heiler, Gurus, Scharlatane: Der Boom der Alternativmedizin). Spekulationen zu einer nicht näher bezeichneten  “Skeptikerbewegung” (wozu der Autor, Dr. Jens Behnke, die wissenschaftsfundierte Homöopathiekritik zählt), konnte man dort ebenfalls finden.

Das INH hat sich näher mit dem Inhalt dieses Textes befasst, ihn sozusagen einem Faktencheck-Check unterzogen:


Unter einem “Faktencheck” versteht man üblicherweise eine Überprüfung von Behauptungen, ob und inwieweit sie mit vorliegenden Fakten übereinstimmen. Dazu muss selbstverständlich die Faktenlage so dargestellt werden, dass alle für die Aussage relevanten Tatsachen gewürdigt werden.

Nun hat Jens Behnke einen solchen in Bezug auf den Artikel “Die Macht der Heiler” im Spiegel Nr. 34/2018 vorgelegt. Die für die Komplementärmedizin negativen Aussagen seien Teil einer europaweiten Kampagne gegen die Komplementärmedizin, die von der Skeptikerbewegung  betrieben werde, meint Herr Behnke. Nun hätte dies eine neue Qualität erreicht, da die Akteure der Skeptikerszene jede Hemmung fallengelassen hätten und der Text von einer “auf den beabsichtigten Negativeffekt abgestellte Perspektive” dominiert werde.

Nun ja, dass ein berufsmäßiger Interessenvertreter der Homöopathie verärgert auf den Artikel reagiert, ist nachvollziehbar. Aber wie sieht es mit den Fakten aus?

Herr Behnke hat zunächst Recht damit, dass es sich bei der zuerst genannten geschädigten Patientin um Susanne Aust, die Ehefrau des INH-Mitglieds Dr. Norbert Aust handelt. Genau die im Spiegel dargestellte Leidensgeschichte war die Ursache (!) dafür, dass dieser sich intensiver mit dem Wesen der Homöopathie beschäftigt hat – und fand, dass es keine wissenschaftliche Grundlage und keine Evidenz für die Wirksamkeit der Homöopathie über Placebo hinaus gibt. Das wird im Text sogar kurz angedeutet.

Die Interessenkonflikte der zitierten Personen würden nicht transparent gemacht, sagt Herr Behnke. Nun, welche Interessenkonflikte? Niemand aus dem INH hat einen finanziellen oder einen sonstigen wirtschaftlichen Vorteil aus seinem Engagement gegen die Homöopathie. Wir haben keinerlei Gewinn davon, ob sich jemand für oder gegen die Homöopathie entscheidet. Das mag für berufsmäßige Interessenvertreter wie Herrn Behnke und die ganze KVC schwer verständlich sein: aber es gibt Menschen, die sich nicht aus Eigeninteresse, sondern aus Idealismus oder Verantwortungsgefühl für etwas engagieren und dafür sogar in gewissem Umfang eigene Mittel aufwenden.

Dann führt Herr Behnke eine ganze Reihe von Fakten und Zahlen auf, die den Stand der Forschung zur Homöopathie darstellen sollen. Dazu wird die Pressemeldung zum Bertelsmann-Gesundheitsmonitor aus dem Jahr 2014 zitiert, wonach viele Patienten nach einer homöopathischen Behandlung eine Besserung erleben, wobei wie immer bei solchen Umfragen offen bleibt, ob dies trotz oder wegen der Homöopathie geschah. Auch dass sich viele Deutsche nach einer von der DHU, dem größten Hersteller von Homöopathika, beauftragten Umfrage ein “Miteinander” von Schulmedizin und ergänzenden Therapien wünschen, wird erwähnt. Die EPI3-Studie (eine für den Homöopathiehersteller Boiron durchgeführte große Erhebung von Daten bei Ärzten und Patienten) muss natürlich angeführt werden. Wieso merkt ein Doktor der Philosophie nicht, dass das Ergebnis, Homöopathen würden weniger konventionelle Arzneimittel verordnen, trivial ist, schließlich ist das deren hauptsächliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber ihren nicht-homöopathischen Kollegen? Was hat die Aussage, dass viele Menschen an den Nebenwirkungen von Medikamenten sterben, mit der Homöopathie zu tun?

Zu den äußerst geringen Nebenwirkungen von Homöopathika hat Herr Behnke einen Link, ebenso zur Kostensituation.

Allerdings verschweigt Herr Behnke – aus Kalkül? – die wesentlichste Erkenntnis aus der Forschung zur Homöopathie überhaupt: In mittlerweile neun systematischen Reviews konnten keine Nachweise dafür gefunden werden, dass die Homöopathie auch nur bei einem einzigen Krankheitsbild sinnvoll anzuwenden wäre, so auch nicht in den mittlerweile drei Arbeiten von RT Mathie, der für das Homeopathy Research Institute arbeitet und daher sicher nicht gegen die Homöopathie voreingenommen ist.

Gut gebrüllt Herr Behnke, man kann Ihren Unmut verstehen. Auch wenn Sie Ihre Interessenkonflikte, soweit uns bekannt ist, noch nie dargelegt haben – ich nehme an, Sie würden Ihren Job verlieren, wenn Sie die Homöopathie anders darstellen als es Homöopathen gerne hören – ist angesichts Ihrer beruflichen Ausrichtung  klar, welchen Standpunkt Sie vertreten. Allerdings: Welche Aussagen des Spiegel-Artikels haben Sie denn nun widerlegt?

  • Dass wissenschaftliche Studien sagen, Homöopathie ist keinen Deut besser als Placebo?
  • Dass die DHU in den sozialen Netzwerken und der Presse wirbt?
  • Dass der Umsatz mit Homöopathika mehrere hundert Millionen Euro beträgt?
  • Dass Alternativmedizin bei Krebs die schlechteren Heilungschancen bietet?
  • Dass die Carstens-Stiftung Lehrveranstaltungen an Unis fördert?
  • Dass viele Länder Maßnahmen gegen die Homöopathie ergreifen?
  • Dass sich die Anhänger der Homöopathie wie eine Sekte verhalten, Abtrünnige ächten?
  • Dass Homöopathika von Wirksamkeitsnachweisen befreit sind?
  • Dass Krankenkassen Homöopathie aus Marketinggründen anbieten?
  • Dass solche Homöopathie-Patienten teurer sind als Nicht-Homöopathie-Patienten?
  • Dass Homöopathen auch von Arzneimitteln der evidenzbasierten Medizin abraten?
  • Dass die Homöopathie in den zitierten Fällen nicht helfen konnte?

Keiner dieser Aussagen der Spiegel-Redakteurin Frau Hackenbroch ist durch die von Ihnen angeführten Quellen widersprochen, schon gar nicht widerlegt worden.

Bleibt als Fazit, dass die von Ihnen kritisierte „auf einen Negativeffekt abgestellte Perspektive“ keine Folge sinistrer Machenschaften einer kleinen Gruppe von Skeptikern, sondern in weiten Kreisen der Wissenschaften anerkannte Faktenlage ist.

 

Autor: Dr. Norbert Aust


Bildnachweis: Fotolia_130625327

Prof. Ernst informiert: So schützen Sie sich vor falschen Heilsversprechen der “Alternativmedizin”

Beiträge, wie dieser hier, machen Spaß. Zumindest dem, der sie schreibt. Aber ich hoffe natürlich in erster Linie, dass meine Texte für diejenigen meiner Leser nützlich sind, die mit dem Gedanken spielen, einen Heilpraktiker oder eine andere Art von Alternativmediziner zu konsultieren.

Mit diesem Beitrag möchte ich die Fähigkeit der Leser zum kritischen Denken anregen und eine Art Leitfaden für Patienten schaffen, mit dem sie erkennen können, um welche Art von Heilpraktikern und anderen Alternativmedizinern sie einen großen Bogen machen sollten.

In diesem Sinne hier nun drei “Tipps und Tricks für Eingeweihte”:

Natürlich ist gut

Jeder Werbefachmann wird bestätigen, dass das Label “Natürlich” ein echter Verkaufsmotor für Dinge aller Art ist. Anbieter alternativmedizinischer Methoden kennen diese Tatsache seit langem und nutzen sie zu ihrem Vorteil. Sie unterstreichen die Natürlichkeit ihrer Behandlungen bis zum “Geht-Nicht-Mehr” und nicht selten verwenden sie den Begriff auch irreführend.

  • Zum Beispiel ist nichts “Natürliches” daran, die Wirbelsäule eines Patienten über den normalen physiologischen Bewegungsbereich hinaus zu manipulieren (Chiropraktik)
  • es gibt nichts “Natürliches” in unendlich verdünnten und geschüttelten Substanzen (Homöopathie), mögen diese auch – oder auch nicht – einen “natürlichen” Ursprung gehabt haben
  • es ist nichts “Natürliches” dabei, Patienten Nadeln in die Haut zu stechen (Akupunktur)

Darüber hinaus ist der Begriff einer stets guten und wohlwollenden “Mutter Natur” ebenso naiv wie irreführend. Fragen Sie dazu mal Menschen, die während eines Sturms auf See gewesen sind oder die von einem Blitz getroffen worden.

Mein Rat: Durchschauen Sie derart durchsichtige Werbeslogans! Und schießen sie denjenigen, der auf diese Weise wirbt, mitsamt der “Natürlichkeit” seiner Therapie in den Wind.

Energie

Bei Treffen von Heilpraktikern wird der Begriff “Energie” häufiger erwähnt als bei einer Vorstandssitzung von EDF (Électricité de France, zweitgrößter Stromerzeuger weltweit – d. Übers.). Der Unterschied besteht darin, dass die alternative Brigade nicht wirklich vom klar umrissenen Begriff Energie spricht; für sie bedeutet Energie irgendeine “Lebenskraft” oder etwas Ähnliches aus dem Begriffsvorrat anderer “Traditionen”.
Heilpraktiker verwenden den Begriff “Energie” so gern, weil das in den Ohren potenzieller Kundschaft modern und beeindruckend klingt. Entscheidend ist aber, dass mit diesem “modernen”, scheinbar jedermann geläufigen Begriff, wunderbar verdeckt werden kann, wie tief durchdrungen diese Therapeuten vom Vitalismus und von vitalistischen Ideen der vorwissenschaftlichen Zeit sind.
Während rationale Denker solche Konzepte schon vor weit mehr als einem Jahrhundert aus guten Gründen verworfen haben (man nennt das Einführung der wissenschaftlichen Methode), fällt es Befürwortern alternativer Medizin offensichtlich schwer, das gleiche zu tun – denn wenn sie es täten, gäbe es nur noch wenig bis nichts, was ihre unterschiedlichen “Philosophien” untermauern könnte.

Mein Rat: Vermeiden Sie Therapeuten und Mediziner, die sich auf einen wie auch immer gearteten “Vitalismus”, ein Konzept einer mehr oder weniger unbestimmten “Lebenskraft”, berufen, denn das Festhalten an längst überholten und widerlegten Konzepten ist ein sicheres Zeichen für ein gefährliches “Rückwärtsdenken”.

Stimulierung des Immunsystems

“Ihr Immunsystem muss stimuliert werden!” – Wie oft hört man das von Vertretern alternativer Medizin? Der wissenschaftlich orientierte Mediziner hat da eine sehr reservierte Haltung; er versucht Stimulationen des Immunsystems nur unter ganz bestimmten, sehr seltenen Umständen. Sehr viel häufiger geht es vielmehr darum, die entgegengesetzte Wirkung zu erzielen und starke Medikamente zu verwenden, um das Immunsystem zu unterdrücken (z. B. bei lebensgefährlichen Autoimmunerkrankungen). Aber selbst wenn Mediziner im Einzelfall einmal darauf abzielen, das Immunsystem eines Patienten zu stimulieren, würden sie mit Sicherheit keine der Behandlungsmethoden von Heilpraktikern und sonstigen Alternativmedizinern verwenden.
Warum nicht? Es gibt eine Reihe von Gründen:

  • Die in der Alternativmedizin als “Immunstimulanzien” verwendeten Mittel haben gar nicht die erwünschte Wirkung.
  • Stimulation des Immunsystems ist nur sehr selten ein wünschenswertes therapeutisches Ziel.
  • Ein normales, durchschnittliches Immunsystem zu stimulieren ist generell kaum möglich.
  • Aus der Patientensicht kann eine “Stimulierung des Immunsystems” sogar eine sehr riskante Sache sein (wenn es überhaupt machbar wäre). Bei einer nicht ausgewogenen Funktion des Immunsystems, für die der Körper in aller Regel selbst sorgt, besteht beispielsweise die Gefahr, dass es sich gegen den Körper selbst wendet.

Mein Rat: Fragen Sie Ihren Arzt oder Therapeuten, der ihr Immunsystem behandeln will, ganz genau, warum er die Notwendigkeit dazu sieht. Auch wenn er ihnen einen “Grund” nennen kann, der zunächst einmal etwas für sich zu haben scheint: Fragen Sie ihn, ob er bereit ist, zunächst sein eigenes Immunsystem einer solchen Stimulation zu unterziehen und dann einen nachvollziehbaren Beweis zu führen, dass seine Therapie überhaupt so etwas bewirken kann.

 

Autor: Prof. em. Edzard Ernst. Mehr zu den oft fatalen “Tipps und Tricks der Alternativmediziner” auch unter: http://edzardernst.com/2016/07/the-tricks-of-the-quackery-trade-part-4/ und Dr. Natalie Grams

Vom Englischen ins Deutsche: Udo Endruscheit

Bild: Andreas Weimann

Prinz Charles und die Homöopathie (United Kingdom)

Es dürfte wohl wenige Familien geben, deren Leben in der Öffentlichkeit besser dokumentiert ist als das der Windsors. Wobei wir die Familien Kennedy und Grimaldi einmal außen vor lassen. Dies natürlich vor allem durch die Regenbogenpresse, aber auch durch seriöse Medien, Buchpublikationen und Fernsehsendungen. So verwundert es nicht, dass auch der letzte persönliche Aspekt der Familie Windsor beleuchtet wird, wobei es natürlich auch Aspekte gibt, die von der Familie selbst publik gemacht werden.

So ist wohl vielen bekannt, dass die Familie Windsor ein großer Freund der Homöopathie ist. Elizabeth II. ist Schirmherrin des “Royal London Homoeopathic Hospital” und ihre Mutter war bis zu ihrem Tode die Schirmherrin der “British Homeopathic Association”. Zu Prinz Charles kommen wir später noch ausführlicher. Sogar ihre Corgies behandelt Queen Elizabeth II. im Krankheitsfalle mit Homöopathika.

Die Begeisterung der königlichen Familie begann mit zwei Deutschen, die die homöopathische Praxis im britischen Königshaus installiert haben. Die erste ist Adelheid von Sachsen Meiningen (1792-1849), die sich von einem Dr. Stapf erst postalisch und ab 1835 auch persönlich homöopathisch behandeln ließ.
Der zweite war Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld, ab 1831 König der Belgier und sowohl Onkel von Queen Victoria als auch von ihrem Ehemann, dem Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Leopold lernte um das Jahr 1825 den Homöopathen Dr. Frederic Hervey Foster Quin kennen und nahm ihn 1827 mit nach London, um ihn am Königshof einzuführen.
Beide haben somit den Grundstein für die homöopathische Tradition im britischen Königshaus gelegt, wobei besonders die weiblichen Mitglieder der Familie hier starke Anhänger waren.

Allerdings muss man der Familie Windsor zugute halten, dass sie den Konsum der Homöopathika durchaus als familieninterne Angelegenheit sahen. So ist zwar Königin Elizabeth II. Schirmherrin des Royal London Homoeopathic Hospital, doch äußert sie sich in der Öffentlichkeit nicht dazu. Ganz anders ihr Sohn Charles, der Prince of Wales. Er betreibt eine aggressive Lobbyarbeit für die Homöopathie. Nicht nur, dass er 1996 die Stiftung “The Prince’s Foundation for intergrated Health (FIH)” gründete, sondern er versuchte auch, ganz konkret die britische Gesundheitspolitik in seinem Sinne zu beeinflussen.

Erstmals geriet Charles 2013 in den Verdacht, bei einem Treffen mit dem damaligen Gesundheitsminister Jeremy Hunt auch Propaganda für Homöopathika gemacht zu haben, wie damals die Zeitung “The Independent” berichtete. Auch veröffentlichte Charles zwei Leitfäden zur alternativen Medizin, die allgemein auf Unverständnis stießen, genauso wie eine Rede vor der Jahresvollversammlung der Weltgesundheitsorganisation, in der er über “heilende Kräfte” sprach.
Während der Regierungszeit von Premierminister Tony Blair, speziell in den Jahren von 2007 bis 2010, war der von Charles betriebene Lobbyismus enorm. In diesen drei Jahren schrieb er 27 Briefe an die verschiedensten Minister und den Premierminister selbst und nutzte so seine herausgehobene Position, um die Politik zu beeinflussen. Dies ist für einen zukünftigen britischen König ein absolutes “No Go”. Dem Monarchen ist jegliche politische Meinungsäußerung untersagt, eine Kunst, die seine Mutter, die amtierende Königin, perfektioniert hat.

Beschäftigten sich zahlreiche Briefe u. a. mit ökologischem Landbau oder nachhaltiger Fischerei, so gab es auch Briefe an Premierminister Blair und den damaligen Gesundheitsminister John Reid. Bei Minister Reid intervenierte der Prinz anscheinend gegen eine kritische EU-Richtlinie zu Naturheilverfahren und alternativen Behandlungsmethoden, hatte damit aber kein Glück, wurde diese Richtlinie doch durch das britische Gesundheitsministerium befürwortet.
Die Tageszeitung “The Guardian” kämpfte zehn Jahre darum, diese Briefe veröffentlichen zu können. Sowohl der Generalstaatsanwalt Dominic Grieve, als auch Premierminister David Cameron wollten eine Veröffentlichung verhindern. Der Spiegel schreibt am 12. März 2014 dazu: “Generalstaatsanwalt Grieve hatte argumentiert, die Briefe seien außergewöhnlich offen formuliert und würden nur zutiefst persönliche Ansichten des Prinzen wiedergeben. Es könne durch sie der Eindruck entstehen, dass Charles mit der Politik der letzten Labour-Regierung nicht einverstanden gewesen sei. Die Gefahr sei, dass das britische Volk durch Kenntnis der Briefe Prinz Charles nicht mehr als politisch neutral wahrnehmen würde, was er als zukünftiger König zu sein habe. Dadurch würde die Monarchie untergraben.”

Das oberste britische Gericht sah dies anders und entschied zu Gunsten der Presse, die die Briefe dann auch unter dem Namen “Black Spider Memos” abdruckten. Der Name kommt von der handschriftlichen Anrede und Grußformel, die an Spinnenbeine erinnert.

Unumstritten ist Prinz Charles mit seinen Äußerungen allerdings nicht. Bereits im Jahr 2006, als er seine angeführte Rede vor der WHO hielt, wandten sich 13 renommierte britische Ärzte und Wissenschaftler an die 476 regionalen Treuhänderschaften des National Health Service (NHS), den staatlichen Gesundheitsdienst. Darunter Michael Bau, emeritierter Professor für Chirurgie am University College London, der Nobelpreisträger James Black vom Kings College London, der Präsident der Academy of Medical Sciences Keith Peters und Edzard Ernst, erster Lehrstuhlinhaber für Komplementärmedizin in Großbritannien an der University of Exeter.

Die Bemühungen von Prinz Charles waren bisher übrigens nicht von Erfolg gekrönt, beschloss das House of Commons doch 2010, dass der NHS die Homöopathie nicht mehr fördern darf und homöopathische Mittel nicht mehr als wirksam beworben werden dürfen.

Nachzutragen ist, dass sich die königliche Familie durchaus der “Schulmedizin” bedient, wenn es sich um ernsthafte Erkrankungen handelt. Dies zeigt sich in den zahlreichen Krankenhausaufenthalten des Prinzgemahls Philip, die in regulären Hospitälern stattfanden.

 

Mehr über Prince Charles und die Homöopathie erfahren Sie auch hier auf dem Blog von Prof. em. Edzard Ernst (in englischer Sprache).

 

 

Autor: Michael Scholz für das INH

 

Bild: Wikimedia Commons

Homöopathie – Zahlen, Daten, Fakten

Wie viele Deutsche glauben an Homöopathie?

60 Prozent der Deutschen haben schon Globuli geschluckt, sagt eine Allensbach-Studie aus dem Jahr 2014, Tendenz steigend. Dabei sind Frauen deutlich homöopathieaffiner als Männer: 73 Prozent der Frauen haben im Gegensatz zu 48 Prozent der Männer schon homöopathische Mittel genommen. Ähnliche Zahlen in Österreich: 50 Prozent der Österreicher verwenden auch homöopathische Mittel.

Interessant auch bei der Allensbach-Befragung, was die Deutschen an Homöopathika schätzen: dass sie keine Nebenwirkungen haben, gut verträglich und einfach anzuwenden sind. Stimmt natürlich alles. So ist das bei wirkungsloser Schein-Medizin.

Hardcore-Homöopathie-Gläubige gibt es aber weniger: Bei einer TNS Infratest-Untersuchung im Jahr 2012 sagten nur (oder immerhin) 21 Prozent der Befragten, dass sie der Aussage zustimmen, dass “alternative Heilmethoden besser bei Gesundheitsproblemen helfen als die klassische Schulmedizin”. Der Rest war unentschlossen oder anderer Meinung. Nebenbei bemerkt: Ungefähr genauso viele Deutsche glauben, dass Sternzeichen unser Leben beeinflussen. Zufall? Oder ist es einfach so, dass rund ein Viertel der Deutschen jeden Quatsch glaubt, eine große Affinität zu Esoterik und Geschwurbel hat?

Wie viel Umsatz wird mit Homöopathie gemacht?

Homöopathische Arzneimittel verzeichnen im Jahr 2014 in Apotheken einen Gesamtumsatz in Höhe von 528 Millionen Euro. Das ist ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr um 9,3 Prozent. Allein die DHU (Deutsche Homöopathie-Union) macht mit 500 Mitarbeitern einen Umsatz von 100 Millionen Euro pro Jahr.

Übrigens steigt auch die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter im Bereich Heilkunde und Homöopathie in Deutschland. Das waren im Jahr 2015 2.446 Menschen (gegenüber 1.941 im Jahr 2012).

Ist Homöopathie kostengünstiger als konventionelle richtige Medizin?

Könnte man meinen. Das bisschen Zucker kann doch nicht die Welt kosten. Die Statistik sagt aber das Gegenteil: Ein homöopathisches Arzneimittel in Apotheken kostet durchschnittlich 10,86 Euro. Der Durchschnittspreis von echter Medizin beläuft sich auf 7,75 EUR. Nebenbei erwähnt: Für Homöopathika-Hersteller fallen natürlich keine Kosten für Forschung und Entwicklung an, was die Gewinnspannen im Vergleich zur oft gescholtenen “Pharmaindustrie” in ungeahnte Höhen treiben dürfte.

Und eine Untersuchung, bei der Daten von 44.550 Patienten ausgewertet wurden, zeigt: “Die Gesamtkosten lagen in der Homöopathiegruppe nach 18 Monaten höher als in der Vergleichsgruppe. Das galt für alle Diagnosen.” Dabei zieht homöopathische Behandlung jede Menge Folgebehandlungen nach sich, sowohl was physische als auch psychische Belange angeht: “In den Monaten 1-3 hatten die homöopathischen Patienten 126,2 Prozent mehr Diagnosen als die Kontrollen. Der größte Unterschied zwischen den Gruppen fand sich bei den psychischen Störungen (38.9 Prozent).”

Wie viele Krankenkassen zahlen für Homöopathie?

Fest steht: Auf der Suche nach homöopathiefreien Krankenkassen erlebt man sein blaues Wunder: Je nach Quelle, Zählung und Messung kann man sagen, dass weniger als ein Viertel, vielleicht sogar nur 4 Prozent aller Kassen auf die Bezahlung homöopathischer Leistungen verzichten. Und fast alle Kassen zahlen neben der Homöopathie auch für allen möglichen Mumpitz: von anthroposophischer Medizin über Ayurveda bis hin zu Eigenharntherapie.

Wie viele homöopathiefreie Apotheken gibt es?

Spontan hätte ich gesagt: keine einzige. Kaum betritt man eine Apotheke, stolpert man über ein Regal mit Globuli für jede Lebenslage. Und tatsächlich hat in einer entsprechenden Internet-Datenbank bislang keine einzige der rund 20.000 deutschen Apotheken einen Eintrag gemacht. Apotheker argumentieren gerne mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit, das anzubieten, was der Kunde nachfragt – ein Grund mehr für die Skeptiker-Forderung nach der Abschaffung der Apothekenpflicht für homöopathische Produkte. Falls das hier übrigens ein Apotheker liest, der explizit keine Homöopathika verkauft: Er möge in den Kommentaren Bescheid sagen!

Bertreiben Homöopathie-Anbieter Lobbyarbeit?

Natürlich. Was viele der Pharma-Industrie (nicht zu Unrecht) vorwerfen, gilt auch für die Anbieter von Homöopathika. So stehen etwa der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), aber auch Firmen wie die Deutsche Homöopathie-Union (DHU), Heel, Staufen Pharma, WALA Heilmittel, Weleda und Hevert in der Kritik, weil sie Journalisten, Blogs und Websites “sponsern”, die Homöopathie-Kritiker anprangern und einschüchtern.

Und natürlich gibt es Kooperationen und Verflechtungen, die mal mehr, mal weniger deutlich offengelegt werden. So bietet – um nur ein Beispiel zu nennen – die scheinbar der gesundheitlichen Aufklärung verpflichtete Carstens-Stiftung eine “Weiterbildung zum Kundenberater Homöopathie (IHK)” an und offeriert im Rahmen dessen eine “Werksbesichtigung der DHU”, also jenes oben erwähnten umsatzstarken Homöopathika-Produzenten. Dem Urteil von Spiegel Online kann man sich daher nur anschließen: “Wo aufgeklärtes Denken wie in Deutschland fehlt, haben Lobbyvereine wie die Carstens-Stiftung leichtes Spiel.”

 

 

Autor (und Quellen): Christian Buggisch für das INH

 

Foto: Christian Buggisch

Homöopathische Zahnungshilfen

Der Zahndurchbruch der Zähne (die Dentition) beginnt bei den meisten Babys im 6. Lebensmonat und ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Bevor ein Zahn das Licht der Mundhöhle erreicht, muss er sich zunächst durch die Knochenhaut (das Periost) des Knochens durchkämpfen, um dann die Mundschleimhaut (die Gingiva) zu durchbrechen. Die Knochenhaut ist sehr schmerzempfindlich – das kennen wir alle vom Schienbein – die Mundschleimhaut ist dagegen weit weniger schmerzempfindlich. Der Zahndurchbruch kann begleitet sein von Allgemeinsymptomen wie Fieber und Unwohlsein.

Etwas erleichtert werden kann der Zahndurchbruch durch Beißhilfen (Beißringe etc.). Die Schmerzen können im schlimmsten Fall mit einem lokal wirkenden Mittel (Lokalanästhetikum; z.B. „Dentinox-Gel“) reduziert werden. Manchmal ist die Gabe von Schmerzzäpfchen zu empfehlen. Doch in allen Fällen hilft die Gewissheit: Es geht vorbei. Liebevolles Kümmern ist immer hilfreich.

Für homöopathische Zahnungsmittel (z. B. Chamomilla, Komplexpräparate) hingegen keinerlei Wirkungsnachweis. Weder beeinflussen homöopathische Zahnungsmittel die Schmerzintensität im Bereich der Knochenhaut, noch bewirken sie eine Beschleunigung der Durchbruchsgeschwindigkeit der Zähne.

In den letzten Wochen machten zudem Meldungen der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA (Food an Drug Administration) die Runde (“FDA to Parents: Don’t Give Your Kids Homeopathic Teething Tablets”), die vor homöopathischen Zahnungsmitteln warnte. Bereits im Oktober 2010 warnte die FDA Verbraucher vor der Verwendung belladonnahaltiger homöopathischer Zahnungstabletten, nachdem Berichte über Symptome von Belladonna-Vergiftungen bei Kleinkindern bekannt geworden waren und die FDA „inkonsistente“ Gehalte an Belladonna in den Präparaten festgestellt und fehlende Kindersicherung an den Behältern bemängelt hatte. Die Präparate enthielten laut Herstellerauszeichnung seinerzeit Belladonna in einer Potenz von D3, also noch mit einer Wirkstoffkonzentration, bei der eine physiologische Wirkung nicht ausgeschlossen war.
Die Produkte wurden zurückgerufen und nach einer „Überarbeitung des Produktionsprozesses“ 2011 wieder in die Sortimente eingestellt.

In den nächsten sechs Jahren erhielt die FDA weitere rund 400 Berichte über Kinder mit belladonnatypischen Krankheitsmerkmalen. Darunter waren zehn Todesfälle. Es gab hierzu auch eine Vielzahl von Verbraucherklagen, obwohl es schwierig sein dürfte, im Nachhinein mehr als einen zeitlichen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und der Einnahme der Präparate festzustellen.

Aufgrund der Vielzahl von Beschwerdefällen seit der ersten Warnung 2010 hat die FDA am 9. September 2016 eine förmliche Untersuchung zu den homöopathischen Zahnungsmitteln begonnen. Eine erneute Warnung der FDA zu diesen Mitteln erging am 30. September 2016. Die jetzigen Mittel enthielten nach Herstellerangabe Belladonna D6 bzw. D12. In dieser Verdünnung wäre auch bei Überdosierung keine Wirkung / Nebenwirkung mehr möglich gewesen. Am 27. Januar 2017 bestätigte die FDA jedoch, dass laut ihren Laboranalysen die homöopathischen Präparate erneut „uneinheitliche Mengen an Belladonna […] , enthielten, die teilweise die auf dem Etikett angegebene Menge überstiegen“.

 

Mehr lesen unter: “Globuli-Medizin mit Nebenwirkung

 

Autor: Zahnmediziner Dr. med. dent. Hans-Werner Bertelsen

Edit: Wegen eines Fehlers wurde der Artikel am 17.2.2016 geändert (letzer Abschnitt).

Argument: Die mächtige Pharmaindustrie unterdrückt die Homöopathie

Befürworter der Homöopathie beschwören oft das vermeintliche Argument, wonach “die Pharma-Lobby” aus rein gewinnorientiertem Eigeninteresse die Homöopathie unterdrücken würde. Hier vermischen sich viele Aspekte, insbesondere die generelle Kritik an “den Konzernen” mit allgemeiner Kapitalismuskritik und mit einer eher romantischen Vorstellung vom “einfachen Leben” und “zurück zur Natur”.

In Handarbeit hergestellte Produkte werden idealisiert, industrielle Produktion hingegen wird als “seelenlos” angesehen. Dass es sich jedoch bei Homöopathika-Herstellern genauso um industrielle Wirtschaftsbetriebe und Großunternehmen handelt, wird dabei völlig übersehen. Homöopathie-Anhänger scheinen zu glauben, dass die Globuli in Kleinbetrieben – angesiedelt irgendwo auf dem Lande in unberührter Natur, mit einem Kräutergarten gleich hinter dem Haus – hergestellt werden.

Nur die Realität sieht völlig anders aus. Nach in der Europäischen Union üblichen Standards gelten Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern als sogenannte KMU (kleine und mittlere Unternehmen). Die bedeutendsten Unternehmen, die Homöopathika herstellen, liegen jedenfalls deutlich über dieser Grenze. Die folgende Tabelle enthält eine Auflistung von Firmen, ihrer Mitarbeiter und Jahresumsätze.

Screenshot 2017 01 20 08.22.01

Besonders bemerkenswert in dieser Branche ist die Dominanz zweier Konzerne, dem Schwabe-Konzern und der Delton AG.
Die Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG ist das Mutterunternehmen des Schwabe-Konzerns mit 3.500 Mitarbeitern (2015) und einem Umsatz von 860 Mio. EUR (2015) (5). Zum Schwabe-Konzern gehören gleich eine ganze Reihe der bekanntesten Homöopathie-Unternehmen. So z. B. die Deutsche Homöopathie-Union DHU Arzneimittel (DHU), Karlsruhe und die ISO-Arzneimittel GmbH & Co. KG, Ettlingen. Auch die namhafte österreichische Firma Dr. Peithner KG ist eine 100 %ige Tochter des Schwabe-Konzerns.

Alleiniger Aktionär der Delton AG ist Stefan Quandt. Zur Delton AG gehört die Biologische Heilmittel Heel GmbH, ein weiterer bekannter Vertreter der Homöopathie-Branche (6). Zahlen der Firma Heel gibt es z. B. hier (9). Stefan Quandt ist Mitglied der gleichnamigen deutschen Unternehmerfamilie, Milliardär und zählt zu den reichsten Deutschen (7).

Das idyllisch verklärte Bild von der Homöopathie-Branche, das sich Globuli-Konsumenten machen, muss deshalb wohl eher als eine schönfärberische Illusion bezeichnet werden. Tatsächlich handelt es sich ganz einfach um eine Homöopathie-Großindustrie und Big Business.

Vergegenwärtigt man sich außerdem noch die Rohstoff-Seite der Homöopathie, so wird einem auch klar, welch große Gewinne in dieser Branche erwirtschaftet werden. Globuli bestehen zu 100 % aus reinem Zucker. Der Großhandelspreis von Zucker liegt bei rund 0,50 €/kg und ein Fläschchen Globuli mit 10 g Zucker wird für ca. 10 € verkauft. Das bedeutet eine Vervielfachung des Einkaufspreises auf weit über das Tausendfache.

Dass sich die Homöopathie wegen mangelnder Wirtschaftskraft von irgend einer Seite bedroht fühlen muss, kann also leicht dem Reich der Märchen und Legenden zugerechnet werden. So verwundert es auch keineswegs, dass die Homöopathiehersteller sämtlich Mitglieder in den Verbänden der Pharmaindustrie sind und sich dort gut aufgehoben fühlen. Was wiederum dadurch deutlich wird, dass anlässlich der Kritik von Prof. Hecken (Gemeinsamer Bundesausschuss) an der Erstattungsfähigkeit von Homöopathie durch Krankenkassen diese Verbände sich geschlossen gegen jegliche Beschränkung der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen ausgesprochen haben.

 

Autor: Dipl.-Ing. Karl Payer, Physiker

(1) https://dhu.de/seiten/ueber_uns/unternehmen.htm
(2) http://www.wala.de/, https://de.wikipedia.org/wiki/Wala_Heilmittel
(3) http://www.heel.de/de/facts-and-figures.html
(4) https://www.weleda.de/weleda/identitaet/weleda-heute
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Willmar_Schwabe
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Delton
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Quandt
(8) http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=41722
(9) http://www.heel.de/de/facts-and-figures.html

 

Argument: Homöopathie ist altes Wissen

“Altes Wissen ist vor allem eines: alt.”

Wenn es um alternative, komplementäre und ganzheitliche Heilmethoden oder gar um Kräuter geht, wird gerne mit “altem Wissen” argumentiert. Nur was ist das? Aus einem Konglomerat von Aufzeichnungen, Überlieferungen, alten Bräuchen und Ähnlichem mehr sucht sich jeder selbsternannte Wellnessexperte oder jede heil- und hellsichtige Kräuterhexe etwas irgendwie Passendes heraus, erklärt das Mittel oder die Prozedur für wirksam nach heutigen Kriterien, weil es sich um “altes Wissen” handelt.

Im “alten Wissen” stecken die seinerzeit überlieferten Erfahrungen, heute spricht man von Anekdoten. Sicher sind auch einzelne Erfahrungen und Anekdoten nach heutigem Wissen zutreffend, aber das kann nicht verallgemeinert werden. In der Mehrzahl handelt es sich um scheinbare Tatsachen. Wenn das Alter von Wissen ein positives Unterscheidungsmerkmal wäre, müsste man davon ausgehen, dass das Wissen der Alten zu einem sehr hohen Anteil richtig war. Können wir das in der Medizin sagen? Das wäre sehr vermessen. Wissen, das sich im Laufe der Zeit nicht bewährt hat, ist in Vergessenheit geraten, ist uns heute nicht mehr gegenwärtig und somit fehlt uns schlicht der Überblick. Somit ist der Rückschluss – alt = bewährt und richtig – nicht gerechtfertigt.

Dennoch wird täglich Reklame für meist veraltete Therapien und Mittel gemacht, deren Wirksamkeit in den Sternen zu suchen ist. Veraltetes lässt sich nur mit “altem Wissen” und dem zugrunde liegenden veralteten magischen Vorstellungen schlüssig erklären. Mit neuem Wissen sehen Erklärungen aber anders aus und von Wirksamkeit nach heutigen Maßstäben ist meistens nichts mehr nachzuweisen.

Das Spektrum des “alten Wissens” reicht von abergläubischen und magischen Vorstellungen und Praktiken einerseits bis hin zu einem Wissen, dass bestimmte pflanzliche Zubereitungen giftig bis unbekömmlich sind. Eine Unterscheidung zwischen Wirkungen, die auf magischen Vorstellungen beruhen und – um es modern auszudrücken – pharmakologischen Wirkungen im heutigen Sinn, gab es früher jedoch nicht. Magie und Naturwissenschaft waren nicht getrennt. Praktisch erfahrbare Wirkungen wurden mit magischen Vorstellungen erklärt.

Fraglos gibt es eine unübersehbare Fülle von schriftlichen Aufzeichnungen in Kräuterbüchern etc. aus allen Jahrtausenden, in denen über die Wirkung von bestimmten Kräutern und anderem mehr berichtet wird. Im Lichte moderner Pharmakologie und all den Faktoren, die heute bei einer Wirksamkeitsprüfung unbedingt zu berücksichtigen sind, sind alte überlieferte Wirksamkeitsberichte aber keine tauglichen Beweise, um eine Wirksamkeit im modernen Sinn zu bestätigen.

Die Auswahl der Heilpflanzen z. B. erfolgte nach uns heute völlig verwegenen Regeln des Symbolismus, der Astrologie usw. und auch aus religiösen Gesichtspunkten. So wurden den Pflanzen besondere Wirkungen zugeschreiben, die z. B. mit der Gottesmutter oder dem Jesuskinde irgendwie in Verbindung standen. Man denke nur daran, was nicht alles getan wurde, um an heilsame Reliquien zu gelangen.

Zum zahlreich überlieferten medizinischen “alten Wissen” ist zu sagen, dass nur in wenigen Fällen gesichert bekannt ist, was damals wirklich im Einzelnen geschah. Abgesehen von den Schwierigkeiten der wechselnden Bezeichnungen für z. B. Pflanzen und Krankheiten zu verschiedenen Zeiten, die oft keine exakten Zuordnungen mehr ermöglichen, wird völlig übersehen, dass der Placeboeffekt im weitesten Sinn immer schon wirksam war und keine Erfindung der modernen Medizin ist. Nur in wenigen Fällen lässt sich heute exakt sagen, welche Krankheit mit welchem Mittel konkret behandelt wurde.

Fakt ist aber auch, dass magische Vorstellungen und Handlungen zum unerlässlichen Repertoire jeder Heilbehandlung gehörten. Eine blutende Wunde, ein gebrochenes Bein, Kopfschmerzen, Fieber, Geburtsbeschwerden, zahlreiche Infektionen usw. wurden immer mehr oder weniger auch zeremoniell beschworen. Und die Menschen waren überzeugt, dass das Beschwören zur Heilung unerlässlich und wirksam ist. Auch das gehört zum “alten Wissen” und kann davon nicht getrennt werden.

Arzneimittel und Therapien mit einer gesicherten und damit einigermaßen vorhersehbaren Wirksamkeit im heutigen Sinn gibt es seit nicht viel mehr als 150 Jahren. Man konnte auch immer schon einfach so – mit und ohne Placeboeffekt – gesund werden. Voltaire bemerkte scharfzüngig, dass die ärztliche Kunst darin bestehe, den Patienten so lange bei guter Laune zu halten, bis die Natur ihn geheilt hat. Und Voltaire kritisierte die Ärzte und ihre Medizin seinerzeit nur zu Recht, denn auch die hochgelehrten Medici hatten keine besseren Erfolge zu verzeichnen als das einfache Volk mit seiner gebräuchlichen Volksmedizin. Das überlieferte “alte Wissen” war genauso erfolgreich bzw. erfolglos. Und selbstverständlich waren die Gaukler und Scharlatane auf den Marktplätzen nicht nur sehr sondern höchst erfolgreich und sie sind es heute noch.

Die Beschreibung der Vergiftung von Sokrates mit Schierling stimmt vollkommen mit unseren gesicherten Erkenntnissen über die Wirkung von Conium maculatum überein, aber derartige Highlights gibt es nicht viele. Dank unseres modernen Wissens in Pharmakologie und Pharmakognosie können wir die Vergiftung bestätigen. Warum aber Conium maculatum bzw. Coniin giftig ist, erklärt das “alte Wissen” nicht. Die Faktoren, die wir heute kennen bzw. erkannt haben, die einer Objektivierung der Wirksamkeit im Wege stehen bzw. diese verhindern, sind ja nicht neu, sondern waren immer schon gegeben.

Eine ganze Gesundheitsindustrie geht heute mit höchst selektiv ausgewähltem “alten Wissen” hausieren. Nostalgische und romantische Gefühle werden geschickt geschürt und bedient. Früher war ja alles natürlich und biologisch. Jedes Wissen kann und muss zu jeder Zeit überprüfbar sein. Nur so kann es zu einer Weiterentwicklung kommen. Das sogenannte Wissen aus der Erfahrung ist jedoch in höchstem Maße beschränkt. Ist es doch abhängig davon, in welchem Wissenstand und mit welcher Skepsis insgesamt diese Erfahrungen gewonnen wurden.

Selbstverständlich gibt es auch altes Wissen z. B. in der Geometrie den Satz des Thales, der besagt, dass alle Winkel am Halbkreisbogen rechte Winkel sind oder den pythagoreischen Lehrsatz, dass die Summe der Flächen der Quadrate über den beiden Katheten gleich der Quadratfläche der Hypotenuse ist. Nur in der Medizin ist derartiges Wissen, das bis heute gehalten hat, rar.

Fazit: Altes Wissen ist letztlich ein sich auf (vergangene, historische, überlieferte) “Autorität” berufendes Argument. Und das zählt wissenschaftlich – gar nichts. Und gerade bei der Homöopathie wissen wir 200 Jahre nach Hahnemann heute einfach vieles besser.

 

Autor: Edmund Berndt, Apotheker i. R.

Bild: Fotolia_85584315_XS

Zu wenig Wirkstoff in Homöopathika – was heißt das konkret?

Homöopathika enthalten zu wenig Wirkstoff, um überhaupt einen heilenden Effekt auslösen zu können, der von diesem Wirkstoff hervorgerufen werden könnte. Bei den Hochpotenzen ist spätestens ab D23 / C12 noch nicht einmal mehr ein Atom/Molekül Wirkstoff im Präparat enthalten. Auch bei niedrigen Potenzen reicht die empfohlene Tagesdosis nicht für eine pharmazeutische Wirkung aus: Eine Einnahme nach Empfehlung des Herstellers von höchstens sechs Mal täglich fünf Globuli ergibt schon in C1 bzw. D2 ganze 0,03 mg (Milligramm) des Ursprungsstoffes. Zum Vergleich: die empfohlene Tagesdosis etwa von “Dolormin Extra”, einem Schmerzmittel, beträgt für Erwachsene 200 bis 400 mg des Wirkstoffes.

Dagegen wird gelegentlich das Argument vorgebracht, dass es sehr wohl Stoffe gibt, die auch in kleinsten Mengen eine Wirkung entfalten und von bestimmten Organismen wahrgenommen werden können. Aale riechen angeblich Phenylethylalkohol (das ist künstlicher Rosenduft) im Wasser, wenn davon nur ein Gramm auf die 60-fache Wassermenge des Bodensees verdünnt wurde, was immerhin schon einer Verdünnung entsprechend der Potenz D18 entspricht.

Dass dieses Argument an den realen Gegebenheiten vorbeigeht, kann man an einem kleinen Experiment überprüfen. Sie, lieber Leser, sind sicher in der Lage, aus den unteren beiden Bildern dasjenige herauszufinden, das mehr Kreuze zeigt, und wie groß der Unterschied ist:

Screenshot 2017 06 12 08.24.12

Das eine Kreuz soll einem Molekül Rosenduft entsprechen, das an den Riechzellen des Aals vorbeischwimmt. Wie erkennbar, fällt das einzelne Objekt sofort auf, wenn drum herum keine anderen sind und es sich mit hohem Kontrast von der Umgebung abhebt.

Dies gibt aber die Situation der Einnahme von Homöopathika nicht wieder. Unser Körper besteht aus einer Unmenge der verschiedensten Stoffe, ebenso unsere Nahrung. Ein Beispiel soll den Sachverhalt verdeutlichen:

Sie werden mir sicher zustimmen, dass Gold in der Natur sehr selten ist. Dennoch sind in einem Kubikkilometer Wasser durchschnittlich etwa 10 kg Gold enthalten, was der Konzentration einer D11-Potenz entspricht. Diese Zahl gilt zwar für Meerwasser, aber hier sei vereinfachend angenommen, dass es sich bei Süßwasser nicht wesentlich anders verhält. Täglich braucht man etwa drei Liter Flüssigkeit. Wenn Sie das trinken, dann trinken Sie die gleiche Menge Gold mit, wie Sie an Urtinktur (dem homöopathischen Mittel) Ihrem Körper zuführen, wenn Sie ein Homöopathikum in D8-Potenz einnehmen. Anders herum ausgedrückt: Von den in der Homöopathie üblichen Mitteln trinken Sie im Verlauf eines Tages wahrscheinlich wesentlich mehr als sie mit Globuli einnehmen, wenn Sie sich an die Einnahmevorschrift halten.

Nimmt man also ein Homöopathikum in einer niedrigen Potenz ein, dann hat man damit nicht etwa einen (vermeintlichen Wirk-) Stoff in seinen Körper neu aufgenommen, der vorher nicht vorhanden war. Man hat vielmehr die Menge nur geringfügig erhöht. Ganz extrem: Der Körper eines Erwachsenen enthält 150 g bis 300 g Speisesalz. Durch die Einnahme von Natrium chloratum D2 erhöht sich die Salzmenge im Körper beispielsweise von 200,000 000 g auf 200,000 030 g.

Dann aber ist der obige Bildvergleich nicht stichhaltig. Der Test, ob man ein einzelnes Objekt erkennen kann ist nicht aussagekräftig. Vielmehr muss man fragen, ob man den Unterschied merkt, wenn sich eine Menge geringfügig vergrößert, so wie in den folgenden Grafiken. Frage: Welches Bild enthält mehr Kreuze und wie viele mehr?

Screenshot 2017 06 12 08.24.22Dies wird man nur durch mühsames Auszählen der Kreuze feststellen können. Rein durch Augenschein kann man das nicht erkennen. Wobei dies hier verglichen mit den Verhältnissen bei den Homöopathika noch ein starker Unterschied ist: Das linke Bild enthält 101 Kreuze, das rechte nur 100. Das ist also ein Unterschied von immerhin 1 % – der dennoch nicht erkennbar ist.

Wenn man die Wirksamkeit kleinster Mengen eines Wirkstoffes beurteilen will, dann ist es nicht richtig, die minimale Menge zu betrachten, bei der eine Wirkung einsetzt, sondern man muss sich fragen, wie groß die zusätzlich zum Vorhandenen benötigte Menge ist, um einen Effekt zu erzielen. Um zu dem Aal zurückzukehren: Auch wenn er ein Gramm auf die 60-fache Menge des Bodensees erkennen kann, ist doch zu bezweifeln, dass er zwischen 1.000.000 g und 1.000.001 g unterscheiden kann.

Daraus folgt übrigens auch, dass es nicht zutreffend sein kann, dass Homöopathika über die Weitergabe irgendwelcher “Information” wirkt: Das was das Homöopathikum vielleicht zu sagen hätte, wird dem Organismus schon in einem riesengroßen Chor dauernd vorgesungen.

 

Autor: Dr. Norbert Aust

Foto: Shutterstock 19499434 Sven Hoppe

Homöopathie ist Pseudowissenschaft – nun offiziell in Russland – Übersetzung des Memorandums und der Pressemitteilung

Die Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaften am Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS) hat ein Memorandum „Über die Pseudowissenschaft Homöopathie“ herausgegeben.

Das Dokument besagt: “Die Behandlung mit ultraniedrigen Dosen in homöopathischen Mitteln hat keine wissenschaftliche Grundlage und damit keine Rechtfertigung.”

Die Kommission empfahl dem Ministerium für Gesundheit, alle homöopathischen Arzneimittel aus öffentlichen Kliniken zurückzuziehen und über Maßnahmen des Kartellamtes die Bürger davor zu schützen, dass ihnen das Vorhandensein „therapeutischer Eigenschaften“ solcher Mittel suggeriert wird. Das Gesundheitsministerium hat zugesagt, auf die Argumente des Memorandums zu reagieren, sobald sie diese auf offiziellem Wege erhalten hat.

Memorandum No. 2: Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung

Über die Pseudowissenschaft Homöopathie

Dieses Memorandum der Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung des Präsidiums der Russischen Akademie der Wissenschaften (im Folgenden: Kommission) ist der Homöopathie gewidmet. Die Kommission argumentiert, dass die Behandlung mit extrem niedrigen Dosen von verschiedenen in der Homöopathie verwendeten Substanzen keine wissenschaftliche Grundlage hat. Sie qualifiziert diese deshalb als pseudowissenschaftlich.

Homöopathie als eine Form der „alternativen Medizin“ existiert seit mehr als 200 Jahren. Während dieser Zeit hat es zahlreiche Versuche gegeben, der Homöopathie eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Sie waren letztlich sämtlich erfolglos: Zahlreiche klinische Studien in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten waren nicht in der Lage, experimentell die spezifische Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel und Behandlungsmethoden aufzuzeigen.

Die vielen im Laufe der Zeit vorgeschlagenen theoretischen Erklärungen der möglichen Wirkmechanismen der Homöopathie stehen im Widerspruch zu etablierten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Struktur der Materie, Physiologie, Ätiologie und der biochemischen Wirkweise von Medikamenten. Die a priori postulierten “Prinzipien der Homöopathie” sind einer spekulativen Dogmatik zuzurechnen, derer man sich in vorwissenschaftlichen Zeiten bediente.
Die Homöopathie ist nicht harmlos: Die Patienten vertrauen stark auf nutzlose Mittel und vernachlässigen dadurch Methoden und Mittel von Therapien mit nachgewiesener Wirksamkeit. Dies kann zu unerwünschten Ergebnissen führen, einschließlich des Todes des Patienten.

Dieses Memorandum stellt fest, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft Homöopathie heute als Pseudowissenschaft betrachtet. Ihre Verwendung in der Medizin steht im Gegensatz zu den grundlegenden Zielen der nationalen Gesundheitspolitik, daher sollte ihr öffentlicher Widerstand entgegengesetzt werden. Vor diesem Hintergrund hat die Kommission Empfehlungen an verschiedene Personen und Organisationen formuliert, um zu erreichen, dass der homöopathischen Behandlung kein Platz mehr im nationalen Gesundheitssystem zukommt.

Das Memorandum basiert auf dem Gutachten einer interdisziplinären Arbeitsgruppe im Auftrag der Kommission. Diese besteht aus Experten auf dem Gebiet der evidenzbasierten experimentellen und klinischen Medizin, Psychotherapie, Psychologie, Physik, Chemie, Biochemie, Immunologie, Molekularbiologie, Pharmakologie, Biotechnologie, Pharmazie und Biostatistik.

Empfehlungen an das Ministerium für Gesundheit

Die vor über 20 Jahren ohne ausreichende Begründung getroffene Entscheidung, die Homöopathie im russischen Gesundheitswesen zu implementieren, ist angesichts der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse neu zu bewerten. Homöopathische Mittel sind vom Einsatz in den staatlichen und kommunalen medizinischen Einrichtungen auszuschließen. Bei der Erneuerung und Aktualisierung von klinischen Richtlinien, Pflegestandards und dergleichen sind homöopathische Mittel nicht mehr einzubeziehen.

Die Anforderung an die Kennzeichnung homöopathischer Arzneimittel in der sog. Sekundärverpackung (s. Art. 46 des Bundesgesetzes “über den Verkehr von Arzneimitteln”) erfordert zwingend einen ausdrücklichen Hinweis auf das Fehlen einer nachgewiesenen klinischen Wirksamkeit und von klaren Indikationen für die Verwendung sowie eine Ergänzung zu den tatsächlichen Inhaltsstoffen. Für Arzneimittel mit Verdünnung C12 oder mehr, das heißt, solche ohne Wirkstoffgehalt, sind nur die Hilfskomponenten (Wasser, Lactose, etc.) als Inhaltsstoffe anzugeben. Die „angeblichen“ Wirkstoffe sind in einer Zusatzauflistung anzugeben, mit dem Hinweis „bei der Zubereitung verwendet“.
[Es folgt eine Reihe rein administrativer Anweisungen an unterschiedliche Behörden] …

An die Organisationen, die Bildungsprogramme im Gesundheitssektor umsetzen

[…] Die postgraduale Ausbildung zukünftiger Ärztinnen und Ärzte hat darauf abzuzielen, diese mit den Grundannahmen pseudowissenschaftlicher Methoden – einschließlich Homöopathie – und der Kritik daran, die zur Einstufung als Pseudowissenschaft führt, vertraut zu machen.

An die Versicherungen

Halten Sie sich an die gängige Praxis, die keine Leistungserbringung für Homöopathie vorsieht. Betrachten Sie die Möglichkeit von Ausnahmen bei “erweiterten” Versicherungsverträgen für homöopathische Behandlung und Medikamente nach den gleichen Kriterien, wie sie dies bei Leistungen „traditioneller Heiler“ tun.

An die Apotheken

Beenden wir den gemeinsamen (gleichberechtigten) Verkauf von Arzneimitteln und homöopathischen Präparaten und verwenden sie ggf. für den Verkauf von homöopathischen Präparaten eines gesonderten Abrechnungskreises. Homöopathische Medikamente sollten in einer separaten Vitrine vorgehalten werden.

An die Pharmazeuten und Apotheker

Keine Beratung von Patienten mehr zu homöopathischen Mitteln. Informieren Sie Patienten, die homöopathische Mittel verlangen, dass die Homöopathie nach wissenschaftlichen Kriterien keinen Wirkungsnachweis erbringen konnte.

An die Ärzte

Informieren Sie Patienten über die Wirkungslosigkeit der Homöopathie und ihre Einstufung als Pseudomedizin. Vermeiden Sie die Zusammenarbeit mit Organisationen, die weiterhin Homöopathie fördern und verbreiten. Eine Verschreibung homöopathischer Mittel ist als unethisch anzusehen, und zwar auch dann, wenn nur der Placebo-Effekt erreicht werden soll. Dem Einsatz von Homöopathie im Gesundheitswesen ist die Grundlage zu entziehen.
Denken Sie daran, sich an die Behandlungsstandards zu halten und an Ihre Verpflichtung zu Konsultationen in Fällen, für die keine Behandlungsstandards existieren. […] Machen Sie sich vertraut mit den modernen wissenschaftlichen Daten über die Unwirksamkeit der Homöopathie. Den nicht bestätigten Ansprüchen von Herstellern homöopathischer Arzneimittel auf ihre Wirksamkeit müssen Sie entgegentreten können.
[…]

An die Vertreter der Medien

Realisieren Sie, dass eine Wirksamkeit oder ein angeblicher Nutzen in der medizinischen Praxis im Hinblick auf Homöopathie nicht vorhanden ist. Positionieren Sie die Homöopathie als Pseudowissenschaft in der Medizin, auf einer Stufe mit Magie, personaler oder energetischer Heilung und Heilung mit „besonderen Fähigkeiten“. Unterlassen Sie Förderung von und Werbung für Homöopathie.

An die Lehrer der Bildungseinrichtungen

Bilden Sie Studenten in Fragen zur wissenschaftlichen Methodologie und zu grundlegenden Prinzipien der evidenzbasierten Medizin aus.

An alle Patienten und verantwortlichen Bürger

Verweigern Sie sich dem Erwerb und der Verwendung von homöopathischen Arzneimitteln, informieren Sie Ärzte über Ihre Position und tragen Sie zur Verbreitung zutreffender Informationen über die Homöopathie bei.

Der Vorsitzende der Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung beim Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften,
Akad Jewgeni Borissowitsch Aleksandrov

Das Memorandum wurde mit Unterstützung der Stiftung „Evolution in Forschung und Lehre“ vorbereitet.

Begutachtung der Methode „Homöopathie“ für die Kommission gegen Pseudowissenschaft und Verfälschung der wissenschaftlichen Forschung beim Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften

Gutachten über die Pseudowissenschaft Homöopathie

  1. Homöopathie ist eine alternative medizinische Praxis, die davon ausgeht, dass die Anwendung äußerst niedriger Dosen von Substanzen, die in hohen Dosen an gesunden Personen Krankheitssymptome verursachen, eine spezifische arzneiliche Wirkung hat.Die Prinzipien der Homöopathie stehen im Gegensatz zu den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin, die auf den Ergebnissen medizinischer und anderer naturwissenschaftlicher Forschungen basieren: Chemie, Physik, Biologie und Physiologie und ihre Verzweigungen wie Biochemie, Biophysik, Immunologie, Molekularbiologie, pathologische Physiologie und Pharmakologie. Homöopathische Diagnose und Behandlung sind pseudowissenschaftlich und haben keine Funktion.Die Überzeugung einzelner Ärzte und Patienten von einer Wirksamkeit der Homöopathie aufgrund „persönlicher Erfahrung“beruht auf anderen Erklärungszusammenhängen und widerspricht der postulierten Unwirksamkeit der homöopathischen Methode nicht (siehe „Antworten auf häufig gestellte Fragen und die Argumente zugunsten der Homöopathie“ Anhang 1, Abschnitt I).
  2. Die Homöopathie beruht auf den folgenden Grundsätzen:

    a) “Das Prinzip der Ähnlichkeit”
    Laut des Begründers der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843) sollte „die Medizin gegen eine Krankheit in jedem Fall so gewählt werden, dass diese selbst beim Gesunden ein Leiden verursacht, ähnlich dem, wie es geheilt werden müsse.“
    Das „Ähnlichkeitsprinzip“ geht auf die alte Praxis der „sympathischen Magie“ zurück, derjenigen Form der „Hexerei“, die annimmt, dass äußerliche Ähnlichkeiten von Gegenständen eine übernatürliche „magische Verbindung“, einen „magischen Bedeutungszusammenhang“ zwischen ihnen herstellen.

    b) “Das Prinzip Arzneimittelprüfung am Gesunden”
    Die Prüfung von homöopathischen Mitteln wird an gesunden Menschen durchgeführt Man erfasst die Symptome, die der Proband während der Einnahme berichtet und es wird angenommen, dass das so geprüfte Mittel dann für die Behandlung von Patienten mit ähnlichen Symptomen geeignet ist.

    c) “Das Prinzip der kleinen Dosen”
    Es wird angenommen, dass die Kraft der Auswirkungen der homöopathischen Medizin mit zunehmendem Verdünnungsgrad nicht abnimmt, sondern zunimmt.

    d) “Potenzierungsprinzip”
    Es wird angenommen, dass die Wirkung des homöopathischen Mittels verstärkt wird, wenn es einer “Potenzierung”, d. h. einer stufenweisen Verdünnung unter langem und kräftigem Schütteln (oder Verreiben für die unlöslichen Substanzen) unterzogen wird.

    e) “Das Prinzip der individuellen Behandlung”
    Klassische Homöopathen bestehen darauf, dass jedes homöopathische Mittel für einen Patienten “individuell”, unter Berücksichtigung der Gesamtheit der dargelegten “Symptome” und auch der persönlichen Eigenschaften sowie der Konstitution des Patienten zu bestimmen ist. Nicht alle Homöopathen teilen diese Ansicht: Viele beliebte OTC-Homöopathika werden in großen Mengen verkauft und – allenfalls auf Rat der Apotheke – zur Selbstbehandlung verwendet (Kommentare zu diesem Prinzip sind im Anhang 1 Abschnitt II, enthalten).

  1. Homöopathie entstand in einer Zeit, als die wichtigsten Erkenntnisse von Chemie und Biologie – z. B. die Eigenschaften von Molekülen und die Existenz von Mikroben – noch unbekannt waren. Einige Wissenschaftler glaubten daher, dass die Materie unendlich teilbar ist und so erschien es für sie durchaus sinnvoll, von einer verdünnten Lösung in jedem beliebigen Grad zu sprechen.
    Homöopathische Verdünnungen beruhen auf der konsistenten Abnahme der Konzentration des Wirkstoffs, die oft bis zur vollständigen Abwesenheit einer „Lösung“ des ursprünglichen Stoffes geht. Als Voraussetzung für die angenommene Potenzierung gilt das systematische Verschütteln in allen Phasen der stufenweisen Verdünnung. Die chemisch-physikalische Forschung auf dem Gebiet der Physik und Chemie des 19. und 20. Jahrhunderts entdeckte die atomar-molekulare Struktur der Materie, woraus folgte, dass eine Potenzierung durch Verdünnung nicht beliebig durchführbar ist.Ein Mol eines Stoffes enthält ~ 6,02 × 10^23 Moleküle (Avogadro-Zahl). In einem homöopathischen Mittel mit einem Verdünnungsindex von C12 (= 100^12 = 10^24) wird ein Molekül des Grundstoffes nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 % (statistisch mit weniger als 1, nämlich mit 0,6 Molekül) enthalten sein. In einer typischen Dosis für die Herstellung homöopathischer Mittel verwendet man nur millionstel Liter der potenzierten Lösung je Dosis, so dass das statistisch vielleicht noch enthaltene einzelne Wirkstoffmolekül bei einer C12-Potenzierung nur eines von Millionen Globuli treffen wird. Gleichwohl empfohlen auch von Hahnemann und nach wie vor beliebt bei den Homöopathen ist eine Potenzierung von C30 (10^60) – dies ist physikalisch völlig sinnfrei, denn die ganze Erde enthält nicht mehr als 10^50 Moleküle.Vor das Problem gestellt, diese Hürde zu umgehen und die hohen Potenzierungen zu rechtfertigen, setzen Homöopathen auf viele spekulative Konzepte, die, wie zum Beispiel die Idee des “Wassergedächtnisses” durch angeblich prägende Eigenschaften einer homöopathischen Substanz in Abwesenheit seiner Moleküle – was keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhält (dazu Anhang 4 “Wissenschaftlich nicht nachweisbar – Über das Gedächtnis des Wassers” und Anhang 1).
  2. Es werden zwar einige homöopathische Medikamente aus Pflanzen gewonnen. Die Homöopathie darf aber nicht mit der Phytotherapie verwechselt werden, die mit messbaren, physiologisch wirksamen Wirkstoffdosen arbeitet. Andererseits existieren Präparate, die Wirkstoffe in homöopathischen (Kleinst-) Konzentrationen enthalten, ohne dass der Hersteller diese Produkte als homöopathisch kennzeichnet (siehe. Anhang No 1, Abschnitt XVI).
  3. Abgesehen vom Placebo-Effekt (Anhang 2 “Placebo-Effekt” und Anhang 1, Abschnitt IV), kann es keine Manifestation einer therapeutischen Wirkung eines Arzneimittels anders als durch chemische oder physikalisch-chemische Wechselwirkung mit biologischen Substraten geben, sei es in Organen, Geweben und Gewebezellen oder in Bezug auf eingedrungene Krankheitserreger.
    Intermolekulare Wechselwirkungen bestimmen die weitere Wirkung von Arzneimitteln auf allen Ebenen (von der zellulären Antwort bis zur Reaktion des ganzen Körpers). Plausible Mechanismen einer Wirkung von homöopathischen Mitteln auf molekularer Ebene oder den menschlichen Organismus als Ganzes existieren nicht.
  4. Im Interesse der Patienten nutzt die moderne Medizin einen evidenzbasierten Ansatz, bei dem Entscheidungen über den Einsatz von präventiven, diagnostischen und therapeutischen Interventionen auf der Grundlage der verfügbaren objektiven und zuverlässigen wissenschaftlichen Beweise für deren Wirksamkeit und Sicherheit getroffen werden. Dieser Ansatz eliminiert größtenteils alle Störfaktoren, die einen Wirksamkeitsnachweis beeinflussen könnten. Die (dogmatische) Beachtung von rein spekulativen Prinzipien, wie zum Beispiel des „Ähnlichkeitsprinzips”, sagt dagegen nichts über den therapeutischen Wert eines Arzneimittels aus. In der wissenschaftlichen Medizin wird der evidente Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit durch den Vergleich einer experimentellen und einer Kontrollgruppe von Patienten etabliert. Im einfachsten Fall erhält die erste Testgruppe das zu beurteilende Therapeutikum („Behandlung“), die zweite ein Placebo (äußerlich nicht zu unterscheiden von der echten Medikation). Voraussetzung ist eine Ähnlichkeit (Vergleichbarkeit) bei der Ausgangslage zwischen beiden Gruppen. Die Zugehörigkeit zu den Gruppen wird nach Zufallskriterien festgelegt. Weder die Patienten noch die Behandler und die Forscher erfahren, wer die Behandlung und wer das Placebo empfängt (doppelverblindete Studie).In allgemeinen klinischen Studien werden parallel in vielen Zentren auf möglichst breiter soziodemografischer Basis Patientenstichproben durchgeführt und das zu testende Mittel nicht nur einem Vergleich mit Placebo, sondern auch mit der bislang besten verfügbaren Behandlungsmethode unterzogen. Nur die strengste Einhaltung von Studiendesign und -dokumentation liefert wissenschaftlich belastbare Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit einer bestimmten Behandlung.Zusammengefasste Ergebnisse von Einzelstudien (Meta-Analysen) belegen die Abwesenheit von klinischer Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel.
    Zu diesen Ergebnisse kamen Forscher immer wieder. Eine der überzeugendsten und ehrgeizigsten Gesamtbetrachtungen von klinischen Studien zur Homöopathie stammt vom Medical Research Council of Australia und wurde im Jahr 2015 durchgeführt. Sie kam zu folgendem Ergebnis:”Es wurden keine Beweise gefunden, dass die Homöopathie in der Behandlung von Erkrankungen wirksam ist. Hierzu wurde die bisherige Forschung betrachtet. Es fand sich weder eine qualitativ hochwertige Studie mit einer ausreichenden Probengröße, noch kann bestätigt werden, dass der Homöopathie eine Wirksamkeit über Placebo hinaus zukommt …” [2]Die Kommission benennt noch weitere 13 im Ergebnis übereinstimmende Dokumente bzw. Veröffentlichungen [3].Bereits im Jahr 2010 kam der Ausschuss für Wissenschaft und Technologie des britischen Parlaments [4] zum gleichen Ergebnis: “Es gibt keine Beweise, dass die Homöopathie wirksam ist …”. Gleichlautend ferner eine Reihe von Bewertungen in Peer-Reviewed-Publikationen [5-7]. Zum Beispiel wurde in einem Lancet-Artikel aus 2005 gezeigt, dass bei den meisten der Studien, die homöopathischen Mitteln Effizienz bescheinigten, im Gegensatz zur Prüfung herkömmlicher Medikamente die „Effizienz“ nicht um den zu erwartenden Placeboeffekt bereinigt wurde. Umfragen, die die „beliebtesten homöopathischen Mittel“ untersuchten, zeigten gleichzeitig auch den Mangel an nachgewiesener Wirksamkeit [8]. Einzelnen Studien, die angeblich die Wirksamkeit einiger homöopathischer Mittel belegten, wurde Verletzung der wissenschaftlichen Methodik nachgewiesen. Bei weiteren stellte sich heraus, dass die Inhaltsstoffe der untersuchten Mittel fälschlicherweise als homöopathisch bezeichnet waren. Weitere Ergebnis waren nicht von unabhängigen Forschern vorgelegt worden (siehe Anhang 5: Einige Studien zur Homöopathie, die Fehler enthalten).

    Experimentelle Untersuchungen zur Wirksamkeit der Homöopathie wurden in der UdSSR im Jahr 1937 und von 1974 bis 1975 durchgeführt (siehe Anhang 3. „Die Geschichte der Homöopathie in der Umsetzung der nationalen Gesundheitssysteme“).

    (Einschub d. Übers. – Zitat aus der erwähnten Anlage 3, zur Orientierung über die bisherige Situation in Russland:

    „Der offizielle Status der Homöopathie in Russland während der zaristischen und sowjetischen Ära blieb unsicher und schwankend zwischen dem fast vollständigen Verbot und begrenzter Zulässigkeit in der privaten Praxis. Die Situation änderte sich dramatisch in den unruhigen Zeiten, als die Sowjetunion zerbrach und eine neue russische Staatlichkeit entstand. Alte Regulationsmechanismen kamen zum Erliegen, bevor neue greifen konnten. Während dieser Zeit wurde durch eine Reihe von Entscheidungen der Regierung der Homöopathie in Russland offiziell ein noch nie dagewesener Grad an Anerkennung zuteil – trotz des Fehlens jeder wissenschaftlichen Begründung.“)

    Im Jahr 2016 ist die US Federal Trade Commission (FTC) zu dem Schluss gekommen, dass “… die Aussagen über die Wirksamkeit der traditionellen homöopathischen Arzneimittel ausschließlich auf homöopathischen Arzneimittelprüfungen und Theorien beruhen, die von modernen medizinischen Experten nicht anerkannt werden und keinen zuverlässigen wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit darstellen” [9].

    Auf dieser Grundlage hat die FTC vorgeschlagen, die Werbung für homöopathische Mittel zu beschränken: Solange eine Bestätigung der Wirksamkeit homöopathischer Mittel durch angemessene Studien aussteht, sollte der Verbraucher darüber informiert werden, dass der „bewährte therapeutische Wert“ des Arzneimittels nicht nachgewiesen ist.

    Ähnliche Anforderungen an die Kennzeichnung von homöopathischen Medikamenten sind in einer aktuellen Entscheidung des Rates der Eurasischen Wirtschaftskommission 2016.03.11 76 “Drogen für medizinische Zwecke und Tierarzneimittel – Über die Genehmigung der Kennzeichnungsvorschriften” formuliert:

    “Bei der Etikettierung von homöopathischen Arzneimitteln im Rahmen des vereinfachten Registrierungsverfahrens müssen mindestens die folgenden Informationen gegeben werden: Aufnahme unter anderem: “Homöopathische Arzneimittel ohne zugelassene Indikationen für die Anwendung”; eine Warnung über die Notwendigkeit, einen Arzt zu konsultieren, sollten die Symptome der Krankheit anhalten.”

  5. Das Risiko der Homöopathie liegt darin, dass seine Befürworter oft die (rechtzeitige) Behandlung mit Mitteln von nachgewiesener Wirksamkeit vernachlässigen. Dies kann zu unerwünschten Ergebnissen führen, einschließlich Tod der Patienten [10, 11].
    Eine weitere Gefahr besteht darin, dass das Herstellungsverfahren von homöopathischen Arzneimitteln im Allgemeinen nicht so streng wie die pharmazeutische Produktion gehandhabt wird. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Hersteller können solche Präparate giftige Stoffe in gefährlichen Konzentrationen enthalten (siehe Anhang 1, Abschnitt VII). Im Jahr 2016 hat die FDA die Verbraucher vor der Verwendung von homöopathischen Globuli und Zahn-Gelen, die für Kinder gesundheitsgefährdend sein können, gewarnt [12].
  6. Somit basiert die Homöopathie auf theoretischen Positionen, die großteils direkt grundlegenden wissenschaftlichen Prinzipien und Gesetzen der Physik, Chemie, Biologie und Medizin widersprechen. Keinerlei empirische Daten aus unabhängigen, hochqualitativen klinischen Studien bestätigen die klinische Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln.
    Die Wissenschaft ist auf den plausiblen und konsistenten Aufbau eines Weltbildes gerichtet, das am besten den empirischen Tatsachen entspricht. Die Gesamtschau der Fakten aus verschiedenen Bereichen – über die Ergebnisse der klinischen Studien bis zu den modernen wissenschaftlichen Vorstellungen über die Struktur der Materie, den chemischen Grundlagen der intermolekularen Wechselwirkungen und der menschlichen Physiologie – ermöglicht uns die Schlussfolgerung, dass die theoretischen Grundlagen der Homöopathie keinen wissenschaftlichen Sinn haben und demzufolge homöopathische Diagnose und Behandlungsmethoden wirkungslos sind.In dem Bemühen, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen, erhebt die Homöopathie regelmäßig einen „alternativen“ wissenschaftlichen Anspruch für ihre eigenen Prinzipien und Methoden. Die Fortexistenz der Homöopathie trotz des Fehlens von zuverlässigen wissenschaftlichen Beweisen für ihre Wirksamkeit über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg wird auch durch die Tatsache erklärbar, dass ständig der Anspruch erhoben wurde, es gebe angeblich anwendbare wissenschaftliche Ansätze zu erkunden.Der Abgleich des „externen Szientismus“ der Homöopathie auf der einen Seite mit dem gemeinsamen System der heutigen gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis auf der anderen Seite ermöglicht es uns aber, die Homöopathie als eine pseudo- wissenschaftliche Disziplin zu qualifizieren.

Nähere Informationen zu häufig auftretenden Fragen sind in den Anhängen enthalten.


Liste der Anhänge

  1. Antworten auf häufig gestellte Fragen über die Homöopathie und die Argumente zu ihren Gunsten
  2. Über den Placebo-Effekt
  3. Die Geschichte der Homöopathie in der Umsetzung der nationalen Gesundheitsversorgung
  4. Über das Gedächtnis des Wassers
  5. Einige Studien zur Homöopathie, die Fehler enthalten
  6. Referenzliste

Textverweise:

  1. NHMRC releases statement and advice on homeopathy. Summary media release information. NHMRC Media Release, March 11, 2015.
    URL: https://www.nhmrc.gov.au/media/releases/2015/nhmrc-releases-statement-and- advice-homeopathy.
  2. NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. Canberra: NHMRC, 2015, 40 pp.
    URL: https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02a_information_ paper.pdf.
  3. Homeopathy Review. NHMRC.
    URL: https://www.nhmrc.gov.au/health-topics/complementary-medicines/homeopathy- review.
  4. Evidence Check 2: Homeopathy. Fourth Report of Session 2009–10. House of Commons. Science and Technology Committee. London: TSO, 2010, 275 pp. URL: http://www.publications.parliament.uk/pa/cm200910/cmselect/cmsctech/45/45.pdf.
  5. Ernst E. Homeopathy: what does the «best» evidence tell us? Med J Aust 2010, 192(8):458–460.
  6. Shang A et al. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet 2005, 366(9487):726–732.
  7. Ernst E. A systematic review of systematic reviews of homeopathy. Br J Clin Pharmacol 2002, 54(6):577–582.
  8. Mathie RT et al. Homeopathic Oscillococcinum((R)) for preventing and treating influenza and influenza-like illness. Cochrane Database Syst Rev 2015.
  9. Homeopathic Medicine & Advertising Workshop Report, Federal Trade Commission, 2016.
    URL: http://www.ftc.gov/system/files/documents/reports/federal-trade-commission-staff- report-homeopathic-medicine-advertising- workshop/p114505_otc_homeopathic_medicine_and_advertising_workshop_report.pdf.
  10. Lim A et al. Adverse events associated with the use of complementary and alternative medicine in children. Arch Dis Child 2011, 96(3):297–300.
  11. Posadzki P et al. Adverse effects of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. Int J Clin Pract 2012, 66(12):1178–1188.
  12. FDA warns against the use of homeopathic teething tablets and gels. FDA news release, September 30, 2016. URL: http://www.fda.gov/NewsEvents/Newsroom/PressAnnouncements/ucm523468.htm.

Unterzeichner des Gutachtens:

Vladimir Anisimov, Mitglied der Kommission zur Bekämpfung der Pseudowissenschaft und Verfälschungen der wissenschaftlichen Forschung des Präsidiums der Russischen Akademie der Wissenschaften, korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, Doktor der Medizin, Professor, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Karzinogenese und Onkogerontologie FGBU, Onkologisches Forschungszentrum Petrova, Präsident der gerontologischen Gesellschaft der RAS, WHO-Experte, Experte der Internationalen Agentur für Krebsforschung, Experte beim Programm der Vereinten Nationen über das Altern.

sowie weitere 33 hochrangige Wissenschaftsvertreter aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen.


Übersetzer: Udo Endruscheit

Bitte keine homöopathische Behandlung bei ADS / ADHS!

Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne und mit Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS) gehört zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Die Angaben zur Häufigkeit schwanken zwischen 3 % und 10 %. In Deutschland geht man von 5 % aus. Nicht jedes Kind zeigt alle Symptome und nicht alle Symptome sind bei jedem betroffenen Kind maximal ausgeprägt.

Drei Kernbereiche sind dabei betroffen:

  1. Die Kinder haben generell Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit. Es fällt ihnen schwer zuzuhören, sie können sich schlecht organisieren und haben beispielsweise auch Probleme, Spielen zu folgen.
  2. Die Kinder sind oft (nicht immer) motorisch unruhig (“hyperaktiv”), was zur Diagnose ADHS führt. Sie wirken “zappelig”, bleiben nicht sitzen oder sind ungeschickt. Sie haben infolgedessen ein höheres Risiko sich zu verletzen als Gleichaltrige ohne eine solche Störung.
  3. Ferner liegt bei Kindern mit ADS/ADHS eine mangelnde Impulskontrolle vor. Sie platzen schnell mit Antworten heraus, können schlecht abwarten, bis sie an der Reihe sind.

Diese Symptomatik führt bei Kindern mit ADS, aber insbesondere mit ADHS  fast regelhaft zu Problemen bei der Interaktion mit ihrer Umwelt. Eltern und Lehrer sind in der Regel diejenigen, die eine diagnostische Abklärung verlangen. Die Kinder selbst leiden am meisten daran, dass sie bei Gleichaltrigen anecken und als provokant erlebt werden. Je nach Schwere der Ausprägung der Symptomatik kann durch eine ADS/ADHS sowohl bei Betroffenen als auch bei der Umwelt ein erheblicher Leidensdruck entstehen.

Reguläre Behandlung von ADS/ADHS

Wenn eine Medikation einer ADS und insbesondere einer ADHS aufgrund der Schwere des Krankheitsbildes notwendig ist, sollte diese immer durch eine Psychotherapie ergänzt werden. Außerdem ist es wichtig, die Umwelt (Eltern, Lehrer) im Umgang mit den Besonderheiten der betroffenen Kinder zu schulen. Sollte eine Psychotherapie nicht verfügbar oder aus anderen Gründen nicht möglich sein, ist auch eine reine medikamentöse Therapie vertretbar, zumindest übergangsweise. Längst nicht alle PatientInnen erhalten eine medikamentöse Therapie, das muss deutlich hervorgehoben werden angesichts einer öffentlichen Meinung, die vom Zerrbild einer durchgängig üblichen (alleinigen) Medikation bei ADS/ADHS geprägt ist. Zudem ist die Verschreibung an eine fachärztliche Diagnose gebunden.

Als Mittel der ersten Wahl gelten dabei heute Stimulanzien, am häufigsten wird Methylphenidat gegeben, besser unter dem Namen “Ritalin” bekannt. Nach dem Stand der derzeitigen Erkenntnisse wird angenommen, dass Auslöser der Symptomaik eine Verlangsamung bestimmter Teile des Hirnstoffwechsels ist, die für Domaninausschüttung und -transport zuständig sind. Eine Stimulation hat daher den Sinn, den Domapinstoffwechsel im Hirn anzuregen.

Dies wird vielfach missverstanden oder ist nicht bekannt. Daher kommt es zu der verbreiteten Annahme, eine Stimulanziengabe sei doch sinnlos bei ohnehin bestehender Hyperaktivität oder aber es handele sich um ein Mittel zur “Ruhigstellung”. Beides trifft nicht zu. Zudem haben Stimulanzien generell  einen schlechten Ruf, obwohl eine der beliebtesten Drogen, Koffein, ebenfalls unter diese Klasse fällt. Sind Sorgen wegen Nebenwirkungen natürlich durchaus berechtigt, gibt es jedoch viele unhaltbare Mythen zu Ritalin, die vor allem in Internetforen kursieren und leider erheblich zur Verunsicherung beitragen. Sinnvolle Informationen zu diesen Mythen und ihren Hintergründen findet man allerdings auch, beispielweise hier (Link).

Scheinalternativen

Bei alledem ist es verständlich, dass viele Eltern nach einer Alternative suchen, um ihrem Kind die Einnahme eines Psychopharmakons zu ersparen. Auch auf diesem Feld findet man recht umfangreich alternative Angebote zu homöopathischen Mitteln und Methoden. Doch leider sind diese nicht immer so sinnvoll, wie sie angepriesen werden. Wir stellen hier einige Probleme vor:

Homöopathie #1: Alternative Zappelin? Ein Werbekunststück!

Vergleichsweise bekannt ist die “homöopathische Alternative” mit dem Komplexmittel “Zappelin” (das entgegen der Hahnemannschen Anweisung nicht aus einem, sondern aus mehreren Substanzen hergestellt wird). Dieses Präparat darf zwar (wie alle “zugelassenen” Homöopathika) mit Indikationsangaben beworben werden, aber mit nicht mehr als dem Hinweis in der Packungsbeilage: “Die Anwendungsgebiete leiten sich von den homöopathischen Arzneimittelbildern der Einzelbestandteile ab. Dazu gehören: Nervöse Störungen mit Unruhe.” Die Zielgruppe sind jedoch eindeutig Kinder, die unangepasste Verhaltensweisen zeigen – in diesem Sinne ist bereits der Produktname eine “Indikationsangabe”.

In der Werbung für Zappelin muss vom Hersteller das “Kunststück” vollbracht werden, die richtige Zielgruppe anzusprechen, ohne den Eindruck zu erwecken, als würde Zappelin zur Behandlung von ADHS direkt angeboten. So wurde Zappelin ursprünglich zur Behandlung von „Unruhe, übermäßigem Bewegungsdrang, gesteigerter Impulsivität und Konzentrationsstörungen“ beworben. Nicht jedoch, ohne gleichzeitig zu erwähnen, dass nicht bei jedem Kind, welches diese Symptome zeigt, eine ADHS vorliegen müsse:

„Ganz besonders in der nasskalten Jahreszeit, wenn Kinder ihre überschießende Energie nicht durch Toben im Freien abbauen können, stellt das unruhige Verhalten von Zappelphilippen das Familienleben auf die Probe […]. Erziehungsfehler der Eltern sind selten der Grund für diese Verhaltensauffälligkeiten.
Auch wenn die Symptome
• Unruhe
• übermäßiger Bewegungsdrang
• gesteigerte Impulsivität
• und Konzentrationsstörungen
bei Aufmerksamkeitsdefizits-(Hyperaktivitäts)-Syndrom (AD(H)S) auftreten, leiden nur wenige Zappelphilippe tatsächlich an dieser Erkrankung. Oft sind die Symptome nur teilweise vorhanden oder weniger stark ausgeprägt, so dass verschreibungspflichtige Medikamente nicht oder nur selten erforderlich sind – Hilfe und Unterstützung für Zappelphilipp und seine Familie sind aber trotzdem notwendig und möglich.”

Hilfe und Unterstützung – das ist im Grundsatz natürlich richtig, wirft jedoch auch die Frage auf, warum ein Kind, welches keine Erkrankung hat, ein Medikament benötigt? Wir begegnen hier einmal mehr dem Effekt, dass die Gabe von Homöopathika für “alles und jedes” eine eventuell lebenslang wirksame Konditionierung auf die Einnahme von Medikamenten bedingt. Dies widerspricht zudem klar der homöopathischen Methode, die sich als Arzneimittellehre versteht, die (nur) im Falle einer bestehenden Erkrankung interveniert; die Gabe eines Mittels an einen Gesunden würde nach der homöopathischen Lehre Krankheitssymptome auslösen. Aus diesem Grunde ist die Verwendung von Homöopathika zur Vorbeugung, „Hilfe“ und „Unterstützung“ selbst nach ihren eigenen Grundannahmen ungeeignet.

Nachdem der Hersteller DHU mit “Mama Natura” eine neue Dachmarke erzeugt hatte, wurde die Indikation für Zappelin vorsichtiger formuliert, eine Verhaltensbeschreibung fehlt jetzt:

„Zappelin® ist ein homöopathisches Arzneimittel zur Behandlung von nervösen Störungen mit Unruhe. Die homöopathische Zusammensetzung aus vier aufeinander abgestimmten Inhaltsstoffen reguliert auf sanfte und natürliche Weise den kindlichen Organismus und unterstützt so die Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts bei Überaktivität, Impulsivität, Unaufmerksamkeit und Schlafstörungen.”

Interessant an der Dachmarke “Mama Natura” ist die Tatsache, dass das Marketing für die Medikamente der Serie explizit auf die Nutzung bei Kindern ausgelegt ist. In der Regel für “Symptome” die den Alltag vieler Eltern begleiten: Blähungen, Zähne bekommen, Schlafprobleme und ähnliches. Die Frage sei erlaubt, was wir davon halten würden, wenn Schlafmittel aus dem Repertoire der pharmazeutischen Medizin aktiv für den Gebrauch bei Säuglingen und Kleinkindern beworben würden. So etwas lässt man nur Unternehmen durchgehen, die “sanfte” Medizin herstellen. Dabei überschreiten diese wohlweislich nie die Grenze, nach der laut Heilmittelwerbegesetz die direkte Ausrichtung von Medikamentenwerbung auf Kinder unter 14 Jahren verboten und mit Bußgeld bewehrt ist (mehr zu diesem Thema hier).

Eine spezifische Wirkung auf die ADS/ADHS-Symptomatik durch ein solches homöopathisches Komplexmittel (das in mehrfacher Hinsicht der homöopathischen Lehre widerspricht) ist aus den Gründen, die auf dieser Webseite vielfach dargelegt sind, nicht zu erwarten. Mehr zur Nachweislage hier.

Homöopathie #2: “Klassische” Homöopathie und Symptomverdrehung

Einzelne Homöopathen empfehlen die Behandlung mit klassischer Homöopathie. Die “klassische” Homöopathie beschränkt sich auf die ursprünglichen Ansätze der Hahnemannschen Lehre. Sie lehnt Komplexmittel ab und verabreicht  immer nur ein einzelnes Homöopathikum  zur selben Zeit. Außerdem ist Kern der klassischen Homöopathie die “individuelle” Verordnung von homöopathischen Mitteln abhängig von der individuellen Symptomatik, die in einer homöopathischen Anamnese erhoben wird. Der – von Fall zu Fall unterschiedliche – Wirkstoff wird dann durch Repertorisierung, das Suchen nach dem auf die Gesamtsymptomatik “passenden” Mittel in den homöopathischen Materiae medicae, festgelegt. Sie fragen sich, wie die Anwendung eines “homöopathischen Komplexmittels” aus der Apotheke einerseits sich mit einer “individuellen Behandlung” nach den Methoden der klassischen Homöopathie durch einen homöopathischen Therapeuten andererseits sich miteinander vereinbaren lassen? Das fragen Sie zu Recht.

Auch bei diesem Behandlungsansatz verläuft ein gravierender Bruch zwischen dem Verständnis der Behandlung mit Rücksicht auf die wahrscheinliichen Ursachen, wie sie derzeit die wissenschaftlich fundierte Medizin befürwortet und der Art, wie homöopathisch-symptombezogen  vorgegangen wird.

Die wissenschaftliche Medizin geht von einem bestimmten, differenzialdiagnostisch gesicherten Krankheitsbild aus, einer Erkrankung, die sich grundsätzlich (in den Kernmerkmalen) bei allen Betroffenen gleich manifestiert. Das Krankheitsbild einer ADS/ADHS ist im wissenschaftlichen Konsens definiert und in den Diagnosemerkmalen international festgelegt (ICD-10 Index). Insofern ist auch die Therapieempfehlung der evidenzbasierten Medizin einheitlich, variabel im Großen und Ganzen nur im Hinblick auf die Stärke des Krankheitsbildes. Die klassische Homöopathie basiert dagegen gar nicht auf dem Vorhandensein einer “Krankheit”. Sie knüpft an die individuelle Einzelsymptomatik an, kommt also schon bei unterschiedlicher Gewichtung der Einzelsymptome zu einer anderen homöopathischen Mittelgabe (in der vielfach angeführten Studie Frei et al. ist in der Tat die “individuelle” Mittelgabe ein beherrschender Aspekt).

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass durch das System der homöopathischen Anamnese, das grundsätzlich keine Unterschiede bei den individuell berichteten Symptomen macht, und seien sie noch so banal – bei der  klassischen Homöopathie das Symptomenbündel nach ICD-10 stark erweitert wird. Dies muss zwangsläufig dazu führen, dass das Bild der AD(H)S vom klassischen Homöopathen sehr viel weiter gefasst wird als von der evidenzbasierten Medizin – es “verschwimmt”. Infolgedessen gibt es in der Literatur auch ein “Therapiekonzept”, das auf dieser erweiterten Definition des AD(H)S-Symptomenkomplexes beruht.

Heiner Frei, der an einigen Studien zur Behandlung von AD(H)S mit Homöopathie beteiligt war, hat ein Buch herausgebracht, in dem er ein solches “Therapiekonzept” vorstellt.

Als Hauptkritik hieran muss gelten, dass – wie schon bei der Erörterung des Komplexmittels dargelegt – die Homöopathen dazu neigen, normale Ereignisse und Lebensäußerungen zu pathologisieren – sprich, eine Behandlungsbedürftigkeit zu erkennen, wo es keine gibt. Eine zwangsläufige Folge des allein an Symptomen ausgerichteten homöopathischen Konzepts.

Die Symptome des homöopathischen Therapiekonzepts gehen weit über die relevanten Symptome einer manifesten Erkrankung hinaus. So gebe es Frühzeichen, die angeblich auf eine Prädisposition eines ADS/ADHS hinweisen sollen, zum Beispiel “vermehrte Kindsbewegungen in der Schwangerschaft”. Für das Säuglingsalter, also eine Phase, in der noch gar keine Fachdiagnose  gestellt werden kann, werden folgende Symptome genannt: “Unruhe oder Passivität, unstillbares Schreien (3-Monats-Koliken), Schreckhaftigkeit, Irritierbarkeit, Abneigung gegen Berührung, Abwehr von Körperkontakt, Schlafstörungen (verspätete Entwicklung des Zirkadianrythmus), Ernährungsschwierigkeiten (schlechtes Trinken, Verweigerung fester Nahrung)”.

Ganz im Gegensatz zu den Bemühungen der evidenzbasierten Medizin, die Merkmale gerade einer psychischen Erkrankung als Voraussetzung für Diagnose und Therapie möglichst eindeutig abzugrenzen, wären durch eine solche Ausweitung der Symptomatik aus Sicht der Homöopathen nahezu bei jedem Kind „Frühsymptome“ einer ADS/ADHS feststellbar. Dabei bleibt es aber nicht, denn es folgen dann auch für die Betroffenen ab dem Diagnosealter weitere als unspezifisch einzuordnende Symptome: “Überspringen von Entwicklungsschritten, z.B. Auslassen des Krabbelns, direkter Übergang vom Sitzen zum Stehen, verzögerte psychomotorische Entwicklung, verzögerte Sprachentwicklung, auffälliger Muskeltonus (Hypotonie oder Hypertonie)”.

Sehr typisch für die Homöopathie ist, dass man nicht auf eine definierte Krankheit reflektiert, sondern auf eine mehr oder weniger beliebige Symptomenwelt abhebt. Ein Bruch mit der eigenen Methode liegt allerdings darin, dass diese Symptome nicht etwa durch eine Arzneimittelprüfung am Gesunden festgestellt werden (was eine zentrale Grundvoraussetzung für die homöopathische Mittelfindung ist), sondern in diesem Fall auf einer rein gedanklichen Konstruktion beruhen. Hier ist also nicht nur ein grundsätzlicher Dissens mit den Definitionen der evidenzbasierten Medizin festzustellen, vielmehr besteht ein solcher Dissens auch gegenüber der Grundannahmen der homöopathischen Methode selbst – einmal mehr.

Bezeichnend ist, dass das Therapiemodell der klassischen Homöopathie demgemäß auch nicht die konsequente Anwendung der homöopathischen Arzneimittellehre favorisiert, sondern aus einer Mehrzahl therapeutischer Ansätze, die teilweise ihrerseits pseudomedizinischen Charakter haben (wie z. B. die von Jean Ayres entwickeltee “sensorische Integration”, die auch die Annahme der durch die Erkrankung verursachten “Entwicklungsschritte” kennt).

Insofern hat die homöopathische Symptombeschreibung und Mittelfindung wenig bis nichts mit der wissenschaftlichen Diagnostik und Therapiefestlegung bei ADS/ADHS zu tun. Die homöopathische Mittelwahl zieht Symptome heran, die bei der fachlich korrekten Behandlung keine oder eine eher untergeordnete Rolle spielen. Insofern unterliegt die homöopathische Therapie der ADS/ADHS dem gleichen Grundirrtum wie die Homöopathie im Allgemeinen: Sie setzt ein Symptombündel an die Stelle der Diagnose einer Erkrankung. Zudem kein durch Arzneimittelprüfung am Gesunden gefundenes, sondern ein erdachtes.

In der psychiatrischen Behandlung von Menschen wird (wie in allen empirischen Wissenschaften) dagegen versucht, die Symptome möglichst objektiv und wertfrei zu beschreiben. In der psychologischen und psychiatrischen Forschung werden viele Ressourcen darauf verwendet, herauszufinden, welche Symptome bei einer Erkrankung vorliegen (Gesamtsymptomatik, häufig verlaufsabhängig), welche sie als Erkrankung “im Kern” ausmachen (Leitsymptome) und es wird versucht, beides objektivierbar (messbar und beschreibbar) zu machen. Das ist zwar nicht so eindeutig wie in vielen Naturwissenschaften oder anderen Bereichen der Medizin; ohne diese Bemühungen wäre es aber nicht möglich, eine belastbare Ätiologie, eine Entstehungs- und Verlaufslehre psychischer Erkrankungen, zu entwickeln.

Diese Bemühungen beruhen aber eben nicht auf dem willkürlichen individuellen Erleben einzelner Menschen; es gibt im Einzelfall viel zu viele Einzelfaktoren, die die wirklich wesentlichen Faktoren überlagern. Die Symptome, die das klinische Erscheinungsbild nach herrschender Meinung prägen, basieren auf einer breiten empirischen Basis. Es liegt daher nahe, sich bei Diagnose und Behandlung auf die so gewonnenen Symptome und die gesicherten Therapieerfahrungen dazu zu konzentrieren und nicht auf eine Pseudo-Individualität, wie sie durchweg Merkmal der Homöopathie ist.

Kommt dann noch hinzu, dass die Homöopathen einzelne, wenig relevante Symptome, z. B. die Verbesserung der Handschrift, in den Vordergrund ihrer Behandlung stellen – wie sie es gern unter Berufung auf die „Hering’sche Regel“ tun (der Körper heilt von oben nach unten, von innen nach außen, von peripher zu Organ) -, stellt sich im Grunde schon die Frage nach der ethischen Rechtfertigung eines solchen Vorgehens in Anbetracht des Leidensdrucks.

Fazit zur homöopathischen Behandlung von ADS/ADHS

Wie bei alledem nicht anders zu erwarten, kann die homöopathische Behandlung von ADS/ADHS keine nachweisbare Wirkung für sich beanspruchen. Die Cochrane Collaboration urteilte 2007 aufgrund einer Metaanalyse der vorliegenden Studien über die homöopathische Behandlung von ADS/ADHS, dass Homöopathie bisher keinen Behandlungseffekt auf die ADS/ADHS-Symptomatik zeigen konnte (Coulter u. Dean 2007; nach dem Fazit in: Praxishandbuch ADHS, Kahl, Puls et.al., Thieme Verlag, S. 70).

Bitte lassen Sie also unbedingt einen qualifizierten Facharzt beurteilen, was Ihrem Kind am besten helfen kann.


Mehr zum Thema ungekennzeichnete Werbung für Homöopathika hier.

Mehr zur “Frei-Studie” hier.

Mehr mit Schwerpunkt “Zappelin” auf unserer Familienseite hier.

Mehr zu ADS/ADHS hier.

Die Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zur Behandlung von ADS/ADHS finden Sie hier. Man beachte, welch vergleichsweise geringen Umfang darin die Medikation (“Pharmakologische Interventionen”)  einnimmt.


Autor: Dr. Jan Oude-Aost ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie


Bildnachweise: PublicDomainPictures (1) und Freepictures (2) bei Pixabay

Offener Brief des INH und des Wissenschaftsrats der GWUP zur “Ringvorlesung Homöopathie” der LMU München

In einer aktuellen Veröffentlichung bewirbt die Ludwig-Maximilians-Universität München eine Veranstaltungsreihe (Ringvorlesung) im Wintersemester 2016/17 zum Thema “Homöopathie: Von der Theorie zur Praxis – Mit Praxisbeispielen und Patientenvorstellungen”. Dabei handelt es sich, wie ein Blick in die Ankündigung zeigt, um eine Reihe von Vorträgen, die den “homöopathischen Ansatz” bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern vorstellen will.

Wir halten es für verfehlt, durch eine solche Veranstaltung der homöopathischen Methode zu akademischem Ansehen zu verhelfen, nachdem dies eigentlich längst als obsolet angesehen werden müsste:

  • 1939: Die von August Bier, einem seinerzeit führenden Homöopathen, durchgesetzte Einrichtung einer homöopathischen Fakultät an der Universität Berlin wird rückgängig gemacht – ausdrücklich wegen “Ergebnislosigkeit”.
  • 1958: Die gleiche Universität wehrt sich mit deutlichen Worten gegen den Versuch, diesen Lehrstuhl wieder aufleben zu lassen.
  • 1992: Die medizinische Fakultät der Universität Marburg weist in einer deutlichen Erklärung jede Relevanz der Homöopathie für den Wissenschaftsbetrieb zurück und verwahrt sich gegen ministerielle Bemühungen, Homöopathie in die Lehre einzubeziehen.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als befremdlich, dass die LMU den Lobbyisten vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte eine Plattform bietet, zumal diese mit Lehre und Forschung, den Grundaufgaben jeder Universität, offenbar wenig bis nichts zu tun hat. Leider. Denn wir sind durchaus der Ansicht, dass richtig verstandene Lehre auch in Bezug auf die Homöopathie an einer Universität Platz finden könnte, ja sogar müsste.
Lehren! Das würde für die Homöopathie bedeuten, sie im medizinhistorischen Kontext zu vermitteln, ihre Widersprüchlichkeiten und Unverträglichkeiten mit naturgesetzlichen Gegebenheiten zu erörtern und den fehlenden Wirkungsnachweis und die sogenannte Grundlagenforschung zur Homöopathie vorzustellen und zu diskutieren. Das wäre im Hinblick darauf zu begrüßen, dass angehende Mediziner dann auch auf diesem Gebiet mit solidem Wissen und nicht mit einem Bündel von nicht hinterfragten Vorurteilen ins Berufsleben starten.

Davon ist in der Ankündigung der LMU allerdings nichts zu finden. Stattdessen besteht die Ringvorlesung aus einer Abfolge von Veranstaltungen, in denen die “homöopathischen Ansätze” bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern präsentiert werden. Dabei reicht die Palette von einfachen selbstlimitierenden Erkrankungen wie Sinusitis bis hin zu schwersten Erkrankungen, sogar bis in den palliativmedizinischen Bereich. Die angekündigte Eingangsvorlesung “Geschichte und Philosophie der Medizin: Samuel Hahnemanns Begründung einer rationalen Heilkunde” wird wohl auch kaum zu einer methodenkritischen Einführung in die nachfolgenden Vorlesungen gedacht sein. So sind die angekündigten “Praxisbeispiele und Patientenvorstellungen” kein positives Merkmal, sondern bieten nur wieder die Möglichkeit, Homöopathie als “Erfahrungsmedizin” darzustellen.

Wir meinen:

  • Diese unkritische Behandlung der Homöopathie hat an einer wissenschaftlichen Fakultät nichts zu suchen.
  • Es ist mit dem Auftrag zu Forschung und Lehre unvereinbar, einer von der überwältigenden Mehrheit der weltweiten Forschungsgemeinde als spezifisch arzneilich unwirksam eingestuften Methode eine oberflächlich-werbende Darstellung zu geben.
  • Es wäre allenfalls geboten, die Homöopathie gut wissenschaftlich im Sinne einer Erörterung und Falsifikation ihrer Annahmen zu behandeln.
  • Das aktuelle Vorgehen entspricht nicht der Verantwortung der Hochschule gegenüber Studierenden und Patienten.

Unterzeichner:

Für das INH

Dr. Norbert Aust
Udo Endruscheit (Verfasser)
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Dr. Natalie Grams
Amardeo Sarma
Prof. Dr. Norbert Schmacke

Für den Wissenschaftsrat der GWUP

Prof. Dr. Michael Bach
Prof. Dr. Dr. Ulrich Berger
Lydia Benecke
Prof. Dr. Peter Brugger
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Prof. Dr. Dittmar Graf
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Wolfgang Hell
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann
Prof. Dr. Johannes Köbberling
Prof. Dr. Walter Krämer
Prof. Dr. Martin Lambeck
Dr. Rainer Rosenzweig
Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer
Dr. Barbro Walker
Dr. Christian Weymayr
Dr. habil. Rainer Wolf


Weitere aktuelle Stellungnahmen:

Blogbeitrag bei Edzard Ernst (auf Englisch) hier

Kritischer Kommentar von Wissenschaftsjournalist Werner Bartens in der Südeutschen Zeitung hier

Interessanter älterer Beitrag zur Homöopathie an der LMU auch im Laborjournal hier


Bildnachweis: Fotolia_90994398_XS

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